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Der Engel vom westlichen Fenster

Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
titleDer Engel vom westlichen Fenster
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Mller
addressMnchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages5-523
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1927
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Seit einer Stunde sitze ich nun an meinem Schreibtisch und halte das letzte Blatt aus John Dees Diarium in der Hand. – Ich habe das Schloß in Mortlake brennen sehen, als hätte ich davor gestanden. So lebendig kann nicht ein Bild sein, das beim Lesen entsteht!

Mehrmals, einem jähen Wunschantrieb gehorsam, habe ich in die Schublade gegriffen, in der die Bündel aus Vetter Rogers Nachlaß liegen, immer wieder ist dabei mein Arm wie gelähmt herabgefallen, und ich finde den Entschluß nicht, nach neuen Papieren zu fassen, die mir weitere Aufklärungen versprechen. Neue Aufklärung? Wozu? Neue Moderwolken soll ich aufrühren? Vergangenheit ausgraben? Wo doch alles in hellste Gegenwart für mich gerückt ist? In eine blendende Helle, die mich fast betäubt! – Viel besser, ich nütze diese seltsame, diese ungeheure Stille der Stunde, die mich umfängt; mir ist, als säße ich, abgeschieden von aller Welt und doch nicht allein, in meiner Arbeitsstube, – als säße ich irgendwo im leeren Weltraum und außerhalb der menschlichen Zeit – –.

Es gibt keinen Zweifel mehr für mich: John Dee, mein ferner Ahnherr, lebt! Er ist gegenwärtig, er ist hier, hier in diesem Zimmer, hier neben meinem Stuhl, neben mir – – vielleicht in mir! – Ich will es hart und unzweideutig aussprechen: es ist sehr wahrscheinlich, daß – daß ich John Dee bin! ... Vielleicht immer gewesen bin! Gewesen bin seit je, ohne es gewußt zu haben! – – Wie das möglich ist, was kümmert es mich?! Genügt es nicht, daß ich es mit unbeschreiblicher Klarheit und Schärfe fühle?! Übrigens gibt es doch beliebig viele Gründe und Beispiele aus allen möglichen Gebieten der Wissenschaft unserer Tage, die das, was ich erlebe, belegen, erklären, rubrizieren, mit gelehrten Namen bezeichnen. Man spricht von Persönlichkeitsspaltung, von Doppelbewußtsein, von Schizophrenie, von parapsychologischen Phänomenen aller Art – einerlei, was sonst noch! Lächerlicherweise bemühen sich um solche Dinge besonders die Irrenärzte, die unbelehrbar für verrückt halten, was nicht im dürren Felder ihrer Ignoranz wächst.

Ich stelle zur Vorsicht vor mir selber fest, daß ich mich geistig vollkommen gesund fühle. Aber genug mit solchen Verwahrungen vor mir selbst und den abwesenden, mir übrigens höllisch gleichgültigen Psychiatern und siebengescheiten menschlichen Maulwürfen.

Also: John Dee ist keineswegs tot; er ist eine – sagen wir der Kürze wegen: eine jenseitige Persönlichkeit, die mit deutlich gesetzten Wünschen und Zielen weiter wirkt und weiter sich zu verwirklichen strebt. Die geheimnisvollen Bahnen des Blutes mögen die "guten Leiter" dieser Lebenskraft sein; immerhin: das ist Nebensache. – Nehme ich an, der unsterbliche Teil John Dees kreise in dieser Bahn wie der elektrische Strom im Metalldraht, dann bin ich eben das Ende dieses Kupferdrahtes, und der elektrische Strom "John Dee" staut sich an der Mündung dieses Drahtes mit seinem ganzen Jenseitsbewußtsein. – Ach, wie gleichgültig das alles ist! Tausend Erklärungen sind möglich, und doch ersetzt mir keine die furchtbare Klarheit meines Erlebens! – – Mein ist die Mission. Mein ist das Ziel und die Krone und die Verwirklichung des Baphomet! Wenn ich – würdig bin! Wenn ich standhalte! Wenn ich reif bin. – – Auf mir, dem Letzten, ruht Erfüllung oder Scheitern in Ewigkeit!

Ich fühle die Verheißung auf meinen Scheitel niederbrennen, genau so wie den Fluch. Ich weiß alles und bin bereit. Ich habe viel gelernt, John Dee, aus den geweihten und gefeiten Büchern, die du dir zu deiner eigenen Wiedererinnerung niedergeschrieben hast! ich bestätige dir, edler Geist meines Blutes, daß ich wieder erinnere! – Somit liegt deine Sache in guter Hand, John, und du bist "ich" mit meinem freien Entschluß! – – –

Bartlett Green hat es kaum mehr erwarten können, mich zu mir selbst erwacht zu finden! Er hat schon neulich hinter meinem Schreibtisch gestanden in dem Glauben, die mystische Einung zwischen seinem Opfer John Dee und mir bereits vollzogen. Das war dumm von dir, Bartlett Green! Du hast das Böse gewollt und fürs Gute gearbeitet, wie ihr immer tut, ihr dummen Teufel von der linken Hand! – Du hast mein Erwachen nur beschleunigt, Bartlett Green, und meine Augen geöffnet und geschärft für den Anblick deiner uralten Herrin aus Schottland und dem Abgrund des schwarzen Kosmos! – Die Katzengöttin, die schwarze Isaïs, die Lady Sissy, die edle Fürstin Assja Chotokalungin – sie, die ewig Gleiche, sei mir willkommen! Ich kenne sie. Ich kenne ihren Weg durch die Zeitlosigkeit der Stunde, da sie sich zum Sukkubus meines unglücklichen Ahnherrn machte, bis zu dem Tag, wo sie hier neben mir saß und mich um die Lanzenspitze bat. – Es war eine magische Suggestion von ihr, die ich nicht verstehen sollte, eben weil sie mir geheim blieb. Das Weibliche in mir, das noch schlummernde Ferne, die königliche "Elisabeth", kann sie nicht zerstören, weil die magische Kraft nicht vernichtet werden kann, solange sie nicht Gegenwart geworden ist, aber das wirkend verkörperte Männliche, das möchte sie an sich reißen, um die kommende "Chymische Hochzeit" zu hintertreiben! – Wir werden, so denk ich, abrechnen miteinander! – –

Freund Lipotin hat sich bereit erklärt, als ich ihn noch nicht verstand. Er nannte sich den Abkömmling des "Magisters des Zaren". Er nannte sich, wenn auch verschleiert: Mascee. Gut, ich will ihm einstweilen glauben, er sei Mascee.

Und mein ertrunkener Freund Gärtner? Ich werde den grünen Spiegel befragen, der da als Geschenk Lipotins vor mir steht, und ich weiß, Theodor Gärtner wird lächeln aus dem Spiegel und sich eine Zigarre in den Mund stecken, die Beine gemütlich übereinanderschlagen und sagen: "Kennst du mich denn gar nicht mehr, old John? Mich, deinen Freund Gardener, deinen Laboranten? Deinen Warner? Ach, leider deinen vergeblichen Warner? Aber, nicht wahr, heute kennen wir uns, und jetzt wirst du besser auf meine Ratschläge hören?!"

Fehlt nur noch Edward Kelley, der Scharlatan mit den abgeschnittenen Ohren, der Verführer, das Medium, – jener Mensch aus John Dees Tagen, der heute in unserm Jahrhundert zum tausendfältigen Krebsgeschwür geworden ist, das wächst und wächst, trotzdem es kein Ich mehr hat. Das Medium! die Brücke zum Jenseits der schwarzen Isaïs! –

Ich bin gespannt, wann dieser Kelley in mein Leben tritt und mir seine Reverenz macht, damit ich ihm die Zeitmaske vom Gesicht reißen kann! – Ich bin auf alles gefaßt, Edward, erscheinst du mir nun als Gespenst auf Spiritistenart oder als Volksprophet und Landstreicher heute noch drunten auf der Gasse!

Bleibt nur: Elisabeth! – – –

Ich gestehe, daß mich ein Zittern ergreift und ich nicht niederzuschreiben vermag, was der Kopf zu denken versucht.

Nebel und Aufruhr verdecken mir die Aussicht. Wie ich mich auch anstrenge: meine Gedanken und Vorstellungen verwirren sich in mir auf eine seltsame Weise, wenn ich "Elisabeth" denken will. – – –

So weit war ich in meinen teils zuversichtlichen, teils zweifelnden Überlegungen gekommen, da ließ mich ein heftiger Wortwechsel aufschrecken, der sich draußen vor der Flurtür erhoben zu haben schien und bald immer lauter gegen mein Zimmer heranzog.

Dann erkannte ich die scharf gegeneinander streitenden Stimmen, die kurz und befehlend, wie schneidende Hiebe niederfallender Ausrufe der Fürstin Chotokalungin, und der sanftere Tonfall der darunter nicht minder hartnäckigen Einwände meiner Hausdame: der gewissenhaft nach meinem Auftrag verfahrenden Frau Fromm.

Ich sprang auf: die Fürstin in meiner Wohnung! – Sie, die mich noch vor kurzem durch Lipotin hatte wissen lassen, daß sie endlich meinen Gegenbesuch erwarte. – Was sage ich: Fürstin Chotokalungin! Nein: die Dämonin der grauenvoll nächtlichen Taighearm-Riten, die Feindin von Anbeginn, die "Lady Sissy" meines Vetters John Roger, das Weib aus dem abnehmenden Mond; sie wiederholt den Angriff!

Eine wilde, nervendurchbebende Freude loderte mit greller Flamme in mir hoch: willkommen, willkommen zu deiner nahen, schmählichen Niederlage, Weibsgespenst! – Ich bin in Stimmung! Ich bin bereit! –

Und ich eilte mit ein paar raschen Schritten zur Tür, riß sie auf und rief mit zu möglichst freundlichem Vorwurf gebändigter Stimme hinaus:

"Nicht doch, Frau Fromm! Lassen Sie die Dame ruhig bei mir eintreten. Ich habe mich anders besonnen! Ich bin sehr gern bereit, sie zu empfangen! Ich bitte ..."

Dicht an der erstarrten Frau Fromm vorüber rauschte die Fürstin auf mich zu, hochatmend und ihrerseits nicht ohne hörbare Miene die erlittene Erregung gewandt umbiegend zu freundlichem spöttischem Willkomm:

"Ich bin geradezu erstaunt, lieber Freund, Sie so strenge von der Außenwelt abgeschieden zu sehen! Büßer oder Heiliger, jedenfalls sollten Sie mit einer Freundin eine Ausnahme machen, die Sehnsucht spürt, Sie wiederzusehen! Nicht wahr?"

Ich gab Frau Fromm, die immer noch starren Blicks und kaum atmend gegen die Wand des Flurs gelehnt stand, – von innen heraus frierend, wie es schien, denn ich sah das fliegende Beben immer neu über ihrem Körper laufen, – ein beruhigendes Zeichen und ließ die Fürstin mit einladender Gebärde an mir vorbei in mein Studierzimmer eintreten. In dem Augenblick, als ich die Tür hinter mir zuziehen wollte, sah ich noch Frau Fromm die Hände in jäher Bewegung gegen mich erheben. Ich nickte ihr nochmals zu, und mein Lächeln sollte sie verständigen, daß sie unbesorgt bleiben dürfe.

Dann saß ich der Fürstin Chotokalungin gegenüber.

Sie sprudelte ein Gewirr von liebenswürdigen Vorwürfen, daß ich ihre Hartnäckigkeit damals gewiß mißdeutet, sie darum gemieden und mein Versprechen, sie zu besuchen, aus diesem Grunde nicht gehalten hätte, hervor. – Es war schwer, zu Wort zu kommen. Ich wehrte ihren schmeichlerischen Reden mit einer eben noch höflichen, kurz abschneidenden Bewegung der Hand. Einen Augenblick wurde es still im Raum.

"Panthergeruch" – stellte ich insgeheim wieder fest. Das Parfüm der Fürstin kitzelte mir die Nerven. Ich strich mir den leise aufsteigenden Taumel von der Stirn; dann begann ich:

"Sehr verehrte Fürstin, Ihr Besuch ist mir, ich wiederhole, ungemein willkommen. Ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß ich mir noch heute die Ehre gegeben hätte, Sie aufzusuchen, wenn Sie nicht selbst gekommen wären." – Es macht mir Spaß, eine kurze Pause einzulegen und zu beobachten. Ich sah indes nur, wie die angebliche Fürstin sich koketten Dankes gegen mich verneigte und mit einem Lächeln stumm antwortete. Aus einem plötzlichen Gefühl heraus ergriff mich ein Trieb, sie zu überrumpeln; ich fuhr deshalb rasch fort:

"Es drängt mich nämlich, Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Wünsche, die Sie inbetreff meiner Person hegen, inzwischen verstehen gelernt habe, – daß ich Ihre Motive durchschaue ..."

"Wie mich das freut!" unterbrach mich die Fürstin mit impulsivem Zwischenruf, – "wie außerordentlich mich das freut!"

Ich gab mir alle Mühe, mein Gesicht unbewegt zu zeigen: ich achtete nicht auf den Einwurf, faßte ihr lächelndes, wirklich verführerisch lächelndes Antlitz kalt und scharf ins Auge und sagte:

"Ich kenne Sie."

Sie nickte erwartungsvoll, hastig, wie von angenehmstem Staunen erregt.

"Sie nennen sich Fürstin Chotokalungin", fuhr ich fort, "Sie besitzen oder besaßen – das ist ja einerlei – ein Schloß in Jekaterinodar."

Wieder ein ungeduldiges Nicken.

"Besitzen oder besaßen Sie nicht auch ein Schloß in Schottland? Oder sonstwo in England?!"

Die Fürstin schüttelte befremdend den Kopf.

"Wie kommen Sie darauf? Meine Familie hat nicht die geringsten Beziehungen zu England."

Ich lächelte kalt.

"Ist das so gewiß, Lady – – Sissy?"

Nun hatte ich meinen Panthersprung getan und zitterte innerlich vor Erwartung, was sich begeben würde. Aber mein schönes Gegenüber hatte sich offenbar mehr in der Gewalt, als ich erwartet hatte. Sie lachte mir, sichtlich belustigt, ins Gesicht und fragte:

"Wie amüsant! Sehe ich einer englischen Frau Ihrer Bekanntschaft so ähnlich? Man sagt von mir sonst gerne, – ich weiß nicht, ob um mir zu schmeicheln, – meine Gesichtszüge seien unverwechselt und von rein kaukasischem Schnitt! Das sind doch nicht die Züge einer Schottin?"

"Möglich, daß die Schmeicheleien meines armen Vetters Rogers so geklungen haben, Gnädigste", – – eigentlich wollte ich sie anreden: "gnädigste Herrin der schwarzen Katzen", aber beim Aussprechen schob sich mir ein Widerstand dagegen unter meine Zunge und so ließ ich es bei dem andern Sinn des Wortes "Gnädigste" bewenden – "ich meinerseits gestatte mir, Ihre Gesichtszüge nicht so sehr kaukasisch als satanisch zu finden. Hoffentlich kränkt Sie das nicht?"

Die Fürstin kippte fast hintenüber vor Heiterkeit, und ihre geschmeidige Stimme perlte ganze Kadenzen von Lachtrillern heraus. Dann aber hielt sie inne, wie von plötzlicher Neugier ergriffen, ein und beugte sich mit der Frage vor:

"Nun bin ich aber wirklich gespannt zu hören, mein Freund, wozu mir alle diese kapriziösen Komplimente gemacht werden."

"Komplimente?"

"Aber ja! Es sind doch Schmeicheleien von ganz besonderer Wahl! Englische Lady! Satanische Physiognomie! Alles das sind interessante Details, deren ich mich nie für würdig erachtet hätte."

Es wurde mir langweilig, dieses Wortgeplänkel. Die Spannung riß in mir wie ein überstraffendes Seil. Ich brach los:

"Genug, Fürstin, oder wie Sie sich sonst genannt wünschen! Fürstin der Hölle auf jeden Fall! Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie kenne, hören Sie? Daß ich Sie kenne! – Die schwarze Isaïs kann Kleid und Namen tauschen, wie sie mag; mir, mir, John Dee, hat sie keine Maske mehr zu bieten!" – ich sprang auf – "die 'Chymische Hochzeit' werden Sie nicht hintertreiben!"

Die Fürstin war langsam aufgestanden; ich lehnte ihr gegenüber am Schreibtisch und blickte ihr fest ins Gesicht.

Aber nichts von dem, was ich erwartet hatte, trat ein.

Mein beschwörender Blick vermochte den Dämon nicht zu bannen oder ihn zum Weichen zu bringen, ihn in Rauch aufzulösen oder wie immer ich mir die Wirkung meiner Rede in der Hitze des Augenblicks vorgestellt hatte. Nichts von alledem geschah; die Fürstin maß mich vielmehr mit einem unsagbar hoheitsvollen und abweisendem Blick, in dem doch der kaum versteckte Spott lauerte, und sagte nach einigem Zögern:

"Ich bin nicht ganz vertraut mit den seltsamsten Umgangsformen, die hierzulande uns russischen Vertriebenen gegenüber beliebt sind; ich bin darum ein wenig unsicher, ob Ihre sehr sonderbaren Worte nicht dem Ausdruck einer mir nicht erklärlichen Gestörtheit Ihres seelischen Wohlbefindens entspringen. Bei uns, wo die Sitten oft rauh scheinen, empfangen die Männer Damen nicht, wenn – – sie zuviel getrunken haben."

Ich stand da wie mit Wasser übergossen und keines Wortes mächtig. Mein Gesicht wurde heiß. Wider meinen Willen zwang mich gleichsam die Gewohnheit der anerzogenen Höflichkeit gegen das andere Geschlecht, daß ich stammelte:

"Ich möchte, Sie verstünden mich ..."

"Ungezogenheiten sind immer schwer zu verstehen, mein Herr!"

Ein verrückter Gedanke durchzuckte mich. Blitzschnell beugte ich mich vor und faßte nach der schmalen, aber energisch auf den Schreibtischrand gestützten Hand der Fürstin. Ich riß sie an mich, spürte unter meinem Zugriff die nervige Beschaffenheit dieser Zügel und Sportgeräte gewöhnten Hand und rührte sie dann, wie Verzeihung erbittend, zum Mund. Sie war geschmeidig und von normaler Wärme, duftete zart nach dem unbegreiflich animalisch erregenden Parfüm, das die Fürstin an sich hat; aber sonst war an ihr weder etwas Gespenstisches noch etwas Dämonisches wahrzunehmen. Die Fürstin entzog sie mir, um eine Sekunde verzögert, und hob sie, wie in halber Drohung und halbem Ernst, gegen mich.

"Es wäre angebracht, diese Hand zu anderem zu gebrauchen, als sie einem so launenhaften Gönner zu nichtssagenden Schmeicheleien zu überlassen", wetterleuchtete sie; der Schlag, den sie mir an die Wange gab, war auch von Fleisch und Sehnen, wenn auch noch so feinrassigen, erteilt.

Ich fühlte mich enttäuscht, leer, widerstandslos durch das Phantom eines eingebildeten Gegners hindurchgefahren und merkwürdig erschlafft von diesem vergeblichen Hieb in die Luft. Unsicherheit befiel und verwirrte mich vollends. Zugleich bebte in mir ein unerklärliches Gefühl nach, das mit der Berührung meiner Lippen und dem Handrücken der Fürstin irgendwie zusammenhing. Ein Schauer rätselhafter Anziehung – plötzlicher Angst: eine feiner, edler organisierte Natur als die meine gekränkt zu haben, überprickelte mir die Haut. Mit einem Male kam ich mir unsäglich albern vor, – konnte meinen vorigen Verdacht nicht mehr begreifen, fand ihn überspannt, ja geisteskrank, – verstand mich selber nicht mehr, kurz, ich muß eine ziemlich traurige und komische Figur in diesem mich überfallenden Zustand der Ratlosigkeit gemacht haben, denn die Fürstin lachte auf einmal spöttisch, doch nicht ohne hörbares Mitleid im Ton, sah mich von oben bis unten prüfend an und sagte:

"Ich bin bestraft für meine Zudringlichkeit. Das sehe ich ein. Also wollten wir uns gegenseitig keine weiteren Vorwürfe machen! Die Rechnung ist bezahlt, und in einem solchen Falle ist es angebracht, das Hotel zu verlassen."

Sie machte eine rasche, nicht mißzuverstehende Bewegung zur Tür. – Ich fuhr aus meiner Bewegung auf:

"Ich flehe Sie an, Fürstin! – Nur nicht so! Gehen Sie nicht im Zorn, nicht mit solcher Meinung von mir – von meinen Manieren!"

"Ein wenig verletzte Kavalierseitelkeit, mein werter Freund?" – sie lachte im Weiterschreiten – "das geht vorüber. Leben Sie wohl!"

Jetzt hielt ich mich nicht länger:

"Nur eine Sache noch, Fürstin, um Ihnen zu sagen, daß ich ein Tölpel, ein Unzurechnungsfähiger, kurz, ein kompletter Narr bin! Aber ... Sie bemerken, nicht wahr, ich bin weder ein Trinker noch ein berufsmäßiger Flegel ... Sie wissen ja nicht, was mit mir in den letzten Stunden vorgegangen ist, ... womit ich mich beschäftigt habe, – was alles in meinem Kopf zugemutet wird ..."

"Ich dachte es mir sogleich", antwortete die Fürstin mit echter Teilnahme, aus der gar kein Spott mehr herauszuhören war, –"es sind wirklich keine falschen und übertriebenen Vorstellungen, die man sich in der Welt von den deutschen Dichtern macht; sie erfüllen sich den Kopf mit weltfernen Gedanken und mit oft unverständlichen Träumereien! Sie sollten mehr an die Luft, teurer Freund! Reisen Sie! Zerstreuen Sie sich! ..."

"Schmerzlichste Einsicht zwingt mich, zuzugestehen, wie sehr Sie recht haben, Fürstin", fiel ich ein, und ich konnte meine Zunge nicht mehr im Zaum halten, – "ich wäre glücklich, wenn ich meinen ersten Erholungsurlaub von den Schreibtischgeschäften, die mir in der Tat über den Kopf zu wachsen drohen, dorthin lenken könnte, wo ich – vielleicht durch die schon einmal angebotene Vermittlung Lipotins – Gelegenheit und Gunst erhoffen dürfe, Sie wiederzusehen und Verzeihung für mein heutiges Betragen von Ihnen zu erlangen."

Die Fürstin hatte die Türklinke ergriffen, wandte sich mit einem langen Blick gegen mich, schien einen Moment zu zögern und seufzte dann mit einem gedehnten Scherzton, der aber irgendwie an das Gähnen einer großen Katze gemahnte:

"Meinetwegen also, und abgemacht. Und hoffentlich sehen Sie nun auch ein, daß Sie verpflichtet sind, einiges wieder gutzumachen ..."

Sie nickte mir spöttisch zu und war im nächsten Augenblick in einem erneuten Versuch, sie aufzuhalten, entglitten. Vor meiner Nase fiel die Tür ins Schloß, und bis ich mich besann, war es zu spät. Von der Straße herauf tönte ein Hupensignal.

Ich riß das Fenster auf und schaute dem Wagen nach.

Wenn schottische Teufelsdämonen, wenn die furchtbare Katzengöttin des Bartlett Green heutzutage in wundervollen modernen Lincolnlimousinen Besorgungen machen, so ist es wahrhaftig schwer, sich ihrem unholden Treiben zu entziehen, verspottete ich mich selbst.

Als ich das Fenster nachdenklich schloß und mich wieder ins Zimmer zurückwandte, stand Frau Fromm dort, wo vor einer Minute noch die Fürstin am Schreibtisch gelehnt hatte. Im ersten Augenblick erschrak ich beinahe, denn ich erkannte sie erst, nachdem ich einen Schritt auf sie zugetan hatte, so verändert in Ausdruck und Haltung kam sie mir vor. Sie stand da, stumm und regungslos und mit verfallenen Gesichtszügen, aber unverwandten Blicken jede meiner Bewegungen beobachtend und mit einer namenlosen Angst in den Augen bemüht, in meinem Gesicht zu lesen.

Ich unterdrückte rasch mein aufsteigendes Erstaunen über ihr Verhalten, erinnerte mich meiner eigenen widerspruchsvollen Anordnungen und schämte mich zugleich auch ein wenig – ich wußte im Grunde selbst nicht warum – vor dieser merkwürdig sympathischen Frau, in deren Nähe mir die Luft auf einmal wie gereinigt vorkam von ... Ich strich mir mit der Hand übers Gesicht: ein ganz leiser, erregender Duft von Wildparfüm – von dem sonderbaren Duft der Fürstin – haftete immer noch an meiner Haut.

Ich gab Frau Fromm eine Erklärung, die scherzhaft klingen sollte:

"Sie wundern sich, liebe Frau Fromm, über meine wankelmütigen Weisungen? Nehmen Sie mir das nicht übel. Eben meine Arbeit", – ich wies mit flüchtiger Handbewegung auf meinen Schreibtisch, und Frau Fromm folgte mit übertrieben genauem Blick dieser Bewegung – "meine Gedanken und Einfälle dabei sind die Ursache gewesen, daß mir der Besuch dieser Dame plötzlich willkommen war. Sie verstehen doch?"

"Ich verstehe vollkommen."

"Nun also, dann sehen Sie, daß es nicht launisch von mir war ..."

"Ich sehe nur das eine, daß Sie in großer Gefahr sind."

"Aber Frau Fromm!" – ich lachte, ein wenig unangenehm berührt von der harten, gar nicht auf meinen kordialen Ton eingehenden Sprache meiner Hausdame – "was bringt Sie auf solche überraschenden Vermutungen?"

"Keine Vermutungen, mein Herr. Es geht ... es geht um Ihr Leben!"

Ein Schauer überlief mich. Hatte Frau Fromm einen ihrer "Zustände"? Sah sie mit den Sinnen der Somnambulen? – Ich trat näher. Die Augen der blonden Frau folgten mir hartnäckig und hielten meinen Blick fest. Das war nicht der Gesichtsausdruck einer in Halbtrance befindlichen Person! – Ich nahm den leichten Ton wieder auf:

"Was denken Sie nur, Frau Fromm! Die Dame – es ist übrigens eine Fürstin Chotokalungin, eine landflüchtige kaukasische Russin und sicher mit dem beklagenswerten Schicksal aller dieser von den Bolschewisten Verfolgten und Vertriebenen – diese Dame, Frau Fromm, seien Sie unbesorgt, steht in keinerlei Beziehung zu mir, die – die ..."

"– – die sie beherrschen, mein Herr."

"Wieso?"

"Weil Sie die nicht kennen!"

"Kennen Sie die Fürstin?"

"Ich kenne sie!"

"Sie ... kennen die Fürstin Chotokalungin?! Das ist nun allerdings höchst interessant!"

"Ich kenne sie – nicht von Person – –"

"Sondern?"

"Ich kenne sie ... drüben. – Wo es grün ist, wenn ich dort bin. – Nicht wenn es hell ist, so wie sonst ..."

"Ich verstehe sie nicht recht, Frau Fromm. Was ist grün – drüben?"

"Ich nenne es das grüne Land. Manchmal bin ich dort. Es ist wie unter Wasser, und mein Atem steht still, wenn ich dort bin. Es ist tief unter Wasser, im Meer, und alles scheint in ein grünes Licht getaucht."

Das grüne Land!! – Ich hörte meine eigene Stimme wie ganz weit weg von mir. Es überschüttete mich mit der Wucht eines Katarakts, dieses Wort. Ich stand betäubt und wiederholte nur mehrmals: "Das grüne Land!" –

"Es kommt nichts Gutes von dort; das weiß ich immer, wenn ich drinnen bin", fuhr Frau Fromm fort, ohne den beinahe gleichgültigen, dennoch eigentümlich harten, fast drohenden Ton ihrer Stimme zu ändern, aus der Schüchternheit und verhaltene Angst zugleich hervorbebten.

Mit Gewalt schüttelte ich meine Betäubung ab und fragte wie ein sorgfältig beobachtender Arzt:

"Sagen Sie mir, was hat das 'grüne Land', das Sie manchmal sehen, mit der Fürstin Chotokalungin zu tun?"

"Sie hat dort einen anderen Namen."

Meine Spannung wurde unerträglich.

"Was für einen Namen?!"

Frau Fromm stockte, sah mich geistesabwesend an, zögerte:

"Ich ... ich weiß es jetzt nicht."

"Besinnen Sie sich!" schrie ich beinahe.

Ich fühlte, sie stand unter meinem Befehl; aber sie schüttelte nur, unaussprechlich gequält, den Kopf. – – Wenn der Rapport hergestellt ist, so sage ich mir, so muß jetzt der Name kommen. Jedoch Frau Fromm blieb stumm; ihr Blick irrte zum erstenmal von mir ab. Ich sah, daß sie Widerstand leistete, aber sich zugleich geistig an mich anzuklammern versuchte. Ich bemühte mich, meine Erregung zu meistern und meinen Einfluß von ihr zu lösen, – meinen Willen von ihr abzuwenden, damit sie zu sich selber käme.

Sie machte eine ruckartige Bewegung. Ich ahnte nicht, was es bedeuten sollte, daß sie sich plötzlich aufstraffte und ihren Fuß langsam vorsetzte. Dann fing sie an zu gehen, schritt langsam an mir vorbei mit so hilfloser, erschütternd suchender und widerstrebender Gebärde, daß es mir heiß zu Herzen drang und ich von einem unsinnigen Trieb ergriffen wurde, sie an mich zu ziehen, sie zu trösten, mit ihr zu weinen, sie zu küssen, sie zu mir zu nehmen wie eine lange, lange entbehrte Geliebte – wie das zu mir gehörige Weib. Es bedurfte allen Aufwandes an Willenskraft, daß ich nicht tat, was meine Vorstellung eigentlich schon getan hatte.

Frau Fromm wandte sich an meinem Lehnstuhl vorbei, in dem ich während der Arbeit zu sitzen pflege, der entgegengesetzten Schmalseite des Schreibtisches zu. Ihre Gebärden hatten etwas seltsam Automatenhaftes; ihr Blick war der einer Leiche. Als sie dann den Mund öffnete, klang mir ihre Stimme vollkommen fremd. Ich hörte nicht alles, was sie sagte, nur dies:

"Bist du wieder da? Geh fort, Tierquäler! Mich täuschst du nicht! – Und dich, dich spüre ich, – sehe deine schwarze und silberne Schlangenhaut – ich fürchte mich nicht, ich habe Befehl – ich – ich ..."

Frau Fromm war an der linken Schmalkante meines Schreibtisches angelangt. Ehe ich noch begriff, was das alles zu bedeuten hatte, fuhren ihre Hände wie mit einem wahren Katzensprung plötzlich auf den schwarz-silbernen Tulakasten los, den ich kürzlich erst durch Lipotins Vermittlung von Baron Stroganoff erworben und so überaus sorgfältig hatte in die Richtung des Erdmeridians stellen müssen.

"Halte ich dich endlich in Händen, silberschwarze Schlange", zischte Frau Fromm und tastete mit schnellen, vor Nervosität zitternden Fingern an den eingelegten Ornamenten des Tulakästchens entlang.

Zuerst wollte ich aufspringen und ihr das Ding aus der Hand reißen. Ein sonderbarer Aberglaube hatte ja seit einiger Zeit Besitz von mir ergriffen, daß ich irgendeinen Sinn in der Weltordnung verletzt meinte, wenn das Kästchen nicht in seiner ihm angewiesenen Richtung verblieb. Dieser kindische Wahn übermannte mich in diesem Augenblick mit geradezu irrsinniger Gewalt.

"Nicht anfassen! Stehen lassen!" glaubte ich zu brüllen, aber ich hörte nur einen eisernen halblauten Schrei aus meiner Kehle hervordringen, und es gelang mir nicht, die Worte zu artikulieren.

Im nächsten Augenblick sammelten sich die ruhelosen Finger der Frau auf eine bestimmte Stelle der glatten silbernen Oberfläche; sie liefen förmlich zusammen wie Spinnentiere – wie selbstbewußte Lebewesen, die vom Geruch oder Anblick einer gemeinsamen Beute jählings zu einem Punkte hinabgerissen werden. Sie sprangen übereinander, drängten sich, umirrten immer die gleiche Stelle mit hungrigen Bewegungen, und plötzlich knackte eine leise Feder: das Tulakästchen lag geöffnet in den Händen Frau Fromms.

Im Nu stand ich neben ihr. Sie war ganz ruhig geworden und hielt das offene Kästchen in flacher, ausgestreckter Hand mit einer Gebärde, die fast wie Abscheu oder Ekel vor einem häßlichen oder gefährlichem Tier aussah, mir entgegen. In ihrer Miene lag Triumph, Freude und eine schwer zu deutende Beseeltheit, die auf mich wirkte wie bittende, schüchtern sich nähernde Liebe.

Wortlos nahm ich ihr das Kästchen aus der Hand. Da schien sie gleichsam aufzuwachen. Verwunderung, leichter Schreck liefen über ihr Gesicht. Sie wußte, wie streng ich darauf hielt, daß auf meinem Schreibtisch nichts berührt, nichts von seiner Stelle gerückt werden dürfe. Ängstlich, verständnislos und siegesgewiß zugleich schaute sie mich groß an, und ich fühlte, daß ein Wort des Tadels in diesem Augenblick sie für immer von mir und aus dem Hause getrieben hätte.

Die warme Welle rätselhafter Zuneigung, die aber gerade jetzt mein innerstes Empfinden überströmte, verhinderte mich, das Wort auszusprechen, das mir auf der Zunge lag. Dies alles waren die Vorgänge einer Sekunde.

Mein nächster Blick galt dem Tulakästchen. Ich sah: auf ein sorgfältig gearbeitetes, aus grünem und vor Alter verschossenem und verschliffenem Atlas gefertigtes Polster lag gebettet der " Lapis sacer et praecipuus manifestationis" des John Dee, wie er ihm einst vom Grünen Engel des westlichen Fensters übergeben worden war in den letzten Tagen von Mortlake: die geschliffene Kohle des Bartlett Green, die John Dee im Feuer verbrannt und dann auf so wunderbare Weise aus dem Jenseits wieder zurückerhalten hatte.

Schon der erste Blick schloß jeden Zweifel für mich aus: der von Dee so genau beschriebene goldene Fuß, die kostbare Fassung der dodekaëderförmigen Kohle – alles stimmte: vor mir lag das Geschenk des Bartlett Green und des Grünen Engels.

Ich wagte nicht, den Deckel des Kästchens zufallen zu lassen; es konnte ja sein, daß das geöffnete Schicksal sich noch einmal vor mir zugeschlossen hätte wie einst vor John Dee, als er das Geschenk der roten und weißen Kugeln zum Fenster hinauswarf.

Ich habe jetzt keine Zeit zu verlieren, sagte ich mir, ich stehe im Hellen und – weiß, während John Dee, mein Vorfahr, nur im Dunkeln tastete.

Ich hob also den wunderbaren Kristall sorgsam aus seinem altersmorschen Bett, prüfte sorgsam die Verschraubung an Fuß und Ornament, die das prachtvoll glatt und regelmäßig von glänzenden Flächen begrenzte Stück Fettkohle festhielt und stellte das kleine Kunstwerk mitten auf den Schreibtisch. Da zeigte sich ein rätselhafter Vorgang: der Kohlekristall begann in seiner Achse zu zittern und machte oszillierende Bewegungen; es zeigte sich, daß er an seinen Polen lose in den Stiften des Fußes und des oberen Ornamentes aufgehängt war. Die Kohle stellte sich, wie suchend, von selbst in den Meridian! – Dann kam sie zur Ruhe.

Frau Fromm und ich sahen dem Spiele zu. Dann gab ich ihr die Hand und sagte, ohne zu überlegen:

"Ich danke Ihnen, meine Freundin – meine Helferin!"

Ein Freudenschrei zuckte in ihrem Gesicht auf. Sie beugte sich jäh und küßte mir die Hand.

Mich durchbrannte ein helles Licht auf die Länge eines halben Gedankens. Ich sagte, ohne im geringsten zu wissen und zu wollen, was ich tat: "Jane!" ... und zog die blonde junge Frau an mich, küßte sie leise auf die Stirn. Sie neigte den Kopf. Ein Schluchzen kam aus ihrer Brust; sie stammelte unter hervorstürzenden Tränen etwas, was ich nicht verstand, schaute mich dann in wilder Verwirrung beschämt, ratlos, entsetzt an und floh, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aus meinem Zimmer.

Die Beweise, die Zeugnisse häufen sich. Wie wollte ich in dieser Klarheit, die mich umgibt, noch mit Zweifel und absichtlich blinden Augen umhertasten. Gegenwart ist aus Vergangenheit geworden! Gegenwart ist die Summe aller Vergangenheit in einem Moment der Besinnung, sonst nichts. Und weil diese Besinnung – diese Erinnerung – möglich ist, sooft der Geist sie ruft, so ist ewige Gegenwart im Strom der Zeit, und das fließende Gewebe wird zum ruhend ausgebreiteten Teppich, auf den ich herabblicken und auf ihm mit dem Finger die Stelle bezeichnen kann, wo ein bestimmter Einschlag eine ganz bestimmte Zeichnung im Muster beginnen läßt. Und dann kann ich den Faden von Knüpfung zu Knüpfung, vorwärts wie rückwärts, verfolgen; er reißt nicht ab: er ist der ewige Träger der Zeichnung und des Sinnes der Zeichnung; er ist der Wirt des Teppichs, der nichts zu tun hat mit seinem zeitlichen Dasein!

Hier stehe ich nun mit geöffneten Augen und erkenne mich am Punkte meiner Knüpfung: als mich, den zur Wiedererinnerung erwachsenden John Dee, Baronet of Gladhill, der ich eine Zeichnung des Schicksals vollenden – der ich das uralte Blut der Hoël Dhats und des großen Roderich knüpfen soll mit dem Blut der Elisabeth, damit die Zeichnung des Teppichs vollendet werde! Nur die Frage bleibt: was bedeuten mir die lebendigen Einschläge aus anderem Kettenschuß, die mich umgeben, die mich durchschießen? Stehen Sie mit im Plan des Teppichs oder gehören sie der unendlichen Vielfalt der anderen Bilder an, die das Spiel des Brahma unaufhörlich hervorbringt?

Frau Fromm – wie fremd und unzugehörig mich der Name jetzt anmutet! – gehört mit zum Gewebe! Daß ich das so spät erst durchschaue! Sie ist Jane, John Dees zweite Frau – – –: meine Frau! Immer wieder ziehen mich Schwindelanfälle nieder in die Abgrunde der Geheimnisse des Wachseins außer der Zeit! –

Jane irrt sich seit ihrer Geburt in diesem gegenwärtigen Dasein an den Grenzen ihres Lebenstraums viel näher und wachbereiter entlang als ich. Ich – ich? – Bin ich nicht erst berufen worden, als ... Vetter Roger versagte?! – – War auch Roger: John Dee? Ist John Dee überall?! Bin auch ich nur eine Maske? Eine Hülle? Eine Trompete, die bloß den Atemstoß durch sich hindurchläßt und nur tönen läßt, was draußen, droben der blasende Mund will?! Aber: einerlei! So wie ich es jetzt in meiner Gegenwart erlebte, so ist es und nicht anders. Aber genug der Spinnwebgedanken! Die Augen auf und die Hand fest! Deine Fehler, John Dee, begehe ich nicht. Deinen Untergang, Vetter Roger, mache ich dir nicht nach. Mich sollen die Irdischen nicht narren, aber auch nicht – und noch weniger – die Unsichtbaren. Wer die Fürstin Chotokalungin ist, werde ich wissen, ehe die Sonne denselben Stand erreicht hat, den sie soeben einnimmt.

Ich werden den Briefträger von meinen Schicksalsträgern schon zu unterscheiden wissen; nicht wahr, mein Freund Lipotin?! –

Ich habe den Kohlekristall auf mehreren seiner Flächen lange beschaut. Es zeigte sich aber – ich muß es zu meiner Enttäuschung gestehen – keinerlei Anzeichen von Rauch, Nebel, Wolken, oder gar Bildern, wie von magischen Spiegeln und Kristallen übereinstimmend berichtet wird. In meiner Hand hielt blieb die Kohle eine schön geglättete und bearbeitete Kohle, weiter nichts.

Ich habe natürlich sofort bedacht, ob Jane ... ich will sagen Frau Fromm – nicht entscheidendere Fähigkeiten besitzen möchte, dem Kristall sein Geheimnis zu entlocken. Ich rief soeben nach ihr. Sie ist nicht zu finden. Es scheint, sie ist ausgegangen. Ich muß mich gedulden, bis sie wiederkommt. – – – – – –

Kaum hatte mein mehrmaliger Ruf nach Frau Fromm das Haus durchhallt, da läutete das Telephon: – – Lipotin! Und ob er mich zu Hause antreffen werde? Er habe mir viel Interessantes zu zeigen. – Ja, ich sei zu Haus. – Gut. Abhängen. – –

Ich hatte nur wenig Zeit, über diese theatermäßig prompte Abwicklung des Regisseurs "Schicksal" nachzudenken und nachzugrübeln, was wohl Lipotin mir in diesem Augenblick mitzuteilen habe, da stand er auch schon in meinem Zimmer unbegreiflich rasch angesichts des weiten Weges von seinem Gewölbe bis heraus zu mir.

Nein! Er habe in der Nähe antelephoniert; es sei ihm plötzlich so eingefallen; wie ein Impuls sei es gewesen; und ein purer Zufall, daß er gerade bei sich getragen habe, was mich interessieren dürfte.

Ich sah ihn mit zweifelndem Schmerz an und fragte:

"Sind Sie eigentlich ein Gespenst oder sind Sie wirklich? Gehen Sie, sagen Sie mirs aufrichtig; wir können dann um so gemütlicher plaudern! Sie wissen gar nicht, wie furchtbar gern ich Gespenster habe!"

Lipotin nahm den immerhin etwas sonderbaren Spaß ganz unbefangen auf und lächelte aus den Augenwinkeln:

"Diesmal bin ich schon echt, Verehrtester. Brächte ich Ihnen sonst eine solche ... Merkwürdigkeit?!"

Er grub in einer seiner vielen Taschen und hielt mir auf einmal zwischen ausgestreckten Fingern eine kleine rote Elfenbeinkugel hin.

Mich traf der Schlag, – buchstäblich, denn der Nervenriesel rann mit Blitzgewalt vom Hinterhaupt den Rücken entlang bis in die Fußspitzen.

"Die Kugel aus St. Dunstans Grab!" stotterte ich.

Lipotin grinste auf seine fatalste Art.

"Sie träumen, Verehrtester. Sie scheinen sich an roten Kugeln so zu erschrecken. Haben Sie in jüngster Zeit Pech im Billardspiel gehabt, oder sind Sie einmal in einem Ihrer unwürdigen Klubs ausballotiert worden?"

Mit diesen Worten steckte er die Kugel wieder zu sich und tat, als ob nichts geschehen wäre.

"Entschuldigen Sie", sagte ich verwirrt, "– es sind Umstände vorhanden, Umstände ... geben Sie mir doch die rote Kugel; sie interessiert mich in der Tat."

Lipotin war neugierig an den Schreibtisch getreten, schien meine Worte gar nicht zu hören. Betrachtete mit größter Aufmerksamkeit den goldgefaßten Kohlekristall.

"Wo haben Sie das her?"

Ich deutete auf den offenen Tulakasten:

"Von Ihnen."

"Ah, gratuliere!"

"Wozu?"

"Das also war der Inhalt aus Stroganoffs letztem Besitz? Merkwürdig!"

"Was ist merkwürdig?" verharrte ich lauernd.

Lipotin schaute auf. Er kniff das linke Auge zu:

"Eine ganz feine Arbeit! Böhmische Arbeit. Man möchte fast an den berühmten Hofgoldschmied Rudolfs von Habsburg, an den Prager Meister Hradlik denken."

Wieder ein kurzes Aufblitzen in meiner Seele: Prag? – Dann erwiderte ich, einigermaßen verstimmt:

"Lipotin, Sie wissen ganz gut, daß mich Ihre erstaunlichen Kenntnisse in kunstgeschichtlichen Angelegenheiten in dieser Stunde wenig interessieren. Dieses Stück bedeutet mir mehr – –"

"Ja, ja. Sehen Sie nur die vorzügliche, künstliche Arbeit des Fußgestells!"

"Hören Sie auf, Lipotin!" befahl ich zornig. "Sagen Sie mir lieber, da Sie doch alles wissen, wie ich mit dem Ding zurechtkomme, das Sie mir ins Haus geschleppt haben."

"Was wollen Sie denn mit ihm anfangen?"

"Ich – sehe nichts drin", antwortete ich kurz.

"Ach sooo! –" machte Lipotin gedehnt und unecht.

"Hab ichs doch gewußt, Sie verstehen mich!" triumphierte ich. Mir war, als hätte ich jetzt die Karten des Spieles in der Hand.

"Kunststück!" brummte Lipotin, zerbiß seine unvermeidliche Zigarette und warf den glimmenden Stummel in meinen Papierkorb, eine Nachlässigkeit, die mir zuwider ist, "Kunststück! Es ist doch ein magischer Kristall; ein ' glass', wie man in Schottland sagt."

"Warum gerade Schottland?" fiel ich ihm ins Wort wie ein Untersuchungsrichter.

"Das Ding kommt doch aus England", sagte Lipotin träge und wies mit dem Fingernagel auf eine feingravierte Schmuckschrift, in spätgotisches Rankenwerk versteckt, die um die Greifklauen des Fußgestells lief. Sie war mir bis jetzt entgangen. – Die Inschrift war englisch und lautete:

"Dieser edle und köstliche Stein, von Wunderkräften erfüllt, stammt aus dem Nachlaß des hochgeehrten Meisters aller verborgenen Weisheit, des unglücklichen John Dee, Baronets of Gladhill. Im Jahr seines Heimgangs 1607."

Da war also zu allem Überfluß nun auch noch das Zeugnis urkundlich vorhanden, daß John Dees kostbarster Besitz, den er höher als Geld und alle Schätze der Welt gehalten, getreulich seinen Weg zu mir, dem berufenen Erben und Sachwalter seines Geschickes, zurückgefunden hatte. Diese Entdeckung benahm mir den letzten Zweifel, wer im tiefsten Grunde seines Wesens Lipotin war. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

"Nun, alter Bote der Geheimnisse, sagen Sie mir endlich: was wollen Sie mir bringen? Was ists mit der roten Kugel?! Wollen wir Blei tingieren? Wollen wir Gold machen?"

Lipotin wandte seinen Fuchskopf gegen mich und antwortete ausweichend, aber im Ton ruhigster Sachlichkeit:

"Sie haben also schon einen Versuch mit der Kohle gemacht? Sie können aber darin nichts sehen, nicht wahr?"

Er wollte nicht hören. Er war eigenartig, wie so oft, und wollte seinen eigenen Weg verfolgen. Gut, ich kenne das an ihm. Man muß sich fügen, sonst ist nichts mit ihm anzufangen. Ich sagte daher ruhevoll:

"Nein, ich kann nichts drin wahrnehmen, wie ich's auch anstelle."

"Das wundert mich nicht." – Lipotin zuckte die Achseln.

"Und wie würden Sie es anstellen, wenn Sie etwas aus der Kohle lesen wollten?"

"Ich? Mich gelüstet nicht danach, ein Medium zu werden."

"Medium? – Und anders, denken Sie, ist es unmöglich?"

"Das einfachste ist: Medium werden", erwiderte Lipotin.

"Und wie wird man ein Medium?"

"Fragen Sie Schrenck Notzing." Ein maliziöses Lächeln spielte in Lipotins Gesicht.

"Auch ich habe weder Lust noch Zeit, ein Medium zu werden, wenn ich die Wahrheit sagen soll", wehrte ich seinen Spott ab. – "Aber sagten Sie nicht soeben, das Mediumwerden sei nur das einfachste? Was wäre weniger einfach?"

"Die ganze Kristallguckerei sein lassen!"

Ich stutzte: "Sie haben recht mit Ihren Paradoxen; es fällt mir in der Tat schwer, es ganz und gar sein zu lassen! Gewisse Umstände veranlassen mich nämlich, zu vermuten, daß auf den Flächen dieser Kohle Bilder fixiert schlummern – so würden sich wohl manche Okkultisten ausdrücken –, Vergangenheitsbilder, sagen wir einmal, die für mich von vielleicht nicht geringer Bedeutung sind ..."

"Dann müssen Sie eben etwas riskieren!"

"Was zum Beispiel?"

"Zum Beispiel die Sicherheit vor Täuschungen seitens der – nennen wir es: eigenen Phantasie. Mediumistisches Halluzinieren wird oft zu einer Art Morphinismus im seelischen Sinn. Außer ..."

"Außer ...?"

"Man 'tritt' aus."

"Wie meinen?"

"Man geht hinüber!"

"Wie?"

"So!!" – Lipotin hatte auf einmal wieder die rote Kugel in der Hand und ließ sie zwischen seinen Fingern spielen.

"Geben Sie her! Ich habe sie schon einmal darum gebeten."

"O nein, Verehrtester; ich kann Ihnen die Kugeln doch nicht überlassen! Es fällt mir soeben ein, daß es nicht geht."

Ich wurde ärgerlich: "Was soll das wieder heißen?"

Liputin machte ein sehr ernsthaftes Gesicht –: "Verzeihen Sie! Ich hatte vorhin eine Kleinigkeit vergessen. Ich fühle, ich bin Ihnen eine Aufklärung schuldig. Diese Kugel ist hohl."

"Weiß ich."

"Woher wissen Sie ...?" – Lipotin tat sehr erstaunt.

"Faxen! Ich habe Ihnen, denke ich, schon einmal gesagt: ich kenne die Augenbinde des Herrn Mascee aus St. Dunstans Grab genau! Geben Sie endlich her!"

Lipotin wich zurück.

"Was reden Sie da von Mascee und Sankt Dunstan?! Ich verstehe keine Silbe. Die Kugel hat nichts mit dem ehrwürdigen Mascee zu tun! Ich selbst habe sie zum Geschenk erhalten vor langen Jahren. Von einem Rotkappenmönch in den Felsgrotten von Ling Pa am Berge Dpal bar."

"Sie wollen mich also vexieren, Lipotin?"

"Aber nein; es ist mein voller Ernst! Ich werde mir doch nicht erlauben, Ihnen Fabeln aufzutischen! – Die Sache war so: mehrere Jahre vor Ausbruch des russisch-japanischen Krieges war ich in besonderer Sendung einer meiner reichen russischen Gönner in Nordchina, an der chinesich-tibetischen Grenze; es handelte sich darum, tibetanische Tempelikone von ziemlich phantastischem Wert zu erwerben: uralte chinesische Seidenmalereien und dergleichen. Genug: ich mußte mich mit meiner Klientel dort erst einmal gründlich anfreunden, ehe an Geschäfte zu denken war. Unter anderem auch mit den merkwürdigen Bewohnern von Dpal bar skyd. Die Sekte nennt sich 'Yang'. Sie haben dort ein höchst seltsames Ritual. Es ist sehr schwierig, Genaueres darüber zu erfahren. Es ist auch mir kaum gelungen, Einblick zu gewinnen, obgleich ich in fernöstlicher Magie ziemlich Bescheid weiß. – – Die Leute haben besondere Einweihungen. Zu dem Einweihungsritual eben gehört 'der Zauber der roten Kugel'. Ein einziges Mal durfte ich der Zeremonie beiwohnen. Wie ich dazu kam, tut nichts zur Sache. – Die Neophyten räuchern mit einem Pulver, das in roten Elfenbeinkugeln verwahrt wird. Es geschieht das alles auf eine besondere Weise, wovon zu erzählen keinen Zweck jetzt hätte. Jedenfalls: die Räucherung wird von dem Abt selbst geleitet und befähigt die neu in die Sekte aufzunehmenden Jungmönche, 'Yang Yin' zu machen oder 'die Hochzeit des vollkommenen Kreises' an sich zu erleben. Was sie damit meinen, ist mir gleichfalls dunkel geblieben. Auch rede ich nicht gern davon. Sie behaupten, sie erwürben durch 'Austreten' aus dem Leibe infolge Einatmens des roten Rauches die Macht, über die Schwelle des Todes zu gelangen und unvorstellbare magische Kräfte zu bekommen, indem sie sich mit ihrer weiblichen, im irdischen Leben fast immer verborgenen 'anderen Hälfte' vermählen, wie zum Beispiel: Unsterblichkeit der Person, Stillstand des Rades der Geburt, kurz, eine Art Götterrang, der andern sterblichen Wesen versagt bleibt, solange sie das Geheimnis der blau und roten Kugeln nicht kennen. – Offenbar liegen diesem Aberglauben Ideen zugrunde, wie sie als Zeichnung im Staatswappen von Korea niedergelegt sind: das männliche und das weibliche Prinzip in der innigen Einschmiegung in den Kreis der Unwandelbaren. – Aber das alles ist Ihnen, verehrter Gönner, natürlich viel geläufiger als mir selbst."

Ich bemerkte wohl den scheinheilig-wegwerfenden Ton in den letzten Worten Lipotins. Er mag eine recht schlechte Meinung von meinen Kenntnissen ostasiatischer Mystik haben; aber er irrt sich. Soviel weiß ich allerdings: das Yin-Yang Symbol genießt in Ostasien die höchste Verehrung. Es wird als Kreis gemalt, der durch eine Schlangenlinie zur Doppelfigur wird, in der zwei birnenförmige Flächen – die eine rot, die andere blau – sich innig aneinander schmiegen: das geometrische Zeichen der Vermählung zwischen Himmel und Erde: dem männlichen und dem weiblichen Prinzip.

Ich nickte nur mit dem Kopf. Lipotin fuhr fort:

"Die Yangsekte ist der Meinung, der geheime Sinn der Zeichen sei die Bewahrung oder Fixierung der magnetischen Kraft der beiden Prinzipien, anstatt ihrer Vergeudung im Auseinandertritt der Geschlechter. Sie meinen damit so etwas wie eine – hermaphroditische Ehe ..."

Wieder schlug ein Blitz senkrecht vor mir ein; ich glaubte in der blendenden Helle seines Lichts aufbrennen zu müssen! – Daß mir diese Erleuchtung jetzt erst zu Bewußtsein kam! Yin Yang: der Baphomet! Ein und dasselbe! ... Ein und dasselbe!! – "Das also ist der Weg zur Königin!" – schrie eine Stimme laut in mir, so daß ich meinte, mit den äußeren Ohren den Ruf zu hören. Zugleich zog eine wunderbare Ruhe in meine aufgeregten Sinne und Gedanken ein.

Lipotin hatte mich scharf beobachtet: offenbar sah er, welche Veränderung mit mir vorging, sah mein Erschrecken und mein von Gewißheit erhelltes Lächeln, denn er lächelte gleichfalls.

"Sie kennen den alten Glauben an das Geheimnis des Hermaphroditen, wie ich sehe", sagte er nach einer Pause. "Nun, man erklärte mir damals in dem asiatischen Kloster, der Inhalt dieser roten Kugel hier bewirke die Vereinigung mit dem Weiblichen in uns."

"Geben Sie her!" rief ich, – befahl ich.

Lipotin wurde feierlich.

"Ich muß wiederholen, daß mir unbegreiflicherweise erst vorhin ein sonderbarer Umstand wieder ins Gedächtnis zurückgekehrt ist, der sich mit dem Geschenk dieser Kugel verbindet. Ich habe nämlich dem Mönch, der sie mir gab, versprechen müssen, sie zu vernichten, falls ich selbst keinen Gebrauch von ihr zu machen wünschte, keinesfalls aber sie in eine dritte Hand zu geben, es sei denn, diese Hand verlange ausdrücklich danach."

"Ich verlange danach!" rief ich rasch.

Lipotin zuckte mit der Wimper und fuhr gleichmäßig fort:

"Sie wissen ja, wie ein Reisender mit den skurrilen Gastgeschenken von Halbwilden umzugehen pflegt: es sammelt sich da auf weiten Reisen, wie ich sie tun mußte, mancherlei an, so daß man das einzelne sehr rasch wieder vergißt. Was denken Sie, wie wenig mich oft die Kugel des Yangmönches interessiert hat! Man wirft so etwas in den Koffer, reist weiter und vergißt den Raritätenschund. Ich meinesteils habe nie das allergeringste Bedürfnis gespürt, mein 'Yang' neben mein 'Yin' zu legen und das Weibliche in mir zum Kreisschluß aufzufordern."

Dazu grinste Lipotin auf eine zynische Weise und machte eine abstoßend laszive Handbewegung.

Ich suchte das zu übersehen und wiederholte mit Ungeduld:

"Sie hören doch: ich verlange danach! Mit allem Ernst und mit aller Kraft meines Wesens. – So wahr mir Gott helfe!" fügte ich hinzu und wollte gerade die Hand zum Schwur erheben, da unterbrach mich Lipotin:

"Wenn Sie schon schwören wollen bei einer solchen Gelegenheit, dann müssen Sie, und sei es auch nur Scherzes halber, die Methode der Yangmönche einhalten. Wollen Sie?" – – Und als ich bejahte, ließ er mich die linke Hand auf den Boden legen und sagen:

"Ich verlange und nehme die Folgen auf mich, damit du entbunden seist aller karmischen Vergeltung." – – Ich lächelte, denn die Komödie kam mir reichlich dumm vor, trotzdem mich dabei ein widerwärtiges Gefühl beschlich.

"Jetzt ists etwas anderes!" sagte Lipotin befriedigt. "Sie verzeihen, daß ich soviel Umstände mache, aber als Russe bin ich selber ein wenig Asiat und möchte nicht gern pietätlos gegen meine tibetanischen Freunde sein."

Dabei reichte er mir die rote Kugel ohne weiters mit rascher Hand hin. Ich suchte und fand auch bald die feine Verschraubung. War es nicht doch eine von den Kugeln John Dees und des Apothekers Kelley? – – Die Kugelhälften klappten auseinander. Ein graurötliches Pulver, ungefähr so viel, wie eine hohle Walnuß zu füllen vermochte, lag in den Schalen.

Lipotin stand neben mir. Er schaute mir seitlich über die Schulter und sprach halblaut auf mich ein. Seltsam eintönig, leblos und weitab drang seine Stimme mir ins Ohr:

"Man muß eine Steinschale bereitstellen und ein reines Feuer; am besten eine Spiritusflamme. Man muß Spiritus in die Schale gießen und dann anzünden. Man muß den Inhalt der Elfenbeinkugel darüber ausschütten. Man muß das Pulver aufbrennen lassen; man muß warten, bis der Spiritus ausgebrannt ist, und muß den Rauch des Pulvers aufsteigen lassen; man muß dabei einen Oberen haben, der das Haupt des Neophyten ..."

Ich hörte nicht mehr auf das Geflüster, reinigte rasch die Onyxschale, die mir sonst als Aschenbecher dient, so sorgfältig, wie es in der Eile ging, goß Spiritus aus dem Siegellämpchen, das immer auf meinem Schreibtisch steht, in die Schale, entzündete ihn, nahm die roten Kugelhälften zur Hand und räucherte. Lipotin stand beiseite; ich beachtete ihn nicht. Bald war der Alkohol verflammt. Langsam fing der Rückstand in der Schale an zu glühen und zu schwelen. Eine grünlich-blaue Rauchwolke hob sich, kräuselte sich, stieg zögernd aus der Onyxschale auf.

"Eigentlich eine unbedachte Torheit", hörte ich Lipotin sagen, und es klang wie höhnisches Geschnatter in meinen Ohren, "die alte voreilige Torheit, künstliche Materie zu vergeuden, ohne Gewißheit, ob auch alle Bedingungen erfüllt sind, die den Erfolg verbürgen. – Wer sagt Ihnen, Verehrtester, daß einer der verlangten Oberen zur Stelle ist, um Ihre Einweihung zu leiten? – Es ist ein Glück, – es ist Ihr ganz unverdientes Glück, mein Verehrtester, daß zufällig ein Oberer anwesend ist; daß zufällig ich anwesend bin, daß zufällig ich ein eingeweihter Dugpamönch von der Yangsekte bin ..."

Ich sah noch, wie aus weiter Ferne, die Gestalt Lipotins, rätselhaft verändert, in einem violetten Mantel mit sonderbar geformten, rotem, aufrecht stehendem Talarkragen, eine kegelförmige purpurne Mütze, darin paarweise übereinander sechs Menschenaugen aus Glas glitzerten, auf dem Kopf, schlitzäugig grinsend mit teuflisch frohlockendem, ganz verzerrtem Gesichtsausdruck sich mir nähern. Ich wollte etwas rufen, so wie "Nein!", aber ich hatte die Gewalt über meine Stimme verloren. Lipotin oder der fürchterliche Rotkappenmönch hinter mir, oder der Teufel in Person, oder wer sonst immer es war, ergriff mich von rückwärts beim Schopf mit eiserner, unwiderstehlicher Kraft und drückte mir das Gesicht tief auf die Onyxschale und in die aufsteigenden Dämpfe des roten Pulvers hinab. – Ein süßlich-bitterer Geruch stieg mir durch die Nase hoch, eine unsagbare Beklemmung, sich steigernd zu Todesrütteln von so entsetzlicher, unbeschreiblich grauenvoller Stärke und Dauer, daß ich fühlte, wie die Grabesschrecken ganzer Generationen in unablässigem Zug durch meine Stimme fluteten. – Dann war mein Bewußtsein ausgelöscht.

Es ist von den Erlebnissen, die ich "drüben" gehabt haben muß, so gut wie gar nichts in meinem Geiste haften geblieben. Ich glaube sagen zu dürfen: Gott sei Dank! denn die abgerissenen, wie sturmgepeitschten Erinnerungsfetzen, die noch ab und zu durch die Traumwelt meiner Seele flattern, sind so mit nachklingendem Grauen gesättigt, daß es höchste Wohltat scheint, sie nicht mehr im einzelnen deuten zu können. Ich erinnere mich nur mit dunkler Ahnung, ähnliche Welten gesehen und durchschritten zu haben, wie sie Frau Fromm mir beschrieb, als sie von der gründurchdämmerten Tiefsee erzählte, in deren glasigem Schein sie der schwarzen Isaïs begegnet sein will. – – Ich bin dort auch irgend etwas Entsetzlichem begegnet. Ich war auf rasender Flucht vor, vor – – ich glaube vor Katzen, vor schwarzen Katzen mit weißglühendem Rachen, mit glühenden Augen; – mein Gott, wie soll man vergessene Träume schildern! – –

Und dann auf dieser betäubenden, von Schrecken unausdenklicher Art überfüllten Furcht rang sich ein allerletzter Rettungsgedanke hoch: "Wenn du zum Baum gelangen könntest! – Wenn du die Mutter, die Mutter erreichen könntest, die Mutter vom blauroten Kreis, – oder so ähnlich ... dann wärest du gerettet." Ich glaube, ich habe den Baphomet hoch und fern über Glasgebirgen, über unbeschreitbaren Sümpfen und qualvollen Hindernissen gesehen! Ich habe – Mutter Elisabeth gesehen, auf irgendeine mir nicht mehr erinnerliche Weise aus dem Baum winken; – – und dann beruhigte sich bei ihrem Anblick das jagende Herz allmählich, und ich erwachte aus der Betäubung. Ich erwachte, so meinte ich, nach J jhrhundertelangem Erleben in der grünen Tiefe.

Als ich, schwindelig im Kopf, aufschaute, saß Lipotin vor mir, den unverwandten Blick auf mich gerichtet und mit den leeren Schalen der kleinen roten Elfenbeinkugel spielend. Ich befand mich in meinem Arbeitszimmer, und ringsum lag und stand alles, wie ich es vor ... vor ...

"Drei Minuten. Das genügt", – sagte Lipotin grämlich und mit verfallenem Gesichtsausdruck und steckte seine Uhr in die Tasche.

Ich werde nie den rätselhaft enttäuschten Ausdruck in seinen Mienen vergessen, als er mich fragte:

"Und es hat Sie in der Tag nicht der Teufel geholt? Das deutet auf eine solide Konstitution. – Übrigens meinen Glückwunsch! Ich glaube, Sie werden jetzt mit einem gewissen Erfolg mit dieser verbrannten schwarzen kohle operieren können. Geladen ist sie, das habe ich inzwischen festgestellt."

Ich bestürmte ihn mit Fragen, was denn mit mir vorgegangen sei. Es wurde mir klar, daß ich eine der üblichen Räucherungen überstanden hatte, die von jeher in der angeblich magischen Praxis eine so große Rolle gespielt haben. Ich hatte einen Hanf- oder Opium- oder Bilsenkrautrausch hinter mir, das spürte ich an dem leisen Kopfschmerz und der leichten Übelkeit, die mich noch mit Gifthauch umtastete.

Lipotin schwieg einsilbig und schien ungemein mürrisch. Er verabschiedete sich nach ein paar ironischen Worten in formloser Eile:

"Sie haben ja die Adresse, Verehrtester; gehen Sie nach Dpal bar skyd. Werden Sie dort der Vertreter des Dharma Rajah von Bhutan. Sie haben das Zeug dazu. Man wird Sie mit den bekannten offenen Armen empfangen. Sie haben die schlimmste Prüfung hinter sich. – Meine Verehrung, Meister!"

Damit nahm er hastig seinen Hut und eilte davon. – – Vom Flur herein hörte ich einen kurzen höflichen Wortwechsel: Lipotin war mit seiner Hausdame, die soeben heimgekehrt war, zusammengetroffen. Dann hörte ich die Flurtür ins Schloß fallen, und um nächsten Augenblick stand Frau Fromm, stärkste Erregung im Gesicht, auf meiner Schwelle: "Ich hätte Sie nicht verlassen sollen! Ich mache mir Vorwürfe ..."

"Machen Sie sich keinerlei Vorwürfe, liebe ..." – Das Wort erstarb mir. Ich sah Frau Fromm mit einem jähen Ausdruck des Entsetzens vor mir zurückbeben. "Was ist Ihnen, liebe Freundin?"

"Das Zeichen über dir! Das Ziechen!" – stotterte sie mit versagender Stimme. – "Oh, nun ist – alles – alles – – für mich aus!"

Gerade noch rechtzeitig fing ich sie in meinem Arm auf. Sie hing an meinem Hals.

Ich beugte mich nieder, tief erschrocken und zugleich von einem rasend aufquellenden Gefühl der Verbundenheit, des Mitleids, einer dunkeln Schuld und Verpflichtung, kurz, von einem Wirbel unklarster, aber dafür um so heftigerer Gefühle gezogen und getrieben.

Anstatt mich über ihren Zustand zu vergewissern, küßte ich sie wie einer – – wie einer, der jahrhundertelang entbehrt hat. Und mit geschlossenen Augen, aus halb erloschenem Bewußtsein heraus küßte sie mich wieder, so heftig, so hemmungslos, so rasend, wie ich es dieser stillen, schüchternen Frau nie im Leben zugetraut hätte.

Zugetraut? Herrgott, was schreibe ich da? Hätte ich mir das alles zugetraut? Das alles war ja kein Wille mehr und keine Absicht und kein Überfall der immer und immer gleich täppischen Sinne! Das war, das ist – Verhängnis, Zwang, Schuld, uralte Notwendigkeit! – –

Es ist uns nun beiden klargeworden, daß Jane Fromont und Johanna Fromm – – daß ich und John Dee – – – ja, wie soll ich das sagen? – daß wir eine, eine Knüpfung im Teppich der Jahrhunderte sind, eine Knüpfung, die wiederkehrt, bis die Zeichnung vollendet ist.

Ich bin also deshalb der "Engländer", den das Spaltungsbewußtsein Johannas seit ihren Entwicklungsjahren "weiß". Nun wäre ja, möchte ich denken, alles gut, und ein bizarrer, parapsychologisch untergründeter Lebensroman könnte im üblichen Sande verlaufen. – Ich fühle in meinem tiefsten Inneren nicht anders als Johanna. Das Wunder dieses Erlebnisses hat mich so ganz erfaßt, daß ich mir keine andere Gattin wünschen möchte als Johanna, die Frau, mit der ich über Jahrhunderte hinweg schicksalsverbunden bin!

Aber Johanna, mit der ich lange, lange gesprochen habe – soeben erst, nachdem der Schwächeanfall vorüber war – Johanna bleibt bei ihrem Ausspruch: daß alles zwischen uns vergebens, verdorrt, ja verflucht sei von Anbeginn. Daß ihre Hoffnung verloren und alles ihre übermenschliche Anstrengung der Liebe und des Opfers vertan sei, denn die "Andere" sei stärker als sie. Sie könne die "Andere" wohl stören und verhindern, aber nie, nie, nie aus der Welt schaffen und besiegen.

Sie kam darauf zu sprechen, was sie gleich mit ihrem Eintreten so erschreckt hätte; ein helles, scharf umgrenztes Licht habe über meinem Kopfe geschwebt; ein Licht von der Gestalt eines etwa faustgroßen diamantklaren Kristalls.

Johanna läßt sich das nicht ausreden. Sie lehnt jede noch so naheliegende Erklärung ab. Sie gibt an, sie kenne das Zeichen aus ihren Zuständen her seit langem und sehr genau. Es sei ihr gewiesen, sagt sie, daß dieses Zeichen das Ende ihres Schicksals und ihrer Hoffnungen verkünde. Und dabei blieb sie. – Sie verweigerte sich keinem meiner Küsse, keinem liebevollen Wort. Sie sei mein und bleibe mein. Sie sei ja meine eheliche Frau, sagte sie – – "Dein Weib aus älterer Würde, als irgendein Weib, das heute hier auf Erden lebt, von ihrer Frauenwürde sagen kann." – – Aber da, eben da ließ ich von ihr ab. Die Hoheit ihres reinen und von Liebe leuchtenden Wesens beugte mich zu ihren Füßen, und ich habe diese Füße geküßt wie urältestes, ewig junges Heiligtum. Ich habe gefühlt, wie ein Priester vor dem Bild der Isis im Tempel.

Und dann wehrte mir Johanna, fast verzweifelt wehrte sie mir und meiner Anbetung und gebärdete sich wie unsinnig und schluchzte, und rief immer nur: ihr, ihr allein läge alle Schuld auf, und sie, sie allein habe um Gnade, um Verzeihung und Sühne ihrer Versündigung zu ringen und zu bitten, und sie sei zum Opfer befohlen.

Mehr war nicht aus ihr herauszubringen.

Ich habe eingesehen, daß die seelische Erregung zu schwer war für Johanna. Ich habe ihr beruhigend zugeredet und sie, so heftig sie sich auch sträubte, selbst zur Ruhe gebettet.

Sie ist unter meinen Küssen und meine Hand haltend sanft eingeschlafen. Nun soll sie sich ausruhen in tiefem Schlaf.

Wie wohl werde ich sie finden, wenn sie erwacht?

Die erste Schau

Es will mir kaum mehr gelingen, mit schreibender Hand dem Ansturm der Erlebnisse und Gesichte zu folgen, die mich überfallen.

Ich nehme die stillen Nachtstunden zu Hilfe, um auf dem Papier festzuhalten, was sich alles begeben hat.

Als ich Johanna – oder soll ich schreiben: Jane? – zu Bett gebracht hatte, kehrte ich in mein Arbeitszimmer zurück und beendete zunächst mein Protokoll, wie mir das jetzt schon zur Gewohnheit geworden ist, indem ich das Begebnis mit Lipotin niederschrieb.

Sodann griff ich nach dem " Lapis sacer et praecipus manifestationis" des John Dee und beschaute nachdenklich Fuß und Inschrift, die darauf eingraviert ist. Allmählich glitt mein Blick von den goldenen Ornamenten ab und blieb immer länger haften auf der fettglänzenden Fläche der Steinkohle selbst. Da ging es mir ähnlich – so will es mir jetzt nachträglich scheinen – wie damals, als ich in Lipotins florentinischen Spiegel blickte und unmerklich zu träumen begann, ich stünde auf dem Bahnhof und erwartete meinen Freund Gärtner.

Ich kam jedenfalls nach einiger Zeit von dem Hinstarren auf die schwarzspiegelnde Kristallfläche der Kohle nicht mehr los. Dann sah ich dies: oder, vielmehr, ich sah es nicht so sehr als: ich war mittendrin; – mitten unter einer Schar in rasender Eile galoppierender fahler Pferde, die über einen grünschwarz wogenden Grund einherbrausten. Zuerst dachte ich – übrigens vollkommen geordnet und mit klarem Urteil: aha, das grüne Meer meiner Johanna! –, aber nach kurzer Zeit nahm ich deutlicher die Einzelheiten wahr und bemerkte, daß die ledige Roßherde über Wälder und wechselnde nächtliche Ackerbreiten hinwegfegte wie das wilde Heer Wotans. Und zugleich begriff ich: es sind die Seelen der Abermilliarden von Menschen, die auf ihren Lagerstätten schlafen, derweilen ihre Seelen herren- und reiterlos, von dunklen Instinkten getrieben, eine ferne unbekannte Heimat suchen, von der sie nicht wissen, wo sie liegt – von der sie nur ahnen, daß sie sie verloren haben und nicht mehr finden können.

Ich selbst war ein Reiter auf schneeweißem Pferd, das gleichsam wirklicher und körperhafter war als die andern, die fahlen.

Die wildentfesselten, schnaubenden Mustangs – wie Schaumwogen waren sie auf einer stürmischen See – überquerten alsbald ein wellig unter uns hinziehendes Waldgebirge. Fern zitterte das feine Silberband eines vielfach gewundenen Flusses hin. – – –

Ein weiterer Landkessel öffnet sich, von niedrigeren Höhenzügen durchwirkt. Der rasende Ritt geht auf den Stromlauf zu. Fern türmt sich eine Stadt. Es ist, als lösen sich die galoppierenden Umrisse der Pferde um mich her in graue Nebelschwaden auf. – – Dann reite ich plötzlich in der hellen Sonne eines strahlenden Augustmorgens über eine breit gewölbte steinerne Brücke, auf deren Brüstung die hohen Statuen von Heiligen und Königen stehen. Am Flußufer vor mir drängt sich ein altes, bescheidenes Häusergewirr, von einigen prunkvollen Palästen überragt und wie beiseite gedrängt, aber auch diese stolzen Bauten sind erdrückt von dem gewaltigen Rücken eines hoch oben auf baumbestandenem Hügel ragenden Mauerwerks, das finster gezackt ist von Türmen, Dächern, Wehrgängen und Domspitzen: "Der Hradschin!" – sagt eine Stimme in mir.

So bin ich also in Prag?! – Wer ist in Prag? – Wer bin ich? – Was begibt sich rings um mich her? –: Ich sehe mich reiten in gutem Schritt, kaum beachtet von dem gleich mir die steinerne Moldaubrücke überquerenden Bürger- und Landvolk, an dem Standbild des heiligen Nepomuk vorbei zur Kleinseite hinüber. Ich weiß, ich bin zur Audienz empfohlen zu Kaiser Rudolf, dem Habsburger, im Belvedere. Neben mir reitet noch einer, mein Begleiter, auf einer Isabellstute, in einen Pelzmantel von ein wenig verschlissener Pracht gehüllt, obschon der Morgen blau ist und die Sonne empfindlich zu stechen beginnt. Der Pelzmantel ist offenbar das Paradestück aus seiner Garderobe, und er hat es angelegt, um vor den Augen der Majestät einigermaßen Figur zu machen. "Landstreichereleganz" – fährt es mir durch den Sinn. Ich wundere mich nicht, daß ich selbst Kleider altertümlichen Schnittes trage. Wie könnte es anders sein! Schreiben wir doch den Tag Laurenzii, den zehnten August um Jahre unseres Herrn Geburt, das man als das fünfzehnhundertundvierundachtzigste zählt! Ich bin in die Vergangenheit hineingeritten, sage ich mir vor, und ich finde nichts Wunderbares daran.

Der Mann mit den Mausaugen, der fliehenden Stirn und dem weichenden Kinn ist Edward Kelley, den ich nur mit Mühe abgehalten habe, in der Herberge "Zur Letzten Latern" abzusteigen gleich den hochmögenden und sternhagelreichen Landbaronen und Erzherzögen, wenn sie zu Hofe kommen. – Er führt unsern gemeinsamen Säckel und ist immer wieder obenauf wie ein richtiger Jahrmarktsdoktor! Immer wieder bringt er's fertig, den Beutel zu füllen, schamlos und erfolgreich, wo unsereins lieber die Hand sich abhauen möchte und hinter dem nächsten Zaun sich niederlegen und in Gottes Namen verrecken. Ich weiß: ich bin John Dee, mein eigener Ahnherr, wie könnte ich sonst so deutlich vor meinem Gedächtnis sehen, was sich seit meiner Flucht aus der Heimat und aus Mortlake mit mir begeben hat! – Ich sehe unser gebrechliches Segelboot auf dem Kanal im Sturm, lebe nochmals die Todesangst meiner Gattin Jane mit, die sich furchtverzehrt an mich klammert und wimmert: "Mit dir, John, sterbe ich gern. Mit dir sterben, oh, wie gern! Nur laß mich nicht allein ertrinken, – nicht in die grüne Tiefe gehen, aus der es kein Wiederkommen mehr gibt!" – Und dann die elende Fahrt durch Holland: Rasten und Nächtigen in den elendsten Spelunken, um das knappe Reisegeld zu sparen. Hunger und jämmerliches Frieren, ein erbärmlicher Landstreicherzug mit Weib und Kind und dem straßenfindigen Apothekerkrämer, ohne dessen Jahrmarktsgaukeleien wir doch niemals durch den harten frühen Schneewinter des 1583. Jahres da droben in der deutschen Tiefebene hindurchgekommen wären.

Dann haben wir uns in grimmiger Kälte nach Polen durchgeschlagen. In Warschau ist es dem Kelley gelungen, mit einer Spur von dem weißen Pulver des Heiligen Dunstan, aufgelöst in einem Glase süßen Weins, einen Wojwoden von der fallenden Sucht in drei Tagen zu heilen, so daß wir mit herrlich neugefüllter Tasche weiterziehen konnten zu dem Fürsten Laski. Der nahm uns auf mit großen Ehren und verschwenderischer Gastfreundschaft. Wohl ein Jahr lang fraß sich Kelley dort fett und rund, und er konnte sich nicht genugtun, mit verstellter Geisterstimme dem eitlen Polen sämtliche Kronen Europas zu versprechen, bis ich dem Schwindel ein Ende machte und auf Abreise nach Prag drängte. – So zogen wir denn, nachdem Kelley so ziemlich alles, was wir – oder er – ergaunert, verpraßt hatten, nach Prag von Krakau aus, wohin mir Briefe der Königin Elizabeth mit Empfehlungsschreiben an Rudolf den Habsburger geworden waren. – In Prag wohnte ich jetzt mit Weib, Kind und Kelley bei dem hochgelehrten Leibarzt der Majestät, Herrn Doktor Thadäus Hajek, in dessen stattlichem Haus am Altstädter Ring.

Heute ist also der Tag der ersten, für mich so ungeheuer wichtigen Audienz bei dem Fürsten unter den Adepten, dem Adepten unter den Königen, bei Kaiser Rudolf, dem Geheimnisvollen, Gefürchteten, Verhaßten und Bewunderten! Neben mir der zuversichtliche Edward Kelley; er läßt sein Rößlein tänzeln, als gehe es wieder zu einem Bankett wie jahrszuvor im Holzschloß des Polen Laski. – Mir aber ist das Herz schwer von Ahnungen wenig besonnter Art, und die finstere Natur Kaiser Rudolphs droht mit einem schwarzen Wolkenschatten, der soeben über die glänzende Fassade der Burg da droben hinstreicht. – Die Hufe unserer Pferde dröhnen, wie wir durch den gähnenden Rachen eines düsteren Turmtores reiten am Ende der Brücke; fern hinter uns liegt, abgeschlossen wie durch Mauerwände, die heitere Welt des Alltagstreibens fröhlicher Menschen. Freudlos schweigende Gassen hingeduckter, furchterfüllter, hochgeklebter Häuser steigen bergan. Schwarze Paläste wie Torhüter der drohenden Geheimnisse, die um den Hradschin lagern, schieben sich in den Weg. – Breit öffnet sich die majestätische Schloßauffahrt, die Kaiser Rudolfs kühne Baumeister in den Berg gesprengt und dem engen Waldtal abgerungen haben. Vor uns, fern auf der Höhe, ragen die trotzigen Türme eines Klosters: "Strahov!" sagt eine Stimme in mir: Strahov, das hinter seinen schweigenden Mauern so manch lebendigen Toten birgt, den der Blitz des Verhängnisses aus den düsteren Augen des Kaisers traf und der noch von Glück sagen darf, daß sein Weg dort geendet hat und er nicht jene andere schmale Gasse hinab von der Burg zur Daliborka schreiten mußte nächtlicherweise, wo er dann für diese Lebenszeit das Licht der Sterne zum letztenmal gesehen hätte. – Doppelt, dreifach stehen die Hausbauten der kaiserlichen Dienstleute übereinander gleich Schwalbennestern am Felsen befestigt, jede auf dem Dache des andern fußend: die Habsburger wollen um jeden Preis eng umgeben sein von ihrer deutschen Leibwache; sie trauen nicht dem Wellenschlag des fremden Volkes da drunten über der Moldau. Zusammengerafft steht der Hradschin in gesträubter Rüstung über der Stadt; aus allen Torgängen hier droben raschelts und klirrts von immer bereitem Zaumzeug und Waffen. Wir reiten langsam bergan; aus den kleinen Fenstern über uns betasten mich fortwährend mißtrauische Blicke; schon zum drittenmal sind wir unversehens von vortretenden Wachen angehalten und nach Weg und Ziel gefragt worden; der Audienzbrief des Kaisers wird immer wieder und wieder geprüft. – Wir reiten hinaus auf die prächtige Rampe, und tief unter uns liegt das hingebreitete Prag. – Wie der Blick eines Gefangenen in die Freiheit hinaus, so ist meine Umschau. Hier oben drosselt eine würgende unsichtbare Hand; hier oben ist der Gipfel des Berges ein Kerker! – Silberner Duft liegt über der Stadt da unten. Die Sonne unter uns glostet aus dunstigen Schleiern. Da blitzen mit einemmal im lichtstaubigen Graublau des Himmels dort drüben silbrige Striche auf: Taubenschwärme kreisen, spiegeln sich in der stillen Luft und verschwinden hinter den Türmen der Teynkirche. – Lautlos – unwirklich. – Aber ich nehme die Tauben über Prag für ein gutes Omen. Der hochgewölbte Bau des Niklasdoms dicht unter uns verkündet mit dem Glockenschlag die zehnte Morgenstunde; ein scharfer befehlender Uhrklang irgendwoher aus dem Gemäuer der Burg vor uns wiederholt mit bestimmter und schneller Glockentrommel das Zeichen der Stunde; es ist hohe Zeit! Der uhrenfanatische Monarch ist gewohnt, auf die Sekunde genau seine Zeit einzuhalten. Weh dem, der unpünktlich vor ihn treten wollte! Noch fünfzehn Minuten – denke ich –: dann werde ich vor Rudolf stehen.

Wir haben die Höhe erreicht und könnten die Rößlein traben lassen, aber auf Schritt und Tritt strecken sich uns die Hellebarden in den Weg: des Revidierens ist kein Ende. – Endlich donnert unter unsern Pferden die Hirschgrabenbrücke, und wir umreiten den stillen Park des einsiedlerischen Monarchen.

Das grünkupferig, wie von einem unförmigen Schiffskiel bedachte, luftige Bauwerk des Belvederes taucht aus alten Eichen vor uns auf. Wir springen aus den Sätteln.

Mein erster Blick fällt auf die Steinreliefs, die am Sockel der zierlichen, von säulengetragenen Bögen ringsum gebildeten Loggia eingelassen sind. – Simsons Kampf mit dem Löwen ist da abgebildet, und gegenüber: Herakles, der den nemeischen Löwen erwürgt. Das sind die Symbole, mit denen Kaiser Rudolf sich den Eingang in sein allerletztes Refugium wie ein Abwehrzeichen flankiert. Es ist ja bekannt, daß der Löwe sein Lieblingstier ist, und daß er sich in einen mächtigen Berberlöwen als wie seinen Begleithund gezähmt hat, mit dem er selbst seine Vertrauten zu erschrecken liebt. – – Öd und still ists ringsumher. Niemand da, uns zu empfangen? Soeben klirrt ein gläserner Ton zum Zeichen des ersten Viertels der elften Stunde. Auch hier die Uhren!

Und mit dem Schlag öffnet sich die schlichte Holztür. Ein eisgrauer Diener lädt uns wortlos zum Eintritt. Plötzlich sind Stallknechte da, um unsere Pferde entgegenzunehmen. Wir stehen in der langen, kühlen Halle des Belvederes. Es riecht nach Kampfer zum Ersticken: der ganze Raum ein vollgestopftes Naturalienkabinett. Glaskasten an Glaskasten mit seltsamem, exotischen Inhalt. Lebensgroße Puppen von wilden Menschen in den seltsamsten Stellungen und Verrichtungen; Waffen; riesige Tiere; Geräte aller Art, Fahnen der Indianer und Chinesen; Kuriositäten der beiden Welten in unabsehbarer Fülle. – Wir bleiben auf den Wink unseres Führers vor dem Schreckphantom eines mächtigen, zottig behaarten Waldmenschen mit satanisch grinsendem Schädel stehen. Kelleys kecker Mut hat sich in die innersten Falten seines Pelzmantels verkrochen. Er flüstert etwas von bösen Geistern. – Ich muß lächeln über den Marktschreier, der sich vor seinem Gewissen nicht fürchtet, wohl aber vor einem ausgestopften Gorilla.

Aber im selben Augenblick erschrecke ich selbst bis in die Nieren: ein schwarzes Gespenst biegt lautlos um die Ecke des Affenkastens und vor uns steht eine hagere Gestalt; gelbe Hände raffen einen schäbigen schwarzen Tuchmantel und spielen unruhig unter den Falten mit einer deutlich sich abzeichnenden Waffe, wohl einem kurzen Dolch; darüber ein bleicher Vogelkopf, in dem gelbe Adleraugen lodern –: der Kaiser!

Sein fast schon zahnloser Mund ist dünn gefaltet. Nur die schwere Unterlippe hängt schlaff und bläulich über dem harten Kinn. – Sein Raubvogelblick überfliegt uns. Er schweigt.

Mein Kniefall scheint ihn eine Sekunde zu spät zu kommen. Dann aber, als wir geneigten Hauptes vor ihm in den Knien verharren, macht er eine wegwerfende Handbewegung:

"Dummes Zeug. Steht auf, wenn Ihr was Rechtes seid. Andernfalls schert euch und bestehlt mich nicht um meine Zeit!"

Das sind die Begrüßungsworte des erhabenen Rudolfs.

Ich beginne meine lang zuvor sorgfältig bedachte, wohlgefaßte Rede. Ich komme kaum bis zur Erwähnung der gnädigen Fürbitte meiner mächtigen Monarchin, da unterbricht der Kaiser schon wieder mit Ungeduld:

"Lasset sehen, was ihr könnt! Grüße der Potentaten bestellen mir meine Gesandten bis zum Überdruß. – Ihr behauptet, die Tinktur zu besitzen?"

"Mehr als dies, Majestät."

"Was: mehr?" faucht Rudolf. "Frechheiten bewirken bei mir nichts!"

"Ergebenheit, nicht Übermut, laßt uns unsere Zuflucht zu der Weisheit des Hohen Adepten nehmen ..."

"Einiges nur ist mir vertraut. Genug, um euch vor Betrug zu warnen!"

"Ich suche nicht um den Vorteil, Majestät! Ich suche die Wahrheit."

"Wahrheit?!" – der Kaiser hüstelt ein böses Greisenlachen. – "Bin ich ein Schwachkopf wie Pilatus, um euch nach Wahrheit zu fragen? Ich will wissen: habt ihr die Tinktur?"

"Ja, Majestät."

"Her damit!"

Kelley drängt vor. Er trägt die weiße Kugel aus Sankt Dunstans Grab in einem Lederbeutel tief in seinem Wams verborgen:

"Euer allmächtige Majestät wolle uns doch nur versuchen!" – beteuert er gröblich.

"Wer ist das? Euer Laborant wohl und Geisterseher?"

"Mein Mitarbeiter und Freund: Magister Kelley", antwortete ich, im Innersten spürend, wie Gereiztheit in mir aufkeimt.

"Quacksalber seines Zeichens, wie ich sehe", zischt der Monarch. Sein uralter, von allzuvielem Durchschauen müde gewordener Geierblick streift kaum den Apotheker. Dieser knickt wie ein gezüchtigter Gassenjunge und schweigt.

"Erzeige uns die Majestät die Gnade, mich anzuhören!" beginne ich nochmals.

Fast wieder Erwarten winkt Rudolf. Der graue Diener bringt einen kahlen Feldstuhl herbei. Der Kaiser setzt sich und gibt mir kurz nickend Erlaubnis.

"Euer Majestät fragen nach der Tinktur der Goldmacher. Wir besitzen die Tinktur; aber wir besitzen und – wir hoffen zu Gott, wir sind dessen würdig – wir erstreben mehr."

"Was wäre wohl mehr als der Stein der Weisen?" – der Kaiser schnippt mit den Fingern.

"Die Weisheit, Majestät."

"Seid ihr Pfaffen?"

"Wir ringen um die Würde der Adepten, in deren Zahl wir die Majestät Kaiser Rudolfs wissen."

"Mit wem ringt ihr da?" spöttelt der Kaiser.

"Mit dem Engel, der uns befiehlt."

"Was ist das für ein Engel?"

"Es ist der Engel ... des westlichen Tores."

Der Geisterblick Rudolfs erlischt hinter gesenkten Lidern: "Was befielt euch der Engel?"

"Die Alchemie beider Naturen: die Transmutation des Sterblichen in das Unsterbliche. Den Eliasweg."

"Wollt ihr auch wie der alte Jude auf dem feurigen Wagen in den Himmel fahren? Das hat mir schon mal einer vorgemacht. Er hat sich dabei den Hals gebrochen."

"Der Engel lehrt uns keine Gauklerstücke, Majestät. Er lehrt uns die Bewahrung des Leibes übers Grab hinaus. Hierfür kann ich der Adeptschaft der kaiserlichen Majestät Beweis und Zeugnis anbieten."

"Ist das alles, was ihr könnt?" – der Kaiser scheint einzuschlafen. Kelley wird unruhig.

"Wir könne noch mehr. Der Stein, den wir besitzen, tingiert jegliches Metall – – –"

Der Kaiser schnellt vor: "Beweis!"

Kelley nestelt seinen Beutel los.

"Der großmächtige Herr kann befehlen. Ich bin bereit."

"Du scheinst mir ein recht waghalsiger Bursche, du! Aber offenbar von hellerem Verstand als der da!" – der Kaiser deutet auf mich.

Würgende Kränkung droht mich zu ersticken. Kaiser Rudolf ist kein Adept! Er will Gold machen sehen! Der Anblick eines Engels und seiner Zeugnisse, das Geheimnis der Unverweslichkeit ist seiner Seele fremd oder ein Gespött. Geht er den Weg der linken Hand? – – Da sagt der Kaiser plötzlich:

"Wer mir unedles Metall in edles verwandelt, daß ich es mit Händen greifen kann, der mag mir nachher von Engeln erzählen. Den Projektenmachern sucht weder Gott noch der Teufel heim!"

Mir gibts einen Stich, ich weiß nicht warum. – Jetzt hebt sich der Kaiser rascher und straffer, als der kränklichen Greisengestalt zuzutrauen schien. Der Hals reckt sich vor. Der Geierkopf wendet sich beutesichtend, ruckartig nach allen Seiten und nickt der Wand zu.

Eine Tapetentür öffnet sich plötzlich vor uns.

Wenige Augenblicke darauf stehen wir in der kleinen Versuchsküche Kaiser Rudolfs. Sie ist mit allem Gerät wohl versehen. Der Tiegel harrt beim gut unterhaltenen Kohlenfeuer. Rasch ist alles bereit. Der Kaiser selbst tut mit werkgewohnter Hand den Dienst des Laboranten. Er wehrt mit heftiger Drohung jedem helfenden Zugriff. Sein Mißtrauen ist grenzenlos. Die Maßregeln, die er mit aller Umsicht trifft, müssen einen Betrüger zur Verzweiflung bringen. Es ist unmöglich, gegen den Kaiser falsch zu spielen. Plötzlich wird leiser Waffenlärm hörbar. Vor der Tapetentür, ich fühl es, lauert der Tod ... Rudolf macht kurzen Prozeß mit landfahrenden Adepten, die ihm Schwindeleien aufzutischen wagen. –

Kelley erbleicht, schaut mich hilfesuchend an und zittert heftig. Ich fühle, er denkt: Was, wenn jetzt das Pulver versagt?! Ihn packt die Landstreicherangst ...

Blei zischt im Tiegel. Kelley schraubt die Kugel auf. Argwöhnisch beobachtet ihn der Kaiser. Er befielt die Kugel in seine Hand. Kelley zögert; ein Schnabelhieb des Adlers trifft ihn:

"Ich bin kein Dieb, Tabulettkrämer! Gib her!"

Rudolf prüft, sehr lang, sehr genau, das graue Pulver in der Kugelhälfte. Sein höhnisch gekniffener Mund lockert sich langsam. Die bläuliche Unterlippe fällt aufs Kinn. Der Geierkopf bekommt einen nachdenklichen Ausdruck. Kelley bezeichnet die Menge der Dosis. Der Kaiser befolgt jede Weisung gewissenhaft und pünktlich wie ein an Gehorsam gewohnter Laborant; er stellt seine Bedingungen gerecht. – –

Das Blei fließt. Nun tingiert der Kaiser. Jetzt ist auch schon die Projektion kunstgerecht vollendet: das Metall fängt an zu brodeln. Der Kaiser gießt die "Mutter" ins kalte Wasserbad. Er hebt mit eigener Hand den Klumpen ans Licht: rein schimmert das Silber.

Heiße Nachmittagssonne flirrt über den Baumgarten, durch den wir fröhlichen, fast übermütigen Sinnes reiten, Kelley und ich. Kelley klimpert mit der silbernen Gnadenkette, die ihm Kaiser Rudolf heute vormittag umgelegt hat. Die Worte des Kaisers waren gewesen: "Silber für Silber; Gold für Gold, Herr Quacksalber. Das nächste Mal die Probe, ob ihr das Pulver selbst gemacht habt und wieder machen könnt. Die Krone, merke dir, ist nur für den Adepten: Ketten deuten auf – Ketten!"

Mit dieser überaus deutlichen Drohung waren wir für diesmal aus dem Belvedere entlassen, ohne der klirrenden Schergen ansichtig geworden zu sein.

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