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Der Engel vom westlichen Fenster

Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
titleDer Engel vom westlichen Fenster
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages5-523
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1927
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Ich habe keine Lust jetzt, dem neuen Rätsel dieser mir ins Haus geschneiten Frau Fromm nachzugrübeln. Es ist kein Zweifel: sie wird von sogenannten alternierenden Bewußtseinszuständen ergriffen. Ihr Fall wäre für einen Arzt keine Seltenheit; Pubertätshysterie würde er es nennen. Fixierte Traumbilder. Dramatisierte Wahnvorstellungen. Erlebnis einer Fremdpersönlichkeit an sich selbst. In diesem Fall wäre die Fremdpersönlichkeit offenbar in ein vergangenes Jahrhundert projiziert. Das alles ist nichts Außergewöhnliches. –

Aber Richmond? Und die Ähnlichkeit des geträumten Ehemannes mit mir? – – Auch solche Fälle sind den Ärzten bekannt. Was wäre Ärzten überhaupt nicht bekannt! – Solche Art Kranker klammert sich mit Vorliebe an eine Vertrauensperson ihrer Umgebung. – Vertrauensperson? Bin ich denn eine Vertrauensperson für sie? Freilich bin ichs; habe ich nicht selbst soeben noch zu ihr gesagt: "Helfen wir uns also gegenseitig!" Wenn ich nur wüßte, was die Worte von ihr bedeuten sollen: "Ich habe viel an Ihnen gutzumachen!" Ist das die Sprache einer somnambulen Hysterika? – Nun, es wird sich zeigen, ob ich mir da eine Person zugelegt habe, die nicht immer ganz richtig im Kopf ist. Allerdings eine innere Stimme will mir ganz anderes zuflüstern; ich darf dem aber nicht nachgeben, sonst laufe ich aufs neue Gefahr, mich selbst zu verwirren oder – zu verlieren. Und was ich zu tun habe, wenn mein Schicksal einen Sinn bekommen soll, das weiß ich nur zu gut. Das Schicksal der meisten "normalen" Menschen hat, genau besehen, leider so gut wie gar keinen Sinn.

Also rasch wieder an die Arbeit!

Vor mir liegt schon ein neues, stark verknotetes Bündel, das ich, der erhaltenen Traumvorschrift des – ja: des Baphomet eingedenk, wahllos aus der Schublade gegriffen habe.

Vielleicht finde ich darin den Schlüssel der neuen Rätsel?

Ein fester schwarzer Ganzlederband liegt vor mir mit der Aufschrift:

"Private Diary."

Auf der zweiten Seite steht in John Dees Handschrift:

Logg-buch meiner ersten Entdeckungsfahrt nach dem wahren und wahrhaftigen Grönland, dem Tron und der Krone des ewigen Engelland.

Den 20. November im 158ten Jahr nach der Geburt des Herrn.

Es ist nun entschieden und offenbar, daß meine Bedenken gerecht und wohl begründet gewesen sind, als ich annahm, Grönland, das ich der irdischen Macht der Königin Elizabeth zu unterwerfen gedacht hatte, sei – hier auf Erden zu finden.

Mich hat der Erzschelm und Betrüger Bartlett Green vom ersten Tage meiner Verbindung an, die ich in eitler Verblendung mit den Ravenheads einging, aufs schändlichste genasführt und mit den teuflischsten Mitteln auf Irr- und Abweg gelockt. Geht es wohl fast allen Menschen so, daß sie hier auf Erden sich Mühsal aufladen, weil sie nicht erkennen, daß drüben gegraben werden soll und nicht hier; sie haben den Fluch des Sündenfalles nicht begriffen! Sie wissen nicht, daß hier nur gegraben werden soll im Sinne des 'Drüben'-findens. Mir hatte der Bartlett einen Weg des geistlichen Verderbens zugedacht, als er mir eingab, hier auf Erden die Frucht meines Ehrgeizes zu suchen, damit ich nicht gewahr würde, daß die Krone 'drüben' ist. Hat mir ein Weg der Mühen, Enttäuschungen, Kümmernisse und der Verräterei sein sollen, so mich vorzeitig grau und des Lebens überdrüssig hätte machen mögen.

Übergroß war die Gefahr für das wahre Ziel nicht allein meiner Seele, sondern auch wollte er verhindern, daß die Berufung meines Stammes und Geschlechtes, das Höchste zu erlangen, was einem vom Sündenfall Heimkehrenden beschieden ist, in Erfüllung gehe. Sein Rat, ich solle den Weg hiezu auf dem Pfade zu irdischer Macht und Krönung suchen, war grundfalsch. Heute weiß ich gewiß, daß mir bestimmt ist, mein Grönland und Kronland: 'drüben' zu suchen, und daß mein ganzes Leben nie einen andern Sinn gehabt hat. Drüben, wo die unversehrte Krone der Geheimnisse und die 'jungfräuliche Königin' ihres Königs harren.

Es ist nun heute der dritte Tag, daß ich frühmorgens bei hellen und wachen Sinnen ein 'Gesicht' hatte, das mit Traum und dergleichen nicht das geringste zu tun hat. Ich wußte früher kaum, daß es etwas giebt, was jenseits liegt von Wachen, Träumen oder Tiefschlaf oder Besessenheit: etwas Fünftes, Unerklärliches: ein Sehen von bildhaften Vorgängen, die mit der Erde nichts zu schaffen haben. Es war das Gesicht, das ich hatte, auch so ganz anders als jene, die mir der Kohlenspiegel des Bartlett einst im Tower gewiesen. Es war eine Prophezeiung in Symbolen, so mags mir erscheinen.

Ich sah einen grünen Hügel und wußte, daß er Gladhill sei, der Hügel meines Stammhauses, so, wie er im Wappen der Dees stolz und fröhlich steht. Es stak aber nicht das silberne Schwert in seiner Kuppe, sondern so wie im andern Felde des Wappens ragte auf einer sanften Höhe der grüne Baum hervor und zu dessen Füßen sprudelte der lebendige Quell herab in munterem Lauf. Mich freute der Anblick und ich strebte aus weiter dunstiger Ebene her diesem Hügel zu, um mich am alten Bronnen meines Geschlechtes zu erquicken. Es war ein Wunder, wie ich zugleich alles, was als wirklich und dennoch als Sinnbild empfand.

Wie ich nun den Hügel hinanstrebte, erkannte ich mit innerer brennender Klarheit auf einmal, daß ich selber der Baum auf dem Hügel war und daß ich in seinem Stamm, als meinem Rückenmark, mich zum Himmel aufrecken wollte und daß ich in allen seinen Zweigen und Ästen, als den äußerlich sichtbar gewordenen Strängen und Zweigen meiner Nerven und Blutadern mich in die Lüfte dehnte. Und ich spürte die Säfte und Gefühle des Blutes und der Freude pochen in dem Adern- und Nervenbaum vor mir und war dabei meiner selbst bewußt in ihm mit Stolz. Die silberne Quelle aber zu meinen Füßen spiegelte mir ins Unendliche meine Kinder und Kindeskinder, als seien sie aus der Zukunft herabgekommen zum Feste einer nahenden und doch jetzt schon gegenwärtigen Auferstehung ins Ewige Leben. Das Antlitz eines jeden von ihnen war verschieden, aber die Ähnlichkeit mit mir trugen sie alle; mir war, als sei ich es, der ihnen den Stempel unseres Geschlechtes aufgeprägt hätte, sie dadurch für immer vor Tod und Untergang zu bewahren. Das fühlte ich mit weihevollem Stolz. – Nun ich näher trat zu dem Baume, sah ich in seinen höchsten Wipfeln wie einer Krone plötzlich ein doppeltes Gesicht; das eine davon schien männlich, das andere aber weiblich und beide Häupter waren in eins gewachsen. Und über diesem Doppelhaupt schwebte in goldenem Licht eine Krone unter einem Krystall von unaussprechlichem Glanze.

Alsbald erkannte ich in dem weiblichen Antlitz meine Herrin Elizabeth und hätte gern laut aufjubeln mögen, daran mich aber ein unerwarteter reißender Schmerz jäh verhinderte, denn ich sah und fühlte den männlichen Kopf nicht als den meinen, sondern als einen jüngeren und in allen Zügen unbekümmerten, als ich seit den Tagen meiner unschuldigen Jugend auf den Schultern getragen. Zwar wollte mich eine Art Wehmut betrügen, als ob ich dieser Baumgeborene selber und dieser eben nur in meinen verloren gegangenen Kinderjahren sei, doch unbarmherzig durchschaute ich alsbald den Betrug und erkannte klar, daß nicht ich aus jenem Doppelhaupt blickte, sondern ein Ferner, ein aus dem Quell zu meinen Füßen Gestiegener, ein in dieser meiner Zeit mir Unerreichbarer, ein – Anderer! – – –

Und ein wütender Schmerz fiel mich an, daß nicht ich, sondern ein Anderer aus meinem Blute und Samen, ein ganz Später: der Erbe der Krone und der mit meiner Elizabeth untrennbar Vereinigte sein sollte. Und in meinem Zorn hob ich die Hand wider mich – den Baum – gleichsam, um ihn zu fällen. Da sprach der Baum aus der Tiefe meines Rückenmarks hervor:

"Thörichter, der du noch immer dich selbst nicht erkennst! Was ist die Zeit? Was ist die Wandlung? – Auch nach Jahrhunderten bin ich: – Ich nach dem hundertsten Grab; bin ich: nach der hundertsten Auferstehung! An den Baum willst du die Hand legen, der du selber nur ein Ast bist und nichts als ein Tropfen aus dem Quell zu deinen Füßen?!"

Da schaute ich erschüttert zu der Krone des Deebaumes hinauf und sah, wie der Doppelköpfige zugleich die Lippen bewegte, und ich hörte aus unendlicher Höhe und Ferne ein Rufen, das wie nur mit großer Mühe zu mir herabdrang:

"Ein Mensch, der lange glaubt, lebt zuletzt! – Wachse mir zu, so bin ich du! – Erlebe dich selbst, so wirst du mich erleben, mich den – Baphomet!"

Ich stürzte nieder zu Füßen des Baumes und umfing seinen Stamm mit ehrfürchtigen Händen, und mich schüttelte solches Weinen, daß ich die Vision nicht mehr sehen konnte durch den Schleier der Tränen und die nüchterne Nachtlampe in meinem Zimmer wieder erblickte und das erste Grauen des Morgens draußen vor den Ritzen der geschlossenen Fensterläden. Die Stimme des Baumes hörte ich auch da noch, und sie sagte wie aus meinem Innern heraus:

"Unsterblich willst du werden? – Weißt du, daß dieser Verwandlungsweg viele Processe des Feuers bedarf und des Wassers?! Es muß die Materia durch vielerlei Leiden gehen!"

– – –

Dreimal jetzt ist mir als in Gesichten des frühen Morgens das Bild und der Sinn und der Weg gewiesen worden. Der Weg, daß ich zu mir selber gelange nach der Zeit und nach dem Grabe, – es sei, wann es wolle – ist zweifach. Der eine Weg ist gar unsicher, zufällig, ein ausgestreuter Brosam, den vielleicht die Vögel des Himmels auffressen, ehe ich die Straße wiederkehre. Ich will ihn dennoch versuchen, denn er kann, wenn es damit glückt, ein mächtiges Hülfsmittel sein, mich – dereinst wieder zu erinnern. – Und was ist Unsterblichkeit, wenn nicht: Erinnerung? –

Also wähle ich den magischen Weg der Schrift und schreibe nieder mein Schicksal, und was mir davon offenbart ist, in dieses Diary, das ich auf gewisse Art geweiht und gefeit habe gegen den Verderb der Zeit und der bösen Geister, Amen.

Du Ferner aber, du Anderer, der du nach mir kommst, und am Ende der Tage des Baumes dies Buch liest: denke daran, von wannen du bist und daß du aus der silbernen Quelle gestiegen bist, die den Baum tränkt und die der Baum aussendet. Und hörst du dein Rauschen in dir und wachsen dir seine Zweige durch dein Fleisch: so beschwöre ich, John Dee, Baronet of Gladhill, dich, daß du schauest in dich und dich aufweckst aus den Gräbern der Zeit und erkennst: Du bist ich! – – –

Es ist aber noch ein anderer Weg, den ich mir selber schuldig bin zu gehen, wie ich hier lebe im Fleisch und in Mortlakecastle: das ist der Weg der Alchyimisierung dieses Leibes und dieser Seele, daß sie Unsterblichkeit erlangen mögen beide: in dieser gegenwärtigen Zeit.

Und diesen Weg kenne ich nicht erst seit heute, sondern ich gehe ihn jetzt bald schon ins dritte Jahr; und habe ich große Ursache zu glauben, daß die Gnade jener mir dreimal hintereinander am frühen Morgen erschienenen Visionen schon eine merkliche Folge und gleichsam ein erster Lohn und Fruchtgewinn aus solch steter Mühe ist. – Seit zwei Jahren ist mir ein Licht aufgegangen, worin die wahre Alchymie besteht, und schon um Weihnachten 1579 habe ich mir hier in Mortlake eine chymische Küche erbauen und mit allem Nötigen wohl versehen lassen, – auch mir einen tüchtigen Laboranten aus Shrewsbury verschrieben, so sich mit mir am Christtag jenes Jahres unversehens angemeldet und vorgestellt hat und seitdem treu, fleißig in allen Dingen redlich und über alles Erwarten in der Geheimen Kunst gar wohl unterrichtet und erstaunlich reich an allerlei Erfahrung erwiesen hat. Selbiger Laborant ist Master Gardener geheißen und mir recht ans Herz gewachsen als ein Freund, der wohl mein Vertrauen verdient, denn er hat jederzeit das Meine treulich wahrgenommen und ist mir mit Eifer und gutem Rat allerwegs zur Hand gegangen, was hier ausdrücklich bekennet und mit gerechtem Dank festgelegt stehen soll. Leider jedoch haben sich in letzter Zeit die Anzeichen gemehrt, daß das hohe Wissen sowohl, wie insbesondere das Vertrauen, das ich ihm schenke, hochfahrend und störrisch gemacht haben, so daß er mir öfters mit Widerspruch, unerbetenen Warnungen und Ermahnungen, die mir nicht passen, entgegentritt. Ich hoffe, daß er solches bei Nächsten lassen und in mir den Brotgeber, wenn auch allzeit ihm wohlgeneigten Herrn wieder erkennen wird. – Es ist aber mein Streit mit ihm nicht allein um der Ausübung und rechten Methode der Kunst der Alchymie willen, sondern er glaubt auch, sich meinem Verkehr mit den frommen Geistern der andern Welt von Drüben, den anzubahnen er mir vor einiger Zeit auf die merkwürdigste Weise gelungen ist, widersetzen zu sollen. Daß dabei unmöglich ein Betrug der höllischen Geister, wie er meint, vorliegen könne, noch auch eine Fopperei derer Erd- und Luftwesen, erhellt mir schon aus der Tatsache, daß dabei allezeit ein frommes und inbrünstiges Gebet zu Gott und dem Heilbringer aller Kreatur, Jesus Christus, die Beschwörung der jenseitigen Welt einleitet und zuletzt auch wiederum das Werk beendet. Es zeigen sich desgleichen die Stimmen und Geister, die sich mir dabei offenbaren, stets so gottesfürchtig und all ihr Tun und Redestehen geschieht immer so ganz ausdrücklich im Namen der heiligen Dreifaltigkeit, daß ich Gardeners Warnung, sie seien maskierte Teufel, nimmermehr glauben kann und will. Zumal ihre Belehrungen, die sie mir erteilen, wie der Stein der Weisen und das Salz des Lebens zu bereiten sei, straks denen entgegenlaufen, die er behauptet zu kennen. Ich nehme an, daß sie ihn, der glaubt, alles zu wissen, in seiner Eitelkeit verletzen. Solches ist meinem menschlichen Verstehen keineswegs unbegreiflich, doch mag ich seine Widersprüche, so gut sie auch gemeint sein könnten, nicht länger hinnehmen. Ich will nur glauben, daß sich mein Laborant hier gründlich irrt, wenn er behauptet, gegen die maßlose Tücke der Bewohner der andern Welt sei nur jemand gefeit, der den ganzen heimlichen Proceß der geistigen Wiedergeburt in seinem Innern durchgemacht hat, als da sind: die mystische Taufe mit Wasser, mit Blut und mit Feuer, das Erscheinen von Buchstaben auf der Haut, das Schmecken von Salz auf der Zunge, das Hören eines Hahnenschreis und anderes mehr, wie zum Beispiel, daß man ein Kind im Leibe weinen hören müsse. Wie das zu verstehen sei, das will er nicht sagen; er behauptet, er sei durch ein Gelübde zum Schweigen verpflichtet.

Da ich immerhin wankend wurde, ob nicht am Ende doch Teufelsspuk mich narrt, habe ich gestern in Abwesenheit Gardeners, meines Laboranten, die Geister in geziemender Weise im Namen Gottes des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes beschworen, zu erscheinen und mir zu sagen, ob sie von einem gewissen Bartlett Green Kunde besäßen und ob er ihrer Freundschaft und Genossenschaft etwa gar würdig befunden worden sei. Hörte ich da zuerst ein seltsam pfeifendes Lachen in der Luft, was mich stutzig machen wollte, doch gleich darauf schienen die Geister mit solchem Getöse ihren Widerwillen gegen solche meine Zustimmung an den Tag zu legen und seltsam wie Metall klingende Stimmen rings um mich her ertönten aus den Wänden und aus dem Fußboden, die mir befahlen, jede Gemeinschaft mit selbigem Sendling der schwarzen Isaïs hinfort zu meiden, und sie sagten mir später in Gegenwart meiner anwesenden alten Freunde, Harry Price und Edmund Talbot, zum Zeichen, daß sie allwissend seien, ein Geheimniß, das nur ich allein kannte und sogar vor meiner Frau Jane bisher verborgen gehalten hatte. Sie verwiesen mir also jeden Verdacht gegen die Bewohner der andern Welt und sagten, meine Gemeinschaft mit Bartlett Green könne nur dadurch gebrochen werden, daß ich mich des Kohlenspiegels für immer entäußerte, den er mir damals im Tower geschenkt hat. Und im Namen Gottes befahlen sie mir, diesen Stein oder Kohlenkrystall auf der Stelle von mir zu tun und ihn zum Zeichen meiner Reue mit eigener Hand dem Feuer zu überantworten.

Damit hatte ich den schönsten Triumph über Gardener bekommen, der nur wortlos schwieg, als ich ihm erzählte, was mir die Geister befohlen hatten. In meinem Innern aber sagte ich mich heimlich von ihm los. Da mir außerdem an dem Bruch mit allem lag, was mich an Bartlett Green gemahnte oder gar binden könnte, so habe ich heute in der Früh den Kohlenspiegel aus seinem Versteck genommen und vor den Augen meines Laboranten Gardener in der alchymistischen Küche bei starkem Feuer verbrannt. Es ist aber zu meinem nicht geringen Erstaunen – Gardener verzog keine Miene dabei und machte nur ein ernstes Gesicht – die glatte Kohle bei grüner Flamme ohne irgend einen Rauch, auch ohne irgend eine Spur von Schlacke oder Asche zu hinterlassen, hell verbrannt.

Darauf sind nun wiederum ein Tag und eine Nacht vergangen, und in dieser Nacht erschien mir das höhnisch grinsende Haupt des Bartlett Green: ich nehme an, daß er grinste, um die Wut, die er doch empfinden mußte, weil ich seinen Kohlenspiegel verbrannt hatte, vor mir zu verbergen. Dann verschwand er in einem grünen Rauch, der seine Gesichtszüge derart verzerrte, daß es mir einen Augenblick schien: er habe sich in ein mir fremdes Antlitz verwandelt, – in das Gesicht eines mir unbekannten Mannes mit so glatt an den Wangen anliegenden Haaren, daß es fast aussah, als hätte er keine Ohren. Doch wird das wohl eine Einbildung von mir gewesen sein. – Hierauf träumte ich, ich sähe abermals den Baum auf Gladhill und hörte dabei seine Stimme, die da sagte:

"Fördere nun fleißig den heilsamen Proceß, welcher ist: Leiden des Stoffes, daraus das Elixier des ewigen Lebens soll gekocht und gewonnen werden." – Das machte mich beklommen und fast so schwermütig bis lange nach meinem Erwachen derart, daß es mich geradezu drängte, Gardener um Rat zu fragen und ob er vielleicht glaube, daß mir irgend ein Mißgeschick drohe; ich empfand es wie Wankelmut, mich an den Mann zu wenden, von dem ich mich doch innerlich losgesagt, aber meine Furcht überwog meinen Stolz auf mir unfaßbare Weise. Ich ging hinüber in die alchymistische Küche. Aber statt Gardener fand ich dort nur mehr einen Brief von ihm vor, in dem er sich in höflichen, aber dürren Worten von mir für lange, lange Zeit, wenn nicht für "immer", verabschiedete. – – – –

Ich erstaunte nicht wenig, als um die zehnte Morgenstunde, vorher von meinem Diener angemeldet, ein Fremder meine Stube betrat, dem wie ich auf den ersten Blick sah, die Ohren abgeschnitten waren. Die Narben rings um die Ohrlöcher verrieten mir, daß diese Verstümmelung vor nicht sehr langer Zeit stattgefunden haben müßte. Möglicherweise wegen eines Deliktes gegen die Staatsgesetze. Da ich wußte, daß leider nur zu oft Unschuldige hierzulande zu solcher Strafe verurteilt werden, beschloß ich, kein Vorurteil gegen den Fremden zu hegen. Zudem trugen seine Gesichtszüge keine Ähnlichkeit mit dem Antlitz, von dem ich des Nachts geträumt hatte. Ich nahm vielmehr an, es müßte sich um einen hellsehenden Traum für den kommenden Tag gehandelt haben. Der Fremde war größer gewachsen als ich und von breiter und derber Statur, die auf keine besonders vornehme Herkunft deutet. Sein Alter war schwer zu bestimmen, denn langes Haar und ein voller, ein wenig wirr zerzauster Spitzbart verbargen sein fast kinnloses Gesicht mit der fliehenden Stirn und der frech vorspringenden, schnabelartigen Nase. Er schien jedoch ziemlich jung zu sein und ich möchte ihn kaum älter als in den ausgehenden Dreißigern schätzen. Er hat mir später zu wissen gegeben, er habe noch nicht einmal das achtundzwanzigste Jahr vollendet. Er wäre also jünger noch als meine Frau Jane Fromont. Dennoch will dieser Mensch bei seinen geringen Jahren England der kreuz und quer, sowie auch Frankreich und die holländischen Provinzen bereist und vielerlei Fahrten unternommen haben. So ist auch sein Aussehen: abenteuerlich, unstät und nach den Furchen in seinem Gesicht zu schließen, vom Schicksal grausam durchgepflügt.

Er trat nahe auf mich zu und sagte mit gesenkter Stimme, er hätte mir wichtiges anzuvertrauen, dabei keinerlei Störung zu dulden wäre, weshalb ich die Türe von innen verschließen möchte. Hernach bei abgesperrter Kammer holte er ein altes Buch, in Schweinsleder gebunden, auf Pergament mit fleißiger Hand beschrieben und bemalt, umständlich aus einer verborgenen Tasche seine inneren Kleider hervor, schlug es auf und wies mir eine besondere Stelle. Ehe ich noch die krause, uralte Schrift zu lesen vermochte, frug er mich auf einmal mit bebender Stimme und mit sonderbar flackerndem Blick seiner stechenden Mausaugen: "ob ich ihm zu sagen und zu erklären wüßte, was eine 'Projektion' sei?" –

Woraus ich mit einem Schlage erkannte, daß er von der alchymistischen Metallverwandlung nur einen sehr unzulänglichen Begriff haben mochte. Ich antwortete ihm also, daß ich dieses eigentlich rein chymische Wissens allerdings mächtig wäre, und erklärte ihm den Vorgang der Projektion nach den Regeln der bekannten Wissenschaft. Er horchte scharf zu und schien zufrieden. Sodann, da er mir das Buch zur Hand ließ, bemerkte ich rasch, daß ein Werk von fast unschätzbarem Werte vor mir lag, nämlich eine Anweisung, wie der Stein der Weisen zur wahren alchymischen Bereitung des Leibes und zur Gewinnung des Elixiers der Unsterblichkeit hier und drüben herzustellen sei. Ich saß mit völlig betäubten Sinnen, unfähig eines Wortes, aber auch unfähig, meine Gefühle zu meistern, die in meinem Gesichte wohl ein ganzes Theater von aufgeregten Leidenschaften darstellen mußten, denn ich merkte, wie mich der Fremde unterweilen scharf ins Auge gefaßt hielt und ihm darum nichts von all meiner Erregung entging. Ich gedachte auch keineswegs, ihm etwas zu verbergen, klappte das Buch zu und sagte: "Ein feines Büchlein, fürwahr! Was wollet Ihr damit?" "Das Elixier und den Stein gewinnen, wie darinnen angezeigt", – antwortete er mit starker Verhaltung seiner ihm sichtlich aus den Augen sprühenden Angst und Gier. "Dazu ist vorerst erforderlich, daß einer das Buch lesen und verstehen möge", wendete ich ein.

"Könnet Ihr das und wollet Ihr Euer Edelmannswort geben und schwören auf Christi Leib und Blut?"

Ich antwortete, daß ich es gern tun wolle, daß aber damit nicht gesagt sei, das Werk müsse deshalb gelingen, denn es gäbe gar viele Bücher, die dergleichen Anweisungen enthalten und von der Bereitung des alchymistischen weißen und roten Pulvers handeln, und dennoch bliebe alle Arbeit nach ihrem Recepte vergebens.

Nach diesen Worten verzog sich das Gesicht meines Gastes fast erschreckend im Kampf seiner Empfindungen, die in seiner Seele losbrachen; Mißtrauen und Triumph, finsterste Zweifel und wichtigtuerischer Stolz wechselten in seinen Mienen mit der Geschwindigkeit eines entfesselten Gedankensturms. Plötzlich riß er über seiner Brust das Hemde auf und angelte einen ledernen Beutel hervor, den er auf dem bloßen Leibe verborgen getragen hatte. Er griff hinein, streckte den Arm gegen mich aus und ich sah: auf seiner Hand lagen – die beiden Elfenbeinkugeln des Mascee! Ich erkannte sie sofort, den sie trugen beide die Zeichen, die ich ihnen eingeritzt hatte, bevor ich sie damals zum Fenster hinausgeworfen hatte, als die Häscher des Bischof Bonner zu meiner Verhaftung in den Tower zu London geschritten waren. Diesmal gelang es mir besser als vorher, meine Gedanken und Gefühle zu meistern, und ich frug den Fremden mit scheinbarer Gleichgültigkeit, warum er mir die Kugeln mit so geheimnisvoller Gebärde entgegenhalte und was für eine Bewandtniß es mit ihnen habe. – Worauf er, ohne ein Wort zu sprechen, die weiße Kugel aufschraubte und mir darinnen ein graues feinkörniges Pulver verwahrt wies. Ich erschrak, denn die Farbe und Art der Materia gemahnten mich alsbald an die oft beschriebene materia transmutationis der alchymistischen Adepten. Mir wirbelte es im Kopf von einem Ansturm der wildesten Gedanken: wie war es nur möglich gewesen, daß ich in jener Angstnacht vor meiner Verhaftung nicht das offensichtliche Geheimnis dieser nur leicht verschraubten Kugeln erfaßt hatte! Wie war es möglich gewesen, daß ich stundenlang mit den Kugeln gespielt hatte und statt sie zu öffnen, mühselig Zeichen in die harte Schale des Elfenbeins einritzte, um sie dann in einem Anfall dunkeln Grauens aus dem Fenster zu werfen? Vielleicht war mir da, vor wohl dreißig Jahren nun, schon einmal das Geheimnis des Lebens in die Hände gespielt worden und ich hatte wie ein Kind, das Edelsteine für Kiesel hinwirft, mit blinden Sinnen das Geschenk des Himmels von mir gestoßen, um dafür ein Leben der Mühsal und der bittersten Enttäuschung wegen dieses mißverstandenen "Grönlands" auf mich zu nehmen! –

Indeß ich in solche trüben Grübeleien, die mein Gast wohl für zweiflerisches Mißtrauen nehmen mochte, auf die offenen Kugelhälften starrte, erlegte er behutsam auch die rote Elfenbeinkugel und aus der hohle Schale leuchtete mir das königliche Pulver, der "Rote Löwe" entgegen! Es war mir keinen Augenblick zweifelhaft, daß ich mich irren könnte. Die schiefrig purpurfarbenen Plättchen hatte ich allzuoft in den besten Schriften der alten Eingeweihten beschrieben gelesen, als daß ich mich über die Natur dieses Stoffes hätte täuschen können. Und nun drohte mich die Verwirrung der von allen Seiten her mich überstürmenden Gedanken schier zu überwältigen. Ich nickte nur stumm, als der Fremde mich mit heiserer Stimme fragte:

"Was nun haltet Ihr davon, Magister Dee?"

Ich sammelte alle Kraft meines Willens, die noch in mir war, und fragte dagegen:

"Woher kommen Euch diese beiden Kugeln?"

Der Fremde zögerte. Sagte dann unschlüssig:

"Vorerst will ich wissen, was Ihr von Buch und Kugeln vermeinet."

Ich antwortete:

"Ich halte dafür, daß man ihren Wert proben muß. Wenn beide halten, was sie versprechen, so ist es ein edler Besitz."

Mein Gast brummte etwas, was sich wie eine Äußerung der Zufriedenheit anhörte. Dann sagte er:

"Es freut mich, daß Ihr aufrichtig seid. Ich meine, ich kann Euch vertrauen. Ihr seid keiner von den Schwarzkünstlern, die danach lauern, wie sie andere Leute um Lohn und Gewinn betrügen können. Darum bin ich auch zu Euch gekommen als zu einem Ritter und Ehrenmann. Ihr sollt mir raten und helfen, und ich will mit Euch Halbpart machen."

Ich entgegnete ihm, daß er wohl daran täte, mir zu vertrauen, und daß ich allerdings der Meinung sei, es lohne sich, mit Buch und der Materie der beiden Kugel einen Versuch zu machen. – Nachdem wir in einem Vertrag die Umrisse eines Vertrags auf gemeinsame Arbeit und gegenseitiges Vertrauen besprochen haben, fragte ich ihn, wie er in den Besitz der beiden Dinge gelangt sei.

Folgende merkwürdige Erzählung gab er mir da zum besten:

Das Buch wie die Kugeln, so sagte er, stammen aus dem Grabe des Heiligen Dunstan, das wisse er gewiß. Als der Haufe der Ravenheads vor nunmehr wohl dreißig Jahren unter der Anführung eines gewissen, berüchtigten Bartlett Green das Grab erbrachen, hatte der Bischof unverwest darinnen gelegen, als sei er am selbigen Tage erst bestattet worden; er hätte das Buch in den gefalteten Armen gehalten und die Kugeln wären ihm auf sonderbare Weise auf Mund und Stirn befestigt gewesen. Die ketzerischen Plünderer waren grimmig enttäuscht gewesen, keinerlei Kleinodien bei dem Toten gefunden zu haben, wie der Bartlett sich erträumt, und hätten in ihrer Wut die Leiche des Bischofs in die Flammen der brennenden Kirche geworfen. Die Kugeln und das Buch aber waren von den Plünderern einem fremden Russen gegen geringes Geld verkauft worden, da sie nichts damit anzufangen gewußt."

"Aha, der Mascee!" dachte ich bei mir und forschte gespannt:

"Ein alter Mann, ein ehemaliger Geheimagent des vor langen Jahren im Irrsinn gestorbenen Blutigen Bischofs Bonner, – er hielt in London ein verrufenes Haus, das ich oft besucht und dort geschlafen habe" – setzte mein Gast, cynisch lachend hinzu, – "war vor mir der letzte Besitzer der beiden Dinge. Ich hatte sie bei ihm gesehen und sofort beschlossen, sie müßten mein werden, denn ich wußte seit langem, daß der Heilige Dunstan ein großer Adept gewesen ist und der Alchymie kundig. Es gelang mir auch gerade noch zur rechten Zeit, sie zu erwerben, denn in derselben Nacht wurde der Geheimagent – – – das heißt, er starb ganz plötzlich"; verbesserte sich der Fremde rasch. "Ich erfuhr von einer Dirne, die in dem verrufenen Hause lebte, der alte Kuppler hätte das Buch und die Kugeln im Auftrage des Blutigen Bonner vor vielen Jahren suchen sollen und sie auch gefunden, den Fund aber verheimlicht und die beiden Dinge für sich behalten. Die Kugeln seien dann auf eine unerklärliche Weise eine Zeit lang plötzlich verschwunden gewesen, dann aber wieder auf ebenso merkwürdige Weise zur Stelle gekommen."

"Seltsam!" – dachte ich bei mir, denn ich erinnerte mich genau, wie ich die beiden Elfenbeinkugeln doch vor meiner damaligen Verhaftung aus dem Fenster geworfen hatte.

"Und Ihr habt sie dem Geheimagenten vor seinem Tode abgekauft?" forschte ich.

"N-nein" – der Fremde wich meinem Blick aus und sah zur Seite, faßte sich jedoch rasch und sagte lauter, als notwendig gewesen wäre: "er hat sie mir geschenkt."

Ich fühlte deutlich, daß der Mann log, und es wollte mich der geschlossene Handel fast reuen. Hatte er vielleicht den alten Kuppler ermordet, um in den Besitz des Buches und der Kugeln zu gelangen? Auch zagte und schwankte ich sehr, denn das in der Nacht gehabte seltsame Gesicht von einem Menschen ohne Ohren wollte mir plötzlich wie eine Warnung scheinen. Doch gleich darauf beschwichtigte ich mich, daß mein Verdacht wohl unbegründet sei und der Fremde die beiden Dinge schlimmsten Falles nur gestohlen habe und auch das nur einem unehrlichen Finder. Zudem war die Versuchung so groß, im Mitbesitz dieser Köstlichkeiten zu bleiben, daß ich es nicht über mich bringen konnte, meinem Gast kurzerhand die Türe zu weisen, wie ich als Gelehrter und Adeliger vielleicht hätte tun müssen. Ich überredete mich vielmehr, ein von Gott gewolltes Schicksal hätte mir den Mann ins Haus gesandt, damit ich der Gnade des Steines der Unsterblichkeit teilhaftig werde. Auch sage ich mir: meine eigenen Wege in meiner Jugend sind nicht immer einwandfrei gewesen, weshalb ich kein Recht habe, gegenüber diesem verwegenen Gesellen da vor mir den Richter zu spielen. – Also beschloß ich nach kurzer Überlegung, meinem Schicksal nicht auszuweichen, und hieß den Fremden, der mir sagte, sein Name sei Edward Kelley, trotz allem in meinem Hause willkommen und gab ihm die Hand auf treuliche Untersuchung seiner Besitztümer und Erprobung auf ihre Echtheit und Wert. Er war, wie ich erfuhr, ein Winkelnotar in London gewesen, dann fahrender Apotheker und Quacksalber geworden, als er wegen Fälschung von Urkunden mit Abschneiden der Ohren durch den Stockmeister des Gefängnisses öffentlich bestraft wurde.

Nun wolle Gott lenken, daß er mir zum Segen ins Haus gekommen ist!

Ich habe ihn gänzlich zu mir genommen trotz der Vorstellungen meines lieben Weibes Jane, die von Anfang an einen heftigen Widerwillen gegen diesen Menschen mit den abgeschnittenen Ohren empfand.

Wenige Tage darauf machte ich mit ihn in meiner alchymistischen Küche den ersten Versuch mit den beiden Pulvern und er gelang weit über Erwarten: wir gewannen bei schon ganz geringer Projektion aus zwanzig Unzen Blei fast zehn Unzen Silber und aus demselben Quantum Zinn nicht viel weniger als zehn Unzen reines Gold. Die Mausaugen des Kelley glitzerten dabei wie im Fieber und ich entsetzte mich zu sehen, wie die Gier einen Menschen verwandeln kann. Ich sagte ihm, daß wir mit den Pulvern ungemein sparen müßten, zumal von dem "Roten Löwen" nur sehr wenig in der einen Kugel enthalten war, denn Kelley hätte am liebsten sogleich alles zu Gold gemacht.

Ich selbst aber nahm mir fest und heilig vor – und sagte es ihm auch unumwunden –, daß ich für meinen Teil nun und nimmer auch nur ein geringes von den köstlichen Pulvern dazu verwenden wolle, mich irdisch zu bereichern, sondern nur danach trachten, das Buch des Heiligen Dunstan auf das Geheimnis der Herstellung des Steins der Weisen hin zu erforschen, und wenn ich erst einmal wüßte, wie die rote Tinktur anzuwenden sei zur Projektion auf den unverweslichen Auferstehungsleib, sie zu nichts anderem als zu solchem Zweck gebrauchen wolle. Wozu der Kelley wahrscheinlich nur heimlich die spitze Nase gerümpft hätte. –

In meinem Innern nämlich konnte ich das Wurmen nicht loswerden, diese Schätze seien am Ende doch nicht rechtmäßig erworben; und überdies quälte mich der Gedanke, es müsse vielleicht ein heimlicher Fluch auf solchen dem Grabe eines Adepten entrissenen Dingen liegen, zumal ich mich selbst nicht ganz von einer Schuld freisprechen konnte, der – wenn auch entfernte Urheber – jener damaligen Plünderung durch die Ravenheads gewesen zu sein. So wollte ich denn wenigstens das Gelübde tun, den Fund nur zu edelstem Zweck zu verwenden. Ist das Geheimniß des alchymistischen Processes erst einmal gefunden, dann mag sich der Weg des Kelley von dem meinen in allem guten Frieden abscheiden; mag er dann von dem "Roten Löwen", soviel er nur mag, auf die unedlen Metalle schütten und Gold über Gold gewinnen, um es mit Dirnen in heimlichen Häusern zu vertun und reich zu sein wie König Midas: ich will es ihm wahrlich nicht neiden – sowenig, wie er es mir neiden wird, daß ich mit dem köstlichen Stein zu andern Zielen strebe und wohl nur ein geringes von dem Pulver werde ich gebrauchen müssen, um das Unsterbliche daraus zu destillieren und selbst fortzuleben bis auf den Tag der "chymischen Hochzeit" mit meiner Königin, wo ich den Baphomet in mir verwirklicht spüre und die Krone des Lebens über meinem Haupte. – Dieser "Löwe" führe mich von nun ab auf dem Wege zu meiner Königin! – – –

Merkwürdig ist, daß ich den von mir gegangenen treuen Laboranten Gardener täglich mehr und mehr vermisse, seit dieser Landstreicher Kelley mein Haus betreten hat und um mich ist bei jedem Mittag und Abendessen, wobei er schmatzt und rülpst wie ein Schwein. Wie gern möchte ich den wackern Gardener fragen, was er denn halte von diesem Eindringling und ob es nicht am Ende gar ein unwissentlicher Sendling des verfluchten Bartlett Green sei! Ist mir etwa gar die Gabe aus dem geschändeten Grabe des Heiligen wieder zugelaufen wie ein gebanntes Ding?! War ihr erster Überbringer denn nicht der unheimliche Mascee, der Bundesgenosse des Bartlett Green –, er, der geheimnisvoll Gehende und Kommende des Schicksals?

Doch diese Bedenken schwinden wie die Tage, die mir langsam und trüb dahingehen. Ich sehe die Fragen jetzt in einem viel ruhigern Lichte: weder Mascee noch Kelley sind die Boten des Bartlett, sondern vielmehr die blinden Werkzeuge der allgütigen Vorsehung, die mir trotz der Fallen und Schlingen des Bösen zu meinem rechtverstandenen Heil dienen sollen.

Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß die Gaben eines Heiligen in die Hände eines Verworfenen wären gelegt worden! Kann solchen Geschenken ein Unheil anhaften? Kann aus dem Jenseits des Frommen Bischofs Fluch herüberdrohen auf mich, den demütigen und strebenden Schüler der göttlichen Geheimnisse und den ergebenen Diener der Erfüllung aller ihrer Absichten? – Nein: meine Verfehlungen einer frechen Jugend sind gebüßt und meine Torheiten lange an meinem Leibe gestraft und gesühnt worden. Heute bin ich nicht mehr der unwürdige Empfänger der Gaben des Jenseits, wie damals, als der "Magister des Zaren" zum erstenmal mir diese Geheimnisse darbot und ich sie mit spielerischer Hand zinkte und zum Fenster hinauswarf, damit ich sie nach dreißig Jahren wiedererkenne und sie mit ernster bereitem Gemüte nochmals in Empfang nehme!

Der treue Gardener hatte gewiß recht, als er mich warnte, mich einer Alchymie zuzuwenden, die mit irdischer Metallverwandlung zu tun hat. – Sie hängt innig zusammen mit dem Eingreifen der Bewohner einer unsichtbaren finstern Welt – mit schwarzer, linker Magie würde er gesagt haben –, das glaube ich bestimmt, aber was geht das mich an! Ich beteilige mich selbst ja nicht daran und strebe nicht nach dem Gold, sondern nach dem Ewigen Leben!

Daß Geister mit im Spiel sind, will ich nicht leugnen: seit dem Tage des Einzugs Kelleys in meinem Hause sind gar seltsame unerklärliche Anzeichen ihrer Gegenwart zu spüren: ein vielfaches Klopfen, das kurz verhallt, als stäche jemand mit einem Zirkel in Holz; ein reißendes Knacken und Prasseln in Wänden und Schränken, in Tischen und andern Hausgeräten, – auch ein Kommen und Gehen von Schritten unsichtbarer Boten und ein Seufzen und hastiges Flüstern, das jäh verstummt, wenn man aufhorcht, – namentlich zur zweiten Stunde der Nachtzeit und öfter begleitet von langhinziehenden Klängen, als gehe der Wind durch gespannte Saiten. Ich habe schon häufig mitten in der Nacht das Haupt erhoben und im Namen Gottes und der Heiligen Dreifaltigkeit das unsichtbare Wesen beschworen, es möchte Rede stehen und verkünden, wozu es aus der Ruhe des Grabes gestört oder sonst aus dem Jenseits zu uns herübergesendet, bestellt oder beauftragt sei; aber es hat mir bis zur Stunde noch keine Antwort geben mögen. Kelley meint, daß es mit Buch und Kugeln des Heiligen Dunstan zusammenhängt. Die Geister, so sagt er, trachteten, noch den Rest der halberschlossenen Geheimnisse zu behüten, aber er würde es ihnen schon entreißen. Und er gestand mir, daß ihm solche Stimmen und Geräusche eben seit jener Zeit nachgegangen seien, als er diese Dinge erworben.

Diese Rede erschrak mich gar sehr, denn ich mußte wiederum denken, der alte Geheimagent und Kuppler, von dem Kelley die Dinge "erworben", könnte doch vielleicht ihretwegen ermordet worden sein. Wiederum fielen mir auch die früheren Worte des treuen Gardener ein: es sei vergeblich und gefährlich Bemühen, den Stein der Unsterblichkeit chymisch herzustellen, wenn der geheimnisvolle Weg der geistigen Wiedergeburt nicht vorher vollendet sei, auf den die Bibel in verhüllten Worten anspielt. Diesen Weg solle ich vorher ergründen und wandeln, sonst fiele ich von einer Grube in die andere und von einem Leid ins andere, als ob ein Irrlicht mein Führer wäre.

Um mich zu beruhigen, ließ ich den Kelley rufen und frug ihn auf Heil seiner Seele, ob es wahr sei, was er mir jüngst erzählt: nämlich, daß ihm ein grüner Engel und nicht etwa ein Teufel erschienen sei, der ihm versprochen habe, uns das Geheimniß der Bereitung des Steins zu offenbaren. Und Kelley schwor mir mit erhobener Hand, daß alles wahr und wahrhaftig sei. Der Engel, so sagte er, habe ihm kund getan, die Zeit sei gekommen, da ich eingeweiht werden solle und das letzte Geheimniß erfahren.

Dann verriet mir der Kelley, welche Vorbereitungen zu treffen wären, damit es dem Grünen Engel nach den Gesetzen der unsichtbaren Welt möglich werde, vor unsern Augen und greifbar unsern Sinnen zu erscheinen.. Nebst uns und vor allem Jane, meinem Weibe, die dicht an Kelleys Seite sitzen müßte, sollten noch zwei meiner Freunde zugegen sein in einer bestimmten Stunde und Nacht des abnehmenden Mondes in einem Zimmer, das ein Weltfenster hat.

Ich habe daraufhin sofort einen Boten an meine zwei alten erprobten Freunde Talbot und Price gesandt und sie bitten lassen, zu mir zu kommen, damit die Beschwörung der Geister nach den Anweisungen Kelleys zur bestimmten Stunde stattfinden könne und zwar auf den Tag Mariä Opfer am 21. November nachts 2 Uhr.

Die Beschwörung des Engels vom Westlichen Fenster.

Du Nacht Mariä Opfer, wie tief hast du dich eingegraben in das Tagebuch meiner Seele! Nun liegen sie hinter mir, versunken, vergessen, als hätte ich sie nie gelebt: diese langen endlosen Stunden der Erwartung und des brennenden Hoffens. Wunder, unbeschreibliche Wunder sind mir zuteil geworden, Wunder aus dem Reiche des Jenseits. Nicht fassen kann ich mich vor Staunen und Ergriffenheit ob der Allgewalt des dreifach gesegneten, gebenedeiten Engels. Tief im innersten Herzen habe ich Kelley Abbitte getan, jemals schlecht von ihm gedacht und den Splitter in seinem Auge und nicht den Balken im eigenen gesehen zu haben. Ein Werkzeug der Vorsehung ist er, das weiß ich jetzt, und Erschütterung durchfährt mich, wenn ich es denke.

Qualvoll waren die Tage, die der Nacht vorangingen. Immer aufs neue habe ich Diener nach London geschickt zu den Handwerkern, die Kelley beauftragt hatte, den Tisch nach seinen Weisungen herzustellen, um den wir fünf: Jane, Talbot, Price, er selbst und ich sitzen müßten, wenn der Engel beschworen werden würde. Aus Stücken von kostbarem Sandelholz, Lorbeerbäumen und Greenhart müßte er sein und die Form eines fünfeckigen Sternes haben. Mitten darin ein großes regelmäßiges Loch wie ein Fünfeck. Eingelassen in seine Kanten: kabbalistische Zeichen, Sigille und Namen, geschliffen aus Malachit und bräunlichem Rauchtopas. – Wie schäme ich mich in meine Seele hinein, wenn ich mich erinnere, daß ich kleinherziger, erbärmlicher Mensch mir Sorgen gemacht bei dem Gedanken, welche Summen die Herstellung dieses Tisches verschlingen würde! – Heute risse ich mir die Augen aus und schmückte damit den Tisch als mit Edelsteinen, wenn es sein müßte!

Immer, wenn die Diener aus London zurückkamen, hieß es: morgen, übermorgen! Noch immer sei der Tisch nicht fertig; wie verhext zöge sich das Werk hinaus; ohne sichtbare Ursachen sei der oder jener Schreinergeselle plötzlich schwer erkrankt und bereits drei seien während der Arbeit eines jähen unerklärlichen Todes, wie gepackt vom Pestgespenst, gestorben.

Ruhelos habe ich die Räume des Schlosses durchwandert und die Minuten gezählt, bis der trübe Novembermorgen des Tages Mariä Opfer heraufzog.

Price und Talbot schliefen wie die Murmeltiere, betäubt von seltsam schwerem traumlosen Schlummer, wie sie mir später erzählten. Auch Jane war kaum zu erwecken gewesen und schauderte und fror innerlich, als hätte ein Fieber sie im Schlaf befallen. – Nur in meine Augen war keine Ruhe gekommen; Hitze, unerträgliche Hitze brannte mir durch die Adern.

Lange schon vorher war eine unheimliche Ruhelosigkeit in Kelley eingezogen; wie ein scheues Tier wich er allen Menschen aus; ich sah ihn in den Stunden der Dämmerung im Park umherirren und zusammenfahren wie ertappt bei heimlichem Tun, wenn Schritte sich näherten. Tagsüber saß er brütend auf den steinernen Bänken, bald da, bald dort, und murmelte in sich hinein geistesabwesend oder redete laut und schreiend in einer unbekannte Sprache in die leere Luft, als stünde dort jemand. – Wenn er bisweilen aus seinem Zustand erwachte, so geschah es kaum für Minuten und dann fragte er hastig, ob endlich alles bereit sei, und verneinte ich verzweifelt, so begann er mich mit Scheltworten zu überhäufen, die er plötzlich unterbrach, um seine Selbstgespräche wieder aufzunehmen ...

Endlich, kurz nach Mittag – ich hatte vor Ungeduld und Schwäche infolge des langen bangen Wartens keinen Bissen hinunterwürgen können – sah ich in der Ferne des Hügellandes die Karren und Wagen der Londoner Handwerker nahen. – In wenigen Stunden darauf stand der Tisch – zusammengefügt, denn ihn als ganzes Stück durch die Türen zu schaffen, wäre wegen seiner Größe unmöglich gewesen – oben im vorbereiteten Zimmer des Turmes im Schloß. Drei der Fenster, die nach Osten, Süden und Norden waren bereits zugemauert, wie Kelley befohlen hatte, nur das hohe Bogenfenster nach Westen – wohl sechzig Fuß über der Erde stand offen gelassen. An den Wänden des kreisrunden Raumes hingen nach meinem Geheiß die dunklen Bilder meiner Ahnen und zu ihnen sollte sich auch das Porträt des sagenhaften Hoël Dhat gesellen, gemalt aus der Phantasie von einem großen unbekannten Meister. Es hatte aber bald darauf wieder entfernt werden müssen, denn Kelley verfiel geradezu in Raserei, als er es erblickte.

In den Mauernischen standen meine hohen silbernen Kandelaber und dicke Wachskerzen staken in ihren Tulpen, gewärtig der kommenden feierlichen Beschwörung. – Wie ein Schauspieler memorierend, war ich oft und lang durch den Park gegangen, mir die rätselhaften unverständlichen magischen Formeln und Worte einzuprägen, die dem Anruf des Engels vorhergehen sollten. Kelley hatte sie mir eines Morgens gegeben und gesagt, sie seien ihm, auf einen Streifen Pergament eingeritzt, von einer aus der Luft kommenden Hand, an der der Daumen gefehlt habe, überreicht worden. Unwillkürlich hatte ich an den scheußlichen Bartlett Green denken müssen, wie er sich den Daumen aus dem Gelenk gebissen und dem Bischof Bonner ins Gesicht gespuckt hatte im Tower. – Wohl befiel mich bei diesem Gedanken ein kaltes Grauen, aber ich verscheuchte es: hatte ich doch die Kohle, das Geschenk des Straßenräubers, verbrannt und damit jegliche Verbindung mit dem Bartlett zerstört ...

Endlich nach langer Mühe waren mir die Beschwörungsworte so ins Blut übergegangen, daß sie wie mechanisch von meinen Lippen liefen, wenn ich den Mund zu diesem Behufe öffnete. – – –

Wir saßen zu fünft schweigend im großen Saal und ich horchte mit vor Erregung schmerzend geschärftem Ohr auf den dritten Viertelschlag vor Zwei der Uhr im Glockenstuhl draußen im Kirchspiel. Dann klommen wir den Turm hinauf. Der fünfzackige Tisch, den Raum fast erfüllend mit spiegelnder Fläche, glitzerte auf, als Kelley taumelnd wie ein Berauschter von Kerze zu Kerze wankte und sie mit einem brennenden Spahn entzündete. Dann setzten wir uns der Reihe nach in die hohen Lehnstühle. Die beiden untern Spitzen des Pentagrammtisches waren nach Westen gerichtet, dem offenen Fenster zu, aus dem die frostig klare mondscheintriefende Nachtluft eiskalt hereindrang. An diese Spitze setzten sich Jane und Kelley. Ich selbst saß mit dem Rücken gegen Osten und mein Blick schweifte hinaus ins ferne, in scharfe Schlagschatten getauchte Waldland der Hügel, darinnen sich weiß wie vergossene Milch die bereiften Wege und Straßen hinzogen. Neben mir saßen stumm und erwartungsvoll Price und Talbot. Die Kerzen im Raum flackerten beständig, getroffen vom Luftzug, als sei auch ihre Ruhe verloren. – Der Mond, der hell am Himmel stand, war meinen Augen verborgen; nur sein greller Schrein troff von hoch oben herab, die weißen Steine der Fensterbrüstung mit seinem Lichtwasser begießend. – Vor mir das fünfeckige Loch im Tisch gähnte gleich einem breiten Brunnenschacht schwarzdunkel. – – -

Wir saßen unbeweglich wie Tote, und wohl jeder von uns hörte sein Herz hämmern.

Kelley schien plötzlich in tiefen Schlaf zu fallen, denn vernehmbar wurden mit einemmal röchelnde Atemzüge. Sein Gesicht begann zu zucken, doch mochte mir das nur scheinen, denn das flackernde Licht der Wachskerzen lief wechselnd über seine Züge hin. Ich wußte nicht, wann ich mit der Beschwörung beginnen sollte, denn ein Befehl aus Kelleys Mund, den ich erwartet hatte, blieb aus. Ich wollte versuchen, die Formel herzusagen, aber jedesmal war mirs, als legten sich unsichtbare Finger auf meine Lippen ... Sollte alles nur Einbildung Kelleys gewesen sein? fragte ich mich und Zweifel beschlich mich, da fing mein Mund plötzlich wie von selbst an zu sprechen und ich stieß mit einer Stimme, so dröhnend und tief, daß ich mir selbst wie ein Urfremder vorkam, die Citation heraus. – – –

Eiskalte Erstorbenheit lag plötzlich im Raum, die Kerzen standen unbeweglich wie von Todeshauch getroffen. Ihr Schein war anders als noch kurz vorher: ihre Lichter standen steif und ohne Helle zu verbreiten. Man könnte sie abbrechen von den Kerzen, kam mir ein Gedanke zu Sinn, – abbrechen wie dürre Ähren ... Die Ahnenkonterfeis an den Wänden waren zu schwarzen Schlünden geworden – wie Eingänge durch die Mauern hindurch in finstere Gelasse, und mir wurde durch das Verschwinden der Bilder zu Mut, als sei ich jetzt abgeschnitten von Wesen, die mich bis dahin hätten beschirmen wollen. – – –

In die Totenstille hinein klang da eine helle Kinderstimme:

"Ich heiße Madini und bin ein armes kleines Mädchen. Ich bin das vorletzte der Kinder meiner Mutter und habe noch ein Wickelkind zu Hause."

Zugleich sah ich draußen in freier Luft dicht vor dem Fenster die Gestalt eines niedlichen kleinen Mädchens von sieben bis neun Jahren schweben; sein Haar war vorn gelockt und hing hinten lang herab; es war mit einem rot und zugleich grün schillernden seidenen Schleppkleid angetan, das aussah, als sei es aus den Flächen des Edelsteins Alexandrit geschnitten, der bei Tag grün erscheint und des Nachts rot wie dunkles Blut. – So lieblich das Kind auf den ersten Blick zu sein schien, so grauenhaft war dennoch der Eindruck, der von ihm ausging: es schwebte und flatterte wie straffe glatte Seide vor dem Fenster und die Umrisse hatten keine räumliche Tiefe; die Züge des Gesichts waren wie gemalt: ein Phantom, bestehend nur aus zwei Dimensionen. Ist das die verheißene Erscheinung des Engels? fragte ich mich und eine wilde und zugleich tiefbittere Enttäuschung, die keineswegs durch die unerklärliche und wunderbare Sichtbarkeit des Wesens gemildert wurde, beschlich mich. Da neigte sich Talbot zu meinem Ohr und flüsterte erstickt:

"Es ist mein Kind; ich glaube es wiederzuerkennen. Es ist bald nach seiner Geburt gestorben. Wachsen die Toten nach ihrem Hinscheiden?"

So wenig schmerzlich und so wenig gerührt klang die Stimme meines Freundes, daß ich fühlte: ihm graut so, wie mir. – Ob es nicht ein Bild ist, tief in seinem Innern, das da gespiegelt ist in die Luft hinein, das sich losgelöst hat irgendwie und uns jetzt sichtbar erscheint? – packte mich ein Gedanke, aber ich mußte ihn sogleich wieder loslassen, denn das Phantom wurde mit einem Ruck überdeckt von einem fahlgrünen Glanz, der jäh aus dem Lochschacht des Tisches zwischen uns emporschoß, und im Nu zu überwältigender Höhe wie ein Geysir aus dem Boden springend, in eine Gestalt gerann, die Menschenform hatte und doch nichts Menschliches. Sie wurde zu einer smaragdenen Masse, durchscheinend wie Beryll, der man die furchtbare Härte des Gesteins ansah, – eine Härte, deutlicher und tief im eigenen Innern ahnbarer, als man wohl irgendeinem irdischen Stoff Härte nachfühlen oder ansehen könnte. Arme lösten sich aus den Felsen, Kopf und Hals. – – Und die Hände! Die Hände! Irgend etwas war an ihnen, das ich nicht bestimmen konnte. Ich vermochte den Blick von ihnen lange nicht zu wenden, bis ich langsam begriff: der Daumen an der Hand des rechten Arms stand außen, war der einer linken Hand. Ich kann nicht sagen: ich wäre entsetzt gewesen bei diesem Anblick – warum auch? Aber das Wesen, das da riesenhaft vor mir aufragte, war mir durch diese scheinbare Nebensächlichkeit bis ins urfremde Außermenschenhafte noch weiter entrückt, als durch sein so wunderbar unerklärliches greifbares Erscheinen ...

Das Gesicht mit den weitauseinanderstehenden wimpernlosen Augen war starr bis zur Unbeschreiblichkeit. Etwas Furchtbares, Lähmendes, Tötendes und doch unsagbar Erschütterndes und Erhabenes ging von dem Blick aus und machte mich frieren bis ins Gebein. Jane konnte ich nicht sehen, denn sie war verdeckt von der Gestalt des Engels, aber Talbot und Price neben mir schienen zu Leichen geworden zu sein, so leblos weiß waren ihre Gesichter.

Die Lippen des Engels waren rot wie Rubin und in einem mir fremden Lächeln, fein an den Mundwinkeln verlaufend, in die Höhe gezogen. – – So unfaßbar eigentümlich mir das Kind vorhin in seiner Flächenhaftigkeit geschienen hatte, so fast betäubend wirkte auf mich die weit irdische Gewohnheit des Anblicks übersteigende Körperhaftigkeit der riesenhaften Figur: kein Schatten in der Gewandung, der sie hervorgehoben und perspektivisch betont hätte! Und trotzdem, vielleicht gerade deshalb, war mir, als seien es nur Flächen und nie Körper gewesen, die ich bis dahin in meinem Leben auf der Erde erschaut hatte, verglichen mit diesem Anblick eines Wesens aus der Überwelt!

Ich weiß nicht mehr: war ichs, der da fragte: "Wer bist du?" oder war es Price gewesen. Ohne die Lippen zu öffnen, sagte der Engel kalt und schneidend mit einer Stimme, die mir klang, als sei sie ein Echo tief aus meiner eigenen Brust:

"Il bin ich, der Bote vom westlichen Tor."

Talbot wollte eine Frage tun; er konnte nur lallen. Price riß sich empor; er wollte fragen; auch er konnte nur lallen! Ich raffte meine ganze Kraft zusammen, wollte den Blick zum Antlitz des Engels erheben; ich mußte die Augen senken; ich fühlte: ich werde sterben, wenn ich es erzwinge. Den Kopf gesenkt, fragte ich stammelnd:

"Il, Allmächtiger, du weißt, wonach meine Seele sich sehnt! Gib mir das Geheimnis des Steins! Und koste es mein Herz, koste es mein Blut – die Verwandlung aus dem Menschentier in einen König, in einen Auferstehenden, in einen Auferstandenen hier und drüben ... will ich. Ich will das Buch des Heiligen Dunstan verstehen und seine Geheimnisse! Mach mich zu Dem, der ich ... sein soll!"

Eine lange Zeit verging, die mir eine Ewigkeit dünkte. Tiefer Schlaf wollte mich erdrosseln, aber ich wehrte mich dagegen mit aller Macht meiner Sehnsucht. Dann dröhnten Worte durch den Raum, als sprächen die Wände und Mauern mit:

"Gut ists, daß du im Westen gesucht hast, im grünen Reich! Das ist mir ein Wohlgefallen. Ich gedenke, dir den Stein zu geben!"

"Wann?" schrie ich auf und verbrannte fast vor wilder, namenloser Freude.

"Übermorgen!" – kams, Silbe für Silbe zerbeißend, zurück.

"Übermorgen!!" jauchzte meine Seele. "Übermorgen!"

"Weißt du auch, wer du bist?" fragte der Engel.

"Ich? – Ich ... bin John Dee!"

"So? Du bist ... John Dee?!" – wiederholte die Erscheinung. Der Engel sagte es schneidend, noch schneidender, als früher seine Stimme klang. Es berührte mich ... ich wage es nicht zu denken: ... als ob ... nein, ich will nicht, daß es mein Mund ausspricht, solange ich Macht über ihn habe, und die Feder es niederschreibt, solange ich sie daran hindern kann.

"Sir John Dee bist du, der Besitzer des Speers des Hoë Dhat, oh ich kenne dich wohl!!" – höhnte eine schrille, boshafte Stimme vom Fenster her; ich fühlte: das gespenstige Kind draußen wars, das da sprach.

"Wer den Speer hat, der ist der Sieger!" – tönten Worte aus dem Munde des Grünen Engels. "Wer den Speer hat, der ist berufen und ist auserwählt. Ihm sind untertan die Wächter aller vier Tore. – Folge du immerdar Kelley, deinem Bruder; er ist mein Werkzeug hier auf der Erde. Dir zum Führer bestellt, um dich zu geleiten über die Abgründe des Hochmuts. Ihm sollst du gehorchen, was immer er dir sagt und von dir verlangt. Was der geringste der Meinigen von mir fordert, das gib ihm! Ich bin er, und was du ihm giebst, das giebst du mir! Dann kann ich bei dir sein, in dir und um dich bis ans Ende der Tage."

"Das gelobe ich dir, gebenedeiter Engel!" rief ich, erschüttert bis ins Mark und bebend an allen Gliedern. "Das gelobe ich mit schwörender Hand, und sollte ich darob zu Grunde gehen!"

"Zu ... Grunde ... gehen!" hallte es nach von allen Wänden.

Totenstille lag im Raum. Mir war, als dröhnte mein Schwur durch die Tiefen des Weltraums. – Die Kerzen flackerten auf. Waagrecht standen die Lichter der Flammen, als hätte ein Windstoß sie geduckt.

Kälte, daß mir die Finger erstarrten, ging von dem Engel auf mich aus. – Mit fast gelähmten Lippen fragte ich:

"Il, du Gesegneter, wann sehe ich dich wieder? Wie kann ich dich sehen, wenn du fern von mir bist?"

"Sehen kannst du mich immer in der Kohle. Aber sprechen kann ich durch sie nicht!"

"Ich habe die Kohle verbrannt", stammelte ich und Reue ergriff mich, den Spiegelkrystall vor Gardener, meinem verfluchten Laboranten, zerstört zu haben in feiger Angst vor dem Bartlett Green.

"Willst du, daß ich sie dir wiedergebe? – John Dee ... Erbe des ... Hoë ... Dhat?"

"Gib sie mir, Il, Mächtiger, du ...!" flehte ich.

"So schließ die Hände zum Gebet! Beten heißt: empfangen, wenn ... Einer zu ... beten gelernt hat!"

"Das hab ich", jubelte es in mir. Ich legte die Finger zusammen. – Ein Gegenstand quoll zwischen den Handflächen; trieb sie auseinander. – – Als ich sie öffnete, da hielt ich ... die Kohle darin! ...

"Du hast sie verbrannt! Damit hat sie das alte Leben verloren! Jetzt lebt dein Leben in ihr, John Dee; sie ist ... wiedergeboren und auferstanden von den Toten! Auch Dinge können nicht sterben!" – – –

Ich staunte das Ding an, der äußersten Verwunderung voll! – Wie wunderbar sind doch die Wege der unsichtbaren Welt. Nicht einmal das verzehrende Feuer auf Erden ist Bringer der Vernichtung! – –

"Ich ... danke dir ... Il ... ich danke dir!" – wollte ich stammeln. Vor Rührung konnte ich nicht mehr reden. Tränen erstickten mir die Stimme. Dann brachs aus mir mit Springflutgewalt:

"Und der Stein? Du wirst mir auch ihn ....?!"

"Ü ... ber ... mor ... gen ..." – flüsterte es wie aus weiter Ferne, denn der Engel war ein zarter Hauch geworden. Durchsichtig wie durch trübes Glas schien das Kind vor dem Fenster in mein Auge. Leblos wie ein Stück seidenen Schleiers hing es in der Luft. Dann verschwand es ins Land hinein, sank als grünlich schillernder Nebel zur Erde und wurde Wiesenfläche ...

Das war meine erste Begegnung mit dem Engel vom westlichen Fenster.

Wie könnte noch das Schicksal mich quälen und fürder bedrücken!? Mich, der ich solcher Gnade teilhaftig wurde! Gesegnet sei die Nacht Mariä Opfer!

Lange sind wir noch zusammengesessen und haben erschüttert Reden getauscht über das wunderbare Begebniß. Als sei es der größte Schatz der Welt, habe ich die Kohle des Bartlett ... nein, nein: die Kohle des Engels in der Hand gehalten, damit sie mich beständig gemahne, daß ich eines Wunders gewürdigt worden. Mein Herz zerbarst fast, wenn ich der Versprechung des Engels gedachte: Übermorgen! – – –

Kelley lag in tiefem Schlaf, bis früh das Morgenrot, blutend wie aus Wolkenwunden, am Himmel stand. Dann ging er schweigend, schlürfend wie ein müder Greis, stumm hinunter, ohne den Blick auf uns zu richten. – – –

Oh, wie falsch ist doch das Wort der Menge: "Hüte dich vor den Gezeichneten!" begriff ich, wie ich so dem Mann mit den abgeschnittenen Ohren nachsah. "Ein Werkzeug der Vorsehung ist er, und ... ich hab ihn, meinen Bruder, für ... einen Verbrecher gehalten!" – – –- Demütig will ich sein! nahm ich mir vor. Demütig, dann werde ich des ... Steines würdig werden! – – –

Seltsam war, was ich von Jane erfuhr: der Engel hatte, wie ich geglaubt, mit dem Rücken gegen sie gewendet gestanden. Jetzt sagte sie mir zu meinem Erstaunen, sie hätte, ebenso wie ich, beständig sein Gesicht auf sie gerichtet gesehen. Was er gesprochen, das hatten alle genau so gehört wie ich. Price gab sich Mutmaßungen hin, wie das wunderbare Geschehnis mit der Wiederbringung der Kohle sich vollziehen konnte und nach welchen uns verborgenen Gesetzen. Er meinte, Dinge seien etwas anderes, als wir wohl mit unseren befangenen Alltagssinnen vermuteten; vielleicht seien sie gar keine Gegenstände, sondern nur Wirbel einer unbekannten Kraft. Ich hörte nicht hin! Mein Herz war zu voll.

Talbot war wortkarg. Mag sein, er dachte an sein totes Kind! ...

Monate, viele Monate sind vergangen, und die Protokolle, die ich über die Geistersitzungen führe, sind allmählich zu dicken Bänden angeschwollen. Verzweiflung ergreift mich, wenn ich sie sehe. Hoffnungen – Hoffnungen, verzehrendes Feuer der Erwartung all die langen nicht enden wollenden Tage hindurch! Immer noch keine Gewißheit, keine Erfüllung! – Erneuert ist die alte Qual? Der bis zur Neige gekostete Kelch? Soll es auch mir so ergehen, daß ich einst ausrufen muß: mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?! Sei es drum, aber darf ich dann hoffen, den Auferstehungsleib zu gewinnen? –

Die Versprechungen des furchtbaren Grünen Engels vom Westlichen Fenster haben nicht aufgehört – aber auch meine Zweifel nicht, die an mir nagen wie der Wurm im Holz! Mit jeder Sitzung, die ich teils mit meinen Freunden, teils auch allein mit Kelley und meinem Weibe Jane Nacht für Nacht abhalte, wenn die Zeit des zunehmenden Mondes anhebt, wiederholen sich die glänzenden Verheißungen, die mir Reichtum ohne Maaß, vor allem aber die Erkenntnis und den geheimen Gebrauch des Steines in immer nähere und immer sichere Aussicht stellen. Wenn der Mond zunimmt, dann zähle ich die Stunden und Minuten, bis die Zeit wiederkommt, wo wir zu abermaligen Sitzungen schreiten dürfen; es ist ein Warten von solch zermürbender, mir jegliche Tatkraft raubender Entsetzlichkeit, daß es sich nicht beschreiben läßt. Die Zeit wird zum Vampyr an mir und saugt mir die Lebenskraft aus dem Blute. Der wahnwitzige Gedanke, unsichtbare grauenhafte Wesen mästeten sich davon, krallt sich in mich ein und ich wehre mich vergebens mit oft laut geschrieenen Gebeten. Ich sage mir mein Gelübde vor, daß ich Reichtum nimmermehr begehren will, und doch klammere ich mich zu gleicher Zeit an die heiße Hoffnung auf Geld und Gut, denn was soll werden: täglich schmilzt, was ich noch besitze, dahin wie Eis an der Sonne. Es ist, als wolle das Schicksal selbst mir beweisen, daß ich das Gelübde nicht halten könne, daß es mich zwingen werde, ja: zwingen, es zu brechen. Hat Gott, der Allmächtige, den Teufeln Macht eingeräumt, mich zum Eidesbrecher zu machen? Oder ist der Gott, an den wir Menschen glauben und auf den wir hoffen, vielleicht selbst – ein ... nein, ich will es nicht denken, ich will es nicht zu Wort kommen lassen, will es nicht niederschreiben: das Haar sträubt sich mir!

Und wieder reihe ich Geisterbeschwörung an Geisterbeschwörung in Sitzung auf Sitzung, häufe Mühe und Aufwand, lasse jede Rücksicht dahinten: Rücksicht auf Gesundheit, Verpflichtungen anderer Art, Rücksicht auf Ruf und Vermögen und fahre fort, den Segenbringer, den unersättlichen Engel, den unermüdlichen Förderer, zu beschwören, anzuflehen und ihm Hoffnungen und Herzblut darzubringen. Das Buch meiner Protokolle wird mir ein höhnendes Orakel, wenn ich es in den Nächten meiner Schlaflosigkeit mit brennenden Augen durchprüfe und immer wieder und wieder durchprüfe, nach Fehlern suche, die ich mir vorzuwerfen hätte, um Einsicht ringe, wie ich zum nächsten Mal Bedingungen stellen und erfüllen möchte, die mir die Macht verleihen, die Gaben des grünfeurigen Engels zu gewinnen und sei es auch mit dem letzten Blutstropfen meines müden Herzens. Wenn ich so bis zum Morgengrauen mit fiebrigen Lidern, mit versagendem Puls und zerschlagenen Gliedern wache und bete und suche, dann werde ich irre an Dir, Gott! Gott! Danach bin ich tagelang unfähig, das Buch des Heiligen Dunstan, wie ich sollte, zu durchgrübeln, und Kelley überhäuft mich mit Vorwürfen, ich verzögerte das Werk und setzte das Gelingen in Frage.

Nächte lang liege ich dann wieder auf wunden schmerzenden Knien vor Dir, mein Gott, und büßte, zerreiße mir die Brust in tiefster Reue und ohnmächtigem Versprechen, meinen Glauben wieder aufzurichten, mein Gemüt zu stärken und auszuharren in Gläubigkeit und Zutrauen auf Deine himmlischen Sendboten und Deinen Grünen Engel. Weiß ich doch gar wohl: daß ein Mensch in der geistigen Welt nichts zu gewärtigen und zu erhoffen hat, der nicht mit der Unerschütterlichkeit und Seelengröße eines Elias oder Daniel in der Löwengrube die Versuchungen der Gottverlassenheit und die Schrecken des tiefen Abgrunds zu überwinden und zu bestehen weiß! – Was rufe ich die Andere Welt und ihre glühenden Boten, ich Elender und Unberufener, wenn ich zweifle und zage trotz ihrer herrlichsten Offenbarungen?! Wenn ich sie zu hassen beginne, statt sie zu lieben, bloß weil sie ihre Versprechungen nicht halten?! – Redet nicht der Engel zu mir! Soll ich wieder zurücksinken in die Gemeinschaft der unzähligen blinden unwissenden Menschenzwerge, die dergleichen nicht einmal zu glauben, geschweige denn zu erleben imstande sind? Ist mir nicht der Anblick des Engels hundertemale in Glanz und loderndem Feuer geworden? Hat nicht seine unergründliche Gnade und liebreiche Huld mir schon bei der ersten Begegnung das vollkommene Wissen um die Schmerzen und die unstillbaren Hoffnungen meines Herzens und die geheimsten Wünsche meines Innern geoffenbart und mir Erfüllung verheißen? Was verlange ich mehr, ich Tor und Schwächling, vom Ewigen Wesen? Sind nicht alle Zeichen um mich her aufgerichtet, die mir bezeugen, daß Gottes Kraft und die Geheimnisse der verborgenen jenseitigen Welt im Begriffe sind, sich mir zu enthüllen und in meine Hände sich zu legen, wenn nur diese Hände nicht zittern wie Greisenhände und nicht fallen lassen das köstlichste Gut gleich rinnendem Sande? – Ist nicht das Opfer des Herrn, christliches Abendmahl und heißes Gebet an den Ordner aller Dinge unser Anfang und Ausgang, um die bösen Geister fern von unsern Sitzungen zu halten? Und kündet nicht jedesmal ein überirdisches Licht, ja: ein Licht den feurigen Boten an? Werden nicht geheimste Dinge offenbar? Redet nicht Kelley in Entrückungen in Zungen, nicht anders als die Apostel des Herrn beim Feste der heiligen Pfingsten? – Ich weiß doch seit langem und nicht ohne sorgfältige, ja listige Prüfung, daß Edward Kelley kaum des Lateins mächtig ist, geschweige denn des Griechischen, des Hebräischen oder gar des Aramäischen, in denen er redet, wenn der Geist über ihn kommt. Und all diese Reden haben Bezug auf die edeln Geheimnisse der Perfektion, und oft will es scheinen, als kämen durch den bewußtlosen Mund des Kelley zu Wort: die großen Helden der Vorzeit: Platon, der König Salomon, Aristoteles selbst und Sokrates und Pythagoras!

Wie also darf ich Gieriger mich in Ungeduld verzehren und verzagen, weil die Operationen, deren es bedarf, um die Geister hörbar und sichtbar zu machen, nach den Anweisungen des Kelley ungemein kostspielig sind und tiefe Löcher in meine bescheidene Kasse reißen. Soll ich knausern, wenn er teure Ingredienzien auf Geheiß des Grünen Engels aus London besorgt, die nötig sind, um die Herstellung des Steins zu probieren, zumal die Recepte in dem Buche des Heiligen Dunstan immer dunkler und geheimnisvoller werden, je weiter wir fortschreiten im Lesen und Studieren? – Zudem kommt noch, daß mein Haus in Mortlake mählich eine Art Gasthaus für viele meiner früheren Kumpane geworden ist, die sich herandrängen, weil durch Kelleys Prahlereien viel von unsern Versuchen und Erfolgen im Goldmachen in den Mund der Leute gekommen ist. Ich habe die Kraft nicht mehr, diesem Treiben ein Halt zu gebieten; ich lasse es laufen, wie es laufen will, und starre dem Sein entgegen, wie ein Vogel den Augen einer Schlange. Bald werde ich nicht mehr wissen, wie ich Weib und Kind versorgen soll, derweilen sich der Kelley von Tag zu Tag mehr dem Wein und der Schwelgerei ergiebt. Ich habe ihm nachgeben müssen, als er verlangte, immer mehr und mehr von dem roten Pulver in Gold zu verwandeln und ich sehe mit Angst, wie die köstliche Essenz von Tag zu Tag schwindet. Nun ist meine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Geheimnisse des Dunstan'schen Buches mit Hilfe der leider so dunklen Andeutungen des Grünen Engels zu enthüllen, ehe der "Rote Löwe" völlig zur Neige geht!

Inzwischen hat sich das Gerücht, daß Geisterbeschwörungen in meinem Hause stattfinden, und daß es spuke und rumore in der Nacht bei mir, weit in der Umgebung ausgebreitet und ist bis zu den Ohren des Hofes und der Königin Elizabeth gedrungen. Während dort bei den Großen und bei Elizabeth all dies Wunderbare mehr Spott als Aufmerksamkeit der Gelehrten hervorruft, ist das Ergebniß meiner Forschung und der damit verbundenen Gerüchte hier auf dem Lande bei dem gemeinen abergläubischen Volk um vieles gefährlicher. Das alte Mißtrauen, ich huldigte der schwarzen Magie und den teuflischen Künsten, hat neue Nahrung bekommen und wendet sich in gefährlichem Murren gegen mich. Alte Feinde horchen auf. Die Hetze wider mich, den vielfach im Leben Ausgezeichneten, gegen den gestürzten Günstling der Königin, gegen den immer noch Gefährlichen, den von ungewissen Einflüssen umwitterten Politiker und Kenner der höfischen Intriguen, kurz: die alte hämische Angst der Neider und oft von mir Gedemütigten erhebt ringsum die hundertmal gespaltenen Zunge und sucht mich zu verderben.

Unterdessen wir hier hinter verschlossenen Türen den Himmel anflehen und um Erleuchtung unseres armen wirren Verstandes und den geheimen Weg suchen, der die Menschen über sich selbst erheben könnte und sie vom Fluche des Todes und des Tierlebens befreien, ziehen sich draußen vor den Mauern von Mortlake die Gewitter der Hölle zusammen und alles sinnt auf meinen Untergang! – – –

Oft, mein Gott, schwinden mir die Sinne und wankt mir der Glaube an meine Berufung. – – – Ist es denn Wahrheit, was Gardener, mein im Zorn von mir gegangener Freund, mir einmal, als ich ihm widersprach, vorhielt: daß ich einen Baum ziehen wolle, ehe ich den Samen in die Erde gesenkt hätte!! – Wüßte ich, wo ich den Freund suchen soll, ich riefe ihn reuevoll zurück und bettete mein altes müdes Haupt wie ein Kind in seinen Schoß ... Aber auch dazu ist es zu spät. –

Kelleys Kräfte wachsen mit meiner Schwäche. Ihm habe ich alle Leitung übergeben. Meine Frau Jane billigt es schweigend; sie sieht seit langem meine verstörte Miene mit Sorge und Mitleid. Ihre Tapferkeit allein erhält mich noch aufrecht. Sie ist ein zartes, keineswegs von besonderen Kräften des Leibes emporgetragenes Geschöpf und dennoch schaut sie mit ruhigem Mut der Not ins Auge um meinetwillen. Sie sieht und will nichts als mein Heil. Das ist eine gute Kameradschaft auf der Straße des Verschmachtens. – – – Oft muß ich denken, wie seltsam es ist, daß nicht nur Kelley von Tag zu Tag mehr gedeiht nicht nur an leiblichem Wohlbefinden, je siecher und müder und erschöpfter ich werde, sondern auch an seinen nicht wegzuleugnenden übernatürlichen Kräften, – ebenso der Grüne Engel vom westlichen Fenster und das gespenstige Kind, das ihm vorangeht, werden immer deutlicher und leibhaftiger! Der Gedanke an die biblischen Worte Johannes des Täufers läßt mich nicht los: "Jener wird wachsen, ich aber schwinde." – Ob dies geheimnißvolle Gesetz einer geistigen Welt wohl auch für die finsteren Wesen des Abgrunds seine Gültigkeit hat? Ists so, dann Gnade mir Gott! Dann wäre Kelley der, der wächst, und ich – – –. Und der Grüne Engel wäre – – – nein! nein! ich will es nicht ausdenken. – – –

Unruhige Träume zerfressen meine Nächte; aber je verzehrter von vergeblichen Hoffnungen meine Tage zerflattern, desto herrlicher tritt der Grüne Engel hervor, wenn die Gezeiten des abnehmenden Mondes kommen: immer reicher und prunkhafter ist er gekleidet, von Gold und Juwelen überdeckt stellt er sich unsern Augen dar. So groß ist der Glanz seiner Erscheinung geworden, daß, bliebe nur ein winziges Stück von dem Mantel seiner Herrlichkeit zurück, wenn er verschwindet, wir auf Lebenszeit aller Sorgen um das königliche Brot enthoben wären.

Seit neuestem zieren seine Stirn Edelsteine, wie Blutstropfen so groß, und von rubinrotem Feuer, daß ich oft schon mit Schmerz und Schauer vermeinte, das Haupt des von Dornen zerfleischten Heilands in überirdischem Glanze vor mir zu sehen. Und Schweißtropfen, von herrlichsten Diamanten gebildet, leuchten auf seiner Stirn, als mir auf der meinigen in so mancher verwichenen Nacht gestanden haben. – O Gott, daß ich nur nicht lästere: warum fällt nicht einer dieser Tropfen unermeßlich kostbaren Blutes und Schweißes auf die Diele meiner Stube!

Ich warte – – – warte – – – warte – – –. Die Zeit ist für mich geworden ein kreißendes Weib, das nicht gebären kann und Erlösung erfleht in einem kein Ende findenden ununterbrochenen Schrei. – Ich lebe von der Hoffnung, aber diese Nahrung zerreißt mir den Leib. Mein Trank ist die Vertröstung, aber ich verdurste daran. Wann werde ich sagen können: es ist vollbracht? – – –

Nun haben wir uns gänzlich der Zubereitung der Goldtinktur zugewendet und kaum vergeht eine Sitzung, in der nicht der Grüne Engel uns für den kommenden Tag und dann wieder für die nächste geeignete Sternstunde das Geheimnis des Steins zu enthüllen und die Formel mitzuteilen verspricht, die das Werk krönt. Und immer wieder ist eine neue Bedingung dabei, eine neue Vorbereitung, ein neuer Wurf des Letzten an Können und Habe, ein neues Opfer, ein neues sich Hinabstürzen in den schwarzen Abgrund der Hoffnung und des Vertrauens. –

Die wildesten Gerüchte gehen wieder im Volke um, was alles sich zutrüge auf Mortlake, so daß es mir am besten scheint, die Leute – übel- wie wohlgesinnte – möchten erfahren, was nötig, wie es mit meinen Versuchen und Studien steht. Besser, als der Verläumdung freien Zügel zu lassen und an einem unverhofften Tage der Wut, der Feindseligkeit und dem Blutdurst des Pöbels ausgeliefert sein! Ich habe darum gestern dem Ansinnen Lord Leicesters in London, der mir in alter Zeit wegen noch immer wohlgesinnt scheint, endlich nachgegeben und ihn, zusammen mit mehreren Herren des Hofes, die neugierig sind, unsere Wunder zu sehen, zu mir nach Mortlake herausgebeten. – – –

Also sind nun Lord Leicester mit Gefolge samt dem Polenfürsten Albert Laski bei mir im Schloß eingetroffen und füllen mir Haus und Hof mit lärmendem Wesen bis zum letzten Winkel. Von den Kosten der standesgemäßen Bewirtung und Unterkunft will ich lieber ganz schweigen. Es hat wieder eine erkleckliche Prise aus dem Grabraub des Heiligen Dunstan gekostet, aber Kelley lachte nur höhnisch dazu und hat etwas in den Bart gebrummt: er werde seine Vögel schon rupfen!! Ich biß die Zähne zusammen, denn ich erriet, was er vorhatte. Was ist mir in meinem Leben rastlosen Suchens nach der Wahrheit erspart geblieben?! Was alles an Schmutz, Gemeinheit, Strafe und Verbrechen hat nicht dieser fahrende Apothekerlandstreicher mit seinem Ärmel an mir abgewischt?! – – –

In meinen Protokollen steht verzeichnet, was sich in den Sitzungen begab, die die Herren aus London bei mir veranstaltet haben. Die Verwirrung in meinem Hause und meiner Seele steigt von Tag zu Tag. Was soll ich noch vieles sagen zu dem neuerlichen Wechsel und Abschweifen des mystischen Frage- und Antwortspiels zwischen Kelley und dem grünen gespenstigen Kind? Nicht mehr ist die Rede von Unsterblichkeit und "Grönland" und Königin und Krönung der Persönlichkeit und von all den überirdischen Gnaden der Auserwählten; ja nicht einmal die Rede ist mehr, wie das Salz und die Essenz zu bereiten sei, sondern mit dem Ehrgeiz und dem weltlichen oberflächlichem Geschwätz und Gelüst der Hofleute und des intriganten Polenwojwoden ist alle Sammlung und Einkehr des Gemütes in das Gegenteil verdreht und die Sitzungen hallen wieder von den ungestümen Fragen dieser Menschen nach dem lächerlichen Lauf ihrer angesponnen Pläne und ehrgeizigen Absichten, als ob sie in der Höhle der Hexe zu Uxbridge säßen und aus dem Gebräu ihres Unrates sich nach Art der Jahrmarktsdirnen wahrsagen lassen wollten. Und dabei liegt Kelley in Verzückung wie damals, als die Fragen des geistigen Lebens an Aristoteles, Plato und König Salomo gestellt worden, – nur sprechen jetzt aus seinem Munde die Kammerdiener und die Speichellecker der königlichen Schlafstuben. – – –

Ekel! – Ekel über Ekel! – Und nicht einmal, wovor mich ekelt, weiß ich! – – –

Nach jeder solchen Sitzung erhebe ich mich mit ausgelaugtem Mark, kaum daß meine Füße mich noch zu tragen vermögen; aber nach jeder solcher Sitzungen geht Kelley hervor mit einem neuen Zuwachs an robuster Stärke, an siegreicher Zuversicht und mit immer selbstbewußterer Haltung. Nicht mein Gast ist er mehr in meinem Hause, mein Schüler und Famulus, sondern ich bin hier nur mehr der Geduldete, der Diener seiner Wunderkraft, der Sklave seiner wachsenden Ansprüche und Forderungen.

Und damit mir kein Bekenntnis der Scham erspart bleibe: Er, Kelley, ist es nun, der die Kosten dieses Haus- und Hofhaltens zeitweilig damit bezahlt, daß er sich von meinen Gästen, namentlich von dem Fürsten Laski, der über märchenhafte Einkünfte zu verfügen scheint, für die Mitteilungen bezahlen läßt, die er ihnen im Namen des Grünen Engels macht. So also lebe ich nun jetzt mit den Meinen von den Trinkgeldern des Scharlatans! – Denn seit neuestem ist es mir kein Geheimnis mehr, daß der Kelley vor Betrug und Täuschungen in diesen Sitzungen nicht zurückschreckt, sondern er verkündet mit verstellter Stimme und Gebärde, was die Eitelkeit und die Unersättlichkeit der törichten Frager nur zu hören wünscht und was ihrem grenzenlosen Ehrgeiz schmeichelt. – Er hat mir auch mit frechem Wort und zynischem Lachen eingestanden, daß es so ist, und mir anheim gestellt, mir das Bett unter dem Leibe wegpfänden zu lassen, um die illustren Gäste zu verköstigen, wenn mir das lieber sei. Aber viel tiefer noch als diese Demütigung, gewissermaßen der Geschäftsgenosse eines Beutelschneiders und Schwindlers zu sein, wühlt in mir die furchtbare Frage: wie darf die Vorsehung dulden, daß himmlische Boten wie der Grüne Engel und das gespenstige Kind vom Westlichen Fenster ruhig solch gräßlichem Betrug vor ihren Augen und in ihrer Gegenwart und in ihrem Namen zusehen?! Denn daß sie mittendrin erscheinen, leibhaftig, greifbar und sichtbar für alle Anwesenden, hat sich dutzende Male erwiesen! – Es ist das alles über mich gekommen, verheerend und plötzlich wie ein Wüstensturm, und ich sehe den Schlund des Verhängnisses offen, der mich jede Stunde zu verschlingen droht. Wird der Kelley entlarvt, so falle ich mit, dann bin ich an ihn gefesselt, und wer würde mir glauben, ich sei unschuldig? Bin ich es doch selbst in meinen eigenen Augen nicht mehr! – Schon sind die Einladungen dringend geworden, die mich nach London rufen zur Königin Elizabeth, die durch die überschwenglichen Berichte des Polen Laski neugierig geworden ist und von mir verlangen wird, daß ich ihr die neuentdeckten Wunder der geöffneten Tür zum Jenseits nicht vorenthalte. In diesem Falle gehts dann um mein Leben. Aber nie werde ich dulden, daß Kelley auch vor ihr seinen Betrug erneuere!! – Hier steht das Letzte, John Dee, und hier ist die Grenze deiner Irrtümer und Verbrechen an dem Geheimnis des Baphomet!! – – –

Oh, hätte ich nie meine Träume aufgeschrieben! – Wie wahr ist doch, was die alten Eingeweihten sagen: wer Träume aufschreibt oder sie erzählt, dem werden sie Wirklichkeit! – Ist er nicht leibhaftig geworden, der Mann mit dem abgeschnittenen Ohren, von dem ich geträumt habe?! Jetzt steht er hüllenlos vor mir in der schmutzigen Gestalt meines Haus- und Schicksalsgenossen Kelley! – Und wieder und wieder muß ich des Bartlett Green gedenken und des Mascee, der beiden Aasgräber und Gruftschänder, der beiden Boten aus dem Jenseits des toten rächenden Bischofs Dunstan. Ich bin das Opfer des unheimlichen Verhältnisses geworden, das mir die Elfenbeinkugeln zugesandt hat, damit sei sich in Eisenkugeln verwandeln, an meine Füße gebunden wie die, die ein Verbrecher durchs Leben schleppt. – – –

Nun hat der Pole Laski aus London mit beredtem Fürwort der Königin nach mir und Kelley geschickt, daß wir an den Hof kommen sollen und dort in feierlicher Sitzung den Grünen Engel beschwören, – – – weil den Wojwoden aus Polland das Podagra ergriffen und wir ihm aus dem Munde der Unsterblichen ein wirksames Heilmittel gegen seine Burgunderfüß mitteilen sollen!!

Oh, es nimmt den Weg, den ich habe kommen sehen: – Wirrwarr über Wirrwarr! Not über Not! Schande und Untergang! – – –

Wir sind auf Befehl der Königin aus unserer Weigerung abberufen und müssen eilends nach London kommen. – – – Wir haben bei Hofe die prächtigste Aufnahme gefunden, aber um welchen Preis meiner Seele! –

Elizabeth bestand darauf, daß sofort einige Sitzungen abgehalten wurden, wobei zwar keine sichtbaren Erscheinungen auftraten, wohl aber aus dem bewußtlosen Munde des Kelley zwei Geister sprachen, die sich Jubandalace und Galbah nannten und dem Polen verhießen, er werde nicht nur bald genesen, sondern sogar König der Türkei werden. Elizabeth verbiß sich nur mühsam das Lachen, aber ich sah ihr an, wie sehr es sie gelüstete, mit mir das alte grausame Katz-Mausespiel wieder zu beginnen, und welche satanische Freude es ihr bereitete, mich am Abgrund der Lächerlichkeit hintaumeln zu sehen.

Was treibt sie zu solchem Beginnen? – Unerforschliche Vorsehung! – Ist dies die Bürgschaft und die Verheißung unserer geheimnisvollen seelischen Verbindung?! – Ist dies das Ende des Wegs zum Baphomet mit der Krone und dem ewig funkelnden Krystall?! – – –

Ich konnte dem allen nur Einhalt tun, indem ich meinen alten Freund Leicester anflehte, zu bewirken, daß die Sitzungen in London abgebrochen würden. Sonst hätte sich noch ereignet, daß die Geister dem Laski zu schlimmsterletzt die Herrschaft über Großbritannien und die ganze Welt versprochen hätten. Es fand sich denn auch zum Glück alsbald Gelegenheit, die Königin aus ihrer teuflischen Lust an meiner Verlegenheit zu reißen. Ich beschwor sie bei einer Unterredung, Abstand zu nehmen von ihrer Neugier, mit den Geistern des Kelley zu verkehren, solange ich selbst nicht klar sehen könnte, welcher Art sie seien. – Ich stellte ihr vor, wie auch das Jenseits bevölkert sein möchte von Wesen der allerverschiedensten Gattungen und von Irrlichtern, die imstande seien, die Formen von Engeln vorzutäuschen, so daß die Erhabenheit der Majestät gleichsam in Gefahr stünde, sich den bösartigen Klatschzungen von Neckphantomen auszusetzen. Worauf die Königin nach langem ernsten Nachdenken die Frage an mich stellte, ob ich mir denn in Zukunft von meinen Geisterbeschwörungen mehr verspräche, als von meinen früheren Plänen, Grönland zu erobern?

Ich antwortete mit einem festen "Ja!" – Und indessen sie mich mit einem tiefen Blick prüfte, fuhr ich fort: "Ob ich nun auf solche oder auf eine andere Weise mein Leben hinbringe, – auf der Entdeckungsreise nach dem Lande der Erfüllung war ich und bleibe ich, solang ich das Licht schaue; und wo immer ich landen oder stranden mag, da will ich die Fahne meiner letzten Liebe hissen und Engelland nicht anders greifen als Wilhelm der Eroberer, da er England niederstürzend mit Händen griff und in Besitz nahm."

Die Königin antwortete nicht. Ich ließ sie bei ihrem Schweigen. Ich sah aber, daß sich ihr Hochmut wider mich bäumte, und darum verstand ich wohl, warum sie zum Spott als Abwehr griff, indem sie sagte:

"Inzwischen, Magister Dee, hören Wir ja zu Unserer Befriedigung, daß Euer Verkehr mit der obern Welt nicht ohne irdischen Nutzen für Euch bleibt, da Ihr doch den Stein der Weisen und die Bereitung der edlen Tinktur des Goldmachens Euch habet von den Überirdischen offenbaren lassen."

Ich erschrak nicht wenig über diese Kundschaft, denn ich hatte meine alchymistischen Versuche jedermann gegenüber geheim gehalten und konnte nicht fassen, daß sie dennoch zu Ohren der Königin gekommen waren. Dann aber hob ich unerschrocken das Haupt, weil ich hoffte, es böte sich da unversehens Gelegenheit, mich aus allen meinen Verlegenheiten lösen zu können. Ich legte darum der Königin mit aller Offenheit dar, daß ich mich bisher vergebens bemüht hätte, das Geheimnis der Metalltransmutation zu finden, und daß ich nicht nur keinen Nutzen, sondern vielmehr den Ruin meines Vermögens gewonnen.

Da erst horchte Elizabeth auf, als habe eine menschliche Regung ihr gegen mich so kaltes Herz ergriffen, und sie fragte mich, ob ich ihrer Börse bedürfe.

Ich wollte nicht als Bettler vor ihr stehen und erwiderte deshalb mit einem letzten Rest von Stolz, daß ich nicht unnötig die Gnade meiner Gebieterin in Anspruch nehmen wolle, mich aber ihrer Worte erinnern werde, sobald die tiefste Not mich dazu zwingen sollte. – – –

Nun sind wir endlich wieder dem Trubel der Stadt entronnen und haben in dem stillen Mortlake die Arbeit von neuem in der alchymistischen Küche aufgenommen.

Neues Unheil hat nicht lange auf sich warten lassen: bei einem Experiment, das ich anstellte, ist das ganze Laboratorium in die Luft geflogen. Wie durch ein Wunder bin ich dabei unversehrt geblieben, aber die Mauern meines Schlosses zeigen tiefe Risse und der abergläubische Haß der bäurischen Umwohner ist so erregt, daß ich stündlich mit einem Überfall rechnen muß, denn sie ließen mich wissen, daß sie den Teufel nicht länger in ihrer Gemarkung zu dulden willens seien. – Es geht zu Ende.

Der Grüne Engel verspricht und verspricht – von Tag zu Tag bestimmter, zuversichtlicher: näher der endlichen Erfüllung soll alles sein, so sagt er. Aber wir alle fühlen, daß Hilfe zu spät kommt; der lange mit Schrecken erwartete Tag des Zusammenbruchs ist da.

Wir berieten mit Kelley ein letztes Mal und kamen zu dem Entschluß, nichts mehr von dem roten Pulver zu opfern, um mit dem gewonnenen Gold das knappe Leben zu bestreiten, sondern so rasch wie möglich außer Land und nach Böhmen zu gehen, um dort bei Kaiser Rudolf, dem berühmten Adepten der königlichen Kunst, und seinen ebenso begeisterten adeligen reichen Freunden die Arbeiten wieder aufzunehmen und dies mit um so größerem Erfolg, als ja dem mißtrauischen Habsburger mit einem Experiment der Metallverwandlung vor seinen Augen könne aufgewartet werden dank der noch vorhandenen Reste aus den Elfenbeinkugeln des heiligen Dunstan. Dort in Prag müsse dann eben das Letzte daran gesetzt werden, inzwischen aus dem Buch des Heiligen den Weg zu finden, wie der Stein zu bereiten sei, womit schließlich aller Not ein Ende gemacht und unserem Glück und Ruhm freie Bahn geschaffen würde. Daß am Hof zu Prag die Aussichten eines erfolgreichen Alchymisten ganz anders sind, als in England und unter den Augen einer undankbaren Herrin, darüber kann kein Zweifel bestehen.

Lang erwog ich mit meiner Frau Jane den Schritt, denn es wollte mich hart ankommen, in meinem nun bald sechzigsten Jahr nochmals landflüchtig zu werden, aber der Grüne Engel hatte uns mit so starken und verheißungsvollen Worten den Befehl gegeben, aufzubrechen, die Heimat zu verlassen und zu Kaiser Rudolf zu reisen, daß ich nicht mehr länger zu zögern beschloß. Als wollte der Himmel selber den Beweis für die Richtigkeit dieses Befehls erbringen, erhielt ich gestern einen Brief des Fürsten Laski aus Polen, worin er mich einlud mit den schmeichelhaftesten Worten und mich bat, mit meiner Gattin und Kelley auf seinen Gütern als Gast zu verweilen, solange es uns gefiele. Die Kosten der Reise trage er selbstverständlich, und über dies setzte er mir ein hohes Jahresgehalt aus. – Die Freude über diesen Brief hielt nicht lange vor; Zettel und Drohungen, uns allesamt zu erschlagen und mir den roten Hahn aufs Dach zu setzen, staken bereits am nächsten Morgen unter meiner Tür. – Das ist zuviel: das Leben der Meinigen darf ich nicht aufs Spiel setzen. – Den Schutz der Behörden anrufen? Es hätte keinen Zweck. Sie würden mich im Stich lassen. Ich fühle zu deutlich, daß hinter dem Bauernaufstand sich mächtige heimliche Feinde verbergen, die mir übel wollen und mich zu verderben trachten. So werde ich selber handeln! – – – Geld von Laski ist nicht gekommen und das hat die Lage so verschlimmert, daß ich mich durch die Vermittlung Leicesters an Königin Elizabeth habe wenden müssen um Hilfe. – Das ist nun schon alles einerlei! An Stolz habe ich nichts mehr zu verlieren. Ich will nicht zum Mörder meines Weibes und meines Kindes werden! – – –

Von der Königin erhielt ich heute durch einen reitenden Boten: – – – vierzig Engelstaler und ein Handschreiben, in dem sie mir antwortet auf meine Vorstellungen wegen des ungenügenden Schutzes unsres Lebens und Hauses, daß ihre Macht nicht weiter reiche als die der bestellten Behörden. Überdies wundere sie sich, daß der Grüne Engel, auf den ich doch so baue, nicht ein besserer Schutzpatron sein solle als sie, eine lediglich irdische Herrscherin. Und anderes Eiskaltes mehr.

Somit ist es nun beschlossen und alles in Stille getan worden, das geringe Gepäck, dessen wir bedürfen, auf das bescheidenste zu bemessen, um die Reise so billig wie möglich zu gestalten. Alles übrige hier in Mortlake und dort draußen in der dunkeln Zukunft gebe ich in die Hand der allbarmherzigen Macht des Himmels! – – –

Heute am 21. September 1583 ist die Stunde des Abschieds gekommen; wir verlassen vor Morgengrauen in aller Heimlichkeit das Haus auf bestelltem Reisewagen und gedenken noch vor Abend Gravesend zu erreichen. – – –

Gestern zur Nacht noch hat eine Rotte von Bauern und Marodeuren vor dem Schlosse gelärmt und es ist eine Brandfackel in den verschlossenen Hof hereingeworfen worden, die mein alter Knecht mit seinen Füßen austrat. Wir sind mit Mühe einer Horde neuer Unruhestifter auf unserer Flucht ausgewichen und im Frühnebel knapp entkommen. – – –

Mein Gott, nun ist es so, wie ich es hier in meinem Diary geschrieben habe: ich bin auf der Flucht! – Hinter mir liegt das letzte Besitztum, das auf Erden mein war und den Namen meines Geschlechtes mit dem Boden Englands verbindet: Mortlake ist dem Ansturm des Pöbels preisgegeben, vielleicht noch, bevor ich den ungastlichen Strand der Heimat verlassen habe. – – –

Mit meinen alten trüben Augen habe ich den Brand von Mortlake gesehen! Schwarze Wolken stehen am Horizont, dort, wo mein Schloß hinter den Hügeln liegt. Schwarze Wolken von dickgeblähtem Rauch, der von giftgeschwollenen Dämonen bewohnt und emporgetrieben scheint, wirbeln im Hexentanz über der Stätte einstigen Friedens. Die bösen Geister der Vergangenheit sind über ihrem Fraß. Mögen sie sich sättigen! Möge ihnen das endlich hingeworfene Opfer genügen! Mögen sie mich vergessen über ihrer Orgie und ihrem Leichenschmaus!! – Eins nur schmerzt mich tief: meine schöne, liebe Bibliothek! Meine mir ans Herz gewachsenen Bücher! Die Racheteufel so wenig wie der Pöbel in seiner hoffnungslosen Dummheit werden sie verschonen. So manches Werk ist darunter, das das einzige und letzte seiner Art auf Erden war. – Verbrennende Offenbarung tiefster Weisheit, verkohlende Liebe treuester Belehrung: fahre hin und löse dich wieder in der Flamme, aus der du stammst; es ist schade um ein gutes Wort, das man zur Bestie spricht. – Besser, ewig zu brennen und aufzufahren in die Heimat, die der Herd des ewigen Feuers ist! – – –

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