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Der Engel vom westlichen Fenster

Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
titleDer Engel vom westlichen Fenster
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Mller
addressMnchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages5-523
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1927
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Ein paar Tage auf dem Lande und Wanderungen ins Gebirge haben mir wohl getan. Ich ließ, rasch entschlossen, Schreibtisch, Meridianrichtung und Uronkel Dees verstaubte Reliquien hinter mir und brach aus dem Bann von Haus und Arbeit wie aus einem Kerker aus. –

Ist es nicht lustig, sagte ich zu mir, als ich die erste Stunde im Vorgebirgsland draußen über die Moorheide stapfte, daß ich nun genauso empfinde, wie wohl John Dee empfunden haben mag, als er nach überstandenem Kerker über die schottische Hochebene lief? Und ich mußte lachen, daß ich mir's in den Kopf setzen wollte: John Dee müßte über ähnliches Heideland gestapft sein, ebenso froh, ebenso aus Herzensgrund gespannt und fast gesprengt von neuem Freiheitsgefühl wie ich, der ich jetzt beinahe dreihundertfünfzig Jahre später als Dee über süddeutsche Moorlandschaft trabte. Und es mußt just in Schottland, etwa in der Gegend der Sidlaw Hills, gewesen sein, von denen ich wohl meinen Großvater gelegentlich erzählen habe hören? Daß sich meine Ideen so verknüpfen, liegt übrigens sehr nahe, denn oft genug bestätigte uns Kindern der englisch-steirische Großvater die verwandte Stimmung und Eigentümlichkeit der schottischen und der dem deutschen Alpenlande vorgelagerten Hochmoore.

Und weiter gingen meine Träumereien:

Ich sah mich zu Hause hocken, nicht wie man sich selbst, in die Vergangenheit blickend, zu sehen pflegt, nein: so, als säße ich noch dort am Schreibtisch in der Stadt wie eine leere Hülse, eine überwinterte, abgestreifte, an ihren Ort des Sterbens geklebte Insektenlarve, aus der ich fröhlich gaukelnder Schmetterling vor wenigen Tagen erst ausgekrochen sei, um meine neue Freiheit hier oben im roten Heidekraut zu genießen. So stark war dies bildhaft vorgestellte Gefühl, daß mir ordentlich graute, als ich nun dich wieder in den Alltag zurück und an die Heimkehr denken mußte. Mich gruselte, als ich mir vorstellte, zu Hause hocke wirklich immer noch am Schreibtisch die leere Haut, in die ich jetzt, wie in einen grauen Doppelgänger, wieder hineinkriechen müßte, um mich mit meiner Vergangenheit wieder zu vereinen. –

Wohl waren alle solchen Spielereien der Phantasie rasch verflogen, als ich dann in Wirklichkeit meine Wohnung betrat, denn auf der Treppe stieß ich mit Lipotin zusammen, der oben in einem vergeblichen Besuch bei mir umgekehrt war. Ich ließ ihn nicht fort, sondern zog ihn, trotzdem meine Glieder von der Reise ermüdet waren, alsbald wieder hinauf in meine Wohnung. Plötzlich stand mir nämlich und lebhafter denn je der Wunsch in der Seele auf, mit ihm wegen der Fürstin zu sprechen, und wegen Stroganoff, und überhaupt wegen so vielem, was – – –

Kurz und gut, Lipotin begleitete mich zurück und blieb den Rest des Abends bei mir.

Ein merkwürdiger Abend! – Oder vielmehr, wenn ich genau sein will, eigentlich nur eine merkwürdig ausgeartete Abendunterhaltung, denn Lipotin war gesprächiger als gewöhnlich, und ein gewisser skurriler Zug, den ich wohl schon bisweilen an ihm bemerkt hatte, trat stärker bei ihm hervor, so daß mir manches wie neu, oder doch anders als sonst, an ihm vorkam.

Er erzählte mir von Baron Stroganoffs philosophisch anmutendem Tod, auch einiges Gleichgültige über seine eigenen Scherereien als Nachlaßverwalter von ein paar Kleidungsstücken, die an der verödeten Kammerwand herumgehangen hätten wie – Schmetterlingslarven. Es fiel mir auf, daß Lipotin ein ganz ähnliches Bild gebrauchte, wie das war, das mir in den Tagen meiner Wanderungen nicht aus dem Sinn wollte. Und heimlich durchlief mich eine Ameisenschar von eiligen, flüchtigen Gedanken, ob denn das Erlebnis des Sterbens viel anders sein dürfte als das Gefühl, man gehe durch eine Tür ins Freie, indes die leere Puppe hängenbleibt – das abgelegte Kleid – die Haut, die wir auch hier im Leben – wie mich meine eigene jüngste Erfahrung gelehrt – manchmal als etwas uns Fremdes mit dem Gefühl des Grauens hinter uns gelassen finden, wie etwa ein Toter, der imstande ist, auf den Leichnam zurückzuschauen, den er liegengelassen hat. – –

Dazwischen plauderte Lipotin immer weiter dies und das in seiner abgerissenen, halb ironischen Art; vergebens aber wartete ich darauf, daß er von selbst das Gespräch auf die Fürstin Chotokalungin bringen möchte. Eine sonderbare Scheu hielt mich lange davon ab, meinerseits die Unterhaltung so zu wenden, wie ich wünschte, endlich besiegte mich die Ungeduld, und während ich den Tee herrichtete, fuhr ich denn geradenwegs mit der Frage heraus, was er eigentlich damit bezweckt habe, als er die Fürstin an mich wies, und wie er dazu komme, ihr zu sagen, er habe an mich alte Waffenstücke verkauft.

"Nun, und warum sollte ich nicht dergleichen an Sie verkauft haben?" gab Lipotin mit Seelenruhe zurück. Sein Ton irritierte mich; ich rief lebhafter, als ich selber wollte:

"Aber Lipotin, sie müssen doch wissen, ob Sie mir einmal eine altpersische oder Gott weiß was für eine Lanzenspitze verkauft haben oder nicht?! – Vielmehr: Sie wissen selber ganz genau, daß Sie niemals –"

Er unterbrach mich mit unverminderter Gleichgültigkeit im Tonfall:

"Selbstverständlich, Verehrtester, werde ich die Lanze an Sie verkauft haben." –

Seine Augendeckel hingen tief herab; seine Finger stopften Tabakfasern in das Mundstück einer Zigarette zurück. Sein Aussehen war gesättigt mit Selbstverständlichkeit. Ich aber fuhr auf: "Was für Scherze, mein Bester! Niemals habe ich dergleichen Dinge bei Ihnen gekauft. Nicht einmal gesehen habe ich so etwas bei Ihnen! Sie irren auf eine Weise, wie ich es kaum verstehen kann!"

"So?" antwortete Lipotin träg. "Nun, dann war es eben früher, daß ich Ihnen die Waffe verkauft habe."

"Niemals! Nicht kürzlich und nicht früher! Begreifen Sie doch! – Früher!! Was soll das heißen?! – Seit wann kennen wir uns überhaupt? Seit einem halben Jahr, und für diese Zeitspanne müßte Ihr Gedächtnis wahrhaftig ausreichen!"

Lipotin sah mich schräg von unten herauf an und antwortete: "Wenn ich 'früher' sage, so meine ich wohl: in einem früheren Leben – in einer anderen Inkarnation."

"Wie meinen Sie? In einer – –?"

"In einer früheren Inkarnation", wiederholte Lipotin deutlich. Ich glaubte den Spott herauszuhören; daher nahm ich seinen Ton auf und sagte ironisch: "Ach so!"

Lipotin schwieg.

Da es mir aber darum zu tun war, von ihm zu erfahren, weshalb er mir die Fürstin zugeschickt hatte, so begann ich wieder:

"Ich verdanke Ihnen übrigens, auf diese Weise mit einer Dame bekannt geworden zu sein, die – – –"

Er nickte.

Ich fuhr fort:

"Leider setzt mich die Mystifikation, die Sie dabei für nötig hielten, in einige Verlegenheit. Ich möchte der Fürstin Chotokalungin, soviel in meinen Kräften steht, zu der gewünschten Waffe verhelfen – –"

"Aber sie ist doch in Ihrem Besitz!" heuchelte Lipotin mit Ernst.

"Lipotin, mit Ihnen ist heute nicht zu reden!"

"Warum nicht?"

"Es ist zu toll! Sie lügen einer Dame vor, in meinem Besitz befinde sich eine Waffe –"

"– die Sie von mir erworben haben."

"Mensch, vorhin – soeben noch haben Sie zugegeben – –"

"– daß es in einer früheren Inkarnation war. – Mag sein!" – Lipotin tat so, als verfalle er in Nachdenken, und brummte:

"Es ist leicht möglich, daß man einmal das Jahrhundert verwechselt."

Ich sah ein, daß eine ernste Unterhaltung mit dem Antiquar heute nicht möglich war. Im stillen ärgerte ich mich ein wenig. Doch ging ich notgedrungen auf seinen Ton ein, lachte trocken und sagte:

"Schade, daß ich die Fürstin Chotokalungin nicht auf eine frühere Inkarnation der von ihr so leidenschaftlich gesuchten Kostbarkeit zurückverweisen kann!"

"Warum nicht?" fragte Lipotin.

"Weil der Fürstin wohl das Verständnis für Ihre ebenso bequeme wie philosophische Ausrede fehlen dürfte."

"Sagen Sie das nicht!" – Lipotin lächelte – "Die Fürstin ist Russin."

"Na und?"

"Rußland ist jung. Sehr jung sogar, meinen einige Ihrer Landsleute. Jünger als wir alle. Rußland ist auch alt. Uralt. Niemand wundert sich über uns. Wir können wie Kinder greinen und wie die drei silberbärtigen Greise auf der Insel im Meer an den Jahrhunderten vorbeidenken –"

Ich kannte diesen Hochmut. Es war mir unmöglich, meinen Spott zu unterdrücken:

"Ich weiß, die Russen sind das Volk Gottes auf Erden."

Lipotin grinste fatal:

"Vielleicht. Denn sie sind vollkommen des Teufels. – Im übrigen: es ist ja alles nur eine Welt."

Mein Bedürfnis, diese verblasene Tee- und Zigarettenphilosophie, die russische Nationalkrankheit, zu ironisieren, nahm zu.

Ich erwiderte:

"Eine Weisheit, würdig eines Antiquars! Dinge des Altertums, jeder beliebigen Epoche, in unsere heute lebende Hand gelegt, predigen die Nichtigkeit von Raum und Zeit. Nur wir selbst sind an sie gebunden – –" – Es war meine Absicht, noch weiter in raschem Redefluß solche und ähnliche Banalitäten zusammenzuschwatzen, wahllos durcheinander, um den getragenen Ton seiner Philosopheme zu überschwemmen, aber er unterbrach mich lächelnd und mit einem kurz vorstoßenden Ruck seines Vogelkopfes:

"Mag sein, daß ich von Antiquitäten gelernt habe. Zumal die älteste der mir bekannten Antiquitäten – ich selbst bin. – Eigentlich heiße ich Mascee."

Es gibt keine Worte, den Schreck zu beschreiben, der mich bei dieser Rede Lipotins durchfuhr. Einen Augenblick lang schien es mir, als sei mein Kopf in eine schleiernde Nebelmasse verwandelt. Eine kaum zu beherrschende Aufregung lohte in mir auf, und nur mit äußerster Anstrengung zwang ich mich zu einer Miene blasser Verwunderung und Neugier, als ich ihn fragte:

"Woher wissen Sie denn diesen Namen, Lipotin? Sie können sich kaum denken, wie mich das interessiert! Der Name ist nämlich – auch mir nicht unbekannt."

"So?" – sagte Lipotin kurz. Sein Gesicht blieb undurchdringlich.

"Ja. Dieser Name und sein Träger, ich muß gestehen, beschäftigen mich seit einer gewissen Zeit sehr –"

"Seit jüngster Zeit?" höhnte Lipotin.

"Ja! Gewiß!" entgegnete ich eifrig. "Seitdem ich diese – diese – – –" Ich machte unwillkürlich ein paar Schritte auf meinen Schreibtisch zu, wo die Zeugen meiner Arbeit gestapelt lagen; Lipotin sah das wohl, und es war ihm gewiß nicht schwer, zu kombinieren. er unterbrach mich darum mit dem sichtlichen Ausdruck einer gewissen selbstgefälligen Genugtuung:

"Sie wollen sagen: seitdem Sie diese Akten und Zeugnisse über das Leben eines gewissen John Dee, Schwarzkünstlers und Phantasten aus der Zeit der Queen Elizabeth, in Ihrem Besitz haben? – Es ist richtig. Mascee hat die Herrschaften auch gekannt."

Ich wurde ungeduldig.

"Nun hören Sie, Lipotin", fuhr ich auf, "Sie haben mich für heute abend lang genug zum besten. Ihre übrigen Geheimnisreden seien Ihnen, oder vielmehr Ihrer guten Abendlaune, zugute gehalten; aber wie kommen Sie – kommen Sie auf diesen Namen: Mascee?"

"Nun ja", sagte Lipotin unverändert träge, "er war, wie ich Ihnen schon verraten zu haben glaube –"

"Ein Russe, gewiß. Der 'Magister des Zaren', wie ihn die Urkunden gelegentlich nennen. Aber Sie? Was haben Sie mit ihm zu tun?"

Lipotin erhob sich und zündete sich eine neue Zigarette an:

"Scherze, Verehrtester! Man kennt den Magister des Zaren in – unseren Kreisen. Wäre es denn unmöglich, daß sich eine Archäologen- und Antiquarsfamilie wie die meinige von jenem Mascee herleitete? Nur eine Annahme, natürlich, wertester Freund, nur eine Annahme!" – und er griff nach Mantel und Hut.

"Spaßhaft in der Tat", sagte ich. "Sie kennen aus der Geschichte Ihres Landes diese seltsame Figur? Und in alten englischen Schriften und Dokumenten taucht sie wieder auf und – tritt in mein Leben – – sozusagen – –"

Die Worte kamen mir absichtslos auf die Lippen.

Aber Lipotin gab mir die Hand und ergriff zugleich mit der Linken die Türklinke:

"– sozusagen in Ihr Leben, verehrtester Gönner. Freilich Sie sind einstweilen bloß unsterblich. Er aber –", Lipotin zögerte kurz, zwinkerte aus den Augenwinkeln und drückte mir nochmals die Hand, – "sagen wir der Einfachheit halber: 'ich' –- ich, müssen Sie wissen, bin ewig. Jedes Wesen ist unsterblich, es weiß es nur nicht oder vergißt es, wenn es auf die Welt kommt oder sie verläßt, deshalb kann man nicht behaupten, es hätte das ewige Leben. Ein andermal vielleicht mehr hierüber. Wir bleiben ja, hoffentlich, noch lange beisammen. Auf Wiedersehen also!"

Und damit eilte er die Treppe hinab.

Ich blieb recht beunruhigt und verwirrt zurück. Kopfschüttelnd suchte ich mich zu besinnen. War Lipotin angetrunken gewesen? Es hatte mir manchmal wie Weinlaune geschienen, was aus seinem Blick funkelte. Aber eigentlich betrunken hatte ich ihn nicht gefunden. Eher ein wenig verrückt, aber das ist er, seit ich ihn kenne. Das Schicksal eines Verbannten mit siebzig Jahren auszukosten wie er, kann schon an den Kräften der Seele rütteln!

Merkwürdig immerhin, daß auch er etwas von dem "Magister des Zaren" weiß, – am Ende mit ihm verwandt ist, wenn seine Andeutung ernst gemeint war!

Wertvoll wärs, von ihm zu erfahren, was er Genaues von diesem Menschen weiß! Aber – verdammt! Mit der Angelegenheit der Fürstin bin ich um keinen Schritt weitergekommen!

Auch hier wird mir Lipotin bei guter Tageszeit und bei nüchterner Gelegenheit besser Rede und Antwort stehen müssen. Nochmals lasse ich mich nicht im Kreise herumführen!

Und nun an die Arbeit!

Ein blinder Griff, wie ich mir vorgenommen, in die Tiefe der Schublade, die John Rogers Sendung birgt, bringt ein in Hadernpapier gebundenes Heft zutage, das sich, als ich es aufschlage, als Mittelstück einer vermutlich längeren Reihe ähnlicher Hefte darstellt, denn es beginnt, ohne Überschrift und ohne Schutzblatt, sofort mit hie und da datierten Aufzeichnungen. Die Handschrift ist gegen die des Diariums zwar stark verändert, aber unverkennbar die John Dees.

Ich beginne mit der Abschrift:

Aufzeichnungen aus dem späteren Leben des John Dee, Esq.

Anno 1578

Heute am Tag des Festes der Auferstehung unseres Herrn, bin ich, John Dee, bei zeitiger Morgenfrühe von meinem Lager aufgestanden und fein leise aus meinem Schlafzimmer geschlichen, auf daß ich mein Weib Jane – meine jetzige, zweite Gattin – und Arthur, mein geliebtes Söhnchen, in seiner Wiege nicht im Schlafe stören möchte.

Es drängt mich, zum Haus und Gehöft hinauszugelangen in den mild und silbrig aufwachenden Frühlingstag, und wüßte doch eigentlich nicht zu sagen, was mich so trieb, wenn es nicht der Gedanke daran war, wie böse mir vor nun achtundzwanzig Jahren dieser selbe Ostermorgen aufging.

Da wäre nun vielleicht mancher Grund, dem unergründlichen Geschick, oder, daß ich es ziemlicher sage: der göttlichen Vorsehung und Erbarmniß einen aufrichtigen und innigen Dank darzubringen dafür, daß ich noch heute in meinem siebenundfünfzigsten Jahr bei guter Gesundheit und hellen Sinnen das liebe Leben und die herrlich den Horizont im Osten überschreitende Sonne schauen und genießen darf.

Die meisten von denen sind lange tot, die mir damals zu Leibe wollten, und von Sir Bonner, dem Blutigen Bischof, ist nichts mehr übrig als ein Abscheu des Volkes, wenn es sich die alten Geschichten erzählt, und ein Ammenschreck für die unartigen Kinder.

Was aber ist aus mir geworden und aus den Prophezeiungen und aus den kühnen Stürmen des Geistes aus den Tagen meiner starken Jugend? – – – Ich mags nicht bedenken, wie mir die Jahre vergingen und die Entwürfe und die Enttäuschungen und die Kräfte.

Unter solchen, mächtiger denn seit langem auf mich eindringenden Gedanken, wandelte ich an dem Ufer des schmalen Gewässers hin, das unserm Geschlecht wohl einstmals den Namen gab: dem Dee-Fluß; und das Dee-Bächlein gemahnte mich in seiner komischen Eile so recht an den allzuraschen Fluß aller unserer menschlichen Dinge. Unterdes gelangte ich an jene Stelle, wo der Bach in mehrfach und eng gewundenen Schleifen den Aussichtshügel von Mortlake umwindet, und da ist eine Stelle, wo sich das Wasser in eine alte Lehmkuhle ausbreitet, so daß eine Art von verschilftem Teich diese Ausbuchtung des Ufers füllt. Hier scheint auf einen ersten Blick der Dee-Bach stehen geblieben und in einen Sumpf ergossen und gleichsam verloren zu sein.

An diesem versumpften Loch hielt ich nun und schaute, ich weiß nicht wie lange, auf das schwachbewegte Schilf, das diesen Unkenteich bedeckt. Nachdenklichkeiten der allerunzufriedensten Art erfüllten mir den Sinn und allzustark pochte die Frage hinter meiner Stirn: ob ich nun hier nicht im Schicksal des Dee-Baches gleichsam das Schicksal des John Dee selbst, der ich davor stand, abspiegele und recht wie ein Symbolum vor Augen stelle? – Ein rascher Lauf und ein früher Sumpf, stehendes Wasser, Kröten, Unken, Frösche und Binsen – und darüber, im laulichen Sonnenschein, das Hin- und Widergaukeln einer schillernden Libelle mit edelsteingeschmückten Schwingen: fängt man aber das trügerische Wunder, so hat man in den Händen einen häßlichen Wurm mit gläsernen Flügeln.

Indem ich solches bedachte, fiel mein Blick auf eine große, graubraune Larve, der sich in der steigenden Wärme des Frühlingsmorgens soeben die junge Wasserjungfer entzog. Nicht allzu lange haftete das zitternde Insect an dem gelben Röhricht nahe an der Stelle, an der die nun verlassene, gespenstische Hülse sich zuvor zu dem todes- und geburtsbangen Akte festgekrallt hatte. Im warmen Sonnenschein trockneten bald die zarten Flügel. Ruckartig hoben sie sich öfters, entfalteten sich zierlich, glätteten sich in träumerischer Bewegung an den emsig striegelnden Hinterbeinen, erzitterten dann inbrünstig – und mit einemmal hob sich schwirrend der kleine Elf und blitzte und irrte im nächsten Augenblick mit zuckendem Flug in der Seligkeit des Luftmeers umher. Tot aber hing die starre Larve am gestorbenen Schilf über dem stockenden Moder des Teichs.

"Dies ist das Geheimnis es Lebens", sagte ich laut zu mir. "So hat sich zum andernmal gehäutet das Unsterbliche, so ist wieder aus dem Gefängnis gebrochen der siegreiche Wille nach seiner Bestimmung."

Und so sah ich mich plötzlich viele Male, gleichsam hinter mir, in einer langen Reihe von Bildern, die sich in der Vergangenheit meines Lebens verloren; hockend im Tower neben dem Bartlett Green; langweilige Scharteken lesend und Hasen jagend in Robert Dudleys schottischem Bergversteck; Horoskope bastelnd in Greenwich für Jung-Elizabeth, die Wilde, die Niezufassende; – – – Tiraden und Bücklinge machend vor Kaiser Maximilian zu Ofen in der Ungarei; monatelanges, albernes Geheimnisspinnen mit Nikolaus Grudius, Kaiser Karls Geheimsekretär und noch viel geheimeren Rosenkreuzeradepten. Ich sah mich leibhaftig und wie erstarrt in so mancher lächerlicher Lage, in so mancher herzzehrenden Angst und fassungslosen Erblindung des Gemüts: krank in Nancy auf dem Bett des Herzogs von Lothringen, glühend vor Eifer, Liebe, Aufsturm der Pläne und Hoffnungen in Richmond vor der Heißen, Eiskalten, Aufblitzenden, mißtrauisch Hinzögernden, vor ihr – vor ihr – – –

Und ich sah mich am Bett meines ersten Weibes, meiner Feindin, meiner unseligen Ellinor, da sie mit dem Tode kämpfte, und sah, wie ich leise von ihr hinausglitt aus dem Gefängnis des Todes, hinaus in den Garten von Mortlake, zu ihr – zu ihr – zu Elizabeth!

Larve! – Maske! – Gespenst!! – Dies alles ich; dies alles nicht ich, sondern ein brauner Wurm an der Erde mit wütenden Krallen bald hier, bald dort angeklammert zur Geburt des Andern, des Beflügelten, des wahrhaftigen John Dee, des Grönlanderoberers, des Weltstürmers, des Königlichen Jünglings!

Und immer nur wieder der sich windende Wurm – und immer noch nicht der Bräutigam! – O Jugend! O Feuer! – O meine Königin!! –

Das war der Abendspaziergang eines siebenundfünfzig Jahre alten Mannes, der da mit siebenundzwanzig gedacht hatte, die Krone von England zu greifen und den Tron der neuen Welt unter seine Füße zu tun.

Und was war geschehen in diesen dreißig langen Jahren, seitdem ich zu Paris auf dem hochgefeierten Katheder saß und Gelehrte zu Schülern, einen König und einen Herzog von Frankreich zu eifrigen Hörern gehabt hatte? – In welchen Dornen war der Adlerfittich hängen geblieben, der zur Sonne gestrebt? In welchen Vogelfängernetzen hatte sich der Adler verstrickt, daß er zusammen mit Drosseln und Wachteln das gemeinsame Schicksal mit Stubenvögeln geteilt und Gott hatte danken dürfen, daß er nicht gar mit Krammetsvögeln in die Bratpfanne gewandert war?! –

Ich habe an diesem stillen Ostermorgen mein ganzes Leben an mir vorüberziehen sehen: nicht in der Art, wie man sonst gemeinhin von Erinnerungen an die Vergangenheit spricht; sondern ich sah mich leibhaftig "hinter mir", gegenwärtig in der Larve einer jeden Zeit und habe die Qual des Wiederhineinkriechens in jeder dieser verlassenen Gestalten des Leibes durchgekostet von den Anfängen meines bewußten Lebens ab bis zum heutigen Tag. Aber es war dieser Gang durch die Hölle meiner Vergeblichkeiten dennoch nicht ohne einen Nutzen gewesen, denn ich erstaunte da mit einemmale so klar, als läge plötzlich ein greller Sonnenschein über den verworrenen Wegen meines Irregehens. Und es schien mir gut, diesen Tag und sein Erlebnis zu nutzen und aufzuzeichnen, was ich gesehen habe. So schreibe ich hier denn nieder, was mir in den letzten achtundzwanzig Jahren geschehen ist, als:

Rückblick

Roderich der Große von Wales ist mein Urahn, und Hoël Dhat, der Gute, von dem die Volkslieder durch die Jahrhunderte hindurch gesungen haben, ist der Stolz unseres Geschlechts. So ist mein Blut älter als das der "beiden Rosen" Englands und so königlich wie irgend eins in den Königreichen, das zur Herrschaft berufen ist.

Dem Stolz des Blutes verschlägt es nichts, daß die Besitztümer der Earls of Dee und ihre Titel in den Stürmen der Zeit zerstreut, zerbrochen und verloren gegangen sind. Mein Vater, Rowland Dee, Baronet of Gladhill, wüst an Sinnen und wilden Gemüts, behielt nichts übrig von allem Vätererbe als die Feste Deestone und einen leidlich ausgedehnten Grundbesitz, dessen Rente eben ausreichte, seine rohen Leidenschaften zu befriedigen und daneben seinen wunderlichen Ehrgeiz: aus mir, seinem einzigen Sohn und dem Letzten des alten Geschlechts, eine neue Blüte und einen neuen Ruhm für unser Haus hervorzuzüchten.

Als wollte er Vaters- und Urgroßvaterssünden durch mich sühnen, so tat er seiner Natur Gewalt an, sobald es um meine Zukunft ging, und obwohl er mich nie anders als von weitem gekannt und unsere Natur und Art so verschieden waren wie Wasser und Feuer, so danke ich doch ihm allein jede Pflege meiner Neigungen und jede Erfüllung meiner ihm so fremden Wünsche. Der Mann, dem jedes Buch ein Greuel und Wissenschaften ein Hohngelächter waren, förderte alle meine Geistesgaben auf die sorgfältigste Weise und ließ mir, auch hierin jähen Stolzes, die allervortrefflichste Bildung angedeihen, die nur ein reicher und hochgeborener Herr in England genießen kann. Zu London und Chelmesford hielt er mir die ersten Lehrer jener Zeit.

Auf dem St. Johns College zu Cambridge vervollkommnete ich mein Wissen im Kreise der vornehmsten und tüchtigsten Geister dieses Landes. Und als ich nicht ohne Ehre die Würde eines Baccalaureus von Cambridge, die nicht gekauft und nicht erschlichen werden kann, in meinem dreiundzwanzigsten Jahre errang, da gab mein Vater auf Deestone ein Fest, das ihn schier ein Drittel seiner Güter zu verpfänden zwang, um die wahrhaft königlichen Schulden bezahlen zu können, die er zur sinnlos verschwenderischen Ausstattung dieser Jubeltage gemacht hatte. Bald darauf starb er.

Da meine Mutter, eine stille, feine und vergrämte Frau, schon lange tot war, so sah ich mich in meinem vierundzwanzigsten Jahr plötzlich als einzigen und unabhängigen Erben eines immer noch stattlichen Besitzes und eines Titels von altem Glanze.

Wenn ich zuvor mit so starken Worten hervorgehoben habe, wie gegensätzlich unser beider Naturen waren, so habe ich dies nur in der Absicht getan, das Wunder in der Seele eines Mannes gebührend ins Licht zu setzen, der, selber nur von Waffen- und Würfelspiel, Jagd und Trunk erfüllt, dennoch die von ihm feierlich verachteten sieben freien Künste wert genug hielt, um von ihnen – und meiner Neigung für sie – sich einen erhöhten Ruhm seines immerhin schon ziemlich in den bösen Zeitläuften abgewitterten Ahnenschildes zu erhoffen. Nicht aber wollte ich sagen, daß ich nicht selbst auch ein gut Teil von dem wild und unabhängig einherfahrenden Wesen meines Vaters überkommen hätte. Rauf- und Sauflust und manch ein noch bedenklicherer Zug meines Charakters hatte mich schon in frühen Jahren nicht selten in die abenteuerlichste Lage gebracht und mitunter sogar in allerhand halsbrecherische Gefahr. Darunter war die einstige, in jugendlichem Übermut vielleicht schon mehr als kecke – Affaire mit dem Rabenhäuptling noch nicht einmal die schlimmste gewesen, obschon sie meinem Leben die verhängnisvollste Wendung gegeben hat.

Unbekümmertheit um den kommenden Tag und rauhe Abenteuerlust war es darum auch vor allem gewesen, was mich veranlaßte, alsbald nach des Vaters Tod Haus und Land den Verwaltern zu überlassen und mit mehr als bescheidener Rente auf Reisen zu gehen wie ein Lord. Mich reizten die Hohen Schulen zu Löwen und zu Utrecht, zu Leyden und zu Paris, das große Leben, – freilich auch der breite Ruhm der dort zu üppiger Blüte gelangten öffentlichen und Geheimen Wissenschaften.

Cornel Gemma, der große Mathematikus, – Frisius, der würdige Nachfolger Euklids in nordischen Landen – und der hochberühmte Gerhardus Mercator, der erste unter den Erd- und Himmelskundigen meiner Zeit, sind dort meine Lehrer gewesen und ich war nach Hause zurückgekehrt mit dem Ruhm eines Physikers und Astronomen, der keinem in England nachstand. Und solches in meinem vierundzwanzigsten Jahr!! – Mein Hochmut war darum nicht gering, und mein natürlicher und geerbter Übermut hatte daraus jede erwünschte Nahrung gezogen.

Der König übersah meine Jugend wie meine tollen Streiche und machte mich zum Lehrer der Griechischen Sprache an seinem besonders protektionierten Lieblingscollegium zur Heiligen Dreifaltigkeit in Cambridge: Was hätte meinem Stolz süßer eingehen mögen, als diese frühe Berufung an den Ort, woselbst ich einst die Schulbank gedrückt hatte?!

Meister unter fast Gleichaltrigen, ja oft Älteren, war mein collegium graeciae allermeist mehr ein collegium bacchi et veneris zu nennen, als ein collegium officii. Und wahrlich, noch heute möchte mir die Erinnerung an jene Aufführung des "Friedens" von dem alten Komödiendichter Aristophanes, dem Göttlichen, das Mauls ins Lachen verziehen; er war von meinen Schülern und Kumpanen dargestellt und von mir höchst mirakulös in die Scene gesetzt gewesen. Ich konstruierte damals einen Riesen-Mistkäfer nach Vorschrift des Dichters, von furchterregendem Aussehen, dessen Leib eine so wohl ersonnene mechanische Einrichtung barg, daß derselbige Käfer sich stracks in die freie Luft erhob und über die Köpfe der abergläubisch aufschreienden Zuhörerschaft damals geradewegs in den Himmel aufburrte und mit großem Getöse und Gestank die Botschaft zu Jupiters Tron brachte.

Wie haben die guten Professoren und Magistri, nebst den ehrenwerten Bürgern und Bürgschaftsvorständen, die Nasen erhoben und die Stoßgebetlein unter die Sitzbänke strömen lassen vor Angst, Not und Entsetzen über das Zaubermirakel und die schwarze Kunst des jungen, allzufrechen Tausendkünstlers, John Dee.

Bei all dem Lärm, Gelächter, Gezeter und Halloh dieses Tages hätte ich mit achtsameren Sinnen wohl lernen mögen Art und Weise dieser Welt, in der zu leben ich doch geboren und verdammt bin. Denn es antwortet diese Welt und der Pöbel darin, der ihr sein Gesetz giebt, auf harmlosen Übermut und Schabernack mit bitterm Haß und tödlichem Ernst seiner Rache.

Sie stürmten mir damals das Haus in jener Nacht, um mich, den Teufelsbündler, zu fangen und vor ihr hirnlos unsinniges Gericht zu schleppen. Und Dechant und Fakultätssuperior krächzten dem Pöbel voran, schwarzen Aasvögeln gleich, um der "Gotteslästerung" eines fröhlichen mechanicus willen! – Und wäre in jener Nacht nicht Dudley-Leicester, mein Freund und der würdige und verständige Rektor des College gewesen, wer weiß, ob mich der gelehrte und profane Pöbel nicht schon in selbiger Stunde vom Leben zum Tode gebracht und an meinem gerinnenden Blut die gierige Luft gebüßt hätten! –

So aber entrann ich damals auf raschem Pferd nach meinem festen Deestone und von da aus aufs neue übers Meer nach der Stadt Löwen auf die Hohe Schule. Hinter mir ließ ich ein ehrenvolles Amt, eine leidliche Besoldung und einen von gehässiger Unfläterei derer Gerechten und Frommen über und über beschmutzten, durch allen Unrat der Verdächtigungen gezogenen Namen. Allzuwenig schierte mich damals noch die scheinbare Ohnmacht der tief unter meinem Stande hin und widerzischenden Lästerungen. Noch gänzlich unkundig war ich der Erfahrung in dieser Welt: kein Stand ist zu hoch und kein Verläumder zu gering und verächtlich geboren, als daß nicht Anfeindungen von noch Größeren zu ihrer Zeit beide miteinander zusammenknüpfte und aus dem Geifer der Tiefe das Gift für den Edelgeborenen mischte!

O, meine Standesgenossen, wie habe ich sie inzwischen bitterböse kennen gelernt! –

Chemie und Alchymie habe ich dann zu Löwen bis auf den Grund studiert und die Natur der Dinge erforscht, soviel ein Lehrer davon zu lehren verstand. Und daraufhin mir zu Löwen mit teurem Gelde eine eigene Küche erbaut und fleißig den natürlichen und göttlichen Geheimnissen der Welt für mich allein nachgespürt. Ist mir auch manches Wissen und Einsehen in die elementa naturae geworden. –

Damals nannte man mich magister liberarum artium. Und da das blöde und giftige Gerücht aus meiner englischen Heimat ich hier nicht wohl erreichen und verfolgen konnte, so genoß ich doch bald hohe Ehren unter den Gelehrten und Nichtgelehrten und zählte, als ich im Herbst auf der Kanzel zu Löwen Astronomie vortrug, zu meinen Schülern die Herzöge von Mantua und Medina Cöli, die damals einen Tag in der Woche aus Brüssel eigens zu mir herüber ritten, allwo Kaiser Karl V. Hoflager hielt. Und zu mehreren Malen war die Majestät selbst bei den Zuhörern und duldete nicht, daß Seinetwegen im geringsten die Ordnung und gewohnte Weise des collegii verändert werde. Auch Sir William Pickering aus meiner Heimat, ein gelehrter und sehr ehrenwerter Gentleman, und Matthias Haco und Johannes Capito aus Danmarken hörten fleißig meine Vorträge. Und damals war es, daß ich Kaiser Karl anriet, die Niederlande auf eine Zeit zu verlassen, da ich eine Seuche aus gewissen, untrüglichen Umständen, so ich zuvor wohl studiert hatte, in jenem feuchten Winter herandringen sah und dem Kaiser solche Gefahr treulich anzeigte. Der Kaiser Karl war baß erstaunt und lachte und wollte solcher Prophezeiung keinen Glauben schenken. Und viele Herren seines Gefolges nahmen den guten Anlaß wahr und versuchten, mich mit Spott- und Lügenreden aus der sichtbaren Gunst Seiner Majestät zu drängen, da ihnen diese schon bei längstem ein Greuel und fressender Neidwurm war. Es war aber der Herzog von Medina Cöli, der dem Kaiser mit ernstem Bedenken nahe ging und ihm sehr empfahl, meine Warnungen nicht in den Wind zu schlagen. Denn ich hatte dem Herzog, als ich sein Wohlmeinen erkannte, gewisse Zeichen gewiesen, auf die ich meine Weissagungen zu stützen verstand.

Sind denn auch bald nach Jahreswende die Anzeichen der Seuche so gemehrt worden, daß Kaiser Karl V. sein Lager zu Brüssel in großer Eile räumte und bald außer Landes zog, nicht, ohne mich ihn sein Gefolge zu fordern, und, als ich diese Ehre bei anderen, dringlichen Plänen ausschlagen mußte, mich mit einem fürstlichen Geldgeschenk und einer güldenen Kette nebst Gnadenpfennig auf das Schmeichelhafteste zu entschädigen.

Bald darauf erhob sich der hustende Tod in Holland und wütete dermaßen, daß damals binnen zweier Monate bei dreißigtausend Tote in den Städten und auf dem Lande gezählt wurden. –

Ich selber hatte mich vor der Seuche gewandt und war nach Paris übergesiedelt. Dort waren Turnebus und Petrus Remus, der Philosoph, und Rançnet und Fernet, die großen Ärzte, und Petrus Nonius, der Mathematiker, meine Schüler in der Euklidischen Geometrie und in Astronomie. Alsbald kam auch König Heinrich XI. in einen Hörsaal und wollte nicht anders, wie Kaiser Karl in Löwen, zu meinen Füßen sitzen. Durch den Herzog von Monteluc erging an mich das Anerbieten, Rektor einer eigens für mich zu errichtenden Akademie zu werden, oder eine Professur an der Universität zu Paris unter hohen Versprechungen für die Zukunft anzutreten.

Das alles aber war mir wie ein Spiel und mein Hochmut ließ es mich mit Lachen ausschlagen. Mich trieb mein düsterer Stern zum andernmal nach England zurück, denn zu Löwen hatte mir ein gespenstischer schottischer Pibrochpfeifer, – mag sein, es war der unheimliche Hirte des Bartlett Green – den Nikolaus Grudius, Kaiser Karls Geheimkämmerer, ich weiß nicht wo aufgetrieben hatte, dringlich vorgestellt, daß ich bestimmt sei, in England zu höchsten Ehren und Erfolgen emporzusteigen. Es fraß sich dies tief in meine Seele ein und mir war, als habe es noch eine ganz besondere magische Bedeutung, über die ich mir nicht klar werden konnte. Aber so oder so, es lag mir im Ohr und reizte meinen abenteuerlichen Ehrgeiz. Und so kam ich zurück und ließ mich ein in das höchst gefährliche und blutige Spiel der Kräfte, das damals die Reformation zwischen papistisch und lutherisch Gesinnten entfesselte und das, von der königlichen Familie angefangen, bis tief hinab ins letzte Dorf Brüder verfeindete und Eltern entzweite. Ich nahm die Partei der Reformierten und dachte, in raschem Ansturm Liebe und Hand der evangelisch gesinnten Elizabeth zu erringen. Wie das aber mißlang, das habe ich in andern Tagebüchern treulich aufgezeichnet und will es darum nicht nochmals erzählen.

Robert Dudley, Graf von Leicester, der beste Freund, den ich Zeit meines Lebens besessen, verkürzte mir die Tage der Verborgenheit nach meiner Entlassung – besser wäre schon zu sagen: nach meinem Entrinnen aus Bischof Bonners Gewalt aus dem Tower –, auf seinem schottischen Burgnest in den Sidlaw Hills, indem er mir wiederholt erzählte von den Beratungen und Ereignissen, die meine Befreiung bewirkt haben. Und meine gierigen Ohren konnten nicht satt bekommen, was er mir erzählte über die knabenhafte Verwegenheit und die abenteuerliche Entschlußkraft, die sich damals in Princessin Elizabeth offenbart hatten. Wußte ich doch viel, viel mehr, als der Dudley ahnen konnte. Ich wußte es, wußte es mit kaum niederzukämpfendem Jubel in der Kehle, daß Princessin Elizabeth alles für mich getan hatte, ebenso und mehr, als wenn sie es für sich selbst getan hätte, – hatte sie doch den Liebestrank getrunken, den ihr Mascee und die Hexe von Uxbridge aus meinem Leibe zubereitet hatten! –

Gewaltig hob mich dieser Gedanke und das Wissen von der Kraft des Trankes, die mir aus dem schier unglaublich kühnen Handeln der Princessin hervorzugehen schien. Mit magischer Gewalt hatte ichs gezwungen, daß ich – als Trank – in Lady Elizabeths Seele und Wille einging, daraus ich nun und nimmermehr zu vertreiben wäre und in Wahrheit auch nicht mehr zu vertreiben gewesen bin bis auf den heutigen Tag trotz aller Widerstände des unbegreiflichen Schicksals!

"Ich zwings!" – das war der Wahlspruch meines Vaters gewesen sein Leben lang und er hatte das Wort geerbt von seinem Vater; dieser vom Großahn, und so scheint der Wahlspruch alt zu sein, wie das Geschlecht der Dees. Und: "Ich zwings!" – war auch mein Sinn und Wille von Jugend auf und der Sporn zu allen meinen Taten und Erfolgen im ritterlichen, wie im gelehrten Leben. "Ich zwings!" – das hat mich bei jungen Jahren zum Lehrer und Berater von Kaisern und Königen und, ich darf es sagen, zu einem der geehrteste Natur- und Geisteskundigen meiner Zeit und meines Vaterlandes gemacht. "Ich zwings!" – das hat mich befreit aus den Krallen der Inquisition, und "Ich zwings!" –

– – – ich eitler Tor! Was habe ich denn in dreißig Jahren gezwungen?! – In den Jahrzehnten meiner besten Manneskraft?! – Wo ist die Krone von Engelland? – Wo steht der Tron über Grönland – und den Staaten im Westen, die sie heute nach einem fadenscheinigen Matrosen das Land des Amerigo Vespucci benennen –?!

Ich übergehe die fünf elenden Jahre, die ein launisches und törichtes Schicksal der lungensüchtigen Maria von England zugestand, um Großbritannien in neue, vergebliche Wirren zu stürzen und den Papisten eine verderbliche Frist zu gewähren, ihre irrgläubige und unduldsame Herrschaft wieder aufzurichten.

Mir selbst schienen jene Jahre wie ein weise meine Leidenschaften zügelndes Geschenk der Vorsehung, denn ich verwandte die notgedrungene Stille der Zeit zu den sorgfältigsten Studien und Vorbereitungen meiner grönländischen Pläne. Ich wußte in ruhigem Triumph, daß meine – daß unsere Zeit kommen werde, die Zeit der glorreichen Königin und meiner –: ihres durch Weissagung und Schicksal vorbestimmten Gemahls.

Denke ich zurück, so ist mir, als habe solche Weissagung mir von der Stunde meiner Geburt an im Blute gelegen. Ich meine, so damals wie heute: schon meine Kindheit war erfüllt von dem heimlichen Wissen um meine königliche Bestimmung; und vielleicht ist es diese blinde, mir gleichsam mit dem Blute überlieferte Überzeugung gewesen, die mich eigentlich nie auf den Gedanken verfallen ließ, die Ansprüche näher zu prüfen, auf die sie sich gründete.

Auch heute, nach so endlosen Enttäuschungen und Fehlschlägen, ist jenes mir mit der innersten Seele verwachsene Wissen und Gewißhaben nicht im mindesten erschüttert, wie sehr auch die Sprache der Tatsachen gegen mich zeugt. –

Aber tut sie es denn? –

Heute fühle ich das Bedürfnis, mir wie ein Kaufmann Rechenschaft zu geben über mein Vermögen, indem ich die Ansprüche meines Gemütes und meines Willens und die Erfolge meines Lebens auf die Soll- und Haben-Blätter meines Haupt-Schicksalsbuches gerecht verteile. Denn auch dieses spüre ich: in mir treibt eine Stimme mich an, bald die Bilanz zu ziehen.

Ich weiß nichts beizubringen, nicht aus Urkunden und nicht aus Erinnerungen, was mir das Recht zu der Meinung gäbe, daß schon meine Kindheit unter dem selbstverständlichen Wissen stand, ich sei verbunden mit dem einen Tron. – Und das kann doch nur der von England sein! so sage ich mir immer wieder, und in mir wohnt etwas, was mich nicht zweifeln läßt. Mein Vater Rowland hat mir wohl, nach Art verkommener und ein unrühmliches Ende ihres Hauses voraussehender Edelleute, mit hochfahrenden Worten öfters Rang und Ansehen unseres Geschlechts gerühmt und die Verwandtschaft mit den Greys und Boleyns betont. Aber er tat es vorzüglich, wenn die königlichen Gerichtsvollzieher wieder einen Acker oder ein Stück Wald pfändeten. Das Gedächtnis dieser beschämenden Vorgänge kann es also kaum gewesen sein, das mich so sehr in Zukunftsträume emporhob.

Und dennoch kam das erste Zeugnis und die erste Weissagung meiner zukünftigen Taten aus mir selbst, wenn ich so sagen darf, nämlich aus dem Glase meines Spiegels, in dem ich mich, besoffen und beschmutzt, nach der Feier meiner erlangten Magisterwürde selber sah. Die Worte, die damals das gespenstische Spiegelbild sprach, dröhnen heute noch gegen meine Ohren; und weder Bild, noch Worte schienen von mir zu kommen, denn ich sah mich schon anders im Spiegel, als ich zugleich war, und ich hörte die Rede nicht aus mir, sondern aus dem Gegenüber tönend aus dem Glase. Hier irrt mich keine Täuschung der Sinne oder des Gedächtnisses, war ich doch damals plötzlich bis zur Zehe hinab nüchtern geworden, als der Spiegel zu mir sprach.

Hierauf kam die seltsame Prophezeiung der Moorhexe von Uxbridge an Lady Elizabeth. Die Princessin selbst ließ mir später davon eine geheime Abschrift über Freund Robert Dudleys Vermittlung zugehen, dazu sie drei Worte gefügt, die ich heute wie damals auf dem Herzen trage: verificetur in aeternis. Sodann hat mir der seltsame Bartlett Green, der, wie ich heute sehr wohl weiß, ein vollkommener Eingeweihter der furchtbaren Mysterien ist, die in Hochschottland zuweilen ihre Schüler und Anhänger besitzen, im Tower mit noch viel deutlicheren Hinweisen und Zusagen entdeckt und mit untrüglichen Zeichen verbürgt, was mir bestimmt sei. Er grüßte mich als den "Königlichen Jüngling". Ein Ausdruck übrigens, den alchymistisch zu deuten, es mich bisweilen gar nicht loslassen will. Und dabei packt es mich oft, als sie die mir bestimmte "Krone" noch ganz anders als irdisch zu deuten. – – – Er, ein ungebildeter Fleischer, öffnete mir die Augen über den Sinn des nordischen Thule, des Grönlandes, als einer Brücke zu den unermeßlichen Ländern und Schätzen des indianischen Erdteils, davon der abenteuernde Columbus und Pizarro nur den kleinsten und wertlosesten Teil entdeckt und der spanischen Krone unterworfen haben. Er zeigte mir die zerbrochene und wieder zu einende Krone des Westmeeres, Englands und des nördlichen Amerika, und König und Königin, vereint und vermählt auf den Tronen der Inseln und des neuen Indiens. –

Und er war es, der – nicht nur damals im Tower, sondern danach noch zweimal, da er leibhaftig zu mir trat und Auge in Auge mit mir sprach – mir den Wahlspruch des Roderich wie mit Eisenklammern neu in der Brust befestigte: "Ich zwings!"

Er – er wars, der bei einem seiner Besuche mich zu letzter Anstrengung, – zu äußerster Gewalttat aufrüttelte und mich so der schrecklichen Kraft seiner Beredsamkeit, die doch so klar ist wie ein allwissender Verstand und so wohltätig wie Eiswasser auf eine fiebernde Stirn, führte, lockte und verführte, meine Königin zu zwingen, wo ihre zaudernde, ihre rätselhafte Natur immer aufs neue zurückzuheben schien.

Und abermals packts mich da: ist das alles irdisch zu verstehen?!?

Doch daß ich auch dies an einem Ort und in der richtigen Reihe lasse, will ich fortfahren, jene vergangenen Jahre zu überblicken und daraufhin zu prüfen, wo der Fehler meines heißen Bemühens verborgen liegen möchte.

Nach dem Tode Marias von England, der in mein vierunddreißigstes Lebensjahr fiel, schien meine Zeit gekommen. Auch waren damals alle meine Pläne zur militärischen Expedition und Besetzung Grönlands, sowie zur Ausgestaltung dieser Gegenden als Stütz- und Brückenpunkte, um Nordamerika planmäßig zu erobern, aufs allersorgfältigste schon ausgearbeitet und lagen bereit. Auch nicht der geringste Umstand, der eine so weit ausgedachte Unternehmung zu fördern oder zu behindern geeignet ist, war von mir übersehen worden, sowohl nach der geografischen und nautischen, wie nach der militärischen Seite hin, und somit mußte schon die allernächste Zeit den Beginn einer weltumgestaltenden Aktion der englischen Macht bringen.

Alles ließ sich alsbald aufs Beste an. Schon im November des Jahres 1558 hatte mir der getreue Dudley, nunmehr Earl of Leicester, den Auftrag meiner jungen Königin unterbracht, ihr das Horoskop auf den Tag ihrer Krönung in Westminster zu stellen. Mit Recht nahm ich das für einen freundlichen Gruß und Wink und begab mich mit Feuereifer an das Geschäft, das Zeugnis der Sterne und des himmlischen Schicksals selbst aufzurufen für den Emporstieg ihres Ruhmes und meiner durch Weissagung geweihten und unserer gemeinsamen königlichen Bestimmung.

Dies Horoskop, dessen wunderbare Constellationen in der Tat die Zeit meiner unvergleichlichen Blüte und Ernte für England und Elizabeths Regierung voraus verkündete, trug mir, neben einem namhaften Geldgeschenk, die wärmsten Lobsprüche und die Andeutung eines mehr als königlichen Dankes der Herrscherin ein. Das Geld legte ich unwillig beiseite, aber die mannigfachen geheimnisvollen Versprechungen ihrer Gunst, die sie mir immer wieder durch Leicester zukommen ließ, befestigten meine Zuversicht aufs beste und ließen mich die baldige Erfüllung aller meiner Träume erhoffen.

Aber – nichts erfüllte sich!

Königin Elizabeth begann mit mir zu spielen, und bis heute noch hat es sein eindeutiges Ende nicht gefunden. Wieviel mich das an Kraft, an Ruhe der Seele, an Vertrauen auf Gott und die ewigen Mächte gekostet hat, an Spannkraft des Willens und meiner ganzen niedern und höhern Natur, davon kann nie und nimmer eine Niederschrift Rechnung ablegen. Kräfte, neu eine Welt aufzubauen und zu zerstören, wurden vertan.

Zuvörderst schien es, als habe der Schmeicheltitel der "jungfräulichen" Königin, der alsbald von allen Seiten zugleich das Ohr Elizabeths umkoste und bald zu nichts weniger, als zu einem Modetitel der Majestät selbst erhoben wurde, sie dermaßen erfreut, daß ihr der bloße Name den Kopf verdrehte und sie beschloß, sich dieser Ehrenbezeugung gemäß zu verhalten. Ihr unbändiger Sinn und natürlicher Freiheitsstolz kamen dem verhängnisvoll entgegen. Von der andern Seite her widersprach jedoch durchaus die starke, natürliche Anlage ihres Fleisches, das schon früh danach schrie, das Geschlecht zu befriedigen – wenn auch oftmals auf die seltsamste und verkehrteste Weise.

Und einmal, – es war nicht lange vor unserm ersten, heftigen Zwist – kann mich wohl kein Mißverstehen betrogen haben, als ich ihre Aufforderung, nach Windsorcastle zu kommen, erhielt zu einem freien Beisammensein mit ihr. In jäher Aufwallung sagte ich ab, denn ich strebte keineswegs danach, die Nacht mit einer brünstigen Jungfrau zu verbringen, sondern ich begehrte den Tag ruhmvoller königlicher Gemeinschaft.

So mag denn das Gerücht in allerwege recht behalten, daß mein Freund Dudley, genügsameren Sinnes als ich, mit Freuden nahm, was ich mir und der Geliebten meines zeitlosen Verlangens versagt habe. Ob ich Unrecht getan habe, weiß Gott allein.

Was ich viel später, auf schier befehlendes Zudringen des Bartlett Green, des Ungeborenen, Niemalsgestorbenen, des Kommenden und Gehenden, getan habe, das hat mir den Blitzschlag des Fluches doch endlich auf mein Haupt herabgezogen, der mich so lange verzehrend bedroht und mich früher oder später ja doch getroffen hätte; mag es mir aber in der Unerforschlichkeit ja wohl vorausbestimmt gewesen sein. Auch ist nicht zu sagen: weil ich diesen Blitzstreich lebend überdauert habe, – wenn auch dadurch meine Lebenskraft und Seelenruhe unheilbar litt –: die Fülle dieses Fluches hätte mich zu einer andern Stunde oder unter anderen Gestirnconstellationen nicht völlig zerstört.

Aber ich bin heute trotzdem nur mehr die Ruine meiner ehemaligen Stärke. Bloß weiß ich heute: wogegen ich kämpfe!

Elizabeths zweideutiges und grausames Verhalten gegen mich bewirkte, daß ich im Zorn über ihr neuerdings gebrochenes Versprechen mich nicht zu Plauder-, Kose- und Neckstunden, sondern zu ernsthaften Beratungen nach Windsorcastle zu befehlen, – England zum andernmale verließ und zu Kaiser Maximilian nach Ungarn reiste, um diesem unternehmenden Herrn meine Pläne zu unterbreiten, wie Nordamerika zu erobern und zu besiedeln sei.

Unterwegs jedoch ergriff mich eine wunderliche Reue und es kam mir vor wie Verrat meines innersten Geheimnisses mit meiner Königin und es warnte mich und zog mich rückwärts, als sei ich mit einer Nabelschnur magisch verbunden mit der mütterlichen Natur meiner Herrin.

So trug ich dem Kaiser nur mancherlei vor, was ich über Astrologie und Alchymie dachte, um auf einige Zeit an seinem Hofe Unterkunft zu finden als kaiserlicher Mathematikus und Astrologus. Es zerschlugen sich aber unsre gegenseitigen Propositionen.

Somit kehrte ich im nächsten Jahr, dem vierzigsten meines Lebens, nach England zurück und fand Elizabeth versöhnt, so süß lockend und kalt in königlichem Stolze, wie je. In Greenwich verbrachte ich als ihr Gast Tage, die mich tief erregten, denn zum erstenmale schenkte sie meinen Vorträgen willigeres Gehör und nahm mit ernstem Dank die Früchte meiner wissenschaftlichen Mühen entgegen. Herzlich versprach sie mir ihren mächtigen Schutz gegen alle Anfeindungen der Dunkelmänner und zog mich bald auch in den engsten und vertrautesten Kreis ihrer eigenen Pläne, Ziele und Sorgen.

Damals eröffnete sie mir, bald mild, bald wild: ihr leidenschaftliches Herz bekenne sich zu jeder Schwärmerei ihrer Jugend, soviel davon meine Person beträfe, und sie gab mir frei zu wissen, daß sie meinen Trank bei der Hexe nicht vergessen habe.

Ich sah daraus mit Staunen, daß sie mehr wußte, als ich gedacht. Zugleich erklärte sie mir aber auch mit seltsamer Feierlichkeit, daß sie sich nun auf Lebenszeit als meine Schwester fühle, viel mehr denn als Buhlin meines Blutes, und daß unsere Gemeinschaft ihren Anfang nehmen müßte von der Blutsgemeinschaft der Geschwister aus, damit sie dereinst den Gipfel der Blutsvereinigung erlange. Ich verstand und verstehe nur wenig den Sinn und Zweck solcher phantastischen Rede, – aber auch damals packte michs, als spräche etwas Unirdisches aus der Königin – wenn ich nicht heraushören sollte, daß sie mir Grenzen zuzuweisen wünschte, die all mein zähes Streben und Hoffen nur mit äußerstem Widerstand anzuerkennen vermochte. Seltsam nur, daß ich niemals den Gedanken loswerden kann, etwas anderes als sie – eine unbekannte Kraft und Stimme – habe damals aus ihrer Rede gesprochen – etwas, was eine Bedeutung haben muß, die ich vielleicht niemals werde enträtseln können. Was mag das nur bedeuten: Gipfel der Blutsvereinigung?! – Damals kämpfte ich in Greenwich mit Elizabeth das erste und einzigemal den offenen, ehrlichen Kampf um Liebe und Gegenliebe und um das natürliche Recht des Mannes auf sein Weib. Umsonst. Elizabeth versagte sich, unnahbarer denn je.

Ja, nach diesen Tagen der allertiefsten Seelengemeinschaft wandte sie sich zu einer verschwiegenen Morgenstunde im Park plötzlich mit ganz verändertem Gesicht zu mir. Ihre Augen zeigten den unergründlichen und rätselhaften Ausdruck einer schier spöttischen Zweideutigkeit und sie sagte:

"Da du, Freund Dee, so sehr hat das Recht des Mannes auf sein Weib gegen mich gepriesen hast, so habe ich darüber die vorige Nacht mit Ernst nachgesonnen und bin zu dem freien Entschlusse gelangt, deinem Mannestrieb nicht nur die Bahn zu öffnen, sondern mit eigener Hilfe dir die Erfüllung deiner Sehnsucht zu gewähren. Ich will die Lanze zum Reif gesellen und sie dir ins Wappen stellen zum Zeichen der glücklichen Ehe. Ich weiß, deine Angelegenheiten in Mortlake stehen nicht zum besten und Gladhill ist bis auf den letzten Dachziegel in fremde Hände verpfändet. Darum steht dir eine reiche Frau gewiß wohl an und zugleich eine solche, die dem Stolzsinn eines Roderich-Enkels nichts abbricht. Ich habe beschlossen, daß du meine reizende und so überaus sanfte Jugendfreundin, Lady Ellinor Huntington, ehelichst.

Und dies schon beim nächsten.

Lady Huntington kennt Meinen Wunsch seit heute morgen und ihre Ergebenheit für meine Person ließ sie nicht zögern, sich Meinem Wunsche zu fügen. Du siehst, John Dee, wie ich – schwesterlich um dich besorgt bin."

Der furchtbare Hohn dieser Rede – wenigstens empfand ich so – traf mich ins Innerste meines Herzens. Elizabeth kannte doch genau meine Gefühle für Ellinor Huntington, die hochmütige, herrsch- und klatschsüchtige, ebenso bigotte, wie mißgünstige Verderberin unserer Kindheitsträume und Jugendneigung. Die Königin wußte also sehr wohl, was sie mir und sich selbst antat, wenn sie aus der Machtvollkommenheit ihrer Majestät mir die Ehe mit dieser geborenen Feindin aller meiner Instinkte und Hoffnungen anbefahl! Wieder faßte mich damals der herzbrennende Haß gegen irgend etwas in der Natur meiner königlichen Geliebten und ich neigte mich wortlos vor Gram und verwundetem Stolz dieser hochmütigen irdischen Herrscherin und ging aus dem Park von Greenwichcastle fort.

Wozu die Kämpfe, die Demütigungen und die "klugen" Überlegungen nochmals heraufbeschwören, die dann folgten? Robert Dudley vermittelte und die Königin vollendete ihren Willen. Ich heiratete damals Ellinor Huntington und verlebte an ihrer Seite vier frostige Sommer und fünf scham- und abneigungsglühende Winter. Ihre Mitgift hat mich reich und sorgenlos, ihr Name mich beneidet und neu geehrt bei meinen Stammesgenossen gemacht. Königin Elizabeth genoß ihren bösen Triumph, mich, den Bräutigam ihrer Seele, in den kalten Armen einer ungeliebten Frau zu wissen, deren Küsse keinerlei Gefahr der Eifersucht für sie – die "jungfräuliche" Majestät – zu erregen drohten. Damals schwor ich am Altare zugleich eheliche Treue meinem Weib und Rache aus dem Urgrund meiner unstillbaren Liebe hervor der grausam mit mir spielenden Geliebten, der Königin Elizabeth.

Den Fingerzeig zu dieser Rache gab mir Bartlett Green.

Zuvor aber kühlte Elizabeth noch ihre ganze Lust an mir, indem sie mich nun erst recht in die intimsten Sorgen ihrer privaten Politik hineinzog. Sie eröffnete mir, daß die Staatsraison ihre eigene Verehelichung ratsam mache. Sie befrug mich, lauernd und mit dem grausamen Lächeln einer Blutsaugerin um meinen Rat und meine Ansichten über die Eigenschaften eines Mannes, der sich für sie schicke. Endlich fand sie keinen so geeignet, wie mich – – – auf Brautschau auszureisen; und ich lud auch dieses Joch auf meine Schultern, um das Maß meiner Demütigungen voll zu machen. Es ist nichts aus jenen Heiratsplänen geworden; und meine eignen diplomatischen Aufträge endigten damit, daß Elizabeth ihre politischen Combinationen änderte und ich selbst schwer in Nancy erkrankte und zwar im Gastbett eines der Ehecanditaten meiner Königin. – Gebrochen an Stolz und Mut kehrte ich nach England heim.

Gleich am Tage meines trüben Einzugs in Mortlake, – es war in dem schönen und warmen Frühherbst des Jahres 1571, – erfuhr ich durch Ellinor, mein erstes allezeit gleich einer Wachtelhündin spürsames Weib, daß Königin Elizabeth sich zu so später Jahreszeit nochmals in Richmond habe ansagen lassen, was mehr als ungewöhnlich war. Ellinor konnte ihre bösmeinende Eifersucht gegen mich kaum meistern, unerachtet sie selbst ungütig und kalt wie Marmelstein gegen mich verharrte, trotz meiner langen Abwesenheit und nicht, ohne ernstliche Gefahr über mich kaum Genesenden heraufzubeschwören.

In der Tat kehrte auch Elizabeth zur selben Zeit mit nur wenig Begleitung in Richmond ein und bezog dort ihre Gemächer wie zu längerem Aufenthalt. – Nun ist von Richmond nach Mortlakecastle kaum mehr als eine gute Meile Wegs; es war darum eine baldige und danach eine öftere Begegnung mit der Königin nicht zu vermeiden, ausgenommen, sie hätte ausdrücklich gewünscht, mich nicht zu sehen. Das Gegenteil aber trat ein und Elizabeth empfing mich schon am nächsten Tage nach ihrem Einzug in Richmond mit großen Ehren und Freundlichkeiten, wie sie mir ja auch nach Nancy zwei ihrer eigenen Leibärzte und ihren vertrautesten Courier William Sidney mit treuester Besorgnis und Anbefehlung aller denkbaren Bequemlichkeiten zugesandt hatte.

Sie zeigte sich auch jetzt um mein Wohlergehen sehr besorgt, ließ mich mit hingeworfenen Worten und mit einem nicht gänzlich verwirrenden Spiel ihrer Gunst täglich stärker spüren, wie erlöst und erwartungsvoll beglückt sie sich ihrer neu zurückgewonnenen Freiheit erfreue und wie lebhaft und vieldeutig dankbar sie es empfinde, einer Ehefessel entronnen zu sein, die ihr weder Liebe entlockt, noch Treue zu halten gestattet haben würde. Kurz: ihre Andeutungen kreisten wie schillerndes Licht oftmals um das Geheimniß unseres tiefsten Verbundenseins und manchmal schien es mir, als wollte die unbegreifliche Geliebte die pedantisch unfruchtbare Eifersucht Ellinor Huntingtons zugleich verspotten – und rechtfertigen. Wieder ging ich länger als einen Monat in blindester Hingabe am Gängelbande meiner Herrin; und zu keiner andern Zeit hat sie mit solchem Ernst, Wohlwollen und Eifer zugehört, wie ich ihr meine kühnsten Pläne, ihre Person und die Reichsregierung zu verherrlichen, vortrug. Sie schien abermals begeistert von dem Gedanken der grönländischen Expedition und traf die wichtigsten Anstalten, meine Vorschläge zu prüfen und ins Werk zu setzen.

Mehrere Gutachten der Admiralität hielten meine sorgfältig ausgearbeiteten Dispositionen und Projekte für vollkommen durchführbar, und die militärischen Berater stimmten ihnen begeistert zu. Von Woche zu Woche erwärmte sich die Königin mehr dafür, das große Unternehmen zu beginnen. Ich glaubte mich dem Ziele meines Lebens nahe und schon war aus Elizabeths Munde – und aus einem wie in holdseliger Magie des verheißungsvollsten Lächelns strahlenden Munde –! – das Wort gefallen, das mich zum Vicekönig aller neuen, der Krone Englands untertänig gemachten Länder berufen hätte: zum "König des Trones jenseits des Westmeeres", da brach der gewaltige Traum meines Lebens auf die grausamste, jämmerlichste und erbitterndste Weise, die je eines Menschen Herz und Seelenkraft zu ertragen verflucht war, in einer Nacht zusammen. Was sich heimlich begeben hatte, ich weiß es nicht. –

Und noch heute ist mir das dunkle und furchtbare Geheimnis dieses Zusammenbruchs im tiefsten unenthüllt.

Nur soviel ist mir bekannt:

Für den Abend war ein letzter Kronrat mit samt den nächsten Ratgebern der Königin einberufen: insbesondere war der Lordkanzler Walsingham zugezogen. Am späten Nachmittag hatte ich behufs Besprechungen einiger weniger Ratsfragen Audienz bei meiner Herrin, – vielmehr: ich plauderte mit ihr wie mit meinem besten Kameraden und Vertrauten unter den Bäumen des herbstlichen Parkes. Einmal, in einem Augenblick, als wir beide in sämtlichen Punkten meines Projektes übereinstimmten, ergriff sie meine Hand und sagte zu mir – und ihr majestätischer Blick senkte sich forschend in meine Augen –:

"Und wirst du, John Dee, als Herr jener neuen Provinzen und als Untertan Meiner Krone allezeit Wohl und Glück Meiner Person im Auge behalten?"

Da warf ich mich vor der Herrin in die Kniee und schwor ihr zu, Gott möge mein Zeuge und mein Richter sein, daß ich von nun an nichts mehr sinnen, noch tun wollte, als ihre Macht und Herrschaft in dem neuen indianischen Erdteil zu fördern.

Da blitzten ihre Augen seltsam auf. Sie hob mich selbst mit kräftiger Hand aus meiner knienden Stellung und sagte langsam:

"Es ist gut, John Dee. Ich sehe, daß du entschlossen bist, dein Leben und dich selbst im Dienste – – – Großbritanniens aufzuopfern, indem du neue Erdteile Meiner Macht unterwirfst. Die Inseln danken dir für deinen Willen."

Mit diesen kühlen und undurchsichtigen Worten entließ sie mich.

Noch in der darauffolgenden Nacht gelang es dem neidischen und kurzsichtigen Lordkanzler Walsingham die Königin zu bestimmen, daß sie die ganze Angelegenheit auf unbestimmte Zeit vertagen ließ, um sie gelegentlich später einmal nachzuprüfen. – – –

Zwei Tage darauf verlegte Königin Elizabeth ihr Hoflager nach London, ohne Abschied von mir genommen zu haben.

Ich brach zusammen. Worte sind nicht imstande die Verzweiflung meines Herzens auszudrücken.

Da trat in der Nacht der Bartlett zu mir und spottete meiner, recht polterig lachend nach seiner ungeschlachten Art:

"Hoë, liebster Bruder Dee, so bist du also deiner zukünftigen Eheliebsten recht als ein bärenrauher Kriegsmann und Reichsschlüsselbewahrer zwischen ihre liebsten Träume gefahren und hast die magdliche Eifersucht Ihrer Majestät artig bei den Haaren gezogen! Und da wunderst du dich, daß die Kätzin kratzt, die du wider den Strich bürstest?!" –

Da gingen mir über den Reden des Bartlett die Augen auf und ich sah mit einemmale in die Seele Elizabeths und las darin wie in einem offenen Buch und verstand, daß ihre Seele nicht dulden wollte, daß ich um einer andern Sache willen solle Neigung, Eifer und Bestreben hingeben, las um ihre Person und Neigung allein! Und fuhr in barer Verzweiflung, Not und Angst in meinem Bette hoch und beschwor den Bartlett bei allem, was ihm meine Freundschaft gelte, er möchte mir raten, was ich tun sollte, die gekränkte hohe Frau wiederzugewinnen. Und hat mir Bartlett in jener Nacht vieles zu wissen getan aus der wunderbaren Macht einer Erkenntnis und ließ mich in der Zauberkohle, die er mir geschenkt, als er von dieser Seite der Welt abtrat, auf eine untrügliche Art erkennen, daß ich Königin Elizabeth und Lord Walsingham zu Gegnern habe, – ihn, weil er im Begriffe stund, ihr Buhle zu werden, – und sie, weil ihr gekränkter Weiberstolz mir so unsinnig grollte. So daß ich in eine helle Raserei der Wut und der lange gebändigten Rache für alle mir angetane Quälerei und Verführung geriet und mich ganz den Ratschlägen des Bartlett ergab, der mir sagte, was zu tun sei, um das "Weib" Elizabeth zu meinem Willen und Blut zurückzuzwingen.

Also bereitete ich mich noch in selbiger Nacht mit aller Kraft meiner überschäumenden Begier nach Vergeltung vor und folgte in allem den Weisungen des gespenstischen Bartlett Green.

Ich wage aber nicht, die ceremonias hier nach der Reihe zu beschreiben, die ich vornahm, um Gewalt über die Seele und über den Leib Elizabeths zu gewinnen. Der Bartlett stand bei mir, wenn mir der Schweiß über dem furchtbaren Werk aus allen Poren brach und mir Herz und Hirn so übel taten, daß ich meinte, in Ohnmacht niederzustürzen zu müssen. Ich kann nur sagen: es giebt Wesen, deren Anblick schon so furchtbar ist, daß einem das Blut erstarrt; wer aber begreife mich, wenn ich sage: noch furchtbarer ist ihre unsichtbare Nähe! Dann tritt zu der entsetzlichen Angst noch das grauenhafte Gefühl wehrloser Blindheit.

Endlich gelang es mir, die Beschwörungen, die ich zuletzt außerhalb des Hauses bei ziemlicher Kühle und nackendem Leib unter dem abnehmenden Monde vornahm, zu vollenden; zuletzt hob ich den schwarzen Kohle-Krystall gegen das Mondlicht empor und schaute drei Vaterunserlängen in die spiegelnde Fläche mit angestrengtem Spannen aller meiner Willenskräfte. Indem verschwand der Bartlett und die Königin Elizabeth kam schwebenden Ganges und mit geschlossenen Augen in rätselhafter Eile über die Parkwiese herbeigeschritten. Ich sah wohl, daß die Herrin sich weder im wachen noch auch natürlichen Schlafzustande befand. Es war vielmehr ihr Aussehen wie das eines Gespenstes. Nie vergessen werde ich, was sich dabei im Innersten meiner Brust begab. Es war kein Klopfen meines Herzens mehr da, – nein, es war ein wildes unartikuliertes Schreien, das sich aus meinem Pulse losrang und wie ein weiter Ferne und doch tief in mir selbst ein Echo grausigen Stimmengewirrs wachrief, so daß sich mir vor wildem Entsetzen das Haar sträubte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und faßte Elizabeth bei der Hand und führte sie in mein Schlafgemach, wie mir der Bartlett zuvor anbefohlen hatte. Auch fand ich ihre Hand zuerst kühl, jedoch erwarmte sie bald samt der ganzen Gestalt, als ginge mein Blut in sie über, je länger ich sie berührte. Endlich bewirkten meine zarten Liebkosungen auch ein freundliches Lächeln auf ihren so verschlossenen Zügen, daraus ich das innere Einverständnis und die wahre Sehnsucht ihrer Seele zu erkennen vermeinte. Darum ich auch nicht länger zögerte, sondern mich in gewaltiger Inbrunst und innerlich jauchzend vor Siegesgefühl mit ihr vermählt mit allen meinen Sinnen.

Und so gewann ich mir mit Gewalt mein vorbestimmtes Weib.

In dem Tagebuch John Dees folgen hier über mehrere Blätter hin höchst seltsame und verworrene, übrigens auf gar keine Weise wiederzugebende Zeichen, wirr hingemalte Symbole und Berechnungen, vielleicht kabbalistischer Art, mit Zahlen sowohl wie mit Buchstaben. Der Eindruck davon ist indessen durchaus nicht der einer irgendwie sinnvoll gebrauchten Geheimschrift, aber auch nicht der von beliebigen Spielereien der Feder. Ich vermute, diese Sigille haben Bezug auf die Verschwörung, die mein Urahn John Dee vorgenommen hat, um Elizabeth zu sich zu zwingen. Etwas Grauenhaftes strömt wie feines giftiges Od von diesen Buchseiten auf mich über, so daß es nicht möglich ist, mit Aufmerksamkeit längere Zeit darauf zu schauen. Deutlich fühle ich, daß Wahnsinn, plattgedrückt und mürb wie uralter fixierter Pflanzenstaub zwischen Herbariumsblättern, auf diesen Seiten des Tagebuchs John Dees ruht, und daß Wahnsinn, gleich einem unnennbaren Fluidum aufsteigt und meinen Kopf bedroht. Wahnsinn hat diese Blätter mit seinen unerkennbaren Zeichen bekritzelt, und die nächsten, wie noch taumelnd hingehasteten Zeilen, die wieder lesbar sind, scheinen es zu bestätigen. Sie tauchen empor, möchte ich sagen, wie das Gesicht eines knapp dem Tode des Erstickens Entronnenen.

Ehe ich fortfahre mit meiner Wiedergabe dieses Buches, will ich zu meiner eigenen Rechenschaft und um meine Erinnerung zu sichern, hier einiges anmerken:

Zuvörderst: ich habe von je das Bedürfnis gehabt, mich selbst zu kontrollieren. Dank dieser Eigenschaft konnte mir nicht entgehen: je länger ich mich damit befasse, John Rogers Erbschaft zu studieren, desto – weniger bin ich meiner selbst sicher! Ich entgleite mir bisweilen. Lese plötzlich mit anderen Augen. Denke mit einem fremdartigen Organempfinden: nicht mein Kopf denkt, sondern "es" denkt räumlich weit weg von mir, weit weg von meinem Körper, der hier sitzt. Ich benötige dann diese Kontrolle, um mich zurechtzurücken aus diesem Zustand eines haltlosen Schwindelgefühls –: eines "geistigen" Schwindelgefühls!

Sodann: ich stelle fest, daß John Dee tatsächlich nach seiner Haft im Tower nach Schottland floh, – daß er tatsächlich in der Gegend der Sidlaw Hills Unterkunft fand. Ich stelle fest, daß John Dee bis zum Wortgleichlaut dasselbe Erlebnis mit der Puppenlarve hatte wie ich. – – Erbt man denn nicht nur das Blut? Erbt man auch Erlebnisse?! – Freilich könnte man das alles leicht erklären, aber ich fühle es anders. Ich fühle das Gegenteil von Zufall. Aber was ich da erlebe, das – – weiß ich noch nicht. – – – Daher die Kontrolle.

Fortsetzung aus dem Tagebuch John Dees.

Elizabeth ist später nochmals wiedergekommen, aber weiß ich heute nach so vielen Jahren wirklich und wahrhaftig, daß sie es selbst war? War es nicht doch ein Gespenst? Sie hatte damals an mir gesaugt wie – wie ein Vampyr. War es also doch nicht Elizabeth gewesen? Mir graut. War es die schwarze Isaïs? Ein Succubus? – Nein, die schwarze Isaïs hat nichts mit meiner Elizabeth zu tun! Aber ich? – – – Und dennoch hat Elizabeth erlebt, ja: sie selbst! Was ich mit der Dämonin getan, wenns eine solche war, das hat Elizabeth erlebt auf eine unbegreifliche Art der Verwandlung. Dennoch war die Elizabeth, die zu mir kam in der Nacht des abnehmenden Mondes im Park: sie selbst gewesen und nimmermehr die schwarze Isaïs!!!

Und in jener Nacht der schwarzen Versuchung habe ich verloren, was mein köstlichstes Erbteil war: meinen Talisman, den Dolch – die Speerspitze des Ahnen Hoël Dhat. Ich habe es verloren drunten auf der Wiese des Parkes bei der Beschwörung und es ist mir, als hätte ich es noch in der Hand gehalten nach Weisung des Bartlett Green, als das Gespenst auf mich zukam und ich ihm die Hand reichte. Nach dem aber nicht mehr! – Also habe ich der schwarzen Isaïs bezahlt, was ich hernach von der schwarzen Isaïs empfing.

Mir ist, als begriffe ich heute: die Isaïs ist das Weib in allem Weib und die Verwandlung aller Weibeskreatur in – Isaïs!!

Seitdem war es mir ganz unmöglich geworden, Elizabeth zu durchschauen. Sie war mir ganz fremd geworden, aber ich spürte sie so nahe, wie nie zuvor. Sehr nahe: das ist das fremdeste, was einsame Qual auszudenken vermag! Sehr nahe, ohne Vereinigung, das ist soviel wie der Tod. – – – Königin Elizabeth war sehr huldreich zu mir. Ihr kalter Blick hat mir das Herz versengt. Ihre Majestät war so fern über mir wie der Sirius. Eine ganz große, ganz – – – geisterhafte Kälte ging damals von ihr aus, wenn ich in ihre Nähe kam. Und sie befahl mich oft nach Windsorcastle. Aber wenn ich kam, hatte sie mir nur Gleichgültiges zu sagen. Es genügte ihr, mich mit einem Blick aufs neue zu töten. Furchtbar war dies seelige Schweigen von ihr zu mir! – – –

Eine Zeit darauf kam sie an Mortlake vorübergeritten. Sie hieb mit der Reitgerte gegen den Lindenbaum vor dem Tor, daneben ich stund und grüßte. – Die Linde kränkelte und die Zweige dorrten seitdem – – –

Später traf ich die Königin in dem Bruche dicht bei Windsorcastle, wo sie Falken auf Reiher steigen ließ. Mit mir lief mein treuer Bullenbeißer. Elizabeth winkte mich heran. Sie nahm meinen Gruß mit Huld entgegen und streichelte meinen Hund. Er ist in der folgenden Nacht verreckt. – – –

Die Linde starb von unten herauf ab. Der schöne Baum tat mir leid; ich ließ ihn fällen. – – –

Den ganzen Spätherbst und Winter hatte ich meine Königin nicht wieder gesehen. Keine Einladung, keinerlei Beachtung meiner Person. Auch Leicester hielt sich fern von mir.

Einsam war ich mit Ellinor, die mich gehaßt hat von jeher.

Ich vergrub mich mit äußerstem Fleiß in den Euklid. Dieser sehr geniale Geometer hat dennoch nicht begriffen, daß unsere Welt sich nicht erschöpft mit den drei Dimensionen: der Länge, der Breite, der Tiefe. Ich bin seit langem einer Theorie der vierten Dimension auf der Spur! Unsere Sinne sind nicht die Grenzen der Welt, noch nicht einmal die unserer eigenen Natur. –

Klare Winternächte gestatten mir damals wunderbare Beobachtungen des gestirnten Himmels. Meine Seele festigte sich in meiner Brust wieder langsam, gleich dem Polarstern im unermeßlichen Raume des Kosmos. Ich hatte eine Schrift begonnen: " De stella admiranda in Cassiopeia." Die Cassiopeia ist ein höchst wundersames Gestirn; es verändert seine Größe und Helligkeit oft in Stunden. Der Stern kann also weich sein und schwinden wie das Licht in einer Menschenseele – – –. Wunderbar sind die sänftigenden Kräfte, die aus den Tiefen des Himmels auf uns herabströmen. – – –

Mitten im März hatte Königin Elizabeth höchst unerwartet, höchst rätselhafter Weise ihren Besuch bei mir in Mortlake durch Leicester ankündigen lassen! Was mag sie wollen?! habe ich mich damals gefragt. Dudley war im Auftrag der Königin gekommen. Zu meinem allergrößten Verwundern, ja Schrecken, fragte er mich mit einemmale und geradezu nach einem gewissen " glass", oder magischen Stein, so in meinem Besitz sei und den die Königin Elizabeth gerne besichtigen möchte. Im ersten Staunen war's mir unmöglich gewesen, die Wahrheit zu verbergen und den Stein des Bartlett Green, den er mir gegeben hat und mit dessen Hilfe ich oft schon so manches bewirkt hatte, zu verleugnen. Auch ließ Dudley mit kurzen Worten erkennen, daß die Herrin genau Bescheid wisse von meinem Besitz, da sie, wie sie selbst Dudley auszurichten befohlen, den Stein im Traum bei mir gesehen habe in einer Nacht im verwichenen Herbst. – Mir stockte das Herz, als Dudley solches berichtete. Ich bewahrte aber mit Mühe meine Haltung und anbefahl mich durch ihn der Huld und Gnade meiner Herrin, sprechend, daß aller Besitz meiner Person und meines Hauses durchaus der ihrige sei.

Als Dudley ging, küßte er – oh wie lang ist das jetzt her! – Ellinor, meiner damaligen Gattin, die Hand, die Jene indeß mit schier unziemlicher Eile zurückzog; und sie gestand mir nachher mit böser Miene, der Mund des Cavaliers hätte ihre Haut berührt mit einem widerlichen Hauch des Todes. Ich verwies Ellinor solche Worte ernstlich. –

Sodann kam die Herrin von Windsorcastle herüber mit Dudley und einem Reitknecht. Sie klopfte mit der Reitgerte an mein Fenster. Da erschrak sich Ellinor so sehr, daß sie sich zum Herzen griff und ohnmächtig zu Boden sank. Ich trug sie auf ein Ruhebett und eilte dann unbesehen hinaus, um die Herrin zu begrüßen. – Sie frug mich ohnehin nach Lady Ellinors Befinden und befahl mir, als sie von dem leidigen Zufall gehört, der ihr zugestoßen war, nach meinem Weibe zu schauen; sie wollte indessen im Parke rasten. Sie hat mein Haus nicht betreten, so sehr ich sie bat. Danach war ich zu meinem Weibe in die Stube getreten und hatte sie sterbend gefunden; und ich schlich mich hinweg hinaus zu meiner Herrin, unsagbares Grauen im Herzen, und brachte ihr das " glass"; aber Ellinor ward inzwischen uns mit keinem Worte erwähnt. Ich sah damals Elizabeth an, daß sie wußte, wie es um mein Weib stund. Nach einer Stunde ritt die Herzogin von dannen. Und am Abend war Ellinor tot. Ein Schlagfluß hatte ihrem Leben ein Ende gemacht. – – – Das war am 21. März des Jahres 1775 gewesen.

Es hat die Zeit vor und nach diesem schlimmen Ereignis sehr übel mit mir gestanden, wie ich heute wohl zu beurteilen vermag. Es soll davon auch weiter nichts mehr gesagt sein als dies, daß ich dem Himmel danke, heute noch bei gesundem Geiste auf jene Tage der Verwirrung zurückschauen zu dürfen.

Es rührt nämlich mit dem Eintritt der Dämonen in unser gebrechliches Leben uns allemal der Tod des Leibes an oder schlimmer noch: der Tod des Geistes, und es ist immer wohl nur Gnade, wenn wir ihm entrinnen. –

Nach jener Zeit kam Königin Elizabeth nicht mehr nach Mortlake. Auch erhielt ich keinen Befehl mehr, zu Hofe zu kommen, und war fast froh darum. Eine Abneigung ergriff mich damals gegen die Herrin, die schlimmer war als Haß, denn sie bedeutete größte Entfernung bei innerer verfluchter Nähe. –

Dem ein Ende zu machen, beschloß ich nun von meiner Seite aus zu tun, was einst die Herrin für gut befunden hatte, mir zuzufügen: ich heiratete im dritten Jahr meiner Witwenschaft und nun schon im vierundfünfzigsten meines Lebens ein Weib nach meinem Gefallen, ein Weib, das Elizabeth und London, Hof und große Welt niemals gekannt und gesehen hatte, ein unschuldiges gesundes Kind der Natur: Jane Fromont, eines braven Pächters Tochter und also gar nicht vom Stande und darum unwürdig, Ihrer Majestät jemals vor die Augen zu kommen. Dafür aber, daß ich es noch einmal sage: ein liebes Kind von damals dreiundzwanzig Jahren und mir von ganzem Herzen ergeben. Und ich merkte bald an einem seltsamen Wissen im Blut und an einem untrüglichen Gefühl in meiner Brust, daß ich es nun der Herrin angetan hatte und daß ein ohnmächtiger Zorn ihre Tage fern von mir verbitterte. Das war mir doppelte Wollust in den Armen meiner jungen Frau und ich ließ wissentlich und willentlich leiden die, die mich so unermeßlich leiden gemacht hat. Bis Elizabeth an einem hitzigen Fieber in Richmond erkrankte. Da aber, als ich solches erfuhr, durchstach es mich wie mit Schwertern und Lanzen und ich eilte ungerufen nach Richmond zu meiner Herrin, ward auch nicht abgewiesen, sondern alsbald vor ihr Krankenlager befohlen und fand sie in großer Gefahr.

Als ich zu ihrem Bette trat, verließen auf ihren Wink alle, die anwesend waren, Herren und Dienerinnen, das Zimmer und ich blieb bei einer halben Stunde ganz allein mit ihr und ich werde in meinem Leben nicht diese Unterredung vergessen.

"Du hast mir ziemlich weh getan, Freund John", hub sie an. "Es war nicht zu deinem Gewinn, daß du zum andernmal die Hexe zwischen uns gestellt hast, damit Fremdes zwischen uns trete; damals mit Tränken und diesmal mit Träumen."

In mir war ein heller Trotz, denn die natürliche und einfache Zuneigung meiner Jane hatte mich ruhig und zufrieden gemacht und ich war des zweideutigen Spieles mit den Gelüsten und Zurückweisungen einer launischen Königin müde. Ich antwortete darum mit gebührender Achtung der Majestät, sehr klug und männlich, wie mich dünkte: "Was hat Übermut aus freien Stücken je getrunken, das kann unmöglich die Gesetze der Natur, noch auch die des göttlichen Geistes verletzen. Nach der Natur ist dem Leibe Feindliches entweder des Leibes Tod, oder es wird vom Leibe getötet, indem er es verzehrt und von sich stößt. Nach dem Gesetz des Geistes aber ist uns Freiheit gegeben über unsern Willen und also sind auch unsere Träume, ob nun Nahrung oder Ausscheidungen, immer nur das Erfüllen unseres Willens. Demnach ist, was wir ohne Schaden des Leibes getrunken, lange verflogen; und was wir gegen freien Willen geträumt, ist aus dem gesunden Organismus der Seele zu deren Wohltat ausgeschieden; daß also zu Gott zu hoffen stünde, Euer Majestät werden von solchen erlittenen Anfechtungen nur desto gestärkter und befreiter aufstehen."

Meine Rede war mir kecker und abweisender geraten, als ich sie begonnen und gewollt hatte; ich erschrak daher an der bleichen und strengen Miene, mit der mir die Herrin aus den Kissen entgegenstarrte. Es war aber nicht Zorn, sondern eine mich plötzlich bis ins Mark anpackende und erschütternde Fremdheit und abweisende Größe, mit der sie mir entgegnete, und mir war's, als spräche die "geistige" Königin aus ihr:

"Du bist weit abgeraten, Enkel des Roderich, von dem Wege deiner Bestimmung. Du beobachtest wohl des Nachts mit sehr strengem Verstande die Sterne an dem Himmel über deinem Hausdach, aber du weißt nicht, daß der Weg zu ihnen durch ihr Ebenbild führt, das in dir wohnt, und du verfällst nicht auf den Gedanken, daß dich Götter von dort oben grüßen, die da wollen, du möchtest zu ihnen emporsteigen. Du hast mir eine sehr lange Abhandlung gewidmet: De stella admiranda in Cassiopeia. Oh, John Dee, du bewunderst zuviel und hast ein Leben lang versäumt, selbst zu einem Wunder zu werden im Weltall. Aber mit Recht hast du vermutet, daß der admirable Stern in der Cassiopeia ein Doppelstern sei, der um sich selbst kreist in steter seeliger Ewigkeit aufleuchtend und sich in sich selbst wieder zurückziehend, wie es die Natur der Liebe ist. – Studiere du doch nur recht ruhig weiter den Doppelstern in der Cassiopeia, wenn ich nunmehr dieses kleine Königreich der Inseln vielleicht sehr bald verlassen werde, um nach der zerbrochenen Krone zu schauen, die mir drüben vorbehalten ist – – –"

Da brach ich an dem Bette meiner Herrin nieder und bin mir der Worte nur noch halbbewußt, die ferner zwischen uns gewechselt wurden. –

Es erwies sich aber die Krankheit der Königin viel schlimmer, als zuvor gedacht, und die Ärzte gaben nicht mehr viel um die Erhaltung ihres Lebens. Da machte ich mich auf nach Holland und hernach bis Deutschland, um berühmte Ärzte zu holen, die mir aus Löwen und Paris her bekannt waren, traf aber keinen mehr in seiner Stadt, so daß ich schier verzweifelt mit Kurierpferden Tag und Nacht hinter ihnen her war, bis mich in Frankfurt an der Oder die Nachricht von der Genesung meiner Herrin ereilte.

Und so kehrte ich zum drittenmale heim von einer nutzlosen Gewaltreise im Dienste der Herrin und fand zuhause mein Weib Jane eines Knaben genesen, meines lieben Söhnleins Arthur, den sir mir im fünfundfünfzigsten Jahr meines Lebens gebar.

Seit jener Zeit sind die Schrecken wie die Freuden, die Schmerzen wie die heimlichen Wallungen abenteuerlicher Hoffnungen aus dem spärlichen Umgang mit Königin Elizabeth und dem Hofe zu London so gut wie vollkommen entschwunden und mein Leben ist in diesen beiden letzten Jahren ruhig hingeflossen wie der Dee-Fluß da draußen; nicht ohne anmutig gewundene Biegung im freundlichen Land, aber ohne Abenteuer und ohne den majestätischen Drang des werdenden Stroms, der fernen und schicksalsreichen Horizonten entgegenstrebt. –

Königin Elizabeth hat eine letzte Mahnung, die ich meiner Feder abzwang, im vorigen Jahr mit gnädiger Herablassung entgegengenommen: ich widmete ihr zum Abschluß meiner hochfliegenden und doch so streng und sorgfältig durchdachten nordamerikanischen Pläne die Tabula geografica Americae, darauf ich nochmals auf die unabsehbaren und nie wieder einzuholenden Möglichkeiten und Vorteile des Unternehmens hinzuweisen versuchte. Ich habe nur meine Schuldigkeit getan. Wenn die Königin auf den Rat engstirniger Neidhammel lieber hört als auf den Rat ihres – Freundes, so ist eine Schicksalsstunde für England ungenützt vorübergegangen, die nie mehr wiederkehrt. Aber ich kann warten, das habe ich in einem halben Jahrhundert gelernt! Burleigh hat jetzt das Ohr der Herrin. Ein Ohr, das allzuleicht Ratschläge von den Augen empfängt, die wohlgefällig auf Männerschönheit ruhen. Burleigh ist mir nie grün gewesen. Ich erwarte wenig von seiner Einsicht und nichts von seiner Billigkeit.

Aber da ist noch ein anderer Umstand, der mir den Gleichmut stärkt und mich nicht mehr erbeben läßt vor dem, was der Kronrat beschließt. Mir ist in den Jahren dieser Prüfungen zweifelhaft geworden, ob das irdische Grönland das Ziel meiner Taten, der wahre Gegenstand der mir prophezeiten Eroberung ist. Ich habe seit neuerem Ursache zu zweifeln, ob ich die Worte meines Spiegels richtig gedeutet habe; ich habe Ursache, dem satanischen Bartlett Green trotz seines oft bewährten übernatürlichen und hellseherischen Wesens zu – mißtrauen!! Das teuflischste an ihm ist: die Wahrheit zu sagen, aber so, daß sie mißverstanden werden muß. – – – Diese Welt hier ist nicht die ganze Welt, so lehrte mich der Bartlett Green selber in der Stunde seines Todes. Diese Welt hat eine Hinterwelt, eine Mehrheit von Dimensionen, die sich mit der Welt unserer Körper und unseres Raumes nicht erschöpft: auch Grönland hat sein Spiegelbild, so gut wie ich selbst: – drüben. Grön-Land! Ist das nicht so viel wie das Grüne Land? Ist mein Grönland und mein Amerika – drüben? Das füllt mir Ahnung und Denkkraft aus, seitdem ich – Anderes erlebe. Und da ist mir Bartletts dringende Mahnung: nur hier, hier, und niemals anderswo den Sinn des Seins zu suchen und zu glauben, viel mehr ein Warnungszeichen meiner Ahnung, als ein bekräftigendes Argument für meinen Verstand. Denn ich habe gelernt, dem Verstande von Grund aus zu mißtrauen, als sei er Bartlett Green in eigener Person. Der Bartlett ist nicht mein Freund, er mag sich noch so sehr als mein Retter und Ratgeber empfehlen. Vielleicht hat er mich leiblich gerettet aus dem Tower, nur um mich seelisch zu töten! Ich habe ihn erkannt, als er mir zu der Dämonin verhalf, die sich in die astrale Natur Elizabeths verkleidete, um meiner habhaft zu werden. Nun aber habe ich eine Mitteilung empfangen aus meinem Innern, die mir mein ganzes Leben fremd macht vor mir selbst, daß ich es sehe wie in einem großen Spiegel, und die mich lockt, jenen Spiegel fallen zu lassen, dessen Prophezeiung einst zum erstenmal mein Leben umwandelte.

Ich bin ein ganz anderer geworden, als der, der die Puppe war und nun tot hängt am Geäst des Lebensbaums.

Seit diesem Jahr bin ich nicht mehr der Hampelmann der Befehle, die aus dem grünen Spiegel kamen; und ich bin frei!

Frei für die Wandlung, den Aufflug, das Reich, die "Königin" und die "Krone"!

Hier endigt das seltsame Heft mit den Aufzeichnungen John Dees, die sein Leben von der Entlassung aus dem Tower zu London bis zum Jahre 1851 umfassen; also die Zeit von fast achtundzwanzig Jahren, bis zu seinem siebenundfünfzigsten Lebensjahr: das heißt, bis zu einer Zeit, in der sich das Leben eines gewöhnlichen Menschen der Ruhe, der Sammlung und dem Abstieg zu nähern pflegt.

Ein tief mitschwingendes Gefühl, eine unerklärliche Spannung und eine mehr als natürliche Anteilnahme an diesem seltsamen Leben sagt mir, seinem Urenkel, im Innersten, daß die wahren Stürme, Schicksalsgewitter und titanischen Kämpfe hier erst beginnen, daß sie wachsen, sich steigern, übertürmen werden – – um Gottes willen, welches Entsetzen überfällt mich da plötzlich?! Bin ichs, der schreibt? Bin ich zu John Dee geworden? Ist es meine Hand? Und nicht die seine?! – Nicht die seine? – Und um Gott, wer steht dort? Ist es ein Gespenst? Dort, dort, an meinem Schreibtisch! – – – –

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