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Der Engel vom westlichen Fenster

Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
titleDer Engel vom westlichen Fenster
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages5-523
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1927
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Hm, das "Geschenk" des sterbenden Barons Stroganoff fängt an, mir fürchterlich zu werden. Ich bin gezwungen, meinen Kompaß hervorzukramen und umständlich den Meridianverlauf festzustellen: – natürlich steht mein Schreibtisch verquer. Dieses brave Möbel, so ehrwürdig es ist, hat sich noch niemals zu dem Anspruch aufgeschwungen, im Meridian stehen zu müssen, weil das zu seinem Wohlbefinden erforderlich sei!

Wie anmaßlich ist im geheimen doch alles, was aus dem guten Osten kommt! – – – – Ich habe das Tulakästchen also in den Meridian gerückt. – Und da gibt es noch Narren – ich zum Beispiel –, die behaupten, der Mensch sei Herr über seinen Willen! – Was aber ist die Folge meiner Gutmütigkeit? Alles auf dem Schreibtisch, dieser selbst, das ganze Zimmer mitsamt seiner ihm innewohnenden Ordnung, alles, alles kommt mir jetzt schief vor; der wertgeschätzte Meridian und nicht mehr ich scheint tonangebend geworden zu sein! – Oder der Tulakasten. Alles steht, liegt, hängt schief, schief, schief zu dem verdammten Produkt aus Asien! Ich schaue vom Schreibtisch aus zum Fenster hinaus, und was sehe ich? Die ganze Gegend draußen steht – "schief".

Das wird auf die Dauer so nicht weitergehen; Unordnung macht mich nervös. Entweder das Kästchen muß vom Schreibtisch verschwinden, oder – – um Gottes willen! – ich kann doch nicht meine ganze Wohnung umstellen im Verhältnis zu diesem Ding und seinem Meridian!!

Ich sitze, starre den silbernen Tulakobold an und seufze: Es ist – bei St. Patricks Loch! – nicht anders: das Kästchen ist "geordnet", es hat "Richtung"; und mein Schreibtisch, mein Zimmer, meine ganze Existenz liegt planlos drum herum, – hat keine sinnvolle Orientierung, und ich habe das bis heute nicht gewußt! – – Aber das ist ja Gedankenquälerei!

Um der wachsenden Zwangsvorstellung zu entfliehen, ich müsse noch in dieser Stunde vom Schreibtisch aus, wie ein Stratege, meine ganze Wohnung umzugruppieren und sie in eine neue Richtung bringen, greife ich hastig nach Rogers Papieren.

Und da fällt mir ein Notizzettel in die Hand, der seine steilen Schriftzüge trägt, und ich lese das Exzerpt; es ist überschrieben:

"St. Patricks Loch."

Was wuchert da in meiner Seele, daß ich vor wenigen Augenblicken noch eben mir diese heute gänzlich unbekannte Schwurformel zwischen den Lippen gehabt habe?! Sie legte sich mir auf die Zunge, und dabei hatte ich keine Ahnung, woher mir das kam! – – Halt! – In diesem Moment blitzt es wieder auf: das ist – das hat – ich blättere hastig in dem vor mir liegenden Manuskript zurück – da steht doch im Tagebuch John Dees: "John, ich beschwöre dich bei 'St. Patricks Loch', geh in dich! – Du mußt dich bessern, mußt wiedergeboren werden im Geist, wenn dir noch weiter an meiner Kameradschaft gelegen ist", ruft dort der Junker seinem Spiegelbild zu, – "bei St. Patricks Loch, geh in dich!"

Sonderbar. Mehr als sonderbar. Bin ich denn John Dees Spiegelbild? Oder gar mein eigenes, und starre ich mir entgegen aus der Verwahrlosung, Unsauberkeit und Nebeln des Rausches? – Ist denn schon Besoffenheit, wenn – wenn man seine Wohnung nicht – im – Meridian – – stehen hat?! – – Was sind das für Träume und Phantastereien am hellen Tage! Der Moderduft aus John Rogers Dokumentenbündel macht mir den Kopf benommen!

Also was ist es mit St. Patricks Loch? Ich greife in das Dokumentenbündel und halte – es überläuft mich kalt – als Erklärung in der Hand ein Notizblatt John Rogers, meines Vetters. Es besagt nach einer alten Legende:

"Der heilige Bischof Patrick bestieg, ehe er von Schottland nach Irland kehrte, daselbst einen Berg, um zu fasten und zu beten. Da sah er weit hinaus und bemerkte, daß das Land voll Schlangen und giftigem Gewürm war. Und er hob seinen Krummstab und bedrohte damit das Gezückt also, daß es geifernd und zischend entwich. Danach kamen Leute zu ihm herauf, seiner zu spotten. Da sprach er vor tauben Ohren und bat Gott um ein Zeichen, davon die Menschen erschreckt würden, und stieß mit seinem Stab auf den Felsen, der glich einem kreisrunden Loch und ließ Rauch und Feuer ausgehen. Und der Abgrund öffnete sich bis in das Herz der Erde und das Geschrei von Flüchen, die sind das Hosiannah der Verdammten, drang aus dem Loch hervor. Da entsetzten sich die, so das mitansahen, und erkannten, daß ihnen St. Patrick die Hölle aufgetan hatte.

Und St. Patrick sprach: wer darein gehe, dem sei keine andere Buße mehr not, und so etwas an ihm von gediegenem Golde wäre, das schmelze der Glutofen aus einem vom Morgen zum andern. Und gingen nochmals Viele hinein, kam aber selten Einer wieder. Denn das Feuer des Schicksals läutert oder verbrennt einen Jeden nach seiner Beschaffenheit.

Und das ist St. Patricks Loch, daran mag ein Jeglicher vernehmen, was an ihm ist, und ob er die Taufe des Teufels bestehen möge im ewigen Leben. – – – Unter dem Volk aber geht bis heutigen Tags das Geraune, das Loch sei immer noch offen, doch sehen könne es nur einer, der dazu gerichtet und geordnet ist und geboren am ersten Mai als Sohn einer Hexe oder Hure. Und wenn die schwarze Scheibe des Neumonds senkrecht über dem Loche stünde, dann stiegen zu ihr die Flüche der Verdammten aus dem Herzen der Erde empor wie ein inbrünstiges Gebet der Teuflischen aus der Verkehrtheit und fielen herab auf das Land wie ein Tropfen, und sobald sie die Scholle berührten, würden schwarze gespenstische Katzen daraus."

Meridian – sage ich mir vor – Wellenband! – Chinesisches Ewigkeitssymbol! – Unordnung in meinem Zimmer! – St. Patricks Loch! – Warnung meines Urahns, John Dee, an seinen Spiegelkameraden, falls er auf seine Freundschaft künftig noch Wert lege! – Und "es gingen Viele in St. Patricks Loch, kam aber selten Einer wieder"! – Schwarze gespenstische Katzen! –: das alles geht drüber und drunter in meinen aufgescheuchten Gedanken und erzeugt einen sinnlosen Wirbel von Vorstellungen und Gefühlen in meinem Kopf. Dennoch: es blinzelt daraus ein spitzer, schmerzender Sinn hervor, wie Sonnenstrahl hinter jagendem Gewölk. Versuche ich aber, diesen Sinn zur Formel zu verdichten, so fühle ich Lähmung und muß es aufgeben. – – –

Also ja, ja, ja, in Gottes Namen, morgen werde ich mein Zimmer "in den Meridian rücken", wenn es schon so sein soll, damit ich endlich Ruhe bekomme.

Eine nette Räumerei wird das geben! – Verdammter Tulakasten!

Wieder krame ich in dem Nachlaß: Vor mir liegt ein dünnes Buch, in giftgrünes Safianleder gebunden. Der Einband ist frühestens aus dem späten siebzehnten Jahrhundert. Die Schrift, die er einschließt, muß Handschrift des John Dee selbst sein; die Charaktere und der Duktus stimmen überein mit dem Tagebuch. Das Bändchen ist von Brandspuren verunstaltet, zum Teil ist die Handschrift dadurch völlig zerstört.

Auf dem leeren Blatt des Vorsatzpapiers finde ich eine winzige geschriebene Bemerkung. Aber von fremder Hand!! Sie lautet übersetzt:

"Zu verbrennen, wenn die schwarze Isaïs aus dem abnehmenden Mond hervorspäht. Beim Heil deiner Seele! – dann verbrenne!"

Es muß diese Warnung einmal einen späteren unbekannten (!) Besitzer des Buches sehr nahe angegangen sein, fühle ich. – Es muß ihn vielleicht die "schwarze Isaïs" aus dem abnehmenden Mond hervor angeschaut haben, darum wohl warf er das Büchlein ins Feuer, um es loszuwerden. Das würde die Brandspuren erklären. – – Wer, wer wohl mag es daraus wieder hervorgezogen haben, ehe es gänzlich verkohlte? Wer war der, dem es zuvor in den Fingern brannte?

Kein Zeichen, keine Nachschrift meldet davon.

Die Warnung selbst stammt sicherlich nicht von John Dees Hand. Ein Erbe also muß die Warnung als das Ergebnis eigener, böser Erfahrung niedergeschrieben haben.

Was von dem grünen Saffianband leserlich erhalten ist, das folgt hier als Rogers Notiz:

Diarium John Dees, datiert von 1553, – als 3 bis 4 Jahre später als das "Tagebuch".

Der silberne Schuh des Bartlett Green

Dieses ist aufgezeichnet nach ungezählten Tagen des Leidens von mir, dem Magister John Dee, – der ich vordem ein eitler Geck und recht vorwitziger Pfuscher war, – zu meinem eigenen Spiegel und Gedächtnis; und es soll bestimmt sein zu einer ersprießlichen Warnung für alle, die nach mir kommen werden aus meinem Blute. Sie sollen die verheißene Krone tragen; das weiß ich heute mit viel größerer Gewißheit als damals. Aber die Krone wird sie in den Staub drücken, wie ich in den Staub gedrückt worden bin, – wenn sie, in Leichtsinn und Übermut versunken, dem Feind nicht sehen, der stündlich umherschleicht und sucht, wie er uns verschlinge.

Je höher die Kron,
je tiefer der Hölle Hohn.

Folgendes ist mit Gottes Zulassung am Tag nach dem heiligen Osterfest, das war in den letzten Tagen Aprils 1549, mit mir geschehen:

Am Abend jenes Tages, als meine Sorge und Ungewißheit über mein Schicksal aufs höchste gestiegen war, drangen Hauptmann Perkins und Bewaffnete des Blutigen Bischofs – wie man mit Recht jenes Scheusal in Menschengestalt genannt hat, welches als Bischof Bonner in London wütete – bei mir ein und verhängten Haft über mich im Namen des Königs: im Namen Edwards, des schwindsüchtigen Kindes! Mein bitteres Lachen erboste die Häscher nur noch mehr, und mit Not entging ich der Mißhandlung.

Es war mir gelungen, die Blätter, die ich soeben noch mit meinen Bedenken gefüllt hatte, vor dem polternden Eintritt der Knechte beiseite zu räumen und an dem sicheren Ort in der Mauer zu verbergen, wo zum Glück um diese Stunde alles an Verdächtigem schon geborgen lag, das mir etwa zum Verräter hätte werden können. Zum Glück hatte ich schon lang vorher die Elfenbeinkugeln des Mascee zum Fenster hinausgeworfen, was mir hernach ein nicht geringer Trost war, denn ich hörte noch in der Nacht aus einer plumpen Frage des bischöflichen Hauptmannes Perkins, daß nach solchen Kugeln zu fahnden sein besonderes Anliegen sei. Es muß also mit Mascees "curiösen Wunderdingen aus Asia" eine besondere Bewandnis haben; und ist die Lehre daraus zu nehmen, dem Magister des Zarens auch nicht in alle Wege zu trauen.

Es war eine schwüle Nacht und ein scharfer Ritt bei sehr rauher Eskorte, der uns am frühen Morgen bis Warwick brachte. Doch ist es unnötig, die Tagesreisen in vergitterten Stuben und Türmen zu beschreiben, bis wir endlich bei sinkender Nacht vor dem ersten Mai in London anlangten und ich von Hauptmann Perkins in eine halbunterirdische Zelle eingebracht wurde. Ich konnte ja aus allen diesen und anderen Maßnahmen, die gegen mich getroffen waren, erkennen, daß man sehr um geheimen Transport bemüht und in beständiger Besorgnis war, es möchte ein gewaltsamer Versuch meiner Befreiung – ich konnte mir damals kaum denken, von welcher Seite her – unternommen werden.

Der Hauptmann in eigener Person also stieß mich in das Verließ; und als die rasselnden Riegel von draußen wieder vorgelegt waren, fand ich mich zunächst, bei ziemlicher Betäubung der Sinne, in stiller Stille und Dunkelheit und mein tappender Schritt glitschte aus in feuchtem Moder.

Nie hätte ich mir vorstellen können, daß wenige Minuten schon in einem Kerker ein Gefühl so gänzlicher Verlassenheit in einem Menschenherzen hervorrufen. Was ich nie im Leben gehört: das Brausen des Blutes im Ohr, – es umfing mich jetzt wie das Rauschen der Brandung eines Meeres der Einsamkeit.

Auf einmal schreckte mich das Hallen einer festen und spöttischen Stimme auf, die aus der unsichtbaren Wand mir gegenüber zu kommen schien wie ein Gruß aus der schrecklichen Finsternis:

"Gesegneten Eingang, Magister Dee! Willkommen im dunklen Reiche der unteren Götter! – Schön bist du, Junker Gladhill, über die Schwelle gestolpert!"

Und dieser breit höhnenden Anrede folgte ein peitschendes Gelächter und zugleich murrte von draußen ein fernes Donnern herein, das sofort mit heftigem betäubendem Gewitterschlag krachend und dröhnend das unheimliche Lachen verschlang.

Gleich darauf zerriß ein Blitz jäh die Finsternis des Kerkers, aber was ich im Schwefelschein des Wetterfeuers nur einen Augenblick lang sah, durchzuckte mich wie ein eiskalte Nadel vom Scheitel des Kopfes bis tief hinab in die Wirbelsäule –: ich war nicht allein im Gefängnis; an der Quaderwand, gegenüber der Eisentür, durch die ich hereingestoßen worden, hing, angeheftet mit schweren Kettenringen, Arme und Beine weit gespreizt, in der Stellung des breiten Kreuzes des Heiligen Patrick ein Mensch! – –

Hing er wirklich dort? – Einen Pulsschlag lang – beim Schein des Blitzes – hatte ich ihn gesehen. Und schon hatte ihn die Finsternis wieder verschlungen. War es nicht nur Einbildung gewesen? Zwischen Lid und Augapfel eingebrannt sah ich das furchtbare Bild vor mir, als sei es niemals außer meiner wirklich gewesen – als sei es vielmehr ein inneres Bild in meinem Hirn, hervorgetreten im Reich meiner Seele und niemals körperliche Wirklichkeit gewesen. – Ein lebender Mensch, auf die gräßliche Folter des Kreuzes gespannt, wie könnte der jemals ruhig und spöttisch reden und höhnisch lachen?

Wieder Aufzucken von Blitzen; sie folgten so rasch aufeinander, daß zitternde Wellen fahlen Lichtes das Gewölbe erhellten. – Wahrhaftig, bei Gott, da hing ein Mann, es war kein Zweifel mehr: ein Hühne an Gestalt, das Gesicht fast verdeckt von rötlichen Haarsträhnen, – ein breiter, fast lippenloser Mund über roten wirren Bart halboffen, als wolle er gleich wieder loslachen. Kein Ausdruck der Pein in den Mienen trotz der Marterstellung der in den Eisenringen eingezwängten Hände und Füße. Ich brachte nur stammelnd die Worte hervor: "Wer bist du, Mensch, dort, an der Mauer?" – ein berstender Donnerschlag schnitt mir die Rede ab. "Hättest mich schon im Dunkeln erkennen sollen, Junker!" kam es heiter spottend zurück. – "Man sagt, wer Geld ausgeliehen hat, der erkennt seinen Schuldner schon am Geruch!" Kalter Schreck durchfuhr mich. "Soll das heißen, du seist – – –?"

"Jawohl, der Bartlett Green bin ich, Rabe der Rabenhäupter, der Beschützer der Ungläubigen in Brederock, der Sieger über St. Dunstans Großmaul und gegenwärtig Gastwirt hier zum kalten Eisen und zum heißen Holz für so späte verirrte Wanderer, wie du einer bist, großmächtiger Gönner der Reformation an Haupt und Gliedern!"

Ein wildes Gelächter, darunter die ganze Gestalt des Gekreuzigten erbebte, ohne jedoch, wie es wunderbarerweise schien, den geringsten Schmerz zu empfinden durch die Erschütterung, beendigte die grausige Rede.

"Dann bin ich verloren," lallte ich vor mich hin und brach auf dem schmalen schimmligen Holzschemel zusammen, den ich erblickte.

Mit aller Macht setzte nun das Gewitter ein. Selbst wenn ich gewollt hätte, in diesem Toben des Himmels wäre jede Rede und Gegenrede untergegangen, aber mir war nicht mehr nach Reden zumute. Ich sah meinen unvermeidbaren Tod vor Augen, denn offenbar war bekannt, daß ich der Drahtzieher der Ravenheads war. Nur zu genau wußte ich vom Hörensagen die Anstalten des blutigen Bischofs, die er "zur Vorbreitung und bußfertigen Bereitschaft seiner Opfer, das Paradies von ferne zu sehen", für nötig hielt.

Eine wahnsinnige Angst krallte mir die Kehle zu. Es war nicht Angst vor einem raschen ritterlichen Tod, – es war die unsägliche sinnzerstörende Furcht vor dem gräßlichen Herantasten des Henkers, – vor der ungewiß und unsichtbar sich mit Blutdunst heranwindenden Folter! Die Angst vor dem Schmerz, der dem Tode vorangeht, ist's, die die Wesen ins Fangnetz des irdischen Lebens zwingt: gäbs diesen Schmerz nicht, es gäbe auch keine Furcht mehr auf Erden.

Das Gewitter tobte, ich hörte es nicht. Bisweilen schlug ein Ruf, ein polterndes Lachen, von der Mauer herab, die so nahe mir gegenüber schwarz aufragte, an mein Ohr; auch darauf achtete ich nicht. Angst und wahnsinnige Entwürfe zu meiner nicht mehr zu denkenden Rettung füllten mich ganz aus.

Gebetet habe ich nicht eine Sekunde.

Als das Gewitter, ich weiß nicht mehr, ob in Stunden erst, nachließ, da wurden meine Gedanken ruhiger, besonnener, listiger. Als nächste Gewißheit stand vor mir die Tatsache, daß ich in des Bartletts Gewalt war, falls er nicht schon gestanden und mich verraten hatte. Von seinem Reden oder Schweigen allein hing das Nächste meines Schicksals ab.

Ich war soeben zu dem Entschluß vorgedrungen, mit Ruhe und Vorsicht die Möglichkeit zu ertasten, den Bartlett meiner Zustimmung des Schweigens geneigt zu machen, zumal er ja nichts zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren hatte, – da schreckte ich auf von einem so unerhörten und entsetzlichen Vorgang, daß mir Pläne, Hoffnungen und Klugheiten in einem einzigen Aufruhr des Schreckens übereinanderfielen.

Der riesige Körper des Bartlett Green hatte sich aus eigenem Antrieb zwischen den Eisenfesseln seiner Gelenke langsam in schwingende Bewegung versetzt, wie einer, der tanzen will. Diese Schwingungen wurden immer stärker und geschmeidiger, so daß es in der ersten und aufregenden Dämmerung des Maimorgens nicht anders war, als mache sich der gekreuzigte Straßenräuber das behagliche Vergnügen des Schaukelns in einer weit ausschwingenden Hängematte zwischen Frühlingsbirken; nur daß dabei seine Sehnen und Knochen knirschten und knackten wie unter hundert grausigen Folterstricken.

Und da begann der Bartlett Green mit anfänglich beinahe wohlklingender Stimme zu – singen, wobei ihm der Gesang freilich bald in das Gellen eines schottischen Pibrochs und in ein, vor derber Lust überkippenden Gröhlens umschlug:

> "Hoë ho! Was gehen die Lüfte so lau
nach der Mauer im Mai!
Hoë ho!
Miau, meine Kätzin! Mein Kater, miau!
Stimmt an euren Lai!

Hoë ho! Auf dem Anger das Veilchen blüht
Nach der Mauer im Mai!
Hoë ho!
Da habt ihr im Vorjahr den Ranzen verbrüht
unter Katzengeschrei!
Hoë ho!

Hoë ho! Der Starmatz flötet vom Ast
nach der Mauser im Mai!
Hoë ho!
Wir singen und schwingen vom obersten Mast
Ho, Mutter Isaï!
Hoë ho!"

Es ist nicht zu beschreiben, mit welch schüttelndem Entsetzen ich dem wilden Gesang des Obersten der Ravenheads zuhörte, denn ich meinte nicht anders, als er sei plötzlich in seiner Folter wahnsinnig geworden. Noch heute gerinnt mir, wo ich dies niederschreibe, beim Gedanken daran das Blut. – – –

Dann rasselten mit einemmal die Riegel an der eisengefütterten Kerkertür und ein Aufseher kam herein mit zwei Gehülfen. Die schraubten den Gekreuzigten von der Mauer los und ließen ihn wie eine vermähte Krott zur Erde plumpsen. "Die sechs Stunden sind wieder einmal um, Meister Bartlett", höhnte der Kerkermeister roh. "Schätze, den längsten Genuß von der Mauerschaukel werdet Ihr bald gehabt haben. Vielleicht noch einmal dürft Ihr schwingen, wenn Ihr mit des Teufels Hülfe dabei schon einen Genuß empfindet, dann aber werdet Ihr, wie Elias, im feurigen Wagen Eure Himmelfahrt antreten. Schätze, sie wird in einem großen Bogen zu St. Patricks Loch hinabgehen auf Nimmerwiederkehr!"

Bartlett Green kroch mit befriedigtem Grunzen auf seinen ausgedrehten Gliedmaßen zu einer Schütte von Stroh und entgegnete kräftig:

"Wahrlich, ich sage dir, David, du liebliches Himmelsaas von einem Kerkermeister, das du bist: Heute noch würdest du mit mir im Paradies sein, wenn es mir gefiele, jetzt schon dahin abzureisen! Aber, mach dir keine Hoffnung, es wird dir dort anders vorkommen, als du dir in deiner armen Papistenseele denkst! Oder soll ich dir in der Eile noch die Nottaufe verabreichen, mein Söhnchen?!"

Ich sah, wie die rohen Knechte sich vor Furcht bekreuzigten. Der Kerkermeister wich mit abergläubischer Scheu zurück, machte mit der Hand das Abwehrzeichen der Irländer gegen den bösen Blick und schrie:

"Tu dein verfluchtes Birkenauge von mir ab, du Erstgeburt der Hölle! St. David von Wales, mein guter Schutzpatron, den sie mir aufgebrummt haben, als ich noch in die Windeln machte, kennt mich. Er wird deinen bösen Segen kalt in den Erdboden ableiten!"

Damit stolperte er, mitsamt seinen Knechten und gefolgt vom dröhnenden Gelächter des Bartlett Green, aus der Zelle. Frisches Wasser und einen Laib Brot ließ er zurück.

Eine Zeitlang blieb es still.

In dem zunehmenden Tagesgrauen sah ich das Gesicht meines Mitgefangenen deutlicher. Sein rechtes Auge schimmerte weißlich mit milchig-opalenem Schein im Morgenlicht. Es war, als habe es einen selbständigen, starren Blick von abgrundiger Bosheit. Es war der Blick eines Toten, der im Sterben Grauenhaftes gesehen hat. Das weiße Auge war blind.

Hier beginnt eine Reihe brandgeschädigter Blätter. Der Text ist zunehmend gestört. Dennoch ist der Zusammenhang klar.

"Wasser? Malvasier ist es!" gröhlte Bartlett, hob auf geknickten Gelenken den schweren Wasserkrug und soff, daß ich für meinen geringen Anteil bange ward, denn mich dürstete sehr, – "es ist meinen umnebelten Sinnen nicht anders, als ein Zechgelage – – – huk –; ich habe auch niemals Schmerz – huk; – und Furcht?! Schmerz und Furcht sind Zwillinge! – Will dir da gleich etwas anvertrauen, Magister Dee, das hat dir auf allen hohen Schulen noch keiner zu wissen gemacht – – – huk – – – ich werde nur umso freier sein, wenn mein Körper abgestreift ist – – – huk – – – und ich bin gegen das, was sie Tod nennen, gefeit, ehe nicht mein dreiunddreißigstes Jahr vollendet ist. Am ersten Mai, wenn die Hexen Katzenweihe haben, ist meine Zeit um. – O daß mich meine Mama noch einen Monat länger bei sich behalten hätte, ich hätte darum auch nicht ärger gestunken und hätte jetzt noch eine Frist, dem blutigen Bischof, dem Stümper, seine Anfängergelüste heimzuzahlen! Du wirst ja an dem Bischof

– – – (Brandfleck im Dokument)

– – –

– – – worauf Bartlett Green mich unterm Halse antippte, – mein Wams war von den Soldaten aufgerissen worden und meine Brust stand nackt offen – – – er berührte mein Schlüsselbein und sagte: "das ist das mystische Knöchlein, das ich meine. Man nennt es den Rabenfortsatz. Darin ist das geheime Salz des Lebens. Es verwest nicht in der Erden. Darum die Jüden etwas gefaselt haben von der Auferstehung am jüngsten Gericht – – – es aber anders zu verstehen ist; – – – wir von denen, die das Geheimnis des Neumondes kennen – – – huk – – – sind ja längst auferstanden. Und woran ich das gesehen habe, Magister? Du scheinst mir noch nicht weit fortgeschritten in der Kunst, trotz deinem vielen Latein und Allermannswissen! Will's dir sagen, Magister: weil das Knöchlein leuchtet in einem Licht, das die andern nicht sehen können – – –" (Brandfleck)

– – – Wie leicht zu begreifen, kroch bei dieser Rede des Straßenräubers ein kaltes Grauen in mir auf, so daß ich kaum die tonlose Stimme zu beherrschen vermochte, mit der ich frug: "So trage ich also ein Zeichen, das mir in meinem ganzen Leben nicht selbst offenbar geworden?" – Worauf der Bartlett mit großem Ernst entgegnete: "Ja, Herr, du bist gezeichnet. Und gezeichnet bist du mit dem Zeichen der Hohen Lebendigen, Unsichtbaren, in deren Kette keiner eintritt, weil sie noch keiner verlassen hat, der ihr geboren war; ein Anderer aber kann den Eingang nicht finden vor dem Ende der Tage des Blutes, – – – sei also nur getrost, Bruder Dee, ob du auch vielleicht vom andern Stein bist und im Gegenkreis wirkst, ich werde dich niemals verraten an das Geschmeiß, das unter uns steht. Dem Pack, das nur das Außen sieht und lauwarm bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit, sind wir Beide seit Anbeginn überhoben!"

– – – (Brandfleck im Manuskript)

– – – auch gestehe ich, daß mir bei diesen Worten des Bartlett ein inneres Aufatmen nicht erspart blieb, wennschon ich insgeheim anfing, mich wegen meiner Angst zu schämen vor diesem ungeschlachten Gesellen, der so leichten Mutes noch mehr auf sich nahm und vielleicht furchtbarster Marter gewärtig sein mußte um seines versprochenen Schweigens und meiner Rettung willen.

"– – – bin eines Pfaffen Sohn," fuhr Bartlett Green fort. "Meine Mama war vom Stande – Fräulein Lendenzart, so nannte man sie, – was aber nur ein Übername ist, wie sich denken läßt. Von wannen sie kam und wohin sie gegangen, ist mir dermalen noch verborgen. Sie muß aber ein achtbares Stück Weib gewesen sein und war ihr Rufname Maria, ehebevor sie durch meines Vaters Verdienst vor die Hunde ging."

– – – (Brandfleck im Manuskript)

Worauf der Bartlett, auf seine seltsam fühllose Weise lachte und nach einer Pause fortfuhr: "mein Vater war der zelotischste, erbarmungsloseste und dabei feigste Pfaffe, der mir in meinem Leben vorgekommen. Er hätte mich, sagte er, aus Barmherzigkeit angenommen, damit ich für die Sünden meines mir unbekannten Vaters Buße täte, denn er ahnte nicht, daß ich insgeheim wußte, daß er es ja selbsten war. Und er hat mich zu seinem Ministranten und Weihwedelbuben aufgezogen. – – –

– – – Hernach befahl er mir, Buße zu tun und zwang mich, im Hemd bei grimmiger Kälte Nacht für Nacht in der Kirche stundenlang auf den steinernen Altarstufen zu beten ohne Unterlaß, auf daß meinem "Vater" die Sünden vergeben würden. Und brach ich zusammen vor Schwäche und betäubender Schlafsucht, dann griff er zur Geißel und schlug mich bis aufs Blut. – – – Ein schrecklicher Haß stieg damals in meinem Herzen auf gegen Den, der da gekreuzigt vor mir hing überm Altar; und alsbald, ohne daß es mir klar ward, wie das sein und von selbst geschehen konnte: auch gegen die Litanei, die ich beten mußte, so daß sie sich in meinem Hirn umdrehte und von rückwärts nach vorwärts aus meinem Munde kam, – ich also die Gebete verkehrt sprach, was mir zugleich eine heiße ungekannte Befriedigung in die Seele goß. – Lange merkte mein Vater es nicht, denn ich murmelte leise vor mich hin, dann aber kams ihm eines Nachts klar zum Erkennen, und da schrie er laut auf vor Wut und Entsetzen, verfluchte den Namen meiner Mama, bekreuzigte sich und lief um eine Axt, mich zu erschlagen. – – – Ich kam ihm aber zuvor und spaltete ihm den Schädel bis zum Kiefer, wobei ihm ein Auge herausfiel auf die Steinfliesen und mich anstarrte von unten auf. Und da wußte ich, daß meine verkehrten Gebete hinabgedrungen waren zum Mittelpunkt der Mutter Erde, statt aufzusteigen, wie die Jüden sagen, daß es die Winselgebete derer Frommen tun. – – –

Hab dir vergessen zu sagen, lieber Bruder John Dee, daß vorher in einer Nacht mein eigen rechtes Auge erblindet war von einem schrecklichen Licht, das ich urplötzlich vor mir gesehen, – mag auch wohl sein, daß es von einem Geißelhieb meines Vaters getroffen worden – ich weiß es nicht. – So war da, als ich ihm den Kopf zerschmettert hatte, das Gesetz zur Wahrheit geworden: Auge um Auge, Zahn um Zahn. – Ja, Freund, hab mir mein Birkauge, das dem Pack solchen Schrecken einjagt, gar wohl verdient mit Gebet!" – – – (Brandfleck)

"– – – damals eben vierzehn Jahre gewesen bin, als ich meinem Herrn Vater mit einem gedoppelten Haupt in seinem Blute vor dem Altar liegen ließ und über manche Straße nach Schottland entfloh, woselbst ich zu einem Metzger in die Lehre ging, denn ich dachte, es könnte mir nicht schwer fallen, denen Rindern und Kälbern eins vors Hirn zu hauen mit einem Beil, wo ich doch den Pfaffen, meinen Vater, so fehlerlos in die Tonsur getroffen –, aber es sollte nicht sein, denn so oft ich die Axt erhob, stand das nächste Bild in der Kirche vor meinem Auge und berührte es mich, als sollte ich diese schöne Erinnerung nicht durch Mord an einem Tiere entweihen. Ich zog darum fort und trieb mich lange in den schottischen Gebirgsdörfern und Meilern herum, wo ich auf einem gestohlenen Dudelsack den Bewohnern allerley gellende Pibrochs vorpfiff, dabei es ihnen kalt über die Haut lief, sie ahnten nicht warum. Ich aber wußte gar wohl, warum, denn die Melodeien gingen nach dem Text der Litanei, die ich einst vor dem Altar habe beten müssen und die jetzt bei solchen Gelegenheiten noch immer verkehrt, von rückwärts nach vorwärts, heimlich in meinem Herzen wiederklang. – – – Aber auch, wenn ich nächtens allein über die Moorhaide zog, blies ich auf der Bockspfeife; – insonderheit, so oft der Vollmond schien, überkam mich die Lust dazu und war mir dabei, als liefen die Töne mir durch den Rücken hinab wie Gebete der Verkehrtheit bis hinunter in die wandernden Füße und von da in den Schoß der Erde. – Und einmal um Mitternacht – es war gerade der erste Mai und das Druidenfest, und der volle Mond war im Abnehmen begriffen – da hielt mich aus dem schwarzen Boden heraus eine unsichtbare Hand am Fuße fest, daß ich keinen Schritt mehr weiter konnte; und ich stand wie angefesselt; und ich auch sofort aufhörte zu pfeifen. Kam da ein eiskaltes Blasen, wie mich bedünkte, aus einem runden Loch in der Erden dicht vor mir und hauchte mich an, daß ich erstarrte vom Scheitel bis zur Zehe, und da ich es auch fühlte im Genick, so drehte ich mich um und sah hinter mir stehen Einen, der war wie ein Hirte, denn er hatte einen langen Stab in der Hand, oben gegabelt wie ein großes Ypsilon. Hinter ihm eine Heerde schwarzer Schafe. Ich hatte aber vorher weder die Heerde gesehen, noch auch ihn, und so dachte ich, ich müßte wohl mit geschlossenen Augen an ihm und halb im Schlaf vorbeigewandert sein, denn er war keineswegs eine Erscheinung, wie man wohl meinen möchte, sondern leibhaftig wie auch seine Schafe, was ich merkte an dem Geruch der nassen Wolle ihrer Felle. – – – (Brandfleck) – – – Er deutete auf mein Birkauge und sagte: "weil du berufen bist." – – – (Brandfleck)

Ein schreckliches magisches Geheimnis muß wohl hier geschildert worden sein, denn von dritter Hand, mit roter Tinte steht über das verkohlte Blatt des Diariums geschrieben:

"Der Du Dein Herz nicht festzuhalten vermagst, lies nicht weiter! Der Du der Stärke Deiner Seele mißtraust, wähle: Hier Verzicht und Ruhe – dort Neugier und Verderben!"

Gänzlich verdorbene Blätter in dem grünen Saffianbändchen folgen. Wie aus kleinen Bruchstücken zu entnehmen ist, hat der Hirte dem Bartlett Mysterien enthüllt, die mit dem Kult der dunklen Göttin des Altertums und den magischen Einflüssen des Mondes zusammenhängen dürfen und mit jedem Ritus entsetzlicher Art, der heute noch in Schottland unter dem Namen "Taighearm" im Munde des Volkes lebt. Ferner geht aus den Stellen hervor, daß Bartlett Green bis zu seiner Einkerkerung im Tower vollkommen keusch gelebt hat, was um so merkwürdiger anmutet, als geschlechtliche Unberührtheit bei einem Straßenräuber wohl nicht häufig vorzukommen pflegt. Ob diese gewollt oder aus angeborener Abneigung gegen das Weib entstanden war, geht aus den geringen Textspuren nicht hervor. Von da an sind die Brandzerstörungen allmählich wieder geringfügiger und man kann folgendes klar lesen:

– – – Was mir der Hirte von dem Geschenk erzählte, das mir die schwarze Isaïs dereinst geben würde, verstand ich nur die Hälfte – war ich ja damalen selber nur ein 'Halber' –, denn wie mochte es zugehen, daß aus dem Unsichtbaren ein leibhaftiger Gegenstand herauskäme! – Als ich ihn fragte, woran ich erkennen könnte, daß die Zeit dazu gekommen wäre, sagte er: "du wirst den Hahn krähen hören." – Das wollte mir nicht aus dem Sinn; krähen doch jeden Morgen in den Dörfern die Gockel. Auch konnte ich nicht fassen, was es Bedeutsames sey, auf Erden Furcht und Schmerz nicht mehr zu kennen, maßen mir es ein geringes schien, denn ich glaubte, selber schon ein genug furchtloser Geselle zu sein. Aber als die Jahre des Reifwerdens um waren, hörte ich den Hahnenschrei, den er gemeint hatte, das ist: in mir selbst – – – habe bis dahin nicht gewußt, daß alles erst im Blute des Menschen geschehen muß, ehe es außen zur Wirklichkeit gerinnen kann. Ich bin auch sodann des Geschenkes der Isaïs – des 'silbernen Schuhes' teilhaftig geworden; ich hatte in der langen Wartezeit bis dahin gar seltsame Gesichte und Vorgänge am Leibe, als da sind: Berührungen nasser unsichtbarer Finger, Geschmack der Bitternis auf der Zunge, Brennen auf dem Scheitel, als senge ein heiß Eisen mir eine Tonsur in das Haupthaar, Stechen und Bohren in den Flächen der Hände und Füße und ein heimliches Miauen in den Ohren. – Schriftzeichen, so ich nicht lesen konnte, da ähnlich anzusehen gewesen wie die derer Jüden, tauchten von innen heraus auf meine Haut wie ein Ausschlag, vergingen aber alsbald wieder, wenn die Sonne darauf schien. Bisweilen mich auch ein heißes Sehnen überkam nach etwas Fraulichem, das aber in mir selbsten war und mir umso verwunderlicher schien, als ich von je ein tiefes Grausen gehabt vor denen Weibern und ihren Sauereyen, so sie mit den Männern allenthalben zu tun pflegen. – – –

Dann, nachdem ich den Hahnenschrei in meinem Rückgrat hatte hören aufsteigen und, wie mir vorausgesagt worden, als eine Taufen ein kalter Regen auf mich herniedergegangen, so doch keinerlei Wolken über mir zu sehen gewesen, ging ich in der Druidennacht des ersten Maien auf die Moorhaide der kreuz und quer, und stand, ohne zu suchen, alsbald vor dem Loch in der Erde. – – – (Brandfleck) – – – ich hatte hinter mir drein den Karren mit denen fünfzig schwarzen Katzen hergezogen, wie mir der Hirte angeraten. Ich mache ein Feuer an und, nachdem ich die Verfluchung des Vollmondes absolviert, wobei das Gefühl eines unbeschreiblichen Entsetzens in meinen Adern zu kreisen anhub, daß mir der Geifer vors Maul getreten, nahm ich die erste Katze heraus, spießte sie auf und begann den 'Taighearm', indem ich sie langsam drehend über den Flammen röstete. Etwan eine halbe Stunde gellte mir ihr fürchterlich Geschrei in den Ohren, wollt mir aber wie viele Monate scheinen, dermaßen sich die Zeit für mich ins Unerträgliche zu dehnen anfing. Wie erst, so sagte ich mir, würde ich das Entsetzliche fünfzigmal so lange aushalten können, wußte ich doch, ich durfte nicht innehalten bis zur letzten Katze und mußte scharf aufpassen, daß das Geschrei nicht abrisse. – Alsbald stimmten die im Käfig mit ein und wurde ein Chor daraus, daß ich fühlte, wie die Geister des Wahnsinns, die schlafend liegen in jedes Menschen Hirn, in mir aufwachten und Fetzen meiner Seele an sich rissen. Sie blieben jedoch nicht in mir, sondern wehten wie Hauch aus meinem Munde in die kalte Nachtluft hinein und stiegen empor zum Mond, einen schillernden Hof um ihn zu bilden. – Der Hirte hat mir gesagt, es sei der Sinn des 'Taighearm' der, daß alle Wurzelheimlichkeit der Furcht und des Schmerzes, die in mir stäke, übergehen müßte durch die Marter der Procedur auf die der Göttin geweihten Tiere, die schwarzen Katzen, und solcher verborgener Wurzeln der Furcht und des Schmerzes gäbe es fünfzig. – So, wie umgekehrt, der Nazarener alles Leid der Creatur auf sich habe nehmen wollen, jedoch der Tiere vergessen habe. – Und wenn Furcht und Schmerz aus meinem Blute durch den 'Taighearm' ausgezogen wären in die Außenwelt – die Welt des Mondes –, aus der sie stammen, dann läge auch mein wahres unsterbliches Wesen bloß, und für immer besiegt sei der Tod mit seinem Gefolge: als da sind das große Vergessen, wer ich einst gewesen, und Verlust jeglichen Bewußtseins. "Wohl soll auch", hat er gesagt – "später dein Leib von Flammen verzehrt werden wie der der Katzen, denn dem Gesetz der Erde muß Genüge geschehen, aber was kann dir viel daran liegen!" – – – Zwei Nächte und einen Tag hat der 'Taighearm' gedauert und ich habe dabei verlernt, zu fühlen, was Zeit ist, und ringsum ist das Haidekraut, so weit mein Blick reichte, schwarz gedorrt ob dem furchtbaren Jammer. Aber schon im Lauf der ersten Nacht begannen meine innern Sinne offenbar zu werden; es fing damit an, daß ich aus dem gräßlichen Chor der Angst derer Katzen im Käfig jede einzelne Stimme genau unterscheiden konnte. Die Saiten meiner Seele gaben's zurück als ein Echo, bis dann eine Saite nach der andern zerriß. Da ward mein Ohr aufgetan für die Sphärenmusik des Abgrundes; seitdem weiß ich, was 'Hören' ist, – – – brauchst dir die Löffel nicht aufzuhalten, Bruder Dee; ich schweig ja schon von den Katzen. Sie habens gut jetzt, spielen vielleicht im Himmel 'Mäusefangen' mit den Seelen der Pfaffen.

Ja, und der Vollmond stand hoch oben und das Feuer war erloschen. Mir zitterten die Beine, daß ich schwankte wie eine Binse. Mochte es wohl etliche Zeit so gewesen sein, als taumelte die Erde, denn ich sah den Mond flattern am Himmel hin und her, bis er in Dunkelheit ertrank. – Da erkannte ich, daß ich blind geworden auch auf meinem andern Auge, maßen keine fernen Wälder und Berge mehr waren, nur schweigende Finsternis. Weiß nicht mehr, wie es geschehen, sah ich plötzlich mit dem Birkauge, das doch tot gewesen, eine seltsame Welt, darinnen blaue fremde Vögel mit bärtigen Menschengesichtern in der Luft kreisten, Sterne mit langen Spinnenbeinen über den Himmel liefen, steinerne Bäume wanderten, Fische mit Händen einander stumme Zeichen gaben, und vieles andere absonderliche war da, das mich unbekannt anrührte und mir dennoch vertraut schien, als hätte ich von Anbeginn alles Erinnerns dort gestanden und es nur vergessen gehabt. War auch ein ander Fühlen des "Vorher" und "Nachher" in mir, als sei alle Zeit seitwärts abgeglitten. – – – (Brandfleck) – – – in weiter Ferne aus der Erden ein schwarzer Rauch emporstieg, flach wie ein Brett, und wurde immer breiter, bis er als tiefdunkel Dreieck mit der Spitze nach abwärts am Himmel stand, barst, und ein glutroter Spalt klaffte von oben bis unten, darinnen eine ungeheure Spindel sich drehte mit rasender Schnelle – – – (Brandfleck) – – – ich zuletzt die schreckliche schwarze Mutter Isaïs sah mit ihren tausend Händen Menschenfleisch weben am Spinnrocken – – – aus dem Spalt Blut herab sickerte – – – etzliche Tropfen, abspritzend von der Erden, mich trafen, so daß mein Leib gesprenkelt ward, wie eines von der roten Pest Befallenen, was wohl die geheimnisvolle Bluttaufe gewesen ist – – – (Brandfleck) – – – worauf der Namensruf der Großen Mutter wahrscheinlich ihr Töchterlein, das bis dahin schlummernd in mir gelegen als ein Samenkorn, auferweckt hat, womit ich durchgedrungen bin bis zum Ewigen Leben und immerdar verbunden mit ihr zu zwiefachem Sein. – – Ich habe auch bis damals nie die Brunst der Menschen gekannt, bin aber seitdem auf ewig dagegen gefeit, denn wie könnte von dem Fluch Einer ergriffen werden, der sein eigen weiblich Teil gefunden hat und in sich trägt! – Dann, als ich wieder sehend geworden mit dem menschlichen Auge, mir eine Hand aus der Tiefe des Loches in der Moorhaide ein Ding entgegenhielt, das glitzerte wie mattes Silber; – – – ich konnte es nicht lange ergreifen mit den irdischen Fingern, aber das Isaïstöchterlein in mir reckte danach den glatten Kätzinnenarm aus und reichte mir den Schuh hin: "Den Silbernen Schuh", der alle Angst nimmt von dem, der ihn trägt. – – – hernach mich einer Gauklertruppe anschloß als Seiltänzer und Tierbändiger. – – – Jaguare, Pardel und Panther in wildem Schreck fauchend in die Ecken flohen, wenn ich sie ansah mit dem Birkauge. – – – (Brandfleck) – – – auch Seiltanzen konnte ich und hatte es doch niemalen gelernt, denn, seit durch den Silbernen Schuh alle Furcht von mir genommen, ein Fallen und Schwindelgefühl unmöglich worden war und die "Braut" in mir zog die Schwere meines Körpers in sich hinein. – Ich seh dir an, Bruder Dee, du frägst dich jetzt: "warum hat ers nicht weiter gebracht, der Bartlett Green, trotz alldem, als nur zum Gaukler und Straßenräuber?" – Will dir antworten darauf: "ich werde erst eine freie Kraft sein nach der Feuertaufe und wenn sie an mir den 'Taighearm' gemacht haben werden. Dann aber werde ich sein der Oberste der unsichtbaren Ravenheads und will denen Papisten von drüben her einen Pibroch blasen, daß ihnen die Luser gellen sollen durch Jahrhunderte; und mögen sie auch getrost schießen mit dem Pummerlein – Pum, sie sollen euch nicht treffen. – – – Zweifelst wohl, Magisterlein, daß ich den Silbernen Schuh anhabe? – Schau her, Kleingläubiger!" – und der Bartlett stemmte die Fußspitze seines Krempstiefels gegen die linke Ferse, um ihn abzustreifen, da – hielt er plötzlich inne, zog die Nüstern breit wie ein Raubtier, fletschte die scharfen Zähne und schnupperte in die Luft. Dann kams spöttisch aus seinem Mund: "riechst du's, Bruder Dee? Der Panther kommt!" – Ich hielt den Atem an und es schien mir, als spürte auch ich Panthergeruch in der Luft. Gleich darauf hörte ich einen Schritt: draußen vor der Tür der Kerkerzelle. –

Einen Augenblick später knallten die schweren eisernen Riegel.

Hier brechen die Aufzeichnungen in dem grünen Saffianbändchen meines Urahns, John Dee ab, und ich überlasse mich grübelnden Gedanken.

Panthergeruch! –

Ich habe einmal irgendwo gelesen, daß an alten Dingen ein Fluch, ein Bann, ein Zauber haften könne, der den befällt, der sich solches Zeug ins Haus schleppt und sich damit abgibt. Wer weiß, wie man das anstellt, wenn man einem streunenden Pudel pfeift, der einem beim Abendspaziergang über übern Weg läuft! Man nimmt ihn aus Mitleid in seine warme Stube, und auf einmal schaut der Teufel aus dem schwarzen Fell hervor.

Geht es mir – dem Urenkel John Dees – wie einst dem Doktor Faust? Habe ich mit der modrigen Erbschaft meines Vetters John Roger einen Dunstkreis alter Weihungen betreten? Hab ich Mächte gelockt, Kräfte beschworen, die unnennbar in diesem Reliquienplunder hausen wie verpuppte Maden ihm Holz?

Ich unterbreche die Niederschrift meiner Auszüge aus John Dees grünem Tagebuch, um festzustellen, was soeben geschehen ist. Ich gestehe, daß ich es fast widerstrebend tue. Eine seltsame Neugier, ein Drang, in der Lektüre der Gefängnisaufzeichnungen meines Ahnherrn fortzufahren, hat sich meiner bemächtigt. Ich bin gespannt, wie nur irgendein aufgeregter Romanleser, den Fortgang der Ereignisse in dem Ketzergefängnis des blutigen Bischofs Bonner zu erfahren und zu wissen, was Bartlett Green mit seinem merkwürdigen Ausruf gemeint hat: "Es riecht hier nach Panther!" ...

Dennoch – daß ich es nur unverhohlen ausspreche –: ich kann seit Tagen das Gefühl nicht loswerden, in allem, was diese Angelegenheit der Rogerschen Hinterlassenschaft angeht, unter einem Befehl zu stehen. Ich spüre bis in die Fingerspitzen den einmal ausgesprochenen Entschluß, beim Niederschreiben dieser sonderbaren Lebensgeschichte eines meiner englischen Vorfahren nicht nach Gutdünken und nicht nach meiner Wahl zu verfahren, sondern zu gehorchen, wie der "Janus", oder meinetwegen der "Baphomet", mir im Traum befohlen hat: Ich lese und schreibe, wie – "er – führt". Ich mag gar nicht fragen, ob zu dieser Führung auch das gehört, was vorhin geschehen ist.

Indem ich die Feder wieder ansetze, wird mir sonderbar zumute. Es ist seit dem Augenblick, wo ich Bartlett Greens Unterredung mit John Dee aus den halbverbrannten Tagebuchnotizen wiederherzustellen mich bemühte, kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen. Dennoch weiß ich schon jetzt nicht mehr genau zu sagen, ob ich mich an gewisse Sinneswahrnehmungen in dieser kurzen Spanne Zeit eigentlich richtig und genau erinnere, oder ob ich sie nur wie Halluzinationen, wie flüchtig und unwirklich über mein halbwaches Bewußtsein hinweggeglittene Erlebnisschatten bewerten soll? Hierher gehört vor allem: Es roch auch in meinem Zimmer auf einmal intensiv nach "Panther"; richtiger: ich hatte die unbestimmte Geruchssensation von Raubtieren, – erlebte in mir das Bild von den Käfigen in einer Zirkustierschau, wo hinter endlos gereihten Gitterstäben die großen Katzen ruhelos auf und nieder schreiten.

Ich schrak auf. Hörte ein hastiges Anklopfen an der geschlossenen Tür meines Arbeitszimmers.

Mein keineswegs freundlicher Hereinruf – ich erwähnte schon, wie sehr ich unzeitige Störungen bei der Arbeit hasse – wurde überholt von dem Aufspringen der Türe. Ich sah das ängstliche, erschrockene Gesicht meiner alten, sonst so gut von mir geschulten Haushälterin, das mich gleichsam stumm um Entschuldigung bat; aber zugleich, dicht an ihr vorbei: das ungestüme, federnde Hereinschnellen einer hohen, sehr schlanken Dame in dunkelblitzendem Kleid.

Wie komme ich dazu, das Eintreten der Dame, das freilich den Eindruck einer gewissen herrischen Unbekümmertheit, einer befehlsgewohnten Sicherheit machte, mit so übertriebenen Worten zu kennzeichnen? – Sie kommen mir nun selber reichlich romantisch vor, wie sie da auf dem Papier stehen. Aber sie geben trotzdem ziemlich genau den Eindruck wieder, den ich im ersten Augenblick von der mir völlig fremden Frau empfing. Eine Dame der großen Welt, wie sofort außer Zweifel stand. Es war, als dränge ihr schönes bleiches Haupt auf seinem Halse wie suchend vorwärts. Sie schritt, oder schwebte gleichsam, mit erhobener Stirn geradezu an mir vorbei und machte erst an der Ecke meines Schreibtisches halt. Ihre Hand tastete, wie Blinde zu tun pflegen, die gelernt haben, mit den Fingerspitzen zu sehen, auf dem Rand der Schreibtischplatte hin, als suchte sie nach einem Halt. Endlich lag sie still, und der ganze Körper der Fremden schien sich nun beruhigt auf die kräftig geschlossene Hand zu stützen.

Dicht daneben stand das Tulakästchen.

Mit unnachahmlicher, niemals erlernbarer Leichtigkeit überwand sie sofort das Eigentümliche, ja, ich könnte jetzt fast sagen: das Befremdliche der Situation, indem sie ein paar lächelnde Sätze der Entschuldigung mit unverkennbar slawischem Akzent in der Aussprache hinplauderte und alsbald meine verwirrten Gedanken in eine bestimmte Richtung zwang mit den Worten:

"– Kurz, mein Herr, ich komme mit einer Bitte. Werden Sie sie mir erfüllen?"

Ein Mann von Gesinnung kann auf eine solche Frage einer ungewöhnlich schönen, ungewöhnlich den natürlichen Stolz ihrer vornehmen Erscheinung zur lächelnden Bitte herabneigenden Frau nur eine einzige Antwort finden:

"– mit aufrichtigstem Vergnügen, meine Gnädigste, wenn die Erfüllung irgend im Bereich meiner Kräfte liegt."

Ich muß wohl so oder ähnlich geantwortet haben, denn ein rauher, unbeschreibbar sanfter, gleichsam im Vorbeigleiten anschmiegender Blick traf mich. Zugleich färbte ein leichtes, langsames, ungemein angenehmes Lachen ihre nächsten Worte, mit denen sie mich lebhaft unterbrach:

"Ich danke Ihnen. Befürchten Sie keinerlei entlegene Wünsche. Meine Bitte ist sehr einfach. Die Gewährung steht – nur – in Ihrem – allernächsten Willen" –, sie zögerte auf eine eigentümliche Weise.

Ich beeilte mich: "Dann, wenn ich hören darf, meine – –" Sie verstand sofort die Dehnung in meiner Stimme und rief: "Aber da liegt ja meine Karte auf Ihrem Schreibtisch schon seit –", und wieder das wohltuend hingleitende Lächeln.

Benommen schaute ich in die Richtung ihrer deutenden Hand, einer ungemein schlanken, nicht kleinen, aber weichen und doch straff geformten Hand – und sah in der Tat an der Schreibtischkante, dicht neben Lipotins russischen Vexierkasten, ein Kärtchen liegen; ich hatte auf keine Weise bemerkt, wie es dahin gekommen war. Ich griff danach.

Assja Chotokalungin

stand darauf in Kupferstich. Darüber eine bizarr geformte Fürstenkrone. Ich weiß: am Kaukasus, südöstlich des Schwarzen Meeres, gibt es noch Familien zirkassischer Stammeshäuptlinge, die, teils unter russischer, teils unter türkischer Oberhoheit, den Fürstentitel führen.

Der ostarische, zugleich an das griechische und an das persische Schönheitsideal gemahnende, strenge Schnitt der Gesichtszüge, den ich bei der Dame wahrnahm, war unverkennbar.

Ich verneigte mich also nochmals flüchtig vor meiner Besucherin, die nun in einem Lehnstuhl zur Seite meines Schreibtisches halb saß, halb lag, indessen ihre lässigen Finger manchmal weich über dem Tulakasten hinstrichen. Ich beobachtete das, denn der Gedanke durchlief mich plötzlich peinvoll, diese Finger möchten mir den Kasten aus dem Meridian rücken. Es geschah jedoch nichts dergleichen.

"Ihre Bitte ist mir Befehl, Fürstin."

Unvermittelt hob sich die herrliche Gestalt halb im Sessel hoch, wieder streifte mich der gelbschimmernde, unbeschreiblich wohltuende elektrisierende Blick, als die Fürstin begann:

"Sergej Lipotin ist ein alter Bekannter von mir, müssen Sie wissen. Er hat die Sammlungen meines Vaters in Jekaterinodar geordnet. Er hat die Liebe zu schönen Gegenständen von alter und besonderer Arbeit in mir geweckt. Ich bin Sammlerin von – von alten Erzeugnissen meiner Heimat, von Geweben, Schmiedearbeiten, von – insbesondere aber von Waffen. Von gewissen Waffen vor allem, die in meiner Heimat – ich darf sagen – sehr geschätzt sind. Es gibt da unter anderem –", ihre weiche girrende Stimme mit dem fremdmusikalischen, wundervoll den deutschen Wortklang mißhandelnden Akzent, stockte immer wieder, rhythmisch wie Wellengang, daß es mir ins Blut ging und dort mit kaum vernehmbarer Brandung zu antworten begann, wie mir schien. Was sie sagte, war mir, wenigstens zunächst noch, vollkommen gleichgültig, aber der Tonfall ihrer Rede erzeugte in mir einen feinen Rausch, den ich jetzt noch zu spüren meine und dem ich die Schuld gebe, daß manches von dem, was gesprochen, getan oder vielleicht auch nur zwischen uns gedacht wurde, mir nachträglich vorkommt, als hätte ich es vielleicht nur geträumt. Die Fürstin brach die Schilderung ihrer Sammlerneigungen jäh ab und sprang über:

"Lipotin schickt mich zu Ihnen. Ich weiß von ihm, daß Sie im Besitz einer – einer sehr edlen, sehr schätzbaren, sehr – altehrwürdigen Kostbarkeit sind: einer Lanze – ich will sagen: einer Lanzenspitze von seltenster Arbeit. Kostbar tauschiert, wie ich weiß. Ich bin genau unterrichtet. Lipotin hat mir die Beschreibung gegeben. Mag sein, Sie haben sie durch seine Vermittlung erworben. Einerlei – –" wehrte sie einen verwundert bei mir aufsteigenden Einwand ab, "– einerlei, diese Lanze wünsche ich zu erwerben. Wollen Sie sie mir überlassen? Ich bitte darum!"

Ihre letzten Worte überstürzten sich fast. Sie saß weit vorgebeugt, – wie zum Sprung bereit, mußte ich denken; und ich wunderte und lächelte innerlich einen Augenblick lang über die befremdende Gier der Sammler, die sich auf die Lauer legen und zum Sprung niederducken können, wo sie ein begehrtes Objekt sehen, oder auch nur zu wittern meinen –, wie beuteschlagende Panther. –

– – Panther!! – –

Wieder durchzuckt mich das Wort Panther! – – Bartlett Green ist eine gute Romanfigur in John Dees Leben, scheint mir. Seine Aussprüche prägen sich ein! –

Was nun aber meine zirkassische Fürstin angeht, so wiegte sich diese auf der äußersten Kante des Sessels, und über ihr schönes Gesicht liefen unverstellt geradezu Wellen von Erwartung, Dankesbereitschaft, zuckender Besorgnis und ausdrucksvoller Schmeichelei.

Ich war kaum imstande, meine ehrlich bekümmerte Enttäuschung zu verbergen, als ich ihr lächelnd und so sanft wie nur möglich antworten mußte:

"Fürstin, Sie machen mich in Wahrheit unglücklich. Ihre Bitte ist so geringfügig, und die Gelegenheit, einer edlen Dame, einer großmütig vertrauenden, bezaubernden Frau einen kleinen Wunsch erfüllen zu dürfen, so unwiederbringlich, daß ich es kaum vermag, Sie durch die Mitteilung zu enttäuschen: ich besitze weder die beschriebene Waffe, noch habe ich sie je gesehen."

Wider alle meine Erwartung lächelte die Fürstin unbefangen, und mit der geduldigen Nachsicht einer jungen Mutter, die ihr Goldjunge planlos anlügt, beugte sie sich noch näher zu mir herüber:

"Lipotin weiß es. Ich weiß es: Sie sind der glückliche Besitzer dieser Lanze, die ich zu erwerben wünsche. Sie werden sie mir – verkaufen. Ich danke Ihnen herzlich."

"Es ist mir fürchterlich, Ihnen sagen zu müssen, gnädigste Fürstin, daß Lipotin sich irrt! Daß Lipotin sich täuscht! Daß Lipotin irgendwie, irgendwen zu verwechseln scheint, kurz – –"

Wippend erhob sich die Fürstin. Sie trat auf mich zu. Ihr Gang – – ja, ihr Gang! – Auf einmal fällt mir ihr Gang in die Erinnerung. – Ihr Gang war lautlos, wie auf Zehenspitzen wiegend, federnd, manchmal fast schleichend, unerhört anmutig schleichend – – wo bin ich nur mit meinen Gedanken? Unsinn! –

Die Fürstin erwiderte:

"Es ist möglich. Natürlich, Lipotin wird sich geirrt haben. Die Lanze kam nicht durch ihn in Ihren Besitz. Das ist doch einerlei, Sie haben aber versprochen, sie – mir – – zu schenken."

Ich fühlte, wie mir Verzweiflung in die Haare emporkroch. Ich nahm mich zusammen, mit jeder Fiber bestrebt, das schöne Weib nicht zu erzürnen, das da voll beseelter Erwartung, mit weit geöffneten, wunderbar goldschimmernden Augen vor mir stand und mich mit der Kraft nie gefühlter Bezauberung anlächelte; ich konnte nur mit Mühe an mich halten, daß ich nicht ihre Hände ergriff, um Küsse oder Tränen der Wut darauf regnen zu lassen, – der Wut darüber, daß ich ihr den Wunsch nicht erfüllen konnte. Ich reckte mich krampfhaft zu meiner ganzen Länge empor, schaute ihr mit gerader Offenheit ins Gesicht und gab meiner Stimme jeden nur möglichen Ausdruck betrübter Ehrlichkeit, als ich sagte:

"Zum letztenmal, Fürstin, wiederhole ich, daß ich nicht der Besitzer der von Ihnen gesuchten Lanze oder Lanzenspitze bin, daß ich es nicht sein kann, da ich in meinem ganzen Leben – zwar mancherlei Liebhabereien gehabt, auch dieser und jener Sammlerneigung gefrönt habe, niemals jedoch und nach keiner Richtung Sammler von Waffen oder Waffenteilen, überhaupt von Schmiedearbeiten irgendwelcher Art – – –" Erschrocken hielt ich inne und eine Glutflamme falscher Beschämung stieg mir wider Willen in die Stirn, denn –: da stand die herrliche Frau vor mir, anmutig lächelnd, nicht im mindesten erzürnt, und ihre rechte Hand glitt spielend, unaufhörlich, wie magnetische Striche dem schön geschmiedeten Silber erteilend, über das Tulakästchen Lipotins, das, da es doch Schmiedearbeit war, meine Beteuerungen auf die plumpste Weise Lügen strafte. – Wie sollte ich in der Eile Erklärungen finden? – Ich suchte nach Worten. Die Fürstin wehrte mit erhobener Hand ab:

"Ich glaube Ihnen von Herzen gern, mein Herr; bemühen Sie sich nicht. Ich wünsche auch durchaus nicht, in die Geheimnisse Ihrer Liebhabereien einzudringen. Sicherlich irrt Lipotin. Auch ich kann irren. Nur bitte ich Sie nochmals mit aller – Ergebenheit, – – mit aller – – Unbeholfenheit eines – vielleicht allzu – – törichten – Hoffens – um die Waffe, von der mir Lipotin – –"

Ich fiel vor ihr auf die Knie. Es mutet mich jetzt selber ein wenig theatralisch an; doch mir schien's im Augenblick so, als bliebe mir kein anderer stärkerer und zugleich zarterer Ausdruck meiner zornigen, ratlosen Ungeduld übrig. Ich sammelte meine Gedanken zu einer unendlich sieghaft überzeugenden Anrede, – öffnete den Mund und wollte beginnen: "Fürstin" – da glitt sie mit leisem, weichen – ja, ich muß schreiben: betörendem Lachen an mir vorbei der Tür zu, wandte sich dort nochmals und sagte:

"Mein Herr, ich sehe, wie Sie kämpfen. Glauben Sie mir, ich verstehe und empfinde wie Sie. Denken Sie nach! Finden Sie den mich beglückenden Entschluß! Ich komme ein andermal wieder. Sie werden dann meine Bitte erfüllen. Sie schenken mir dann die – Lanzenspitze."

Und damit war die Fürstin verschwunden.

Nun ist der Raum um mich her erfüllt von dem eigentümlichen feinen Duft ihrer Gegenwart. Ein mir unbekanntes Parfüm: süß, flüchtig, wie fremdartige Blüten und – dennoch: ein Hauch dazwischen, scharf, seltsam aufregend, irgendwie, ich kann mir nicht helfen, irgendwie – tierhaft. Unerhört aufregend – widersinnig – beglückend – beklemmend – Hoffnungen ins Unbestimmte hinaus vorbeiwirbelnd – Unbehagen und – Furcht, daß ich nur gestehe, im Tiefsten hinterlassend: dieser Besuch!

Ich fühle, daß ich heute nicht mehr imstande bin, weiterzuarbeiten. Ich will einmal zu Lipotin gehen in die Werrengasse.

Zweierlei muß ich noch kurz notieren, weil es mir soeben wieder einfällt: als die Fürstin Chotokalungin mein Zimmer betrat, lag die Tür im tiefen Schatten des dunkeln, halb vorgezogenen Abendvorhangs an meinem Fenster hinter dem Schreibtisch. Warum bilde ich mir jetzt ein, die Augen der eintretenden Fürstin hätten in dieser Dämmernis den Bruchteil einer Sekunde lang geflimmert wie Tieraugen in phosphoreszierendem Schein? Ich weiß doch ganz genau, daß es keineswegs der Fall gewesen ist! Und dann: das Kleid der Fürstin war aus schwarzer Seide, mit unterlegtem Silber, wie ich meinen möchte. Es rieselte beständig Bänder und Wellen von gedämpftem Metallschimmer durch das Gewebe. Denke ich jetzt daran, so schweift mein Blick unwillkürlich zu dem Tulakästchen vor mir. Silber in Schwarz tauschiert – ich glaube, so ähnlich muß das Kleid gewesen sein.

Es war schon spät am Abend, als ich das Haus verließ, um Lipotin in seinem Laden in der Werrengasse aufzusuchen. Ich machte einen vergeblichen Gang: Lipotins Geschäft war geschlossen. Auf den herabgelassenen Rolladen fand ich einen kleinen Zettel geklebt mit der Aufschrift "verreist".

Ich gab mich nicht zufrieden. Eine benachbarte Toreinfahrt gestattete das Betreten eines dunklen Innenhofes, von dem aus ein Blick in die hinter dem Laden gelegene Wohn- und Schlafkammer Lipotins möglich ist. Ich betrat den Hof, fand das trübe Fenster Lipotins verhangen, aber mehrfaches Klopfen daran hatte den Erfolg, daß eine benachbarte Tür sich öffnete und eine Frau nach meinen Wünschen fragte. Sie bestätigte mir sogleich die Abreise des Russen, die am Morgen schon erfolgt sei. Wann er zurückkomme, wisse sie nicht; er habe zu ihr flüchtig von einem Todesfall gesprochen, – irgendein halbverhungerter russischer Baron sei gestorben, dessen Angelegenheiten nunmehr Herr Lipotin zu ordnen habe. Ich glaubte, genug verstanden zu haben: Baron Stroganoff hatte seine letzte Zigarette und sich selbst zur Auflösung gebracht! – Irgendwelche Reisen waren in dieser traurigen Lage für Lipotin notwendig geworden. – – Ärgerlich! Ich fühlte erst jetzt, vor dem verschlossenen Kammerfenster die Stärke und Dringlichkeit meines Anliegens: nämlich mit dem alten Antiquar über die Fürstin sprechen zu können und mir von ihm Aufklärung und womöglich einen Rat wegen der vertrackten Lanzenspitze zu erbitten. Scheint es mir doch das wahrscheinlichste, daß mich Lipotin entweder mit einem andern Käufer dieser Kuriosität verwechselt hat, oder daß er gar selbst noch im Besitz eines solchen Dinges ist und es nur in seiner gewohnten Zerstreutheit an mich verkauft wähnt. – In beiden Fällen wäre es aber dann möglich, dieser Lanzenspitze vielleicht noch habhaft zu werden; und ich muß gestehen: ich ließe es mich auch eine unverhältnismäßige Summe kosten, wenn ich den Gegenstand finden und kaufen könnte, um ihn der Fürstin Chotokalungin zum Geschenk machen zu dürfen. – Ich wunderte mich, wie sehr meine Gedanken um das Erlebnis des heutigen Tages kreisen. Dabei fühle ich: irgend etwas geht mit mir vor, aber ich werde mir nicht so klar darüber, wie ich möchte. Warum will mich der Gedanke nicht verlassen, Lipotin sei gar nicht verreist, habe ruhig in seinem Laden gesessen und meine Frage nach der Lanzenspitze, – die ich doch nur innerlich stellte, als ich vor seinem Fenster stand –, entgegengenommen und etwas darauf erwidert, was ich inzwischen vollkommen vergessen habe. Oder ich bin am Ende gar drin in seinem Laden gewesen und habe ein langes und breites mit ihm gesprochen und weiß es nicht mehr? Wie ein Erlebnis kommt mir mit einemmal zu Sinn, daß ich vor – – vor – ja vor hundert Jahren hätte haben können, wenn ich damals schon auf der Welt gewesen wäre. – – –

Ich will noch bemerken, daß ich den Heimweg über den Alten Wall nahm, von wo aus man einen schönen Blick über die Felder und Hügel zum nahen Gebirge hinüber hat. Der Abend war sehr angenehm, und die Landschaft lag mondklar unter mir und weit hinaus. Es war so auffallend hell, daß ich unwillkürlich mit den Augen die Mondscheibe suchte, die irgendwo zwischen den mächtigen Kronen der Kastanienbäume sich versteckt halten mußte. Gleich darauf tauchte der fast noch volle Mond mit seltsam grünlichem Scheine und roter Aura zwischen einigen Stämmen über dem Wall hervor. Indessen ich noch mit Erstaunen sein dunstiges Licht betrachtete und sonderbare Vergleiche mit blutig tropfenden Wunden mich bedrängten – wobei mich wiederum das Gefühl beschlich: ist das alles Wirklichkeit oder nur eine uralte Erinnerung? –, sah ich die Mondsichel etwa mannshoch über den Wall emporsteigen. Und in diesem Augenblick glitt über die blitzende Scheibe die scharfe Silhouette einer dunkeln, schlanken Frauengestalt – einer Abendspaziergängerin offenbar, die in der Richtung auf mich zu den Wall überquerte. Nochmals näher heran glaubte ich die schreitende Gestalt zwischen den Kastanienbäumen hinfluten zu sehen – ja – hinfluten: das ist das richtige Wort – – da durchzuckte mich das Gefühl: als ob im silberschwarzen Kleide die Fürstin aus dem abnehmenden Monde hervor – auf mich zukäme ...

Dann waren mir Gestalt wie Besinnung mit einemmal hingeschwunden, und ich lief kreuz und quer über den Wall hin wie unsinnig, bis ich mich endlich besann, mir die Stirne schlug und mich einen angehenden Narren schalt.

Beunruhigt setzte ich m einen Heimweg fort. Im Schreiten summte ich vor mich hin, und es kamen mir Worte zu Sinn, die ich im Takt meiner Schritte in eine verworrene Melodie zu kleiden versuchte, ich weiß nicht, wie und warum –:

Aus dem abnehmenden Mond,
Aus der silbertauenden Nacht
Schau mich an,
Schau mich an,
Die Du immer mein gedacht,
Die Du immer dort gewohnt ...

Dieser nichtssagende Singsang hat mich nun bis hierher in meine Stube verfolgt. Mit Mühe habe ich die eintönige Litanei von mir abgeschüttelt. Aber jetzt kommt es mir ganz merkwürdig vor:

Aus dem abnehmenden Mond? ...

Diese Worte sind mir zugetragen, fühle ich, – sie schmiegen sich an mich wie – wie schwarze Katzen. –

Überhaupt, merkwürdig bedeutsam ist vieles, was mir jetzt begegnet. Oder kommt es mir nur so vor? Alles das hat, wie mir scheint, begonnen, seit ich mich mit meines Vetters, John Rogers Papieren befasse.

Was aber in aller Welt hat der abnehmende Mond – – wie Schrecken befällt es mich, und plötzlich weiß ich, warum sich mir diese zwei Worte auf die Zunge legen –: von fremder Hand geschrieben steht doch ein Hinweis darauf in John Dees Diarium! – – In dem grünen Saffianbändchen!

Und dennoch: ich wiederhole: was in aller Welt hat die geheimnisvolle Warnung eines Abergläubischen aus dem siebzehnten Jahrhundert vor schottischen Teufelsmysterien und vor den Schrecken ihrer Einweihung zu tun mit meinem Abendspaziergang und einem malerischen Mondaufgang auf dem Wall unserer guten alten Stadt? Was hat sie mit mir zu tun, was geht sie mich an, mich, der ich doch im zwanzigsten Jahrhundert lebe?

Der gestrige Abend liegt mir noch in den Gliedern. Ich habe schlecht geschlafen. Verworrene Träume haben mich gequält. Mein Lord-Großvater ließ mich hopphoppreiten auf seinen Knien und sagte mir dazu beständig ein Doppelwort ins Ohr, das ich vergessen habe, das aber irgend etwas mit "Reif" und "Lanze" zu tun hatte. Auch sah ich wieder das "andere Gesicht" hinter mir; es zeigte einen wachgespannten, fast möchte ich sagen: einen warnenden Ausdruck. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, wovor es mich gewarnt hätte. Auch die Fürstin trat aus dem Traumgesicht hervor – natürlich! –, ich weiß aber gleichfalls nicht mehr, in welchem Zusammenhang. Übrigens ein Unsinn, von Zusammenhängen in dergleichen Traumphantasien zu reden!

Jedenfalls, mein Kopf ist dumpf, und ich bin eigentlich froh, eine Beschäftigung vor mir zu haben, die mir ein allzu selbständiges Nachdenken für heute erläßt. In solcher Verfassung ist es angenehm, in alten Handschriften zu kramen. Um so angenehmer, als John Dees Diarium, soviel ich sehe, von dort ab, wo ich gestern stehengeblieben bin, bis zum Ende in leidlichem Zustand ist. Ich fahre also in Übersetzung und Abschrift fort:

Der silberne Schuh des Bartlett Green

"In unsern vom ersten Morgenschein schwach erhellten Kerker trat, ganz allein, ein schwarzer Mann, kaum von Mittelgröße und, trotz seiner Beleibtheit, von ungemein beweglichem Gang und Körper. Sofort fiel mir ein scharfer Geruch auf, der von dem rasch hin und her geworfenen, schwarzen Priesterrocke des Mannes ausging. Es roch in der tat nach Raubtier. Dieser Seelsorger mit rundem Gesicht und angenehm geröteten Wangen, – ein behagliches Weinfaß von einem Mönch, wie man hätte vermuten mögen, wäre nicht der eigentümlich starre, halb herrische, halb lauernde Blick seiner gelben Augen gewesen, – dieser Mann, ohne jede besondere Auszeichnung an seinem Gewand und ohne alle Begleitung – denn war sie vorhanden, so blieb sie jedenfalls unsichtbar – war, das wußte ich sofort, Seine Lordschaft, Sir Bonner, der Blutige Bischof von London, in Person. Bartlett Green hockte lautlos mir gegenüber. Seine langsam und ruhig rollenden Augäpfel verfolgten jede Bewegung des Besuchers mit Aufmerksamkeit. Indem ich darauf achtete, schwand seltsamerweise jede Furcht von mir und auch ich verharrte, dem Beispiel des gemarterten Rabenhäuptlings folgend, still auf meinem Sitz, als achtete ich nicht im geringsten auf unsern sachte auf und ab schreitenden Gast.

Dieser trat plötzlich mit scharfer Wendung auf Bartlett zu, stieß ihn leicht mit dem Fuß an und brüllte unvermittelt mit harter Kommandostimme:

"Aufstehen!"

Bartlett hob kaum die Augenbrauen. Sein schiefer Blick lachte zu dem Peiniger seines Leibes empor, wobei seine Stimme, aus breitem Brustkasten tief hervorgeholt, mit spöttisch nachahmendem Grollen erwiderte:

"Zu früh, Posaunenengel des Gerichts! Es ist noch nicht die Stunde der Auferstehung der Toten. Denn siehe, wir leben noch!"

"Das sehe ich mit Ekel, Scheusal der Hölle!" gab der Bischof mit merkwürdig sanfter, priesterlich wohlmeinender Stimme zur Antwort, was ebenso wunderlich gegen den Sinn seiner Worte, wie gegen den vorigen pantherhaft brüllenden Ansprung abstach.

Und in gleichem mildem Tone fuhr seine Lordschaft fort:

"Höre, Bartlett, die unerforschliche Barmherzigkeit hat unter ihren Ratschlüssen auch den Fall deiner Besinnung und – Beichte vorgesehen. Leg ein umfassendes Geständnis ab: und der Antritt deiner Höllenfahrt ins brennende Pech ist aufgeschoben, vielleicht – vermeidbar. Dir soll die Zeit der irdischen Reue mit nichten verkürzt sein."

Ein halbunterdrücktes, eigentümlich kollerndes Gelächter Bartlett Greens war die einzige Antwort. Ich sah, wie es dem Bischof durchbebte von zurückgehaltenem Grimm, aber er hatte sich wunderbar in der Gewalt. Er trat einen Schritt näher auf den jämmerlichen Klumpen Menschenfleisch zu, der da auf der faulen Schütte vor stillem Lachen zuckte, und fuhr fort:

"Auch sehe ich, Bartlett, daß ihr von guter Konstitution seid. Die Wahrheitserforschung durch die Folter hat Euch nur um ein weniges zu krümmen vermocht, wo Andere mit ihrer stinkenden Seele schon längst aus der Haut gefahren wären. Ist somit zu Gott zu hoffen, daß tüchtige Barbiere, ja selbst Ärzte, wo es not tut, Euch wieder zusammenzuflicken vermögen werden. – Trauet also meiner Gnade, wie meiner Strenge. Ihr seid noch zur Stunde aus diesem Loch, samt –" des Bischofs Stimme ging völlig in das vertrauliche, liebenswürdige Schnurren über – "samt Eurem Leidens- und Schicksalsgefährten hier, dem Junker Dee, Eurem trauten Freunde."

Es war hier das erstemal, daß der Bischof meiner achtete. Nun er mich so plötzlich beim Namen nannte, gab es mir einen Stich, gleich einem, der aus gleichgiltigem Traum in die Wirklichkeit aufschreckt. Denn es war mir eine Zeit her schier so gewesen, als schaute ich aus weiter Ferne einem Traumspiel oder possierlicher Komödie zu, so mich bei Leib und Leben das allergeringste nichts anginge. Nun aber war es aus damit und ich war so sanft wie grausam durch des Bischofs Anrede in die Zahl der Aktores in diesem peinlichen Schauspiel mit einbezogen. Wenn jetzt der Bartlett eingestand, daß er mich kannte, dann war ich verloren!

Kaum aber fand das jähe Entsetzen, das mich zur Besinnung meiner Lage brachte, die Zeit, mir das Blut vom Herzen in die stechenden Adern zu jagen, als der Bartlett mit unbeschreiblicher Fassung und Unerschütterlichkeit den Kopf gegen mich wandte und gröhlte:

"Ein Junker, hier bei mir auf der Streu?! – Dank für die Ehre, Bruder Bischof. – Dachte schon, einen Schneider habt Ihr mir zur Gesellschaft geben wollen, Einen, der in Eurer guten Schule lernen soll, wie ihm vor Angst die Seele zur Hosen hinausfährt?"

Diese beleidigende Rede Bartletts, da sie so unerwartet kam, traf mich jählings in meinem vormaligen Stolz, so daß mein Aufspringen, Abstandnehmen und Zorn recht natürlich und ächt zum Ausdruck kam, was dem starr beobachtenden Auge Bischof Bonners keineswegs entging. Gleich darauf erfaßte ich mit meinen geschärften Sinnen die Absicht des wackeren Bartlett und eine große und sichere Ruhe kam davon in mein Gemüt, also, daß ich hinfort trefflich in die Komödie einstimmte und dem Bartlett, wie dem Bischof, jedem auf die ihm zukommende Weise, in allerwege die Stange hielt.

Inzwischen verbarg Sir Bonner seine Enttäuschung über den schon zum andernmal fehlgeschlagenen Panthersprung auf seine beiden Opfer hinter einem gähnenden Geknurre, das in der Tat nicht übel an den greulichen Unmutslaut einer großen Katze gemahnte.

"Du willst also diesen da nicht kennen, nicht von Person und von Namen, mein guter Meister Bartlett?" – schmeichelte der Bischof nach seiner Art aufs neue. Aber Bartlett Green brummte nur unwirsch dagegen:

"Wollte, ich kennete den Hasenfuß, den Ihr mir da, naß aus den Windeln, ins Nest gelegt habt, Meister Kuckuck! Wär mir ums Leben recht, einen solchen greinenden jungen Hund vor meinen Augen durch Eure pechschwarze Himmelstür vorauszuspazieren zu sehen; bin aber darum nicht jeder Dreckseele von Junker Freund und Milchbruder, wie Euch, Gevatter Bonner!"

"Tu dein Lästermaul zu, verworfener Galgenvogel!" – schrie der Bischof mit einemmal los, denn mit seiner Fassung wars zu Ende. Auch klirrte es nun vor dem Eingang zum Kerkerloch bedenklich von Waffen. – "Holz und Pech ist zuwenig für dich, du Erstgeborener Beelzebubs! Dir soll ein Scheiterhaufen aus Schwefelbrot errichtet sein, daß dir ein Vorgeschmack werde auf die Freuden, die deiner in deines Vaters Hause harren!" – schrie der Bischof, dunkelrot im Gesicht vor knirschender Wut und fletschte, da ihm die Worte fast erstickten, die Zähne. Aber Bartlett Green lachte gellend und schwang sich auf seinen haltlosen Gliedmaßen immer heftiger hin und her, daß mich bei dem Anblick das Grausen schüttelte. "Bruder Bonner, du irrst!" blökte er von unten herauf. "Mit Schwefel ist da nichts getan, wie du hoffest, mein Liebling. Schwefelbäder sind für die Franzosen gut. Will darum nicht sagen, daß du eines solchen Gesundbrunnen unbedürftig seist, ho ho, – aber höre, mein Bürschchen, wo du wirst hocken, wenn deine Zeit erfüllt ist, da gilt Schwefelgeruch für Moschus und persinischen Balsam!"

"Gestehe, schweinsköpfiger Dämon", brüllte Bischof Bonner mit Löwenstimme dagegen, "daß dieser Junker John Dee hier dein Räuber- und Mordbruder ist, oder – – –"

"– oder?" echote der Bartlett Green höhnisch dawider.

"Die Daumenschrauben her!" – keuchte der Bischof, und Knechte, mit Gewappneten zusammen, drangen herein. Da hob der verstümmelte Bartlett seine rechte Hand mit heulendem Gelächter gegen den Bischof auf, streckte den ausgespreizten Daumen tief zwischen seine gewaltigen Kiefer, bis sich mit einem einzigen malmenden Kinnladenschnapp das Daumenglied an der Wurzel ab und spie es mit erneutem Hohngelächter dem Bischof ins Gesicht, daß Blut und Geifer über des entsetzten Priesters Wange und Soutane spritzte. "Da!" – brüllte ein fürchterliches Gelächter hinterdrein, "da, schraub dir meinen Daumen in – – –" und jetzt sprudelte Bartlett mit so rascher Zunge eine solche Menge von unaussprechlichen Beschimpfungen und Verhöhnungen gegen den Bischof hervor, daß es unmöglich schiene, sie wiederzugeben, auch wenn davon meine Erinnerung nur einen kleinen Teil aufzubewahren imstande gewesen wäre. In der Hauptsache lief es aber darauf hinaus, daß Bartlett dem Bischof die greulichsten Versprechungen und Zusicherungen tat, wie er sich seiner von "drüben" her brüderlich annehmen wolle, wenn er, Bartlett, nur erst das jenseitige Land, das "Grüne" nannte er's, aus den Flammen des Scheiterhaufens hervor erflogen haben werde. Weder mit Pech noch mit Schwefel wolle er ihn dann zwacken und heimsuchen, o nein, mit Gutem wolle er Böses vergelten und ihm – seinem lieben Kinde – Teufelinnen senden von der wohlriechendsten und unwiderstehlichsten Art, daran ein Kaiser gern zum Franzosen werden möchte. Und höllensüß und höllenbitter sollte ihm so schon hienieden jede Stunde gewürzt sein, denn drüben –"

"– drüben, mein Büble," so etwa schloß der Bartlett seine ungeheuerliche Predigt, – "drüben, da wird du in deiner Hölle heulen und wehklagen und aus deinem Pfuhl emporstinken zu uns, den Fürsten vom schwarzen Stein, zu uns Gekrönten von der vollkommenen Schmerzlosigkeit!"

Unmöglich wärs, das Spiel des furchtbaren Gedanken, die Jagd der tobenden Leidenschaften, oder auch nur die Schatten des furchtbaren Grauens zu schildern, die während dieser Springflut von Schmähungen über Bischof Bonners breites Gesicht liefen. Der starke Mann stand wie angewurzelt; hinter ihm verkroch sich der Troß der Henkersknechte und Söldner in die dunkelsten Ecken, denn ein jeder von ihnen fürchtete in abergläubischer Angst den bösen Blick des weißen Birkenauges, daß ihnen davon ein Schaden zustieße, deswegen sie elend werden möchten auf Lebenszeit.

Endlich erraffte sich Sir Bonner und wischte sich langsam mit seinem seidenen Ärmel den Schweiß. Dann sagte er ganz ruhig, fast leise, aber mit heißer, belegter Stimme:

"Du lehrst mich keine neue Tonart des Bösen Feindes und Erzlügners, du Hexenbalg. Aber du mahnest mich, zu eilen, daß solch ein schierer Teufel von der Himmelssonne nicht länger beschienen werde."

"Geh eilends", entgegnete der Bartlett kurz und unwirsch: "geh mir von der Nase, Aasfresser, man muß die Luft räuchern, in der du geatmet hast!"

Der Bischof winkte mit herrischer Hand und die Knechte drangen herzu, den Bartlett zu greifen. Der aber kugelte sich bei ihrem Ansturm zusammen, wälzte sich hintüber auf seinen breiten Rücken und streckte ihnen zugleich mit seiner Kehrseite seinen entblößten Fuß entgegen, daß sie allesamt jäh zurückprallten. "Schaut her!" rief er, "da seht ihr den Silbernen Schuh, den mir die große Mutter Isaïs geschenkt hat. Solang ich ihn trage, was können mir Furcht oder Schmerz anhaben?! Ich bin entworden solchem Zwergengebreste!" – – – Mit Grauen sah ich, daß seinem Fuß die Zehen fehlten; der nackte Stummel sah aus wie ein plumper metallener Schuh: die silberne Lepra, der glitzernde Aussatz hatte ihn zerfressen. Bartlett war wie der Aussätzige in der Bibel, von dem geschrieben steht: weiß war er wie schimmernder Schnee. – – –

"Pest und Aussatz!" kreischten die Knechte, warfen Spieße und Handschellen von sich und entrannen in kopfloser Flucht durch das Türloch des Kerkers. Auch Sir Bonner stand, graugelb im Gesicht vor Entsetzen und Abscheu schwankend zwischen Stolz und Furcht, denn die silbergraue Lepra gilt selbst bei Kundigen und Gelehrten für ein greulich ansteckendes Unheil. Langsam wich der Bischof, der gekommen war, seine Gewalt und Wollust an uns elenden Gefangenen zu büßen, Schritt um Schritt vor dem vorwärts rutschenden Bartlett zurück, der immer, mit dem aussätzigen Fuß vorwärtsstoßend, unausdrückbare Hohnreden und Lästerungen gegen den Kirchenfürsten spie. Dem machte Sir Bonner mit nur geringer Tapferkeit ein Ende, indem er eilends zur Tür gewandt, hervorkeuchte:

"Noch heute soll diese Pest ausgebrannt sein, in siebenfachem Feuer. Du aber, Spießgeselle der untersten Hölle" – und diese Anrede galt mir – "sollst die Flammen schmecken, die uns von jenem Scheusal befreien, daß du dich fleißig prüfen mögest, ob sie deine verworfene Seele noch zu läutern imstande sind. Eine Gnade ist's dann, wenn wir dich dem Scheiterhaufen der Ketzer überantworten!"

Dies waren die letzten Segenswünsche für mich, die ich aus dem Munde des Blutigen Bischofs vernahm. Ich gestehe, daß sie mich in wenigen Augenblicken durch alle Abgründe und Folterhöllen der Angst und der entsetzensvollsten Vorstellungen jagten; denn, wenn man Sir Bonner nachsagt, daß er die Kunst verstehe, seine Opfer dreimal zu töten: das erstemal durch sein Lächeln, das anderemal durch seine Worte und das drittemal durch seine Henker, so muß wahr sein, daß er an mir die qualvollste Hinrichtung vollzogen hat, bevor das unbegreifliche Wunder meiner Rettung mir den dritten Tod von der Hand dieses Mannes ersparte. – – –

Kaum war ich mit Bartlett Green wieder allein, als dieser die eingetretene Stille mit seinem kollernden Gelächter unterbrach und fast gutmütig sich also zu mir wandte:

"Bruder Dee, laß dich laufen. Die Angst kribbelt dir wie tausend Flöhe und Zecken unter den Haaren, das sehe ich dir an. Aber, so wahr ich das Meine getan habe, dich herauszuhauen aus der Gemeinschaft mit mir – gut, ich sehe, daß du es anerkennst – nun; ebenso wahr ist, daß du aus dieser Falle noch einmal wirst heil hervorgehen, höchstens, daß dir meine Himmelfahrt ein wenig wird den Bart absengen. Das mußt du leiden wie ein Mann."

Ungläubig hob ich den müden Kopf, darinnen mirs allmählich schmerzhaft klopfte von aller der ausgestandenen Mühsal und Schreckung. Auch war mir mit einemmal wieder – wie es zu gehen pflegt, wenn ein Übermaß von Aufregungen und Widerwärtigkeiten die Seele erschöpft hat – schier gleichgültigen Sinnes und gleichsam aller Sorgen ledig zumute; dachte darum gar mit wohlgefälligem Lachen der feigen Angst des Bischofs und seiner Gesellen, da sie den "Silbernen Schuh" des Aussatzes an meinem Kerkergenossen wahrgenommen, und rückte nur desto trotziger im Geist recht dicht an den Gezeichneten heran.

Der Bartlett merkte das gar wohl und er grunzte auf eine recht sonderbare Art, wobei ich aus dem Ton doch, – mit der guten Witterung Eines, der gemeinsame Leiden gekostet hat, – entnahm, daß den wilden Burschen etwas überkam, das bei einem Menschen von himmelanderer Beschaffenheit vielleicht gar hätte als ein Tönlein menschlichen Rührens könnte gedeutet werden.

Langsam nestelte er am Lederwams, darinnen hemdlos seine haarige Brust stak, indessen er kurzerdings sagte:

"Rück auch guten Muts heran, Bruder Dee; die Gabe meiner freundlichen Herrin ist von der Art, daß sie sich ein jeder selbst verdienen muß. Ich kann sie dir nicht vererben, ob ich auch möchte."

Wieder kollerte sein halbverschlucktes Gelächter hervor, daß es mich kalt überlief. Alsbald aber fuhr er fort:

"Und so auch tat ich wohl das Meine, um dem Pfaffen die Lust an der Aufdeckung unserer Gemeinschaft zu versalzen; aber ich tats nicht aus Liebe zu dir, mein guter Geselle, sondern, weil ich mußte, aus dem, was ich weiß und nicht ändern kann. – Denn du, Junker Dee, bis der königliche Jüngling dieser Zeit und verheißen ist dir die Kröne im Grünen Land und die Herrin der Drei Reiche harrt deiner."

Es durchschlug mich mit Blitzesgewalt, als ich diese Worte aus dem Munde des Straßenräubers vernahm, und nur mit Mühe bewahrte ich die Fassung. Rasch aber füge ich in Gedanken Mögliches zu Wahrscheinlichem und glaubte, mit einem Schlag die Verbindung des Bartlett, als eines geborenen Landstreichers und Schwarzkünstlers, mit der Hexe aus dem Moorwald von Uxbridge, oder auch mit dem Mascee, zu durchschauen.

Als habe der Bartlett meine Gedanken erraten, fuhr er fort:

"Die Schwester Zeire von Uxbridge kenne ich wohl und auch den Magister des Moskowitischen Zaren. Hüt dich! Er ist ein Gelegenheitsmacher; du aber, Bruder, sollst mit deinem wissenden Willen herrschen! Die rote und die weiße Kugel, die du in deinem Haus aus dem Fenster geschmissen – – –"

Ich lachte trotzig:

"Hast gute Kundschaft, Bartlett, so ist also der Mascee auch vom Fähnlein der Rabenhäupter?"

"Ob ich sage: 'du irrst', oder ob ich sage: 'kann sein', das macht dich nicht klüger. Ich sage dir aber – –- –" und nun nannte mir der Straßenräuber bei der Stunde und Minute all mein Tun in der Nacht, da mich des Bischofs Häscher fanden und griffen, und nannte mir Ort und Art des Verstecks, darin ich allerlei geheimes Geschreibsel, Stück um Stück bei allergrößter Vorsicht und Heimlichkeit getan hatte, also, daß ich es selbst hier dem Tagebuch nicht mag anvertrauen. Und wies mir das alles mit Lachen so genau, als sei er ich selbsten oder als Geist bei allem mit dabei gewesen, was ich getan, so ein Mensch auf Erden gar keine andere Weise wissen noch auskundschaften mag.

War also meines Erstaunens und auch meines heimlichen Grauens vor dem verstümmelten Rabenhäuptling und armen Sünder, so doch über die seltsamsten Gaben, Künste und Kräfte mit Lachen gebot, nicht länger mehr Herr, sondern starrte ihm nur wortlos ins Gesicht und stammelte: "Der du den Schmerz nicht kennst und den äußersten Qualen des Leibes obsiegst, – der du, nach deinen Worten, die mächtige Hilfe deiner Herrin und Abgöttin, der schwarzen Isaïs, zur Seite hast und alles, auch das Verborgenste zu schauen vermagst –: was liegst du da dann hier, elend in Banden und mit zerrissenen Gliedmaßen, gar bald ein Fraß der Flammen, – und gehest nicht heil hinaus aus diesen Mauern durch Wunderkraft?!"

Inmittels hatte der Bartlett von seiner Brust einen kleinen ledernen Beutel abgenestelt, den er nun in loser Hand hielt und wie ein Pendel vor meinem Gesicht hin und her schwingen ließ. Dazu sprach er mit Lachen:

"Sagt ich dir nicht, Bruder Dee, daß meine Zeit um ist nach unserm Gesetz? Ich habe die Katzen ins Feuer geweiht, so muß ich mich selbst nicht anders dem Feuer weihen, weil heute der dreiundreißigste Jahrestag meines Lebens anhebt. Heute bin ich noch der Bartlett Green, den sie auf dieser erbärmlichen Streu zwacken, reißen und brennen mögen, und spreche als einer Hure und eines Pfaffen Sohn zu dir; aber morgen ist das abgetan und des Menschen Sohn ist Bräutigam im Hause der großen Mutter. Dann ist die Zeit meiner Herrschaft gekommen – und ihr alle zusammen, Bruder Dee, werdet schon zu spüren bekommen, wie ich regiere im Ewigen Leben! – – – Damit du aber gedenkest dieser Worte von mir allezeit und meine Straße findest, nimm hier meinen irdischen Reichtum zum Erbe und – – –"

Absichtliche Zerstörungen des Textes im Tagebuch unterbrechen wieder den Zusammenhang. Es sieht so aus, als stamme diese Textvernichtung von John Dees eigener Hand. Welcher Art aber das Geschenk des Bartlett Green an Junker Dee war, das geht deutlich aus den ersten Sätzen des wieder wohlerhaltenen Tagebuchs hervor.

(Brandfleck) – – – daß also gegen die vierte Stunde des Nachmittags alle Vorbereitungen, so sich des Blutigen Bischofs Rachephantasie nur ausdenken mochte, getroffen waren.

Da sie nun den Bartlett Green abgeholt hatten und ich, John Dee, schon über eine halbe Stunde allein im Kerker saß, nahm ich zu wiederholten Malen die unscheinbare Gabe hervor und betrachtete das faustgroße, nach der Form eines Oktaëders ziemlich gut und regelmäßig geglättete Stücklein schwarzer Steinkohle genau, ob nicht nach Weisung und Zusage des schwarzkünstlerischen Vorbesitzers, des Bartlett, auf den glänzenden Flächen etwa ein Bild gegenwärtiger Geschehnisse an entfernten Orten, oder gar die Darstellung künftiger Begebenheiten meines Schicksals möchte sichtbar, als wie in einem Spiegel, hervortreten. Geschah aber nichts dergleichen, – wie zu vermuten, wegen der unruhigen Trübung meines Gemüts, wie solche der Bartlett selbst als diesem Fürnehmen durchaus zuwider und verwerflich genannt hatte.

Endlich ließ mich ein Geräusch an den Riegeln meines Kerkers aufhorchen und rasch barg ich die geheimnisvolle Kohle in des Bartletts altem Lederbeutel und diesen im innersten Futter meines Wamses.

Alsbald trat eine Eskorte schwerbewaffneter Knechte des Bischofs herein und ich dachte im ersten Schrecken nicht anders, als daß sie mich holen wollten zum Tode, kurzerhand und ohne Gericht. Es war aber anders beschlossen und ich sollte nur, zur bessern Vorbereitung und Lockerung meiner verstockten Seele, vor den Scheiterhaufen geführt werden so nahe, daß es mir die Haare dürfe sengen und ich den Bartlett Green brennen sehen. Wohl möglich, daß der Satan dem Bischof eingab, solches sei ein Mittel, um bei Sterbenot des Bartlett und zu schauender Angstverwirrung meiner selbst, selbigem oder mir noch ein Eingeständnis unserer Kumpanschaft abzupressen oder sonst einen Verrat zu erzielen. War aber auf falsche Rechnung gewettet. Ich mag nicht mit vielen Worten niederschreiben, was mir ohnedem für alle Zeit meines Lebens unauslöschbar als ein Brandmal in die Erinnerung meiner Seele eingegraben ist. Will mich darum kurz fassen und nur vermerken, daß Bischof Bonner ganz anders von Bartlett Greens Verbrennung auszukosten bekam, als er sich zuvor wohl in der Lüsternheit seiner grausamen Neugier ausgedacht hatte.

Es betrat nämlich zur fünften Stunde der Bartlett den Scheiterhaufen so behende, als stiege er in das tatsächliche Brautbett, und es kommen mir mit solcher Wendung meiner Feder des Bartletts eigene Worte wieder zu Sinn, da er zu mir sagte, er hoffe noch heute der Bräutigam seiner großen Mutter zu sein, mit welcher lästerlichen Rede er ohne allen Zweifel die Heimkehr zu seiner schwarzen Mutter Isaïs vermeinte.

Und nachdem er das Gerüst erklommen, rief er laut lachend dem Bischof zu: "Habet wohl acht, Herr Pfaff, wenn ich nun anstimme das Lied der Heimfahrt, daß Ihr Eure Glatze wahret, ansonsten ich Euch mit einem Tropfen Pech und feurigem Schwefel zu beträufeln willens bin, davon Euch das Hirn brenne bis zu Eurer eigenen Höllenreise!"

Es war aber in der Tat der Scheiterhaufen mit Tücke und ausgeklügelter Grausamkeit aufgerichtet so unerhört als nie zuvor, und, wolle Gott, nie wieder ein solcher war noch sein wird in dieser jammervollen Welt. Nämlich es war auf dem Stoß von feuchtem, schlechtbrennenden Kiefernholz eine Stange errichtet, daran sie den Bartlett festbanden mit eisernen Klammern. Dieser Marterbaum aber war umwunden mit Schwefelfaden bis oben und hing ob dem Haupte des armen Sünders ein Pech- und Schwefelkranz von sehr ansehnlicher Dicke.

Als nun der Henker die Fackel allerorten in das Holz stieß, brannte zuerst lichterloh, gleich einer Lunte, der Schwefelfaden und leitete die öligen Flammen zuerst hinauf in die Kränze zu den Häuptern des Delinquenten, so daß ein langsamer Regen von brennendem Schwefel und Pech auf diesen hernieder zu träufeln begann.

Aber es war alles trotz des grauenerregenden Anblicks, als sei es nur ein erquickender Frühlingsregen und Manna für den wunderbaren Mann an dem Pfahl. Viele schändende und ätzende Scherzreden führte er unterweilen gegen den Bischof, so daß dieser auf seinem Sammetstuhl bald viel eher wie am Pranger saß, als sein Opfer auf dem Scheiterhaufen. Und hätte Sir Bonner mit guter Art von dem Orte seiner öffentlichen Sündenansage, die sein Geheimstes wußte und nicht schonte, weichen können, er hätte es mit tausend Freuden getan und gerne auf die Wollust an dieser Hinrichtung verzichtet! So aber schien er unter einem unbegreiflichen Bann zu stehen und es blieb ihm nichts anderes übrig, als schweigend in die Qualen der Wut und der Scham zu beten und schäumenden Mundes Befehl über Befehl an seine Knechte zu geben, daß sie nun mit allen Mitteln das Werk beschleunigten, so er zuvor auf das Schrecklichste hinauszuzögern gedacht hatte. Es war jedoch wunderbar zu sehen, wie keines von den Geschossen, die zuletzt hageldicht auf den Bartlett gesandt wurden, ihn zum Verstummen brachten, als sei er fest und gefeit an seinem ganzen Leibe. Endlich brachte trocken aufgeschüttetes Holz und Reisigwerk, mit viel Werg untermischt, den Holzstoß zum Auflodern und der Bartlett verschwand in Flammen und Rauch. Da aber begann er zu singen, dröhnend und jubelnd, wie kaum im Kerker zuvor, als er sich an der Mauer gewiegt hatte, und ins Geprassel des Holzes klang schauerlich und fröhlich zugleich sein wildes Lied:

"Hoë ho! Der Starmatz vom Ast
Nach der Mauser im Mai.
Hoë ho!
Wir singen und schwingen vom obersten Mast: Hij, Mutter Isaï!
Hoë ho!"

Es war totenstill auf dem Richtplatz ringsum und die Angst und das Entsetzen kroch den Henkern und Knechten und Richtern, Pfaffen und Herren, über alle Glieder und zum Halse heraus, daß es schier lächerlich anzuschauen war. Vor allen Andern aber saß Seine Lordschaft, der Bischof Bonner, als wie ein graues Gespenst in seinem Stuhl, dessen Lehnen seine Hände wie erstarrt umkrampft hielten. Stieren Auges sah er in die Flammen. Als dann der letzte Ton des Liedes verklungen war im Munde des brennenden Bartlett Green, da sah ich den Bischof mit einem Schrei auftaumeln wie einen Gerichteten. Mochte nun ein Windstoß in den Scheiterhaufen gefahren sein, oder waren dämonische Mächte in Wahrheit gegenwärtig und am Werk: es hob sich mit einemmal vom obersten Scheiterhaufen ein Geflock von Flammen, gleich rotgelben Zungen, und flatterte, stob und wirbelte schräg aufwärts in den Abendhimmel just in die Richtung des bischöflichen Thronsitzes und über das Haupt Sir Bonners hinweg. Ob dieses Haupt dabei von einem der höllischen Schwefeltropfen berührt und versengt wurde, wie der Bartlett noch kurz vorher prophezeit hatte, kann ich nicht sagen. Es wäre aber aus dem angstverzerrten Gesicht des Blutigen Bischofs fast zu schließen gewesen, und ob er nicht laut aufgeschrien hat, war nur nicht in dem Getümmel der Menschen und Waffen zu hören, das den stinkenden Hof erfüllte.

Zum letzten sei auch noch dies um der Treue willen meiner Nachschrift gesagt, daß mir, als ich wieder zur Besinnung meiner selber kam, eine Schläfenlocke, abgesengt von meinem eigenen Haupte, zu Füßen fiel, als ich mir die Verwirrung jener Stunde mit der Hand gleichsam von der Stirn streifen wollte. Die auf die schrecklichen Erlebnisse dieses Tages folgende Nacht verbrachte ich in meinem einsamen Kerker unter den merkwürdigsten Umständen, davon ich nur einiges meinem Buche anvertrauen kann; was aber umsoweniger besagen will, als mir jene Nacht gewiß ebenso unvergeßlich bleiben wird, als wie alles, was mir in des Blutigen Bischofs Gefängnis zu London zustieß.

Den Abend und den ersten Teil der Nacht verbrachte ich in fortwährender Erwartung neuer Untersuchung, wenn nicht gar der Folter durch das Gericht Bischof Bonners. Ich gestehe, daß meine Zuversicht wegen der prophetischen Worte des Bartlett nur gering war, trotzdem ich immer wieder nach seiner schwarzen Kohle griff, um zu versuchen, auf den polierten Flächen des unscheinbaren Minerals ein Bild meiner Zukunft zu erspähen. Es war aber dazu sehr bald zu dunkel in dem Kerkerloch geworden; und wie in der vorigen Nacht, so hielten es auch in dieser die Gefängnisknechte nicht für nötig – oder folgten gar ausdrücklichem Verbot – mir ein Licht in die Zelle zu geben.

Nachdem ich so, ich weiß nicht, wie lange in die Nacht hinein, gesessen, mein und des Bartletts Schicksal überdacht und dabei mehrmals seufzend den Straßenräuber beneidet hatte, der nun jedenfalls aller weitern Not und Bande entrückt schien, verfiel ich wohl gegen Mitternacht in den bleiernen Halbschlaf der Erschöpfung.

Da schien es mir, als öffnete sich auf eine ganz unerklärliche Weise die schwere Eisentür zu meinem Kerkerloch und der Bartlett Green träte herein ohne alle Umstände und besondere Vorkehrung, und zwar gesund, aufrecht und schier gewaltig anzuschauen von Körperbau, recht fröhlich und strotzend an allen seinen Sinnen, darob mich höchstes Staunen befiel, zumal ich freilich, als ob ich zugleich wach wäre, nicht einen Augenblick außer acht hatte, daß er vor einigen Stunden war gerichtet und verbrannt worden. Sagte ihm solches auch alsbald in ruhigem Tone und frug ihn im Namen der Dreifaltigkeit, ob er sich als ein Gespenst bekenne, oder als Bartlett Green in eigener Person, wenn auch auf nicht auszudrückende Weise hereinversetzt aus einer andern Welt.

Wozu der Bartlett in seiner gewohnten Weise aus tiefster Brust hervor lachte und erwiderte: daß er allerdings kein Gespenst, sondern der gesunde und vollkommene Bartlett Green sei und auch aus keiner andern Welt komme, sondern aus dieser gegenwärtigen, die er nunmehr von ihrer Kehrseite her bewohne, da ja kein "Jenseits" sei, sondern überall im Leben nur diese einige Welt, obschon sie mehrere, ja unzählige Ansichten oder Durchdringungen habe, davon die Seine nun freilich um ein Weniges verschieden sei von der Meinigen.

Sind dies aber nur gestammelte Hinterdreinreden, mit denen ich auf keine Weise die große Klarheit, Einfachheit, ja Selbstverständlichkeit zu beschreiben vermag, die ich in jenen Augenblicken einer halbschlafenden Geistesgewandtheit zu besitzen vermeinte, denn die Einsicht in die Wahrheit von dem, was der Bartlett da zu mir sprach, war wie in eine sonnenhafte Helle getaucht, so daß die Geheimnisse des Raums, der Zeit und des Seins aller Dinge ganz durchsichtig und offen vor meinem Geiste lagen. Der Bartlett tat mir in dieser Stunde sehr großes Wissen meiner Selbst und meiner Zukunft kund, daß alles bei mir wohlverwahrt und bis ins Kleinste unvergessen ist.

Und mochte ich in jener Nacht auch noch zweifeln und wähnen, es möchte mich ein Irrtraum necken, so bin ich schon in so vielem, durch das wunderbarste und gleichsam verstandeswidrigste Eintreffen seiner Prophezeiungen, belehrt, daß es umgekehrt bald nur töricht von mir wäre, dem heute noch Künftigen minder zu vertrauen. Ist mir dabei nur Eines wunderlich: was der Bartlett wohl Grund gehabt haben möchte, so treulich meiner zu gedenken und mich gleichsam unter seine wohltätige Führung zu nehmen, sintemalen er mir bis dato in nichts und auf keinerlei Weise Unrechtes zugemutet oder den höllischen Verführer hervorgekehrt hat, denn da wäre ich Manns genug, ihm allestund ein kräftiges und wirksames " apage Satanas" zuzurufen, daß ihn die Hölle verschlucken müßte unverweilt, in die mich zu ziehen er sich vermessen möchte.

Sein Weg ist in alle Ewigkeit nicht mein Weg; und so ich je merke, daß er es nicht im Guten mit mir vorhat, ist ihm allezeit der Daumen gewiesen! –

Auf dringliches Befragen eröffnete mir damals in der Nacht der Bartlett, daß ich noch am Morgen des folgenden Tages frei sein werde. Und als ich ihn, völlig ungläubig um dieser nach allen Umständen zu urteilen, unmöglichen Behauptung willen, dringender befrug und ihm gleichzeitig beweisen wollte, daß er das Widersinnigste und Allerunwahrscheinlichste verspreche, kollerte sein Lachen so unheimlich, als nur je in seinem Leben aus ihm hervor und er sagte:

"Bruder Dee, du bist ein Narr. Siehest in die Sonne und leugnest das Auge! – Da du aber ein Anfänger in der Kunst bist, so gilt dir vielleicht ein Stück Erde mehr, als ein lebendiges Wort. Nimm darum, wenn du erwacht bist, mein Geschenk und schaue, was dein Gewissen nicht erfliegt."

Unsäglich wichtige Weisungen wegen der Eroberung Grönlands und wegen der Dringlichkeit und kaum abzusehenden Bedeutung dieses Unternehmens für mein ganzes künftiges Schicksal machten den Hauptteil seiner obigen Belehrungen aus. Es sei denn auch nicht verschwiegen, daß Bartlett Green bei seinen späteren Besuchen – und er besucht mich nun öfters – immer wieder mit großer Treue und Festigkeit mir diesen Weg, mein höchstes und heißerstrebtes Ziel zu erlangen, gewiesen hat, denn es sei mir die Krone gewiß über Grönland zuvörderst; und ich fange an, den Wink zu verstehen! – – Danach erwachte ich und der abnehmende Mond stand hoch und hell am Himmel, so daß ein weißblaues Lichtquadrat von dem schmalen Fenster herab mir zu Füßen fiel. In diesem Lichtbalken des Mondes trat ich nun, holte mit großer Begier den Kohlekristall hervor und hielt eine seiner dunkelspiegelnden Flächen gegen den Schein des Gestirnes. Die Reflexe gingen davon bläulich, schier schwarzviolett aus, und längere Zeit vermochte ich außer dieser Beobachtung nichts weiter darauf zu entdecken. Aber zugleich wuchs eine wunderbare, körperhaft spürbare Ruhe in mir empor und der schwarze Kristall in meiner Hand hörte auf zu beben, denn meine Finger wurden fest und sicher wie alles an mir.

Da fing das Mondlicht auf dem Kohlenspiegel an zu irisieren; es hoben sich milchig opalene Wolkenschleier darauf und glätteten sich wieder. Endlich trat lichtscharf eine bilderartige Kontur aus der Spiegelfläche hervor, zuerst ganz winzig klein, als wie das Spiel von Gnomen in klarem Mondschein, gleichsam durch ein Guckloch belauscht. Bald aber schienen die Bilder zu wachsen in die Breite wie in die Ferne, und das Geschaute wurde – raumlos, aber dennoch so leibhaftig, als sei ich selbst mitten darunter gewesen. Und ich sah – – – (Brandfleck)

Zum andern Male findet sich hier im Diarium eine sehr sorgfältig vorgenommene Löschung des Textes von übrigens nicht allzu großem Umfang. Soweit ich urteilen kann, hat wiederum meines Urahns eigene Hand die Stelle unleserlich gemacht. Es scheint ihm bald, nachdem er sie niedergeschrieben, der Gedanke gekommen zu sein, nicht vor unerwünschten Lesern ein Geheimnis preiszugeben, das ihn nach seinen Erlebnissen im Tower gefährlich dünken mußte. Es findet sich aber an dieser Stelle des Tagebuchs ein Brieffragment eingelegt. Offenbar hat es mein Vetter Roger von irgendwoher beigebracht und im Laufe seiner eigenen Vorstudien hier eingefügt, denn der Brief trägt den entsprechenden Vermerk von seiner Hand:

"Einziger Rest einer Urkunde zum Geheimnis von John Dees Befreiung aus dem Tower."

Der Adressat dieses Briefes ist aus dem gegenwärtigen Zustande des Fragments nicht mehr zu erschließen, was übrigens gleichgültig ist, denn der Einblick in John Dees Leben wird durch das Brieffragment nur noch klarer. Es zeigt sich darin, daß durch Prinzessin Elisabeths Eingreifen John Dee aus der Haft befreit wurde.

Ich setze vollinhaltlich das Brieffragment hierher:

"– – – bestimmt mich (John Dee), daß ich Euch, als dem einzigen Menschen auf Erden, dies Geheimnis offenbare, das zugleich das stolzeste und gefährlichste in meinem Leben ist. Und wenn nichts anderes, so mag dieses mich rechtfertigen in allem, was ich tat und noch tun werde zur Ehre und zum zeitlichen Ruhm unserer allergnädigsten Herrin, der jungfräulichen Majestät Elizabeths, meiner großen Königin.

Also in kürzester Kürze:

Da die königliche Princessin durch gewisse Kundschaft von meiner verzweifelten Lage Kenntnis bekommen hatte, ließ sie insgeheim – mit dem Mut und der Umsicht, wie keinem Kinde ihres Alters sonst wohl zuzutrauen – unseren gemeinsamen Freund Leicester vor sich kommen und befrug ihn auf Ritterwort um seinen Mut, seine Liebe und Treue zu mir. Da sie ihn vollkommen bereit und entschlossen fand, sich, falls es not tue, selber zu opfern, schritt sie mit unerhörtem Mute zu meiner Rettung. Und ich möchte nur, als wie zur Minderung meiner eigenen, sonst den Untergrund nicht mehr findenden Bewunderung, eher annehmen, als daß ich es könnte beglaubigt finden: daß ein die Gefahr nicht abschätzender, völlig kindlicher Übermut, ja die Tollheit ihres Wesens, von der sie manchmal ergriffen worden ist, sie dazu angetrieben hatte, das zu tun, was gleichermaßen unmöglich und doch die einzige Möglichkeit zu meiner Rettung schien:

Sie stahl sich bei Nacht mit Hilfe ächter und falscher Schlüssel – der Himmel weiß, wer sie in ihre Hände gespielt hat! – in die Staatskanzlei König Edwards, der eben in jenen Tagen mit dem Bischof Bonner in besonderer Freundschaft und Zusammenarbeit steckte.

Sie fand und öffnete die Kassette, darinnen des Königs eigene, mit besonderen Zeichen gewässerte Dokumentpapiere lagen, und schrieb mit kühn die Schriftzüge des Königs nachahmender Hand den Befehl meiner sofortigen Freilassung und siegelte mit Sorgfalt das Schreiben mit Edwards unbegreiflich entdecktem, fast immer sorgfältig verschlossen gehaltenem Privatsiegel.

Sie muß das alles mit so bewunderungswürdiger Umsicht, Klugheit und Kühnheit zugleich ausgeführt haben, daß an dem Dokument nicht der geringste Zweifel sich stoßen konnte, – ja, daß König Edward selbst, als er später das Handschreiben zu Augen bekam, dermaßen betroffen war von diesem gleichsam magisch entstandenen Erzeugnis seiner Feder, – von dem er doch nicht das geringste wußte – daß er stumm das Dokument als sein eigenes hinnahm. Mag auch zweifelhaft sein, ob er die Fälschung durchschaute, aber sie dennoch stillschweigend duldete, nur um nicht bekennen zu müssen, es sei dergleichen Zauberspuk oder ungeheuerliche Frechheit in der nächsten Nähe seiner Person denkbar und zugelassen gewesen, – kurz, den nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang polterte in Bischof Bonners Kanzlei Robert Dudley – der spätere Earl of Leicester – und überbrachte den eiligen Brief, indem er darauf bestand, die Antwort auf den erhaltenen Befehl samt dem Gefangenen selbst aus den Händen des geistlichen Gerichts entgegen zu nehmen. Und es gelang! –

Nie erfuhr ich, oder sonst ein Mensch, was in dem angeblichen Handschreiben König Edwards, – erdacht und verfaßt von einem sechzehnjährigen Kinde! – gestanden hat. – Ich weiß aber, daß der Blutige Bischof, farblos und mit bebenden Gliedern, seinen Leibwächtern vor Dudleys, als dem Gesandten des Königs, Augen Befehl gab, mich auszuliefern. – Dies ist alles, was ich Euch, wertester Freund, anvertrauen darf. Und Ihr möget aus dem nur mit Zögern Euch Mitgeteiltem erkennen, was es für eine Bewandtnis hat mit jener 'ewigen Verbundenheit', von der ich Euch mit Bezug auf unsere allergnädigste und allererhabenste Königin schon zu mehreren Malen gesprochen habe –"

Hier ist das Brieffragment zu Ende.

Im Diarium John Dees hinter den unleserlich gemachten Sätzen stehen noch diese Worte:

Bin also in genauester Erfüllung der Prophezeiung des Bartlett Green noch am selbigen Morgen ohne Form und Verzug aus meiner beschwerlichen Lage befreit und von meinem Jugendfreund und old boy Leicester aus dem Tower fortgeführt worden an einen sichern Ort, woselbst es dem Herrn Bischof Bonner sogar schwer geworden wäre, mich zu vermuten oder gar abzuholen, sofern ihm solches etwa nochmals hätte beifallen mögen, indem ihn seine erste Nachgiebigkeit in Ansehung meiner Person vielleicht bei kurzem wieder hätte reuen sollen. Will dazu keine Kommentarien weiter aufstellen und nicht versuchen, die wunderbaren Wege Gottes vorwitzig auf Niet und Nagel zu erklären und secundam rationem auszuweisen. – Merke nur so viel an, daß zu dem überaus merkwürdigen und schier unglaublichen Mut und Geschick meiner Retter, nächst Gottes sichtlichem Beistand, die Seelenverfassung Bischof Bonners nach der Verbrennung des Bartlett Green hinzukam. Es ist mir nämlich von dem Kaplan Sir Bonners über gleichgültige Umwege zugetragen worden, daß der Bischof in selbiger Nacht kein Auge zugetan, sondern anfangs in ruheloser Verwirrung des Gemütes in seinem Kabinett stundenlang auf- und niedergegangen, danach aber in ganz seltsame Delirien verfallen sei, in denen er anscheinend das unbeschreiblichste Entsetzen erlitten habe. Er habe da gleichsam einen unsichtbaren Besucher mit zuweilen fast verzagender, unverständlicher Rede angesprochen und einen stundenlangen, schauerlichen Kampf mit allerlei eingebildeten Dämonen geführt, endlich auf einmal laut geschrieen: "ich bekenne, daß ich deiner nicht mächtig bin und ich bekenne, daß mich Feuer verzehrt – Feuer – Feuer!"; worauf ihn der hereinstürzende Kaplan ohnmächtig auf seinem Lager gefunden. Will aber mehreren Gerüchten hier nicht Raum geben, die hierüber noch zu mir drangen. Was ich da erfuhr, ist so grauenhaft, daß ich glaube, ich verlöre das Bewußtsein in seelischem Entsetzen, wollte ich auch nur mich aufraffen, es zu Papier zu bringen.

Damit schließt John Dees Bericht über den "Silbernen Schuh" des Bartlett Green.

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