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Der Engel vom westlichen Fenster

Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleDer Engel vom westlichen Fenster
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Müller
addressMünchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages5-523
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1927
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Navigation:

Was ich erleben mußte auf jener Fahrt nach Elsbethstein, ist unbewegliche, erstarrte Gegenwart geworden in meiner Seele: Weinberghänge huschen vorbei, deren Kulissen den Strom drunten zu engen, von uns wild umflogenen Halbkreisen zwingen, – sanftgrün wie glattes Tuch dazwischen gelagert: Wiesen, Wiesen in Staub und flitzendem Licht verwehend, hingehastete Dörfer, abflatternd von sausender Fahrt, matte Gedanken wie fortgerissene Schleier; zerfetzte Bangigkeit, in saugenden Wirbeln verschwindend gleich jagendem Herbstlaub, unhörbare Warnungsschreie der Seele; verständnisloses müdes Staunen willensschwach gewordener Sinne.

Das Automobil rast den schrägen Strebemauern der Ruine Elsbethstein zu, dreht sich in verrückt ausschweifender Kurve, die uns alle in den Abgrund des Stromlaufs hinaus zu schleudern droht, und hält mit motorbebenden Flanken vor dem tiefgeschnittenen Portal des äußern Mauernrings.

Wir steigen aus und betreten in Gruppen zu zweien den innern Schloßhof. Ich gehe mit Lipotin voraus, und langsam in wachsendem Abstand kommen die beiden Frauen hinter uns drein. Ich blicke zurück und sehe Jane in lebhaftem Gespräch mit der Fürstin begriffen, deren eigentümlich perlendes Lächeln ich höre. Es beruhigt mich, daß sie harmlos miteinander plaudern und kein Zwist unter ihnen herrscht.

Wenig mehr ist von rauchenden Quellen zu sehen; sie sind gefaßt, und häßliche Bretterbuden hocken über ihnen. Schläfrig hantieren die Arbeiter im Hof herum. Wir interessieren uns für all das, aber ich empfinde eine tiefverdeckte Stimme in meinem Innern, die mir sagen möchte, unser geheucheltes Interesse sei nur ein dürftiger Vorwand für ganz andere Dinge, die uns hierher gelockt haben und auf deren Zutagetreten wir mit heimlich gespannten Nerven warten. Wie auf stillschweigende Verabredung lenken wir unsere Schritte hinüber zu dem Bergfried, an dem, wie neulich, die feste Pforte nur angelehnt steht. Im Geiste eile ich voraus und sehe mich die morsche, steile, finstere Treppe zur Küche des alten schwachsinnigen Gärtners emporklimmen; weiß auch, warum ich hinauf will; ich will ihn fragen, den sonderbaren Alten ... Da bleibt Lipotin stehen, ergreift mich beim Arm:

"Sehen Sie, Verehrtester, dort! Wir können den Besuch sparen. Soeben tritt unser verrückter Ugolino aus seinem Turm. Der Herr des Dolches hat uns bereits gesehen."

Im selben Augenblick höre ich einen leisen Schrei der Fürstin hinter mir; rasch wenden wir uns beide. Mit halb lachender Abwehr ruft sie uns zu:

"Nein, nicht jetzt zu dem irrsinnigen Alten!" – Sie dreht sich um mit Jane. Unwillkürlich gehen wir den beiden Damen nach; holen sie ein. Jane blickt ernst drein; die Fürstin lacht und sagt:

"Ich will ihm nicht wieder begegnen. Geisteskranke sind mir unheimlich. Und schenken wird er mir ja auch nichts wollen von seinem verwahrlosten – Küchengerät. Nicht wahr?" ... Das sollte scherzhaft klingen, aber ich glaubte den Unterton beleidigter Eitelkeit oder einer gewissen Eifersucht auf Jane daraus zu hören.

Dann steht der alte Gärtner vor der kleinen Turmtür und scheint uns von fern zu beobachten. Er hebt die Hand auf. Es ist, als winke er uns. Die Fürstin sieht es und zieht ihren Staubmantel dichter um den Leib mit der Gebärde, als wolle sie sich gegen einen Kälteschauer schützen. Eine unverständliche Bewegung in dieser spätsommerlichen Wärme!

"Warum sind wir eigentlich wieder in diese unheimliche Ruine heraufgefahren? Es ist ein feindseliges Gemäuer!" fragt sie halblaut und vor sich hin.

"Sie haben es neulich doch selber gewünscht!" entgegnete ich arglos. "Die Gelegenheit wäre jetzt günstig, ihn auszuhorchen, woher er jene Waffe hat."

Fast brüsk wendet sich die Fürstin zu mir:

"Was soll uns das Geschwätz eines alten Narren! – Ich schlage vor, liebe Jane, wir überlassen es den Herren, ihre Neugier zu befriedigen, und betrachten uns indessen die malerischen Reize dieses Spuknestes von angenehmeren Aussichtspunkten her." – Dabei hängt sich die Fürstin vertraulich in Jane ein und trifft Anstalten, dem Ausgang des Burghofs zuzuschreiten.

"Sie wollen schon wieder gehen?" frage ich erstaunt, und auch Lipotin macht ein verblüfftes Gesicht.

Die Fürstin nickt lebhaft. Jane wendet den Kopf und lächelt mir sonderbar zu:

"Wir haben es so verabredet. Wir wollen zusammen eine Rundfahrt machen. – Eine Rundfahrt, verstehst du, endet immer, wo sie begonnen hat. Also auf ..." – Der Wind verschlingt das letzte Wort.

Voll Verwunderung bleiben Lipotin und ich wie gebannt stehen. Die kurze Zeit hatte genügt, daß die beiden Frauen einen Vorsprung gewannen, so daß unsere Einwände von ihnen nicht mehr gehört wurden.

Wir eilen ihnen nach, aber die Fürstin sitzt bereits im Wagen. Jane ist im Begriff, einzusteigen. Von unerklärlicher Angst plötzlich ergriffen, rufe ich zu ihr hinüber:

"Wohin, Jane? Er hat uns gewinkt. Wir müssen ihn doch fragen!" In aller Hast schreie ich die Worte hervor, um Jane aufzuhalten; weiß selbst nicht, wie sie sich mir auf die Lippen drängen.

Jane scheint einen Augenblick zu zögern; wendet das Gesicht mir zu und sagt etwas, aber ich verstehe es nicht: der Chauffeur gibt unbegreiflicherweise, noch während der Wagen steht, Vollgas bei Leerlauf, und der Motor brüllt los, wie ein zu Tode getroffenes Ungeheuer der Urwelt; der satanische Lärm verschlingt jedes Wort. Dann startet der Wagen mit einem Ruck so jäh, daß Jane auf den Sitz zurückgeschleudert wird. Mit eigener Hand zieht die Fürstin den Schlag zu. Nochmals schreie ich in das Heulen des Motors hinüber:

"Jane! Nicht fahren! – Was willst du ..." – es ist wie ein wilder Schrei aus meinem tiefsten Herzen heraus. Aber wie unsinnig tobt die Maschine fort; die weit zurückgebeugt lehnende Gestalt des Chauffeurs ist das letzte, was ich sehe.

Rasch verdonnert das Knallen der Auspuffgase in der Ferne, und der Wagen fegt den Steilhang des Berges hinab wie ein Fokker im Gleitflug.

Ich wende mich mit stummer Frage zu Lipotin. Der steht und schaut mit hochgezogenen Augenbrauen dem entschwindenden Automobil nach. Sein gelbes Gesicht erscheint mir geisterhaft erstarrt: eine verblichene Maske, aus vergangenen Jahrhunderten ausgegraben, – eingeklemmt zwischen Ledermütze und Pelzmantel eines Motorsportlers.

Wortlos, in stummem Einverständnis kehren wir in den Schloßhof zurück. Kaum haben wir ihn durchquert, tritt der Alte auf uns zu mit irrem Blick.

"Will Ihnen den Garten zeigen!" flüstert er und schaut über unsere Köpfe hinweg, als sähe er uns nicht. "Alter Garten! Ein schöner Garten. Und groß. Viel Arbeit, ihn umzugraben!" Seine Worte werden unverständlich zwischen den fort und fort sich bewegenden Lippen.

Er geht uns voraus, und wir folgen ihm wie von selbst; gleichfalls stumm.

Er führt uns durch Mauerlücken und zwischen Wehrgängen hin, bleibt bisweilen bei dieser oder jener Baumgruppe stehen und murmelt undeutlich vor sich hin. Dann berichtet er mit leerem Wortschwall, wann er die Bäume gepflanzt oder die Rabatten angelegt habe, die plötzlich vor uns auftauchen, herrlich gepflegt, aber umgeben von Schutzhaufen und niedergebrochenem Gemäuer, auf dem schillernde Eidechsen spielen. Es kommt ihm nicht darauf an, vor einer Gruppe mehrhundertjähriger Eiben uns flüsternd anzuvertrauen, er habe sie in einem harten Winter als junge fingerdicke Stecklinge eingesetzt; er habe sie von "dort drüben" geholt! – Dabei deutete er mit unbestimmter Handbewegung hinaus in die Weite – "von drüben", um das Grab zu schmücken.

"Welches Grab?" fahre ich auf.

Nach langem Kopfschütteln versteht er endlich die oft wiederholte Frage. Er winkt uns. Wir treten auf die mattrötlichen Stämme der Eiben zu.

Zwischen den mächtigen Bäumen erhebt sich ein kleiner Erdhügel, wie man sie ähnlich sieht in alten versonnenen Parks mit Rundtempeln oder bemoosten Denksäulen. Der grüne Hügel trägt keine solche Bekrönung, dafür ist er bestanden mit einem Gewölbe tiefrot in Blüten brennender Rosen. Dahinter schimmert grau die verfallene Wehrmauer hervor, und über einem Riß im Steinwerk hinweg öffnet sich weiter Blick hinaus ins Land und hinab zu dem Silbertal des Stromes.

Wo habe ich diese Landschaft nur gesehen? –

Und auf einmal erlebe ich, was uns Menschen so oft befällt: ich meine, das alles längst zu kennen: die Bäume, die Rosen, die Mauerlücke, den Blick auf den silbernen Fluß! Vertraut ist mir Ort und Stunde, als kehrte ich wieder, wo ich seit je längst zu Hause war. Dann wills mich bedünken, es sei eine Erinnerung an ein Wappenbild; dann: als sei es dieser Ort gewesen, den ich vor kurzem noch als die Ruine in Mortlake gesehen im Spiegel der Deeschen Kohle. Vielleicht wars Mortlake gar nicht, sage ich mir; vielleicht wars dieser Ort hier, den ich im Halbtraum erraten habe und für das Stammschloß meines Ahnen hielt?!

Der greise Gärtner biegt die Rosenhänge auseinander und weist auf eine mit Moos und Farnkraut bedeckte Vertiefung in der Erde. Er lächelt unsicher und murmelt:

"Das Grab. Ja, ja, das Grab! Da drunten ruht jetzt wieder das stille Gesicht mit offenen Augen und mit den ausgestreckten Armen. Ich hab ihm den Dolch aus der Hand genommen. Nur den Dolch, meine Herren! Sie dürfen mirs glauben! Nur den Dolch! – Ich hab doch gewußt, ich muß ihn der schönen Frau geben, der guten jungen Frau, die Ausschau mit mir hält nach der Herrin!"

Ich muß mich an einer der Eiben festhalten, um nicht zu stürzen; ich will Lipotin ein Wort zurufen, aber meine Zunge versagt. Ich kann nur stammeln:

"Der Dolch? – Hier? – Ein Grab?" –

Der Greis versteht mich auf einmal recht gut. Er nickt eifrig, und ein Lächeln hellt seine zerstörten Züge auf. Rasch, einer plötzlichen Eingebung folgend, frage ich ihn:

"Sag uns, Alter, wem gehört die Burg?"

Der Greis zögert: "Die Burg Elsbethstein? Wem?" – er fällt wieder in sich zusammen, und das von seinen Lippen abgelesene Wort erstirbt, bevor es verständlicher Hauch geworden ist. Irr schüttelt er den Kopf und winkt uns, ihm zu folgen.

Nur wenige Schritte gehen wir, da öffnet sich eine hohe Mauerpforte, von Holundersträuchen und wuchernden Rosen überhangen und verdeckt. Über dem gewölbten Torbogen erkenne ich die untersten Ranken uralter Steinmetzarbeit. Der Greis deutet eifrig hinauf. Mit einem aufgelesenen, halbvermorschten Ast schiebe ich die üppigen Zweige und Blütengehänge beiseite und erblicke ein bemoostes Wappen über dem Türsturz in Stein gehauen. Es ist ein Werk aus dem sechzehnten Jahrhundert und trägt ein schwach gelegtes Kreuz, aus dessen Arm eine Rosenranke emporwächst, besetzt mit drei Blüten: die eine als Knospe, die zweite halbgeöffnet, die dritte voll und prangend mit einem schon zum Fall gelösten Blatt.

Lange betrachtete ich sinnend dies geheimnisvolle Wappenbild. Aus dem Grau des alten Torsteins, aus dem verwitterten Grün des flechtendurchzogenen Mooses, aus dem seltsam schwermütigen Anblick des Rosenzweiges mit den drei in ihrer Blüte abgestuften Blumen sprechen mich Erinnerung und ahnendes Gefühl an so stark, daß ich nicht bemerke: meine Gefährten haben mich allein gelassen. Immer deutlicher drängt sich mir ein Traumbild auf und ringt sich zu mählicher Klarheit aus meiner Seele: die Grablegung meines Vorfahren, John Dee, in dem Wundergarten des Adepten Gardener! Mehr und mehr decken sich die Umrisse der einstigen Vision mit den Dingen meiner Umgebung.

Noch stehe ich in wunderlichen Zweifeln und gebe mir Mühe, die Verzauberung mir von der Stirn und Augen zu streichen, da erschrecke ich vor einer Erscheinung, die unerwartet aus dem Dunkel des Torgangs rasch auf mich zutritt. Jane ists, es kann kein Zweifel sein. Aber ihr Gang ist lautlos und schwebend und – wie soll ich mirs deuten?: sie trieft vor Nässe, ihr leichtes Sommerkleid klebt ihr eng und streifig am Leibe. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist starr und ernst, fast furchterregend, so durchdringend strahlt aus ihren Zügen eine stumme Mahnung auf mich über.

Fernwirken einer Toten! – so will etwas in mir aufschreien. Dann höre ich Worte, die aus ihrem Munde zu dringen scheinen:

"Vollbracht. – Frei. – Hilf dir! – Sei stark! –"

"Jane!" rufe ich. Betäubung überfällt mich und – da ist es nicht mehr Jane: vor mir steht eine unirdisch mich anblickende Frau von majestätischem Wuchs, eine Krone auf dem Haupt, und ihr Blick durchdringt mich, als komme er aus Jahrhundertferne her und gehe durch mich hindurch und suche mich weit hinter mir in einem gefühlten Äon meiner Zeit und meiner errungenen Vollendung. – –

"Das also bist du, Königin und Herrin im Garten des Adepten! ..." – mehr wissen meine Lippen nicht zu flüstern.

Auge in Auge, unlösbar verbunden, stehe ich der wunderbaren Frau gegenüber, und Stürme von Gedanken, nicht zu schildern, – Erkenntnisse und wütende Entschlüsse stoßen an meinem äußern Sein vorbei in eine geistige Welt, bilden ungeheure Wirbel drüben, rufen Verheerung und Umsturz dort hervor – –, da höre ich mit leiblichem Ohr deutlich, wie Lipotin und der alte verrückte Gärtner wieder zurückkehren. Und mit meinen leiblichen Augen sehe ich: der Greis stutzt, erhebt die Hände und sinkt in die Knie. Dicht neben mir mit verklärtem Gesicht kniet er und unter Weinen und schluchzendem Lachen hebt er den Kopf zu der königlichen Frau empor und stammelt:

"Lob und Dank, Herrin, daß du gekommen bist! In deine Hände lege ich mein müdes Haupt und meinen langen Dienst. Siehe du, ob ich getreu war!"

Freundlich nickt die frauenhafte Erscheinung dem Alten zu. Er aber fällt vornüber aufs Gesicht und verstummt.

Noch einmal wendet sich das königliche Bild mir zu, und ich glaube eine Stimme zu hören wie Glockenton aus Turmesferne:

"Gegrüßt. – Erwählt. – Erhofft. – Noch nicht erprobt!" – und als vermischten sich im Klingen die Laute mit der irdischen Stimme meiner Jane und als kehre nochmals ihr angstvoll mahnender Ruf zurück:

"– – hilf dir selbst. – Sei stark!" ...

Urplötzlich verblaßt die Vision in einem heulenden Lärm, der von jenseits der Mauer, aus dem Bereich des Schloßhofes, herüberschallt.

Ich fahre auf und sehe Lipotin, wie er verständnislos bald mich, bald den regungslos hingestreckten alten Gärtner anstarrt. Wenige Worte genügen mir: er hat nichts gesehen, nichts wahrgenommen von dem, was sich begeben hat! – Ihn beunruhigt scheinbar nur das seltsame Betragen des Greises.

Ehe er Zeit findet, ihn anzurühren, kommen Männer aus dem Schloßhof schreiend auf uns zu. Rasch eilen wir ihnen entgegen. Wie Brandung schlagen Reden an mein Ohr, und gleich darauf erspähen meine Augen: drunten im Strom und mitten darin auf einer Untiefe, – dort, wo eine jähe Kurve der Landstraße hoch über gesprengte Felsen geführt ist, dem Ufer folgend, zeichnet sich, vom hellen Schaumstreifen strömenden Wassers umschimmert, das zertrümmerte Automobil der Fürstin ab. – – –

Langsam kommt mir zu Sinnen, was das Gezeter der Leute bedeutet: "Alle drei tot! Wie in die Luft hinein ist er gefahren, der Chauffeur! Mitten in die leere Luft hinein. Er hat den Verstand verloren, oder der Teufel hat ihn geblendet!" ... Jane! Jane! – mein eigener Schrei weckt mich auf! Ich will Lipotin rufen: er kniet neben dem immer noch regungslos im Grase liegenden alten Gärtner. Er hebt ihm den Kopf und schaut mich mit Augen an, in denen die Seele erblindet ist. Seinen stützenden Händen entgleitet, halb auf die Seite sinkend, der Körper des Greises. Der Alte ist tot.

Geistesabwesend stiert Lipotin mich an. Ich kann nicht reden. Deute nur stumm über die Mauerbrüstung hinab auf den Strom. Er blickt lang ins Tal hinunter, fährt sich gelassen über die Stirn: "Also wieder im grünen Wasser versunken! Steile Ufer. Ich bin müde. ... Da: hören Sie nicht? Man ruft nach mir!"

Eine Hilfskolonne birgt die Toten aus dem flachhinspülenden Fluß. – – Nur die beiden Frauen; den Chauffeur hat es stromabwärts fortgerissen. "Noch nie hat man Leichen wiedergefunden, die das Wasser mitgenommen hat", sagt man mir; "sie treiben hinab, ohne aufzutauchen, ins ferne Meer." – Mir graut bei dem Gedanken, ich hätte meines Vetters John Roger entstellte Totenmaske aus den Fluten mich anstarren sehen müssen ...

Und dann das Entsetzlichste: wars ein Unglücksfall? – Was? Was? ... eine Frage brennt mir in der Brust: Was hat das zu bedeuten?: Janes Dolch steckt tief in der Brust der Fürstin. Das Herz ist tödlich getroffen!

Die Lanzenspitze hat sich ihr von selbst in den Leib gerannt beim Sturz des Wagens, so will ich mir einreden ...

Lange, lange betrachte ich, selbst fast eine Leiche, die beiden toten Frauen: Janes Antlitz schlummert in einem Ausdruck unsagbarer Zufriedenheit und Ruhe. Ihre stille, verschlossene Schönheit blüht aus der erloschenen Gestalt hervor mit so rührender Gewalt, daß mir die Tränen versiegen und ich beten möchte: "Heiliger Schutzengel meines Lebens, bitte du für mich, daß ich es tragen kann ..."

Auf der Stirn der Fürstin steht eine harte Falte. Ihre streng und schmerzlich geschlossenen Lippen scheinen einen Ausruf zu unterdrücken. Fast ist es, als lebe sie noch und wolle jeden Augenblick wiedererwachen. Schmale Schatten von den Zweigen der Bäume, tanzend im Wind, huschen über ihre Lider. – – Oder hat sie plötzlich aufgeschlagen und schnell wieder geschlossen, als sie bemerkte, ich könne es sehen? Nein, nein: sie ist tot! Es steckt doch der Dolch in ihrem Herzen!! Dann, wie die Stunden verrinnen, löst sich die Spannung in den Zügen der Toten, und ein katzenhafter, abstoßender Zug verzerrt das Angesicht.

Seit der Bestattung der beiden Frauen habe ich Lipotin nicht mehr wiedergesehen. Aber ich erwarte stündlich seinen Besuch, denn er hat mir beim Abschied vor dem Friedhofsportal gesagt:

"Jetzt fängt es an, Verehrtester! Jetzt wird sich erweisen, wer der Herr des Dolches sein wird. Verlassen Sie sich auf gar nichts als auf sich selbst, wenn Sie das vermögen. – Übrigens bleibe ich Ihr gehorsamer Diener und werde mich erkundigen kommen, wenn es Zeit ist, ob Sie meiner bedürfen. Die roten Dugpas haben mir, nebenbei bemerkt, gekündigt. ... Das bedeutet ..."

"Nun?" fragte ich zerstreut, denn die Trauer um Jane erfüllt mich bis zum Ersticken. "Nun?"

"Nun, das bedeutet ..." Lipotin sprach den Satz nicht aus. Machte nur die Geste des Halsabschneidens.

Als ich ihn erschrocken fragen wollte, was er damit meine, war er im Gewühl der Leute, die eine an- und abfahrende Straßenbahn stürmten, verschwunden.

Oft seitdem wiederhole ich mir innerlich das, was er gesagt und getan hat, aber immer muß ich zweifeln: war es Wirklichkeit? Oder bilde ich es mir nur ein? – Die Vorgänge haften anders in meinem Gedächtnis als die, die ich gleichzeitig erlebte ...

Wie lang ists her, daß ich Jane begraben habe und Seite an Seite neben ihr Assja Chotokalungin? – Wie kann ich es wissen! Ich habe die Tage nicht gezählt, nicht die Wochen und Monate; – oder sind es Jahre, die seitdem verflossen sind? Fingerdick liegt der Staub auf all den Dingen und Papieren um mich her; die Fenster sind blind, das ist gut, denn ich will nicht wissen: bin ich in der Stadt meiner Geburt, oder bin ich John Dee, mein Ahnherr, in Mortlake geworden, eingefangen wie eine Fliege in einem Netz stillstehender Zeit? Bisweilen kommt der seltsame Gedanke über mich: bin ich vielleicht längst gestorben und liege, ohne mir dessen bewußt zu sein, im Grab neben den beiden Frauen? Wodurch könnte ich mir Gewißheit verschaffen, daß es nicht so ist? Wohl schaut mir aus dem trüben Spiegel an der Wand Einer entgegen, der Ich sein könnte und dem ein langer Bart gewachsen ist und wirre Haarsträhnen, aber sehen sich Tote vielleicht nicht auch im Spiegel und wähnen, sie seien noch am Leben? Wissen wir, ob sie ihrerseits nicht die Lebendigen für Tote halten?! – Nein: Beweise, daß ich wirklich am Leben bin, habe ich nicht. Wenn ich mein Hirn anstrenge und zurückwandern will in die Zeit, wo ich am Grabe der beiden Frauen stand, da will es mir scheinen, als wäre ich gleich darauf hier in mein Haus zurückgekehrt und hätte meine Dienerschaft entlassen und meiner alten beurlaubten Haushälterin geschrieben, sie brauchte nicht mehr zu kommen, und ich hätte ihr durch meine Bank eine Lebensrente ausgesetzt. – Kann sein, daß ich all das nur träume; es kann aber auch sein: ich bin gestorben, und mein Haus ist leer.

Sicher ist eins: alle meine Uhren stehen still, die eine auf halb zehn, die andere auf zwölf und andere auf Stunden, die mir noch gleichgültiger sind. Und: Spinnweben überall, überall. – Woher die Spinnen zu Tausenden hergekommen sein mögen in dieser kurzen Zeit eines – – sagen wir: eines Jahrhunderts? Oder ist es ein einziges Jahr gewesen im Leben der Menschen da draußen? Ich will es nicht wissen; was geht es mich an!

Wovon nur habe ich gelebt seitdem? Der Gedanke rüttelt mich auf. – Vielleicht: wenn ich mich daran erinnern könnte, hätte ich einen Beweis, ob ich tot bin oder nicht! Ich sinne nach, und da taucht es wie Traumgedächtnis in mir auf, als sei ich oft des Nachts durch die stillen Gassen der Stadt gewandert und habe gegessen in Schenken und öden Spelunken, als sei ich auch Bekannten und Freunden begegnet, die mich angesprochen haben. Ob und was ich ihnen geantwortet habe, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, ich bin stumm an ihnen vorbeigegangen, um nicht zu Bewußtsein und zu dem Schmerz um Jane zurückzukommen. – – Ja, ja, so wird es sein: ich habe mich ins Totenreich, in ein einsames Totenreich hineingelebt, oder – mich hineingestorben. Aber, was kümmerts mich, ob ich tot bin oder lebendig! – – –

Ob Lipotin auch schon gestorben ist? – Aber was denke ich da wieder?! Es ist doch gar kein Unterschied, ob man tot ist oder lebt.

Zu mir gekommen, ob so oder so, ist Lipotin seitdem nicht, das ist wohl sicher. Sonst könnte das Bild, in dem ich ihn vor mir sehe, nicht das letzte in meinem Gedächtnis sein: er verlor sich im Gewühl vor dem Friedhof, nachdem er mir kurz vorher etwas von den tibetischen Dugpas gesagt hatte, das ich vergessen habe; und er machte dabei die Geste des Halsabschneidens. Oder war das alles das auf Elsbethstein gewesen? – – Was kümmerts mich! Vielleicht ist er nach Asien gegangen und hat sich wieder in den Magister des Zaren, in den Mascee John Dees verwandelt. Bin ja auch aus der Welt gegangen seitdem, sozusagen. Ich weiß nicht, wohin es weiter ist: nach Asien, oder in das Land der Träume, in das ich mich verkrochen habe! – – Möglich, daß ich jetzt erst so halb und halb aufgewacht bin und meine Umgebung so verwahrlost finde, als ob sich ein Jahrhundert draußen an den Fenstern vorübergeträumt habe.

Mißbehagen ergreift mich mit einemmal, daß mir meine Wohnung vorkommt wie eine innerlich zerfressene Nuß, von stäubendem Schimmel befallen, in der ich, einem gedankenleeren Wurme gleich, eine Mottenzeit verschlafen habe. Woher so plötzlich kommt dies Mißbehagen? frage ich, und eine jähe Erinnerung quält mich: hat es nicht soeben schrill geläutet? – Im Haus? Nein: nicht im Haus! Wer sollte die Klingel ziehen an einem Haus, das verödet steht? So wird es ein Läuten in meinem Ohr gewesen sein! Der Gehörsinn erwacht erst bei einem, der scheintot gelegen hat und wieder ins Leben zurückkehrt, so habe ich einmal irgendwann gelesen. Plötzlich fällt mir ein, und ich kann es auch zu mir selbst aussprechen: ich habe gewartet, gewartet, gewartet, ich weiß nicht wie unsäglich lange Zeit auf eine Wiederkehr der toten Jane. Ich bin in den Tagen und Nächten hier in meinen Stuben von Ort zu Ort gekrochen und habe auf Knien und Zehenspitzen zum Himmel gebetet um ein Zeichen von ihr, so lange, bis ich darüber den Gang der zeit zu spüren verlor.

Es gibt kein Ding aus dem Besitz der Geliebten, das ich mir nicht zum Fetisch gemacht, dem ich mich nicht in irrsinnigem Flehen anvertraut hätte: es möchte mir helfen, Jane zu mir herabzuzwingen, Jane aus dem Grabe zu rufen – Jane zu meiner Rettung vor dem drohenden Henkerbeil des Schmerzes, das beständig über mir schwebt, zu senden. Ach wie vergebens war das alles: Jane hat sich nicht mehr blicken noch spüren lassen vor mir, der ich seit drei Jahrhunderten ihr rechtmäßiger Gatte bin.

Jane ist nicht gekommen, aber ... Assja Chotokalungin! Jetzt, wo ich aufgewacht bin aus der Lethargie – wie es mir jetzt scheinen mag – aus der Lethargie der Vergessenheit, jetzt weiß ich plötzlich: Assja Chotokalungin ist immer da, ist immer da ...

Anfangs, ja, anfangs, da ist sie durch die Tür gekommen, und ich habe sofort gewußt, es ist vergeblich, die Tür vor ihr abzuschließen. Wo kein Riegel des Grabes wehrt, wo sollte da ein Zimmerschlüssel von Wirkung sein?!

Wenn ich jetzt daran denke, wie mir zumute war, als sie kam, da kann ich mir nicht verhehlen: ihr Besuch war mir – willkommen! Diese Schuld, – du ewiges Gesicht, das du mich anschaust, seit ich so träume, mit doppeltem Antlitz Tag und Nacht, mit dem leuchtenden Karfunkel über dir, daß mich die Augen schmerzen, wenn ich deinen Blick zu erwidern wage – – diese Schuld will ich als Schuld bekennen vor dir und vor mir selbst. Meine einzige Verteidigung ist: ich habe geglaubt, Assja sei eine Botin Janes aus dem Reiche der Toten. Ein unsinniger Tor war ich, daß ich glauben konnte, sie brächte mir Botschaft der Liebe, Botschaften der Seele ...

Täglich kommt Assja zu mir, das weiß ich jetzt, wo die Erinnerung wieder erwacht ist. Lange schon braucht sie die Tür nicht mehr, um zu mir zu kommen: sie ist einfach da!

Meistens sitzt sie auf dem Sessel an meinem Schreibtisch und ... ach Gott, mein Gott, wie nutzlos es ist, die Wahrheit vor mir selbst verschweigen zu wollen: sie kam, sie kommt immer in demselben Kleid aus Schwarz und Silber, und es gleicht, mit den fließenden Wellenornamenten darauf – dem chinesischen Ewigkeitssymbol auf dem Tulakästchen –, ganz diesem Kleinod der russischen Schmiedekunst.

Beständig muß ich es anschauen, dieses Kleid, und unter meinem begehrlichen Blick ist es alt, uralt und immer – durchsichtiger geworden, so, als wolle es zerfallen, so, als vermorschte es unter der Glut meiner Augen. Immer lockerer ist das Kleid der toten Fürstin geworden, immer schemenhafter wird sein Gewebe zusammengehalten, und seit einiger Zeit zerfällt es, und die Fürstin, oder vielmehr die pontische Isaïs, sitzt nackt und leuchtend in Schönheit vor mir in meinem Stuhl. – – –

In all der Zeit habe ich stundenlang nur den modrigen Zerfall des Gewandes beobachtet. So wenigstens will ich es mir jetzt einreden. Vielleicht habe ich ihn doch ersehnt! Oder belüge ich mich doch nicht? Es mag sein, denn ich weiß: wir haben über Leidenschaft nicht gesprochen.

Haben wir überhaupt miteinander gesprochen? Nein! Wie hätte ich auch sprechen können beim Anblick dieser langsamen stundendauernden Entblößung der Fürstin!? ...

Und doch, du doppeltes Antlitz über mir, du schrecklicher Wächter meiner Träume, du Baphomet über mir, sei du mein Zeuge vor Gott: kam mir unreines Begehren zu Sinn, oder war es nicht vielmehr eine Zeit des Staunens, des Willens zum Kampf und der haßgeladenen Neugier? Habe ich aufgehört, Jane, die Heilige, aufzurufen wider die Botin der schwarzen Isaïs, die Gesellin des Bartlett Green, die Zerstörerin John Rogers und meines eigenen Blutes?!

Aber, je heißer ich Jane rief, desto rascher, desto sicherer, blühender und triumphierender in ihrer goldbraunen Leibesschönheit kam Assja. Kam sie – – kommt sie noch immer ...

Hat es mir Lipotin nicht vorausgesagt? Vorausgesagt, daß der Kampf erst beginnt?

Ich bin gefaßt und bin gerüstet. Aber ich weiß nicht, wie der Kampf begonnen hat; sein feinster Anfang liegt in einer Zeit, die ich vergessen habe. Ich weiß nicht, wie der Kampf geführt wird und wie er gewonnen werden soll. Mir graut vor dem ersten Angriff, den ich tun soll, denn ich will nicht ins Leere stoßen und dabei das Gleichgewicht verlieren! – – Mir graut vor dieser stummen tage- und tagelang lautlos mir Gegenübersitzenden und dem Tauschen von Blicken und Nervenfluiden ...

Mir graut, unsäglich graut mir. Ich fühle: jede Minute kann die Fürstin mir wieder sichtbar werden.

Abermals schrillt eine Glocke. Ich lausche: nein, nicht in meinem Ohr, wie ich das erstemal geglaubt, klingt ein Läuten! Die Hausglocke ists, die banale Glocke unten im Flur – – und doch packt mich wieder das Grauen. Jetzt reißt mich das Schrillen vom Stuhl; ich drücke auf den elektrischen Türöffner, eile zum Fenster und spähe hinab: unten auf der Gasse zwei dumme Lausbuben suchen eilends das Weite, als sie sich ertappt sehen bei ihrem kindlichen Streich. Lappalie!

Und dennoch läßt mich das Grauen nicht los.

Die Haustür unten steht jetzt offen, sage ich mir, und ein Unbehagen ergreift mich, der frechen Welt preisgegeben zu sein, als habe mit einemmal alle Torheit und Zudringlichkeit der Straße Zutritt in mein sorgfältig verwahrtes Leben und Geheimnis. Ich will hinuntergehen und die Türe verschließen für immer, da höre ich Schritte auf der Treppe, bekannte Schritte, flüchtige, leis und elastisch aufgesetzte:

Lipotin steht vor mir!

Er begrüßt mich mit dem ironischen Zwinkern seiner von den immer müde überschatteten Lidern halb versteckten Augen.

Es werden nur wenige Begrüßungsworte gewechselt, als hätten wir uns erst gestern zum letztenmal gesehen. Er bleibt auf der Schwelle meines Studierzimmers stehen und wittert in die Luft wie ein Fuchs, der die Röhre seines Baus von fremden Spuren beschlieft findet.

Ich sage nichts; bin meinerseits beschäftigt, ihn zu betrachten.

Er macht mir einen veränderten Eindruck, schwer zu beschreiben, in welcher Art verändert. Beinahe so, als ob er gar nicht er selber, sondern gewissermaßen sein eigener Doppelgänger sei: wesenlos, schattenhaft und sonderbar eintönig in allen seinen Äußerungen. Sind wir vielleicht beide Tote? durchzuckt mich ein kurioser Gedanke. Wer weiß denn, daß es nicht viel anders ist als bei Lebenden! Um den Hals trägt er ein rotes Tuch, wie ich das noch nie früher bei ihm bemerkt habe.

Er wendet sich halb nach mir um und flüstert seltsam heiser:

"Es nähert sich an. – Fast schon sind wir hier in der Küche John Dees."

Mich befällt es kalt vor dieser fremden Stimme, die klingt, als pfeife sie mißtönig durch eine silberne Kanüle. Es ist wie das quälend anzuhörende Sprechen eines Kehlkopfkranken, bevor es mit ihm zu Ende geht.

Lipotin wiederholt mit spöttischer Zufriedenheit:

"Es nähert sich an" ...

Ich höre nicht darauf. Verstehe nicht. Mich hält ein unbeschreibliches Entsetzen in Bann, und ohne zu überlegen, ohne meine eigenen Worte zu wissen, bevor ich sie fremd im Raume höre, stoße ich hervor:

"Sie sind ein Gespenst, Lipotin?"

Er dreht sich scharf um; seine Augen funkeln grünlich zu mir herüber. Er röchelt:

"Sie sind ein Gespenst, Verehrtester, soviel ich sehe. Ich, ich bin immer von derselben Wirklichkeit, die mir angemessen ist. Unter 'Gespenst' versteht man zumeist einen wiedergekehrten Toten oder einen Teil von ihm. Da jeder Lebendige nichts anderes als ein durch die Geburt wieder auf die Erde Zurückgekehrter, so ist also jeder solcher ein Gespenst. Oder? Durch den Tod geschieht nichts Wesentliches: leider nur durch die Geburt. Das ist das Malheur. – Aber wollen wir nicht von etwas Wichtigerem sprechen als von Leben oder Tod?"

"Sind Sie halsleidend, Lipotin? Seit wann?"

"Ach so; hm, das bedeutet ..." – ein entsetzliches Hüsteln unterbricht seine Rede; dann fährt er fort, sichtlich erschöpft: "Das bedeutet wenig. Sie erinnern sich doch meiner Freunde in Tibet? Nun, dann wissen Sie auch, was ich Ihnen damals sagte!" – wieder macht er, wie damals vor der Friedhofspforte, die unverkennbare Bewegung mit der Hand über den Hals.

Das rote Halsstuch! – schießt es mir durch den Sinn.

"Wer hat Ihnen den Hals durchgeschnitten?" stottere ich. "Wer sonst als der rote Metzgermeister? Ein rüchsichtsloser Fallott, das! Wollte mich im Auftrag seiner weitverzweigten Brotgeber umbringen. Hat aber im Rausch seines allzu gering bemessenen Denkvermögens vergessen, daß ich niemals Blut in den Adern gehabt habe. Hat sich darum vergebens, wenn auch nicht umsonst um Anerkennung bemüht. Hat mir lediglich einen Schönheitsfehler zugefügt. Pfffiii –" – trocken pfeift der Atem Lipotins durch die Kanüle und macht den Rest seiner Ansprache unverständlich. "Sie entschuldigen diesen Fehlgriff in der Melodie", sagt er, als er wieder zu Atem gekommen ist, und verneigt sich höflich gegen mich.

Ich bin unfähig zu antworten. Zu all dem ist mir, als sähe ich draußen hinter den blind angelaufenen Fensterscheiben das bleiche Antlitz der Fürstin hereinlauschen, und das eiskalte Entsetzen, das mich von hinten herauf beschleicht, will kaum der gewaltsamen aufgebotenen Ruhe und Besonnenheit meiner Nerven gehorchen. Rasch bitte ich Lipotin, in dem Sessel Platz zu nehmen, in dem ich sonst die Fürstin sitzen zu sehen gewohnt bin, und im stillen klammere ich mich an die lächerliche Hoffnung, daß der Besuch Assjas ausbleiben werde, wenn ihr Stuhl besetzt sei. Es scheint mir unmöglich, den Anblick von zwei Gespenstern zu gleicher Zeit auszuhalten zu können. Nur der Gedanke beruhigt mich ein wenig: also ich wenigstens bin nicht tot, sonst könnte ich nicht so genau unterscheiden, daß diese beiden da keine Lebendigen sind. – Aber Lipotin scheint zu erraten, was ich mir denke, denn er sagt unvermittelt:

"Können Sie wirklich nicht einsehen, Verehrtester, daß weder Sie noch so weit fortgeschritten sind, um zu wissen, ob wir gestorben sind oder nicht? Niemand in unserer Lage kann das wissen. Beweise dafür gibt es überhaupt nicht! – Daß wir die Umwelt sehen so wie früher, ist das ein Beweis? Es kann doch Einbildung sein! Woher wissen Sie, daß Sie in früheren Zeiten sich die gleiche Umwelt nicht auch eingebildet haben? Wissen Sie wirklich ganz genau, daß Sie und ich nicht ebenfalls im Automobil in Elsbethstein mitverunglückt sind, und daß Sie sich nur eingebildet haben, Sie hätten Ihre Braut im Friedhof bestattet? Könnte doch so sein! Oder? Was wissen wir, wer der Urheber einer Einbildung ist? Vielleicht ist die Einbildung der Urheber und der Mensch das Opfer! Nein, nein, das mit dem 'Leben nach dem Tod' ist ein wenig anders, als die sagen, die zwar nichts wissen, aber, wenn man ihnen widerspricht, es sogleich 'besser' wissen." – Dabei zündet sich Lipotin rasch eine neue Zigarette an; heimlich beschiele ich seinen Hals von der Seite her, ob nicht Rauch durch das rote Halstuch dringen werde ... Dann krächzt er wieder los:

"Eigentlich, Verehrtester, müßten Sie mit mir zufrieden sein! Das Übel, das ich mir zugezogen habe, ich denke, ich habe es in Ihren Diensten erworben! – Oder täusche ich mich, daß Sie mit dem Giftpulver der tibetanischen Menschenfreunde fertig geworden sind? Es wäre meine Ordenspflicht gewesen, dem vorzubeugen. Nun, wir haben eben beide Narben davongetragen, mein werter Gönner, die verdammt schlecht heilen. Die Ihrige sitzt zwar nicht am Hals, aber in dem Nervenzentrum, in dem der Gott des Schlafes wohnt. Das Ventil schließt nicht mehr recht, darum wissen Sie nicht, ob Sie tot sind oder nicht. Machen Sie sich nichts daraus: es ist nicht nur ein Defekt, sondern auch ein Loch ins Freie."

Ich habe mir ebenfalls eine Zigarette angezündet; es ist eine Wohltat, Tabak zwischen den Zähnen zu fühlen, wenn man das Fieber des Grauens meistern muß ... Ich höre mich fragen:

"Sagen Sie doch unumwunden, Lipotin, ich bin ein Gespenst, oder nicht?"

Er legt den Kopf schief; seine schweren Augenlider fallen ihm fast zu; dann hebt er den Oberkörper wieder ruckartig:

"Ein Gespenst ist nur der nicht, der das ewige Leben hat. Haben Sie das ewige Leben? Nein, Sie haben nur, wie alle Menschen, das unendliche Leben; das ist doch ganz etwas anderes! – Aber fragen Sie mich lieber nicht Dinge, die Sie nicht verstehen können, bevor Sie sie nicht besitzen. Verstehen kann man nur etwas, was man bereits hat. Durch Fragen ist noch nie einer reich geworden. Das, worauf Sie abzielen, ist doch: Sie wollen wissen, wieso Sie mit Phantomen verkehren!" – dabei schielt er über die Schulter zum Fenster hin, machte eine im Kreis herumfahrende Armbewegung. Ein Luftzug entsteht davon, und eine Wolke von Staub erhebt sich aus den Papieren meines Schreibtisches und mit ihr ein uralt dumpfer Hauch, daß mir wird, als höre ich das Krächzen aufgescheuchter Krähen und das Knappen von eisgrauen Turmkäuzchen.

"Ja, es ist wahr, Lipotin", fahre ich auf, "Sie wissen es ohnehin: ich verkehre mit Gespenstern ... das heißt: – ich sehe ... hier ... in diesem Stuhl, in dem Sie jetzt sitzen, ... täglich sehe ich da eine Gestalt ... ich sehe die Fürstin! – Sie kommt zu mir! Sie ist da, wann sie will ... sie verfolgt mich mit ihren Augen, mit ihrem Leib, mit ihrem ganzen, ganzen unentrinnbaren Wesen. Sie wird mich einfangen, wie die tausend Spinnen hier die Stubenfliegen. – Helfen Sie, Lipotin! Helfen Sie mir, helfen Sie mir, daß ich nicht ... daß ich nicht ..."

Der Ausbruch, so plötzlich, wie er über mich gekommen ist, einem unvorhergeahnten, ungewollten Dammbruch gleich, erschüttert mich derart, daß ich neben Lipotins Stuhl am Schreibtisch niedersinke und den alten Antiquar mit tränenverdunkeltem Blick anstarre wie einen geheimnisvollen märchenmächtigen Zauberer.

Er hebt den linken Augendeckel sehr langsam und holt so tief Rauch in die Lunge, daß ich wieder die Kanüle pfeifen höre. Dann, während Rauchwellen unterm Sprechen sein Gesicht in Nebel hüllen, röchelt er leise:

"Ganz zu Ihren Diensten, Verehrtester, denn" – – sein unruhiger Blick streift mich, – – "denn Sie besitzen ja noch immer den Dolch! Oder?"

Rasch greife ich nach dem Tulakästchen auf meinem Schreibtisch und lasse die verborgene Feder aufschnappen.

"Aha, aha!" brummt Lipotin und grinst, – "schon gut; ich sehe, wie sorgsam Sie das Erbgut des Hoël Dhat zu bewahren trachten. Aber immerhin möchte ich raten: wählen Sie einen anderen Ruheplatz für dieses Familienkleinod! – Ist Ihnen denn nicht selber schon aufgefallen, daß dies Kästchen eine gewisse ... sagen wir nicht: Verwandtschaft! – sagen wir bloß; eine gewisse Ähnlichkeit mit dem irdischen Kleid der von mir einst so hoch geschätzten Fürstin besitzt? Es empfiehlt sich nicht, die Symbole zu vermischen; es vermischen sich dadurch sehr leicht auch die Kräfte, die hinter ihnen stehen."

Ein Gewitter von halben Erkenntnissen wetterleuchtet mir durch die Seele. Ich reiße den Dolch aus dem Kästchen, als ob ich damit den Bann zerstören könnte, der mich seit Tagen, Wochen – oder Jahren? – gefangenhält. Aber Lipotin zieht die Stirne hoch auf eine Weise, daß mir im selben Augenblick der Mut wieder entsinkt, ihn, das Phantom, niederzustechen.

"Wir sind immer noch in den Anfängen der Magie, mein Gönner", spöttelt Lipotin und lacht dazu mühsam durch den Hals, obwohl wir sie vernachlässigen; nach Art der ungeübten Bergsteiger, die sich wohl tadellos ausstaffieren, aber die Wetterzeichen nicht beobachten; und inzwischen handelt es sich doch gar nicht um die Besiegung des Gipfels – damit quälen sich Asketen ab –, sondern um Überfliegung der Welt und ... des Menschentums."

Da gebe ich alle meine versponnenen Heimlichkeiten und Sorgen preis und sage fest:

"Sie werden mir helfen, Lipotin, ich weiß es. Damit Sie es jetzt erfahren: ich habe nach Jane gerufen mit allen Kräften meiner Seele. Aber sie kommt nicht! Statt ihrer ist die Fürstin gekommen!"

"Es kommt in der Magie immer nur das", unterbricht Lipotin, "was uns am nächsten ist. Und das uns Nächste ist stets das, was in uns wohnt. Darum ist die Fürstin gekommen."

"Aber ich will sie nicht!"

"Hilft nichts! Sie wittert das Erotische in Ihnen und in Ihrem Ruf."

"Um Gottes willen, ich hasse sie doch!"

"Gerade damit geben Sie ihr Nahrung."

"Ich verfluche sie ein den untersten Abgrund der Hölle, der ihre Heimat ist! Ich verabscheue, ich würge, ich morde sie, wenn ich nur könnte, wenn ich nur wüßte, wie ..."

"In diesem Feuer fühlt sie sich geliebt. Nicht ohne Grund, wie mir scheint."

"Sie glauben, Lipotin, ich könnte die Fürstin lieben?!"

"Sie hassen sie ja bereits. Ein hoher Grad von Magnetismus. Oder von Zuneigung, wie die Gelehrten übereinstimmend bezeugen."

"Jane!" schreie ich auf.

"Ein gefährlicher Anruf!" – unterbricht mich Lipotin warnend. "Die Fürstin wird ihn abfangen! Wissen Sie denn nicht, Verehrtester, daß die vitale Energie des Erotischen in Ihnen 'Jane' heißt? Ein netter Panzer aus Schießbaumwolle, in den Sie sich da gekleidet haben! Mag sein, er hält warm, aber ziemlich gefährlich ist er auch. Plötzlich kann er lichterloh brennen." Ohnmacht flimmert mir vor Augen. Ich greife nach Lipotins Hand:

"Helfen Sie mir, alter Freund! Sie müssen mir helfen!"

Lipotin schielt nach dem Dolch, der zwischen uns auf dem Tisch liegt, und brummt zögernd:

"Ich glaube, ich werde müssen."

Ein unbestimmtes Gefühl des Mißtrauens zuckt durch mein Gehirn, und ich lege die Hand auf die Waffe vor mir. Ich ziehe sie zu mir heran und lasse sie nicht mehr aus den Augen. Lipotin scheint es nicht im geringsten zu beachten und zündet sich eine neue Zigarette an. Aus einer Dampfwolke röchelt er hervor:

"Haben Sie einige Kenntnisse von tibetischer Sexualmagie?"

"Ja, ein bißchen."

"Dann werden Sie vielleicht wissen, daß eine Verwandlung des menschlichen Geschlechtstriebs in eine magische Kraft durch eine asiatische Praxis, die man 'Vajroli Tantra' nennt, möglich ist!"

"Vajroli Tantra!" murmle ich vor mich hin. Ich erinnere mich, einmal in einem seltsamen Buche über etwas Derartiges gelesen zu haben; ich weiß nichts Genaues darüber, aber ein inneres Gefühl sagt mir, daß es sich um etwas Schauderhaftes, dem menschlichen Gefühl direkt Entgegenlaufendes handeln müsse. Um ein Geheimnis, das nicht umsonst streng von allen bewahrt wird, die darum wissen.

"Ein Austreibungsritus?" frage ich geistesabwesend.

Lipotin schüttelt langsam den Kopf:

"Das Geschlecht austreiben? Was bliebe da vom Menschen übrig? Nicht einmal die äußere Form eines Heiligen. Elemente kann man nicht vernichten! Auch ist es ganz zwecklos, die Fürstin vertreiben zu wollen."

"Lipotin, es ist ja gar nicht die Fürstin, muß ich manchmal denken. Es ist ..."

Der gespenstische Antiquar meckert:

"Sie meinen: die pontische Isaïs ists?! Nicht übel! Nicht übel, wertester Freund und Gönner. Gar nicht so weit vom Ziel!"

"Ob pontische Isaïs oder Bartlett Greens schwarze Mutter aus dem schottischen Katzenblut, das gilt mir gleich! – Einmal ist sie ja auch als Lady Sissy zu dem gekommen, der ihr Opfer geworden ist."

"Sei dem, wie es sei", lenkt Lipotin ab; "was da vor Ihnen in diesem Lehnstuhl sitzt, den jetzt meine Wenigkeit einnimmt, – das ist mehr als ein Gespenst, mehr als eine lebendige Frau, mehr als eine sonst einst verehrte und nun seit Jahrhunderten vergessene Gottheit: es ist die Herrin des Blutes im Menschen, und wer sie besiegen will, der muß über das Blut hinaus sein!"

Unwillkürlich fasse ich mir mit der Hand an den Hals; deutlich fühle ich, wie die Schlagader stürmisch rast in Fieber, als ob sie mir mit Klopflauten etwas mitteilen wolle; – vielleicht ists ein wildes Frohlocken einer fremden Wesenheit in mir? Dabei blicke ich starr auf das scharlachrote Halstuch meines Gegenübers. Lipotin nickt mir verständnisvoll und freundlich zu.

"Sind Sie über das Blut hinaus?" flüstere ich.

Lipotin sinkt in sich zusammen, grau, uralt, hinfällig mit einemmal, und hüstelt mühsam:

"Über das Blut hinaus, Verehrtester, das ist beinahe dasselbe wie unter dem Blut hindurch. Über dem Leben und nie gelebt zu haben: sagen Sie selbst, wo ist da zuletzt der Unterschied? Es ist keiner, nicht wahr, – es ist keiner?"

Das klang wie ein Aufschrei, wie eine Frage aus kaum verhüllter Verzweiflung, wie Angst, die mit kalter Greisenfaust nach mir griff. – Aber, bevor ich diese unerwartete Frage mit Lipotins sonstiger Art zusammenzureimen vermag, streicht er sich schon durchs Haar, richtet sich in seinem Sessel wieder hoch, und sein unheimliches Lachen aus dem roten Halstuch hervor verwischt alsbald den seltsamen Eindruck in mir. – Er neigt sich zu mir herüber und keucht mit Nachdruck:

"Lassen Sie sich gesagt sein: im Reich der Isaïs und der Assja Chotokalungin ist man mitten im Leben des Blutes, aus dem es kein Entrinnen gibt, hier nicht und drüben nicht, weder bei dem werten Magister John Dee, noch bei John Roger, Esquire, noch auch bei – Ihnen, verehrter Gönner; richten Sie sich, bitte, danach."

"Und die Rettung?!" rufe ich und springe auf.

"Vajroli Tantra", antwortet mir, in Zigarettendampf gehüllt, ruhig mein Gast. Mir fällt auf, daß er jedesmal sein Gesicht auf diese Weise verbirgt, wenn er das Wort ausspricht.

"Was ist Vajroli Tantra?" frage ich brüsk.

"Die Gnostiker des Altertums haben es das 'Aufwärtsfließenmachen des Jordans' genannt. Was damit gemeint ist, können Sie leicht erraten. Aber es betrifft das nur die äußere Handlung, die obszön genug ist. Wenn Sie das dahinter verborgene Geheimnis nicht selber herausfinden können, bekommen Sie nur eine leere Nuß, falls ich es Ihnen mitzuteilen versuchen würde. – Die äußerliche Handlung ohne die innere ist eine Praktik der roten Magie; sie erzeugt nur ein Feuer, das man nicht löschen kann. Die Menschheit hat auch davon keine Ahnung; sie faselt nur bisweilen etwas von weißer und schwarzer Magie. Und das innere Geheimnis ..." – plötzlich, fast mitten im Satz geht die Rede Lipotins in ein rasches Gebet über, das, ohne Bedeutung hervorgestoßen, wie die Gebetsformel eines lamaistischen Mönches klingt. Es mutet mich an, als sprechen mit einemmal nicht Lipotin, sondern ein ferner Unsichtbarer aus seinem Halstuch hervor:

"Lösung des Verbundenen. Zusammenfügen des Getrennten durch Liebe. Liebe besiegt durch Haß. Haß besiegt durch Vorstellung. Vorstellung besiegt durch Wissen. Wissen besiegt durch Nichtmehrwissen: das ist der Stein der demantenen Leere."

Die Worte rauschten an mir vorüber; ich kann sie nicht haschen und nicht erfassen. Einen Augenblick ist mir, als lausche der Baphomet über mir. Ich senke das Haupt und will hören mit ihm, worauf er lauscht. Aber mein Ohr bleibt taub.

Als ich den Kopf wieder erhebe – mutlos –, da ist Lipotin aus meinem Zimmer verschwunden.

Ob er in Wirklichkeit bei mir gewesen ist?

Wieder ist "Zeit" vergangen, die ich nicht gemessen habe. Wohl habe ich alle meine Uhren aufgezogen, und ich höre sie emsig ticken, aber jede weist eine andere Stunde, denn ich wollte ihre Zeiger nicht richten, und es scheint mir für meinen seltsamen Seelenzustand ganz angemessen, daß jede mir eine andere Zeit zuteilt. – Tage und Nächte wechseln mir seit langem nur noch mit hell und dunkel, und daß ich geschlafen habe, weiß ich immer erst nach dem Aufwachen in irgendeinem Stuhl meiner Wohnung. Dann kann es ebensowohl sein, daß Nacht um mich her ist oder eine trübe, kalte Sonne durch die blinden Scheiben meiner Fenster hereintastet, die, anstatt Licht zu verbreiten, vielmehr die zahllosen bleichen Schatten in meinem Zimmer zu gespenstischem Leben ruft.

Ich weiß, es ist mir kein Beweis, ob ich lebe oder, wie es die Menschen nennen: gestorben bin, wenn ich jetzt niederschreibe, was ich vor kurzem erlebt habe mit dem Phantom "Lipotin", und doch tue ich es und will es weiter so halten. Vielleicht bilde ich mir nur ein, ich schriebe es auf Papier, und in Wirklichkeit ätze ich es nur ein in mein Gedächtnis. Worin besteht da im Grunde ein Unterschied?

Unergründlich ist der Begriff "Wirklichkeit", aber unergründlicher noch das "Ich". Wenn ich darüber nachdenke: was für ein Zustand meines Ichs war das, in dem ich mich befand in der Zeit, bevor Lipotin zu mir trat, angekündigt durch das Klingeln zweier Gassenjungen, so kann ich nur sagen: es war Bewußtlosigkeit! Und doch überschleicht mich jetzt das nicht wegzuschiebende Gefühl: Bewußtlosigkeit war es dennoch damals nicht! Ich kann mich nur nicht mehr erinnern, was es gewesen ist und was ich in jenem mir heute so urfremden Zustand erlebt habe. Wäre ich im Zustand des ewigen Lebens gewesen, wie hätte ich da aus der Ewigkeit in die Unendlichkeit des Lebens zurückkehren können? Nein, das ist unmöglich: Ewigkeit ist von Unendlichkeit getrennt, und keines kann über den Abgrund, der sie scheidet, hinüber und herüber fliegen. Vielleicht ist Jane in die Ewigkeit eingegangen und hört darum mein Rufen nicht! Ich rufe sie in der Unendlichkeit, und statt ihrer kommt: – Assja Chotokalungin!

Was war der Zustand, in dem ich mich befand? so frage ich mich wieder. Immer deutlicher scheint es mir: ich bin darin von jemand, der weit hinausgelangt ist über das Menschentum, unterrichtet worden in einem geheimen Wissen, für das mir irdische Worte fehlen, in Dingen und Geheimnissen und Mysterien, die mir dereinst vielleicht klar zu Bewußtsein kommen werden. Oh, hätte ich doch einen treuen Berater, wie einst mein Urahn John Dee, dessen Sein und Wesen ich geerbt habe, ihn in Gardener, seinem "Laboranten", besessen hat!

Lipotin ist nicht mehr wiedergekommen. Ich vermisse ihn auch nicht. Was er mir zu bringen hatte, das hat er mir gebracht, treulos und treu zugleich – ein sonderbarer Bote des Unbekannten!

Ich habe lange nachgedacht, was er mir geraten hat, und glaube dumpf zu ahnen, was das "Vajroli Tantra" in der Tiefe der Bedeutung besagt, aber wie finde ich den Weg, es in Praxis umzusetzen? Ich will mir Mühe geben, es herauszugrübeln, nur wollen mir die Worte Lipotins nicht aus dem Sinn, es sei unmöglich, fortzugehen aus dem Reich der Geschlechter ...

Weiterschreiben will ich von Tag zu Tag, was mir zustößt, aber kein Datum darübersetzen. Was hätte es für einen Toten für einen Sinn, sich an ein Datum zu halten?! Was geht es mich an, welche Übereinkunft die Menschheit da draußen mit dem Kalender getroffen hat! Ich bin mir in meinem eigenen Hause zum Spuk geworden. – –

Neugier befällt mich und zugleich grenzenlose Müdigkeit. Sind es Vorboten, daß Assja Chotokalungin kommt?

Die erste Nacht, die ich in klarem Bewußtsein durchlebe, liegt hinter mir.

Nein, es war kein Zufall, daß mich so tiefe Müdigkeit überfallen hatte! Aber in dieser Müdigkeit wuchs in mir der eiserne Entschluß hoch, den ersten Angriff zu wagen. Den Schlaf wollte ich überwinden, der da heranschlich, – den Mörder der "Schwerzuweckenden", – indem ich ihn wie Gift vertriebe durch Gegengift. Darum rief ich das "Gegengift": die Fürstin Chotokalungin; sie und nicht mehr Jane.

Aber sie kam nicht, wie ich es erwartet hatte. Sie gehorchte mir nicht. Sie blieb hinter dem Vorhang meiner Sinne. – Ich fühlte deutlich ihr Lauern hinter dem Vorhang ...

Am Ende war es gut so. Ganz besonders gut. Denn durch dieses Warten auf die Feindin konzentrieren sich alle meine Kräfte desto mächtiger auf sie; und ich fühlte von Herzschlag zu Herzschlag den Haß in mir wachsen, der den "Drachenblick" schärft, – – wie ich glaubte!

Doch in jener Nacht habe ich eine furchtbare Lehre empfangen dank dem Geschick, das mir diese Lehre rechtzeitig gab: Über sein Ziel hinauswachsender Haß schwindet!

Nur der Haß hielt mich wach in jener Nacht. Und nur zunehmender Haß erneute diese Wirkung des Wachhaltens, genau wie nur verdoppelte Dosis eines Giftes einen erschlafften Körpers wieder aufzupeitschen vermag. Dann aber stand ich vor dem Augenblick, wo mir die Kraft zu neuer Verdoppelung des Hasses versagte, und da begann der Haß zu schwinden wie Flugsand zwischen offenen Fingern. Und mit ihm verrann mein Wachsein in immer dichteren, immer näheren Nebeln des geistigen Zerfließens und der unbeschreiblichsten Müdigkeit, die eine Schwester ist allen trägen Verzeihens und Verzichtens und der unterschiedslosen Wollust. – Ob Assja bei mir war? Gesehen habe ich es nicht!

Die letzte Stunde vor Tagesanbruch bin ich halb besinnungslos von Stube zu Stube getobt. Nichts mehr aus den Geheimnissen und Vorschriften der Willensbeherrschung schien mir vertrauenswürdig und verläßlich genug. Elend und gedemütigt habe ich mich in herzklopfender Angst nur noch dem dumpf mechanischen Trieb überlassen, den Schlaf abzuwehren, der mir jeden Augenblick die Mohnmaske übers Gesicht zu stülpen suchte und mich vor Sonnenaufgang nicht besiegen durfte, – indem ich in rastloser Unruhe hin und her lief, um die Gewalt über meinen Leib nicht zu verlieren.

So, nur so hab ichs gezwungen, nicht als Wehrloser in die Fallstricke der lauernden Feindin zu fallen. –

Als die Morgenröte sich fahlgelb auf meinen Fensterscheiben malte, brach ich mitten in meiner krampfhaften Unrast zusammen und erwachte erst am späten Nachmittag wieder auf meiner Ottomane, zerschlagen am Leib und mit gebrochenen Kräften meiner allzu übermütig gewesenen Seele. – – Man kann also auch unterliegen und zugrunde gehen an übertriebenem Widerstand, begriff ich.

Ich habe drei Tage lang Zeit, mir diese Lehre einzuhämmern, kam mir ein innerer Wissen irgendwie zu Gefühl.

Da ich das Werk begonnen habe, muß ich es auch zu Ende führen: so lautete die Anweisung Lipotins ...

Lipotin! Stundenlang muß ich nachdenken über ihn und seine Absichten. – Ist er je mein Freund gewesen, als er mir so beflissen Ratschläge gab und mich auf Tantrarezepte hinwies? ... ??

Wann sind diese letzten Worte, die mit dem dreifachen Fragezeichen enden, von mir geschrieben worden? Die Zeit hat keine Statt mehr dort, wo ich bin. Die Menschen auf der besonnten Erde würden vielleicht sagen: es war vor drei, vier Tagen. Möglicherweise sind es ebensoviel Jahre ...

Für mich hat die Zeit keinen Sinn mehr; und ebenso keinen Sinn mehr hat das Schreiben. Darum sei es nun mit dieser Niederschrift getan, die das Vergangene aufbewahrt und das Vergangene zu seinem Ziel in der ewigen Gegenwart des Baphomet führt. – Und so, in der Klarheit des Endes wohnend, trage ich die Erzählung der letzten Irrtümer und erdhaften Geschehnisse ein.

Am dritten Abend nach jenem Tage des sieglosen Erwachens war ich zum andern Male "bereit."

Oh, wie gewitzigt kam ich mir vor, diesmal nicht mit dem "feuergefährlichen Panzer des Hasses" angetan, auf die Feindin zu warten. Mit stolzem Selbstvertrauen verließ ich mich auf meinen in Vajroli Mudra gestählten Willen und baute auf die Erkenntnis, die ich wähnte mir erworben zu haben in den letzten "drei Tagen", was den verborgenen Sinn dieser verhüllten Methode betrifft. Mit klarem Denken alles zu erfassen, das war mir nicht gelungen, aber mit Instinkt und Gefühl es zu durchschauen, glaubte ich, sei mir geglückt. Der Fürstin Assja Chotokalungin in Gleichmut, – ja nicht ohne Güte zu gedenken, war mein Bemühen. Nicht mit Strenge rief ich sie: ich lud sie ein zu gleichsam billigem Vergleich.

Sie kam – nicht.

Ich wachte; ich suchte sie wie das vorige Mal zu spüren, als die hinter dem Vorhang meiner Sinne lauernde Verführerin. Sie war auch dort nicht. Überall in den drei Welten lag ein sanftes Schweigen.

Ich übte Geduld, denn Ungeduld, das fühlte ich bald, wollte mich zum Haß verleiten, und auf diesem Kampfpatz war ich ihr nicht gewachsen.

Nichts geschah. Dennoch wußte ich: in dieser Nacht fällt die Entscheidung!

Wunderliche Bilder und Gedanken beschlichen mein Gehirn um die zweite Stunde nach Mitternacht; als sei meine Seele ein wasserheller Spiegel geworden, sah ich darin mit schmerzendem Mitgefühl Assja Chotokalungins Schicksal und sie selbst als erbarmungsloses Opfer inmitten an mir vorüberziehen: die einst so fröhliche Gastgeberin, immer zu Scherz und harmlosem Geplänkel geneigt, das verwöhnte Kind aus großem Hause, zur problematischen Frau erst geworden nach nervenzerrüttender Flucht aus den Klauen der bolschewistischen Tscheka, hinausgejagt in das Leben der Vertriebenen und Heimatlosen. Ein Schicksal unter vielen – gewiß! –, aber ein Schicksal mit welchem Wandel doch des Glücks und nach welchen Erlebnissen voll Grauen! Und trotz allem: im Grunde eine tapfere, unverwüstlich dem Leben zugewandte Frau, die eine dunkle Veranlagung – die Erbschaft wilden Blutes – zum beklagenswerten Opfer dämonischer Mächte gemacht und in ein frühes grausames Ende hinabgestoßen hatte! – Gebüßt, gebüßt war doch längst, was da an Erbschuld über sie verhängt gewesen sein mochte! Ein armes Medium war sie gewesen im schlimmsten Fall, so sagte ich mir, ein Medium durch Schicksalsverflechtung, die wir gerechten Menschen hinterdrein so gerne "Schuld" nennen. – – – Groß und gewaltig schoß da der Gedanke in mir auf: erlösen will ich sie durch die Stärke meines Willens, meines zuvor gesicherten Willens! Das soll der Sinn der geheimnisvollen Vajroli Mudra sein: einziehen will ich sie in mich, auf daß sie genese von allem Haß. Nicht hassen werde ich sie, aber auch nicht lieben, damit ich zugleich mit mir eine arme Seele befreien kann. – –

Das war die letzte Vorstellung gewesen, die mir aus dem Denken kam, denn gleich darauf lag Assja Chotokalungin neben mir und schaute aus den Kissen meines Bettes empor zu mir mit den Zügen und Blicken der glücklichen, siebzehnjährigen, jungfräulichen, verwöhnten Prinzessin aus dem Schlosse Jekaderinodar. – Und die unschuldige Kind umklammerte mich als ihren Retter; – und das Seltsamste war: als ihren Retter vor sich selbst, vor der Assja, die im bösen Bann der pontischen Isaïs als ihre verpflichtete Priesterin stand ...

Wie sonderbar, daß sie nicht zu wissen schien, sie sei selber jene Assja? Als Hilfesuchende an meiner Brust vor jener anderen gab sie sich ganz hin ...

Dann war der Sukkubus plötzlich verschwunden. Mein Leib war elend und schwach und entnervt wie nach unvorstellbaren, korybantischen Orgien, die ebensogut ein Jahr wie eine Nacht gewährt haben mochten, aber ich achtete es nicht, denn Melodien umklangen mich mit Äolsharfentönen. Worte fanden sich dazu und liefen wie süßes Gift durch mein Blut. Dann, wie ein Lied aus frühen Kindheitstagen, durchzitterte mich plötzlich ein Vers und ließ mich nicht mehr los:

Aus dem abnehmenden Mond –
Aus der silbertauenden Nacht – –
Schau mich an,
Schau mich an,
Die du immer mein gedacht – – –
Die du immer dort gewohnt! ...

Noch hatte ich diesen Reim auf unermüdlichen Lippen, da stand Lipotin am Fußende meines Lagers, reckte den rotumwundenen Hals wie ein durstiger Storch und lauschte und lächelte und nickte.

Dann sagte er leise, und die Worte klangen in der Kanüle wider gleich Schrotperlen, die auf eine Glasplatte träufeln, und die Luft zischte hörbar zur Seite unterm Halstuch hervor:

"Ehüm, Verehrtester, ehüm – – sind wir also doch der Schwächere gewesen?! Tut mir leid, wertester Gönner, tut mir aufrichtig leid. Aber ich kann nur dem Stärkeren dienen. Sie wissen, es ist das eine meiner Charaktereigentümlichkeiten. Ich kehre mit Bedauern zur Gegenpartei zurück. Ihnen das zu sagen, ist alles, was ich tun kann. Sie werden dieses Maß von treuer Gesinnung zu würdigen verstehen! – Nach landläufigen Begriffen sehe ich Sie – 'verloren'. Nichtsdestoweniger beglückwünsche ich Sie zu Ihrem Sieg als ... ehüm ... als Kavalier! – Gestatten Sie, daß ich mich hiermit von Ihnen verabschiede; das Geschäft ruft, so glaube ich wenigstens. Wie ich im Kaffeehaus gehört habe, soll ein reicher Fremder aus Chile die Ruine Elsbethstein gekauft haben. Vielleicht sind noch andere altertümliche Dolche dort vergraben. Doktor Theodor Gärtner soll der Herr heißen. Habe den Namen übrigens nie gehört. Also, Verehrtester!" – er winkte mir mit der Hand – "also: sterben Sie wohl!"

Ich war unfähig, mich zu erheben, unfähig zu irgendeiner Antwort. Las noch von seinen süßen Lippen die Worte: "Die Dugpas lassen Sie bestens grüßen", dann verbeugte er sich zeremoniell an der Türe, und ich glaubte in seinen Augen alles höhnische Triumphleuchten der Hölle gesehen zu haben, das die menschliche Phantasie sich nur auszumalen vermag.

Ich habe Lipotin niemals wiedergesehen.

"Theodor Gärtner!" – Das war das erste Wort, das mich aus meiner Betäubung emporriß. Theodor Gärtner? Er ist doch im Stillen Ozean ertrunken! Oder bin ich wahnsinnig gewesen, als Lipotin seinen Namen nannte? ... Von Schwäche und Schwindel ergriffen, fiel ich immer wieder auf mein Lager zurück, und als ich mich endlich doch mit unsäglicher Mühe erhob, stand in mir die Überzeugung fest, daß das Spiel verloren und ich einem Untergang, unbekannt welcher Art und nur desto grausiger auftauchend aus den Tiefen meines Ahnungsgefühls, unrettbar verfallen war. Die Totenmaske meines Vetters John Roger schwebte für eine Sekunde vor meinem innern Blick.

Oh, wie unsäglich leicht, wie lächerlich mühelos hatte mich die dämonische List der schwarzen Isaïs besiegt! – –

Unnötig, den Abgrund der Schmach, der betrogenen Eitelkeit männlichen Kraftgefühls und, schlimmer als das: den Abgrund der eigenen Dummheit zu schildern, der mir entgegengähnte.

Sollte ich Jane rufen? Ich fühlte, wie mein Herz flehte, ich möchte es tun, aber ich überwand mich und schwieg. Ich darf sie nicht stören im Reich des ewigen Lebens, denn vielleicht könnte es doch sein, daß sie mich hört, sagte ich mir. Vielleicht störe ich sie auf in einem Traum, sie sei für ewig dort vereint mit mir, – vielleicht reiße ich sie herab durch meinen Schrei in die Erbarmungslosigkeit des unendlichen Lebens fern von dem ihrigen, herab in den Bannkreis der Erde, wo die Liebe nichts vermag und der Haß alles.

So blieb ich regungslos hingestreckt, zurückgesunken wieder auf mein Bett, und erwartete die Nacht. Heller als sonst schien lange noch die Sonne in mein Zimmer, und ich dachte bei mir: wäre ich doch wie Josua, der sie hat stillstehen gemacht. – – –

Wieder um die zweite Stunde der Finsternis lag Assja bei mir, und alles spielte sich ab genau wie in der Nacht vorher. Auch die Selbstbelügung faßte mich wieder, ich sei ein Erlöser ... und alles, alles andere! ...

Von nun an gehörte die Liebe meiner Sinne ganz und gar dem Sukkubus. Und der verzweifelte Kampf meiner Seele und meiner Vernunft mit dem Lockgespenst dieser meiner vergifteten Sinne ließ mich alle Martern und Qualen der Anachoreten und Heiligen, die das entsetzliche Prüfungsfeuer der Versuchung erlitten haben als immerwährenden Tod des Verdurstens, ohne Barmherzigkeit auskosten bis auf jenen letzten Grund, wo entweder das Gefäß in Scherben geht oder Gott selber den Kerker zerschlägt. Gott ließ mich den Kerker im allerletzten Augenblick zerschlagen; aber ich werde in kurzen Worten aufzeichnen, wie das geschah. Zuvor kam die Hölle.

In allen Gestalten kam Assja Chotokalungin – auch bei Tag – in allen Reizen und betörenden Kräften ihrer wilden und zarten Seele und mit allen Lockungen ihrer einer königlich nackten irdischen Schönheit immer leuchtender entwachsenden Herrlichkeit.

Assja Chotokalungin war allerorten. – Ich fand nach unsäglichen Mühen gewisse Worte der Bannung, und da verließ sie mich mit der Schwermut der unverstandenen Geliebten, ohne Vorwurf, nur Verzeihung erbitternde Trauer in den Augen; es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, mein Herz zu verhärten und diesen Blick um Erlösung standzuhalten ...

Doch bald darauf wurde sie sichtbar in allen Dingen um mich her, die spiegelnd das Licht zurückwarfen: in der Politur der Schränke, in der Wasserfläche meines Trinkbechers, im Glanz einer Messerklinge, in den opalblinden Fensterscheiben, im Schimmer der Karaffen, in den Prismen meines Kronleuchters und in der Glasur der Ofenkacheln. – Verhundertfacht war meine Qual, denn Assja war wie zurückgewichen in eine andere Ebene meiner Sinne und dennoch beständig in sengender Nähe. Hatte ich sie vorher zu vertreiben gesucht mit meinem Willen, so kehrte sich mein Wille jetzt um in mir und – – ich sehnte mich nach ihr: ich wurde zerrissen von zwiespältigen Sehnsüchten, von denen die eine sie wegwünschte, die andere sie herbeiflehte ...

Da trat ich, übermannt von brennender Sinngier, vor den florentinischen grünen Spiegels Lipotins, den ich bis dahin mit einem Tuch und abgewendeten Gesichtes verdeckt gehabt aus dumpfer Angst, Assja könnte mir daraus leibhaftig entgegentreten, wie einst Theodor Gärtner, – enthüllte ihn und blickte, nicht länger mehr Herr meiner selbst, hinein:

Sie stand darin wie lebend, breitete die nackte Brust nach mir, und ihre Augen flehten um Gnade mit dem süßen Blick der himmlischen Jungfrau. Ich fühlte mit Grauen und Entsetzen: dies muß mein Ende sein! –

Mit letzter Kraft raffte ich mich auf und schlug in wildem Grimm und in Verwirrung zugleich mit geballter Faust in das Glas, daß es in tausend Splitter zerklirrte.

Doch mit den Scherben drang mir ihr Bild vielhundertfach durch Wunden ins Blut und sengte und brannte darin wie Nesselfeuer. Und in den spiegelnden Flächen der zerborstenen Scheibe auf dem Boden verstreut rings um mich her: Assja, Assja, die Nackte, die Saugende, Verzehrende, Gierige, zahllos vervielfacht. Und sie löste sich von den Bildern wie eine Badende, die aus dem Wasser steigt, trat lächelnd von allen Seiten wie ein Sirenenheer der Verführung auf mich zu mit dem wohligen Atem ihrer hundert Leiber ...

Die Luft um mich wurde zum Geruch ihrer Haut, und das war das traumhaft Süßeste, Versengendste und Frühlingslieblichste, was ich mich entsinnen kann, je in meinem Leben eingesogen zu haben. – Ein Kind weiß, wie Gerüche betäuben und selig einschlafen machen ...

Und dann, dann fing Assja-Isaïs an, mich einzuhüllen in ihre Aura, in ihren Astralleib. Unverwandt schaute sie mich an mit dem funkelnden Unschuldsblick des Reptils, das es für die Pflicht seiner Art hält, zu töten ... Sie drang mir mit der Essenz ihres Wesens unter die Haut und umwuchs mich, durchwuchs mich. – Wo war da noch Rettung, Abwehr, Widerstand!

Abermals sank ich in den Zauberbann der Melodie, die von innen und außen her in mein Ohr drang:

Aus dem abnehmenden Mond,
Aus der silbertauenden Nacht
Schau mich an – – –

Ich fühlte: es ist mein Sterbelied ... da riß ein jäher Gedanke mich vom Rande des Grabes zurück, das die Schwelle der "achten Welt" genannt wird von den Wissenden und vollkommene Zerstörung bedeutet, – der Gedanke: noch habe ich den Dolch meiner Ahnen, der Hoël Dhats! ...

Ob wohl ein Gedanke Feuer erzeugen kann? Feuer schläft rings um die Menschheit her, verborgen, unsichtbar, und doch überall. Ein geheimes Wort vielleicht, und ... im Nu kann es erwachen und die gesamte Welt verschlingen.

Als habe der bloße Gedanke an den Dolch das Feuer gerufen, so schlug urplötzlich aus dem Boden vor mir eine Flamme auf, riesenhaft, zischend wie explodierender Mehlstaub, daß das ganze Zimmer in Glut getaucht war ... Mitten hinein habe ich mich gestürzt: hindurch, nur hindurch, und sollte ich lebendig verbrennen! Hindurch: den Dolch will ich fassen und haben! –

Wie ich hindurch gelangt bin durch diese Mauer von Feuer, ich weiß es nicht, aber hindurch bin ich gekommen in mein Schreibzimmer! Habe den Dolch aus dem Tulakästchen gerissen. Hab seinen Griff umklammert, wie einst John Dee, als er bereits im Sarg gelegen. Habe den Bartlett Green, der vor mir aufschoß und ihn mir entwinden wollte, zurückgestoßen mit einem Hieb, der ihm das gräßliche Birkauge traf, daß er taumelnd zurücksank ... Bin die Treppe hinabgerast durch ein Funkenmeer und erstickenden, würgenden Rauch. – – Hab mich mit der vollen Wucht meines Körpers gegen die verschlossene Türe geworfen, daß sie krachend aus der Füllung flog ...

Kalte, frische Nachtluft wehte mir entgegen. Mein Bart und mein Haupthaar versengt; die Kleider kohlten und glimmten.

Wohin? Wohin soll ich mich wenden?

Hinter mir höre ich donnernd brennende Balken stürzen, ergriffen von dem übernatürlichen, magisch erweckten unlöschbaren Feuer ... Nur fort, nur fort von hier! Den Dolch halte ich fest in der Hand. Mehr gilt er mir als irgendein Leben in dieser oder in jener Welt – – da: vor mir steht wie eine Vision und will mich aufhalten vor meinem Sprung in die Rettung: die königlich milde Frau, die ich gesehen habe als Erscheinung in den verwilderten Parkgründen von Elsbethstein, und jubeln will ich:

Das ist Elisabeth, die Königin in meinem Blute, die Elisabeth John Dees, die holdselig Wartende und Gesegnete! – – und ich sinke nieder vor ihr auf die Knie, unbekümmert, ob das Feuer der Dugpas nach mir greift ... Da als ginge vom Dolch in meiner Faust ein erkennender, durchschauender Gedanke in mein Hirn über: klar weiß ich und plötzlich kalt bewußt: eine Maske ist es, ein Irrlicht, ein Bild nur, gestohlen von den Trügerischen der Finsternis, vorgestellt, hingespiegelt, um mich zurückzureißen ins Verderben ...

Die Augen geschlossen, habe ich mich durch das Phantom gestürzt. Bin gerannt wie ein Gehetzter von der wilden Jagd; ergriffen und erhellt von einer leuchtenden Ahnung: hin, hin nach Elsbethstein! Gezogen bin ich – Flügel an den strauchelnden Füßen, gehalten, beschirmt von unsichtbaren Händen, ohne den furchtbaren Lauf meines Körpers zu hemmen, ohne das Bersten der Pulse zu achten, bis ich oben stehe auf der Zinne der Burg ...

Hinter mir: der Himmel wie Blut, als lohe die ganze Stadt unter dem Feueratem der Hölle ...

So zog einst auch John Dee, der Ruhelose, von Mortlake, und hinter ihm brannte seine Vergangenheit mit allen ihren Würden und Werten, mit allen ihren Irrtümern und allen ihren Verdiensten: so zieht es mir durch den Sinn.

Eins aber besitze ich, was er verloren hatte: den Dolch! – Heil ihm, meinem Ahnen John Dee, daß er in mir wieder auferstanden ist und "Ich" sein kann.

Burg Elsbethstein

"Hast du den Dolch?"

"Ja."

"Das ist gut."

Theodor reicht mir beide Hände hin. Ich ergreife sie, nicht anders, als wie ein Sinkender nach der Hand des Retters faßt. Und sogleich fühle ich den belebenden Strom von Wärme und Güte, der von ihnen auf mich überfließt; und die Angst, die mich eng wie ein Mumienleib umwickelt hält, beginnt sich zu lockern.

Ich sehe einen Schein von Lächeln in den Zügen meines Freundes:

"Nun, hast du die schwarze Isaïs besiegt?" – die Frage kommt wie nebensächlich und ohne jeden beunruhigenden Unterton aus seinem Munde; dennoch umdröhnt sie mein Ohr wie die Posaune des Gerichtes, und ich beuge mich tief.

"Nein."

"So wird sie auch hierher in unser Reich kommen, denn sie ist beständig da, wo sie noch ein Recht einzufordern hat."

Die Bänder der Angst ziehen wieder an: –

"Unmenschliches habe ich versucht!"

"Ich kenne deine Versuche."

"Meine Kraft ist zu Ende."

"– Und du hast wirklich geglaubt, daß schwarze Kunst die Verwandlung bewirkt?"

"Vajroli Tantra?!" – rufe ich und starre Theodor Gärtner an.

"Ein letzter Gruß der Dugpas, dich zu zerstören! Wenn du wüßtest, welche Kraft dazu gehört, Vajroli Tantra zu üben, ohne zugrunde zu gehen! Nur Asiaten bringen so etwas fertig! – Genug, daß du zweimal gereichtes Gift überstanden hast. Das hast du aus eigener Kraft getan, und darum bist du der Hilfe wert."

"Hilf mir!"

Theodor Gärtner wendet sich und winkt mir, ihm zu folgen.

Jetzt erst öffnen sich gleichsam meine äußeren Sinne langsam der Umgebung, in der ich mich vorfinde.

Das ist ein Turmgemach. In der Ecke ein mächtiger Kamin und davor der große Herd der alchimistischen Laboranten. Ringsum der ganze Raum erfüllt von Regalen, auf denen die Utensilien und Werkzeuge der Meister in dieser Kunst ordentlich und rein umherstehen.

Ist das John Dees Küche? Langsam dämmert mir die Erkenntnis: ich bin "drüben" im jenseitigen Reich der Ursachen. Der Raum hier ist dem irdischen so ähnlich und unähnlich zugleich, wie das Gesicht des Kindes dem des Greises gleicht. – Beklommen frage ich:

"Sag mir offen, Freund, bin ich tot?"

Theodor Gärtner zögert eine Weile, lächelt dann verschmitzt und sagt doppelsinnig:

"Im Gegenteil! Jetzt bist du ein Lebendiger." – Er ist im Begriff gewesen, den Raum zu verlassen, und lädt mich nun mit einer Bewegung seiner Hand ein, ihn zu begleiten.

Wie ich so an ihm vorüberschreite, er die Türklinke hält, begegnet mir mit ihm das gleiche, was mir zuvor den Raum so altbekannt und vertraut hat erscheinen lassen: mir ist, als ob ich dieses Gesicht schon früher, viel, viel früher als in diesem Leben gesehen haben müßte. – – Doch lenken mich alsbald andere Eindrücke von erneuten Grübeleien ab. Wir gehen über den Schloßhof der Burg. Nirgends Spuren des Verfalles, nirgends das bekannte Bild der Ruine. Auch nirgends, so scharf ich auch Ausschau halte, Spuren der heißen Sprudel und ihrer gemauerten Fassung. Ich staune und kann einen fragenden Blick auf meinen Führer nicht unterlassen. Er nickt lächelnd und erklärt mir:

"Elsbethstein ist ein uraltes Stigma der Erde. Hier fließen seit Erdäonen die Quellen irdischen Schicksals. Aber die Quellen, die du einst gesehen hast, waren nur Vorzeichen dafür, daß wir wiedergekommen sind und Besitz genommen haben von altem Wohnrecht. Die heißen Wasser, auf die sich schon die blinde Gier der Menschen zu stürzen gedachte, sind wieder versiegt. Was jetzt hier los ist, daß bleibt den Menschen unsichtbar; sie haben Augen und – sehen nicht."

Staunend blicke ich umher. Hohe Walmdächer schließen die vertrauten Umrisse der ehemals leeren Mauern der Wohnburg ab. Schöne Hauben krönen die Türme und Warten, und all das nicht wie neuerbaut und wiederhergestellt, sondern von dem stillen, unberührten Hauch und der natürlichen Verfärbung des Alters umzogen. "Dies soll die Stätte deines Wirkens werden, wenn ... wir beisammen bleiben", sagt mit flüchtiger Bewegung der Hand Theodor Gärtner und wendet sich ab. Trotz der scheinbaren Gleichgültigkeit seiner Worte zieht Beklemmung wie eine dunkle Wolke durch meine Brust.

Dann führt mich mein Freund in den alten Garten zwischen Burg und äußerem Mauerkranz.

Weit draußen sehe ich wieder den schönen Strom und das gedehnte, fruchtbar gebreitete sonnige Land, das ruhend gebettet liegt, – aber Garten und Fernsicht gemahnen mich stürmisch an Uraltbekanntes hinter dem Sichtbaren, so, wie uns allen ja das Erlebnis bekannt ist, daß wir plötzlich angesichts irgendeiner Geländelinie, einer gleichgültigen Begebenheit oder irgendeines Gesprächs schmerzlich gewaltsam meinen müssen: das haben wir schon einmal erlebt, schon einmal viel intensiver genossen.

Und plötzlich bleibe ich stehen, fasse Theodor Gärtners Hand und rufe:

"Das ist Mortlakecastle, wie ich es im Kohlenstein gesehen habe, und es ist es auch wieder nicht! – Denn es schimmert nur hervor aus Elsbethstein, aus der Ruine über dem Strom, auf der du der Herr bist. – Und du bist auch nicht Theodor Gärtner allein, sondern ..."

Da legt er mir fröhlich lachend die Hand auf den Mund und führt ich in das Haus zurück.

Dann läßt er mich allein. Wie lang? Ich weiß es nicht zu sagen. Mir ist, wenn ich auf diese Zeit der einsamen Ruhe zurückblicke, als hätte ich auf mir unfaßbare Weise Fuß gefaßt in einer Heimat, die mir fremd geworden war seit Äonen.

Ich weiß von jener Rückschau her nichts zu sagen über den Ablauf von Zeit. Tageslauf unterschied ich später wohl, denn einmal lag Sonne über dem magischen Kreisgang unserer Gespräche und einmal Nacht, und es warfen duftende Wachskerzen große Schatten an hohe, rätselhaft verschwebende Wände. – –

Es mochte wohl zum drittenmal Abend geworden sein oben auf Elsbethstein, da unterbricht Theodor Gärtner ein langes Gespräch über freundliche, im ganzen aber unbedeutende Dinge. Von ungefähr, als handle es sich um die gleichgültigste und unwichtigste Sache der Welt, bemerkt er plötzlich:

"Nun wird es Zeit, daß du dich bereit hältst."

Ich schrecke auf. Unbestimmte Angst kriecht mich an.

"Du willst sagen ... das heißt ...?" – stottere ich hilflos. "Drei solche Tage hätten auch Simson genügt, seine abgeschnittenen Haare sich erneuern zu lassen. Schau in dich! Deine Kraft ist bei dir!" – Theodor Gärtners langer, so gänzlich unbesorgter Blick gibt mir fast sofort eine wunderbare Ruhe. Ich folge, ohne zu verstehen, seiner Aufforderung und schließe die Augen zur Sammlung. Kaum habe ich es getan, da erblicke ich mit dem innern Gesicht den Baphomet über mir, und das weiße, kalte Licht des Karfunkels blendet mich.

Von da an bin ich ruhig und mit meinem Schicksal einverstanden, mag es mich nun zu dem erschauten Siege geleiten oder mich vor den Augen der Unbeirrbaren verwerfen.

Ich frage gelassen:

"Was soll ich tun?"

"Tun? – Du sollst können!"

"Wie gelange ich zu diesem Können?"

"Zum Können gelangt man nicht durch Fragen oder Wissen in den Bereichen, in denen man seinem Schicksal begegnet. – Tue – ohne zu wissen."

"Ohne vorher zu wissen, was ich tun soll? Das ..."

"Das ist das Schwerste." – Theodor Gärtner steht auf; er gibt mir die Hand ... sagt wie zerstreut:

"Der Mond steht über dem Horizont. – Nimm die Waffe, die du dir wiedergewonnen hast. Geh hinunter in den Park. Dort wird dir begegnen, was dich von Elsbethstein vertreiben will. Wenn du die Wallmauer durchschreitest, findest du den Weg nach Elsbethstein nicht mehr zurück, und wir sehen uns nicht wieder. – Doch ich hoffe, daß es nicht so enden wird. Geh jetzt. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe." – – Er wendet sich mit keinem Blick nach mir zurück, als er sodann in die Dunkelheit des Raumes hineinschreitet und hinter flackernden Wandleuchtern verschwindet. Ich glaube, fern eine ins Schloß fallende Tür zu hören. – Dann ist Totenstille um mich her, und ich horche auf den Sturmschlag meines Herzens.

Soeben tauchte der Mond über eines der Burgdächer hervor, das zu dem großen Fenster hereinsieht.

Ich stehe im Burggarten, fest in der Faust den Dolch des Hoël Dhat und dennoch nicht wissend, wozu er mir dienen soll, und schaue in die Sterne. Sie schweben in der stillen Luft ohne jedes Flimmern, und diese unerschütterliche Ruhe im Weltenraum sinkt auf mich nieder mit spürbarer Kraft. Mit nichts ist mein Geist beschäftigt als mit der Abwehr des Fragens.

"Magie ist Tun ohne Wissen." – Der Sinn dieser Worte meines Freundes durchdringt mich, und auch aus ihnen kommt eine große Ruhe.

Wie wäre es möglich zu sagen, wie lange ich auf der zauberhaft von Mondlicht durchhellten Wiese gestanden bin! – Fern oder nah, schwer in dem smaragdenen Halblicht zu unterscheiden, steht eine mächtige Baumgruppe, zu schwarzer Masse geballt.

Von dieser Baumgruppe her kommt plötzlich ein schwankender Schein.

Er ist wie durchsichtiger Nebel, dem das Mondlicht lebendig wechselnden Schimmer verleiht. Mein Blick läßt die Erscheinung nicht mehr los: es ist eine Gestalt, leicht und bald zögernd, bald bewegter durchs Gebüsch schreitend, – sie ist dieselbe, die schon einmal, im heißen Mittagslicht, fernvorbei an mir ihr sehnsuchtsweckendes Bild gezeigt hat! Das ist der königliche Gang, das ist die unbeschreiblich geheimnisvolle Majestät der erwarteten Herrin von Elsbethstein: Königin Elisabeth, die Rätselvolle! – –

Und wie angezogen von meinem aufbrennenden Wunsch, kommt die Erscheinung näher; – vergessen und ausgelöscht ist in mir im Nu jegliche Erinnerung an die Absicht und den Zweck meines Weilens auf der nächtlichen Wiese des Gartens. Mit einem innern Jubelruf, dessen herzzerreißende Stärke in mir selbst wohl nicht mehr völlig zum Bewußtsein kommt, eile ich, bald beschleunigten Schrittes, bald wieder zögernd vor Bangigkeit, das allzu holdselige Bild möchte sich vor meiner Annäherung zurückziehen, in Nebel auflösen, sich als Trug meiner Sinne erweisen, – der Erscheinung entgegen.

Aber sie bleibt.

Sie zögert bei meinem Zögern, sie eilt bei meiner Beeilung – und dann steht die Majestätische, die Mutter, die mir übers Blut hinaus bestimmte, die Göttin John Dees, des Ahnherrn, vor mir und lächelt Verheißung und die Erfüllung uralten Sehnens.

Jetzt breite ich die Arme aus. Jetzt nickt sie lächelnd, ich möge ihr folgen – – jetzt streift ihre schmale, silberübergossene Hand den Dolch in der meinigen, und meine Finger wollen sich öffnen, ihr zu geben, was ihr gebührt als Geschenk.

Da blitzt ein anderer Glanz als Mondlicht von oben herein über mich. ohne Besinnen weiß ich den Baphomet über mir und den Kronkarfunkel: er blendet mich nicht, sondern ergießt sein ruhiges, kaltes, scharfes Licht. Zugleich geht ein Lächeln über die Züge der geheimnisvollen Herrin dicht vor meinem Gesicht, aber ich fühle, wie dies verzehrende, unaussprechliche Wonnen auf die Jahrtausende hinaus verheißende Lächeln einen heimlichen Kampf kämpft mit dem eisklaren Glanz des Karfunkels über mir. – Und an diesem unsäglich winzigen Lächeln der Siegesgewißheit stutzt für die Dauer eines Fittichschlags der Engelboten Gottes mein Geist, und ich wache auf aus Betäubung, – sehe, daß mir die Gabe des raumlosen Blickes verliehen ist, daß ich schauen kann, vorwärts und rückwärts im Raum wie der doppelhäutige Baphomet. Und ich sehe Frau Welt vor mir mit arglistigem Lächeln und mit dem gestohlenen Antlitz der Heiligen, – sehe sie von rückwärts aufgerissen und vom Nacken bis zu den Fesseln ihrer Füße nackt und als ein wimmelndes Grab von Nattern, Kröten, Lurchen und eklem Ungeziefer. Und während von vorn Wohlgeruch und alle Lieblichkeit und Hoheit der Göttin sich in Gestalt und Zügen abspiegeln, dringt Fäulnisgeruch aus ihrer mir abgekehrten Seite und das unauslöschlich der Seele mit unnennbarem Grauen sich einprägende Geheimnis der hoffnungslosen Verwesung. – – –

Da greift meine Hand den Dolch fester, und mein Auge und mein Herz werden leichter und froh. Freundlich sage ich zu dem Gespenst:

"Gehe, Isaïs, vom Feld der Beschwörung! – Zum zweitenmal betrügst du einen Enkel des Hoël Dhat mit der Gestalt der erwählten Herrin nicht! Gib das Spiel auf und laß dir genügen, daß du einmal im Park von Mortlake Meisterin geblieben bist. Der Irrtum ist gesühnt!"

Und indessen ich noch so spreche, geht ein Heulen und Sausen über die Wiese von einem unversehenen Windstoß, und der Mond tritt bleigrau hinter Wolken. Aus dem Windstoß scheint ein verzerrtes Gesicht in wild verzogenen Umrissen vorbeizuwirbeln, mir in Kniehöhe, einen gräßlichen Wutblick von unten herauf mir ins Gesicht bleckend, – und ein roter Bart fegt mir im Wind um die Haut; ich erkenne den alten Kameraden, Bartlett Green, den ersten Versucher John Dees.

Ein wilder Spuk bricht los. Die schwarze Isaïs wandelt blitzschnell Gestalt um Gestalt, immer verführerischer die eine als die andere, immer nackter, immer schamloser verausgabend ihre letzten Hilfskräfte. Aber immer wirkungsloser, immer elender und armseliger sich hinabwälzend in die jämmerlichen Harlekinaden der Dirne. – –

Dann Friede in der Luft und Stille über mir und das klare unbewegte Leuchten der Sterne. Aber als ich mich umsehe, da finde ich kaum einen Schritt von dem kleinen Pförtchen, das in die Mauer gebrochen ist und von wo der Pfad rasch und jäh hinaus und hinab in die Fremde führt.

Da erst kommt mir zum Bewußtsein, wie nahe ich schon der Grenze gewesen bin, die nach Theodor Gärtners Wort auf ewig die Welt von Elsbethstein abschneidet von der Welt der schwarzen Isaïs. Denn indessen ich geglaubt hatte zu stehen, hatte die Dämonin mich gezogen; und es war der allerletzte Augenblick gewesen, daß die Gnade des Baphomet mich zurückhielt und rettete. – Wohl mir, daß ich seiner würdig erachtet bin! – –

Vor mir steht Theodor Gärtner wieder und nennt mich: Bruder.

Ich höre ihn sprechen, und wenn auch viele Worte untergehen in dem Brausen des Jubels, der in mir ist, so verstehe ich doch alles, was er sagt und befiehlt. – Ich fühle: vor mir dehnt sich die güldene Kette von Wesen des Lichts, und ein Glied wird gelöst, um mich, das neue Glied, einzufügen. Ich weiß auch: es ist kein symbolischer Ritus, wie er als Abglanz von den Menschen des irdischen Schattenreichs da und dort in Konventikeln als "Mysterium" vollzogen wird, sondern es ist ein wirkendes, lebendiges, lebenspendendes Begebnis in einer andern Welt. – – "Aufgenommen, berufen, erwählt wirst du sein, John Dee!" – so schlagen im ruhigen Gesang meines Blutes die Pulse. – – –

"Breite die Arme aus, Aufrechtstehender!"

Ich breitete die Arme waagrecht.

Gleich darauf sind die Hände da, von rechts und von links, die nach den meinen fassen, und ich spüre mit hohem Glück, wie die sichere Kette sich schließt. Zugleich mit diesem Glücksgefühl erfahre ich tief im innersten Gewissen seinen Grund: wer in dieser Kette steht, ist unverletzbar; ihn trifft kein Hieb, ihn drängt keine Not, daß nicht Ungezählte in der Kette von diesem Hieb und von dieser Not mitgetroffen würden. Und so verteilt sich über tausendfache Kraft, über tausendfach erprobte Wehr – der Hieb, die Not, alles Gift der Dinge und der Dämonen ...

Noch während dies herrliche Wonnegefühl des für immer Geborgenseins und der Verbundenheit mich überrascht und mit noch zunehmenden Schaudern mich beglückt, ist eine Stimme im Saal, die sagt:

"Leg ab das Kleid deiner Straße!"

Iuch gehorche mit Freuden. Wie Zunder fallen die noch vom Brande meines irdischen Hauses versengten Kleider der Straße. Wie Zunder. – Ein flüchtiges Verwundern und Besinnen in mir: so fallen die Kleider der Straße, einerlei, zu welchem Ziel die Straße geführt hat! Wie Zunder sind einst auch die Kleider der Fürstin Chotokalungin zerfallen ...

In diesem Augenblick trifft ein kurzer Schlag wie von einem leicht geschwungenen Hammer meine Stirn. Er schmerzt nicht; eher wohltuend ist er, denn mit einem Male sprühen Lichtgarben aus meinem Hinterhaupt hervor ... endlose Lichtgarben, die den Himmel mit Sternen füllen ... und der Blick in dieses Sternenmeer von Licht ist Seligkeit ...

Widerwillig nur und zögernd kehrt mir die Besinnung wieder.

Weiße Gewänder umhüllen mich. Ein Lichtstrahl trifft von unten her auf meinen gesenkten Blick: auch mein Gewand trägt auf der Stelle der Brust die golden blitzende Rose.

Freund Gardener ist bei mir, und ringsum in dem geisterhaft hohen Saal ist ein leises Summen wie von Bienenschwärmen.

Weißleuchtende Gestalten umziehen mich, von der Ferne näherdringend. Deutlicher, rhythmischer, tönender wird das Summen und Rauschen im Raum. Dunkler Gesang wird Stimme und Chor:

Die wir vor alten
Zeiten uns trafen,
Dunkle Gewalten
Nicht zu verschlafen,
Rettende Tat –
Die wir geschmiedet,
Bruder, die Lanze,
Daß dir umfriedet
Von ihrem Glanze
In unsern Räumen
Reife die Saat –
Wir, die Verketteten,
Grüßen erneut
Dich den Geretteten,
Sieger von heut!
Der sich Bewzingende
Löst sich vom Ding.
Der nicht mehr Ringende
Werde zum Ring!

Wie viele Freunde! muß ich denken, geleiteten dich, da du nicht wußtest in der Nacht, wohin dich retten vor der Angst!

Zum erstenmal überkommt mich der Wunsch des Mitteilens und verwebt sich mit der fein schleiernden Schwermut, die nun wieder bei mir ist wie zuvor, und deren in Untiefen wurzelnden Grund ich nicht weiß.

Aber Gardener nimmt mich bei der Hand und führt mich zurück, der ich versunken bin in meine unsicher vorwärtstastenden Gedanken. Mir unbewußt, auf welchen Wegen, haben wir den Garten wieder erreicht und das niedrige Tor, das in den Burghof führt. Da bleibt der Laborant stehen und deutet auf die Blumenbeete, die heißen Duft ausatmen:

"Ich bin Gärtner. Das ist mein Beruf, obschon du in mir den Alchimisten und Chemiker sahst. Dies ist nur eine Rose von vielen, die ich aus den Scherben gehoben und ins Freiland versetzt habe." –

Wir schreiten durch die Pforte in der Mauer und stehen vor dem Turm.

Mein Freund fährt fort:

"Du warst immer kundig der goldmachenden Kunst" – und wieder geht ein Lächeln über seine Züge, ebenso gutmütig wie durch leisen Spott sanft tadelnd, daß ich die Augen niederschlage, – "und darum ist dir der Ort deines Wirkens angewiesen, an dem du bald bereiten wirst können, wonach sich seit Anbeginn deiner Geburt deine Seele gesehnt hat."

Wir ersteigen den Turm ... es ist der Turm von Elsbethstein und ist es doch ganz und gar nicht mehr. Langsam gewöhnt sich mein Geist an das Ineinanderspiel von Symbolen und einem viel höhern Sinn aller Dinge in diesen Bezirken des Geborgenseins, der Heimat.

Die Wendeltreppe führt breit und über dunkel glänzende Porphyrstufen hinauf zu der vertrauten alchimistischen Küche. Es berührt mich wunderlich, wie hier statt der alten, finstern, verfallenen Holztreppe die steinerne Pracht Platz finden konnte. Da empfängt uns die Küche: ein mächtiges Gewölbe, in dem sich der Blick verliert und an dessen blauen Gewanden die funkelnden Sternbilder kreisen. Die der Nachthimmel selber ist über mir und tief drunten auf der Erde brennen die Essen der Arbeit ...

Der Herd steht in voller Glut des Schaffens. Er scheint mir ein Abglanz der Welt. Zischendes versprüht, Dunkles glüht auf, Farbiges verdampft, Gewölktes lichtet sich, furchtbare Kräfte der Vernichtung, mühsam an Ketten gelegt und von schmiedeeisernen Tiegeln umschlossen, schicken ein dämonisches Brodeln empor, – Weisheit der Retorten und Öfen hält sie in Bann.

"Dies ist dein Arbeitsfeld, daß viel Gold deiner Sehnsucht erstehe, aber Gold, – – das die Sonne ist. Wer das Licht mehrt, ist ja einer der Vornehmsten unter den Brüdern."

Große Belehrung wird mir zuteil. Das Wissen um mich her wird hellstrahlende Sonne. Das Leuchten der Sonne zerstört in mir alles zwergenhafte Wissen. Wie ein winziges Irrlichtchen spult noch eine matte Frage mir durchs Hirn:

"Freund, sag mir, ehe ich für immer aufhören werde zu fragen: wer war, wer ist – – der Engel vom Westlichen Fenster?"

"Ein Echo, sonst nichts! Er hat mit Recht von sich gesagt, er sei unsterblich; weil er nie gelebt hat, war er unsterblich. Was nie gelebt hat, weiß nichts vom Tod. Das Wissen, die Macht, der Segen und der Fluch, der von ihm ausging, ist von euch ausgegangen. Er war die Summe der Fragen, des Wissens und des magischen Könnens, das verborgen in euch gewohnt hat und von dem ihr nicht ahntet, daß es euer war. Weil jeder von euch den "Engel" bestaunt als eine Offenbarung. Er war der Engel vom Westlichen Fenster, denn der Westen ist das grüne Reich der toten Vergangenheit. Es gibt viel solcher Engel im Gefilde des Reichs der Keime und um Reich der Verwesung: besser wärs für die Menschheit, kein solcher Engel käme herüber, aber die Hoffnung hat auch Irrstege. Hinter dem Engel vom Westlichen Fenster hat für dich der Bartlett Green gestanden. Jetzt hat er aufgehört, seit dein Fragen aufgehört hat ..." Gardener wendet sich wieder den Geräten zu: – "Alles ist nur rein vinculum, wie die Alten gesagt haben. Einer der Unsrigen hat dies "alles" ein Gleichnis genannt. – Diese Instrumente scheinen nur zu kochen. Es geschieht nichts, wenn die Werkzeuge toben. – Dieser Globus hier: ein vinculum, sonst nichts. Wenn dein Nichtwissen vollkommen geworden sein wird, dann wirst du alle diese Dinge hier zu handhaben verstehen im Sinne des Goldes! – Dann wird dein Finger eine Stelle dieser Erdkugel berühren und Ströme der Versöhnung werden ausstrahlen von der Wärme deines Fingers an jenem Ort; und Wirbelstürme der Vernichtung werden dort aufbrechen, wie aus geistigem Vulkan geschleudert, von der Kälte deiner läuternden Hand. Darum hüte beizeiten dein Feuer! – Bedenke: die Menschen werden ihrem Gott zur Last legen, was du tust, und Engel aus dem Westen erschaffen. So mancher, der nicht berufen war, aber den Weg ging, ist auf solche Art in die Form eines 'Engels' hineingestorben."

"Das – alles – ist mir – aufgetragen?!" – stammelt aus mir die Furcht und der Schauer der Verantwortung.

Der Adept sagt ruhig:

"Das ist die Größe des Menschen in jeder Menschengeburt, die geschieht: nicht mehr Wissen, alles Können. Gott hat nie sein Wort gebrochen noch gemindert."

"Wie soll ich Schicksal zetteln, ohne Kenntnis und Herrschaft des Gewebes?!" – das ist ein letzter Aufschrei des Verzagens, der tief in der Menschenbrust gesäten Saat der Feigheit, der Götzengemahlin des Übermuts ...

Gardener sagt nichts mehr, führt mich die Porphyrtreppe hinab, geleitet mich zu dem Pförtchen in der Mauer. Er deutet zum Garten. Dann verschwindet er ...

Eine Sonnenuhr an der weißen Mauerwand in Mittagsglut und ein Springbrunnen, der mit geruhigem Singen sein unermüdliches Wasserspiel in die Höhe treibt, das sind die Dinge, auf denen jetzt mein Blick ruht. – Das Licht der Sonne treibt aus rostigem Eisenzeiger, der tot in der Mauer ankert, den dunklen Strich seines Schattens hervor. Und der Schatten macht: – Zeit.

Schatten macht Zeit! – Und Klingklang des Springbrunnens begleitet den Zeitschatten mit dem spielerischen Wichtigtun seines Plätscherns. Wassergeplätscher ist alles Tun in der Zeit des Schattens. –- Vincula ringsum; vincula sind alle Dinge; selbst Raum und Zeit sind vincula, in denen sich die Zeitbilder bewegen ...

Tief in Gedanken und in nie durchschaute Landschaften des wirkenden Geistes versunken, wende ich mich ab und wandle weiter durch die Blumenbeete dem Eibengewölbe zu, das das verlassene Grab überschattet. – Wieder zaubert die Sonne eine seltsame Tiefe in die so nahe Ferne des Gartenhintergrundes. Wieder ist mir, als flirre von dort her ein leuchtendes Gewand. – – Furcht ist mir fern, Lust ist mir fern, als ich das Leuchtende, Vorüberhuschende verweilen, sich verdeutlichen, sich langsam zu mir wenden sehe – so, wie Spiegelbild dem Gespiegelten folgt, – und dennoch: nichts von Spiegel mehr! Die dort herschreitet, schwebenden Ganges, ist ein Lichtwesen, das den Schatten der Bilder nicht mehr weiß.

Festen Schrittes gehe ich vor mich hin; und sicheren Schrittes naht mir, nicht länger von goldenen Märchengittern verborgen und gehalten, die Königin. Im Näherkommen wird ihr Blick deutlich und unverwandt, klar, heiter, ruhevoll ist er in den meinen verhängt. Ich gehe Elisabeth entgegen, der Kometenkraft auf anderer Bahn durch Jahrtausende, durch Jahrmillionen vielleicht. – – Wie arm sind solche Gedanken, denn sie sprechen in den Gleichnissen des Zeitschattens und des Springbrunnengeplätschers!

Und ich fühle kometenheiß die endliche Berührung der Bahn und ... Elisabeth steht vor mir. Nahe. Jetzt so nahe, daß Auge sich mit Auge zu berühren scheint; so nahe jetzt, daß Elisabeth unsichtbar für mein Sinnenauge geworden ist und unsichtbar auch dem vorübergleitenden Haupte des Baphomet. – – Alle meine Fibern und Nerven und Gefühle und Gedanken wissen, daß Schnitt und Vermählung der beiden Kometen sich vollzogen haben. – Nirgends mehr suche ich, nirgends mehr finde ich; ... die Königin ist in mir. In der Königin bin ich: Kind, Gemahl, Vater seit Anbeginn. – – – Das Weib ist nicht mehr! Und der Mann ist nicht mehr, so jubeln in mir Chöre von seligen Gedanken.

Und doch: in einem letzten Winkel dieser unerhört besonnten Landschaft meiner Seele dämmert ein kleiner, kaum fühlbarer Schmerz: Jane! Soll ich sie rufen? Darf ich sie rufen? – Ich kann sie rufen, weiß ich, denn wunderbare geheimnisvolle Kräfte fühle ich in mir keimen, seit Elisabeth in mich eingezogen ist. Und schon sehe ich ein blasses, liebes Gesicht sich aus den Schatten meiner Schwermut heben: – Jane!

Da steht der Laborant Gardener neben mir und sagt mit kaltem Vorwurf:

"Wars dir doch nicht genug an der Qual, die dir der Engel vom Westlichen Fenster bereitet hat? – Dir kann kein Engel mehr schaden, aber störe nicht das Gleichgewicht der Natur!"

"Ist Jane ... weiß sie von mir? ... Kann sie mich sehen?"

"Du Bruder, bist mit rückwärts gekehrtem Gesicht über die Schwelle der Einweihung geschritten, denn du bist bestimmt, ein Helfer der Menschheit zu sein, wie wir alle in der Kette. Darum wirst du bis zum Ende der Zeiten die Erde sehen können, denn durch dich hindurch strahlt alle Kraft aus dem Reiche des ewigen Lebens. Was aber dies Reich des ewigen Lebens ist, das können 'wir aus der Kette' nicht erfahren, denn wir stehen mit dem Rücken gegen jenen strahlenden unerforschlichen gebärenden Abgrund: Jane aber hat mit dem Antlitz voraus die Schwelle des ewigen Lebens überschritten. Ob sie uns sieht? Wer weiß das?!"

"Ist sie glücklich – dort?"

"Dort? – Keine Bezeichnung paßt für jenes Nicht-Etwas, für das wir das beschämend falsche Wort: 'Reich des ewigen Lebens' haben! – Und glücklich?" – Gardener lächelt mich an. "Hast du mich wirklich im Ernst gefragt?!"

Ich schäme mich.

"Nicht einmal uns, die wir doch nur ein schwacher Abglanz des ewigen Lebens sind, können die armen Menschenkinder sehen, die da draußen am Ring des unendlichen Lebens irren; wie sollten wir sehen oder auch nur ahnen können, was uns so fern und so nah ist, wie der mathematische, raumentwordene Punkt der Linie, der Fläche und dem dreifältig umgrenzten Körper nah ist und dennoch unfaßbar fern: die Ewigkeit des Reiches des unbekannten, unerkennbaren Gottes?!" fährt Gardener fort. "Jane ist den weiblichen Weg des Opfers gegangen. Er führt dahin, wohin wir ihr nicht folgen können und auch nicht folgen wollen, denn wir sind alle Alchimisten in dem Sinne, daß wie hierbleiben, um zu verwandeln. Sie aber ist auf dem Wege der Weiblichkeit dem Sein und dem Nichtsein entronnen, indem sie deinetwegen alles, was sie war, abgestreift hat. Wäre sie nicht hiergewesen, du stündest nicht hier!"

"Die Menschen werden ... mich ... nicht mehr sehen können?!" fragte ich erstaunt.

Gardener lacht fröhlich: "Willst du wissen, was sie über dich denken?"

Keine Neugier plätschert mit noch so leiser Welle an den seligen Strand von Elsbethstein. Dennoch, da der Freund, fast übermütig wie ein Kind, mir lachenden Auges zunickt, regt sich auch in mir ein Nachflackern der Teilnahme an den Irrtümern der Welt:

"Nun?"

Theodor Gärtner bückt sich zur Erde, hebt einen Klumpen verrotteten Lehm vom Wegesrand: "Da! Lies!"

"Lesen?" ... Im nächsten Augenblick ist die nasse gelbe Erde in seiner Hand ein ... Zeitungsfetzen geworden. – Ein unbeschreiblich sinnloses Phantom von einem Gegenstand aus unermeßlich ferner Sphäre. Nicht mit Worten zu sagen, wie mich diese Materialisation aus dem Gespensterreich der Menschen lächerlich und traurig und erschütternd zugleich anmutet.

Dann hat sich Gardener den Rosenbeeten wieder zugewandt und schneidet und bindet die Ranken auf.

Ich lese:

"Städtisches Intelligenzblatt."

Das Spukhaus im XIX. Bezirk

Wie unserer verehrlichen Leserschaft bekannt und sicherlich noch lebhaft in Erinnerung ist, brannte das schöne Haus Nr. 12 in der Elisabethstraße im verwichenen Frühjahr bis auf die Grundmauern nieder. Seltsamerweise war das Feuer damals auf keine Weise zu löschen gewesen. Die Geologen meinen, es könnte sich vielleicht um eine Art vulkanischer Flammen gehandelt haben, da ja auch in Elsbethstein ähnliche unterirdische Ausbrüche beobachtet wurden. Ein schottischer Erdarbeiter, der mit anderen Taglöhnern beim Aufräumen des Schuttes behilflich ist, sagt, dergleichen käme in seiner Heimat häufig vor; man nenne es Irland und Schottland: Sankt Patricks Loch! Der Brand wich den vereinigten Bemühungen unserer wackeren Feuerwehr nicht im mindesten, blieb tagelang unlöschbar, und Ziegel und Steine glühten wie Zunder und zerfielen hernach in eine bimssteinartige Masse. – Ob der Besitzer zur Zeit des Unglückes das Haus bewohnt und darin geweilt hat, ist bis zur Stunde noch nicht aufgeklärt, wenigstens behauptet der städtische Steuereinnehmer, wochenlang vergeblich am Eingangstor geklopft und geläutet zu haben, um die längst fälligen staatlichen Abgaben einzutreiben. Kinder von der Straße hinwieder behaupten, sie hätten einmal das Gesicht des Besitzers hinter den Fensterscheiben gesehen. – Leider steht zu befürchten, daß der Unglückliche, vertieft in seine allerdings einer ernsthaften Kunstkritik nicht standhaltenden schriftstellerischen Bemühungen zu spät das ausbrechende Feuer gewahrte und infolgedessen das Opfer eines qualvollen Todes wurde. Wir sind in unserer Mutmaßung um so mehr bestärkt, da unsere Erhebungen ergeben haben, daß, obwohl das Haus sehr hoch versichert war, bisher sich niemand gemeldet hat, um die Versicherungssumme zu beheben. Dazu wäre allerdings zu bemerken, daß der Besitzer des Hauses als nicht recht normal im bürgerlichen Sinne galt. So weit die Tatsachen. – Überaus beklagenswert erscheint es uns, daß auch hier, wie ja zumeist in unaufgeklärten Fällen, die Natter des Aberglaubens ihr widerwärtiges Haupt zischend erhebt! Nicht nur die Straßenjugend, die sich ja leider bis in die Nacht hinein allerorten herumtreibt, sondern auch ehrenwerte Leute, denen man dergleichen nicht zugetraut hätte, behaupten, auf der Brandstätte und immer zur Zeit des abnehmenden Mondes ganz bestimmt beschriebene Gestalten umherspuken gesehen zu haben. Daß es sich dabei natürlich nur um Neckereien übermütiger Faschingsmaskierter handeln kann, die den Ernst der Zeit nun einmal nicht begreifen oder begreifen wollen, das geht natürlich diesen Leutchen nicht in den Kopf. Man berichtet uns Tag für Tag von der gespenstischen Erscheinung einer schlanken Dame (Sittenpolizei?) in schwarzsilbernem Gewande, die öfters rasch und wie suchend gewisse Teile des Brandplatzes durchirre. Ein übrigens der christlich-sozialen Partei angehöriger und darum gewiß über den Verdacht der Phantasterei völlig erhabener Hausbesitzer aus der Nachbarschaft, der gerade dieser Erscheinung seine besondere Aufmerksamkeit widmete und ihr öfters nachging, um sie auf die Ungeschicklichkeit, zu nächtlicher Stunde in so eng anliegender, der Stunde keineswegs angepaßter Kleidung umherzugehen, aufmerksam zu machen, – behauptet, so oft sie verschwunden sei, soll kurz nachher an ihrer Stelle eine splitternackte Frau aufgetaucht sein, die ihn habe umgarnen wollen. Nun, die berufenen Organe des neuen Sittenschutzbundes werden ja Gelegenheit haben, alsbald ihres Amtes zu walten! – Andere Beobachter wissen wieder von einem greulichen Kerl zu berichten, mit einem rohen Lederkoller angetan und von struppigen, feuerrotem Bart umwallt, der mit entsetzlichen Flüchen und Grimassen in der schwarzgebrannten Erde nach irgendwelchen Dingen sucht und wühlt. Schließlich – die einmal wild gewordene Phantasie derer, die nie alle werden, kennt bekanntlich keine Grenzen – soll er zuletzt immer vor das schamlos entblößte Frauenzimmer (Sittenpolizei!!!) hintreten und mit jämmerlichem Getue das Vergebliche seines Bemühens vor ihr darlegen. Begäbe sich das alles nicht zur nachtschlafenden Zeit, man wäre versucht, an eine heimliche Filmaufnahme für Wüstlinge zu glauben! (Die Redaktion.) Ferner will eine alte Frau kürzlich einen älteren Herrn mit rotem Halstuch gesehen haben, der sie angrinste und ihr fraglos einen unmoralischen Antrag machte mit den Worten, er interessiere sich lebhaft für Antiquitäten. – – Ein Umstand, der leider den Aberglauben des Volkes noch unterstützen wird, trotzdem er nur auf das Konto des Zufalls zu buchen ist, ist der, daß sich bei Mondschein zahllose schwarze Katzen auf der ehemaligen Brandstätte umhertreiben. Auch dies läßt sich unschwer erklären als Folge der neu eingeführten Katzensteuer, die angesichts der Geldknappheit so manchen und so manche zwingt, ihren Lieblingen ein Lebewohl zuzurufen. Erfreulich an all dem ist mir, daß, wie unser Spezialberichterstatter uns drahtet, die eminenten Forscher auf dem Gebiete der Hysterie und der damit verbundenen Ruminationsphänomene, die Herren Doktor Rosenburg und Doktor Goliath Wellenbusch, angereist kommen werden, um unserm heimgesuchten XIX. Bezirk und auch der Asche unseres ehemaligen Mitbürgers, des auf so beklagenswerte Weise höchst vermutlich in den Flammen seines Heims hingerafften Barons Müller, der sich als der Sonderling, der er war, gerne " Baronet of Gladhill" nennen hörte, die wohlverdiente Ruhe wiederzugeben.

Nachschrift der Redaktion: Soeben stellt uns die verehrliche Polizeidirektion eine Elfenbeinminiatur zur Verfügung, die sich, erstaunlicherweise durch die Flammen unversehrt, in einem fast zum Klumpen zusammengeschmolzenen Tulakästchen vorfand, das man auf der Brandstätte ausgegraben hat. Wir wollen das Bild unserer geneigten Leserschaft nicht vorenthalten und bringen es hier in der Reproduktion. Es stellt den Magister Sir John Dee dar, der zur Zeit der Königin Elisabeth von England im politischen Leben eine bedeutende Rolle gespielt hat. Der unglückliche Baron Müller soll später sein Nachkomme gewesen sein. Eine nicht in Abrede zu stellende Familienähnlichkeit läßt immerhin vermuten, daß Baron Müllers diesbezügliche Annahme keineswegs gänzlich von der Hand zu weisen ist.

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