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Der Einbruch des Meeres

Jules Verne: Der Einbruch des Meeres - Kapitel 1
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDer Einbruch des Meeres
publisherPawlak Taschenbuch Verlag
year1984
isbn3-8224-1088-8
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170131
projectid3ba6a299
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Erstes Kapitel
Die Oase von Gabes

»Ja ... was weißt du nun?«

»Nur das, was ich am Hafen gehört habe.«

»Dort sprach man von dem Schiffe, das Hadjar aufnehmen ... das ihn fortführen soll ...?«

»Ja, nach Tunis, wo man ihn aburteilen ...«

»Ihn verurteilen wird ...?«

»Leider ... verurteilen.«

»Allah kann das nicht zulassen, Sohar! ... Nein, Allah wird es nicht gestatten!«

»Still ... still!« rief Sohar erregt und lauschte, als ob er ein Geräusch von Schritten auf dem Sande vernähme.

Ohne sich aufzurichten, schlich er nach dem Eingange des verlassenen Marabut, wo diese Worte gewechselt wurden. Noch war es einigermaßen hell, doch mußte die Sonne bald hinter der Dünenkette versinken, die hier die Küste der Kleinen Syrte umrahmte. Anfang März dauert unter dem vierunddreißigsten Grade nördlicher Breite die Dämmerung nicht lange. Das Tagesgestirn folgt dann keiner schrägen Linie nach dem Horizonte, sondern scheint wie ein dem Gesetz der Schwere folgender Körper lotrecht herabzufallen.

Sohar hielt an und machte dann einige Schritte über die vom Sonnenbrande halb zerbröckelte Schwelle hinaus. Sein Blick schweifte einen Augenblick forschend über die benachbarte Ebene.

Im Norden ragten die grünenden Wipfel einer Oase empor, die etwa anderthalb Kilometer von hier entfernt lag. Im Süden verlief über Sehweite hinaus der gelbliche Strand, überspült vom Schaume der Brandung bei der jetzt zunehmenden Flut. Im Westen hob sich der Dünenkranz noch scharf vom Himmel ab, und im Osten glänzte die weite Meeresfläche, die den Golf von Gabes bildet und die tunesische Küste bespült, die sich in der Richtung nach Tripolis tief einbuchtet.

Der leichte Westwind, der am Tage die Luft etwas gekühlt hatte, war am Abend völlig eingeschlafen. Kein Geräusch schlug an Sohars Ohr. Vorher hatte er geglaubt, jemand in der nächsten Umgebung des alten, weißen, von einer Palme überdachten Gemäuerwürfels gehen zu hören, er erkannte jetzt aber seinen Irrtum.

Weder nach den Dünen noch nach dem Strande zu war jemand zu entdecken. Er umkreiste das kleine Bauwerk ... niemand, und keine Fußspuren im Sande, außer denen von ihm und seiner Mutter, die sie von ihrem Betreten des Marabut zurückgelassen hatten.

Kaum war Sohar eine Minute ins Freie hinausgetreten, als seine Mutter unruhig, ihn nicht wieder zurückkommen zu sehen, schon auf der Schwelle erschien.

Ihr Sohn, der eben um die Ecke des Marabut herumkam, beruhigte sie mit einer Handbewegung.

Djemma, eine Afrikanerin aus dem Stamme der Tuareg, war über sechzig Jahre alt, von großer, kräftiger Gestalt und gerader, Energie verratender Haltung. Aus ihren wie aller Frauen ihrer Herkunft blauen Augen leuchtete ein Blick, worin sich Feuer und Stolz paarten. Eigentlich von weißer Hautfarbe, erschien sie doch gelblich von der Ockerfärbung, die ihre Stirn und Wangen bedeckte. Sie war mit dunklem Stoffe bekleidet, mit einem weiten Haik aus der Wolle, die die Herden der in der Umgebung der Sebchas oder Schotts von Niedertunis siedelnden Hammama in so reicher Menge liefern. Ein weiter Capuchon bedeckte ihren Kopf, in dessen dichten Haarschmuck sich erst wenige Silberfäden verirrt hatten.

Djemma blieb unbeweglich stehen, bis ihr Sohn an sie herantrat. In der Umgebung hatte er nichts Verdächtiges bemerkt, und die Stille ringsum unterbrach nur der klagende Gesang des Bou-Habibi, des Sperlings von Djerid, von dem einige Paare an der Seite der Dünen umherflatterten.

Djemma und Sohar zogen sich wieder in den Marabut zurück, um hier die Dunkelheit abzuwarten, die es ihnen ermöglichen sollte, unbemerkt nach Gabes zu gelangen.

Flüsternd setzten sie jetzt das unterbrochene Gespräch fort.

»Das Schiff hat La Goletta verlassen?«

»Ja, Mutter, und schon heute morgen hat es das Kap Bon umsegelt. Es ist der Kreuzer ›Chanzy‹.«

»Und der wird noch heute hier eintreffen?«

Noch diese Nacht, wenn er nicht erst noch Sfax angelaufen hat. Wahrscheinlich aber geht er nur vor Gabes vor Anker, wo dein Sohn, mein Bruder, an ihn übergeben werden wird.«

»Hadjar ... Hadjar!« murmelte die alte Targi, zitternd vor Zorn und Schmerz. »Mein Sohn ... mein Sohn!« rief sie dann schluchzend, »diese Rumihs werden ihn töten, und ich werde ihn nicht wiedersehen ... er wird nicht mehr zur Stelle sein, die Tuareg zum heiligen Kriege zu entflammen! Nein, nein, das kann Allah nicht zulassen!«

Und als ob dieser Ausbruch des Schmerzes ihre Kräfte erschöpft hätte, sank Djemma in einer Ecke des kleinen Raumes auf die Knie nieder und blieb schweigend liegen.

Sohar war wieder auf die Schwelle hinausgetreten und lehnte sich an die Tür ... stumm, als wäre er selbst aus Stein geformt, wie die Statuen, die zuweilen den Eingang zu den Marabuts schmücken. Kein beunruhigendes Geräusch weckte ihn aus seiner regungslosen Haltung. Im Osten wuchs das Schattenbild der Dünen, je tiefer die Sonne am Horizonte niedersank. Im Westen der Kleinen Syrte stiegen die ersten Sterne empor. Die schmale Sichel des Mondes in seinem ersten Viertel leuchtete matt über dem Nebelmeere in der Ferne. Alles deutete auf eine ruhige, aber finstere Nacht, da die aufsteigenden Dunstmassen die Sterne bald zu verhüllen drohten.

Kurz nach sieben Uhr gesellte sich Sohar wieder zu seiner Mutter.

»Es ist nun Zeit«, sagte er leise.

»Ja«, antwortete Djemma, »höchste Zeit, Hadjar den Händen jener Rumihs zu entreißen. Vor Sonnenaufgang muß er aus dem Gefängnisse von Gabes befreit sein ... morgen ... morgen wär' es zu spät!«

»Es ist alles vorbereitet, Mutter«, versicherte Sohar. »Unsere Gefährten warten nur auf uns. Die in Gabes haben die Entführung vorbereitet, die vom Djerid werden Hadjar als Geleite dienen, und ehe der Tag graut, werden alle weit draußen in der Wüste sein.«

»Und ich mit ihnen«, erklärte Djemma, »ich werde meinen Sohn nicht verlassen!«

»Und ich mit dir«, rief Sohar, »ich werde mich weder von dir noch von meinem Bruder trennen.«

Djemma erhob sich, zog ihn an sich und preßte ihn in die Arme. Dann schob sie den Capuchon ihres Haiks zurecht und trat über die Schwelle hinaus.

Auf dem Wege nach Gabes ging Sohar einige Schritte vor ihr her. Statt dem Uferrande zu folgen, den weithin reichende Anhäufungen von Seepflanzen bezeichneten, die von der letzten Flut ans Land getragen worden waren, schlichen beide am Fuße der Dünen hin, wo sie auf der etwa anderthalb Kilometer langen Wegstrecke unbemerkter fortzukommen hofften. Kein Lichtschein unterbrach die Dunkelheit ringsum. In die fensterlosen arabischen Häuser dringt das Licht nur von dem Hofe her ein, und wenn es Nacht geworden ist, leuchtet kein Schein nach außen.

Jetzt wurde jedoch über der undeutlichen Silhouette der Stadt ein schimmernder Punkt sichtbar. Ein ziemlich glänzender Strahl war es, der aus den höher gelegenen Teilen von Gabes kommen mußte, entweder von dem Minarett einer Moschee oder von dem Schlosse her, das die Stadt beherrschte.

Sohar erkannte das sofort und wies mit dem Finger darauf hin.

»Der Bordj ...«, sagte er.

»Und dort ist es, Sohar ...?«

»Ja ... dort haben sie ihn eingekerkert, Mutter!«

Die alte Frau war stehengeblieben. Ihr war's, als ob dieser Lichtstrahl eine Art Verbindung zwischen Sohn und Mutter bildete. Stahl sich das Licht auch nicht aus der Zelle, worin jener gefangen saß, so kam er doch aus dem Fort, wohin man Hadjar geschleppt hatte. Seitdem er, der mächtige Führer der Tuareg, den französischen Soldaten in die Hände gefallen war, hatte Djemma ihren Sohn nicht wiedergesehen, und darauf mußte sie jedenfalls für immer verzichten, wenn er nicht diese Nacht durch eine glückliche Flucht dem Schicksale entging, das ihm durch den Spruch des Kriegsgerichtes bevorstand. Sie blieb deshalb wie eingewurzelt auf der Stelle, so daß Sohar sie zweimal durch ein »Komm doch, Mutter, komm!« zum Weitergehen bewegen mußte.

Der Weg führte noch immer am Fuße der Dünen hin, die in einem Bogen bis zur Oase von Gabes reichten, zu der Vereinigung von kleinen Ortschaften und einzelnen Häusern ... übrigens der größten auf dem Festlandsufer der Kleinen Syrte.

Sohar wendete sich jetzt der Häusergruppe zu, die die Soldaten Coquinville (Schelmenstadt) zu nennen pflegen. Eigentlich besteht diese nur aus einem Haufen hölzerner Hütten, worin ausschließlich Kleinkrämer und Straßenhändler wohnen, was dem Ortsteile auch seinen ganz gerechtfertigten Namen verschafft hat. Er liegt nahe der Eintrittsstelle des Oued, eines Baches, der sich unter dem Schatten der Palmen in vielfachen Bogen durch die Oase hinwindet. Dort erhebt sich auch der später Fort Neuf genannte Bordj, den Hadjar nur verlassen sollte, um nach dem Gefängnisse von Tunis übergeführt zu werden. Und aus diesem Bordj hofften ihn seine Gefährten, die alle Vorbereitungen zu seiner Flucht getroffen hatten, noch diese Nacht zu entführen. Das Vorhaben mußte bis zu einem gewissen Punkte erleichtert werden durch den Umstand, daß der bei den umfänglichen Arbeiten in seiner Nachbarschaft umgebaute Bordj jetzt ziemlich verlassen war.

In einer der Hütten von Coquinville erwarteten die Genossen Djemma und deren Sohn. Es galt aber die größte Vorsicht, daß diese sich nicht in der Nähe des Ortes oder Fleckens erblicken ließen.

Mit welch ängstlicher Unruhe richteten sie die suchenden Blicke hinaus nach dem Meere! Wie fürchteten sie die Ankunft des Kreuzers noch an diesem Abend und daß der Gefangene dann auf diesen übergeführt werden könnte, ehe seine Flucht ins Werk gesetzt war. Voll Spannung schauten sie danach aus, ob ein weißes Licht auf dem Golf der Kleinen Syrte auftauchte, ob sie das Zischen von Dampf vernähmen oder die stöhnende Stimme der Sirenen, die die auf den Ankerplatz einlaufenden Schiffe ankündigen. Doch nein, auf dem tunesischen Gewässer schimmerten nur die Laternen der Fischerboote, und kein scharfer Pfiff zerriß hier die Luft.

Es war noch nicht acht Uhr, als Djemma und ihr Sohn das Ufer des Oued erreichten; noch zehn Minuten, und sie mußten am Orte des Stelldicheins sein.

Eben als beide sich dem rechten Ufer näherten, trat ein Mann, der hinter den Kaktuspflanzen am Bachesrande verborgen gewesen war, geräuschlos halb hervor.

»Sohar ...?« flüsterte er mit tonloser Stimme.

»Bist du es, Ahmet?«

»Ja ... und deine Mutter ...?«

»Sie folgt mir.«

»Und wir, wir folgen dir«, sagte Djemma.

»Hast du neue Nachrichten?« fragte Sohar.

»Nein ... keine einzige«, antwortete Ahmet.

»Unsere Genossen sind zur Stelle?«

»Sie warten nur auf euch.«

»Im Bordj hat noch niemand Verdacht geschöpft?«

»Gewiß niemand.«

»Und Hadjar ist bereit?«

»Ja.«

»Doch woher weißt du das?«

»Ich hab's von Harrig gehört, der heute morgen freigelassen wurde und sich jetzt bei unseren Gefährten befindet.«

»Dann also vorwärts«, sagte die alte Frau.

Alle drei folgten dem Ufer des Oued.

Infolge der Richtung, die sie einhielten, war die dunkle Masse des Bordj durch das dichte Laubgewölbe jetzt nicht zu sehen; ein wirklicher Palmenwald ist es ja, der die Oase Gabes bildet.

Ahmet wußte hier genau Bescheid und ging sicheren Schrittes voraus. Zuerst führte der Weg durch das auf beiden Seiten des Oued liegende Djara. In diesem früher befestigten Flecken, der im Laufe der Jahrhunderte karthagisch, römisch, byzantinisch und arabisch gewesen war, wird der größte Markt von Gabes abgehalten. Augenblicklich waren die Leute von diesem voraussichtlich noch nicht heimgekehrt, und Djemma und ihr Sohn mußten einige Mühe haben, hier durchzuschleichen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Die Straßen der tunesischen Oase sind freilich noch nicht elektrisch, nicht einmal durch das Gas beleuchtet, und außer in der Nähe einiger Kaffeehäuser lagen sie überall in tiefer Finsternis.

Der kluge und umsichtige Ahmet raunte Sohar trotzdem wiederholt zu, daß hier die größte Vorsicht zu beobachten sei. Es war ja nicht ausgeschlossen, daß so mancher in Gabes die Mutter des Gefangenen kannte, und ihre Anwesenheit hier genügte jedenfalls, die Wachsamkeit rund um das Fort zu verdoppeln. Obgleich von langer Hand vorbereitet, bot die Entführung schon allein genug Schwierigkeiten, und es war deshalb wichtig, daß die Aufmerksamkeit der Wachtposten nicht obendrein noch verschärft würde. Ahmet wählte deshalb auch nur die Wege, die nach der Umgebung des Bordj führten.

Übrigens war der mittlere Teil der Oase heute besonders belebt, da eben ein Sonntag zu Ende ging. Der letzte Tag der Woche wird allgemein in allen Städten gefeiert, die, in Afrika wie in Europa, Garnison und vor allem französische Garnison haben. Die ihren Urlaub genießenden Soldaten strömen dann gern in den Cafés zusammen und kehren erst spät nach den Kasernen zurück. Die Eingeborenen mischen sich in den Trubel, vorzüglich in dem Viertel der Kleinkrämer, das Italiener und Juden bunt durcheinander beherbergt, und der fröhliche Lärm dauert hier bis zu später Nachtstunde an.

Wie schon erwähnt, konnte es recht gut der Fall sein, daß Djemma den Behörden in Gabes einigermaßen bekannt war. Seit der Verhaftung ihres Sohnes hatte sie sich mehrmals in die Nähe des Bordj gewagt, hatte sie ihre Freiheit, vielleicht gar ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Wir kennen schon den Einfluß, den sie auf Hadjar hatte, den bei dem Stamme der Tuareg so mächtigen und auch durch deren Auswanderung nicht verminderten Einfluß der leiblichen Mutter. War die Frau, nachdem sie ihren Sohn zur Empörung getrieben hatte, denn nicht imstande, eine neue Revolte anzuzetteln, entweder um den Gefangenen zu befreien oder ihn wenigstens zu rächen, wenn das Kriegsgericht ihn in den Tod schickte? ... Gewiß war das zu befürchten, denn alle Stämme würden sich auf ihren Ruf erheben und ihr auf dem Wege zum heiligen Kriege folgen. Schon hatte man ja wiederholt fruchtlose Versuche unternommen, sich ihrer zu bemächtigen ... ergebnislos hatten Soldatenabteilungen das Gebiet der Sebchas und der Schotts durchstreift. Von ihren Stammesgenossen und allen anderen beschützt, war es Djemma bisher stets gelungen, allen Versuchen, nach dem Sohne auch die Mutter einzufangen, glücklich zu entgehen.

Und doch war sie jetzt wieder nach dieser Oase gekommen, wo ihr so viele Gefahren drohten. Sie hatte die Stammesgenossen begleiten wollen, die in Gabes zusammengekommen waren, die Entführung zu bewerkstelligen. Gelang es Hadjar, die Aufmerksamkeit seiner Wächter abzulenken, und konnte er die Mauern des Bordj übersteigen, so wollte sich seine Mutter mit ihm zunächst wieder nach dem Marabut begeben, und einen Kilometer weiter draußen in einem dichten Palmenhaine standen für den Flüchtling Pferde bereit. Das war dann die wiedergewonnene Freiheit, stellte aber auch einen neuen Versuch der Auflehnung gegen die französische Herrschaft in Aussicht.

Weiter ... weiter führte der Weg ... Da und dort standen Gruppen von Franzosen und Arabern; keiner ahnte aber unter dem Haik, der sie bedeckte, die Mutter Hadjars. Zuweilen kam auch von Ahmet ein leiser Warnungsruf, und alle drei verbargen sich dann an einer dunkleren Stelle, hinter einer vereinzelten Hütte oder unter dem Laubdache von Bäumen und nahmen ihren Weg erst wieder auf, wenn dieser frei war.

Da, als sie nur noch drei bis vier Schritte von dem vereinbarten Treffpunkte entfernt waren, sprang ihnen plötzlich ein Targi entgegen, der sie erwartet zu haben schien.

Die Straße oder der Weg, der schräg nach dem Bordj hinaufführte, war jetzt menschenleer, und wenn sie diesem wenige Minuten folgten, brauchten sie nur ein schmales Seitengäßchen hinaufzugehen, um den Gourbi, das Ziel Djemmas und ihrer Begleiter, zu erreichen.

Der Targi stand dicht vor Ahmet, den er mit einer Handbewegung aufhielt.

»Nicht weiter ... nicht weiter!« flüsterte er.

»Was gibt es, Horeb?« fragte Ahmet, der in ihm einen Targi von seiner Sippe erkannte.

»Unsere Genossen sind nicht mehr im Gourbi.«

Die alte Mutter war stehengeblieben.

»Sollten die Hunde von Rumihs schon etwas gemerkt haben?« fragte sie Horeb mit ängstlicher, zornerfüllter Stimme.

»Nein, Djemma«, versicherte Horeb. »Auch die Wächter im Bordj haben keinerlei Verdacht ...«

»Warum sind unsere Genossen dann nicht mehr im Gourbi?«

»Weil dienstfreie Soldaten dahin kamen, die zu trinken verlangten, und wir wollten mit ihnen natürlich nicht zusammenbleiben. Da war auch der Spahi-Unteroffizier Nicol dabei, der euch kennt, Djemma.«

»Ja,« murmelte diese. »Er hat mich draußen ... im Douar gesehen, als mein Sohn seinem Kapitän in die Hände fiel. Ha, dieser Kapitän! Wenn der jemals ...«

Und der Brust der Frau, der Mutter des gefangenen Hadjar, entrang sich's drohend, wie das drohende Murren eines Raubtieres.

»Wo treffen wir nun unsere Genossen?« fragte Ahmet.

»Kommt nur mit mir«, antwortete Horeb.

Vorausgehend betrat er einen kleinen Palmenhain, der in der Richtung nach dem Fort lag.

Das jetzt verlassene Gehölz war nur an den Tagen mehr belebt, wo in Gabes großer Markt abgehalten wurde. Höchstwahrscheinlich traf man hier niemand bis ganz nahe am Bordj, in den einzudringen übrigens unmöglich war. Genoß die Besatzung heute auch ihren Sonntagsurlaub, so hätte man daraus doch nicht schließen dürfen, daß die Wachtposten unbesetzt wären. Eine besonders strenge Überwachung erschien ja nötig, solange der Rebell Hadjar sich als Gefangener im Fort befand und solange er noch nicht auf den Kreuzer übergeführt war, der ihn ans Kriegsgericht ausliefern sollte.

Die kleine Gruppe zog, von den Bäumen geschützt, weiter und erreichte bald die Grenze des Palmenwäldchens.

Hier lag ein Haufen etwa von zwanzig Hütten, aus denen da und dort ein Lichtschein herausblitzte. Von hier aus war es bis zu dem Orte des Stelldicheins ungefähr noch einen Flintenschuß weit.

Kaum hatte Horeb aber ein gewundenes Gäßchen betreten, als ein Geräusch von Schritten und Stimmen ihn zum Stehenbleiben veranlaßte. Ein Dutzend Soldaten – es waren Spahis – näherten sich singend und lachend von der anderen Seite her. Die Leute mochten in den benachbarten Schenken wohl etwas zu lange beim Glase gesessen haben.

Ahmet hielt es für geraten, der Begegnung mit ihnen auszuweichen, und zog sich mit Djemma, Sohar und Horeb nach einer finsteren Bodensenkung in der Nähe der französisch-arabischen Schule zurück.

Hier unten lag ein Brunnen mit hohem, hölzernem Überbau, der die Welle trug, um die die Kette der Schöpfeimer gewunden war.

Sofort flüchteten sich alle hinter diesen Brunnen, dessen hohe Einfassung sie vollständig verbarg.

Der Soldatentrupp kam näher und hielt sogar an, als einer davon rief:

»Zum Henker ... ich komme um vor Durst!«

»So trink doch, da ist ja ein Brunnen«, antwortete der Wachtmeister Nicol.

»Wasser trinken? Das fehlte mir gerade noch, Marchef!« erwiderte der Brigadier Pistache.

»So rufe Mohammed an, vielleicht verwandelt er das Wasser in Wein.«

»Ah, wenn ich das wüßte!«

»Da würdest du wohl auf der Stelle Mohammedaner?«

»Nein, Marchef, das doch nicht, und da Allah seinen Gläubigen den Wein verboten hat, würde er für Ungläubige ein solches Wunder wohl kaum zulassen.«

»Gut gebrüllt, Pistache!« rief ihm der Wachtmeister launig zu, »doch dann vorwärts nach unserem Posten!«

Als ihm die Soldaten schon folgen wollten, parierte er aber noch einmal sein Pferd.

Zwei Männer kamen die Straße herauf, und der Wachtmeister erkannte in ihnen einen Kapitän und Leutnant von seinem Regimente.

»Halt!« kommandierte er seinen Leuten, die die Hände stramm an ihre Chechia legten.

»Ah«, rief der Kapitän, »das ist ja der wackre Nicol?«

»Herr Kapitän Hardigan?« antwortete der Marchef mit etwas Überraschung im Tone seiner Stimme.

»Derselbe.«

»Wir sind eben erst von Tunis eingetroffen«, setzte der Leutnant Vilette hinzu.

»Und werden bald zu einer Expedition aufbrechen, der Sie sich auch anzuschließen haben, Nicol.«

»Zu Befehl, Herr Kapitän«, antwortete der Unteroffizier, »stets bereit, Ihnen zu folgen, wohin es auch sei.«

»Jaja ... das weiß ich!« sagte Kapitän Hardigan. »Und Ihr alter Bruder, wie geht's dem?«

»Vortrefflich ... der ist fest auf seinen vier Beinen; ich sorge schon dafür, sie nicht rosten zu lassen.«

»Recht so, Nicol! Und wie steht's mit Coupe-à-Coeur? Immer noch befreundet mit dem alten Bruder?«

»Noch wie seither, Herr Kapitän. Mir kommt's manchmal vor, als ob die beiden Zwillinge wären.«

»Das wäre ja drollig ... ein Pferd und ein Hund!« rief der Kapitän lachend. »Na, seien Sie darüber ruhig, Nicol, die sollen auch nicht getrennt werden, wenn wir abmarschieren.«

»Wahrlich, das überlebten sie auch nicht, Herr Kapitän.«

Eben dröhnte jetzt ein dumpfer Knall vom Meere her.

»Was bedeutet das?« fragte der Leutnant Vilette.

»Jedenfalls war es ein Kanonenschuß von dem Kreuzer, der im Golfe ankert.«

»Und der den Schurken Hadjar abholen soll«, setzte der Wachtmeister hinzu. »Ein guter Fang, der Ihnen da gelungen ist, Herr Kapitän.«

»Sie können wohl sagen, daß wir den zusammen gemacht haben«, erwiderte der Offizier.

»Ja, und der alte Bruder und Coupe-à-Coeur hatten auch ihr Teil daran«, erklärte der Marchef.

Die beiden Offiziere setzten darauf ihren Weg nach dem Bordj fort, während Nicol und seine Leute nach den unteren Quartieren von Gabes hinunterritten.

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