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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 36
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
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firstpub1854
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12. Sterben und Erben.

Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entblätterten Berghain. Stille dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier getrieben, denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schulersberg, so hieß dieses Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle, welche eine so lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen gelebt und sich den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der vertrauten Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte.

Mild berührt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge, den ein alter Tischler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid von schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie ein Kind, mit lächelnden Zügen, man sah ihr kein Alter an, sie glich aber auch keiner Gestorbenen, sie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus der Meisterhand eines großen Künstlers. Da war kein Zug von Schmerz und keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger Schlummer.

So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit schmerzerfüllter, erschütterter Seele, an welchem er einsam stand – o, so unermeßlich einsam! – Er barg manche theure Reliquie unter den Todtenkissen, eine Mitgift für das Grab, ein Geschenk für die Verwesung, eine Speise für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die, welche einst, wenn sie es vermögen, die heilige Asche dieser Verstorbenen durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters, ihrer ohnlängst verstorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen werthvollen Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit, was sollten Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besaß, die nur im Entferntesten Sophiens Geheimniß berührten, barg er gleichfalls unter ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt sie ein kleines Kruzifix aus Elfenbein vom höchsten Kunstwerth; das jetzt braune Haar, welches einst so reizend blond das Haupt des schönen Kindes umwallte, schmückte ein Kranz von weißen Immortellen, befestigt mit einer Nadel, die eine große Perle zierte.

Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Bewegung des Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges über seine schöne Todte und wankte zur Klingel.

Dunkele Männergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer zurück, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große schweigsame Volksmenge.

Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Männer und Knaben mit Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten.

Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge.

Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster stand der Graf und blickte mit thränenlosen Augen dem Schimmer nach, der sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch Steinfeld sich bewegte, dann jenseits dieses Dorfes wieder sichtbar werdend, mehr und mehr zur Höhe emporstieg. Hoch zogen sich die Lichter, es war, als wenn irrende Sterne aufwärts wollten, hinauf zu den Brudersternen am ewigen Himmel.

Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entführte, seine helle Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter über die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins sichtbar – recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt erlosch auch dieses und war fort, den andern nach. –

Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und so manchen Traum von einer schönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da hoben die Träger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran und hinter dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die dunkle Nacht, dem Berghain, dem Grabe zu.

Ueber dem Berghaus war die öde, einsame Stätte, wo die Hülle der Tochter so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe finden sollte.

Damit nicht noch um ihre Asche die Lügenmäre ihr Gespinnst webe, hatte der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch einmal zu öffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde Angesicht zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem Schleier verborgen gehalten hatte.

Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die marmorbleiche schöne Leiche.

Heimlich schauerte die Nacht. Thränen flossen; leise schloß man den Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt. –

Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich kommen mußte, die Einmischung der Behörden.

Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begräbniß. Sophiens Hülle ruhte schon im kühlen Erdenschooße, als erst Anzeige, und zwar die zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der geheimnißvollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte Bericht von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Auskunft, die sich über den Grafen nur wohlwollend äußerte; daß derselbe mit der Verstorbenen seit länger denn 30 Jahren ruhig und geschätzt im Lande gelebt, daß noch von keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine Beschwerde an und gegen ihn erhoben worden sei, daß er viel Vermögen habe und sich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht habe, als durch Wohlthun; es seien weder Kinder noch sonst Jemand da, die Ansprüche an die Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben berechtigt seien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um schonend und zart behandelt zu werden, und ein Einschreiten der Civilbehörde vor des Grafen Tode sei wohl nicht rathsam, zumal derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende milde Stiftung für die Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung bei seiner Eigenthümlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein werde. – Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten die gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art ließen die gewünschte Schonung versagen.

Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen an. Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern, doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte sich ungern dem eisernen Willen des Gesetzes, aber er fügte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war krank; der Kammerdiener und eine alte treue Dienerin führten die Herren in die Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten, daß dieser Nachlaß von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der Dienerschaft zugedacht sei.

Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mußte der Geschäftsführer den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlägerig war, vertreten.

Welch' ein Inventar! – Ueber siebenzig Oberröcke und Kleider, theils von Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen Kleiderstoffen, gegen dreißig Shawls und Longshawls, ohne die übrigen Halstücher, ebenso viele Hüte nach den neuesten Formen der Mode, und in diesem Verhältniß alles Uebrige in staunenswerther Fülle. Schmuck fand sich wenig, außer was Sophie als Kind schon besessen, für wen hätte sie sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmücken sollen? Sie selbst, ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schönste Schmuck, wie er aus der Idee des Schöpfers als Meisterwerk hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren Ringe, Armbänder und dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am Meisten überraschend aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge baaren Geldes, die in verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit Perlen oder mit Fischschuppen gestickten Börsen sich vorfand. Jene Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth geschenkt, sie waren nicht ausgegeben worden, außerdem fanden sich Friedrichsd'or, Kronen-, Species- und einfache Thaler. Der Graf übernahm gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das Gericht seiner Dienerschaft aushändigen; die Summe, welche er zahlte, wurde beim Gericht hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung, Namen, Stand, Geburtsort und Alter der Verstorbenen ganz genau anzugeben, um so mehr Umgang genommen, als der Graf diese Auskunft zu geben sich entschieden weigerte und fest erklärte, sofort das Land verlassen zu wollen, wenn die Behörde darauf bestehen würde.

Dieselbe begnügte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.

Nach diesen Stürmen lagerte sich wieder die tiefste Stille über das Schloß zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach sich oft mit schmerzlicher Rührung Goethe's Worte vor, die so ganz auf ihn, auf seine Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paßten:

Du versuchst, o Sonne, vergebens
Durch die düst'ren Wolken zu scheinen,
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.

Die Poesie war auch hier wieder die milde Trösterin, die ihm, dem Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele fächelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.

Fast das einzige geistige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechsel mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach Hildburghausen gezogen war, doch so, daß sie jeden empfangenen Brief zurückgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedürfniß, sich mitzutheilen, ist allzumächtig in der Menschenseele, als daß auch der allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im Stande wäre.

Aus Ludwig's wehmuthvollster Zeit ergoß sich seine Klage in den Worten: »Meine Lage wird immer unerträglicher; es ist keine getrennte Ehe; es ist mehr: es ist die Zerreißung eines zusammengewachsenen Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. – – Ich lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen meinem Körper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstände meinem Geist. Das Haus ist wie verödet.«

Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach einander; des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab gefüttert hatte, heulte einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag er todt unter den Fenstern des Schlosses.

Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen mehr denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier war die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehört hatte Ludwig lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See – hohe Burgen und Schlösser, stille Thäler – und zuletzt – die Siedlerklause dort im stillen Schloß, hier die dunkelschattende Kastanienallee – ein einsames Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaseins – all' sein Glück.

Alles hatte sich erfüllt, Alles – und er stand am Ziele. Sanft elegisch war seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klänge im stillen Weben der Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrießeln.

Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hindurch, die ihm noch zu leben vergönnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja, selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine Stelle im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete:

»O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo nach dem deutschen Scherzwort der König David geboren ist, vergleiche Psalm 38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete täglich auf das Allerfleißigste zu den lieben Gottesheiligen auch für dich, geliebter Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amsterdam nicht zu melden; daß dein alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen menschliches Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen Delphin erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlängst. Wir dachten damals oft an dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften. Unsere Muhme Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den Brauereibesitzer Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine »bedroefde weduwe«. Du rühmtest mir einstmals den sinn- und deutungsvollen Reichthum der deutschen Sprache gegenüber der unsrigen. Nenne mir doch in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin sich der Schmerz und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen Frau so ausgeprägt zeigte, wie im Worte Weduwe! das ist: wee te wee! Weh zu Weh! – Unsere anderen Muhmen, Cornelia's Schwestern, Helena und Christina, können leider noch nicht in den traurigen Fall kommen, betrübte Wittwen zu werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind. Ich habe ihnen dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie wollen nicht.«

»Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn sie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules denken, oder an ein römisches Jugum, nur Schade, daß Niemand Neigung trägt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter – dir darf ich es sagen – ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei fallen mir alle meine alten Sünden – nicht doch, wollte sagen: meine alten Tanten in Bochlio, zu Herzberg und zu Dahme ein, die sich vordessen auf deines wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber vergeblich. Jene deutschen Falken, die für ihr Leben gern Valcken sein möchten, warten auch auf deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den Gefallen, bald zu sterben, sondern laß' sie zappeln!«

»Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich habe das ewige Predigen, Beichtehören, Messelesen und was d'rum und d'ran hängt, von ganzem Herzen satt. Kein glücklicherer Mensch auf Erden als ein Pastor emeritus. Das Loos eines gutpensionirten Emeriti scheint mir viel beneidenswerther, als das eines Eremitä. Ach, wer doch schon ein Emeritus wäre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu dürfen; hoffentlich bleibe ich noch so lange frisch und kräftig, daß ich mein Pensiönchen mit Behagen verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde ich nichts mehr zuwenden, sie hat sich undankbar gegen mich erzeigt, ich nehme wahr, daß das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde; sei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen Einsiedlern beten, daß ich baldigst als ein wohlverdienter Emeritus mich nennen darf deinen unwandelbaren Vetter und Freund

Vincentius Martinus van der Valck, Pastor an Sanct Agatha in Leiden.

Ludwigs trüber Ernst stimmte schlecht zu diesem ungeistlichen Humor, doch konnte er sich eines wehmüthigen Lächelns nicht enthalten, wenn er daran dachte, was Alles nach seinem Dahinscheiden mit seinem Nachlaß vorgenommen werden würde, und wie und wohin er Manches bergen solle. Denn das war sein entschiedener und fester Wille, daß er die Spuren seines Daseins vernichten wolle, daß er die Hülle, unter der er hier so lange Jahre verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lüften wolle. Der abgeschmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm lieb geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von allen den tausend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je daran, einen einzigen falschen Buchstaben wegzuwerfen und den richtigen einzusetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeißen der Nuß des Geheimnisses.

Es war für ihn eine eigenthümliche schmerzliche Beschäftigung, die Sonderung seiner Briefschaften vorzunehmen; es that ihm weh, so manches theure Blatt den Flammen zu opfern, aber es mußte geschehen, denn ungelöst sollte das Räthsel seines Lebens bleiben. Die Menschen, sprach er einst in einer solchen stillen Opferstunde vor sich hin: glauben Alles, was sie glauben wollen, und nie das, was sie glauben sollen. Wenn ich todt bin, werden sie dennoch nicht müde werden, ihre Fabeln über den Grafen Vavel fortzuspinnen, und sollte ja in Zukunft irgend Einem vergönnt sein, den Nachkommen zu sagen, wer und woher ich war, so werden sie es ihm doch nicht glauben.

Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrührten, wie jene Briefe von Angés an seinen liebsten Freund. Die Briefe jedoch, welche Leonardus und Angés an ihn geschrieben hatten, vernichtete er.

Oefter als früher nöthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach einem Arzte zu senden. Dieser verständige Mann zeigte sich menschlich theilnehmend, nicht neugierig, und so geschah es, daß es wohl zuweilen im Laufe rascher und geistvoller Gespräche schien, als wolle der Graf sich ihm mittheilen, doch häufig unterbrach er sich dann plötzlich selbst und sprang schnell auf einen andern Gegenstand über.

Das Alter macht geschwätzig, ich merke, daß ich in die Jahre komme, äußerte er sich einst bei einem solchen Besuche, da er den Arzt im Bette liegend empfangen mußte. Ich werde mittheilsam, das ist ein Zeichen meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menschen abwärts geht, ändern sich in ihm Neigungen und Gewohnheiten. Daher das Sprichwort, wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfängt zu verschenken: es ist vor seinem Tode.

Sie haben sich allzusehr zurückgezogen, Herr Graf! sprach der Arzt. Es war nicht gut, nicht heilsam. Der Mensch gehört zum Menschen, auch der Geistreichste kann sich nicht immer selbst genügen: ja, er wird leicht durch fortgesetztes Absperren von der Menschenwelt einseitig, schroff und heftig. Sie mögen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte aber nicht unter die Menschen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung. Meine ganze Jugendzeit verfloß in einsamen Schlössern, und da sah ich wenig von der Welt. Als ich in dieselbe eintrat, fand ich die Zeit zu bewegt, die Elemente zu gährend, so daß ich nicht zur Klarheit über mich selbst gelangen konnte. Ich ward in eine Strömung hineingerissen; eigenthümliche Verhältnisse schlangen Bande um mich, denen ich mich nicht entringen konnte und nicht wollte; sonst habe ich zu andern Zeiten wohl gezeigt, daß der Mensch kann, was er will, wenn er will, was er kann.

Gewiß reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt.

Nun ja, ich sah Einiges von fremden Ländern, zum Beispiel von Holland, Frankreich, England, Deutschland und Rußland, weiter kam ich nicht.

Nach einer Weile sagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewiß ein vielfach bewegtes, und die lesende Welt würde es Ihnen Dank wissen, wenn Sie derselben Ihre Memoiren überliefern oder sie ihr doch dermaleinst hinterlassen wollten.

Mein Dermaleinst liegt gar nicht mehr so fern, Herr Ober-Medicinalrath! Memoiren sagen Sie? Nichts. Eine Sammlung von Küchenzetteln, das sind meine Memoiren.

Küchenzettel? fragte der Arzt verwundert.

Nun, könnte ich nicht ein gelernter Koch sein? fragte der Graf mit Ironie zurück. Entweder habe ich mir selbst gekocht, oder ich habe mir kochen lassen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, Herr Doctor, daß Küchenzettel ein schöneres Album bilden könnten, wie Recepte? Jedenfalls stehen sie vor diesen in erster Reihe, denn die Recepte entstehen meist nur, um das zu corrigiren, was die Küchenzettel verdorben haben.

Sie scherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Ich beabsichtige nicht, Ihnen Geheimnisse zu entlocken.

Ein solches Bemühen würde auch das Vergeblichste von der Welt sein, versetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Räthsel nicht aufgegeben, um es in einer schwachen Stunde selbst zu lösen. Der schmerzlichste Verlust, den ich erlitt, machte mein Gemüth nur noch verschlossener, mein Schweigen nur um so tiefer. Gern hätte ich, als meine unvergeßliche Freundin dem Grabe – nicht zuwelkte, sondern zublühte, Sie rufen lassen, Herr Medicinalrath, aber sie wollte es nicht, und sie war ja die Herrin, meine angebetete Herrin, und über Alles, was mein war. Sie wollte es nicht, sie wollte von Ihnen nicht das Opfer.

Das Opfer des Schweigens? fiel der Arzt dem Grafen in das Wort. Ein solches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht schwer. Schweigen ist unsere erste Pflicht.

Wohl jedem Ihrer Collegen, der so denkt! stimmte ihm Ludwig bei: und der anvertraute Geheimnisse treu im Busen bewahrt. Aber ich meine, angenehmer, leichter und froher lebe sich's doch, wenn ein Mensch keine Geheimnisse zu bewahren hat und von solchen unbelastet bleibt? Meinen Sie nicht auch so?

Der Arzt lächelte und schwieg; sein heller Geist verstand den Wink sehr gut. – Ludwig sprach weiter: Ich sollte, und gewiß ist das auch Ihre Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu bestellen. Ich sollte, was man so nennt, testiren, nicht wahr? Vor Notaren und Actuaren, vor Zeugen und Zöpfen? Aber das fällt mir nicht ein! Wenn ich meine Augen schließe, so hören meine Geldquellen auf zu fließen, das ist längst so geordnet. Meine Dienerschaft wird nicht unbedacht bleiben, verspricht sie sich aber goldene Berge und Crösusschätze, so ist sie im Irrthum. Was ich in der Nähe der Stadt besitze, das Haus, die Gärten, das Haus in Walrabs, der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich gepflegt wissen will neben dem meinen, soll Alles in treue Dienerhände fallen. Zu meiner hiesigen Verlassenschaft werden sich lachende Erben melden, Einer davon besonders wird am Meisten lachen, er ist ein geistlicher Herr katholischen Glaubens.

Sie sind katholisch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage.

Ludwig lächelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der ich nicht bin.

Mit dieser apokalyptischen Wendung schnitt der Graf die fernere Unterredung ab, und indem er in ein ernstes Nachsinnen versank, ward ihm so recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, das so tausendfach vergebliche Ringen und Streben, Mühen und Abquälen der Menschen in innerster Seele klar. – Dort lag das Tagebuch der Ahnfrau seines Hauses, der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff mechanisch nach demselben und sprach, indem er es aufschlug, gedankenvoll vor sich hin: Wie sich doch die Kettenglieder der Lebenden aneinander reihen von uralten Zeiten her. Welche Stofffülle! Und so ganz begraben, so ganz vergessen zu sein! – Auch hier ist geschildert, was sich ewig erneut im steten Wechsel und im Laufe der Jahrhunderte, der Herzen unruhvolles Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Großmutter gab mir dies Buch – und ich – habe keinen Enkel, dem ich es hinterlassen könnte. Die Großmutter meiner Großmutter schrieb dies Buch, und diese erzählte nun wieder von ihrer Großmutter. Welch' eine Kette von Lebenden, die alle zum ewigen Schlummer sich niederlegten! – Wie beginnt die alte Dame?

»Die kurze Dauer des menschlichen Lebens und die Ungewißheit der Zeit des Todes hat mich den Entschluß fassen lassen, meinen Lebenslauf aufzuzeichnen, weil derselbe ungewöhnlich genug gewesen ist, so daß ich in ihm sichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche Alles zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.«

Ja, ja – die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlüssen. Diese Frau hat es über sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, für einen geliebten Sohn. Für wen sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen?

»Ich beginne dies,« schrieb sie: »im Jahre 1682, im einunddreißigsten meines Lebens, im ersten des deinigen.«

»Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der neuen Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde im Schlosse Thouars an der Thoye hat ein schönes Bergschloß, die ehemalige Residenz der Herzoge de la Tremouille. von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau Mutter, Emilie von Hessen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und Graf Moritz von Nassau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtissin von Herfort, die Gräfin Charlotte von Derby, Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton enthaupteten Jakob Stanislaus, Grafen von Derby. geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfürstin Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen, und Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.«

Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine gute Großmutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor mir, und hörte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses verkünden! Wie oft mag sie mit stillem Vergnügen über diesem interessanten Buche gesessen haben!

»Meine Frau Mutter ließ mich im Schlosse bei der Herzogin meiner Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für meine Erziehung und meine Bedürfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit der äußersten Zärtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich gründlich verzog. Ich wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind, daß eine minder geduldige und zärtliche Dame, als es meine Großmutter für mich war, meine Unarten gewiß nicht ertragen haben würde.«

Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, sprach Ludwig, als er dies gelesen hatte. Häufig tritt zwischen Großeltern und Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters, als zwischen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu Theil wird. So wäre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Härte im Charakter meiner guten Großmutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen gewesen? Welch' ein eigenthümlicher Reiz liegt in diesem alten Buche – ein so langes, vielbewegtes Leben, – es wäre ein Unrecht von mir, dieses Buch, so wie jene Tagebuchbruchstücke meiner Großmutter der Vernichtung Preis zu geben – aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter Wilhelm Gustav Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der Vice-Admiral, starb schon 1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen fern, bin ihnen fremd, wer weiß, ob Eines von ihnen durch diese Gabe erfreut würde! Auch für Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten Werth haben, diese Holländer wären im Stande, Häringe in die Papiere zu wickeln, welche die Geschichten einst glühender Herzen enthalten! – Der Einzige, Vincentius Martinus, der vielleicht diese Blätter würdigte, leidet an Gesichtsschwäche, die heilige Ottilia rächt sich an ihrem Kirchlein, weil er ihr, wie ich große Ursache zu glauben habe, meine ansehnliche Schenkung entzogen und sie für sich selber behalten hat. Da würden diese altfranzösisch geschriebenen Blätter ihm nur Mühe machen, sie zu entziffern. Am Besten, ich überlasse es ganz dem Zufall, daß dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu schätzen und zu übersetzen weiß.

Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geschichte damaligen Hoflebens und persönlicher Verhältnisse der weitverzweigten Verwandtschaft des alten reichsgräflichen Geschlechts, endlich legte er das Buch zur Seite und sagte, sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein.

Auch sein Ziel war nahe, näher als er selbst glaubte; gleichwohl versäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde Georginens, seine früheren Reisepässe, ein Flammenopfer nach dem anderen; ferner Leonardus' Testament und Schenkungen, alle Quittungen, alle Danksagungen. – Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend: Du, der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschluß? Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner Rechnung.

Eines Tages wollte er noch schreiben, aber die Hand versagte ihm den Dienst. Der jüngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte dictiren, aber er vermochte es nicht, er fühlte sich zu schwach dazu, und murmelte nur: O weh! daß ich doch zu keinem Entschluß kommen kann! Nun denn – mag es sein!

Noch einige unzusammenhängende Phantasien von Testamenten – von einer Dame, die aus weiter Ferne kommen werde – von einem Bruder, der ermordet worden – von einer Schwester, die ihm entgegenstrahle – von Engeln, die seiner harrten – und die Seele Ludwig's löste sich leise los vom Erdenstaube. Er war »auf dem Sopha« – wie die Acten lauteten »sanft eingeschlafen.«

Der Tod des geheimnißvollen Grafen war ein Ereigniß, das lange Stadt und Land bewegte und allgemein die Neugier auf's Höchste spannte. Nun endlich mußte doch Alles offenbar werden! Gegen Erwarten ward aber Nichts offenbar. Die Gerichte kamen, versiegelten, öffneten und inventirten den Nachlaß.

Es fand sich kein Testament. Die Dienerschaft erzählte, daß ihr entschlafener Herr stets den Wunsch ausgesprochen habe, in seinem Berge neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das sein Theuerstes barg, denn in der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen der Diener stand die Bedingung: »Das oder die Gräber in dem geschenkten Garten stets zu pflegen und zu bewachen.«

Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde bestattet. Ein ausgemauertes Grab zu Eishausen nahm die sterbliche Hülle des Dunkelgrafen auf. Eingedenk der großen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, ging die ganze Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghausen her nahte ein stiller Zug, die Waisenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren Wohlthäter Ludwig gewesen war. Neben dem vormaligen Ortsgeistlichen wurde er eingesenkt, dessen Hügel ein Denkstein schmückt, den Therese, Bayerns Königin, diesem ihrem einstigen Lehrer hatte errichten lassen. Dankbar hob der jetzige Geistliche in der Grabrede die Verdienste des edeln menschenfreundlichen Verstorbenen hervor.

In den nun vom Gericht durchsuchten Papieren Ludwig's fanden sich zunächst der Briefwechsel mit seinem Agenten zu Hildburghausen, die quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verstorbenen fast zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck stempelten, und den Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Versay als nur angenommen erscheinen ließen. Es fand sich auch etwas Geld, nämlich an 300 Stück Doppellouisd'or, eine Rolle einfache, gegen 200 holländische Ducaten einschließlich einiger anderer Goldstücke, 576 Kronenthaler, 577 preußische Thaler, und über 150 Gulden sonstige Silbermünze, eine Totalsumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufschlüsse über die Verhältnisse des Verstorbenen fanden sich, wie die Acten aussagen, nicht vor. Im Inventar befand sich ein silbernes Petschaft mit einem Lapislazuli-Stein, in welchem drei Lilien unter einer Krone eingegraben waren; reiches Silberzeug, sechs Uhren, nicht weniger als sieben Thermometer, drei Barometer. Unter der reichhaltigen Rubrik des Kapitels: Insgemein stand auch trocken und klanglos: Nummer 112 »eine Windharfe« – verstimmte Saiten! –

Da kein Testament und keine Erbnehmer vorhanden waren, so erfolgten nun von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswärtiger Erbberechtigten, in vielen deutschen und hauptsächlich rheinischen, sowie holländischen Zeitungen, in denen ausgesprochen war, daß »fast ohne Zweifel«, wie aus den Papieren hervorgehe, der Verstorbene Leonardus Cornelius van der Valck geheißen habe, denn Leonardus' Taufzeugniß war vorhanden; auch daß er fast bis an seinen Tod mit seinen Verwandten in Amsterdam in Briefwechsel gestanden habe. Auch der Dame wurde in diesen Vorladungen gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angés Barthelmy, geb. Daniels unterzeichnet, »ohne Zweifel« an den Verstorbenen gerichtet, und die Annahme zulassend, daß die Verfasserin der Briefe mit der im Schlosse zu Eishausen verstorbenen Dame »vielleicht identisch« gewesen sein könne.

Es erschienen nun ein Anwalt aus Amsterdam und ein Notar aus dem Haag, überreichten Vollmachten, Pässe und den Stammbaum des Herrn Pastor Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau Cornelia Petronella Adriana Wirix, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu Weerd (Wörden), ingleichen der Fräulein Helena Maria und Christina Theodora Lippert, und bestellten zur Geltendmachung ihrer Rechtsansprüche einen Hildburghäuser Anwalt; sie legten auch die Taufzeugnisse von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den Eltern benannter Damen in bester Form verbrieft und besiegelt vor und eine Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, römisch katholischer Pastor emeritus, für sich und seine Muhmen die Beauftragten an seiner Stelle zu handeln bevollmächtigte; bald flogen auch noch andere »Falken« in Briefen herbei, um an der schönen Erbschaft Theil zu nehmen; die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht sprach die Erbschaft und mit vollem Recht, dem lustigen Emeritus in Leiden und seinen alten Muhmen zu und soll derselbe, wie die von ihm nach der Hand abgesandten holländischen Bevollmächtigten, welche kamen, um die Erbschaft zu erheben, versicherten, in seiner jocosen Weise dankbar ausgerufen haben: Nun ist mein Leiden zu nichte gemacht!

Die Beauftragten aus Amsterdam trugen das reiche Erbe von dannen, sie verschmähten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden lag, und einige Scripturen, die zufällig dazu gekommen waren. Es war noch eine reichhaltige Briefsammlung, die zufällig unberührt geblieben war, das alte Tagebuch und das jüngere Tagebuchbruchstück lagen auch darunter. Es ist zu wünschen, daß alles Benutzbare davon nicht in allzuschlimme Hände gefallen sein möge.

Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im stillen Schloß des Dunkelgrafen war zu Ende gespielt.

Wem vergönnt ist, durch Eishausen zu reisen und dort einen kleinen Aufenthalt zu machen, der besuche das Gasthaus und frage dort nach dem Grafen; da wird er hören, wie Ludwig's Andenken noch immer in hohen Ehren gehalten wird.

»Um den Mann sind viele Thränen geweint worden – der Mann hat unser Dorf sehr glücklich gemacht – solch' ein Mann kommt niemals wieder!« das sind die einfachen Reden der schlichten Landleute.

Schön und würdig hatte Ludwig seine Sendung erfüllt. Was die Großmutter einst beim Abschied segnend zu ihm gesprochen, es war an ihm zur Wahrheit geworden. Er ging durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte die Menschen. Er war mildthätig und barmherzig und vergalt Kränkungen nur mit Wohlthaten – darum dauert in dem stillen Kreise, in den er eintrat, sein Name im Segen fort von Geschlecht zu Geschlecht.

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