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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 35
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
year
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24782
created20090710
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11. Der Freundin Tod.

Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber die Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen glänzte die alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am Altar ihrer Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer.

Die Einsiedler im stillen Schloß zu Eishausen berührten die staatlichen und politischen Verhältnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe von fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig, doch blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden Regierungswechsel unberührt; denn zu allernächst wußten sie ja nicht, ob unter einer neuen Regierung ihnen das Asyl, das nun nach so manchen widerstrebenden Gefühlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden, belassen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu, sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite wurde die zarteste Rücksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange Jahre still und unbescholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche derselbe nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen der nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder persönlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie, es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt.

Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig wußten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere Kunst verstanden, die Leute zu nöthigen, ein stilles Geheimniß mitten im lauten Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von Niemanden geahnet, ein anderes großes Geheimniß, mit dem sich nicht eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz Deutschland, ja, die halbe Welt beschäftigte, an das Eishäuser Geheimniß episodisch heran. Es war Sommer, die Blätter der Weiden rauschten, über der Flur lag tiefes Schweigen.

Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem Dorfe hinüber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit. Bald darauf hörten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt.

Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem Schloß führte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein Gesicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohlwollen aus; er nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine Züge hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte Reisemütze, und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die Umgebung warf, drückten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus, während die seines älteren Begleiters forschend und fast neugierig umhersahen; diese Blicke glitten suchend an allen Fenstern des Schlosses hin, und hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben bald stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem Schlosse zu.

Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert am Fenster stand, und nur hinter der grünen bemalten Gardine verstohlen hinabschaute.

Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimniß! antwortete Ludwig. Wenn mich nicht Alles trügt, so kenne ich diesen jungen Menschen.

Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir nicht älter als höchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem Zeitraume hast du ja das Schloß nicht verlassen?

Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurück, dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen vollkommen glich.

Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend, und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen entschiedene Bewegungen des Verneinens.

Sieh dir diesen Jüngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin. Das ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnißvoller für die Welt ist, als die unsere, er ist das öffentliche Räthsel Deutschlands. Sieh, jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier, gehorsamer Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige Aufmerksamkeit! Reisen Sie recht glücklich!

Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem Erstaunen.

Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge Mensch ist der Findling Nürnbergs, dessen Geschichte ich dir erzählte, so weit mir dieselbe aus den über ihn erschienenen Schriften bekannt geworden ist, es ist Kaspar Hauser.

Das unglückliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestürzt aus.

Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaische Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit und breit, das hellsehendste Wächterauge in ganz Deutschland für die öffentliche Sicherheit.

Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt möchte längst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewußtsein ist es unerträglich, daß ein Mensch lebt, dessen Paß nicht jeden Augenblick vor aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Mensch lebt, dessen Herkunft die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne Zweifel in seinem vollen Rechte, ja ich schätze ihn aus der Ferne sehr hoch. Sein Freund ist der berühmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm Feuerbach zu Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste angenommen hat und noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft seines Schützlings aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes Verdacht auch auf uns und dieses Schloß, und daraufhin wurde Ersterem der arme Kaspar Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick der hiesigen Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemüthe des Jünglings wach würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein einsames und stilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der Gesellschaft getrennten Paare, über dessen Herkunft die dichtesten Schleier gebreitet sind. Könnte nicht hier jener unglückselige Knabe geboren worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der junge Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner früheren Umgebung getäuscht, Vermuthungen ausgesprochen hätte, unsere Ruhe wäre dann auf das Aeußerste bedroht.

Der Himmel sei gepriesen, daß sie wieder fort sind! sprach Sophie und suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen. –

In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheimnißvollen Grafen. Was längst gesichert erschien, Ludwigs völlig ungestörter Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und erregte Besorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur ungern den Mann aus dem Lande scheiden sehen, der fort und fort durch großmüthige Unterstützung der Armen und Nothleidenden sich nützlich und wohlwollend erwies, und beschloß deßhalb, dem Grafen ein sichtbares Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das Ehrenbürgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte nicht fehlen, daß dieses Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung seines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um so lieber blieb er nun in der stillen Häuslichkeit und in dem engen Kreise, den nun schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und Sophie die traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger der Stadt Hildburghausen zu heißen, sondern auch der That nach es zu sein, erwarb er käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an dasselbe stoßenden Garten und ließ auch noch einen an diesen angrenzenden Wiesengarten von einem dritten Besitzer erkaufen. Bald umgab auch dieses Haus der Zauber des Geheimnißvollen; hohe dichte Bretterumzäunungen friedigten das neue Besitzthum, Hof und Gärten ein; Läden, welche stets verschlossen blieben, verwehrten das Erdgeschoß gegen jeden zudringlichen Blick.

Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemessen möblirt, auch ein neuer, höchst eleganter Wagen wurde eigens von Frankfurt verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten Sophiens und Ludwig's mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden mußten. Bei diesen Fahrten wurde nie die Stadt berührt, indem sich ein Weg, die Mareistraße genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in die von Coburg über Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des Dörfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Straße an eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Häuschen häufig in einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses käuflich erworben, um zu schöner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben. Dieser Berggarten bot neben einer der schönsten Aussichten auf die freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen Residenzschloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen unter vielen gemischten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief schattende Allee niedriger aber stockstämmiger Kastanienbäume, welche Ludwig ganz eigenthümlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht besinnen, wann und wo er eine ähnliche Oertlichkeit früher gesehen habe.

Obschon der Graf der Außenwelt stets rege Theilnahme widmete, so mußte er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf Erden. Ohne der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so rascher Folge entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach dem andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich für ihn war. In des treuen Philipp's Fußtapfen vermochte schon kein neuer Diener einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach einander der redliche Geschäftsführer und der so äußerst gefällige hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu ungewöhnlicher Frühstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den Tod des wackeren Predigers verkündeten, stimmte ihn dieses Geläute zur tiefsten Wehmuth. Eine Thräne glänzte in seinen Augen und bewegt rief er aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte! Fast will mich bedünken, als lebe ich zu lang!

Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als Ehrenbürger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Häuser und Gärten käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menschen, die ihr Leben an das seine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht, deren Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle Genius nahen sollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige Pflicht, vorsorglich zu handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch kommen, wo er freiwillig oder durch Kündigung der Miethe das Schloß verließ, dann war es gut, sogleich ein Besitzthum zur Verfügung zu haben; war doch ohnehin des Verwunderns darüber kein Ende, daß der Bewohner des stillen Schlosses in demselben wohnen blieb und jährlich 500 Gulden Miethe zahlte, während er ein recht geschmackvoll, obschon ohne Luxus eingerichtetes Haus mit großem Garten sein Eigenthum nannte, und zumal in nächster Nähe der Stadt, wo für den Verkehr mit der Post, mit Kaufleuten, mit dem Geschäftsführer so ungleich größere Bequemlichkeiten sich darboten, als auf einem anderthalb Stunden weit entlegenen Dorfe. Man hatte damit abermals einen Grund mehr gefunden, den Grafen als Sonderling zu bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl- oder Uebelmeinen der Menge spann sich das Leben im stillen Schlosse geräuschlos fort, unbewegt und doch voll innerer Bewegung.

Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen politischen Ereignissen, wie mußten diese die Einsiedler zu Eishausen berühren und erschüttern! Abermals brach in Frankreich ein Revolutionssturm los, bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen von Artois, der als Karl X darauf saß, er brach durch die entsetzliche Wucht von vier leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele erschreckte und nachdenklich machte.

Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange, welcher theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin enthielt, schrieb die Prinzessin: »Wir Alle sind außer uns, alle Ereignisse der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in Italien und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen – alle diese Ereignisse, sage ich, werden zurückgedrängt durch eine Begebenheit, welche uns zu allernächst auf das Schmerzlichste berührt und niederbeugt. Den letzten Stamm des Hauses Condé hat der Tod gebrochen, und welch' ein Tod! – Ein schändlicher, verrätherischer, meuchelmörderischer Tod unter der schwärzesten Maske! Am 29. August dieses Jahres wurde Herzog Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von Condé, auf seinem Landsitz zu Chantilly am frühen Morgen in seinem Schlafzimmer an einem Fensterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach eines Selbstmordes auf sein unschuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn zugleich nehmen mir die Feder aus der Hand – des Herzogs Testament ist eröffnet – lachende Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und die gerechtesten Ansprüche Anderer werden mit Füßen getreten! – O, meine Sophie! Du bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine letzte Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdischen Leben verschaffen zu können, denn drüben bedürfen wir dessen ja nicht, ist zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen in das Grab nachgeworfen wurden!«

Laß doch Alles dahin sein, liebes Kind, sprach Ludwig mit der Ruhe eines Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste ergriffen wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdische Habe, wahrlich, sie ist so köstlicher Thränen nicht werth, zumal solcher Habe, die Andere besaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen Selbstmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder in einer bösen Zeit und können nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird.

Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem erschütterten. – Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl, entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, so Manches stürmt jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ängstlich und besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie – wenn ich dir entrissen würde.

O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie abwehrend.

Wozu verhüllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder färbt der Herbst die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing, hat mich bis zum Kranksein erschüttert. Was ich einst voraussagte, es ist geschehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf, treten auf zum Kampfe gerüstet, und befehden einander in diesem unseligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen offen vor das Auge der Welt den Familienzwist, und die Kinder meines Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene – und so erfüllt sich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener verhängnißvoller Fluch! Ist das nicht schrecklich? Soll das nicht jedes Herz erschüttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die öffentliche Ankündigung dieser Streitschriften in den Zeitungen las. Und du weißt, liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden mußte, und das gönn' ich ihm nicht! – Als Wilhelm Gustav Friedrich durch die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft und Verbannung befreit war, sequestrirte Oldenburg immer noch seine Güter, und es mußte erst ein abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die Großmächte Oesterreich, Preußen und Rußland die helfende Hand boten, daß ihm Kniphausen wieder eingeräumt ward, daß er die Regierung mit Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren Rechte wieder zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältnisse, die ja nie glänzend waren, sieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt wie eine Natter. – Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ältesten Sohne, Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutschen Güter abgetreten und ist nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines großbritannischen General-Majors anständig lebt. Was aus dem Streite weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die Versöhnung! Aber das prophezeie ich, daß diese Zeit spät, sehr spät kommen wird und erst dann, wenn ich längst von meinem stillen Schauplatz abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen ich lebte, längst alle todt sind. Möchte mein so unbesonnener Fluch, der die dunkelste That meines Lebens war – ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen! – dann mindestens gesühnt sein, wenn ich selbst der Sühnung vor dem ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwünschungen über seine Lippen gehen lassen, denn es hört sie eine dunkle dämonische Macht und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.

Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm in der Nacht so unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erschien.

Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken. Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie im Fieber:

Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhältnisse der Außenwelt – o wie unglücklich wird sie sein – o wie erbarmungswerth – und das ist dann mein Werk, ich Unglückseliger! Ich rang nach dem hohen Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem Gelübde. Das Gelübde hab' ich unerschütterlich gehalten, aber meine Eigensucht hat nicht daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden könnte!

Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen Fieberglut, er fühlte sich völlig machtlos und sah im Fieber, wie eine hohe, dunkelverhüllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten Lilie glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit fort. Immer sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen, immer weiter und weiter schritt jene Gestalt in eine unermeßliche öde Ferne, wurde immer kleiner, endlich war sie so weit, daß sie mit dem Dunkel der Ferne verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und heller, je weiter sie von ihm weggetragen wurde – endlich war auch sie nicht mehr sichtbar, sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner Stern.

Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fühlte sich der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in einen ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das Bett hüten. Wie er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande war, erhielt der Geschäftsführer einige Zeilen, mit zitternder Hand geschrieben, die ihn, was nicht selten geschah, zu einer Unterredung nach Eishausen einluden.

Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing, welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war sehr krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben ist. Ich habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre, ersetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngst an mich gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen Schuldigen – sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde. Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gemäß ist, doch ohne Weitläufigkeiten; Sie wissen, daß ich diese nun einmal nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten, Schreiber – nur das nicht!

Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschäftsführer, Eurer Gnaden gehorsamst auseinanderzusetzen, daß und wie –

Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach ihn Ludwig. Ich bin noch so angegriffen – ich danke Ihnen und bleibe Ihnen im voraus verbunden.

Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes: »Nach dem gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame erwähnten, hoffe ich Eurer Gnaden Wünsche richtig zu erkennen. Sie wünschen Ihre hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen Hochdieselben noch angeben werden, zu übertragen und diese als Eigenthümerin einzusetzen, damit diese Dame, bei einer Abreise, oder Abwesenheit, oder dem Ableben von Euer Gnaden stets als solche verfügen und handeln kann. Dieses wird sich auf das Gültigste und Kürzeste leicht, vielleicht auch ohne die persönliche Gegenwart von Gerichtspersonen machen lassen. Ich bin so frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden derartigen Verfügung oder Cession zu gnädigster Ansicht und Prüfung beizulegen.«

»Die Form der Abtretung der erwähnten Grundstücke an die Dame ist dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten Kaufbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen der Dame ausfertigen zu lassen.«

Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer Betroffenheit.

»In Betreff anderweiter Gegenstände ist keine andere gültige Form einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwärtig ist und sagt: Ich nehme diese Schenkung an.«

»Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gültig, wenn sie in Gegenwart von Gerichtspersonen geschieht.«

O mein Himmel, wie wäre das möglich! stöhnte der Graf, und seine Hände zitterten.

»Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieselben wollten erlauben, daß ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts hinauskommen dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft binnen drei Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige Dispositionen schon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur Namen und Daten ausfüllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit den Worten übergäben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu Protocoll. Das Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem andern Zimmer, und es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument zu Hochdero Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafür stehe ich ein, Assessor und Secretair unaufgefordert kein Wort sprechen. Durch diesen Act wird bei einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung überflüssig gemacht und jeder obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige Hinterlassenschaft vorgebeugt. –«

Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedürfen.

Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute sich, wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit, aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt verblühte, wie eine schöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer Waldeinsamkeit, wurde allmälig bleich, immer zarter und durchsichtiger wurde ihre Haut, ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren Glanze. Ein leises kurzes Hüsteln – der Anflug einer hohen Röthe auf den Wangen – das Alles sagte genug und ließ ahnen, was kommen mußte.

So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländische Moos, die süßen Wurzeln der Quecke und Althea.

So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat, der das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das Leichentuch zu weben beginnt.

Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit all' seiner genossenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner holdesten Gestalt!

Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine weinende Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des Trostes, wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger weinender, alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht für sie, nicht für sich.

Ich sterbe gern, flüsterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke – so danke ich dir auch noch für deine Treue – in dieser letzten Stunde! – Vergiß deine arme Sophie nicht! – Du bleibst nun allein – o tritt wieder hinaus in die Welt – begrabe dich nicht länger in der Abgeschiedenheit, denn nur um meinetwillen hast du dich in diese Einsamkeit zurückgezogen. – Ich habe viel entbehrt, was das Leben andern glücklicheren Menschen bietet, aber ich habe dich gehabt, du hast mich reich entschädigt – und wir waren glücklich. Alles, was ich habe, gabst du mir – Alles was ich bedurfte, warst du mir – noch einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig – ich danke dir!

Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er küßte noch ihre letzten Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf.

Die Stimme versagte der Sterbenden – das reine Herz hörte auf zu schlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte seiner Verklärten die brechenden Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann ließ er sie sanft in die weichen Kissen niedersinken und stieß einen lauten dumpfen Schrei des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag war der fünfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten Genien des armen Grafen? –

Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleichfalls geschehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den schnell herbeigerufenen Geschäftsführer besorgen und anordnen. Er selbst war ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft!

Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrüten saß er da, ganz verloren in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt – jetzt fand er auch mit Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige Grab, und an jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er letzteren einst im Traume geschaut, in Ottolinens Schloß geschaut, und wie er – so wunderbar ihn selbst besaß. – Hier die Klause, dort die Grabeszelle! so stand der Gedanke fest in ihm, und so führte er ihn auch aus.

Wortkarg, zurückhaltender als je, einsam und allein stand der Graf da. Keines Freundes tröstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geschehen, was nicht zu ändern war, todtkrank weilte er beständig in seinem Zimmer, in stummem und darum doppelt unsäglichem Schmerz.

Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren Ansprüchen, mit ihrer Allwissenheit; die Außenwelt, die da Buch führt über Leben und Sterben, über Sein oder Nichtsein. Des Ortes Küster kam, vom Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die lebend nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mußte in das Kirchenbuch mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fähig, eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem Geburtsort.

Sophie Botta! flüsterte er endlich seufzend. – Und woher? – Aus West – Westbachen – Westbacherhof wollte er sagen. – Sophie Botta aus Westphalen, schrieb der Küster nieder.

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