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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
year
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24782
created20090710
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9. Ein alter Bekannter.

So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 herangekommen. Zahlreiche Truppendurchzüge fanden statt und auch das Schloß zu Eishausen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts wesentlich geändert, bis ein ebenso unerwartetes als erschütterndes Ereigniß eintrat, das wir hier erzählen wollen.

Eines Tages geschah es nämlich, daß neue Einquartirung anlangte, ein französischer Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten, die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Führer über den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmärschen dem Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die armen, durch wochenlange Eilmärsche entkräftete Soldaten durch Speise und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein großes Glas Bordeaux dar, dessen finstere Züge sich bei dem langentbehrten Genuß zu erheitern begannen. Plötzlich schrak Philipp heftig zusammen, so daß ihm fast die Flasche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte, einen Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerührt, dem französischen Kapitän in's Gesicht, faßte dabei krampfhaft des Verwalters Arm, ließ ihn dann schnell wieder los und eilte davon. Auch der Franzose zeigte sich plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp mit dem gleichen Schrecken angestarrt, stürzte das Glas Wein vollends hinunter und rief: C'est impossible! Impossible!

Während dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das Werk weniger Minuten.

Der Hauptmann saß während dessen, den Kopf in die Hand gestützt, am Tische, wie in düsteres Hinbrüten versunken. Jetzt fuhr er mit glühenden Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit rauher Stimme auf Französisch schnell hintereinander mehrere Fragen an den Verwalter, die dieser, der französischen Sprache unkundig, nicht beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will zu ihm, ich muß ihn sprechen! – Der hochbejahrte Verwalter gerieth in eine große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das Haus, ein Mann von rüstiger Kraft und herkulischem Körperbau; dieser befreite sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestüm des Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, daß wir euch zu essen und zu trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt ihr, es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat anno dreizehn geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben – untersteht's euch nur! Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr schießt euch todt wie einen tollen Hund, daß ihr's wißt. Denkt ihr Lumpenhunde, wir fürchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die Sturmglocke, schlagen euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn kräht mehr nach euch! – Der französische Hauptmann gerieth bei dieser energischen Drohung in eine kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es war, konnte sein Gesicht nicht werden; grimmig schleuderte er das Glas, aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirschte in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen, rief seinen Leuten einige Worte auf Französisch zu und stürzte aus dem Hause. Philipp stand in der Stallthüre und hatte schon das gesattelte Pferd am Zügel, seine Absicht war, nach Hildburghausen zu jagen, Hülfsmannschaft für den bedrohten Ort herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte ihn und jener hatte Philipp erkannt – es war kein Anderer als Berthelmy, Angés' verruchter Meuchelmörder. Wie der treue Diener ihn aus dem Hause stürzen sah, ließ er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging zwischen dem Dorf und dem Bach, welcher sich rasch und rauschend ergoß, auf die Wiesenfläche – augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner kritischen Lage irgend einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in ohnmächtigem Grimme; es war, das sah er selbst wohl ein, kein Spaß mehr mit diesen deutschen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an den Druck, an den Uebermuth der Franzosen war noch zu neu und lebendig; überall mußten dies die Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine empfinden, das Landvolk besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen Flüchtlingen und Manchen derselben traf blutig die rächende Nemesis.

Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg überschritt und längs des mit hoher Planke umfriedeten Wiesengartens abwärts, dem Bache der Rodach nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm, hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn es sein müßte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.

Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte, kehrte er wieder um, – da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachsen und vertrat ihm den Weg.

Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit der Gier halbverhungerter Menschen über die Speisen und Getränke her, die man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein Bauernhaufe vor dem Schlosse, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und Dreschflegeln.

Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu, daß sie nun suchen sollten davonzukommen.

Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den sie erst jetzt vermißten. Bald sahen sie ein, daß sie dieser Uebermacht gegenüber den Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernschaar verstellte den Flüchtigen den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte sie einen Feldweg einzuschlagen, der sich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden nach Streifdorf und südwärts zog, und gab ihnen unter deutschen Kernflüchen noch eine Strecke weit das Geleite.

Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut plaudernde Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es wieder ganz still um das Schloß, ja recht todtenstill, nur die Wellen der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.

Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause geschlichen, der Verwalter erschrak über seinen Anblick, denn Jener war bleich wie der Tod, stöhnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd mit gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. – Er mußte sogleich zu Bette gebracht werden.

Voll Bestürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp unter heftigem Schmerzgestöhn, was sich zwischen ihm und dem französischen Hauptmann auf der Wiese hinterm Schloß, dicht am Ufer der Rodach, begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den abscheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derselbe nicht lebend das Schloß wieder verlassen dürfe, stand sogleich sicher vor seiner Seele. So ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg, und warf sich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein kräftiger Mann, wehrte sich verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die Rache Riesenstärke; bald war der verruchte Mörder der herrlichen Angés völlig in seiner Gewalt, Philipp's Faustschläge betäubten ihn und obwohl es Jenem noch gelang, seinen Angreifer mit einem Stilett tief in der rechten Seite zu verwunden, so achtete Philipp dessen doch nicht, und auf Berthelmy's Brust knieend, drückte er ihm so lange die Kehle zu, bis derselbe kein Glied mehr regte. Dann schleifte er den Leichnam an den Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelschäumenden Bach.

Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere Betrachtung zurückdrängen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand des Kranken bereits so sehr verschlimmert, daß der Arzt an seinem Aufkommen zweifelte. Berthelmy's Stilett hatte noch einmal, zum Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter unsäglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst einige Wochen nach seinem Tode fand man die Leiche des von ihm erdrosselten Berthelmy in den Weidengebüschen der Rodach auf.

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