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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 32
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
year
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24782
created20090710
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8. Der Geburtstag.

Voll unaussprechlicher Rührung stand Ludwig noch lange vor seinem holden Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und netzte mit seinen Thränen diese theuren Zeilen.

Ohne daß er es gewahrte, trat sie leise ein, ätherisch schön, geschmückt, in hellen Farben, von Gewändern umflossen, die sie reizend kleideten, eine liebliche feengleiche Gestalt, blühend wie die schönste Rose Irans, das holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein verkörpertes Ideal jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf. Sophie! Ludwig! – und sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an Herz, und geschlossen war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches, vollbeglücktes Leben. Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen aller bisherige Zwang der scheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des Himmels standen sich die edlen Gestalten gegenüber, froh bewußt ihrer Bestimmung, ihres Zieles, daß sie nun einander angehörten für das Erdensein, für eine gemeinsame Bahn, ein gemeinsames Streben. Der Tag war reizend angebrochen, es war Herbstesanfang, während die Liebenden auf die Sonnenhöhe des Lebens traten; die Morgensonne strahlte hell in die Zimmer, die Natur lachte noch in voller Sommerfrische, und hatte das reiche Füllhorn mannichfaltiger Blumenpracht über die Schöpfung geschüttet.

Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzücken blitzte aus diesem holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte diesen zarten Fingern in den feinen Glacéehandschuhen solchen warmen Druck gelehrt? Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flüstern?

Fast hätte in seinem Glück, das so überraschend und übergewaltig an diesem Tage auf ihn einstürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens vergessen, welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus Mutter ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte. Endlich dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer wachsendem Erstaunen.

»Mein geliebter Leonardus!« so begann der letzte Brief einer todten Mutter an ihren todten Sohn: »wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen, wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an einem guten und dir Heil und Glück bringenden Tage lesen mögest, was ich niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimniß nicht mit unter die Erde nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zürnen, mein lieber Leonardus, denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue bewiesen, obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht dein Vater ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon für unsern Sohn gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthümliche und seltsame Ereigniß, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes Kind in unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darüber erstaunen, doch mir nicht zürnen, wenigstens glaube ich nicht, daß du dazu Ursache hast.«

»Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschäft in London abzuschließen; wir waren noch im ersten Jahre unseres Ehestandes, liebten uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung entschließen; ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar dort nach einiger Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den Namen Leonardus Cornelius beilegen ließen. Mit diesem Sohn, einem zarten Säugling, und mit meinem Manne schiffte ich mich später zur Rückfahrt ein. Das große Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser Eigenthum; mit uns fuhr eine deutsche Herrschaft, nämlich eine schon bejahrte, wenigstens fünfzig Jahre zählende sehr stolze, aber doch auch wiederum sehr gute und außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein Mann sehr verehrte, sie stets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher er allerlei Geldgeschäfte abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von einer jungen Dame, ihrer Schwiegertochter, deren Gemahl in England zurückgeblieben war. Es war zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber doch gütige Frau, welche, gleich mir, auch in London geboren hatte, und ihr Kind von einer Amme stillen ließ. Wir erzeigten uns gegenseitig alle Freundlichkeit und Gefälligkeit, unterhielten uns vielfach über unsere Kinder, fanden sogar ein wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und theilten uns nach Frauenweise unsere gegenseitige Herkunft und Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hieß Reneira, und war die Tochter eines Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie zählte erst einundzwanzig Jahre; ihr Gemahl war der Reichsgraf Johann Albert von Jever, Varel und Kniphausen, und eine ältere Schwester von ihr, Maria Katharine van Tuyl zu Serooskerken, war an ihres Gemahles älteren Bruder verheirathet. Beide Männer waren die Söhne der Reichsgräfin, welche sich mit auf unserem Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem »Helder« und dem »Texel« hindurch waren, und die Insel Wiwingen in Sicht hatten, sprang der Wind um, wuchs und wuchs und wurde zu einem furchtbaren Sturme. Du kennst Seestürme aus eigener Erfahrung hinlänglich, mein geliebter Leonardus, aber die Feder einer alten schwachen Frau ist nicht vermögend, den zu schildern, der mit allen Schrecken der empörten Elemente uns heimsuchte. Alles stürzte durcheinander, wir armen Frauen, unsere Kinder, unsere Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst, Nothschüsse, Gekreisch, Hülferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn unter Deck mußten alle Lampen und Laternen ausgelöscht werden, um Feuersgefahr zu verhüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit furchtbar lang, es war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir Frauen waren mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern und Dienerinnen in der großen Kajüte, und erwarteten mit jeder neuen Welle unser Ende. Unser Aller bemächtigte sich zuletzt eine gänzliche Hoffnungslosigkeit, eine tödtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet war, daß fast kein Matrose mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden die Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu sinken drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während dies geschah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutschen Dame, gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und verworrene Stimmen riefen, daß ihr Kind todt sei! Um so fester drückte ich das meinige an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald trennten uns die donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes Hand über uns, und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein Schiff uns aufnahm. Auch unser großes Schiff sank nicht; als der Sturm nachließ, gelang es den weiteren Bemühungen der Mannschaft, das Leck zu stopfen und das Schiff wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu Hause angekommen, so fiel ich in eine lange schwere Krankheit, in welcher mein Mann und alle die Meinen um mein Leben zitterten, und von der ich erst nach vier Wochen wieder genaß. Während dessen hatte mein Kind entwöhnt werden müssen, das auch leidend geworden war, doch hatte Gott es mir und mich ihm erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege meiner Schwägerin Adriane van der Valck, welche damals noch unverheirathet war, wäre weder ich noch das Kind mit dem Leben davon gekommen. Wer beschreibt aber mein Gefühl, als, nachdem ich wieder außer Gefahr war, Adriane, die bei mir saß, das Kind wiegte, und mich zu unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum ist denn deinem kleinen Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen worden, liebe Schwägerin, und von wem liehst du denn die feine, gestickte Windel? – Adriane! entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst feine Windeln genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde Hemdchen.«

»Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane; ich wußte nicht, daß du in deine Kinderwäsche Grafenkronen hast sticken lassen.«

»Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wäre das möglich? rief ich aus. – Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem Schrecken, daß diese Wäsche nicht mein und nicht meines Kindes war. Jetzt packte mich ein jäher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar stand Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte dumpf vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein – die Wärterin wird sich vergriffen und die Wäsche verwechselt haben – es war noch ein zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hörte auch im Getümmel des Sturmes die Nachricht, daß es todt sei, jenes arme Kind, ja todt – todt!«

»Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind gerettet, mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen Stunde, wo uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen stürzten, verwechselt worden.«

»Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun entsann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Gräfin William hieß, diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.«

Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von seinem Sitz empor. Hörst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der Natur in Leonardus und in mir stark und mächtig als wir zum Erstenmale uns auf der »vergulden Rose« sahen.

Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt.

Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder! Doch lesen wir weiter.

»Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind bei mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe, mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wäre die Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so konnten die nöthigen Schritte geschehen. Aber nun, mein Mann war ganz glücklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene Frau hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind überwunden, dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel herbe Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind, dich, mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so spätes Eingeständniß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, sollte ich nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und der sprach mir göttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher Wille hat vielleicht, ja ganz gewiß, es so gefügt; beten Sie ihn in Demuth an. Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergründliche Weisheit des Herrn wird Sie nicht ungetröstet lassen. Erziehen Sie dieses Kind in der Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.«

»Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die Geschäfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so daß Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind der vornehmen Dame, mein Kind – sei damals nur in der ersten Verwirrung für todt gehalten worden, es lebe und verspreche fröhlich heranzuwachsen. Wie freute sich darüber mein Mutterherz! Aber sollte ich nun reden? Sollte ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die damals die Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des Kindes, wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte jedenfalls die anders gezeichnete Wäsche erkannt, dieselbe beseitigt und geschwiegen, sonst wären wohl Briefe an uns gelangt.«

»Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem Sohn, denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und verkürzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der Valck überwog den jenes Hauses, zumal dasselbe später durch die französische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in Frankreich angelegt waren und das Vermögen sich durch mehrere Erben theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des gräflichen; unser Wappen-Falke im purpurrothen Felde ist so viel werth, wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Französisch Fauquemont, an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus, unseres Namens daher nicht zu schämen und wirst deiner alten Mutter, obschon sie nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß sie dich so geliebt hat, und dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen hofft, wenn du dieses liest, für dich bitten wird.«

Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehört.

Und was würdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar bewegt, wenn du Leonardus wärst?

Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben würde, entgegnete der Graf feierlich. Tief in Grabesschweigen würde ich ruhen lassen alles Vergangene, was längst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand diese Aufschlüsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich mich, daß Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu frommen solche Aufschlüsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen können sie, oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen Ahnenreihen, Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines ungetrübten innern Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Condé? Du hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde Sophie, indem du jene Sinnbilder auf dein Geschenk für mich sticktest. Was sollen uns die Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schöner. Was sollte uns ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schöner als das Sinnbild der Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.

Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit.

Und weißt du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die stärksten Zweifel erheben lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen bekleidet haben?

Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die Stimme der Natur?

Eins konnte Zufall und Täuschung sein wie das Andere. Mir bleibt freigestellt, für gewiß anzunehmen, daß unser verklärter Freund mein leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer eine Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbäume und seine irdischen Besitzthümer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch dieses Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel. –

Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glück den Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu gebieten hatte, unterstützten den Plan und erleichterten ihm dessen Ausführung; sie vergönnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des Geheimnißvollen um sich und seine nächste Umgebung zu verbreiten.

Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geräuschvoll war, so strebte er unablässig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu seiner Freude in dem herrschaftlichen Schloß im Dorfe Eishausen. Dieses Schloß, früher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen Liegenschaften herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum, der einem Verwalter zur Wohnung angewiesen war, völlig leer. Drei Stockwerke umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen schönen geräumigen Saal.

In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glückes still und ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zuverlässigen Mann, der sich des Geschäfts unterziehen wollte, das Schloß von der herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines Geburtstages still und glücklich in den Räumen dieses Hauses.

Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüberdachten Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen ländlichen Bedürfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war, so wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde gelangte, bis in's Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmückt. Bald war auch hier der Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der große Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann sich so abgeschlossen hielt und jedem Umgang ängstlich aus dem Wege ging. Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies, erntete er nur Undank und Mißdeutung seiner guten Absichten. Nie stand in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glänzender Blüthe als in dem Zeitraume, in dem das stille Schloß seine fremden, einsamen Bewohner hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und alberne Leute bemächtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge Romanepisoden von dem »Dunkelgrafen« und seiner verschleierten Dame.

Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine Störung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse. Bücher aller Art und täglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschäftigung und geistigem Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humoristische Schreibart jenes frommen Weltgeistlichen ihm großes Vergnügen gewährte. – Ebenso gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig untersagte seiner sämmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es, die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, und so kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann ist ein Narr – ein Sonderling – ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener Verbrecher – an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen Eigenheiten hervortreten ließ, wurde, sobald es bekannt war, auf das Lächerlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß, ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

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