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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
year
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24782
created20090710
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Dritter Theil.

Das stille Schloß.

Motto:

Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
Der hier in dem Schlosse gehauset.

Goethe.

1. Eine Sterbestunde.

Trübe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster Monat, der November, die Fluren überschleierte, wechselten mit unheimlichen Nächten. Zwischen heftigen Sturmstößen, welche die Schlösser erschütterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten, wurde zu Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der Nordsee vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen. Es regnete und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhörlich durcheinander. In ihrem Zimmer saß die alte Reichsgräfin, starr, mit ganz verfallenen Zügen, aber immer noch körperkräftig und noch weniger verlassen von den Kräften ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schöne Cyperkatze, die sich einst so traulich an sie angeschmiegt, war längst gestorben. – Im leisen Selbstgespräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen Mundes, und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf bewegten.

Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten Salomo's, deren erschütternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr erkennen lernt, je näher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt. Hier stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was habe ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, für wie Viele mich abgemüht, und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie jener große Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: »Ich machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume darein?« – Mein Marienthal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt sich seiner kühlen Schatten. »Ich machte mir Deiche, daraus zu wässern den Wald der grünenden Bäume.« Noch andere Deiche schuf ich, die das Land beschützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für dieses Land. »Ich hatte Knechte und Mägde und Gesinde,« habe sie noch, füttere und nähre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber meiner bedürfen. »Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den Königen und Ländern ein Schatz«, spricht der weise Prediger. So that auch ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in Erz, welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Münzen. Und was wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen, werden gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler, wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles eitel, ja, »da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte, und die Mühe schätze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel und Jammer und Nichts mehr unter der Sonne.« Jammer, ja wohl, Jammer! O du hoher Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte sah ich verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes Besitzthum sah ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit ich Andere glücklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit, weit von mir gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem jungen schönen Stern liebend nach, und drüben in Kniphausen bricht ein reines, edles Herz an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer! Jammer! Und so werde ich mit vollem Rechte sagen müssen mit dem Prediger: »Mich verdroß alle meine Arbeit, die ich unter der Sonne hatte, daß ich dieselbe einem Menschen lassen mußte, der nach mir sein soll. Denn wer weiß ob er weise oder toll sein wird, und soll doch herrschen in aller meiner Arbeit!«

Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen sich aufrichtend die Reichsgräfin; mit derartigen Gedanken sich zu quälen, ist auch eitel, und »der Herr,« singt der Psalmist, »der Herr weiß die Gedanken der Menschen, daß sie eitel sind.«

Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten!

Es stand ein großer grüner Tisch im Zimmer, fünf Polsterstühle umstanden denselben. Die Reichsgräfin ließ sich auf dem Sessel am oberen Ende dieses Tisches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen ein; es waren der Hofrath Brünings, der Rath Melchers, der Secretär Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte, wenig paßte.

Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligst Platz nehmen! sprach mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem Winke Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue aufzunehmen, deren völliger Abschluß stets durch unverhoffte Widerwärtigkeiten hinausgeschoben und verzögert wurde, von denen die wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ältesten Enkels, des regierenden Herrn, war. Nach unsäglicher Mühe, die wir es uns kosten ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen zurückzugeben, was nimmermehr geschehen wäre, wenn ich nicht Himmel und Hölle beschworen hätte, denn ich muß es immer sein, die in meiner Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England übergesiedelt und hat mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatverträge abgeschlossen. Höchst erwünscht wäre für uns die Anwesenheit meines ältesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drüben das Aeußerste zu befürchten ist, so würde es zwecklos sein, unsere Berathung auf die nächste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der lebhafteste Wunsch meines ältesten Herrn Enkels war und ist, sich im Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und beiderseitigen Wünschen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglückliche Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch, meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu Stande kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie zu Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und mein Leben neigt sich rasch zu Ende – ist es doch ein Wunder, daß der altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hören Sie den entsetzlichen Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe haben mich gar oft durchschüttert, endlich bricht der Damm, endlich fluthet die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens dahin! Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmächtigten meines ältesten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, während ich mich zurückziehe, allseits nach bester Einsicht.

Die Reichsgräfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem Zimmer in das anstoßende Gemach.

Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abänderung erfahren hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe sollten ab sein für immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprüche sollten fallen, wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen künftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei Lebzeiten der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht worden, nämlich 150,000 holländische Gulden in näher zu bestimmenden Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem Tode der Reichsgräfin an deren Miterben für den Besitz der deutschen Güter ebenfalls in den bisher gewöhnlichen Terminen, und über diese Summe solle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei stehen, ebenso wie über ihren sämmtlichen Hamburgischen Nachlaß, jedoch mit Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angeführt werde, damit nach Illustrissimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwürfniß hinfort Alles ehren- und standesgemäß verhandelt werde.

Es sind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieselben Artikel, mein verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gnädigen Herrn Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.

Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen, daß es auf keine längere Verzögerung abgesehen ist von Seiten des regierenden Erbherrn.

Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs-Artikel einzuschalten sein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung alles Zugesagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum eigenthümlichen Besitz übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den bestimmt ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe unsers Enkels, des hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und übergeben, kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth; auch ferner wörtlich den Passus, daß inmittelst Seine Hochgeboren der regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als Allodial-Güter handeln könne nach seinem Wohlgefallen.

Ich weiß doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus nicht ein, und ich würde meiner gnädigsten Gebieterin ebenso wenig anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angeführten Stellen wörtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht wirklich statt der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco die erstbedungene Zahlung von fünfzigtausend Gulden völlig und baar entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschäft bleibt doch immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen oder kann Hochderselbe nicht zahlen?

Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so würde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!

Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin äußern muß, selbst wenn Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in keiner Weise persönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die großmöglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und können Sie es verhehlen, daß derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren schon vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir bestätigen wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgesagt, ebenso der beste Freund, Graf Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen Herrn damals die Summe von fünfzigtausend Gulden zur Verfügung stellte, mit der dieser ebenso großmüthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen glaubte, damit aber nur Wasser in die Zuider-See goß! Nie wird diese Summe, die, statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden, für politische Gaukeleien zersplittert wurde, zurück bezahlt werden können, denn sie wird ja nicht einmal verzinst.

Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus, die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?

Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Gesicht, das zu dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns über politische Ansichten zu streiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und will die Meinen nicht bekämpfen lassen. Gaukelei im erwähnten Sinne nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete, die der Welt unnütz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.

Für Leute solchen Schlages, warf Brünings voll sittlicher Entrüstung und tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen schlägt nie das Herz in der Brust unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jammerruf der geknechteten Menschheit, sie verschließen ihr Ohr der Wehklage um die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des Vaterlandes!

Mit Absicht verschließe ich nie mein Ohr, hochgeschätzter Herr College, versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in toller Nachäfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und diese womöglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder waren es Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hüte auf den Köpfen behielten und einander den Titel Bürger beilegten? Doch genug, bester Herr College, über dieses in der That affreuse Kapitel.

Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder zurück und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die Streitenden mit ironischem Lächeln. Wir werden hier am friedlichen Jahdebusen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geschichte gährt und streitet. Wir Deutsche sind überhaupt niemals unpolitischer, als wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also sind der Ansicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung leisten zu können?

Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertundfünfzigtausend Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung und Austausch der Contracte, fünfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco. Acht Wochen später und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern mit hunderttausend Gulden erfolgen, und außerdem soll der Erbherr, innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit ist, der hochgräflichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf fünfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behändigen.

Eine Obligation, nahm Brünings hastig das Wort, welche der gnädige Herr sehr gut ausstellen kann, da ausdrücklich bedungen ist, daß diese Summe nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin selbst, noch von einem sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich günstigere Finanz- oder besondere Glücksumstände ereignen.

O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe in der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glücksumstände? Da thun Sie mir leid, das sind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers! Bedenken Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach sind Sie nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist die Obligation eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer bürgt für ihn? Auf welche Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo fließen ihm außergewöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in welcher Niemand sagen kann, daß sein Vermögen gedeckt und gesichert sei, und seine zeitlichen Umstände nicht schneller Umwandlung erliegen? Möglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz hingearbeitet. Dann sind wir die längste Zeit Herren in den Herrlichkeiten gewesen. Dänemark greift zu und vereinigt dieses Land mit Holstein.

Nun denn, sprach Brünings: wenn es so steht, daß an die Stelle erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn statt bedachter Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschäft noch zu warten, und Alles einer sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung anheim zu geben.

Concedo, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht' es gleich, daß wir uns einigen würden; inzwischen wird wohl für meine hochgnädige Gebieterin das Beste sein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie es auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen Schicht!

Und sind so weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der still wieder eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rußland, Frankreich, England, Oesterreich, Preußen, Deutschland, Schweden, Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so könnte kaum langweiliger und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein einziges Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich will es meinem ältesten Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum wird nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will?

Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es völlig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezögerte und verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des alten Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnädigst die Störung, aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und über triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf.

O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung ergriffen:

Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat keinen Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszurichten anbefohlen, daß –

Was? Heraus damit, rief die Gräfin fest und entschieden, als Jener in seiner Rede stockte.

Des Erbherrn Gemahlin wären sehr krank und wünschten dringend Ihre Excellenz noch einmal zu sprechen.

Ottoline! Das arme Herz, ich hab' es geahnt, sprach die Reichsgräfin leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille.

Aber Excellenz, rief Weißbrod bestürzt; das entsetzliche Wetter!

Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse gleich den großen Glaswagen anspannen, sage der Windt, daß sie mich begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den Gefallen zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene Quittung mit – das Weitere flüsterte sie so leise, daß nur der Haushofmeister es vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen. Ihnen, meine Herren, danke ich für die abermalige fruchtlose Bemühung ganz nach Verdienst. Ich sehe ein, daß Sie allseits es redlich und treu mit mir meinen, aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst das hochweise Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und weitschweifiger. Und nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden, gar Nichts, nun will ich nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir zu reden anfangen, ich verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu, meine Herren!

Bitterböse rauschte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf dessen Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter sich zu.

Ein böses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brünings und zog die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr Haushofmeister, erkälten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen haben.

Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen über Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach Kniphausen dahin. Herr Brünings aber hatte sich doch geirrt; die hochbejahrte Frau, die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den Wunsch einer dem Tode nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehüllt und saß während der ganzen Fahrt still und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten Windt und dessen Schwester den Rücksitz eingenommen. Da die Herrin nicht redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu sprechen. Die Made war furchtbar angeschwollen, fast war die Brücke bedroht, jetzt zeigte sich formlos in Nebelschleiern das stattliche Schloß, grau wie ein Gespensterhaus.

Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei herüber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer sein Nest hatte, schrie so laut und ängstlich. Noch eine bange Viertelstunde und Schloß Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des Jahres 1799.

Der Erbherr trat der Reichsgräfin verstört entgegen, es war ein trauriges Wiedersehen. Großmutter und Enkel wechselten nur wenige Worte, die Dienerschaft stand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche Sorge sehr verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er hatte seine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und verletzendes Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und ihrer idealen Anschauung des Lebens stimmte – wenn auch, was ihrem scharfen Blick nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau, die erst während seiner Abwesenheit in das Schloß gekommen war, und, obschon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch ungemein viel Bildungsfähigkeit besaß, ihn sichtbar interessirte und unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.

Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab, in welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand; Windt war bei ihm, ihre Gespräche galten Doorwerth.

Im Zimmer Sara's weilten Ottolinens Kinder; die älteste Tochter Maria Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mädchen von sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück gewesen, und nun dieses liebevolle, zärtliche Herz verlieren sollten.

Am Lager der schwer kranken Herrin saß die alte Reichsgräfin. Ottoline hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den tiefeingesunkenen großen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone empor.

Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.

Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgräfin; er zog seinem Glücke nach – fast fürchte ich, er findet es niemals.

Ach, – der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals mein Leben für so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spät ihn kennen, – ach – ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich sieben Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein Schwert der Buße, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der Hoffnungslosigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen – und nun – sind sie alle von mir genommen – ich fühle keinen Schmerz mehr – ich fühle mich leicht – aber kalt. Meine Füße haben schon keine Empfindung mehr.

Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgräfin.

Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüsterte Ottoline: weil ich sprechen wollte zu Ihnen – mit Ihnen – von ihm. Jetzt, wo alle Banden abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und sage es Ihnen, und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, daß ich ihn unendlich geliebt habe – ja unendlich – unendlich! Das sagen Sie ihm, beste Großmutter – und er soll meiner nie vergessen – ach, ich möchte so gern – ihm ein Andenken geben – wäre nur der Falke mein – der Falke, aus dem wir tranken – den ich ihm kredenzte – er sollte ihn haben – das wollte ich Ihnen sagen, Großmutter – das ist mein letzter Wunsch auf Erden.

Ich sichere dessen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein stummer, aber leuchtender, schon halb verklärter Blick dankte ihr; dann erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen!

Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, sie nahm sie selbst in Empfang und führte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im stummen männlichen Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die Dienerschaft, Alle still, leise schluchzend.

Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die ganze Dienerschaft auf die Kniee sank.

Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Röcheln – und über das stille bleiche Antlitz, über die vom Tode selbst sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte sich der Friede Gottes.

Noch einmal erhob der Geistliche die Stimme, indem er nahe zum Lager der Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über sie schlug. –

Die Reichsgräfin weilte später mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer, beide im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des Schmerzes machen nicht gesprächig.

Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein.

Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt!

Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erbherr, überrascht von diesem Worte.

Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und Beide schwiegen wieder.

Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein. Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin.

Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie?

Ich will meinen Falken mitnehmen!

Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die Edelsteine Fideicommiß sind?

Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren Verstorbenen desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines Bruders Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient, desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein – ich ließ ihn hier, weil er hier an würdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre Freude hatte. Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht mich und nicht dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte, lieber Windt – das Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen. Hier, mein guter Wilhelm!

Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung über den Falken, »gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte, Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem Kunstwerk verwendeten Goldes, so wie aller Edelsteine, und der hohen Frau Bestellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger, Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden«.

Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin schob den Falken mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen.

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