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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 24
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
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firstpub1854
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12. Das Wiedersehen.

Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre's der berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan's linken Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.

Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von Hildburghausen aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen Bemühen es so eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode, womit ein Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntniß der Sprache zu befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles Schreckliche, was er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, daß die französischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den Main herauf bis Haßfurt gerückt seien, wo sie brandschatzten und plünderten, zitterte das arme Städtchen bereits. Die ersten Truppen waren kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister von Wartensleben'schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait und Beaulieu, und überschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen, Tiroler Scharfschützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour, Royal Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und Oberst von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen über den Main, kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen begannen. Alles wurde durchsucht, durchwühlt nach verborgenen oder vergrabenen Schätzen; mit dem Waizen der jüngsten Ernte wurden die Pferde gefüttert; die Gegend von Königsberg hat schönen Weinbau; man schlug die Zapfen aus den Fässern und ließ den Wein in die Keller laufen, das gemahlene Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe geschüttet, kurz, jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf Silber zu speisen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen Städtchen nicht Silber und Servietten genug besaß; am Schlimmsten erging es auf den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäsche, Stiefeln, Schinken, Würste die willkommenste Beute.

General Lefebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die schwierige Sachlage überschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten könne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Koloß dieser Heereszüge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen Schutzbrief für das Land Hildburghausen, namentlich für die Residenz, und nächst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo es nöthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die französischen Armeen völlig diese Gegend verlassen haben würden.

So eigenthümlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher Ludwig dieselbe vorbrachte, seine rührenden, menschlich schönen Beweggründe, die Mittheilung besonders, daß in demselben Lande, für welches jetzt Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine Anzahl gefangener französischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren, vom Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worüber der Hildburghäuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte schriftliche Dankesbescheinigung bei sich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die Erfüllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch sollten keine Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die Etappenstraßen nicht verlassen.

Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig nahm mit seinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das coburgische Städtchen Rodach. Er sorgte dafür, daß die zehn Mann Bedeckung sich häufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser Leute Zuneigung. Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und kürzten den Weg durch heitere Gespräche und muntere vaterländische Chansons.

Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstraße liegt, die vom deutschen Süden nach dem deutschen Norden führt. Der Beamte war müde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube niedergelassen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längst gute Kameradschaft mit einander gemacht, und saßen beim Bierkrug gemüthlich beisammen, während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie jene der Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele Dorfjungen vor dem Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu sehen, die zum Theil vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein tranken. Ludwig ging in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken schweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen, nach der Großmutter, nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach Paris, Amsterdam, dem Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.

Wenn sie Zauberspiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu sich selbst: und sähen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in dieser eigenthümlichen Umgebung, an der Landstraße, dort drüben das große, schöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der französischen Republik umgeben, sie würden sich wundern, würden fragen: Was soll das bedeuten? Wo ist er, und wie kommt er dorthin?

Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft, das Obst an den Bäumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem traulichen Gemurmel wälzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur. Welche Gegensätze, hier diese schöne ländliche Stille, und nur wenige Stunden jenseits der südlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges, Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere geschlagen, zersprengt, flüchtig und von der Hand der Vergeltung alle strenge Züchtigung empfangend für das Unglück, womit sie die Länder heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!

Von der Ferne, aus der schönen Allee, die von Eishausen nach dem nahen Dorfe Adelhausen führt, schallten Posthornklänge, es schien eine Extrapost zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt. Die Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen im Chor ein französisches Liedchen:

Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison!
Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|:
Pour combler mon amour
Faisons sur ma couchette
Ce que la nuit le jour
Chacun fait en cachette.
Zon, ma Lisette,
Zon, ma Lison,
Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:

Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hörten sie den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten Gassenhauer! sprach Ludwig.

Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit ängstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht halten! Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! – Ein Lakai auf dem Bock wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.

Ludwig blickte, während der Postillon mit Unmuth an den Zügeln riß, um die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das schöne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen, ganz gewiß, neben ihm saß eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein junges bildschönes Mädchen, und dieses Mädchen rief mit heller Stimme: »Oh mon Dieu! mon Dieu! Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell Doorwerth.«

Maßloses Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus schrie jetzt ein bärtiger Sergeant: Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un Prince de Condé! und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Höhe hinan, die dicht hinter Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es war kein Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als Freund des Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte, derselbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind besucht hatte, während Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von Großbritannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen Augenblick gesehen, dessen süße und liebliche Stimme sein Ohr so eben berührt, es war Sophie gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche Sophie, Angé's theuere Schutzbefohlene! – Noch hatte Graf Ludwig alle diese Vorstellungen kaum ausgedacht, so fuhr eine zweite Extrapostkutsche heran, neben dem Kutscher saß ein Kammermädchen; aus dem Schlage wehte ein grüner Schleier, ein Blick auf die im Wagen sitzende Dame und Ludwig schrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!

Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig vorüber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den Schleier zurück schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O Angés! – Aber der Postillon, im Wahne, daß seinen Reisenden Gefahr drohe, denn die Dame war nicht allein, es saß noch ein ältlicher Mann im Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten Wagen nach.

Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend auf und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem Glauben bestärkte, daß er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die Pferde zur Höhe hinan, daß sie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher mit einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte, der Postillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den Schlag, und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Bist du es wirklich?

Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! – Und du? – Wie treffen wir uns hier?

Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angés? Woher? Wohin?

Weit – weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin flieht, ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner königlichen Hoheit des Prinzen.

So sehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angés? rief der Graf erschüttert aus.

Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angés und Thränen entströmten ihren Augen.

Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach einer Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone.

O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht anders, ich mußte so handeln! Sprich Freund, – wo ist er? Siehst du ihn wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, sonst könntest du mich nicht so fragen!

Ludwig schwieg betreten – er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach einer Pause erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger sprechen. Ich kann unmöglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen?

Nur so lange, als auf der nächsten Station umgespannt wird, war ihre Antwort.

Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angés erschrak, sie wähnte, es sei ein Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurückzureiten und dem Beamten zu sagen, er möge mit der Schutzmannschaft nachkommen. Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés saß, aus den Augen zu verlieren, aber welche mächtige Gefühle durchwogten kämpfend seine Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verließ wahrscheinlich Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht heiß, nicht wahrhaft! sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit hinzuopfern? Wie in aller Welt vermag sie das über sich? Ach, und wie schön ist sie noch! Wie himmlisch, wie rührend schön!

Ich reise in Deutschland, erzählte Ludwig flüchtig im Nebenherreiten, – komme über jene Höhen da droben, war bei der Armee – o Angés, ich hatte mir vorgenommen, demnächst nach Süddeutschland zu gehen und unablässig nach dir zu suchen.

Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte rastlose Reise sehr angriff, machte ein grämliches Gesicht, sie ließ also Ludwig sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und Lächeln. –

Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte sich auf einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künste, Wahrsagen, Betteln und am Liebsten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die deutschen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich, damit auch der höhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm gekleidete herzogliche Rath, der stattliche und gravitätische Grimm, der seinen Zopf ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz Joseph Hollandinus den seinen getragen hatte – das Alles hätte einem Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl schon häufiger mit Zigeunern verkehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun, du schwarze Hexe! Willst du mir nicht prophezeien?

Gern, mein allerschönster Herr! entgegnete die Alte – lasse mich nur in deine große und gewiß sehr freigebige Hand blicken. – Alles drängte näher heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im Dorfe zerstreuen.

Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch im Felde gewesen, da steht's, bist an manchem Galgen vorbei geritten, hast viel geliebt, alter Junge – bist dem Weibsvolke noch immer nicht gram! Ach, und diese Länge! Diese Länge! Mann, du hast eine Lebenslinie, die ja fast schnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab' Acht! Die Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel erleben! Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du später nicht mehr dienen! Sie werden dich und du wirst sie verlassen – wirst aber gute und geruhige Tage haben, wirst steinalt werden.

Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll, dann würde ich am Ende auch so eine Schönheit wie du werden, so eine Vogelscheuche und Nachteule!

Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die Alte.

Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was Gescheidtes! rief Grimm.

Mit raschem Griff erfaßte er eine frische junge Frau, die er zu kennen schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstände in den Kreis der Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf! Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde sich freuen – wer weiß, ob dieses alte Teufelsgehänge da nicht deines Mannes Großmutter ist? Ist auch so vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie diese da, – kein Mensch weiß, wo er eigentlich her ist – doch will er ja aus dem Zigeunerlande Böhmen sein, aus Hirschberg. – Wir sind nicht aus Böhmen, Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt, das Wort: Wir stammen aus Aegypten!

Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief Grimm. Ich will's euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehüpft! Nun geschwind, geschwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland Jungfrau Grätzer – ach, es war das schönste Mädel weit und breit! Laß dir wahrsagen!

Mit großem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand, und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei durchzumachen haben, schönes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink auf deinen Füßen sein! Wirst in einem großen Hause wohnen, aber das Haus wird nicht dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer treu sein – treu wie Gold und mußt noch eine große Kunst lernen, die wenig Weiber können, ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!

Und welche Kunst denn? fragte schüchtern die junge Frau.

Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte.

Hier hast du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber mach es kurz!

Die Alte richtete sich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick den ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und bedeutungsvollen Ausdruck:

Schweig und leid' –
Es kommt die Zeit,
Da schweigen macht Leides queit! –

Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den Endpunkt der Höhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum Wiesenthale der Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends breitete sich zu Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779 neu erstandene herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmäßig und schön gebauten Häusern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer südlichen Seite das große, stattliche Residenzschloß, vor dem ein Wasserspiegel wie Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die sich durch die breiten Wiesenflächen schlängelt, erhöhte noch den Reiz der Landschaft.

Bald war die Stadt erreicht und Angés sah mit Sorgen dem Augenblick entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Häuser erreicht waren, vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen.

Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum alten Jacques sagte Angés: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund, und ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den Sie so treulich pflegten!

Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr verstimmt; Angés' Furchtsamkeit und ihre große Rücksicht auf jene Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose Flüchtlinge, verletzte sein Gefühl, trat seinem Ehrgeiz, seinem Selbstbewußtsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen eingestandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur sehr kurzen Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin ziehen lassen solle, wohin das stärkere Band sie zog?

Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zärtliches Herz sucht und findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen gleicht einer rauschenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in sich selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und kräftig ihre leuchtende Garbe in die Höhe treibt.

Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und ging nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war.

Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich darauf in ein zweites Zimmer zurück und verschlossen dasselbe. Ludwigs Blicke suchten Angés, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques grüßte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr Leonardus, Sie wieder so frisch zu sehen, hätt's nicht gedacht, daß Sie sich so schnell erholen würden. Waren doch recht herunter! Die verdammten Hunde die – werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken gewesen!

Ludwig erwiederte nichts, er sah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor gekannt, für Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angés hinter ihm, faßte seine beiden Hände und sah ihn dabei so innig, so flehend an, – hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieses Blickes willen vergeben müssen.

Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte der Kammerdiener Angés. – Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lächelte schmerzlich über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen klopfte ängstlich das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei diesem flüchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht mittheilen? Sollte er ihr dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg, wo sie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Trostes heilenden Balsam auf ihr wundes Herz legte? – Aber durfte er es ihr denn verschweigen, durfte er die Grüße des sterbenden Freundes, die ihm aufgetragen waren, unterschlagen? – Der Kampf war bitter, der in ihm rang – Angés' Worte unterbrachen denselben: Lieber Freund! Seine Hoheit, der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie – die wäre hier nicht am Ort! Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!

Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich entgegen und verriegelte sogleich die Thüre.

Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte, – ob er die Prinzessin gesprochen, die sich dieses Kindes jetzt mit so großer Liebe angenommen zu haben schien, und welche von Angés als Gesellschafterin auf dieser eiligen Reise aus dem deutschen Süden in den fernen Norden begleitet wurde – darüber können wir nichts berichten.

Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des Prinzen trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso rasch ein, – Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés folgte, drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und sagte ihr nichts, als: Angés! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener, seinen Sitz einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl zu sehen! – Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den Grund zurück, Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem wehenden Tuche. Ludwig stand wie betäubt.

Am Abende dieses Tages saß er noch lange und schrieb mehrere Briefe, einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte über seine jüngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach Amsterdam an Leonardus Mutter – eine für ihn doppelt schmerzliche Aufgabe, als deren Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist des verklärten Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen tiefempfundenen Brief schrieb er ferner an seine mütterliche Freundin in England, die jetzt auf dem Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine Stelle in diesem Briefe lautete: »Mein Leben, o meine innigstverehrte Freundin, ist fast nichts als eine Kette der schmerzlichsten Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich fühle es, ein Stück vom Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich nicht fürchten, am Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben und den Menschen ein Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir mein Herz so grausam nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon so viel Leid tragen zu müssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und Jünglingsjahre flossen ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Himmel, die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit herber Säure gemischt, daß ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnürte. Im Paradiese war ich und wußte es nicht, eine einzige böse Stunde, und ich war aus ihm, verstoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen unseligen Fluch mich quält, der mir selbst zum Fluche wird! Immer stehen vor meiner Seele jene drei Gemälde Wouwermann's, welche das Wohnzimmer der Großmutter in ihrem Hause zu Hamburg schmücken. Das eine, Schloß Varel, mit einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd heimkehrender Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches Gewimmel. Auch ich kehrte einst fröhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurück, ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für der Großmutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem Rücken an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphausen, von demselben Meister. Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Roß und zu Fuß, die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir jener Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von Kniphausen, des Wunderpokals, den ihre Lippen für ewig weihten! Dieses Kleinod möchte ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt, nicht die Diamanten der reichsten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt es? Scheiden und Meiden.«

»Und neben dem Bild von Kniphausen hängt das von Schloß Doorwerth, von der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das Fährhaus, in der Tiefe das stattliche mächtige Kastell mit seinen Thürmen, Basteien, Schießscharten und der Zugbrücke. Kriegerisch blickt es auf die flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach der ihm eigenthümlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt am Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fuß und Roß, eine Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dünenschanze. Erlebte ich dort nicht des kriegerischen Wesens genug? Mußte ich nicht auch dort scheiden von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?«

»Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demjenigen, welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schön, wie umblühte es der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten wandeln auf diesem Bilde – und was nahm ich mit hinweg? Wieder den tiefsten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird es fortgehen, bis ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich liebe, mehr um mich haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug. Vom wackersten Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten Freund mußte ich begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, daß ich stets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht wieder eine Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein unseliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und erst heute, ein Wiedersehen, an dessen nächste Secunden abermals eine Trennung sich knüpfte. Körperlich bin ich gesünder geworden, geistig leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen würdigen und erhabenen Zweck, das ist ein Unglück, ich selbst kann mir keinen schaffen, das ist ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht weit suchen.«

»Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten Lebensweg Ihres

Ludwig.«

Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den zehn Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete, in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat mir Nichts gesagt, sagt überhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der!

Der Büchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche Abschiedskarten.

Graf Ludwig war abgereist.

Am nächsten Tage war er vergessen.

Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte Schutzmannschaft, das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten angerechnet, der den Grafen begleitet hatte, er empfing das volle anerkennende Lob seines Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin, wie einem treuen Diener ziemt.

Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie, wo er Angés wiedergesehen hatte.

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