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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
year
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24782
created20090710
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9. Die Abenteuer des Leonardus.

Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angés zu suchen, und ganz vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei ihr? Störe nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, strebe nicht nach einem Siege über sie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Dämonisch riß es mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodischen Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen, ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben dictirt uns seine schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich stürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder Kaufmann und schloß Geschäfte ab für ein Haus in Amsterdam, bei dem ich mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon, eingetreten bin. Der Geschäftsreisende erleidet auch in kriegerischer Zeit wenig Störung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überseeischen Zufuhren stockten und England den Continentalhandel hemmte, so ließen sich die alten Vorräthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war daher dort, wo ich Geschäfte machen wollte, überall willkommen, und gewann schon dadurch, daß ich reiste und in Stand gesetzt war, immer noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu können, bedeutende Summen. Die Vorräthe unseres Hauses waren groß und in guten Zeiten sehr billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewürze, Tabake zu einer Preishöhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu Statten. Während Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den blutigsten und grausamsten Kämpfen im Innern, im Süden und im Westen, und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüstungen der Reaction unterstützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus. Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner Schönheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorüberfließt, ist freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraßen, alle Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldaten füllte? Auch die schöne Pfalz war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verändert und von Heeren überschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerst Hand in Hand mit Angés das süßeste, lauterste Glück meines Jugendlebens genossen hatte, war im Spätherbst des vergangenen Jahres nach den Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend Mann verloren hatte; nachdem sich dieses französische Heer gestärkt, drängte es seine Gegner unter Wurmser wieder über den Rhein zurück. Ich erschien im Elternhause Angé's in Zweibrücken, welche Stadt französische Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Angé's Unglück verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein verständigendes Gespräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen eigenen Fleiß so viel zu erwerben, um eine schöne sorgenlose Zukunft, so weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angés zu bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fällt selten das Glück daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und strebend, in ferne Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch voll Zärtlichkeit an ihr, und eine Fügung war's, gewiß eine wunderbare, daß ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwürdigen Lage zu werden.

Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés ist Ihnen mit uns dafür zu stetem Danke verpflichtet; freilich hätten wir gewünscht, sie wäre gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erst eine so weite Irrfahrt gemacht.

Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder Berthelmy's Verfolgung ereilt, oder wir wären dem Verderben geradezu entgegen gefahren.

Ich will es glauben, versetzte Angé's Mutter, und ich fragte sie nun: Wo lebt jetzt Angés?

Ich weiß es nicht!

Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht, verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, daß ich zu viel weiß, um mich also abfertigen zu lassen, daß das Herz Ihrer Tochter mein ist, daß ich Angés suchen und sie finden werde, sollte ich auch im Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen.

Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie mir dies zu verbergen, und fragte auf's Neue: Was wollen Sie von Angés?

Ich komme von le Mans!

Haben Sie Berthelmy's Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit leuchtenden Augen.

Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbücher mehr; der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden, Niemand frage danach.

Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verständige Frau. Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:

Eine feste Burg ist unser Gott,
Eine gute Wehr und Waffen,
Der hilft uns treu aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen!

Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!

Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, sondern einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde, ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!

Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das Ihnen gewiß so heilig ist wie uns, schwören, daß der Name dieses Ortes niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.

Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds.

Am nächsten Tage reiste ich mit Courierpferden über Bitsche und Hagenau nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen hatte, war ein sehr gewöhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand, und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im anstoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarschaft habe. Zwei Männer unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in französischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt vor; ich verhielt mich mäuschenstill und suchte den Inhalt ihres Gespräches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich selbst berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, desto schrecklicher tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er sich tief in meine Erinnerung eingeprägt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angés suchte ich – war ihr schon nahe – und fand – Berthelmy – und Berthelmy war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefährten zornvoll und erbittert über Angés sprach.

Ausgemittelt hab' ich's endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten, wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein!

Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir dürfen nie offen hervortreten, müssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein Schüler, mußt mir gehorchen.

Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedürstendes Herz alle Parteiung und alle menschliche Rücksicht abschwur, ist mir noch nicht so gewesen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!

Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spöttelte der Andere. Du bist zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine gelegen hättest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wärst, auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdest Du weniger hitzig sein.

Was zum Henker schwatzest du da für Unsinn, Clement Aboncourt? –

Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie wir sie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weggegangen und hatte sich nach dem Süden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umspähen, ihre Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo diese willkommen war und erwartet wurde.

Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeußerungen hervor, daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an seiner Heimathstadt zum Verräther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an jenem entsetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derselben vollziehen ließ, sowie daß er, aus dem Heere schimpflich verstoßen, zufällig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprüchwort sich Gleich und Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, daß Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so müde ich von meiner angestrengten Reise war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mußte daran gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen war, und der mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen.

Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer die Reisenden seien; Niemand wußte es, Niemand kannte sie, sie waren noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so früher Stunde und so geradezu konnte ich mich Angés schicklicher Weise nicht nahen; ich umkreis'te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in Religion und andern Gegenständen ertheilte. Ein alter Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch, und der Frühling ließ Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl that mir diese Ruhe, und wie unendlich glücklich würde sie mich gemacht haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen Fluren am Abhang eines der schönsten und eigenthümlichsten Gebirge Deutschlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang so einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag, – daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führten, stets im Auge behielt; dabei spähte ich fleißig umher, ob ich nicht etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und still. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hause im sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; sie traten heraus in die Frühlingsmorgenfrische, gleich schönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küssen und fröhlich im Tagesglanze umherzuschweben.

Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da sah ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen Kammerdiener. Angés und das Kind schritten längs des Baches hin, der vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Fürstenstammes. Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein Vorholz, darin die schönsten Frühlingserstlinge blühten. Als ich aus diesem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis jetzt am Wege gelegen, plötzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münster und in der Richtung nach dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor sie und das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennst du mich, Angés Berthelmy? Kennst du deinen Mann nicht mehr?

Diese fuhr zusammen, faßte alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich ihn sah, mit empörender Grausamkeit von sich stieß!

Angés! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!

Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen!

Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelächter auf, daß es von allen Bergwänden des Thales zurückhallte.

Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hält mich ab, dich zu tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stieß einen lauten Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angés mischte – plötzlich sah sie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!

Wüthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er rannte, aber mit solcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Gesicht schlug, daß er nieder taumelte.

In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen – ich hörte den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig zu Boden geworfen – ich hörte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha! das sind ja die Täubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spießgeselle jener Hunde, die mich fingen und in's Wasser warfen! Sollst an mich denken, Hund! – Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.

Allmächtiger Gott! Das ist ja unerhört! riefen bei dieser Erzählung Leonardus' die Freunde aus.

Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und drückte dem Freund bewegt die Hand.

Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der schmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er dann fort:

Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtsein kam, lag ich in einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern, auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber dafür war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.

An meinem Schmerzenslager saß der alte Diener, den ich bei Angés erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut.

Nur langsam besserte sich's mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am längsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden mahnt und an meinen nahen – Hingang. Dieser mag kommen, wann er will, ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.

Als ich wieder so weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte, kam Angés. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen Hände auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heißen Thränen entquoll, der nicht enden wollte.

Angés! Geliebte Angés! flüsterte ich, und mein Herz wallte über von Wonnegefühl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glücklich zu preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese Seligkeit verdankte.

Angés bat mich inständig, mich zu schonen, und erzählte mir noch folgendes Nähere über jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte Diener, welcher Jacques hieß und Franzose war, den Schrei des Kindes gehört, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite gestoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berücksichtigend, erfaßte er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hingesunken, als sie den heftigen blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu plötzlich stürmten unter den entsetzlichsten Umständen Schmerz, Abscheu, Liebe und Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos nieder, da sie einen Moment später sehen mußte, wie Berthelmy über und über im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tückische Aboncourt zu Boden riß. Daß der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon nicht mehr.

Aboncourt glaubte sich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er sah Leute vom nahen Felde auf den Weg zueilen, stürzte sich auf Berthelmy, hob ihn auf und verschwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu sich selbst gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen. Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der Aerzte und Wundärzte übergeben, die man schleunig aus dem nahen Städtchen herbeirief. Gensd'armen mußten die ganze Gegend nach jenen Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir uns oft und wußten es nicht zu sagen.

Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angés an Berthelmy fesselte, war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen sein mit Leib und Seele, aber nur – was frommte es mir, und wie lange hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, daß wir in Doorwerth geblieben wären! Hier ist unser Friede gestört, ich muß fortan nur in Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezückt! Und nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende göttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt, ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und auch auf dich, mein Leonardus.

Mein Schmerzenslager überstreute die reine, keusche und erhabene Liebe dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen in den schönen, andacht- und poesiedurchglühten Legenden meiner Kirche ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten sie kühlten, statt sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute des Schmerzes über ihr blutiges Märterthum entlockte, sondern Psalmen und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die kurzen flüchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das Ineinanderströmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen Glück, verlange nicht mehr, und beklage nur, daß ich nicht hinüberging in jenen Entzückungen; daß ich immer noch meinen wunden und schmerzgequälten Leib durch das Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen Stunden kehren nie zurück – können nicht wiederkehren; ich darf und werde Angés niemals wiedersehen.

Die Freunde hörten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung und voll innigster Theilnahme Leonardus' Erzählung an. Endlich, nach langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschüttert, fragte Ludwig den Freund: Und du verließest Angés?

Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch die sorgfältigste ärztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege befördert, war endlich so weit vorgeschritten, daß ich ohne Gefahr das Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte. Heilende im jungen Frühling hervorgesproßte Kräuter, theils den Wäldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu Tränken gepreßt Wunder an mir gethan.

Noch einmal hatte ich einen schönen Mondscheinabend mit Angés in glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thüre ihres Hauses in Zweibrücken saßen, auch jenes Abends, an welchem der verhängnißvolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf Angés' Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefühle war uns noch einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie eine reine Ampel mit strahlender Wärme noch in späten Wintertagen dem gealterten Herzen wohlthut.

Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager stand. Es war Angés' Hand – ich bebte. Zitternd öffnete ich, und las:

»Mein ewiggeliebter Leonardus!«

»Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer verlassen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene fordern es. – Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, über meine Lippen haucht, soll dein Name sein! In Ewigkeit und für die Ewigkeit deine, nur deine treuverbundene

Angés.«

Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort und fort für meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog, wußte mir Niemand Etwas zu sagen – Angés, Sophie, der alte Diener – auch ein Dienstmädchen, dieselbe, welche Angés früher in Gesprächen erwähnt – wie hieß sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß sie – alle waren fort, und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein – ich hatte mein Weh getragen, hatte mein Glück genossen, und konnte gehen. Niemand sprach zu mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich so schwer verstand, wie sie meine holländisch-deutschen Ausdrücke.

Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen – könnt ihr euch denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, so freudenarm, so hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich mußte langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und unfreundliche Begegnung – ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen hervorging, sondern aus völliger Lähmung meines geistigen Seins. Ich wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was konnte ich nun noch verlieren, da ich Angés verloren hatte?

Eine düstere Wolke von Schwermuth lagerte sich über Leonardus' Züge, und die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstörend die Heftigkeit seiner Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen möge, wo heilende und stärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben würden.

Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rückreise doch wieder über Amsterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück wollte, in Amsterdam alle seine Geschäftsangelegenheiten völlig ordnen, von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen den Freunden folgen. –

Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die Freunde die Rückreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend mit ihm heiter zu verbringen.

Die Rückreise nach Doorwerth von Amsterdam aus über Utrecht war keine erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er sagte jetzt sich selbst, er hätte sich länger pflegen und an Reisen noch nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland war für den Kranken jetzt nicht zu denken.

Frau Windt hatte mit größter Sehnsucht auf die Rückkehr ihres Mannes gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft, ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die Soldaten der holländischen Armee desertirten compagnien-, ja regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog, steckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei gesandt werden, um sie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem wieder an.

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