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Der Dunkelgraf

Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf - Kapitel 10
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typefiction
authorLudwig Bechstein
titleDer Dunkelgraf
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Comp
year
firstpub1854
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24782
created20090710
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10. Ein Tag in Paris.

Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzählbare, unübersehbare Menschenmassen wälzten sich durch alle Straßen unter einem hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an allen Häusern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn das Unerhörte fand statt, es feierte selbst – die Guillotine.

Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Geläute der Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize und anderer durch die Morgenfrühe, aber fast wurden diese Klänge noch übertönt von kriegerischen Musikchören und endlosem Kanonendonner, der von den Höhen des Montmartre, von der Todtenstadt Père la Chaise, von der Anhöhe über den elyséeischen Feldern und von den sanften Erhebungen der Fläche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?

Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte, Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annähernd, der Tag selbst aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des heiligen Medardus der durch Beschluß der großen Nation abgeschafften christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schön, obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25. Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli (Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreschflegelführer und Sudelköche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst könne Dauer haben? Diese Frage dürfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine Nation, die sich die Große nannte, solchen Gallimathias gutheißen und anerkennen konnte?

Drei junge Männer bewegten sich mit der Menschenströmung dem Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche mit Kohlensäcken äußerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht übel glänzten, kurzgeschorene Perrücken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel und Kinderschreck nicht schöner haben konnte, und auf diesen Perrücken rothe Jacobinermützen mit tassengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, roth, weiß. Ein Schleppsäbel schlotterte jedem an der Seite, und einige Pistolengriffe schauten gemüthlich aus dieser oder jener Tasche des Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollständig à la mode, denn solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren sogenannte Carmagnolen.

Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts sackten sich die Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mußte starke Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten können. Dennoch drängten sich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch, und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf öffentlichen Plätzen und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimestück, Programmes de spectacle feil.

Aufzüge waren es, welche die wühlenden Massen in Stocken brachten und für welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten wurde. Da zogen Jungfrauen auf das Schönste, wenn auch nicht auf das Anständigste geschmückt, nämlich in flordünnen griechischen Costümen, durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen, Kränze von Aehren und Kornblumen im Haar und Körbchen voll Blumen tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte, wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals schön, kleidsam und anständig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die Wachsfigurenkabinette die Jünger Christi umhängen, die das Abendmahl feiern, mit schneeweißen Perrücken und abscheulichen Flachsbärten. Diese tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der großartigen Farçe ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um sie den Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, sobald ihr Stichwort fallen würde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thorfahrten geschmückt. Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüstet worden, um Paris für einen einzigen Tag einen schnell vergänglichen Schmuck zu leihen.

Die drei jungen Männer in der schmutzigen Carmagnolentracht wühlten sich langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer allmählig gelang, an der Wasserseite gegenüber dem Pavillon der Flora und der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen, von dem aus sich einigermaßen die Festlichkeit übersehen ließ, welche sich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens erbaute Amphitheater, das sich bis hinan zum großen Balkon des ehemaligen Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe Rednerbühne emporragte. Vom Amphitheater führten Stufen bis herab zum großen runden Wasserbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und in dessen Mitte statt der zertrümmerten Steinbildsäulen, die dasselbe früher geschmückt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war, zusammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht, der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkündete, daß dies »die einzige Hoffnung des Auslandes« darstelle und bedeute.

Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spöttelte einer der drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefährten, aber in einer Sprache, die ganz fremdländisch klang und die schwerlich ein Akademiker verstanden haben würde.

Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der jungen Männer.

Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll blinder Kinder.

Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von einer Schaar entmenschter Henker den Fuß auf den Nacken setzen zu lassen?

Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthschaften und allerlei Gerümpel, welches die Attribute des Gewerbes und der Künste darstellen sollte.

Ah, der neue Kalender! flüsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel, Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Sense, lauter Monatstage; die neuen Heiligen!

Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernsthaft, Junge, ernsthaft, sonst ist's um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln stempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.

Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mütter, der Kinder, der Jünglinge, der Männer u. s. w. nach der Vorschrift des Programms vertheilt waren. Gegenüber den drei Zuschauern erblickte man in einigen Fenstern des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von Zuschauern und noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine Gesellschaft, welche dem angenehmen Geschäft des Frühstückens oblag. Der eine von den drei aufmerksamen Zuschauern flüsterte seinem dicht an ihn gedrängten Nebenmanne mehrere Namen zu. – Jenes Weib mit dem abscheulichen Aufputz, dem fliegenden Mähnenhaar und den weit herauf entblößten Armen, ist die Bürgerin Dumas, die Frau des Präsidenten des Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in großem Costüme. Dort stehen neben einander Barrère und Collot d'Herbois, und lassen sich den Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Bürger Villate, der sich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein hungerleidender Seminarist, wofür er sich jetzt entschädigt. Er hat stets Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen. Vor Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine sandte: Die Angeklagten sind doppelt überführt, sie haben nicht nur eine Gefängnißverschwörung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen Magen. Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum Frühstück gelangen können. Lasset sie dafür in den Sack niesen!

Ha! – Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrängt harrende Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, daß sie auf ihn harrt. Sieh – er trinkt – rothen Wein!

Ob ihn nicht schaudert? flüsterte leise fragend der Eine.

O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit längst überwunden.

Er trägt eine grüne Brille, flüsterte jener wieder.

Farbe der Hoffnung auf die Dictatur. –

Das Frühstück bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten harrte im Brande der Frühlingssonne des heißen Junitages die Menge, theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der Einheit (früher d'Horloge) schlug zwölf – sie schlug halb eins – man sah jenen Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an seine Stelle getreten, die Männer des Revolutionstribunals, hohe schwarze Hüte mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze Talare, darüber breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder um die Brust mit metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer Ordensbündnisse – alle Brüder eines Todesbundes, der Menschenleben hinmordete, wie des Mähers Sense die Wiesenblumen in Schwaden dahinstreckt. Es schlug ein Uhr – immer noch harrte die Menge, die Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Festes – er war nicht mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus dem Zimmer gewankt war, vergessen, sein Blumenstrauß; man suchte ihn, man fand ihn auch – es war der Repräsentant des französischen Volkes, den man gesucht, den man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anstand zu sagen; es war Robespierre, und Robespierre – war betrunken.

Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gerötheten Augen, etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin, der Mörder der Girondisten, der Mörder von des Königs Schwester, der Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mörder von Tausenden; eine Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper so klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das war die körperlich und moralisch schreckliche Mißgeburt und die Gottesgeisel, die sich das große Frankreich gleichsam zum Herrscher gesetzt, der es seinen freien Nacken beugte. Das war der Gotteslästerer, der es gewagt hatte, am heutigen Tage ein Fest des höchsten Wesens anzuordnen.

Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrüßte das berauschte Scheusal, und es hallte endlos und endlos Vive Robespierre! daß es ihn ernüchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die Tribüne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flämisch und Französisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu – von glücklichem Tag, französischem Volk und höchstem Wesen, von Tyrannei und Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem höchsten Wesen, in dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken und Wünsche zu weihen.

Dieses höchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächste sollte 23 dem Beile verfallen sehen.

Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe der Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser mit einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikanischen Wüste glich, geendet hatte, brausete stürmischer Beifall, obschon nicht ein Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.

Feierlich stieg Robespierre von der Tribüne herab und die Stufen nieder, um symbolisch die »einzige Hoffnung des Auslandes« zu vernichten. Man reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit Brennstoff umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war so getroffen, daß an die Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Träger das Bild der Weisheit in reiner, schöner und edler Gestaltung treten sollte – aber wohl wälzte sich unter Trommelwirbeln und Musikklängen dicker Dampf empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande – wohl krachten die Bretter und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der Atheismus mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rührten sich kaum, sie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten Mechanismus jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeräuchert wie ein westphälischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme stand als Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trümmer, nämlich der allegorischen Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und heitern Stirn; bei ihrem Anblick drängen sich Thränen der Freude und der Dankbarkeit aus aller Augen.

Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die »Hoffnung des Auslandes« unerschüttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie zusammenrissen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöschliches Gelächter ergoß sich durch des Nationalgartens menschenvolle Räume. Das kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die Tribüne und perorirte seine schwülstigen Phrasen von dieser herunter der Menge zu, Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekämpft die Könige, ihr seid also würdig, die Gottheit zu verehren! – Unser Blut fließe für die Sache der Menschheit – das ist unser Gebet, darin besteht das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen, du höchstes Wesen!

Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und Comödianterie, und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die Menge wälzte sich aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die Eintrachtbrücke im dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber.

Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.

Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere auf uns gerichtete verdächtige Blicke, besonders drängte sich ein Kerl in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht – dort steht er noch und läßt uns nicht aus den Augen – an uns heran, entweder hat er Lust zu stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.

Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte sich der erste Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die jetzt, der noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai entlang schritten und den Zwischenraum zurücklegten, welcher das Tuilerienschloß vom Louvre trennt.

Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdländischen Sprache, in der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragödie?

Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so viel Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind, zutrauen, daß ich meine Augen nicht verschließe, zumal wo Alles so wie hier in die Augen springt, selbst wenn man diese verschließen wollte.

Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der ganze Garten, denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die Freunde schritten langsam und gemächlich auf der hohen Terrasse am Bord der Seine hin und schauten über die niedrige Steinmauer und über den Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine vom Schall nur dumpf getragene Musik herüberklang.

Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion schien, tänzelte hinter den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht, sondern schritt gleichsam spielend, wie ein großer Junge, auf der Balustrade der Terrasse hin und pfiff sein Ç'a ira-Stückchen, indem er den Sprechenden näher kam und sich bemühte, ihre Rede zu belauschen.

Der mißtrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar kommt en holl Tidd jüm uhn – liat ley wör.

Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: Nä es et en slecht Tidd! Hura! där dü Barlang hen! Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt sie liegen vorn. – Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch sie.

Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen? fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte der Antwort entgegen.

Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns dürstet, ward ihm zur Antwort.

Was ist das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger? fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.

Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie nicht verstehst, Bürger!

Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch ich werde mit euch gehen, mich dürstet auch.

Na, denn nem man jarst diar jahn üp, Üppasser! Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser! schrie mit starker Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im Strombette der Seine und plätscherte puhstend, rufend und fluchend in den Wellen.

Nä uhn Gotts Namen förward! Nun in Gottes Namen vorwärts! rief der Aeltere der drei Gefährten und bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit seinen Gefährten eiligst in die Winkel von Gebäuden und engen Gassen verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem Tuilerienschloß verunzierten.

Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschädlichen Bade und zersann sein Gehirn, was das für eine Sprache gewesen sein möge, in welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt, gesprochen hatten. –

In einem der ersten Gasthäuser der Rue Vivienne saß in seinem Zimmer ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüstigem Aeußern, doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer geistiger und körperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben und las sich eben einen derselben mit bekümmerter Miene vor.

»Ihre Excellenz wollen gnädigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigniß drängt das andere, und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der Löwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem großen Bedauern, daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus schrieb ich Ihrer Excellenz aux armes de la ville – der Herr Graf hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es für ihn zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die sinkende Nacht ist er schrecklich beschäftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit den Admiralitäts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen. Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines Dementi gegeben, doch aber sich, ich weiß nicht durch was, in große Gunst S. H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues Freundschaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas überspannter Mann ist, obschon er über die Schwärmerjahre hinaus sein sollte; dieser hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches auseinander zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff unsers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck sich mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darüber bis zur Unversöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glück nicht eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich gemacht habe, wie thöricht er handle, so mir nichts dir nichts in die Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider ist dazu die Wünschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die Thorheit begangen, sich an mich anzuschließen und mich gleichsam zum Beschützer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit Händen und Füßen dagegen sträubte – aber meine gar zu große Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu helfen, gibt meinem Verstande einen Rippenstoß über den andern. Wir halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung Philipp's unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle Geschäfte beschleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen so schnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo sie wenigstens für jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst zweijährige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich Ihrer Excellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur englischen Armee sich begeben.

Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum abgeschafft haben, ein Fest des höchsten Wesens feiern, während hier doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom höchsten Unwesen. Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pässen übersteigt alle Grenzen, wir sind indeß als holländische Haarkäufer hier einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarsträubende Geschäfte gemacht werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir haben auch zum Schein einige Einkäufe dieser Art gemacht, und es wird Ihre Excellenz mit einem Gefühle schmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefängniß schneeweiß gewordenen Haare der unglücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir stürzen die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.

Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Grossier Vater und Söhne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da dasselbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tremouille'schen Rentenzinsen für die letztverflossenen Jahre zu erheben, Höchstsie einen namhaften Verlust erleiden, obschon ich fürchte, daß nicht viel zu erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles Vermögen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht nach Paris zu kommen.

Doch ich eile zu schließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero getreuester

Paris, den 8. Juni 1794.

Windt.

Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alsobald nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, daß wir wieder zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei diesem stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das war ein Schauspiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Spürnase zehn Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, daß wir uns wieder in ehrliche holländische Hairkoopers umwandeln.

Und so bald wie möglich diese Löwengrube verlassen, setzte Windt hinzu; dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen Schönheit.

In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger Rath – Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck, unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschäften des Hauses, für das ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, die Haarkäufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr sie hier aufzuthun.

Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erführen, daß ihr einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den holländischen Haarkäufer spielt. Mir schaudert jetzt förmlich vor diesem Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch schönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von hingerichteten Fürsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, daß Angés von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drängten und täglich drängen, mit anzusehen.

Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Pässe war im Stande, den vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der Weltstadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem tödtlichen Ausgang für sie alle führen.

Es war in später Nachmittagstunde, die Volksmassen strömten schaarenweise vom Marsfelde zurück und ergossen sich wieder in die bis dahin fast verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig, fanatisirt, ça ira brüllend, theilweise auch die Farçe mit sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreien lassen: Vive Robespierre! Tod all' diesen Schreiern! – War betrunken wie eine Kanone! – Will das höchste Wesen selber sein! – Herunter mit ihm! herunter! Muß seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige Comödiant!

Angés, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu schreiben, machte jetzt der Gedanke schwindeln, daß sie es gewagt, das theuere Kind und sich selbst, die für das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte, so großer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Größe sie freilich nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des schönen Sommerabends sie rein umflossen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr Herz, faltete seine Hände still unter den ihrigen und sprach mit sanft zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf schönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schooße hält.

Angé's Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mächtig durch ihre Seele bebte.

Kein Unfall, kein Hemmniß störte die Reise; es war als ob Engel schützend und schirmend die Reisenden umschwebten.

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