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Der duftende Garten des Scheik Nefzaui

Scheik Nefzaui: Der duftende Garten des Scheik Nefzaui - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
author
titleDer duftende Garten des Scheik Nefzaui
publisherBertelsmann
year
isbn
firstpub
translatorHeinrich Conrad
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060219
projectid
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Vorbemerkungen des französischen Übersetzers

Scheik Nefzaui ist der Nachwelt nur als der Verfasser des Duftenden Gartens bekannt geworden; es ist das einzige Buch, das er überhaupt geschrieben hat. Obgleich sich in diesem Buche viele Irrtümer und Fehler finden, die größtenteils der Nachlässigkeit und Unwissenheit der Abschreiber zur Last zu legen sind, und obgleich auch der Gegenstand des Buches nicht nach jedermanns Geschmack sein wird, entstammt es doch offenbar der Feder eines Mannes von gründlicher Bildung, der auf den Gebieten der Literatur und Medizin tiefere Kenntnisse besaß, als man sie im allgemeinen bei Arabern anzutreffen gewohnt ist.

Aus der historischen Bemerkung in der Einleitung dieses Buches können wir, obgleich der Name des zu jener Zeit in Tunis regierenden Beys offenbar falsch angegeben ist, doch schließen, daß das Werk ungefähr zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung – etwa um das Jahr 925 der Hedschra – verfaßt worden ist.

Da die Araber gewöhnlich den Namen ihres Geburtsortes dem ihrigen hinzusetzen, so dürfen wir wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Scheik aus der im Süden des tunesischen Reiches am See Sebkha Melrir gelegenen Stadt Nefzaua stammte. Er selber erwähnt, daß er in Tunis wohne, und höchstwahrscheinlich wurde sein Buch in dieser Stadt von ihm geschrieben. Die Sage will wissen, daß ein eigentümlicher Umstand ihn veranlaßt habe, ein Werk zu verfassen, das sehr wenig zu seinen einfachen Lebensgewohnheiten paßte: Es sei dem Bey von Tunis hinterbracht worden, daß der Scheik in Rechtswesen, Schrifttum und Heilkunde wohl bewandert sei, und der Herrscher habe daher gewünscht, ihm das Amt eines Kadi zu übertragen. Nefzaui habe durchaus nicht gewünscht, sein zurückgezogenes Leben aufzugeben, um ein öffentliches Amt zu bekleiden, habe aber auch nicht den Bey durch eine offene Weigerung beleidigen wollen, um so weniger, da eine solche ihm selber hätte gefährlich werden können; er habe daher lediglich um einen kurzen Aufschub gebeten, um ein Buch vollenden zu können, das er gerade unter der Feder habe.

Diese Bitte sei ihm gewährt worden, und nun habe er das Buch niedergeschrieben, dessen Abfassung er schon seit längerer Zeit geplant hatte. Das Erscheinen des Werkes habe dann den Verfasser in einer Weise bekannt gemacht, daß es fortan völlig unmöglich gewesen sei, ihn als Kadi wirken zu lassen. (Vielleicht war die unter diesen Umständen verfaßte Schrift nicht das vorliegende Buch, sondern nur ein bedeutend kürzerer Vorläufer desselben mit dem Titel: Die Fackel des Weltalls). Für diese Überlieferung ist jedoch keinerlei Bestätigung in den Geschichtswerken jener Zeit zu finden; und da nach ihr der Scheik Nefzaui als ein Mann von geringer Charakterfestigkeit erscheinen würde, so dürfte sie nur mit großer Vorsicht aufzunehmen sein. Man braucht nur einen flüchtigen Blick in das Buch zu werfen, um die Überzeugung zu gewinnen, daß der Verfasser von den löblichsten Absichten beseelt war und daß er für sein Werk nicht nur keinen Tadel verdient, sondern im Gegenteil mit der Abfassung desselben der Menschheit einen dankenswerten Dienst erwiesen hat. Merkwürdigerweise findet sich in der Literatur der Araber kein einziger Kommentar zu diesem Buch; der Grund für diese Erscheinung ist vielleicht darin zu suchen, daß der Gegenstand, den es behandelt, ernste und gelehrte Männer abgeschreckt hat – was übrigens nach unserer Meinung durchaus nicht nötig gewesen wäre. Denn gerade dieses Werk wäre wie kein anderes dazu geeignet, mit Erläuterungen versehen zu werden; ernste Fragen werden darin behandelt, und ein weites Feld eröffnet sich dem Studium und dem Nachdenken.

Denn was könnte wichtiger sein als das Studium der Grundfragen, auf deren Lösung die Glückseligkeit von Mann und Weib in ihren wechselseitigen Beziehungen beruht? Diese Beziehungen sind ja abhängig von Charakter, Gesundheit, Gemütsanlage und körperlicher Beschaffenheit, und solche Fragen zu studieren ist recht eigentlich die Aufgabe des Philosophen. Ich habe mich bemüht, diese Unterlassung einigermaßen gutzumachen, indem ich eine Anzahl von Anmerkungen beigefügt habe, die zwar – das weiß ich sehr wohl – unvollständig sind, trotzdem aber einen gewissen Anhalt bieten können.

Bei zweifelhaften und schwierigen Stellen, wo die Meinung des Verfassers nicht deutlich ausgedrückt zu sein schien, habe ich unbedenklich bei den Gelehrten der verschiedensten Glaubensbekenntnisse mich nach Aufklärung umgesehen, und mit ihrer freundlichen Beihilfe wurden in der Tat manche von mir im Anfang für unüberwindlich gehaltene Schwierigkeiten überwunden. Es ist mir eine Freude, diesen hilfreichen Geistern hiermit meinen Dank aussprechen zu können. Von den Schriftstellern, die sich mit ähnlichen Gegenständen abgegeben haben, läßt kein einziger sich in allen Einzelheiten mit unserem Scheik vergleichen; denn sein Buch erinnert den Leser zu gleicher Zeit an Aretino, an den Verfasser der »Ehelichen Liebe« und an Rabelais; die Ähnlichkeit mit letzterem ist zuweilen so auffallend, daß ich gelegentlich der Versuchung nicht widerstehen konnte, Parallelstellen aus Gargantua und Pantagruel anzuführen.

Was aber die Abhandlung des Scheiks zu einem in seiner Art einzigartigen Buch macht, ist der Ernst, womit die laszivsten und obszönsten Gegenstände dargestellt sind. Offenbar ist der Verfasser von der Wichtigkeit seines Themas durchdrungen und kennt keinen anderen Beweggrund als den Wunsch, durch das Niederschreiben seines Buches seinen Mitmenschen einen Dienst zu erweisen.

Um seinen Ratschlägen mehr Gewicht zu verleihen, spart er nicht mit Zitaten aus religiösen Schriften und ruft in manchen Fällen unbedenklich sogar die Autorität des Koran an, der das heiligste Buch der Moslim ist. Obwohl sein Werk keineswegs eine Kompilation darstellt, so kann doch ohne weiteres zugegeben werden, daß es nicht ausschließlich dem Geiste des Scheik Nefzaui entsprossen ist, sondern daß mehrere Abschnitte von arabischen und indischen Schriftstellern entlehnt worden sind. So ist z.B. die ganze Erzählung von Mocailama und Chedja dem Werke des Mohammed Ben Djerir el Taberi entnommen; die Beschreibung der verschiedenen beim Coitus einzunehmenden Stellungen sowie der in jedem einzelnen Fall angemessenen Bewegungen rührt aus indischen Werken her; endlich scheint in dem Kapitel über die Auslegung von Träumen das Buch des Azeddin el Mocadecci »Vögel und Blumen« zu Rate gezogen zu sein. Hieraus ist dem Autor aber keineswegs ein Vorwurf zu machen, sondern sicherlich ist im Gegenteil ein Schriftsteller zu loben, wenn er die Erleuchtungen von Gelehrten vergangener Zeiten sich zunutze macht, und es wäre undankbar, wollte man nicht anerkennen, daß er seinen Lesern, die in der Kunst des Liebens noch Anfänger waren, aus den von ihm benutzten Büchern manchen lehrreichen Wink mitgeteilt hat.

Zu bedauern ist nur, daß das in mancher Hinsicht so ausführliche Buch des Scheiks eine große Lücke aufweist, indem ein unter den Arabern allgemein verbreiteter Brauch überhaupt nicht erwähnt wird. Ich meine die auch von den alten Griechen und Römern bestätigte Vorliebe für den geschlechtlichen Verkehr mit Knaben, die sogar dahin führte, daß in manchen Fällen Weiber behandelt wurden, wie wenn sie Knaben gewesen wären. Hierüber sowie über den geschlechtlichen Verkehr zwischen Weibern, sogenannte Tribaden, hätte sich wohl manches Lehrreiche sagen lassen. Die Sodomie oder der geschlechtliche Umgang mit Tieren ist vom Verfasser ebenfalls mit Stillschweigen übergangen worden. Indessen erzählt er zwei Geschichten, von denen die eine von gegenseitigen Liebesbezeigungen zweier Weiber handelt, während in der anderen berichtet wird, wie ein Weib sich die Liebkosungen eines Esels zu verschaffen weiß. Hieraus geht hervor, daß dem Autor auch diese Erscheinungen wohl bekannt waren. Es ist daher ein unentschuldbarer Mangel, daß er auf diese Einzelheiten nicht ausführlicher eingegangen ist. Gewiß wäre es für uns interessant gewesen, von unserem Scheik zu erfahren, welche Tiere durch ihre natürliche Veranlagung und körperliche Beschaffenheit am besten geeignet sind, einem Manne oder einem Weibe zur Erregung von Liebeswonne zu dienen, und welche Folgen solcherlei geschlechtliche Verbindungen haben können. Endlich spricht der Scheik ebenfalls nicht von den Genüssen, die der Mund oder die Hand eines schönen Weibes zu bereiten vermögen.

Warum mag wohl der Scheik diese Lücken gelassen haben? Auf Unwissenheit ist sein Schweigen sicherlich nicht zurückzuführen, denn seine Schilderungen offenbaren einen derartigen Umfang und eine so große Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse, daß ein Zweifel an seinem Wissen ausgeschlossen ist.

Vielleicht liegt die Ursache in der Verachtung, womit der Moslem in Wirklichkeit über die Weiber denkt; vielleicht mag er der Meinung sein, es entspreche nicht seiner Manneswürde, zu Liebkosungen herabzusteigen, die nicht den Gesetzen der Natur entsprechen. Vielleicht unterließ der Verfasser die Erwähnung derartiger Themata, um nicht in den Verdacht zu geraten, Geschmacksverirrungen erlegen zu sein, die von manchen Leuten als ein Zeichen von Entartung angesehen werden. Wie dem auch sein mag – das Buch enthält viele nutzbringende Belehrungen und teilt eine große Menge kurioser Vorkommnisse mit. Ich habe mich der Übersetzung unterzogen, weil ich der Meinung bin, daß Scheik Nefzaui recht hat, wenn er in seiner Vorrede sagt: »Ich schwöre bei Gott: wahrlich, die Kenntnis dieses Buches ist notwendig. Nur ein schamloser Ignorant oder ein Feind aller Wissenschaft wird es nicht lesen oder sich darüber lustig machen, nachdem er es gelesen hat.«

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