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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 30
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das neunundzwanzigste Kapitel.

Verzaubert war die Nacht, daran war nicht zu zweifeln, und die Frau Agnes Fischarth wunderte sich einmal über das andere über sich selber und zwar mit vollem Rechte. Sie war viel zu verständig, um sich auf diesem wunderbaren Wege zu der Wohnung des Malers zu begreifen, und alle Augenblicke kniff sie ihren Gatten in den Arm und flüsterte:

»So sprich doch! was sagst denn du dazu?«

»Gar nichts! mir gefällt mein Leben in dieser Stunde endlich einmal wieder, und so halte ich den Mund und lasse vergnügt die beiden voran laufen und uns den Weg zeigen.«

Die beiden liefen in der Tat voraus; allein es war doch ein Glück, daß auch die Frau Rektorin von Paddenau den Weg kannte.

»Rechts um die Ecke!« rief sie mehrere Male, wenn Herr Rudolf Haeseler eben im Begriff war, links umzubiegen, und so gelangten sie endlich glücklich zu dem Hause der tauben Witwe auf der Agora zu Batracheiamene, der Sumpfstadt im Dräumlinge.

»Hier bekommst du keinen Kuß auf der Schwelle, so schwer mir die Entsagung auch wird, mein Liebchen,« flüsterte der Maler. »Wenn du mir jedoch einen geben willst, steht das dir natürlich frei, wehren werd' ich mich nicht dagegen.«

»O Rudolf!« flüsterte Wulfhilde Mühlenhoff.

»Ich kenne lieblichere Stellen, um daselbst eine Hütte zu erbauen und sich auf der Schwelle derselben zu küssen,« raunte ihr der wunderliche Begleiter zu und führte sich, was den ersten Teil seiner vorigen Rede anbetraf, sofort selber ad absurdum, was zur Folge hatte, daß Wulfhilde Mühlenhoff wiederum: »O Rudolf!« rief.

»Werda?« schrie Pieperling oben auf der Treppe und tat durch diesen Schrei zum erstenmal unumstößlich dar, daß er wirklich existierte und nicht bloß ein mythische Persönlichkeit in Paddenau war.

»Wir sind es, alter Stadtfuchs!« rief der Maler, und Pieperling erwiderte über das Treppengeländer:

»Freut mir, Herr Haeseler, und gratuliere ich Ihnen bestens; aber machen Sie rasch, wenn es gefällig ist. Viel Zeit haben wir nicht übrig, und mir ist mein Lebtage noch kein Licht begegnet, das länger brannte, als der Docht reichte.«

»Hörst du, Wulfhilde?« flüsterte der Maler. »Wir sind die schlauesten Leute, die jemals eine Gelegenheit am Schopfe ergriffen haben.«

Die taube Witwe leuchtete von unten, und Pieperling leuchtete von oben, und es fand sich, daß Pieperling seine Sache ausgezeichnet gemacht hatte. Das schöne Kind des Geheimen Hofrats Mühlenhoff sah das Bild, welches ihr Freund für den Dräumling gemalt hatte und griff ein wenig ängstlich nach dem Arm der Frau Agnes, die mit offenem Munde rief:

»Na, da hört denn doch alles auf!«

»Das wolltest du im grünen Esel aufstellen?« fragte Wulfhilde, und der Rektor von Paddenau sagte: »Er hatte die Absicht.« Aber jetzt hatte sich die Frau Rektorin wieder vollständig gefaßt; sie setzte sich und sagte:

»Kind, er scheint gar nicht zu ahnen, welche Waffe er dir durch dieses Machwerk in die Hände gegeben hat. Auf was solltest du herabsehen? Auf unser armes Leben hier im Dräumling oder auf den Vetter Knackstert aus Hamburg? Bitte, präge dir den Gesichtsausdruck, den man dir da gegeben hat, recht tief in die Seele, vielleicht findet sich auch später dann und wann die Gelegenheit, wo du das Bedürfnis fühlst, wieder so drein zu blicken. Sollte dann jemand sich außergewöhnlich wundern, so erinnere ihn gelassen an die Schillerfeier des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig. Wenn man mir übrigens sonst noch etwas zu sagen hat, so beeile man sich: meine mütterlichen Gewissensbisse steigen, und was alle kalten oder warmen Getränke anbetrifft, so verzichte ich auf sie.«

»Hast du dein Werk schon von dem Gesichtspunkte meiner Frau aus aufgefaßt, Rudolf?« fragte der Rektor mit einer Schadenfreude, welche die Melancholie des Tones und Ausdrucks nicht zur Hälfte verhüllen konnte.

»Ihr Bösewichter, was für Gespenster beschwört ihr mir in dieser glückseligen Nacht! Habt ihr wirklich soviel stichhaltende Gründe, euch an mir zu reiben und zu rächen?« rief der Maler mit komischer Ungeduld.

»Ich könnte dich für manches büßen lassen, Rudolf,« sagte der Schulmeister, aber schon hatte sich der Freund an die Braut gewandt:

»Ich bitte dich um alles in der Welt, Schatz, achte nicht auf sie! Sieh, diesmal haben wir das Märchen in umgekehrter Form aufgeführt. Diesmal hat nicht der Prinz die Prinzessin aus greulichen Hexenbanden erlöst; diesmal war der Prinz verzaubert und saß als wüster Kröterich im Sumpfe auf einem Klettenblatt. Lange Jahre saß er im Sumpfe, und wenn jemand sich ihm nahte und die Hand ausstreckte, um sich durch tatsächliche Untersuchung zu überzeugen, ob Paracelsus wirklich recht und das Scheusal einen Demanten im Kopf habe, so stellte er sich sofort auf alle vier Beine, blies sich erstaunlich auf und spritzte Gift nach allen vier Weltgegenden von sich. Durch die Naturforscher sind, weiß Gott, noch wenig Verzauberungen gelöst worden; ich kenne die bezügliche Literatur ziemlich genau und weiß, wie selten die über jeglichen Zweifel erhabenen Fälle sind. Im goldenen Kahn mußte die Prinzessin über den Dräumling fahren und, ohne zu erschrecken, lächelnd rufen: Herrje, was sitzt denn da? – Das war die erste Bedingung; denn wenn die Jungfrau erschrak, oder sich gar an dem Ding ekelte, so war's nichts mit der Erlösung! Die zweite Bedingung war schon leichter, und bestand darin, daß die Befreierin dem Ungeheuer einen tüchtigen Schlag mit dem Ruder auf den Kopf gab, und seltsamerweise durfte sie dazu auch männlichen Beistand in ihr Schifflein nehmen, und vielleicht solch einen lieben Vetter aus Hamburg an das Steuerruder setzen, ehe sie zu dem Schlage ausholte. Von der dritten Bedingung rede ich nicht; – wenn Leute unseres Schlages einer Dichterfeier, wie die heutige, nicht mehr gewachsen sind und sie nicht mehr zu begehen wissen, wie es sich gebührt, dann – hört eben alles auf, wie die Frau Agnes sagt. Anspielungen auf die Zukunft verbitten wir uns in dieser heiligen Nacht, nicht wahr, mein Liebchen?! Seht, Pieperling hat recht: eine Lampe brennt nur so lange, als das Öl reicht. Siehst du, Teure, Liebe, da versinkt der Scherz in Nacht und Finsternis; der Ernst des Daseins erhebt sein Haupt im Dunkeln. Wir wollen still neben den Kohlen, die wir heute auf unserm Herde anzündeten, niederkauern und in Geduld den Willen der Götter erwarten. Ein Gelüst nach kalten oder warmen Getränken verspüre auch ich nicht mehr, Frau Agnes, und so halte auch ich es für das Beste, Gustav, daß wir die Weiber nach Hause bringen, und, ein jeglicher für sich, den Abend in Sammlung und Nachdenken ruhig verbringen.«

»Da haben Sie ein recht vernünftiges Wort gesprochen!« sprach die Frau Agnes Fischarth. »Ihre verzauberte Froschgeschichte betreffend, so mag das mir Unverständliche dran vielleicht auch seine Meriten haben: das Verständliche unterschreibe ich für Wulfhilde.« –

Man ging wirklich nach Hause. Der Maler brachte seine Braut bis zu ihrer Tür und kam heim, um das letzte Lämpchen hinter seinem Transparentbilde erlöschen zu sehen. Er fiel in denselben Lehnstuhl, in welchem der Rektor von Paddenau am Nachmittag so sonderbare Visionen gehabt hatte und – ob es an dem Stuhle lag, wer kann das sagen? – auch der Maler hatte in ihm in dieser Nacht recht sonderbare Visionen. Er blieb in ihm sitzen bis zur Morgendämmerung; unangenehm und widerlich waren die Gesichte nicht.

Der Rektor schlief wie ein Held nach der Schlacht; ein gütiger Gott verschonte ihn diesmal selbst mit den gewohnten nächtlichen Spaziergängen auf den Asphodeloswiesen seiner Ideale. Der hohe Festtag hatte ihn zu müde gemacht; und er erwachte aus traumlosem Schlummer erst dann, als es die höchste Zeit geworden war, das alte Leiden von neuem zu beginnen und in atemloser Hast nach seinem Schulhause zu rennen.

Unruhiger schlief die Frau Agnes; doch das unruhigste Kopfkissen fand daheim Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff. Sie entschlummerte erst, als der erste Hahn im Dräumling krähte, und dann träumte sie einen gar beängstigenden Traum, in welchem sie das hundertjährige Jubiläum der großen Firma Knackstert Witwe und Sohn durch den Vortrag eines von ihrem Papa gedichteten Lobgesangs vor einem von dem Maler Rudolf Haeseler gemalten Porträt des Herrn Vetters aus Hamburg im grünen Esel in Paddenau zu verherrlichen hatte; wir aber haben es jetzt vor allen Dingen mit dem Herrn Geheimen Hofrat Mühlenhoff, dem Prinzenerzieher außer Diensten, zu tun, und widmen uns ihm mit der vollen Hingabe, welche ein Mann seinesgleichen beanspruchen darf und gewöhnlich auch zu beanspruchen pflegt.

Auch er tat in der Nacht vom zehnten auf den elften November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig, allen seinen Befürchtungen zuwider, einen guten Schlaf, und als er am elften gegen neun Uhr morgens erwachte, nieste er dreimal und zwar nach der rechten Seite hin, zu welchem günstigen Omen sein Dämon, der auf der linken stand, wohlwollend sagte:

»Helf Gott!«

Das war trotz allem recht nötig; denn mit dem ersten Strahl des wieder aufblitzenden Selbstbewußtseins erwachte sofort das sonnenklare Bewußtsein der Gewißheit, daß auch in dieser Nacht Himmel und Erde sich zu neuen Anfechtungen seines innern und äußern Wohlbehagens mit gewohnter hämischer Energie verbunden hatten.

Ächzend richtete er sich empor, zog die Glocke zu seinen Häupten und sank ächzend zurück, matt sich darauf freuend, daß man den Ruf seiner Schelle überhören, und ihm somit die erste Gelegenheit geben werde, sich dem Himmel und der Erde mit entsprechender Energie entgegenzustemmen.

»Eines ist richtig,« murmelte er, »der widerliche Tag und der entsetzliche Abend liegen hinter mir. Aber die Folgen! die Folgen! wie werde ich mich mit den Folgen abfinden? . . . Es kommt natürlich niemand! . . . ich bin zu den Toten geworfen und habe mich auch darein zu ergeben! . . . Wie werd' ich die nächste Zeit mit all ihren Verwicklungen ertragen? . . . Die Rücksichtslosigkeit ist doch zu arg! es fällt niemandem ein, sich im allergeringsten um mich zu kümmern! – also, da bist du doch, Wulfhilde? guten Morgen; bitte, mäßige dich, – mäßige dein Ungestüm! hat sich wirklich jemand im Hause meiner noch erinnert?«

Wulfhilde, die schon stundenlang in zitterndster Aufregung auf den schrillen Klang der Glocke ihres Vaters gewartet hatte, und auf den ersten Ruf derselben eine Lieblingsblumenvase zu Boden hatte fallen lassen, kniete am Bette des grämelnden Hypochonders:

»Liebster, liebster Papa –«

»Ich weiß alles,« winselte der Geheime Hofrat. »Du hast dich bodenlos lächerlich gemacht und kommst jetzt, um den Verdruß, den du über mich gebracht hast, durch unnütze Reuetränen und mir vollkommen gleichgültige Versprechungen zukünftigen schicklicheren Verhaltens zu vermehren. Laß das gut sein, mein Befinden ist nicht so, daß die Berichte deiner Erlebnisse irgendwie wohltätig darauf einwirken könnten. Du hast deinen Willen durchgesetzt, und das ist dir doch die Hauptsache.«

»Mein lieber, mein guter, guter Papa; ich habe dir so viel, so vieles zu sagen!«

»Reiche mir jetzt meine Tropfen und verschone mich mit allem übrigen bis nach dem Frühstück. Du kannst mir nichts mitteilen, was ich nicht bereits weiß. Nach dem Frühstück will ich es versuchen, dich ruhig anzuhören, und die sichere Gewißheit, daß du schon in nächster Zukunft deine Extravaganzen vor einem andern Tribunal zu verantworten haben wirst, wird mir diesmal noch die nötige Geduld verleihen. Um elf Uhr erwarten wir ja wohl den Vetter?«

»Ja, um elf Uhr wollte der Herr Vetter kommen,« stammelte die arme Sünderin, das gerötete, tränenüberströmte Gesicht in der Bettgardine verbergend. Sie hatte sonst Mut, sie hatte vielen Mut; aber augenblicklich hatte sie nicht mehr den Mut, dem alten nervenschwachen Egoisten zu sagen, was doch gesagt werden mußte. Sie dachte an Quante und Quantes finstere Drohung und hielt sich nur mühsam an der Gardine aufrecht.

»Du scheinst absonderliche Geschichten erlebt zu haben, Wulfhilde!« wimmerte der Prinzenerzieher.

»Ich? O gar nicht!« und gepreßten Herzens schlich das zitternde Kind fort, um für die Bequemlichkeiten des ungemütlichen Greises zu sorgen.

»Was soll daraus werden? Was soll das geben? O diese Angst – diese Angst ist nicht zu ertragen!«

Sie mußte aber doch ertragen werden, und hier wie überall, wo der arme geplagte Mensch in den großen oder kleinen Verwirrungen des Lebens sich abängstigt, lag der einzige Trost in der unumstößlichen Erfahrung, daß die Zeit niemals still steht, und daß es immer Abend wird, wenn es einmal Morgen geworden ist.

Bis zum Abend jedoch brauchte Wulfhilde Mühlenhoff nicht auf die Erlösung von der schweren Last, die auf ihrem Busen, ihrem Dasein lag, zu warten. Schon um zehn Uhr kam Quante mit dem Billett des Vetters, setzte das hübsche, freundliche Hausmädchen im Hause des Geheimen Hofrats durch eine wahrhaft gediegene Grobheit in Erstaunen und empfahl sich sofort wieder mit dem Bemerken, daß eine Antwort auf die Nota nicht erwartet werde. In dem Billett aber empfahl sich der Hamburger Großhändler gewissermaßen witzig, indem er in den höflichsten Ausdrücken seine Abreise mit Extrapost anzeigte, nicht den mindesten Grund dafür angab, sondern es, wie er sich ausdrückte, den Ereignissen des Tages, des gegenwärtigen Tages, überließ, dieselbige vor den Augen des teuern Verwandten und hochgeehrten Herrn Geheimen Rates zu rechtfertigen.

Es ist viel in Versen und in Prosa von der Magie des Posthorns in linden Sommer-Mondscheinnächten gesungen und gesagt worden; von dem Posthorn, welches jetzt durch die Marktstraße von Paddenau schmetterte, konnte man nicht verlangen, daß es magisch wirke, und es wirkte doch im höchsten Grade so.

»Da fährt er hin!« hauchte Wulfhilde Mühlenhoff, und Quante, nach vollendetem Auftrag aus dem Hause des Geheimen Hofrates fortstürzend, ereilte den Wagen an der Ecke der Marktgasse, schwang sich neben den Schwager auf den Bock und winkte zum letztenmal grimmig und höhnisch zurück. Unter den Klängen von »Wir winden dir den Jungfernkranz« verschwand der hinten auf den Wagen gebundene englische Reisekoffer um die Ecke der Marktstraße, und in die verhallenden Töne des melodischen Hornes mischte sich das gellendste Glockengeläut und schrillste Zetergeschrei aus dem Studierzimmer des Geheimen Hofrats Dr. Mühlenhoff.

»Gleich, Papa! gleich! o Himmel, gleich!« rief Wulfhilde Mühlenhoff auf der untersten Stufe der Treppe, in bebender, ratlosester Angst und Bedrängnis sich am Geländer haltend, und es war auch ein Schrei, den sie ausstieß, als in der höchsten Not natürlich die Hülfe kam. Im elegantesten schwarzen Anzuge, kaum wiederzuerkennen, sprang der Maler, Herr Rudolf Haeseler in die Pforte des Hauses, über welches er eine so große Verwirrung gebracht hatte, und statt schämig und errötend vor ihm zurückzuweichen, wie es einer so jungen Braut geziemte, sprang ihm Wulfhilde mit stürmischer Hast entgegen, ergriff ohne Anstand die lächelnd dargebotene Hand mit beiden Händen und rief:

»Gott sei Lob und Dank, daß du endlich da bist!«

»Ich habe nicht umsonst seit Tagesanbruch meines Täubchens Nest unter dem Feldstecher gehalten.«

»Ach, dummes Zeug! höre ihn nur da oben! der Vetter hat Wort gehalten, und Quante hat den versprochenen Brief gebracht. Ich bitte dich, Rudolf, höre ihn! er ist außer sich, und ich bin auch nicht mehr bei mir! was sollen wir anfangen, Rudolf?«

Der Maler umfaßte zärtlich das zitternde Mädchen und sagte begütigend:

»Weißt du, wir gehen unbefangen zu ihm hinauf, machen ihn treuherzig mit der veränderten Sachlage bekannt und bitten arglos wie um etwas ganz Selbstverständliches um seinen Segen. Fürchte dich nicht, mein Herz, von jetzt an bleibe ich bei dir, und den Guten da oben kenne ich ziemlich genau. Er achtet mich und wird mich lieben lernen! den Verhältnissen weiß er Rechnung zu tragen, und er wird schneller als sonst ein Schwiegervater einsehen, daß er in mir einen Schwiegersohn bekommt, wie man ihn selten in dieser schlechten Welt findet und wie er seinen Ansprüchen vollständig entspricht.«

»Kommt denn niemand?, kommt denn kein Mensch?« schrillte der Herr Geheime Hofrat über die Treppenbrüstung herüber.

»Doch, doch! wir kommen ja schon!« rief der Maler, den Arm der Verlobten durch den seinigen ziehend, und so – – – kamen sie zusammen – kam man zusammen – kam man wirklich ohne Anstand zusammen; gerade als ob es mit auf dem Festprogramm des Rektors Fischarth zu Paddenau im Dräumling gestanden hätte.

Eine Viertelstunde später schien es sogar der selig-betäubten Wulfhilde das Allereinfachste und Allernatürlichste zu sein, daß sich der Papa auf der Stelle in das, was der Geliebte die veränderte Lage der Dinge nannte, gefunden hatte. –

 


 

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