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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 27
Quellenangabe
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das sechsundzwanzigste Kapitel.

Herr Ahrens gestattete sich noch einen Kognak. Über den Rand des Glases sah er noch einmal verstohlen auf den Gast, neigte das Haupt und sprach, wenn auch nicht laut:

»Grobheit halte ich unter Umständen auch für eine Tugend; aber zu grob darf der Mensch nicht sein, selbst wenn er's bezahlen kann. Verpflichtungen hat jeder Gastgeber gegen seine Gäste, und daß ich die meinigen kenne, weiß ich und weiß die Welt; aber wenn einer ein Flegel ist, so geht er am besten seiner Wege, und das tue ich und überlasse den Grobian sich selber, bis er seine Rechnung einfordert. So ist es, Sie da! Sie – Herr Kommerzienrat! Alle Wetter, zu grob ist unanständig, und die Rechnung wird das ausweisen.«

Mit Gleichgültigkeit, wenn nicht mit Widerwillen und Verachtung hatte er sich bis jetzt von allen Produktionen, welche am heutigen Abend in seinem Lokal vorgeführt wurden, fern gehalten; aber nun, wo das Fest einen so imposanten Verlauf nahm und die »Verbindlichkeiten« gegen den Hamburger nicht mehr in Betracht kamen, schritt er trotzig um den Schenktisch herum, schlüpfte durch das vorhin beschriebene Loch die enge Treppe hinauf und empor zu der Musikantenbühne, von der auch wir bis jetzt durch Lynceus-Fritze alle unsere Berichte erhielten, und – ließ die Firma Knackstert Witwe und Sohn allein im unbestrittenen Besitze der Gaststube.

Allein! Es gab am heutigen Abend in Paddenau, vielleicht in ganz Deutschland, keinen zweiten Menschen, der sich plötzlich so allein fand wie unser Freund Knackstert! Der Dummkopf fühlte in diesem Augenblick eine Erfahrung der größten Geister aller Zeiten nach: er war allein – allein in einem großen Gewühl, und er fing an, das zu haben, was einem Genie freilich immer fremd bleibt – nämlich Furcht!

Herr George Knackstert fürchtete sich in seiner Einsamkeit. In Hamburg hätte er sich vielleicht durch das Zeichnen eines hervorstechenden Beitrages für das Denkmal des gefeierten Dichters aus der Beängstigung gerettet; aber wie sollte er sich in Paddenau im Dräumling retten? Etwa dadurch, daß er die Zeitung vom gestrigen Tage von neuem und zwar verkehrt ergriff? Er versuchte es; aber die Stille, die jetzt rings um ihn her herrschte, die vorzüglich von oben herab auf seinen Schädel drückte, trieb ihm den Atem in die Brust zurück. Er mußte ersticken, wenn er sich nicht Luft machte; zerknittert warf er das Zeitungsblatt unter den Tisch, sprang auf und rief:

»O Herrgott, ich sollte ihre Schwiegermutter sein!« –

Das war groß! Das war so groß, so wundervoll, so schön und wahr, und so unvermutet aus dem Grunde des Menschentums hervorbrechend, daß wir nicht das geringste hinzuzusetzen haben und es dreist den Lesern überlassen können, sich tagelang immer tiefer in die Unendlichkeit des Wortes hineinzudenken; ausdenken werden sie es so wenig als wir selber. Und diese Totenstille, in welche die wunderbare Eräußerung hineinplatzte! Im Donner der Schlacht einer tragischen Entwickelung zu harren, will gar nichts sagen gegen die Qual, die, wie Herr Ahrens sagen würde, je nach den Umständen mit dem Menschen tändeln kann, wenn alles ringsumher friedlich schweigt, und aller mögliche Komfort zu Händen ist. Der Erbe und Firmaträger von Knackstert Witwe und Sohn hätte während der nächsten Minuten ein Sandkorn im fernsten Winkel fallen hören können. So andächtig hatte Paddenau noch niemals gelauscht!

Auch Herr George Knackstert lauschte, – lauschte, wie er noch niemals gelauscht hatte. Ein Sandkorn hörte er zwar nicht fallen; aber das Picken und Ticken der Uhr in seiner Westentasche, und das Hacken und Schnappen der Uhr der Gaststube des grünen Esels vernahm er und hielt es fast nicht aus.

Plötzlich – – ein Auffahren – auf die absoluteste Stille das unbändigste Hallo! Ein Jauchzen, Händeklatschen, Fußscharren, Klopfen und Pochen mit Stöcken und Regenschirmen. Ein Beifallsdonner sondergleichen, und – ein Aufspringen des Vetters aus Hamburg – ein Sprung – ein wahnsinniger Sprung nach der Tür neben dem Ofen – ein mit einem Präsentierteller voll Biergläser über den Haufen gerannter Kellner am Boden hinter dem Schenktisch – ein die Trepp' hinauffallendes Erklettern der Treppe – ein Blick in den heißen, nebeligen, lichter- und menschenvollen Saal – ein Blick zwischen Baß und Geige, Klarinette und Pauke hindurch und über die breiten Schultern des Wirtes zum grünen Esel hinweg auf die leere Tribüne, auf das teppichbelegte Gerüst, welches – Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff soeben unter dem noch immer von neuem aufbrausenden Beifallsruf des Dräumlings verlassen hatte!

O Knackstert! Knackstert! Knackstert! . . . O George Knackstert! – – – –

»Donnerwetter! was ist denn – ah, Herr Kommerzienrat, Sie sind es?« rief der Wirt, dem das ganze Gewicht des Großhändlers auf die Schultern gefallen war. »Ei, sehen Sie mal – na; das ist recht, das ist schön von Ihnen, aber das Beste haben Sie richtig versäumt; denn wie das mit dem Transparent werden wird, weiß ich nicht; seit der verehrte Herr Haeseler die Sache in die Hand genommen hat, geht alles, aber wie es geht, weiß der Teufel.«

»A–o–uh!« stöhnte der Vetter.

»Rücken Sie nur zu, Herr Kommerzienrat. Sehen Sie; wenn Paddenau will, so kann es ebenfalls. Allen Respekt vor Ihrer verehrlichen Vaterstadt; aber – Sackerment, Schlingel, wozu hat dich denn eigentlich meine Frau hierher gestellt?«

Diese letzte Frage war, von einer gewaltigen Ohrfeige begleitet an den dumm den Herrn aus Hamburg angaffenden Fritz gerichtet: »Wie viele stehen da auf einem?«

»Kann ich sie von hier oben aus herunterwerfen?« heulte der entrüstete Knabe. »Das hat die Madame selber über sich genommen; ich soll hier bloß aufpassen.«

»Was sagen Sie dazu?« wendete sich der Wirt zum grünen Esel an den großen Kaufmann. »Ein gewisses Maß von Dummheit muß man jedem verstatten; da sind wir alle Menschen, Herr Kommerzienrat; aber zu dumm darf der Mensch nicht sein. Also meine Frau hat dich hierher gestellt! Na, denn bleib in Gottesnamen stehen.«

»Auseinanderreißen kann ich mich nicht,« erwiderte boshaft der schwer gekränkte Jüngling, »aber die Maulschelle laß ich nicht auf mir sitzen; die Madame soll darüber aburteilen, Herr Ahrens.«

»Na, na!« brummte Herr Ahrens und gab dadurch bereits eine ziemlich bestimmte Ehrenerklärung ab. In diesem Moment brach zur Rechten, zur Linken und hinter dem Hamburger Vetter die Musik des Dräumlings von neuem los. Jeder Rückzug war unmöglich geworben, an die Brüstung gedrängt, mußte der unglückliche Großhändler aushalten, und er hielt aus, er war am Ende mit allen seinen Kräften.

»Es ist das letzte!« sagte er matt und irrte sich wieder einmal; denn es war noch nicht das letzte: der Sumpf-, Heide- und Moor-Maler Herr Rudolf Haeseler hatte für ihn noch eine kleine Überraschung in petto; und es ließ sich nicht leugnen, der Maler besaß ein gewisses Talent für derartige harmlose Scherze und pflegte seine Überraschungen recht dramatisch in Szene zu setzen, vorzüglich wenn er sich im Rücken durch eine so liebenswürdige Mitschauspielerin wie Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff gedeckt wußte. –

Im Hintergrunde der Bodenerhöhung, von welcher herab der Rektor Fischarth seine Rede und Wulfhilde ihren Vortrag gehalten hatten, war ein grüner geheimnisvoller Vorhang ausgespannt, an welchem jetzo die Augen von Paddenau in erregtester Erwartung festhingen. Hinter dieser Gardine bereitete sich etwas vor – mußte sich etwas vorbereiten; denn das »Transparent« stand auf dem Zettel, und Paddenau hielt sich an seinen Zettel und erwartete sein Transparent und war fest entschlossen, nicht eher nach Hause zu gehen, als bis das Komitee allen seinen Versprechungen gerecht geworden war.

Freilich hatte sich in den vordersten Reihen der Versammlung bereits das Gerücht verbreitet, es sei nichts mit dem Transparente. In den verschiedenartigsten Fassungen trat das Gerücht auf und schlich, das Publikum verstimmend, um im Saal. Man traute dem Maler Haeseler alles mögliche zu; man traute ihm auch zu, daß er aus eingeborenster Bosheit mit eigenem Fuße ein Loch in seine glänzende künstlerische Leistung getreten habe; und in dem Augenblick, als die Musik von neuem schwieg, war der Dräumling bereits fest überzeugt, daß der Maler nicht nur mit dem Fuße gegen sein Werk angesprungen sei, sondern daß er, im diabolischen Hohn gegen die gastfreundliche Stadt, sich mit der ganzen Wucht seines Leibes auf und durch dasselbe gestürzt, geworfen, geschleudert habe.

Ein Kopfzusammenstecken, Kopfschütteln, Flüstern und Stuhlrücken ging im Saal.

»Ich weiß von nichts!« sprach auf dem Musikantengerüst Herr Ahrens. »Ich weiß nur, daß ein öliges Papier mit einem Rebus und einem bunten, kuriosen Verse drauf wieder abgerissen ist und im Korridor an der Wand lehnt. Herr Jeses, der Sappermenter ist mir imstande und bringt mir jetzt noch eine Disharmonie in die Bevölkerung! Das wäre nicht übel! Zweihundert Kuverts und niemand, der sie bezahlt, – das könnte mir passen! Pieperling weiß auch von nichts, Herr Kommerzienrat, das heißt, er weiß nur, daß der frivole Ironiste ein lebensgroßes Frauenzimmer angefertigt hat – nämlich er putzt dem Herrn Haeseler die Stiefeln, welches eine große Ähnlichkeit mit dem verehrtesten Fräulein Mühlenhoff hat, was ich aber nicht glauben will, und was sehr dekolletiert ist, was ich dem Herrn Haeseler wohl zutraue.«

»Was?!« schrie der Vetter aus Hamburg.

»Aber in den grünen Esel ist nichts dergleichen gekommen,« fuhr der Wirt nachdenklich bedenklich fort, »und vier Kerle gehören mindestens dazu, solch ein Monstrum von Papierrahmen herzuschleppen und aufzurichten. Pieperling weiß von nichts.«

»Ich gehe!« sagte der Hamburger gebrochen, die Arme nach beiden Seiten hin ausstreckend, um sich beim Abschwanken wenigstens vor einem zu harten Fall zu sichern; weit kam er aber nicht – denn hatte er die Hefen heruntergeschlürft, so schien das Schicksal jetzt sogar zu verlangen, daß er den Giftbecher selber nachfresse. Ohne daß eine helle Glocke, ein dumpfer Paukenschlag oder gar ein schmetternder Tusch das murrende, durcheinanderflüsternde Publikum zur Aufmerksamkeit, zum intensivsten Erfassen des Momentes aufgefordert hatte, hatte sich der Maler, Herr Rudolf Haeseler, wie schämig verlegen und schüchtern um die grüne Gardine herumgeschoben und stand, den Hut vor dem Magen, eine Verbeugung nach der andern machend, auf der Stelle, auf welcher vorhin sein Freund Fischarth und – seine Freundin Wulfhilde Mühlenhoff gestanden hatten.

»A–a–ah?!« sagte Paddenau, und die Firma Knackstert Witwe und Sohn wendete sich und fiel von neuem, schwer sich stützend auf die Schultern des Wirtes zum grünen Esel.

»Meine Herrschaften – entschuldigen Sie mich!« stammelte blöde der Sumpfmaler.

»Ah!« machte von neuem der Dräumling.

»Entschuldigen Sie mich, daß ich an die Stelle dessen zu treten wage, was ich Ihnen aus der engbegrenzten Fülle meiner schwachen Kunst zu geben versprach. Ja, ich gebe mich selber, und – was kann der Mensch mehr geben als sich selber? Sie haben soeben aus schönem Munde vernommen, daß wir heute ein so einzig ideales Fest feiern, daß alle Völker des Erdballs mit Staunen von fern auf uns schauen: sollte ich einen Mißklang in dieses Fest bringen? Ich weise den Gedanken weit von mir weg; ich weise ihn um so weiter von mit weg, als Sie mich schon des Gedenkens dieses Gedankens halber mit zürnendem Erschrecken betrachten. Meine Herrschaften, ich würde einen Mißklang in das Fest gebracht haben, wenn ich nach der wunderbaren Rede des Herrn Rektor Fischarth und nach den noch wunderbareren Leistungen des hiesigen hochverehrlichen Sängerbundes Ihnen den Eindruck vermittelst eines in Öl getränkten Stückes Kartonpapier und einiger Reihen angezündeter Öllampen abgeschwächt hätte. Welche Gestalten würden mich auf meinem nächtlichen Lager geschreckt haben, wenn mir Ihr berechtigter Hohn, das tief beleidigte Gefühl dieser trefflichen, feinfühligen Stadt zu demselben das Geleit gegeben hätten? Entsetzliche offenbar! . . . Und wahrlich, der ist nicht zu beneiden, der sich die Furien im Busen wachruft; wer aber hat herzerschütternder von den Furien gesungen, als unser großer Dichter? Hoffen wir zu den Göttern, daß er von ihnen – ich meine den Furien – zu niemanden in dieser Versammlung gesungen habe.

Besinnungraubend, herzbetörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leyer Klang:
Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn, –

und ich, der ich den grausen Sängerinnen kaum entronnen bin, ich vor allem weiß es zu schätzen, was es ist, des Lebens Bahnen frei wandeln zu dürfen, und ich beneide jenen nicht um seine Seelenruhe, – jenen, welcher am heutigen Tage in einer fernabgelegenen Stadt dem Gastfreund zum grauen Laubfrosch zweihundert Taler bot, um durch eine schlecht ersonnene Intrige das hohe Fest in seinen Säulen zu erschüttern und umzustürzen, und – nicht den lächelnden Unsterblichen, sondern uns arme, uns mühsam aus der Not und dem Staub des Lebens aufringende Erdenbürger unter den fallenden Trümmern des mit flammender, feuchtäugiger Begeisterung aufgebauten Tempels hämisch zu begraben! – – – Meine Herren und Damen, erwarten Sie nicht, daß nun auch ich das, was Sie in diesen Stunden bewegte und noch bewegt, noch einmal zergliedere. Sie würden dieses mit Recht anmaßend finden dürfen. Noch weniger jedoch werde ich wagen, Ihnen meine eigenen Gedanken und Empfindungen vorzulegen; ich hatte Ihnen nur eine demütige Entschuldigung zu bringen, und Sie würden im andern Falle unzweifelhaft die Berechtigung haben, kurz und bündig sich zu erkundigen: was das Sie eigentlich angehe?! – Meine Herrschaften, wir haben wahrhaftig ein stolzes Fest gefeiert, und des Erdballs Völker sehen mit allem Grund in neidischem Staunen auf uns. Lassen Sie uns scheiden mit einem letzten Hoch auf den Sänger der Freiheit und der Frauen. Er lebe hoch! und mögen, wie heute die Besten im Volke, sich ferner ganze Geschlechter an dem Becher berauschen, den er der Welt liebend reichte. Er lebe hoch, und – wünsche ich Ihnen eine angenehme Nachtruhe und morgen früh ein recht fröhliches, frisches Erwachen zu den drängenderen Pflichten und Nöten des Tages! Ich habe nicht gemalt, ich habe gesprochen.«

 


 

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