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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Eine wilde Nacht

Burg Malcolm lag in dieser Sommerzeit, als wäre sie tot. Außer einigen alten Knechten war niemand zurückgeblieben. Mägde sorgten für das Vieh, und einige Jungen waren um die Füllen auf der Weide. Acht Monate waren schon verstrichen, seit alle wehrfähigen Männer ausgezogen. Manchmal rollte ein Wagen die Waldstraße daher, der Verwundete aus dem Heerlager brachte.

»Wo ist Harriet Malcolm?« so fragten die Mägde. So fragten die, die handelnd oder aus sonst einem Grunde den Burghof betraten.

»Seit langer Zeit hat kein Auge das Edelfräulein gesehen!« antworteten die dienenden Frauen. – Es war, als wäre sie mit dem Blütenschnee der Fruchtbäume in dem goldenen Lichte des Frühlings verweht.

Das war ein trauriger, einsamer Frühling für die junge Burgfrau gewesen: Harriet Malcolm wußte den Vater, den geliebten Bruder und den Gatten in der Feldschlacht. Und sie trug ihr Geheimnis allein durch die Stille ihrer Tage.

Wie die Männer ausgezogen waren, hatte sie eine junge Kammerfrau zur Gefährtin genommen. Seitdem mied sie das Zusammentreffen mit dem Gesinde erst recht. Die Kammerfrau Mary war eine Schottin. Und weil sie an Jahren nicht viel mehr zählte als ihre schöne Herrin, so wurde sie die vertraute Freundin der jungen Burgfrau.

Im Maimonat, wie das lichte Grün in den Wäldern war, durchstreifte Harriet neben ihrer Kammerfrau noch etliche Male die Umgebung im Sattel. Nun aber lief der Zelter auf der Weide, und die scharlachrote Satteldecke verstaubte.

Wie der Sommer kam, trat noch eine zweite Frau in die Kammerdienste Harriets, die war schon als Amme um sie gewesen in ihrer frühesten Kindheit. Später war sie eines Mannes Weib geworden; der war ein Hirte auf den Bergen. Aber nun hatte auch ihn das Heerhorn nach Norden gerufen; ein Reiter hatte die Botschaft gebracht, er sei vor dem Feinde gefallen. Weil die Frau Witwe geworden war, vernahm sie den Ruf gerne, von neuem in die Dienste der Schloßherrin zu treten.

Die Mägde aber, wie sie sahen, daß die alte treue Dienerin wieder um Blossom sei, wunderten sich und sagten: »Das Burgfräulein mag wohl krank sein. Sie wird die Einsamkeit nicht ertragen können, in der sie dahinleben muß und verlassen ist von allen, die sie lieb hat.«

In diesen Tagen geschah es, daß die junge Gemahlin des ritterlichen Douglas ihre Kammerfrau und ihre Amme zu sich rief. Sie vertraute ihnen an, was an jenem Abend im Turmgelaß sich zugetragen habe.

Die Schottin und die Amme saßen zu Füßen ihrer Herrin und wunderten sich sehr, daß diese das Ehegemahl eines Douglas sei. Und sie hörten mit weiten Augen die Geschichte ihrer wundersamen Liebe, wie sie sagte: »Es hat keiner darum gewußt als Sir John, mein Bruder. Er war Zeuge, wie uns der Spruch des alten Priesters vereinigte. Sie alle sind nun ausgezogen in den Kampf, und mir ahnt: es wird ein wilder, mörderischer Kampf sein, aus dem vielleicht keiner mehr zurückkehrt, der auf Burg Malcolm zu herrschen hätte ...«

Wie sie so sprach, fielen Tränen aus den Augen der schönen Frau.

»Weinet nicht, teure Herrin!« tröstete die Schottin und legte ihre Hände auf die Knie Harriets.

Aber Frau Harriet wendete sich zu der Amme und sprach: »Ich habe dich rufen lassen, meine gute Kinderfrau, weil ich deiner Dienste noch nie so nötig bedurfte als in dieser Zeit. Horch auf, was ich dir sage! Wenn mein Vater aus dem Kampf zurückkehrt und erfährt, daß ich eines Douglas Weib geworden bin, so könnte es geschehen, daß er in seinem Zorne ungerecht gegen mich wäre. Und wenn mir der Himmel dann ein Kind geschenkt hat, so könnte es kommen, daß mein Vater mich mit diesem Kinde verstieße. Denn das Kind trägt den Namen der Douglas. So müßte ich mit dem Kleinen ausziehen und hinübergehen in jene Grenzen, in denen das edle Geschlecht der Douglas herrscht. Wie aber – wenn man mir auch dort Tür und Tor verschlossen hielte? Ich bin eine Malcolm. ›Eine Malcolm?‹ würde man fragen und nicht glauben, daß das Kind auf meinem Arme den Namen der Douglas trage.«

Da faltete die Kammerfrau ihre Hände über dem Knie Harriets und sagte: »Oh, Herrin, warum sollte man an der Wahrheit Eures Wortes zweifeln?«

»Man wird zweifeln; denn Archibald Douglas, mein Gemahl, gilt auf der Burg seiner Väter für tot! Und so lange soll es vor der Welt verborgen bleiben, daß er lebt und mich zu seinem Weibe genommen hat, bis die Feindschaft unserer Väter in Frieden sich gewandelt hat.«

Das Erstaunen der Frauen wuchs immer mehr. Die Amme aber schaute mit fast angstvollen Augen zu ihrer Herrin empor; denn sie wußte nicht, wozu sie in dieser Sache gebraucht werden würde.

Da fuhr die Herrin fort: »Wenn mir der Himmel das Kind geschenkt hat, so will ich es ferne der Burg halten, bis mein Vater alles erfahren hat. Du aber,« sagte sie zu der Amme, »du sollst das Kleine bis zu diesem Tage zu dir nehmen und in dein Haus jenseits des Grenzflusses mit ihm ziehen. Dort sollst du es halten, wie sich 's für das Kind deiner Herrin geziemt.«

So berieten sie sich.

Und als der Sommerwind über die Felder lief und nach dem goldenen Meere der Ähren suchte, das in diesem Jahre nicht da war, wurde Frau Harriet ein Knabe geschenkt. Den nannte sie nach seinem Vater Archibald Douglas.

In einer der folgenden Nächte schienen weder Mond noch Sterne. Schwere Wolken, die einem Gewitter voraufzogen, gingen am Himmel.

In dieser Nacht schritt ein Weib mit einem Korbe durch den Park von Schloß Malcolm. Das war die Amme, die heimlich im Schutze verschwiegenen Buschwerks wandelte, damit sie vor den Augen neugieriger Mägde verborgen bliebe. In dem Korbe trug sie das Kind der Herrin. Sie trug auch reichen Lohn und Schmuck darin, mit dem Wappenzeichen der Malcolm und Douglas als Dank für den großen Dienst, den sie der Burgfrau erwies.

So wanderte sie ganz einsam mit ihrem großen Geheimnis durch die nächtlichen Wälder und wanderte über die Mitternacht hinaus.

Aber statt des Mondes, der ihre Pfade hell machen sollte, zog ein schweres Gewitter über den Wald herauf, und die Blitze warfen ihr Feuer auf die Wege. Der Regen rauschte hernieder, und der Fluß warf seine lehmgelben Fluten durch den Wald und die Schründe der Felsen.

Während einer Stunde schwoll er zum rasenden Strome.

Dem Brausen des Stromes ging die Amme nach. Wie sie endlich in das Tal gelangt war, durch das der Weg nach ihrem Hirtenhause führte, sah sie in weiter Ferne ein Licht.

Dumpf grollte der Donner und weckte das Echo in den Felsen auf. Und die Feuer des Himmels fuhren am zackigen Gestein entlang wie glühende Schlangen.

Aber die Frau verzagte nicht. Sie schirmte den Korb mit seinem köstlichen Gute und strebte dem fernen Lichte zu, von dem sie wußte, daß es in dem Hause des Fährmanns brannte.

Der schmale Pfad führte sie immer am Ufer des Flusses entlang. Manchmal schäumte das rauschende Wasser schon über den Weg, und sie mußte es durchwaten.

Einmal, wie der Regen noch stärker niederbrach, und wie es schien, als wollten die Felswände einstürzen und den wilden Fluß verschütten, ward der Amme sehr angst. Sie blieb stehen und wartete, bis ein Blitz die Gegend erleuchte. Sie dachte daran, daß sie vielleicht nicht bis zu dem weitentfernten Fährhause gehen müsse. Vielleicht wäre sie in dieser wilden Nacht dort gar nicht über den Strom gesetzt worden; denn an jener Furt verrichtete die Frau den Fährdienst, seit der Mann mit in das Feldlager gezogen war. Wahrscheinlich fürchtete das junge Weib des Bootsmannes die Wut des Stromes.

.

Dagegen mußte jenseits des Wassers nun vielleicht die Stelle sein, an welcher das arme Haus des Hirten Norval stand.

Norval war nicht mit im Felde; denn er war lahm. Wenn sie ihn errufen konnte, so sollte er sie mit seinem Kahne über den Fluß bringen, und sie wollte ihm ein Goldstück dafür geben.

Wie sie eine Weile gestanden hatte, flammte ein heller Blitz auf und zeigte ihr jenseits in einiger Entfernung das Haus Norvals am Hange. Aber er zeigte ihr auch, daß nicht weit von ihr ein Stück des Weges in den Strom gerissen war.

Sie rief. Sie setzte den Korb mit dem Knäblein neben sich an die Erde und schrie verzweifelt durch ihre Hände.

Das Echo in den Felsen rief mit ihr. Aber der Schlaf im Hause des Hirten war zu tief. Darum hörte ihr Rufen niemand. Und sie schürzte sich den Rock und schritt in das Wasser, das vor ihr auf dem Wege schäumte. Denn sie mußte vorwärts um jeden Preis und mußte zu einem Hause gelangen ...

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