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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Das Geheimnis des Turmes

Als der alte Arzt am nächsten Tage wieder in das Turmgemach trat, fand er den Zustand des Kranken zu seiner großen Freude besser denn zuvor. Er hatte gefürchtet, das wunderbare Ereignis würde das Fieber von neuem heraufbeschwören. Deshalb meldete er dem Genesenden lächelnd, daß John Malcolm mit seiner Schwester Harriet in kurzer Zeit das Turmgemach aufsuchen würde.

Nachdem Melvil in eifernder Sorge noch einige gute Ratschläge erteilt hatte, verabschiedete er sich von Douglas.

Wie er die Wendeltreppe des Turmes hinabstieg, begegnete er dem Geschwisterpaare.

»Nun, Melvil, wie steht es?« rief ihm Herr John entgegen.

»Es ist, als wäre ein Wunder geschehen – auch mit ihm!« antwortete der Arzt. »Er hatte das Lager bereits verlassen, als ich vorhin zu ihm kam. Fast scheint es, als fände er Gefallen an der Gefangenschaft im Turme von Malcolm – einer Gefangenschaft, die er sich freiwillig auferlegt. Sonst hätte er heute früh wohl ein Roß zum Heimritt von mir gefordert!«

Eine Minute später betrat John Malcolm mit seiner Schwester Harriet die Einsamkeit des Turmgemaches.

Douglas schritt ihnen entgegen, verneigte sich tief vor der Jungfrau und berührte ihre Hand mit seinen Lippen. Dann schlang er lachend die Arme um seinen Freund.

Beim Anblicke der Lieblichen war ein Glanz in die Augen des jungen Ritters gefallen; und auf seine Stirne flog ein freudiges Rot.

Blossom war gekleidet wie an jenem Morgen, da sie sich für die Heimkehr des Bruders bereitet hatte. Unter den Säumen ihres seegrünen Übergewandes, das an der Seite gerafft war, fiel der dunkelrote Seidensammet des Rockes hervor. Der war mit einer goldenen Borte fein geziert. Auch war es, als bräche ein goldener Schein aus den silbernen Maschen des Netzes, das über ihrem Haare lag, und erhellte das stumpfe Licht des Gemachs.

Es ist zu denken, was sie sprachen.

Zuletzt redeten sie über die Heimkehr des Gastes nach Schloß Douglas und die Möglichkeit heimlichen Wiedersehens. Dabei flogen ihre Blicke zueinander wie Vogelpaare im Mai.

Daß die hochgemuten jungen Ritter ihre Freundschaft fortsetzen und pflegen wollten, das war der Wunsch ihrer Herzen. Auch Harriet sollte Genossin dieser Freundschaft sein. Aber sie sahen keinen Weg, der sie in den Tagen des Winters heimlich zueinander führen konnte. Im Sommer hätte der grüne Bergwald ihre heimlichen Zusammenkünfte vor den Augen Neugieriger beschirmt. Aber nun?

Archibald Douglas hatte an diesem Morgen ein leichtes Jägerkleid aus weichem Hirschleder angetan. Nun, da er neben Malcolm stand, erkannte Harriet, daß er ihrem Bruder an Stärke und Größe des Leibes nicht nachstand. Blondes Haar fiel ihm in mäßig langen Locken vom Scheitel, und ein leichter Flaum lag über seinen Lippen.

»Wir wollten Harriet Malcolms Frauenklugheit das Schicksal unserer jungen Freundschaft anheim geben,« begann John nach einer Weile nachdenklichen Schweigens das Gespräch von neuem.

»Es ist nicht zu denken, daß es in sorgsamerer Hut sein könnte!« antwortete Douglas und sah das Burgfräulein mit blanken Augen an. So viel Schönheit und zauberische Anmut hatte der Ritter noch an keiner Frau gesehen.

Blossom legte ihre weißen Hände vor das Gesicht und ließ sie wieder sinken. Es war, als fürchte sie sich vor der Verantwortung, die sie tragen sollte. Sie wandte sich Archibald Douglas zu:

»Habt Ihr nicht in der Nachbarschaft von Dohlen und Eulen hier im Turme Muße genug gehabt, mir ein wenig nachdenken zu helfen?« scherzte sie.

»Das wohl,« entgegnete der junge Ritter, »aber – seit Ihr durch diese Tür geschritten seid, ist alles anders geworden um mich her. Es ist keine Einsamkeit mehr, es ist keine graue, glanzlose Umgebung mehr. Nein – alles ist anders geworden. Ich habe nicht einmal Eile, gesund zu werden.«

Wie Harriet Malcolm die Freude aus diesen Worten klingen hörte, ward sie in ihrem Herzen froh. Aber sie schlug doch die Augen nieder; denn sie fürchtete, der Freund ihres Bruders möchte in solchen lieben Worten den Wunsch zu erkennen gegeben haben, sie einst als Weib zu besitzen. Dann wäre freilich ein trefflicher Bund geschlossen gewesen, und die Liebe hätte sich wieder einmal in ihrer ganzen Herrlichkeit und Stärke gezeigt; sie hätte den jahrhundertalten Haß besiegt wie einen bösen Feind.

Aber wie hätte das alles geschehen können?

Kaum wußte sie, was sie dem jungen Douglas auf seine freudige Rede entgegnen solle. Ihre Blicke glitten suchend durch das Gemach. Und nur, um das Schweigen zu brechen, sagte Harriet: »Wir werden noch einmal von vorn anfangen müssen, uns die Sache zu überlegen.«

Sie hatte daran gedacht, daß sie dem Feinde ihres Vaters nicht verraten dürfe, wie fröhlich ihr Herz geworden sei, seit Douglas und John Malcolm sich gefunden hatten. Aber der junge Ritter hing mit seinen Augen an den Lippen des jungen Burgfräuleins und ward noch froher als zuvor. Denn er vernahm, daß sie nicht nur gern gekommen sei, sondern daß sie auch noch ein wenig in seiner Gesellschaft verweilen wolle.

Da erhob sie sich von ihrem Sitz, als wolle sie andeuten, daß sie schon länger geblieben sei, als es sich für eine so vornehme Jungfrau schicke, und sagte ganz ruhig:

»Herr Ritter, es wird nicht schwer sein, meinem Vater alles zu verbergen. Seine Gemächer liegen am anderen Ende des Schlosses, und es ist ein weiter Weg bis dahin. Ich entsinne mich nicht, daß er jemals dieses Turmgelaß betreten hätte. Wenn der Marschalk nicht wüßte, daß Ihr hier krank lieget, so brauchte der Lord nie etwas davon zu erfahren. Aber – Marschalk Glenalvon sieht so scharf, als hätte er hundert Augen. Er hat, wie es scheint, auch schon aus dem alten Arzte das Geheimnis herausfragen wollen. Wie wir uns vor seiner Schlauheit hüten sollen, ohne die Unwahrheit zu sagen, das weiß ich nicht.«

Jungfrau Harriet wandte sich bei diesen Worten langsam der Türe zu.

Da war es dem jungen Ritter, als solle er die Schönheit des Burgfräuleins nie mehr sehen. Er wagte nicht zu bitten, daß sie noch bleibe, aber er sagte lächelnd:

»Wir werden uns nun an jedem Tage gemeinsam beraten müssen. Vielleicht können wir den listigen Marschalk durch unseren Arzt irre führen: er soll ihm sagen, ich läge im Fieber. Oder ... er soll sagen, ich sei gestorben und schon begraben ...«

John Malcolm unterbrach ihn mit sehr nachdenklichem Gesichte: »Du lachst bei diesem Rate, Freund! Aber du hättest ihn ganz im Ernst geben können. Wer weiß, ob wir uns nicht doch am Ende noch mit einer solchen Ausflucht behelfen müssen.«

Archibald Douglas zuckte die Achseln und sah Blossom an: »Der Däne hätte mir fürwahr einen schlimmen Streich gespielt, wenn er fester dreingehauen hätte. Meint Ihr nicht auch, Jungfrau Harriet? Auf der gespaltenen Stirne hätte Euer klares Auge gewiß nicht ruhen mögen. Und ich hätte die höchste Schönheit nie sehen dürfen, von der sie im Lande erzählen wie von einem Märchen.«

Harriet reichte ihm die Hand und ging mit ihrem Bruder hinaus.

Die Wunden brannten Douglas. Er lehnte seine heiße Stirne gegen die Scheiben. Er öffnete das Fenster und trank die kühle, neblige Herbstluft. Ein Flug Zugvögel rauschte am Turme vorüber. ›Der Sonne nach‹, dachte Douglas. Und wie er sann, erkannte er, daß er von allen Frauen der Erde keine lieber zu seinem Ehegemahle nehmen wolle als Harriet Malcolm. Denn keine war herrlicher als sie. Sie war noch schöner als die Sonne, die im Frühling über die Berge scheint und mit ihrem Zauber die wintermüde Welt zu neuem Leben erweckt.

Sehnsüchtig sah er dem rauschenden Heere der Zugvögel nach. Die durften hinziehen und bleiben, wo sie wollten – wo ihnen ihre Sonne schien. Er aber sollte einen Weg ersinnen, der ihn selbst seiner Sonne fern führte. Denn Harriet Malcolm war dem genesenden Manne wie die Sonne des Frühlings.

Fast kam ihn eine Furcht an, er möchte sie ewig verlieren, wenn er sich in diesen Tagen ein Roß ausbedinge und durch den Bergwald der heimischen Burg zureite.

»Ich will nicht!« rief er frohgemut. »Ich will sie erringen und zu meinem stolzen Weibe machen!«

Aber schon schlossen sich seine Lippen in herbem Schweigen. Er dachte daran, daß kein Weg war, zu solchem Glücke zu gelangen. Auf Schloß Malcolm in Harriets Nähe konnte seines Bleibens unmöglich lange sein; denn der alte Burgherr war der Erbfeind seines Geschlechtes. Und der Marschalk war ein Verräter. Er würde alles daran gesetzt haben, Burg Malcolm einem Douglas zu verschließen.

Aber noch mehr drückte den genesenden Mann der Gedanke, daß seine alten Eltern um ihn trauerten als um einen Toten. Durfte er die, die ihn lieb hatten, noch länger im unklaren über sein Schicksal lassen?

Er berührte die Lehne des Stuhles, auf der Blossoms Hand vorhin gelegen hatte, mit seinen Fingern. Und ihm war, als dürfe er noch einmal die Hand des schönen Burgfräuleins streicheln.

Dann setzte er sich an den Tisch und schrieb.

Er war des festen Willens, diesem ungewissen Zustande ein Ende zu bereiten – so oder so.

Die Pulse seiner Schläfen flogen. Und als am Nachmittage der Arzt kam, nach seinem Kranken zu sehen, übergab er dem treuen Alten den Brief und bat:

»Bringt dieses Schreiben Eurer edlen jungen Herrin. Aber heute noch, hört Ihr? Es bereiten sich Dinge vor, die selbst Eurer alten Weisheit wunderlich erscheinen werden.«

Der Arzt schob das Pergament unter sein hirschledernes Wams:

»Es soll alles geschehen, wie Ihr befehlt.«

Dann ging er seines Wegs.

Douglas aber schritt mit geröteten Wangen durch die Stille seines Gemachs. Sein Herz schlug hörbar. Seine Augen strahlten in hellem Glanze. Die frühe Nacht dämmerte herauf, und der Schein des Kaminfeuers rötete die eichene Wandvertäfelung des Gelasses.

Da klangen draußen auf dem Flur flüchtige, leise Schritte. Ein Klopfen an der Tür. Douglas öffnete, und das Burgfräulein trat in das Gemach.

Diesmal war Blossom allein.

Der Ritter faßte ihre Hände und preßte seine Lippen auf ihre weißen Finger. Sie ließ es geschehen.

Er sah ihr dabei in die klaren, jungen Augen und sprach:

»Oh, Harriet, wie soll ich dir danken – wie könnt' ich mit armen Worten sagen, wie froh du mein Herz gemacht hast? Du bist gekommen, weil ich dich bat?«

Das Edelfräulein neigte die Stirn ein wenig: »Ja, weil Ihr mich batet. Ich dachte, wenn ich Euch keine Antwort gebe, so könntet Ihr wieder krank werden. Der Arzt sagte, Ihr wäret noch immer nicht gesund.«

»Warum sagst du nicht ›du‹ zu mir? Bist du nicht die Schwester meines teuersten Freundes? Und verweigerst du mir dies vertrauliche du, weil du damit sagen willst, daß du mir nie als Weib angehören möchtest?«

Harriet erschrak, als sie den Feind ihrer Väter also sprechen hörte. Dann hob sie ihre Augen auf. Aber sie blickte ihn nicht an, sondern sah an ihm vorüber, und es war, als sähe sie in eine weite, weite Ferne, so weit hinaus, daß sie die Dinge nicht mehr unterscheiden konnte, die da waren – sie sah in ihr Leben. Denn sie wußte nicht, wie das alles sich erfüllen sollte, was Archibald Douglas erhoffte.

Weil er aber doch eine Antwort erwartete, so sagte sie – und sie ließ ihre Hände in den seinen ruhen: »Nun stehen wir und sehen uns an und wissen doch nicht, wie das alles geschah.«

Da erkannte Archibald Douglas, daß das Glück seiner Seele auch das Glück Harriet Malcolms war.

»O Harriet,« rief er, »sahst du heute morgen nicht, wie mich die Furcht überkam, dich ewig zu verlieren, noch ehe du mein Weib geworden? Hörtest du nicht, wie dich mein Herz rief, als dein Schritt draußen auf den Fliesen des Flurs fern und immer ferner wurde?«

Die Augen des Burgfräuleins waren hell wie ein Maitag. »Und nun?« fragte sie. Aber ihre ganze Ratlosigkeit klang doch in diese kleinen Worte. »Du wirst heimkehren müssen, Archibald Douglas ...«

»Nicht heimkehren!« rief er ihr freudig zu. »Nein, sondern ich will den stolzen Namen eines Douglas nicht mehr tragen, solange der alte Haß noch lebt zwischen unseren Geschlechtern. Denn er müßte uns ewig trennen. Deinetwillen aber will ich fortan keinen Douglas kennen. Ich will den verachten, der dich haßt. Und ich will mit meinem Schwerte töten, wer dich schmäht. Und auf der Burg meiner Väter sollen mich nicht eher sehen, die mich lieb haben, als bis sie geloben: der unselige Haß ist begraben!«

Da schlang Harriet Malcolm ihre Arme um den hochherzigen Mann und gelobte sich ihm für das Leben.

»Nun sollst du mein sein!« rief er. »Dein Priester soll unsere Hände im Geheimen ineinander legen. Hier wollen wir den Altar errichten, in diesem Turmgemach, und wollen uns vor Gott vereinigen. Und ich will fortan als Dienstmann unter fremdem Namen in den Reihen der Krieger deines Vaters stehen und kämpfen. Endlich aber mag auch die Zeit kommen, vor der Welt zu bekennen, was unser Geheimnis ist.«

Harriet senkte ihre weiße Stirne gegen die Brust ihres Verlobten und sagte: »Wie konnte dies alles geschehen!« Sie hob ihre Augen, und ihre Lippen zitterten: »... und an dem Tage geschehen, an dem der Haß meines Vaters von meinem Bruder gefordert hat ...«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie preßte die Lippen aufeinander, als fürchte sie sich vor einem furchtbaren Geständnis.

»Was hat dein Vater von deinem Bruder gefordert? Verschweige mir nichts!« bat Douglas.

»Gefordert, daß er schwöre auf den Knauf seines Schwertes, der Douglas Todfeind zu sein, so lang er lebt.«

Der Ritter legte seinen Arm von neuem um Harriet und leitete sie gegen den traulichen Brand des Kamins.

»Und John Malcolm?« fragte er.

»Verweigerte den Eid.«

»Und dann?« forschte der Douglas.

»Dann standen sie in finsterem Groll einander gegenüber und schieden stumm voneinander – nicht wie Vater und Sohn. Sondern sie schieden, wie Feinde voneinander gehen, die auf eine Stunde warten, in der sie mit bloßen Schwertern sich begegnen.«

Archibald Douglas atmete freudig auf: »So will ich die Stunde doppelt preisen, die mich den Arzt mit dem Brief an dich senden ließ. Es war eine Furcht in meinem Herzen, – eine Ahnung, als bereite sich Schlimmes vor. Ich dachte, die nahende Nacht könne sich zwischen dich und mich senken und könne ihre weite Finsternis zwischen uns lassen, in der deine Schönheit für mich wie ein ferner, unerreichbarer Stern geleuchtet hätte. Aber nicht der Haß unserer Väter, nicht die Tücke der Menschen soll uns von nun an scheiden dürfen – einzig der Tod, Harriet!«

Der blonde Douglas sank auf das Knie, und Harriet Malcolm neigte ihre Lippen über die Stirne des genesenen Mannes und küßte ihn.

Sie sprachen eine Weile heimlich miteinander. Es war völlig Nacht geworden. Der goldene Schein des Kaminfeuers erhellte das Turmgemach. Dann schlich Harriet Malcolm hinaus, ging über den dunklen Flur und stieg die Wendeltreppe des Turmes hinab. Nach einer Weile kehrte sie mit dem Arzt, der zugleich Priester war, und mit ihrem Bruder John in die Einsamkeit des Turmes zurück.

Die Männer trugen Lichter in das Gelaß. Da ward es hell und festlich wie die Herzen der Menschen.

In dieser Nacht legte der greise Priester die Hände der beiden ineinander und gelobte unverbrüchliches Schweigen dieses Geheimnisses vor der Welt.

So wurde Harriet Malcolm das Weib von Archibald Douglas.

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