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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Der Streit

Abenteuerliche Gedanken jagten sich hinter der Stirne des Marschalks, wilde, närrische Gedanken, denen sein scharfer Verstand vordem nie Raum gegeben hatte. All' seine List reichte nicht hin, die Pläne zu durchschauen, an denen das Schicksal wirkte. Heimlich zog es seine Fäden zu einem undurchsichtigen Gewirr. Aber der Marschalk vertraute seiner Klugheit.

Er hatte in diesem Spiele Glück und Leben eingesetzt. Täuschte ihn sein Scharfblick diesmal, dann war er verloren; denn dann hatte er sich in dem jungen Norval einen Feind geschaffen, an dessen hochgemuter Art seine Tücke zuschanden wurde.

Wie von ungefähr schritt er dem Jüngling entgegen, als er ihn auf einem rasigen Hügel vor dichtem Gebüsche stehen sah. Er schaute von dortaus weithin gegen die niedergehende Sonne.

Die Hände auf den Rücken gelegt, schritt der Marschalk mit gesenkter Stirne fürbaß. Er tat verwundert, ihn einsam zu treffen.

»Seht Ihr den Truppen nach, Norval?« fragte er.

Der Jüngling sah ihn mit leuchtenden Augen an; dieser Tag war seines Glückes Erfüllung. Der Abendhimmel stand in glänzendem Golde. Strahlende Tore waren aufgetan, und der leuchtende Sonnenball rollte hindurch. Gegen den Glanz des Himmels ritten die Krieger. Jeder Helm, jeder Harnisch, jeder Speer war wie von Gold. Sie ritten über die Hügel –

»Seht,« deutete Douglas, »jeder unserer Männer wächst zu einem Riesen; jeder von ihnen steht wie der Turm einer gewaltigen Rüstwehr gegen die Feinde. Oh, wir werden siegen mit diesem stolzen Heere!« Seine Augen spiegelten den Glanz des Himmels und den freudigen Mut seines Herzens.

»Hm,« machte der Marschalk und lächelte hochmütig, »Ihr sprecht sehr schön und edel. Wer weiß, ob einer der Führer unserer Heere den Ruhm unserer Truppen preist wie Ihr.«

Douglas senkte die Stirn. Er fühlte die Schärfe in den Worten dieses erfahrenen Kriegsmannes. »Vielleicht wird meine Begeisterung gedämpft, wenn ich so oft in der Schlacht gestanden habe wie Ihr, Herr Marschalk!« sagte er fast beschämt. »Bis zu dieser Stunde hab' ich mich vergebens danach gesehnt, meinen Mut beweisen zu können.«

Den Marschalk ärgerte die Bescheidenheit. »Oh,« sagte er mißvergnügt, »von Euerer Tat war ja heute das ganze Lager erfüllt. Ja, die Gunst Lord Randolphs zeichnet Eueren Mut höher aus als die Tugenden seiner bewährten Krieger. Aber ich kenne diese Knechte länger als Ihr. Es hat ihnen geschienen, als wolltet Ihr ihnen in Zukunft befehlen. Das hat sie mit Haß gegen Euch gefüllt. Euer Verdienst sei ein Zufall, sagen sie; denn sie wissen, daß Ihr noch vor wenigen Wochen als müßiger Hirte die Bergziegen gemolken habt.«

Des Marschalks Worte waren giftig wie Schlangenbiß. Douglas trat betroffen zurück. Er richtete seine Blicke scharf auf Glenalvons Gesicht und erkannte die Falschheit in diesen Augen, wiewohl sie sich listig verbarg. Seine Stirne verfinsterte sich.

»Herr Marschalk,« sagte er, »ich bin gewöhnt, klar und wahr zu reden. Es soll aber Menschen geben, deren Zunge zwiespältig ist wie die Zungen der Schlangen – ich bin nicht geschickt in solcher Sprache, und auch mein Ohr läßt sich wohl täuschen. Ihr habt mir einen Rat gegeben – ich hatt' Euch nicht darum gebeten. Trotzdem dank ich Euch. Doch, warum gemahnt Ihr mich an meine niedere Herkunft? Ihr wußtet, dieser Tag war für mich ein Tag des Glücks. Ihr habt dies reine Glück auf häßliche Art beschmutzt!«

Der Marschalk lächelte überlegen: »Ihr seid sehr stolz, junger Herr! Ich rat Euch –«

»Wie kommt Ihr dazu, mir Eueren Rat schon wieder aufzudrängen?«

Aber der Marschalk fuhr unbeirrt fort. So keck mußte der Jüngling ihm begegnen, wenn er durch das Vertrauen der Burgfrau kühn geworden war. – »Ich rat Euch, laßt diesen Stolz nicht zu sehr ins Kraut schießen. Ihr blast Euch ja auf wie ein Frosch. Denkt Ihr, man wird die Frechheiten und den Zorn eines Schäferjungen hier lang ertragen?«

Die Hand des Jünglings fuhr ans Schwert: »Eines Schäferjungen? Was ficht Euch an? Der Lord hat mich Euch an Rang und Ehren gleichgestellt!«

»Ha, droht Ihr mir?« rief der Marschalk.

»Vielleicht. Aber ich tat's nicht gern. Ihr reiztet mich.« Er stieß das Schwert zurück in die Scheide.

»Einem edleren Feinde wär ich anders begegnet!« höhnte Glenalvon.

Douglas fuhr auf. Maßloser Haß sprach aus seinem Blick. »Wer bin ich in Eueren Augen?«

»Norval!« antwortete der Marschalk in tiefer Verachtung.

Dunkle Röte überzog die Wangen des Jünglings. Er rang vergeblich um Ruhe. »Der bin ich,« sagte er, ebenso kalt, wie Glenalvon geringschätzig gesprochen hatte. »Und wer ist Norval in Glenalvons Augen?«

Der Marschalk merkte, daß er am Ziele war. »Norval?« sprach er, »hm – ein Ziegenjunge, ein wandernder Bettler.«

Douglas faßte nach dem Schwertgriff.

Aber der Marschalk stand wie eine Säule aus Stein; er stieß ein giftig Wort hervor und spie an den Grund. Er rührte sich nicht. Seine Hand lag auf dem Knauf seines Schwertes. Aber er ließ die Waffe in der Scheide, als wär es kindisch, mit einem solchen Gegner zu fechten.

Douglas maß den Burgwart von der Lederkappe bis zur Sohle. »Ich bin gewohnt, meinen Mut in Taten zu zeigen, nicht in Worten. Ich schmäle nicht, wie Knaben sich schmälen. Auch ich könnte dir sagen, wer du – –«

»Ein Herr über tausend Sklaven, von denen du einer bist!«

»Schurke!« schrie Douglas. Er war von der Verachtung des Marschalks ins innerste Herz getroffen. »Dein Schwert heraus – verteidige dein Leben, Satan! Ich wollt', ich hätt' einen edleren Grund, dich herauszufordern!«

Das kurze Schwert des Jünglings zischte aus der Scheide.

Aber der Marschalk würdigte ihn keines Blicks. Er hatte Lord Randolph im Schutze der Büsche über die Rasenfläche daherschreiten sehen. Nun richtete er seine Augen auf die grüne Mauer der Hecken; wollten sie sich nicht öffnen?

Da trat Lord Randolph aus dem Gesträuch.

Douglas stand in flammendem Zorn. Nun senkte er sein Schwert. Er war betroffen.

»Steht ihr euch schon mit der blanken Waffe gegenüber und habt Euch doch kaum gesehen?«

Der Jüngling tat einen Schritt vorwärts.

»Halt!« schrie der Lord. »Wer sich bewegt, ist mein Feind!«

»Nicht aus Furcht vor Euch senk ich das Schwert,« sagte Douglas. »Ihr seid gerecht, und Ihr würdet Euch auf meine Seite stellen, wenn Ihr zum Richter in dem Streite angerufen würdet.«

Glenalvon schnitt ihm das Wort ab und höhnte: »Vernehmt Ihr, Herr, wie hochmütig er redet? Ihr rühmtet die Demut des Hirtenjungen –«

»Nun, Norval?« sagte Lord Randolph verwundert.

Der Jüngling stand mit gesenkter Stirn. Er vernahm Bitterkeit und Enttäuschung aus den Worten seines Herrn.

»Dieser hat meine Ehre verletzt, und er soll mir dafür Rechenschaft geben!« rief Douglas.

Aber Glenalvon lachte auf: »Er spricht wie ein König und nicht wie ein Schäfer, Herr!«

Lord Randolph kannte das Gift, das der Marschalk im Munde führte. Er war vorhin aus dem Trinksaal geschritten und hatte gesagt: ›Ich will diesen Norval reizen.‹ Der Burgherr wußte: das war ausgiebig genug geschehen, und Norval konnte nicht anders reden, als er tat. Es war höchste Zeit, die Wogen des Zornes zu glätten.

Die Nacht weckte die Eulen in den alten Bäumen des Parks, und die Fledermäuse flogen.

»Kommt,« sagte der Lord, »wir wollen den Abschied trinken – es ist die letzte Stunde. Der alte Feind von Kaledonien pflanzt seine Feldzeichen an unserem Strand auf. Legt euere Sache bei, bis der Feind aus dem Lande getrieben ist – dann ist Zeit genug zur Entscheidung. Vielleicht vergeßt ihr über gemeinsamen Taten im Kampf, was euch jetzt wild gemacht hat.«

Der Marschalk nickte befriedigt. Er schritt neben seinem Lord den Weg nach dem Schlosse. Douglas steckte das kurze Schwert in die Scheide. Er trug schwer an der Unbill dieser Stunde.

»Kommt,« wandte sich Herr Randolph. Aber der Jüngling verstand diesen raschen Wandel der Gemüter nicht. »Schmähen sich Krieger wie schwatzhafte Weiber, um im andern Augenblicke sich zu versöhnen wie Knaben?« fragte er.

Da kehrte sich ihm der lauernde Marschalk berechnend zu und sagte: »Norval, wollt Ihr den Frieden dieser letzten Nacht in der Heimat scheuchen und Eurer edlen Herrin den Abschied vergällen?«

Er hatte dieses Wort klug erdacht.

»Ihr denkt leicht über meinen Groll, Marschalk!« entgegnete er finster. »Schickliche Ehrfurcht gegen meinen Gebieter fordert, daß ich mich in dieser Stunde bescheide. Aber vergeßt nicht: mein Haß ist tödlich!«

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