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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Die Waldburg

Die Geschichte spielt in alter Zeit und spielt droben in Schottland. Mitten im Bergwald saßen zwei herrliche Geschlechter. Nur wenige Wegstunden lagen die reichen Gehöfte mit den mächtigen Mauern und gewaltigen Warttürmen auseinander. In der einen der beiden Burgen saßen die Malcolm, in der andern die Grafen Douglas. Die Malcolm waren goldhaarige, hohe Gestalten. Die Douglas aber waren finsteräugig und schwarzhaarig. Schotten waren sie beide. Aber die Malcolm hatten englische Dienste angenommen und saßen auf engelländischem Grunde. Das war nun schon seit zweihundert Jahren so. Und seit zweihundert Jahren haßten die in der Burg Douglas jene, welche auf Schloß Malcolm wohnten; denn sie hielten sie für Abtrünnige.

Zwischen den beiden Waldburgen floß ein nicht allzu breites Bergwasser, der Tweed. Dieser bildete zugleich die Grenze der beiden großen Reiche Schottland und England. Und er bezeichnete auch die Gemarkung der beiden Lordschaften Douglas und Malcolm.

Urwald deckte das Gebirge, das da und dort in Schroffen und Klüften die Ufer des Waldflusses bildete. Zum Glück für beide ritterlichen Familien floß das oft wild seine Bahn brausende Wasser trennend zwischen ihren Jagdgründen dahin. Deshalb konnten weder die starken Rudel der Hirsche noch die Wildsauen aus dem einen Gefilde in das andere wechseln. Auch vermochten die Knechte und hörigen Leute des einen Ritters mit denen des anderen im Schutze des Waldes nicht so leicht in Faustkämpfen aufeinander zu treffen. Wenn die natürliche Grenze des Wildwassers nicht für leidlichen Frieden gesorgt hätte – wer weiß, ob nicht die Malcolm und die Douglas in jener wilden Zeit sich gegenseitig die Burgen verbrannt hätten.

So kam es, daß der Haß zwar heimlich immer fortglimmte, aber er schlug wenigstens keine hellen, verderblichen Flammen. Freilich, im Schlosse Malcolm durfte der Name keines Douglas genannt werden. Wer es gewagt hätte, über dessen Haupt hätte sich der Zorn des alten Grafen Malcolm entladen wie eine gewitterschwere Wolke.

So begegneten sie einander nie, wenn der Bergwald nicht von Kriegeslärm erschallte.

Wenn aber der gemeinsame Feind lauerte, etwa der Ire im Westen, oder wenn vom Osten her der Däne mit seinen trutzigen Schiffen in den Kliffen landete, dann teilten die Malcolm und die Douglas das gemeinsame Heerlager. Sie schlugen vereint, aber sie marschierten getrennt.

Jahrhunderte gingen. Die Malcolm wußten nichts von den Douglas, als daß sie sich haßten.

Den Alten der beiden feindlichen Geschlechter war diese Feindschaft Bedürfnis und fast heilige Überlieferung geworden. Aber der Heranwachsenden Jugend war sie nichts als Gewohnheit.

Die Kinder wußten eigentlich nicht mehr, warum sie in der Einsamkeit ihrer Wälder nicht mit denen von drüben verkehren sollten. Sie hätten so gerne sich gemeinsam im ritterlichen Spiele geübt, oder sie wären auf ihren kleinen Pferden gerne gemeinschaftlich auf ein Wild ausgeritten. Warum sollten sie nicht gut miteinander sein?

Das vermerkte Herr Malcolm seinem jungen Sohne sehr übel. Und wie der junge Malcolm heranwuchs und eines Tages in den Krieg gegen die Dänen geritten war, besprach sich der alte Ritter mit seinem Marschalk über diese Sache. Am Ende sagte er: »Wenn John Malcolm von der Heerfahrt gegen die Dänen wieder heimgeritten ist, so soll er mir auf den Knauf seines guten Schwertes ewige Feindschaft schwören gegen den hochfahrenden Trutz der –«

Er wollte sagen: – »der Douglas«. Aber er sprach diesen verhaßten Namen nicht aus, sondern der alte Herr spie auf die Steinfliesen des Trinksaals und schlug den Becher hart auf die eichene Platte des Tisches. »Was meinst du, Glenalvon?«

Der Marschalk Glenalvon saß seinem alten Herrn in dieser Stunde in Harnisch und Wams gegenüber. Er hatte einst von dem Lord für getane Kriegsdienste und Klugheit seines Rates ein kleines Gehöft im kaledonischen Tann als Lehen erhalten. Bei der Frage des Alten glitt ein Lächeln der Genugtuung über sein Gesicht.

Der Marschalk war ein Mann von dreißig Jahren. Aber er hätte seinem Aussehen nach fünfzig zählen können; denn er hatte ein gelbes Antlitz und stechende Augen. Diese Augen konnten einen starken, ehrlichen Blick nicht wohl vertragen. Seine Haut glich gegerbtem Leder, und sein bartloses Gesicht erinnerte in seinem ganzen Ausdruck eher an das eines Mönches als eines Kriegsmannes. Aber hinter seiner Stirne wohnte ein scharfer Verstand. Schade, daß er ein so tückischer Geselle war.

Erst vor einer Stunde war der Marschalk mit einem Fähnlein Gewappneter auf den Hof der Waldburg eingeritten. Er hatte den Sommer über vor den Kliffen an der Ostküste auf der Wacht gegen die Dänen gelegen. Nun erstattete er seinem Herrn im Trinksaale Bericht über das wechselnde Glück des Kampfes.

Der alte Ritter hatte schon seit einigen Wochen das Heerlager wieder mit dem Herrensitze im Bergwalde vertauscht. Nun erfuhr er von seinem Marschalk: Zu einer Schlacht mit den Dänen war es in den letzten Wochen nicht mehr gekommen. Jetzt schlugen droben im Norden die Stürme des Herbstes die See. Die Wogen stürzten sich wie gepeitschte Rosse mit weißen Mähnen gegen die Kliffe. Sturm und Felsen der Küste aber waren die gefährlichsten Feinde der Dänen.

Darum riefen die Heerhörner um diese Zeit nicht mehr zum Kampfe. Auf den Zacken des Gebirges lag schon der Schnee des Winters. Und bald war die Stunde gekommen, in der auch das letzte Häuflein in die heimische Burg geritten war. Dort konnten während der Ruhe des Winters Waffen und Rüstzeug zu neuer Heerfahrt instand gesetzt werden.

Der alte Malcolm goß sich einen neuen Becher Wein aus dem Steinkruge ein und fragte den Marschalk: »Wie geht es meinem Sohne?«

»Es steht wohl um ihn, Sir,« entgegnete Glenalvon, »Herr John ist eine Zierde seines ritterlichen Geschlechtes.«

Da lächelte der alte Malcolm. »Nun ja, er hat in dir auch den besten Waffenmeister gehabt!« sagte er und reichte seinem Lehnsmanne die Hand über den Tisch. Dann fuhr er befriedigt fort: »Wir werden darüber nachdenken, wie wir die Grenzen deines Lehens erweitern, Marschalk.«

Da erhob sich Glenalvon und verbeugte sich mit einem verbindlichen Lächeln.

»Was ist sonst zu berichten?« forschte der Ritter. »Setz dich wieder her und tu mir in einem Becher Weins Bescheid.«

Der Marschalk nahm abermals an dem eichenen Tische Platz. »Hm,« sagte er, »wie wir gestern durch den niederen Tann vor dem wilden Kliff ritten, stießen wir auf einen sterbenden Mann. Zwei Haufen Reiter waren vor wenigen Stunden dort aufeinandergetroffen. Der Mann war ohne Waffen und Wams. Wir konnten also an keinem Zeichen erkennen, welchem Geschlechte er entstamme. Aber er schien von vornehmer Art – wenigstens deutete der wehende Fall seines blonden Haares und der edle Schnitt seines Antlitzes darauf hin ...«

»Nun? Und?« forschte Malcolm. »Fragtet ihr ihn nicht nach Namen und Art?«

»Nein,« antwortete der Marschalk, »denn er war erstarrt in der Reifkälte des Hochlands, und er war ein Sterbender, Herr. Er blutete aus vielen Wunden und hatte sich wohl mit dem Aufgebot der letzten Kräfte an den Quell geschleppt, bei dem ihn unsere Knechte trafen. Dort lag er mit geschlossenen Augen, und es war kaum ein Hauch von Leben in ihm. Etliche haben ihn aufgenommen und in das Zelt unseres jungen Herrn getragen. Herr John Malcolm, Euer ritterlicher Sohn, hatte es so geboten.«

Der alte Malcolm hatte den Wein in langem Zuge und nachdenklich über die Lippen rinnen lassen. Nun setzte er den getriebenen Zinnbecher auf den Tisch. »Ist deine Geschichte zu Ende, Marschalk?«

»Ich weiß kaum mehr. Aber wenn die letzten Schiffe der Dänen außer Sicht sind, so brechen unsere Heerhaufen die Lager ab. Vielleicht treffen sie schon morgen ein. Dann werden wir Kunde über den jungen Kriegsmann erhalten.«

Der Marschalk erhob sich.

»Wieviel der Unseren sind im Kampfe geblieben?« fragte der greise Degen, der den Sommer über noch mit in der Feldschlacht gestanden hatte.

»Es reiten siebenundzwanzig Gewappnete weniger zurück als ausgezogen sind.«

»Und du? Reitest du nun heim, Marschalk?«

Aber Glenalvon wehrte ab: »Wie könnt' ich, Herr? Ich habe alte, treue Knechte daheim, die mir Euere Gnade zuerteilt hat. Und mein Lehen ist klein. Die Umsicht und die Kraft der guten Knechte wird hingereicht haben, alles wohl zu bewahren. Auch erwarten mich ja nicht Weib und Kind daheim. Meine Kammern sind kalt, und nur in den Gemächern der Dienenden brennen die Herdfeuer. Darum – wo wäre meine Anwesenheit nötiger als hier auf Burg Malcolm? Ehe ich nach dem Meinigen sehe, will ich des Eueren warten, Herr! Ich will einen Rundgang durch Hof und Ställe gehen und will zusehen, ob Zucht und Ordnung allenthalben aufrecht erhalten ist.«

Der Marschalk verbeugte sich.

Wie konnte es geschehen, daß das scharfe Auge des alten Ritters das gleisnerische Lächeln nicht durchschaute? Wie konnte es kommen, daß das feine Ohr des alten Herrn die schmeichlerische Falschheit dieser Stimme nicht wahrnahm?

Da erhob der Marschalk noch einmal seine Stirn: »Mein edler Herr, bald hätte ich vergessen, Euch zu bitten, Euere herrliche Tochter, Jungfrau Blossom (englischer Kosename; zu deutsch »Blüte«), von dem jungen Herrn aufs schönste zu grüßen! Jungfrau Blossom und der junge Ritter John sind ein Geschwisterpaar, Herr, von dessen Treue, Liebe und Schönheit und von dessen Tugenden man sich im ganzen kaledonischen Tann erzählt ...«

Über das gelbe Gesicht des Marschalks glitt bei diesen Worten ein sonderbares Lächeln. Der alte Ritter aber horchte erstaunt auf. Dann sagte er: »Marschalk, ›Jungfrau Blossom‹ nennst du mein Kind?«

Diese Frage kam aus gütigem Munde. Und Glenalvon antwortete:

»Verzeiht, mein edler Herr, wenn sich Euer Dienstmann des vermißt! Aber, soweit man ihren Namen nennt, heißt Harriet Malcolm so wegen ihrer blühenden Schönheit und der Holdseligkeit ihres Wesens. Darf ich die Bitte wagen, der edlen Jungfrau auch von Eurem ergebenen Marschalk einen Gruß zu bestellen?«

Dabei verzog Glenalvon sein bartloses Gesicht zu einem knechtischen Grinsen. Er tat so, als verdiene er für seine Anmaßung eine ernste Verwarnung. Allein – Glenalvon kannte die Gutmütigkeit und die Dankbarkeit seines Lords zu genau. Dabei war er so klug und berechnend, daß er die Grenzen nie überschritt, in denen er sich dem Ritter gegenüber bewegen durfte, ohne sich dessen Gunst zu verscherzen. Vor Jahren hatte er ihn aus rauchendem Reiterkampfe herausgehauen und hatte ihm das Leben gerettet. Für diese tollkühne Tat, die von herrlichem Mute zeugte, war der Marschalk von Ritter Malcolm erhöht worden. Zuvor war er ein gewöhnlicher Troßknecht gewesen. Aber er hatte an jeder Stelle seine Klugheit bewiesen. Da war er allmählich zum höchsten Beamten in Burg Malcolm aufgestiegen.

Seit er dem Lord den großen Dienst erwiesen, hatte dieser innerhalb der Grenzen seiner Lordschaft keine Bestimmung getroffen, ohne zuvor den Rat des Glenalvon einzuholen. Der war ein so umsichtiger Haushalter, daß sein Herr sich unbedingt auf ihn verlassen durfte.

Vielleicht hätte die Dankbarkeit des alten Ritters sich aber doch in anderer Weise gezeigt, wenn er gewußt hätte, daß unter den Dienstleuten ein Gerücht ging: es werde kein anderer die Hand der schönen Harriet Malcolm gewinnen als Marschalk Glenalvon, der doch früher eben solch ein Knecht gewesen sei wie einer von ihnen.

Von diesem Gerüchte ahnte Ritter Malcolm nichts. Niemals wäre ihm auch der Gedanke gekommen, daß sich sein Dienstmann Glenalvon unterfangen könne, bei ihm um die Hand Harriets anzuhalten.

Das Gesinde aber neidete dem Marschalk das unbegrenzte Vertrauen des Herrn. Glenalvon hatte die Tücke des Wolfes und sah mit seinen stachlichten Haaren und der rüsselartigen Nase einem Igel ähnlich. Was wollte er mit der Blume der Wälder beginnen?

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