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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Ein Gedanke Gottes

Die Frauen betraten das Turmgemach. Ein frommes Bild hing am Gemäuer. Unter diesem Bilde hatte Priester Melvil vor zwanzig Jahren den Altar errichtet. Kerzen hatten darauf gebrannt, und in ihrem Scheine hatte der greise Mann die Hände Harriets und des edlen Douglas ineinandergelegt.

Überströmender Dank zwang die Burgfrau auf die Knie. Sie hob ihre Hände und betete. »Herr der Himmel,« rief sie in jauchzendem Glück, »du hast meinen Sohn aus den Fluten errettet und hast ihn mir wieder gebracht. Nimm der seligsten Mutter Dank für dein Geschenk!«

Sie erhob sich. Ihre Augen waren voll Stolz und Glanz. Ihr Herz hatte nicht umsonst gebebt in wunderlicher Freude, wie sie vor Stunden diesem Jünglinge gegenüberstand; und ihre Blicke verwirrten sich, da sie zum ersten Male sein Antlitz streiften.

Nun drängte sie ungestüme Sehnsucht, dieses Gesicht mit dem Fleiße der zärtlichen Mutter zu prüfen, ob es die Züge des Gatten, ob es ihre eigenen Züge trage. Sie sehnte sich, des Sohnes Hals mit ihren Armen zu umschlingen und ihn an ihr Herz zu drücken.

Ihrer Seele Unrast hieß sie das Fenster öffnen. Sie suchte den Sohn über den blühenden Wiesen, die sich gegen den Wald hin dehnten.

Weil er nicht kam, zog sie Mary an ihr Herz.

»Sieh, so will ich ihn umfassen und meinen dürstenden Mund auf seine Lippen pressen. Oh, Mary!« Da sah sie die nachdenkliche Stirne der Schottin. »Was denkst du, Mary?«

»Ich meine, es könne alles nicht so rasch geschehen, wie Ihr Euch denkt, Herrin.«

Sie sprachen lange miteinander. Aber die Burgfrau verstand das zögernde Gemüt der Schottin nicht.

Sie trat wieder ans Fenster. »Was meinst du, Mary, warum sie säumen?«

»Vielleicht ist die Nachricht gekommen: die Dänen sind da!«

»Soll ich meinen Sohn so rasch wieder verlieren?«

»Ihr seid geneigt, stets das Schlimmste zu denken, Herrin. Was meint Ihr, was soll geschehen, wenn Lord Randolph zurückgekehrt ist?« forschte die Kammerfrau.

»Was anders, als das eine: ich will zu ihm treten und will ihm sagen: dieser ›Norval‹ ist mein Kind. Und ich will alle Rechte von ihm zurückfordern für diesen Sohn, der nicht Ralph Norval, sondern der Archibald Douglas heißt!«

»Das kann alles nicht sein, Herrin! Bedenkt, Ihr habt Herrn Randolph von jeher verschwiegen, daß Ihr eines Mannes Weib gewesen seid. Und Ihr habt an dem Tage, an dem Ihr seine Gattin wurdet, ihm sein unverbrüchlich Erb- und Herrenrecht verbrieft und versiegelt. Ihr habt ihm erklärt: es ist niemand auf Erden, der ein Recht an diesem Erbe der Malcolm hätte. Und nun wollt Ihr sagen: ich habe damals gelogen. Und Ihr fordert, Lord Randolph solle Euch glauben? Ja, wenn jener Priester Melvil noch lebte! Aber wo ist der Zeuge, der vor Gottes Angesicht schwören könnte, daß Ihr heute die Wahrheit redet?«

Frau Harriet erkannte: die Schottin hatte recht; sie sprach klar und klug.

»Herrin,« fuhr Mary fort, »Ihr solltet meinen Rat hören, und Euch mit Euerem Sohne zuvor bereden, ehe Ihr Herrn Randolph berichtet, wie wunderlich dieser Tag gespielt.«

»Wie könnt' ich sobald mit meinem Sohn allein sein? Er ist immer an der Seite meines Gatten. Die ganze Burg ist heute in Bewegung: der Feind ist im Anzuge!«

In den Augen der Kammerfrau leuchtete ein Gedanke: »Herrin,« sagte sie halblaut, »ich weiß! – Da ist jener Hirte, den Herr Archibald Douglas seiner Feigheit wegen gescholten hat. Mit dem will ich reden!«

»Er sitzt gefangen,« sagte die Burgfrau.

»Ich will doch mit ihm reden! Möchtet Ihr zuvor nicht einen Brief schreiben und Eueren Sohn bitten: Ich will allein mit Euch reden, Herr. Ich muß! Aber noch heute. Seid um Mitternacht auf jenem Felsenvorsprunge, zu dessen Seite der Quell rinnt.«

Frau Harriet erkannte die Klugheit dieses Rates. »Ich will schreiben,« sagte sie. Sie schrieb. Dann siegelte sie das Papier und übergab es Mary.

»Ich will alles wohl machen,« sagte die, barg den Brief in ihr Gewand und stieg alsbald die schmale Turmtreppe hinab.

Wie sie über den Hof gegen das Verließ schritt, sah sie die Türe geöffnet. Er wird Nötigeres zu tun haben, als auf dem Stroh zu liegen, dachte sie. Was soll in dieser Zeit einer, wie der, auch im Turme? – Sie ging in das Gelaß der Dienenden.

Dort fand sie den Hirten am Herde stehen. Es war sonst niemand da. Er hatte sich ein birkenes Scheit entzündet; ein Häuflein Talg kreischte in einem rußigen Stieltopf über der Glut.

»Was treibst du hier?« fragte sie.

»Ich war hungrig,« sagte er.

»Ich wollt' auf der Herrin Befehl einem Knechte heißen, den Riegel von deiner Tür zu schlagen. Ich hab' vermeint, du säßest auf modrigem Stroh und dächtest darüber nach, daß Schwertkampf ein ernster Ding sei als hinter Bergschafen träumen.«

»Das ist schon geschehen!« lachte der Hirt und warf ein Stück Roßfleisch in den Tiegel.

Die Schottin betrachtete ihn prüfend. Sie wollte sehen, ob sie ihm vertrauen könne. »Du läßt dir's gut sein,« sagte sie und lehnte sich mit gekreuzten Armen an den Herd.

»Ich hab' nichts gegessen, den ganzen Tag nicht,« antwortete er. »Ich kenn' Euch nicht. Wer seid Ihr?«

»Der Herrin Kammerfrau!« sagte sie. »Wer hat dich herausgelassen?«

»Schön ist er nicht, aber mächtig.«

»So. – Woher hast du das Fleisch?«

»Gekauft,« sagte der Hirt, »von einem Alten, der vorhin hier gewesen ist.«

»Geld hast du auch?«

»Hei,« lachte der Hirt und schlug auf seine Tasche, »das will ich meinen! Du bist neugierig. Alle Weiber sind neugierig. Warum?«

»Weil ich wissen möcht', ob du dir ein Goldstück verdienen willst,« sagte die Schottin. Sie faßte den Hirten scharf ins Auge.

Der dachte: ein närrisches Land, in dem die Menschen zur Strafe Geld schenken. Auch der Marschalk hatte ihm vorhin Geld gegeben; er wußte eigentlich nicht, weshalb; seinen Bericht über Norvals Herkunft und Armut hätte er auch ohne Lohn gegeben. Aber er verschwieg's der Kammerfrau.

»Du sollst deinem Herrn Norval diesen Brief bringen, wenn er heimgeritten ist – aber noch vor Nacht. Sollst dich nicht fürchten, Knabe; die Herrin wird ein gutes Wort für dich einlegen.«

Der Hirte verbarg den Brief und starrte das Goldstück mit leuchtenden Augen an. Seine Hand hielt Gold zum ersten Male, darum zitterte sie.

Die Schottin spähte durch das Fenster, das nach dem Burghof hin war. Da ersah sie Frau Harriet. Die schritt die Stiegen des Trinksaales hernieder und ging Lord Randolph und dem jungen Ritter entgegen. Sie ritten durch das Burgtor in den Hof ein. Ein Knecht lief herzu, die Rosse zu halten.

Die Kammerfrau, die den Raum des Gesindes verlassen wollte, blieb einen Augenblick stehen.

»Was habt Ihr mir noch zu sagen?« fragte der Hirte.

»Nichts. Aber – der Brief ist eigentlich unnötig gewesen. Die Herrin will selber mit deinem Ritter sprechen.«

»Er ist kein Ritter,« lachte der Hirt.

»Was weißt du, Fürwitz!«

Überdem schritt Frau Harriet an der Seite ihres Sohnes gegen den Saal.

»Ich will sie allein lassen,« dachte die Kammerfrau und ging in ihr Gemach, um sich für das Mahl anzukleiden.

Lord Randolph winkte den Marschalk heran. Er sah der Gattin wohlgefällig nach, wie sie an der Seite des Jünglings die Stufen emporschritt. Sie hatte das Trauergewand abgelegt, und ihr Antlitz war freudig wie ein Frühlingstag.

Der Lord blieb im Gespräche mit dem Marschalk.

Ein Bote war ins Lager geritten: der Däne sei gelandet. Noch vor Einbruch der Nacht sollten die Troßknechte die Rosse satteln und gerüstet ins Heerlager reiten.

Lord Randolph und der Marschalk stiegen empor zur Rüstkammer jenseits des Gehöfts.

Draußen war die Stille der Wälder verscheucht. Die Straßen schollen von Hufschlag und Waffenlärm und dem Rufen reisiger Knechte. Kampfeslust brannte in den Herzen der Männer. Die Höfe wurden still und die Weiden einsam. Von den Bergen stiegen die Krieger herab; von den friedlichen Auen, die im Schutze ferner Wälder gebettet waren, zogen sie heran, um gegen den Erbfeind zu fechten.

Frau Harriet stand im Trinksaale ihrem Sohne gegenüber. Ihre Seele erschauerte in überquellendem Glück. Des jungen Douglas Augen leuchteten:

»Ich segne die Stunde, o Herrin, in der ich die Hütte meines Vaters verließ. Ich hätte mein Leben lang Schafe hüten müssen und wäre in ein ruhmloses Grab geschlichen. Aber nun –«

»Sprich nicht vom Kampf – nicht in dieser Stunde, in der wir allein sind,« sagte sie. »Morgen ist dazu Zeit. Jetzt will ich dir ein Wunder berichten.«

Sie griff in die Gürteltasche. »Kennst du diese Kleinodien?« fragte sie. Ihr Herz schlug bis in ihre Schläfen, und ihre Hände bebten.

»Was ist Euch, Herrin? – Diese Steine – ich sah sie einmal. Ich fragte meine Eltern, woher ihnen dieser Reichtum komme. Ich hab's nie erfahren.«

Frau Harriet barg das Gestein wieder und erfaßte stürmisch die Hand ihres Sohnes: »So lern' es von mir. Du bist weder Norvals Sohn –«

»Nicht Norvals Sohn?« Douglas wich erstaunt zurück.

»Noch bist du aus dem Geschlechte der Hirten.«

»Wer bin ich sonst?«

»Ein Edler bist du, und dein Vater war ein Ritter!«

»Nicht jener Hirt?«

»Nein, ein Douglas war dein Vater!«

Der Jüngling starrte Frau Harriet an: »Ein Douglas? Lord Douglas, den ich heut im Feldlager gesehen habe?«

»Nein, er ist deines Vaters Bruder ...«

Die Worte rangen sich mühsam von den Lippen der seligen Frau. Sie wollte ihrem Sohne an das Herz sinken.

»Weint nicht, edle Herrin!«

Da lehnte sie die Stirn an die gewappnete Brust des Jünglings: »Dein tapferer Vater! Er fiel in der Schlacht, ehe du selber geboren warst.«

»Fiel – in der – Schlacht? Eh' ich selber das Licht der Welt sah –« sagte Douglas dumpf. Aber seine Augen leuchteten, und seine Stimme hob sich wieder. »Und meine Mutter? Lebt meine Mutter noch?«

Nun war der Augenblick gekommen, – der große Schmerz ihres Lebens durfte sich lösen. Aber Frau Harriets Seele zitterte wie ein Kind im Dunkel nächtlicher Wälder.

»Sie lebt!« sagte sie, und ihre Worte ertranken in ihren Tränen. »Sie verdarbte ihr Leben in Kummer und Weh um ihr verlorenes Kind ...«

Da sank der junge Douglas vor Frau Harriet auf das Knie. »O Herrin,« rief er, »sagt mir, wo meine Mutter ist! Euer Antlitz verrät, daß sie in heißer Sehnsucht nach ihrem Kinde ruft. Sagt mir, wo sie ist!« Er richtete sich wieder empor: »Ich will ihr das Glück ihres Lebens erzwingen, und wär's mit meinem Schwerte!«

Und Frau Harriet breitete ihre Arme und sank an seine Brust.

»Mein Sohn! Mein Sohn!«

»Du bist meine Mutter? O Himmel und Erde, wie wunderbar ist mein Schicksal!«

Er löste sanft seine Arme, die die Mutter umschlungen hatten. »Ist diese Stunde ein Märchen?«

»Nein,« sagte Frau Harriet, »sie ist ein Gedanke Gottes.«

– Die Kammerfrau trat durch eine Seitentür in den Saal.

»Komm näher, Mary!« rief Frau Harriet. Mary wußte, was sich ereignet hatte. »Herrin,« sagte sie, »Lord Randolph schickt mich, in einem Augenblick ist er bei Euch!«

Die Burgfrau wandte sich zu ihrem Sohne: »Es muß dem Lord noch alles verschwiegen sein. Wir werden uns heimlich treffen um Mitternacht –«

Die Kammerfrau trat eilig herzu: »Euer Knecht hat einen Brief für Euch, der sagt Euch alles ...«

Da trat Lord Randolph in den Saal.

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