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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Die Steine reden

Über der Strenge, mit der sie dem Marschalk begegnete, hatte sich der Burgfrau Seele gelöst.

Der Tag war voll seliger Klarheit, und Sonne fand sich in das Herz Frau Harriets.

Sie war mit Mary über den blumigen Rasen geschritten und lustwandelte nun ihrem Lieblingsplatz entgegen. Auf dem Felsenvorsprunge hatte sie am Morgen in Trübsal gesessen. Nun war sie froh an ihrem Glück, und sie ging an dem heimlichen Ort diesmal vorüber. Der Drang, in den Sonnengittern zu spazieren, die unter den hohen Eichen lagen, führte sie zu fernen, schattigen Steigen.

Da wurden auf einmal Stimmen hinter den Gebüschen laut, und flehende Worte wechselten mit den Drohungen einiger Knechte.

Die Frauen lauschten.

Nun vernahmen sie wieder die zitternde Stimme: »Gebt mich frei! Ich weiß von allem nichts, das ihr mich fragt. Ich bin schuldlos wie ein Kind!«

»Gib acht, Alter, die Folter wird dich lehren, wahr zu sein!« herrschte ein Knecht den Bittenden an.

»Was ist da wieder geschehen?« fragte Frau Harriet ihre Begleiterin.

Mary war einige Schritte vorgelaufen und lugte durch das Buschwerk. Vier Knechte umstanden einen Greis. Der war in langem Gewand, wie es die Hirten tragen, die im Norden ihre Herden hüten.

Die Frauen gingen hinzu.

Schon von ferne streckte der alte Mann seine Arme der Burgfrau entgegen. Er war von den Fäusten der Knechte gepackt.

»Oh rettet mich!« bat er. »Diese Männer reden von Mord und Überfall. Sehen sie denn nicht meine morschen Glieder?«

»Haltet ihr den für einen Räuber?« fragte die Herrin erstaunt.

»Nein, aber ein Dieb ist er! Wir spähten nach den Spießgesellen, die das Leben unseres Herrn gefährdeten. Da sahen wir diesen, und er entwich in eine Felsenhöhle. Wir zogen ihn ans Licht. Die Glieder schlotterten ihm vor Furcht. Er sagt, er sei ein Hirte von den Grampianhügeln; er ziehe durchs Land und forsche in den Heerlagern nach seinem Sohne. Wie wir ihn durchsuchten, fanden wir köstliche Schätze in seinen Taschen. Seltene Steine mit alten Wappen. Kommt so einer zu solchen Dingen, wenn er sie nicht stahl?«

Der Gefangene schlug die Hände vor sein Gesicht. Dann schaute er zu Frau Harriet empor. »O Herrin, bei unseres Herrn und Heilands Leben – ich schwör' es: mit diesen Händen hab ich nie einen Menschen überfallen! Laßt nicht geschehen, daß das Eisen meine alten Glieder zerreißt, und bringt meine grauen Haare nicht durch furchtbare Qualen in das Grab. Laßt mich reden! Aber nicht vor diesen Knechten!«

Frau Harriet winkte den Gesellen. »Geht!« sagte sie.

Die Knechte zögerten: »Der Marschalk –«

»Geht, sag ich! Ich verbürge mich für diesen Mann. Wartet unter jenen Eichen und seid meines Winks gewärtig!«

Es geschah.

Einer der Knechte langte noch eine Handvoll edlen Gesteins aus seiner Tasche und legte es in die Hand der Herrin.

Frau Harriet hielt mit staunenden Augen den kostbaren Schmuck; er trug die Wappen der Malcolm und Douglas.

»Was will uns dieser seltsame Tag noch bringen!« sagte sie. Dann hieß sie den Alten reden.

Der weiße Bart wallte ihm über die Brust. Er sah aus wie einer jener Männer, von denen die alten Bücher erzählen, daß ihre Hirten auf den Weiden des Jordans in Streit gerieten.

»Oh,« jammerte er, »ich bin schwer heimgesucht. Um diese Steine hat sich meine Seele versündigt. Ihr Glanz hat meine armen Augen geblendet. Nun straft mich die Gerechtigkeit des ewigen Gottes. Jetzt, heute, o Herrin, heute bin ich schuldlos. Aber ich muß Euch eine alte Schuld enthüllen.«

Frau Harriets Herz schlug hörbar.

»Sprich!« drängte sie den Greis.

»Vor neunzehn Jahren war ich ein Hirt am Tweed. Ich lebte mit meinem Weibe still und arm dahin. Da kam eine Gewitternacht – eine wilde Nacht. Und der Strom sprang über seine Ufer. Und es ward ein Schrei am Strome vernommen, wie von einem Menschen, der in Todesangst ist. Da sprang ich von meinem Lager und ging in die Nacht. Ich stand vor meiner Hütte und horchte. Blitze flatterten durch das Dunkel. Aber ich hörte keinen Ruf mehr. Und ich sah keinen Menschen. Ich rief mein Weib. Sie kam mit einer Fackel. Und wir sahen: der Strom trug einen Korb und warf ihn ans Ufer, – so wahr Gott lebt: warf ihn unfern meiner Hütte ans Ufer. Ein Kind war darin, Herrin.«

Mit einem lauten Aufschrei sank die Burgfrau neben dem knienden Greis ins Gras. »Rede, rede!« rief sie. »Lebte das Kind?«

»Es lebte, Lady!«

Da kam ein großer Schreck in die Augen des gequälten Weibes. Sie faßte den Greis an den Schultern. »Teufel,« schrie sie, »wie konntest du töten, was Sturm und Flut verschont hatten?«

Der Greis starrte die Burgfrau an. Er verstand nicht, was sie sprach.

Da legte die Kammerfrau die Hände auf den Arm Frau Harriets:

»Herrin,« sagte sie, »Ihr seid so bange! Dieser Mann sieht nicht aus wie ein Mörder.«

»Mörder?« rief der Greis entsetzt. »Nicht um den Reichtum aller Könige hätt' ich das Kind mit wilder Hand berührt!«

»Lebt der Knabe noch?«

»Vor wenigen Wochen lebte er noch. Er ist von blühender Jugend und ist von Kraft und Schönheit.«

»Wo ist er? – Jetzt – in dieser Stunde?«

Frau Harriet ergriff die Hand des Greises; sie richtete sich auf und zog ihn empor.

»O Gott, ich weiß ja nicht, wo er ist!« stammelte der Alte.

Immer angstvoller hingen die Blicke Frau Harriets an seinen Lippen. Sie rang die Hände.

»Schicksal!« rief sie, »ich fürchte mich vor dir!«

Dann bestürmte sie den Alten: »Warum weißt du nichts? Willst du mich mit Rätseln hinhalten? – Rede klar und wahr – oder –«

Mary legte ihre Hand auf die der Gebieterin. »Herrin,« sagte sie, »erlaubt, daß ich mit ihm rede. Euere Ungeduld ist zu wild. Ihr zerquält Euch – und Ihr solltet hoffen. Ihr leidet, und Ihr solltet Euch freuen. – Sprich, alter Mann! Erzähle – erzähle bis zur letzten Stunde, in der du den Knaben gesehen hast!«

»Ich habe gezaudert. Heimliche Schuld ist feig,« sagte er. »Aber hört! In der Wiege, in der das Kind lag, war ein Kasten mit Gold und Edelsteinen. Wie ich den Glanz sah, dacht' ich: wenn ich den Fund für mich nehme, so bin ich reich; ich kann mir Herden kaufen und kann leben wie ein König. Und ich nahm ihn. Ich verheimlichte ihn vor aller Welt. Als der nächste Tag anbrach, riß ich meine Hütte ab und zog weit nach Norden. Für das Gold, das ich in dem Kasten gefunden hatte, kaufte ich Weiden und Vieh. Die Steine verbarg ich; denn wenn ich sie damals verkauft hätte, dann hätten sie mich verraten.«

»Was schwätzest du?« drang Frau Harriet auf ihn ein. »Das Kind! Das Kind!«

»Ich berichte ja schon. Ich bin ein alter Mann, Herrin ... Das Kind zog ich auf wie einen Hirten und hielt es als meins. Aber Gottes Auge sah mein Unrecht; und er schlug mich schwer. Unsere Kinder starben – – eins nach dem andern –«

»Starben? So hast du vorhin gelogen?«

.

»– nur der fremde Knabe blieb. Und er ist der Erbe dessen, was sein war. Er hat sein wunderliches Schicksal nie erfahren. Ich habe ihn immer lieb gehabt; und wenn ich ihm verraten hätte, daß ich ihn fand, so hätte sich sein Herz von mir abgewendet. Er wuchs an Jahren und Schönheit und war nicht wie das Kind einer armen Hütte. Nacht und Tag sprach er von Krieg und Waffen –«

»Heilige Vorsehung!« jauchzte Frau Harriet in Furcht und jubelnder Freude. »Wie ist dein Name, Mann?«

»Ich heiße Norval, Herrin.«

»Und diesen Namen trägt auch er?«

»Auch er.«

Da breitete Frau Harriet ihre Arme aus und schlang sie um den Hals des alten Mannes. »Er ist's! Er ist mein Sohn! O heilige Gnade! Ich habe mein Kind gesehen! War es ein Wunder, Mary, daß mein Herz brannte, als es in seiner Nähe schlug?«

Frau Harriet wandte sich um. Aber die Kammerfrau stand nicht mehr an dem vorigen Platze. Sie war unbemerkt den Knechten entgegengelaufen.

»Es ziemt sich nicht, daß ihr gafft, als gäb's ein Fastnachtsspiel. Seht zu, daß ihr wieder an euere Arbeit kommt! Die Zeit drängt, und Herr Randolph möcht übel mit euch verfahren, wenn ich ihm euere große Neugier verrate!« sagte sie.

Da trollten sich die Müßigen.

»Habt ihr verstanden, was ihr gesehen habt?« fragte Richwin, der Grobschmied, im Dahinschreiten.

»Der Teufel hätt' darüber seinen Verstand verloren, wollt' er das ergründen!« antwortete der schwarze Wulfo.

Der lange Willram aber war vergnügt in seiner Seele: »Ich glaub', wir sind nahe daran gewesen, eine herzhafte Dummheit zu machen.«

Sprach Edulf mit der schiefen Schulter, der alles auf seine leichtere Achsel nahm: »Pah, der Burggeist von Malcolm ist der Knechte Freund.«

»Was soll das?« forschte der lange Willram.

»Wenn du so listig wärst wie lang, so wär' dir eingefallen –«

»Du plärrst wie ein Schalaster, Mensch!«

»– daß um Mitternacht auf Malcolm Schloß und Riegel springen, hinter denen einer über seine Dummheit nachdenkt.«

Sie verstanden und schritten lachend in den Burghof.

Eine düstere Ahnung war in der Kammerfrau aufgegangen. Ihre Gedanken schossen durcheinander. Vor ihren Augen begannen die Dinge zu schwanken. Unentwirrbar senkte sich's auf die Klarheit ihres Geistes.

»Herrin,« bat sie, »laßt diesen alten Mann eine Stunde mit sich allein. Es ist gut, daß er noch einmal an alles denke, eh' andere erfahren, was geschehen ist.«

»Warum das?« Frau Harriet sah Mary mit erstaunten Augen an. »Ich will ihn vor meinen Sohn, vor meinen Gatten führen. Ich will –«

»Nein, teure Herrin – nur eine Stunde zügelt Euere Freude. Ihr müßt es; denn Lord Randolph und Euer Sohn sind ins Lager geritten.«

»Wir lassen Rosse satteln ...«

Tränen stiegen in die Augen der Kammerfrau. »Wie soll ich Euer Glück hüten?« fragte sie und rang die Hände. »Euere Ungeduld, Euere stürmische Liebe wird Euch tiefes Leid bringen.«

Mary erfaßte Norvals Hand: »Weißt du die Hütte jenes alten Hirten in den Klüften des Karron? Sie liegt ganz einsam.«

»Ich weiß,« sagte Norval.

»So geh dorthin. Es ist ein kurzer Weg, immer unter den Eichen. Dort warte, bis du gerufen wirst. Alter Mann, du wirst vor dem König und seinen Edlen erklären müssen, was du in dieser Stunde gesagt hast!«

»Vor – dem – König –?« Norval erschrak. »Und ich habe das Gold veruntreut!« Seine Hände zitterten. Er schwankte wie ein Stamm im Sturme, ein Bild des Jammers.

»Fürchte nichts!« tröstete Mary.

»Das ganze Land soll dich segnen, Norval!« rief Frau Harriet in ihrem großen Glück. »Du hast den Sohn des edlen Douglas gerettet!«

Mary legte ihre Hände auf die des Greises. »Nur das eine sag uns noch: warum bist du just in diesen Tagen ausgezogen mit deinem Funde? Du kanntest die Zeichen auf den Steinen ...«

»Du kanntest das Wappen der Malcolm und Douglas, Norval. Warum bist du nicht schon längst gekommen?« begann auch Frau Harriet ein stürmisch Fragen.

Der Greis senkte die Lider. »Das Gold – das Gold – ich war ein Dieb, Herrin!«

»Und warum bist du nun heute gegangen, den Erben von Malcolm zu suchen?«

»Sie sagen, die Dänen sind im Anzuge. Wenn ein langer Krieg kommt, und wenn er – Euer Sohn – viele Monate im Feldlager gelegen hätte – es könnte sein, daß wir inzwischen gestorben wären, mein Weib und ich. Vielleicht hätte dann jemand den Schatz aus meiner Hütte geraubt. Und Euer Sohn hätte nie erhalten, was sein war. Aber ich dachte: er solle den edlen Schmuck tragen, damit ihn jemand an seinem Leibe sähe. Und wenn wir auch gestorben wären, dann hätte doch noch Licht in das Geheimnis seiner vornehmen Geburt kommen können.«

Die Kammerfrau erfaßte die Hand ihrer Herrin, sie zu geleiten. »Geh nun, alter Mann!« sagte sie. »Es wird nicht lange sein, bis wir dich wieder rufen lassen.«

Da ging Norval in die Hütte am Karron. Mary aber schritt neben Frau Harriet. »Wir wollen beraten, was zu geschehen hat.«

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