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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Der Überfall

Die Kammerfrau schaute zur selben Stunde aus dem Fenster des Turmgelasses. Sie dachte in Sorgen an ihre Herrin. Diesen Tag hatten sie alljährlich gemeinsam gefürchtet. Auch diesmal. Es war nicht gut, Frau Harriet allzulange mit dem Gedenken ihrer Schuld allein zu lassen.

Wie sie den Lord in das Dunkel des Hochwalds sprengen sah, stieg die Schottin hernieder. Nun kam sie über die weite Fläche des morgensonnigen Rasens daher.

Sie trat lautlos in das schattige Düster des Strauchwerks. Der Tau sprang über ihr Gewand.

Frau Harriet saß in schauendem Sinnen und gewahrte sie nicht. Da berührte Mary ihre Schulter.

»Wir wollen miteinander auf sonnigen Wegen gehen, Herrin!«

»Ich fürchte, das helle Licht tut tränentrüben Augen weh!« antwortete sie und ergriff die Hand der Schottin. »Aber wir wollen hinauf in den Turm steigen.«

»Was wollen wir dort? Es ist einsam im Turmgemach.«

»Wer beten will, muß einsam sein,« antwortete Frau Harriet und erhob sich von ihrem Sitze.

»Wollt Ihr schon wieder beten, Herrin? Ich denke, Ihr habt heute früh vor Tag in der Kapelle gekniet.«

»So war es nicht gemeint,« sagte die Burgfrau.

»Ich weiß!« antwortete Mary. »Oh, wenn sich Euer Sinn doch wandeln wollte! Wir haben schon oft darüber geredet, – was geschehen ist, das gebot Euch liebende Sorge. Und wie kann solche Liebe eine Schuld sein?« So versuchte sie der Herrin zages Gemüt zu trösten. »Ein neidisches Schicksal hat mit Euch gespielt. Wär' Euer edler Gatte aus jener Schlacht heimgekommen, er hätt' Euch wegen Eurer Sorge um das Kind gelobt. Ihr hättet längst Trost gefunden!«

»Vielleicht hast du recht, du Liebe,« sagte Frau Harriet weich.

Dann ließ sie sich langsam auf sonnige Steige geleiten. Schmetterlinge flatterten im klaren Lichte. Vögel sangen in den Laubkronen der Bäume.

Die Frauen schritten empor in das Turmgemach und blieben lange in stillem, ernstem Gespräch.

Der Mittag war nicht mehr ferne. Da erscholl vom Burghof her lautes Geschrei. Männerstimmen riefen durcheinander. Die Mägde streckten die Köpfe aus den Türen, und die Knechte, die beim Erneuern des Rüstzeugs waren, hielten in der Arbeit inne. Die alten Gemäuer warfen rohe Worte und flehendes Klagen zurück.

Da traten die Frauen an eins der geöffneten Fenster und gewahrten drei Knechte auf dem Hofe. Die schleppten einen jungen Dienstmann zwischen sich. Der sträubte sich und stieß wild um sich.

Sie legten dem Mann eine Fessel an und rissen ihm die zerbeulte Brustwehr ab. Er hatte den eisernen Kriegshut verloren. Das Haar fiel ihm in braunen Ringen um die Stirn. Der Gefangene sah aus wie ein Hirte und nicht wie einer, der auf dem Ritt ins Heerlager gewesen war. Sein Rüstzeug und seine Kleider waren schlecht.

Frau Harriet schritt mit der Kammerfrau hinab.

»Was soll der Lärm?« fragte sie und wandte sich an den Gefangenen. Ihr Herz war heute noch mehr denn sonst zur Milde geneigt und zu Gnade, wenn der Fremde übel getan hätte. Ihre Seele drängte sie an diesem Tage, Gutes zu tun; denn heimliche Schuld sucht nach Sühne auf allen Wegen.

»Sprich ruhig und aufrichtig,« sagte sie zu dem Gefangenen. »Ist dir unrecht geschehen?«

Aber der Fremde schloß furchtsam den Mund und schlug die Augen nieder, als schäme er sich, sein Geständnis zu machen.

Da sprach einer der Knechte – er war keck gegen die Burgfrau: »In Lord Randolphs Lordschaft geschieht keinem Krieger unrecht, Herrin! Dieser Mann jagte fliehend davon, als er uns bemerkte. Das deutet auf schlechtes Gewissen. Auch ist der Harnisch, den er trug, gestohlen, denn das fremde Wappenzeichen eines Edlen ist ihm eingeprägt. Der Mann scheint einer jener Wegelagerer zu sein, die auf Plünderung reiten, wenn sie die Krieger im Heerlager wissen.«

So sprach der Knecht.

Da ritt Lord Randolph an der Seite eines hochgewachsenen Jünglings durch das Burgtor. Der saß mit bloßem Schwert zu Roß, als wären sie von wilder Gefahr bis vor die Ringmauer des Hofes geleitet worden. Die Klinge war rot von Blut. Herr Randolph trug sein Jagdmesser in der Scheide.

Wie sie der Männer ansichtig ward, erschrak Frau Harriet. »Was ist geschehen?« stieß sie hervor. Sie hatte den Gefangenen vergessen.

Der aber ersah den gewappneten Jüngling, der gerad aus dem Sattel seines grauen Rosses sprang; da sank er in die Knie und hob flehentlich die Hände.

Dem hohen, jungen Krieger quollen die gelben Locken unter dem Eisenhute hervor. Er trug die blutige Schramme eines frischen Hiebes auf der Stirne.

Als er sich dem Knienden nahte, warf er ihm einen Blick tiefer Verachtung zu. »Feigling!« sagte er. Dann wandte er sich zu dem Lord: »Herr, gebietet Eueren Knechten, daß sie diesen in Gewahrsam halten, bis Ihr ihnen befehlt, was mit ihm geschehen soll.«

Die Knechte führten den Gefangenen fort. Lord Randolph aber stieg mit seinem Begleiter und den Frauen die Stufen zum Trinksaal empor.

Frau Harriet sank in einen Lehnstuhl. »Die Waffen sind blutig. Um Gott, was ist geschehen?«

Der Lord hieß einen Krug Wein herzutragen.

»Tod und Teufel!« rief er. »Dieser Tag scheint der Männer von Malcolm Feind zu sein! Daß ich lebe, dank ich Euerem Mut und Euerer Kraft, mein Freund.«

Frau Harriet schloß die zitternden Hände. Die Schottin stand ihr zur Seite. »Kommt zu Euch, Herrin!« bat sie.

Lord Randolph aber fuhr fort: »Ich ritt durch das Tal, dort, wo der Tann an beiden Seiten bis an den Pfad sich drängt. Da sprengten vier rußgeschwärzte, bewaffnete Männer aus dem Dickicht. Mit blanken Schwertern griffen sie mich an und fuhren wie wildes Wetter auf mich hernieder. Tod und Teufel, was vermag ein Tapferer gegen vier Schurken! Da sprengte dieser Fremdling zwischen sie. Zwei wandten sich gegen ihn – den Stärksten schlug er zu Boden, einen andern stach er vom Roß. Die letzten beiden entkamen. Aber der Schurke Hildefuns ist gefallen!«

»Hildefuns? Der Großknecht?« staunte die Kammerfrau.

Lord Randolph sank erschöpft auf einen Sitz am Tisch. Er kühlte seine Lippen im Weine.

Der Knecht, der den gefüllten Steinkrug herzugetragen, hatte gehört, was sie sprachen. Er wollte hinausgehen. Da gebot ihm Herr Randolph, den Marschalk zu rufen. Glenalvon stand im Hof abseits von den Knechten mit tückischem Blick auf der Lauer. Wie der Mann aus dem Saale trat, rief er ihn zu sich und hieß ihn berichten. Da zerbiß der Marschalk einen Fluch und trat in den Saal.

An der Türe blieb er stehen.

»Sprich du zu unserem Gast, Harriet,« bat Lord Randolph und stellte den geleerten Becher hart auf die eichene Platte des Tisches. »Dank aus dem Mund einer edlen Frau ist besserer Lohn als der meine!«

Frau Harriet sah den Jüngling mit einem langen Blick an.

Wie er vorhin über den Burghof geschritten war, eines halben Hauptes länger als Lord Randolph, und wie der Wind über sein glänzendes Haar strich, wie sie auch die frische Wunde auf seiner Stirn erkannte – da mußte sie an die Schönheit jenes stolzen Douglas denken, den sie einst lieb gehabt hatte.

Jetzt leuchtete dieser Gedanke von neuem durch ihre Trübsal. So rot war der Schwertstreich, den der edle Douglas auf der Stirne trug, wie sie neben ihm kniete und sein Weib ward.

Nun reichte sie dem Jüngling die Hand.

Des Marschalks Eintritt ward kaum bemerkt. Er stand ohne sich zu regen an des Saales Tür. Sein Gesicht war wie verstaubtes Pergament. Und er biß sich die Lippen, wie er die Herrin zu dem Fremden reden hörte.

»Wußtet Ihr, für wen Ihr Euer Leben einsetztet?« fragte Frau Harriet.

»Nein, Pflicht fragt nicht nach Namen und Art.«

»Aber es ist der Frauen Recht, danach zu fragen. Ich dank Euch! Und nun sagt mir, woher Ihr kamt.«

Der Jüngling senkte seine Blicke.

»Ich bin niedriger Herkunft,« antwortete er fast beschämt. »Aber ich möcht' ein Krieger sein und mir in der Schlacht den Ruhm der Tapferkeit verdienen, Herrin!«

Der Ritter legte ihm seine Hand auf die Schulter und reichte ihm den gefüllten Becher.

»Errötet nicht, weil Ihr in einer Hütte geboren seid! Ihr seid zu einem Helden ausersehen. Berichtet uns von Euerer Heimat und von Eueren Eltern!«

.

»Ich heiße Norval. An den Grampianhügeln hütete mein Vater seine Herden. Drei Söhne starben ihm, und er hatte keinen heißeren Wunsch, als mich, den Jüngsten, daheim zu behalten. Aber mein Herz drängte mich zu Kampf und Sieg, und ich verachtete das faule, tatenlose Leben der Hirten. Ich erschlug einen Räuber und trage seinen Harnisch ...«

»Hinter den Rindern lernt einer die Geißel schwingen, aber nicht das Schwert!« fiel ihm der Lord in die Rede.

»Ein Klausner hat's mich gelehrt, im Bergwald! Er hat mir gezeigt, wie die Heerhaufen gegeneinander rücken, wie man den Speer wirft und sich mit dem Schilde schirmt. Und weil die Kunde kam, daß der König bald seine Heere rufen werde, bin ich ausgezogen, Ritterdienste zu nehmen.«

»Ihr kanntet den Mann, den sie vorhin gefangen haben?« fragte Lord Randolph. Sein Staunen wuchs.

»Ja, Herr. Er ist ein Hirte und zog mit mir von daheim. Er wollte mir dienen, wie ein Knappe seinem Ritter dient. Aber als heute die Räuber aus dem Verstecke brachen und über Euch kamen, da ist er geflohen. Stellt mich in Eueren Dienst, Herr! Mein Mut wird nicht geringer sein, wenn es kommt, daß wir einst in ehrlichem Kampfe stehen.«

Lord Randolph füllte die Becher von neuem und reichte dem Jüngling die Hand.

»Sohn des Hirten, du hast das Herz eines Edlen. Von nun an sollst du in ein ritterlich Geschlecht eintreten. Mein Bruder sollst du sein, und wir wollen vereint vor den König von Schottland reiten. Sein kriegerischer Geist wird dir deine Tapferkeit reichlicher lohnen, als ich es vermag.«

Über Frau Harriets Wangen rannen die Tränen.

»Was ist dir, Harriet?« fragte der Lord. »Du solltest froh sein und hast Zeit zum Weinen?«

Sie lud die Männer ein, sich ihr gegenüberzusetzen. Ihr Herz zitterte.

»Was mir ist? Ich kann es nicht sagen. Meine Tränen sind Tränen der Freude. Seltsame Gefühle stürmen auf mich ein. Der Tag hatte so traurig begonnen, und nun bringt er mir ein großes Glück. Ich bewundere die Fügung des Schicksals; aber ich bewundere noch mehr den Mut deines tapferen Retters.«

Da gedachte Lord Randolph des Marschalks und winkte ihn heran. Dann sprach er zu Norval: »Von dieser Stunde an sollst du meinem Marschalk Glenalvon gleichgestellt sein, bis der König deine Tat mit dem Ritterschwerte lohnt.«

Norval stand auf und verneigte sich: »Wie soll ich Euch danken, Sir? Ich weiß es nicht; denn meine Sprache und Art sind rauh. Niemals, bis zu diesem Augenblicke, hab' ich einem Edlen gegenübergestanden oder eine Burg gesehen. Aber es ist etwas in meiner Brust, das mich kühn macht. Und ich gelob Euch: Norval wird Euerer Gunst niemals Schande machen!«

Der Marschalk vernahm's mit grimmigem Lächeln. Er verbarg seinen Unmut diesmal nicht gut, und seine Augen spiegelten Zorn: der Zufall hatte sein Spiel schlecht gespielt. Des Marschalks tückische List war zum zweitenmal unterlegen. Darum sann er auf Rache.

»Ihr wißt, was geschehen ist, Marschalk?« begann der Lord.

»Ich hab's gehört. Die Räuber haben ihren Lohn.«

»Ich ließ jenen Hildefuns gestern in den Turm werfen. Der Bursche war tückisch und war mir von je zuwider.«

»Er büßt seine Schuld hart, Herr!« antwortete Glenalvon verdrießlich.

»Nein, Marschalk, er büßt nicht! Er ist tot. Erschlagen. Wie konnt er entweichen?«

»Hildefuns, der Großknecht?«

»Kein anderer!«

Glenalvon ertrug die sicheren Blicke seines Herrn schwer.

»So ist Verrat im Spiele!« gab er kurz zurück und zog die Achseln. »Es heißt, es seien in dieser Nacht vier Rosse gestohlen worden. Man wird den Fall untersuchen, Herr!«

Der Marschalk ward entlassen.

.

Frau Harriet erhob sich. Ihr Auge, das heute früh der Gram verschattet hatte, war leuchtend und froh wie nie zuvor, seit Lord Randolph sie kannte. Und auf ihren Wangen glühte heimliches Rot.

»Ich will schwören,« sagte sie zu ihrem Gemahl, »unser junger Freund wird halten, was er gelobt hat.« – Dann wendete sie sich Norval zu: »Wir sind tief in Euerer Schuld, und ich glaube, Euer Verdienst wird stets größer sein, als daß es unsere Dankbarkeit vergelten kann.«

Überdem wurden auf dem Burghofe Stimmen laut. Hufschläge klangen, und Waffen klirrten.

Der Lord trat auf die Stufen, die aus dem Saale hinabführten.

»Leute aus meinem Zuge,« rief er durch die Tür zurück. »Sie sind ungeduldig geworden, weil ich mit meinen Befehlen säume. Oder sie bringen Kunde vom Nahen dänischer Schiffe. Wir wollen jetzt in das nahe Lager reiten. Reite mit mir, Norval, du sollst die erwählten Krieger sehen. Wir sind bald wieder hier,« sagte er zu Frau Harriet. »Laß inzwischen ein Mahl bereiten. Wir wollen in dieser Nacht fröhlich sein; denn bald werden wir im Feldlager unser gemeinsames Zelt aufschlagen.«

Da schwangen sie sich in die Sättel und sprengten aus dem Burghof.

Frau Harriet sah ihnen mit glücklichen Augen nach, bis sie im Dunkel des Waldes verschwanden.

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