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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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O Douglas, Douglas!

In der Morgenfrühe des nächsten Tages hatte Frau Harriet einsam sein wollen; denn dieser Tag war für sie ein Tag der tiefsten Trauer. Vor neunzehn Jahren hatte sie den Vater und Bruder, den Gatten und den Sohn verloren. Fast war's zu viel gewesen, die ganze Schwere des Schicksals zu tragen.

Nun hatte sie wieder Trauerkleider angelegt und wandelte allein im Schatten der mächtigen Bäume ihres Parkes bis zu jener Stelle, die sie vor allen anderen Plätzen liebte.

Es war ein Felsenvorsprung, den hundertjährige Eichen umrauschten. Zwischen den gewaltigen Stämmen des Hochwalds wucherte Buschwerk, das die Burgfrau vor neugierigen Blicken von außen verbarg.

Von dem Felsenvorsprunge sah sie über die Wipfel der tieferstehenden Bäume, sah sie über ferne Weiden und sanfte Täler. Und zu ihren Füßen drängten sich die zackigen Klippen grauen Gesteins durch die sommerliche Belaubung der Eichenkronen.

In weiter Ferne sah sie auch den Strom, der in jener wilden Nacht ihr Kind verschlungen hatte, wie ein silbernes Band in die Ebene treten. Das Rieseln des Quells, der in ihrer Nähe aus dem Gestein sprang, das Flüstern des Laubes und das Singen des Windes glaubte sie nirgends so gut zu verstehen wie an dieser einsamen Stelle, an der sie sich nun auf einer Moosbank niedergelassen hatte.

Sie lehnte mit dem Rücken gegen den Stamm einer Eiche und dachte an jenen grauen Tag vor neunzehn Jahren.

Dann sprach sie leise: »O Douglas, Douglas! Wenn es den Toten vergönnt wäre, diese Erde heimlich zu betreten, so müßte dein edler Geist um diese Stunde in den Bäumen dieses Gartens wohnen. Du müßtest mit dem Ohre der Unsterblichen hören, wie dein Weib um den erschlagenen Gatten klagt und um das verlorene Kind weint. O Douglas, Douglas! ...« rief sie laut und rang in ihrem Herzen wie eine Betende.

Im Gezweige hinter ihr war ein Brechen; aus den Büschen klang Männertritt. Frau Harriet vernahm ihn nicht.

»– zu dir erheb' ich heute meine Stimme! Wenn deine Seele lebt – verachte mich nicht, weil ich die Schuld trage an dem Tode unseres Kindes! ...«

In diesem Augenblicke taten die Büsche sich auseinander, und Lord Randolph, Frau Harriets Gemahl, trat in den Schatten der Eichen.

Er trug an diesem Morgen ein wildledern Jagdgewand und an der Hüfte das kurze Messer mit dem Hirschhorngriff. Herr Randolph war mit dem Marschalk im Parke gewandelt, und sie hatten im Gespräche miteinander der großen Schlacht gedacht; denn auch der Marschalk trug ein schlimmes Angedenken an den blutigen Kampf: seine linke Hand war noch heute unfähig zu festem Griff. Vom Dänenspeere, der ihn getroffen hatte, waren ihm drei Finger steif geblieben.

Wie die Männer im Gedenken des blutigen Tages und in Erwartung nahender Kriegsgefahr den Steig dahinschritten, gewahrte Lord Randolph die Burgfrau im schwarzen Gewande über den Rasen schreiten. Er befahl dem Marschalk, daß er ihm ein Roß satteln lasse. Bei den hohen Eichen wolle er es erwarten. Dann hieß er den Marschalk gehen und schlug einen Seitenweg nach dem Lieblingsplatze der Burgfrau ein.

Alsbald betrat er den Felsenvorsprung. Er reichte der Gattin die Hand und sprach zu ihr in tiefen Gedanken: »Wieder diese Klagen, Harriet! Und wieder seh' ich die Gewänder der Trauer an deinem Leibe! Willst du die unselige Leidenschaft, die dein Leben und deine Schönheit vor der Zeit verzehrt, bis an dein Grab nähren? Die Lebenden haben recht, Harriet! Du vertraust deine Sorgen umsonst den ewigstillen Toten!«

Frau Harriet entzog ihm ihre Hand und trocknete die Spuren der Tränen auf ihrem Antlitz. Dann sagte sie:

»Dieser furchtbare Tag weckt alles Leid wieder von neuem, das die langen Jahre sanft eingeschläfert hatten, und frisch springt der Quell des Schmerzes aus meinem Herzen. Darum verzeih mir, mein Gemahl, und laß diesen Tag vorübergehen als einen, der uns nicht gehört.«

Aber Lord Randolph erschien heute nicht geneigt, den Bitten der schönen Frau nachzugeben. Der Unmut lagerte über seinen dunkelen Brauen, als er sprach:

»Viele Jahre sind nun dahingegangen, seit ich der Erbe deiner Lordschaft geworden bin. Und während dieser langen Zeit haben die Wolken der Trauer nur zu oft über deiner Seele gelagert. Die Zeit, die sonst die Spuren der tiefsten Qual verlöscht, so wie die See die Spuren im Sande der Dünen glättet – die Zeit ist an dir vorübergegangen, ohne dein Herz zu heilen.«

Frau Harriet zog die Achseln und blieb stumm. Qualvoller als je zuvor empfand sie in dieser Stunde dem Gatten gegenüber ihre Schuld.

Der Lord sah sie kopfschüttelnd an: »Die Macht, die diese längst Gestorbenen über deine Seele haben, ist von einer rätselhaften Größe. Du sollst sie nicht vergessen, aber du solltest aufhören, um sie zu weinen. Vor deinem Schmerze flieht das Glück von Malcolm.«

Frau Harriet hob ihre Stirne und horchte auf: »Von wem redest du?« fragte sie mit zitternder Stimme.

Der Lord entgegnete befremdet: »Von wem sonst, als von deinem Vater und von deinem Bruder, die du beklagst? Verbirgst du mir etwas, Harriet?«

»Nichts, als die ganze Größe meines Schmerzes!« antwortete sie und senkte ihre weiße Stirne wieder.

Der Ritter aber wandte sich verdrießlich ab. Der Troßbub führte das Roß den Steig daher. Herr Randolph zog die Achseln im Davongehen: »Ich hatte geglaubt, die Tochter des alten Malcolm hätte ein stärkeres Herz und hätte mehr Mut, dem Schicksal zu begegnen.«

Die grünen Türen des Buschwerks taten sich vor dem Ritter auf und schlossen sich hinter ihm. Die Zweige schwangen noch einen Augenblick. »Ach,« sagte Herr Randolph, »der Frauen Gemüt ist ein unlösbar Rätsel!« Dann klangen die Hufe des davonsprengenden Rosses vom Weg herüber und verklangen.

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