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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Die erste Heldentat

Es war nun neunzehn Jahre nach der großen Schlacht, in der die besten Helden des schottischen Heeres gefallen waren. Aber die Dänen hatten seit jenem Tage doch vergessen, ihre Schiffe von neuem gegen die Kliffe von Schottland zu richten.

Aus dem Hirtenknaben mit dem goldenen Haar war ein stolzer, hochgewachsener Jüngling geworden, rank wie eine junge Bergtanne.

Eines Morgens, ehe er die Hürden geöffnet und die Herden ausgetrieben hatte – denn der Tau der Nacht lag wie geschlagenes Silber auf Anger und Wald – sattelte er sein Roß. Er hatte des Einsiedlers kurzes Schwert umgehängt, um an diesem Tage wieder einmal zur Waldklause zu reiten.

Auf einmal – da stoben zwei Reiter den Hang des Hügels hernieder, denen ein Mann zu Fuße folgte. Die schwangen das kurze Handgewaffen und waren im Harnisch, wie Männer, die in den Kampf ziehen. Die Erde flog unter den Hufen der Pferde hervor, und mit wilden Rufen stürmten die Reiter heran.

Der junge Norval erkannte die Gefahr. Er sah sich drei beutegierigen Gesellen gegenüber, die aus dem Dienst eines Ritters gelaufen waren, weil sie es für lustiger hielten, in den Wäldern der Berge zu rauben, als in fremdem Brot und Dienste zu stehen.

Vielleicht hatten sie es nur auf das Pferd des Hirten abgesehen, weil einem ihrer Kumpane das seine gefallen war.

In eines Augenblickes Frist saß Norval im Sattel. Er riß die blanke Klinge aus der Scheide, und in tollkühnem Mute zwang er sein Roß den drei Räubern entgegen. Noch war die Sonne nicht über die Hügelhänge gestiegen, und die Hutung lag im grauen Dämmerlichte der ersten Frühe.

Ehe der Birkhahn dreimal mit den Flügeln schlägt, waren sie aneinander. Den ersten stach Norval aus dem Sattel, dem zweiten schlug er das Schwert in die Stirn, daß er blutend zu Boden sank. Und der dritte, als er seine Gesellen fallen sah und von fernen Halden herüber die Rufe der wachgewordenen Hirten vernahm, wandte sein Roß und jagte in wilder Flucht davon.

Norval war wie ein Wetter hinter ihm drein. Aber des Fliehenden schlankes Pferd war flüchtiger als das alte, breite Dänenroß des Verfolgers; am Saume des Bergwalds verschwand der Räuber, und bald verriet nicht einmal der Hufschlag die Richtung, in der er entkommen war.

Da ritt Norval zurück und fand die Hirten bei der Leiche des Erschlagenen. Der andere, dem er das Schwert in die Brust gebohrt hatte, lag im Grase. Sein graues, treues Pferd stand neben ihm, und der rauchende Hauch der Nüstern flog um die blutige Stirne des Mannes. Dann brach ihm das Auge.

Während die Hirten das Roß des Gefallenen fingen, das in wilden Sprüngen über den morgendlichen Anger stob, schnallte Norval dem toten Manne zu seinen Füßen den Harnisch los und legte ihn sich auf die Schultern. Er hob den runden Eisenhelm auf, der weithin in die Blumen der Trift geflogen war, und drückte den Helm auf sein wehendes, goldenes Haar.

Die Hirten aber, die mit dem gefangenen Rosse kamen und die neugierig die Toten umstanden, putzten sich die Augen vor Verwunderung, wie sie den gerüsteten Mann sahen. Der gestern die Hirtengeißel geschwungen hatte, schwang nun das Schwert. Der gestern ein wollenes Wams getragen, trug nun eherne Brustwehr. Der gestern geträumt hatte, er möcht' ein Ritter sein, war ein Ritter geworden.

»Oh Norval,« rief ein junger Fant, »du hast jahrelang ein Märchen von einem Hirtenjungen geträumt, der sich die Königsbraut erringt, nachdem er ein Ritter geworden war – die Hälfte des Traumes hat sich erfüllt! Hättest du geträumt, du wolltest ein König werden – es wäre wohl auch wahr geworden!«

Einige traten zur Seite und redeten leise miteinander. Sie sagten: »Der Klausner ist sein Lehrmeister gewesen, und der Klausner hält's am Ende mit dem Teufel. Er wird ihm seine Seele für drei Tropfen Blut abgekauft haben; dafür hat ihm der Teufel nun beistehen müssen. Oder meint ihr, daß ein Hirtenbube aus eigener Kraft drei Räubern die Wege weisen könne – und solchen, die den Krieg als Handwerk treiben von Jugend an?«

Während sie noch redeten, trat der junge Sieger zu ihnen: »Was steht ihr und schwätzt wie die alten Weiber? Auf und helft mir, die Leichen am Waldrande einzuscharren!«

Sie gehorchten ihm; denn er erschien ihnen in dieser Stunde fast nicht mehr als einer der Ihren, so ritterlich und stolz war sein Wort, und so mutvoll war seine Tat gewesen.

Wie sie die toten Männer an den Waldessaum getragen hatten, kam der alte Norval mit seinem Weibe durch den Morgensonnenschein über den Anger. Die beiden hatten in ihrer Hütte das wilde Rufen der Hirten vernommen und sahen ihren stolzen Sohn nun wie einen König unter seinen Genossen stehen.

Erregt berichteten die den Alten, was geschehen war. Ralph Norval aber trat ihnen entgegen und sprach: »Vater, Mutter, laßt mich ausziehen an diesem Tage des Glückes! Verkauft die Herden an die Nachbarn – es geht eine Kunde: der Däne rüste seine Schiffe wieder, gen Schottland zu fahren. Neunzehn Jahre haben ihn vergessen lassen, daß am wilden Kliff einst eine Schlacht geschlagen wurde, in der die Besten beider Heere fielen. Die Kunde von jenem mörderischen Kampfe ist ein Märchen geworden. Aber wenn die Botschaft wahr ist, so mag der Frühling nicht zu Ende gehen, bis die Schiffe der Feinde in Sicht sind. Dann würdet ihr ausziehen müssen mit eueren Herden, oder Freund und Feind würden sie euch im Getümmel des Kampfes rauben, und ihr wäret ärmer denn je.«

Die Hirten aber neideten ihm seine Herrlichkeit und seine Stärke. Der Ärger sprach aus ihnen, und sie höhnten: »Seht ihr, jetzt will er auch noch wissen, was in künftiger Zeit geschieht! Seine Weisheit und seine Kraft kommen ihm vom Bösen! Der Klausner, der allnachts auf seinem Steintisch heimliche Feuer brennt, der ist weder ein Narr noch ein Frommer, – er ist ein Zauberer.«

Der junge Norval lächelte verächtlich, weil er die Furcht und den Neid in den Augen der Schwächlinge sah. Er kehrte den Gesellen den Rücken.

»Laßt mich ziehen, Vater!« bat er. »Denkt nicht an mich und an mein Erbe, das ihr mir in den Herden erhalten wollt – nein, denkt an euch und wie ihr beide euere alten Tage glücklich gestaltet! Ihr werdet Geld genug besitzen, und der Erlös aus euerem Vieh und aus eueren Weiden wird hinreichen, daß ihr an einem sicheren Platze von der Mühsal und den Sorgen dieser Jahre ausruhen könnt.«

Wie der Greis seinen ritterlichen Sohn so reden hörte und ihn stehen sah wie einen Helden, sagte er:

»Mein Sohn, wir werden dich hinfort nicht mehr halten! Aber wir danken dir, daß du dem Drange deines Herzens nicht schon vordem nachgegeben hast. Du hättest uns verlassen können, und wir wären zu schwach gewesen, dich in die Einsamkeit des Hirtenhauses zu bannen; wir wären ohnmächtig gewesen, dich an ein tatenloses Leben hinter den Herden zu fesseln. Nun aber ziehe hinaus und vergiß nicht, daß deine alten Eltern in Gedanken immer bei dir sind! Es soll geschehen, wie du gesagt hast; denn was könnten wir Alten mit den hundert Rindern und den Herden der Schafe beginnen? Wir wollen wieder in jene stille Gegend am Grenzflusse Tweed wandern, in der du uns geschenkt worden bist. Und wir hoffen, du kommst einmal, zu fragen nach dem Hirten Norval und seinem Weibe, damit wir wissen, ob es dir wohl gehe.«

Die Hirten stießen sich erstaunt an; denn sie hatten gedacht, der alte Norval werde nie seine Einwilligung geben. Jener aber, der vorhin gesagt hatte: »Du wärest ein König geworden, wenn du dir ein Königtum erträumt hättest,« der trat vor den jungen Norval hin und bat: »Laß mich mit dir ziehen; denn ich glaube an dich! Haben die Ritter nicht Knappen, die ihre Waffen tragen? Haben die edlen Krieger keine Knechte, die ihrer Herren Rosse hüten und mit ihnen im Heerlager liegen? Hat dir die vorige Stunde nicht zwei Pferde und zwei Rüstungen in die Hände gespielt? Was beginnst du aber mit zweien, da du doch schon gerüstet stehst?«

So sprach der junge Hirt, und seine Augen leuchteten Ralph Norval in unsicherer Erwartung entgegen. Der stand wie ein Edler unter denen, mit denen er vorher auf der Hutung gelegen hatte.

Es war auch, als sei dies alles nun ausgelöscht aus ihrem Gedächtnis; denn sie umstanden ihn, wie Knechte den Herrn, die Befehle erwarten.

In einem aber ward der Trutz mächtig und die Keckheit laut. »Du,« sagte er zu dem braunen Jungen, »willst du dem ein Knecht sein, der selber kein Herr ist?«

»Du,« flüsterte ihm ein zweiter mit wunderlichen Augen und einem blöden Gesichte zu, wie einmal der erste das Schweigen gebrochen hatte, »willst du dem helfen des Teufels Handwerk betreiben?«

Der braune Hirte zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück: dieses Wort des Mißglaubens und irren Herzens fiel wie ein Feuer vom Himmel in ihn und fraß sein Vertrauen und seinen fröhlichen Mut.

Aber er fürchtete den Hohn seiner Gesellen, wenn er nun umkehrte. Darum tat er sich das Rüstzeug an und schwang sich auf das eine der erbeuteten Rosse. Das aschgraue, schlanke Tier, das er sich selbst in voriger Stunde errungen hatte, führte Norval am Zügel; er reichte seinen alten Eltern die Hand zum Abschiede.

Dann ritten sie von dannen.

»Wohin?« rief einer hinter ihnen drein.

»Zum Waldklausner!« gab Norval zurück.

»Der wird euch den Weg zur Hölle weisen!« spotteten sie.

Da setzten sich die Rosse in Trab und verschwanden im Walde.

Der alte Norval verkaufte alsbald seine Herden und Weiden, sein Blockhaus und fast alles, was sein war. Nur einen Wagen mit einer grauen Blache behielt er. Davor spannte er wenige Tage nachher das falbe dänische Pferd, das seinem Sohne gehört hatte, belud den Wagen mit den übriggebliebenen Stücken des Hausrats und fuhr mit seinem Weibe die breite Straße gen Süden durch die Wälder bis zu dem Flusse Tweed.

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