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Der Douglas

Max Geißler: Der Douglas - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDer Douglas
publisherR. Thienemanns Verlag
year1909
illustratorFranz Müller-Münster
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectid15f25ba8
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Der Plan des Marschalks

Wie schon die feinen Fäden der Spätsommerseide über die herbstlichen Wälder flogen, saß die Burgfrau einmal mit ihrer schönen Dienerin in einem heimlichen Winkel des Gartens. Die alten Eichen wölbten ihr Gezweige mit dem goldenen Laube wie Dächer über die einsamen Frauen; und an den Stechpalmen färbten sich die kleinen Früchte wie Korallen oder wie tropfendes Blut.

»Warum siehst du mich so erschreckt an, Mary?« fragte die Herrin plötzlich.

»Ich sah den Marschalk mit heimlichen Blicken hinter den Büschen schreiten,« antwortete die Kammerfrau. »Ihr wolltet vermeiden, mit ihm zusammenzutreffen, Herrin.«

In diesem Augenblicke knirschte der Kies des nahen Gartenweges unter dem Tritt eines Menschen.

Frau Harriets bleiche Stirne faltete sich im Unmut: »Ein unliebenswürdiger Mensch ist doppelt lästig in einer Stunde solchen Friedens, wie es diese ist.«

Die Kammerfrau blickte erstaunt zu der Herrin empor. »Unliebenswürdig? Lästig?« fragte sie. »Der Marschalk ist häßlich, Herrin. Aber er hat sich in Eurem Dienste zum Krüppel schlagen lassen. Er trägt noch heute den Arm in der Binde, und er verwaltet Euer Erbe mit großer Treue.«

Frau Harriet lächelte bitter: »Meinst du? Ich glaube, er ist ein Meister seiner Absichten.«

»Was soll das heißen?«

»Nun,« entgegnete die Herrin, »er sieht aus, als ob er sich selbst verleugne. Aber seine eigensüchtige Natur verbirgt sich nur dem, der ihn nicht kennt. Er ist ein angeketteter Fuchs, der in einem unbewachten Augenblick doch endlich die langersehnte Beute erhascht.«

Die Schottin sah die Herrin verwundert an. Sie hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, die Tücke Glenalvons kennen zu lernen. Und nun sprach sie: »Das Leid dieser bangen Wochen hat Euch ungerecht gemacht, Gebieterin! Freilich, Glenalvon ist bei den Niederen nicht wohl gelitten; denn er ist streng und achtet seiner Pflicht. Aber er ist tapfer im Krieg und gilt als ein trefflicher Führer des Trosses in dieser wilden Zeit.«

»Hm,« sagte Frau Harriet und stand von ihrem Sitz auf, »du magst recht haben. Aber dennoch: Laster und Tugend waren nie so eng verschwistert wie in Glenalvons unbändigem Gemüt. Warum ich dies von ihm sage, sollst du später erfahren. Bleibe jetzt hier und halte ihn solange im Gespräch zurück, bis ich das Schloß erreicht habe!«

Wie eine Fliehende verschwand sie im Gebüsch und eilte lautlos über den geschorenen Rasen. Als ein Schatten glitt ihr Trauergewand durch das klingende Gold des Spätsommermorgens.

Kopfschüttelnd sah Mary ihrer bleichen Herrin nach. Sie schien über dem Gedanken des Schicksals, das wie ein dunkles Rätsel um die Burgfrau lag, den Marschalk ganz vergessen zu haben. Nun faltete sie ihre Hände und sagte wie im Traume:

»Oh Glück, wo bist du zu finden? Du wohnst nicht bei Adel und Schönheit; sonst müsste meine Herrin dich besitzen. Du wohnst aber auch nicht dort, so scheint es, wo die Tugend wohnt; sonst müßtest du bei dieser edlen Frau sein.«

Wie der Marschalk die Burgfrau davoneilen sah, zerbiss er einen Fluch zwischen den Zähnen. Er hatte schon längst eine Stunde ersehnt, in der der Zufall ihn zu ihr führte. Marschalk Glenalvon hatte den heimlichen Wunsch, der Erbe all der herrlichen Reichtümer der Edlen von Malcolm zu werden. Aber Glenalvon dachte nicht daran, eher um das Burgfräulein – für das er Frau Harriet noch immer hielt – zu werben, bis er seiner Sache ganz sicher sei. Denn wenn es ruchbar geworden wäre, dass die Herrin ihm die Türe gewiesen habe, so hätten Knechte und Mägde hinter ihm dreingelacht.

Vorsichtig und heimlich, wie es in seinem Wesen lag, verfolgte er auch diesmal seinen Plan. Daß er von Harriet Malcolm verabscheut wurde, das wußte er. Er schrieb das Verhalten der Herrin ihm gegenüber seinem häßlichen Aussehen zu; denn er dachte nicht daran, daß die klaren Blicke Harriets bis in seine tückische Seele gedrungen sein könnten.

Man sah dem kleinen, widerlichen Manne aber auch gar nicht seinen Mut und seine tollkühne Tapferkeit an, die er als Führer im Kampfe bewies. Und man erkannte die Kraft seines Körpers erst dann, wenn er mit einem Schwerthieb einen dänischen Krieger vom Wirbel bis zum Sattelknopfe spaltete oder ein dänisches Schlachtroß mit einem Streiche zerteilte. Von diesen Mannestugenden, die ihn an die Spitze eines Heeres gesetzt hatten, erwartete er nun auch, daß sie das Herz der Burgfrau besiegen sollten.

Den linken Arm trug er an diesem Morgen noch in der Binde. Er hatte mehrmals bemerkt, daß die Schottin ihm deshalb mit freundlichen Worten des Mitleids begegnete. Nun hoffte er, diese Teilnahme der Dienerin werde auch auf die Herrin übergehen, und sie werde ihm den Dank für seine Tapferkeit bezeigen wollen.

Jetzt aber war diese Herrin vor ihm geflohen! Sie behandelte ihn wie einen Feind, und er hatte erwartet, sie solle in ihm den Freund sehen, der auch der Freund ihres Vaters gewesen war!

Glenalvon verbarg seine Enttäuschung klug vor der Kammerfrau.

»Worüber sinnst du, nachdenkliches Mädchen?« fragte er, als er aus den Büschen trat, hinter denen er sich den Blicken der Frauen verborgen geglaubt hatte.

»Hab ich gesonnen?« entgegnete die Schottin gleichgültig.

»Ja. Du hast an dieser Stelle gestanden wie eine zukunftkundige Seherin. Es war, als schautest du in ein anderes Land. Es war, als stündest du auf der Erde, aber deine Gedanken seien im Himmel.«

»Ihr sprecht klug, Herr Marschalk!« sagte Mary. Dann seufzte sie tief auf: »Oh, könnt' ich doch eine Seherin sein! Vielleicht sähe ich in eine frohe Zukunft für meine Herrin und könnte ihr einen guten Trost bringen in ihrem tiefen Schmerz.«

»Hm,« machte der Marschalk, »woran verzweifelst du? Und über welch verworrene Dinge sinnst du nach? Du bist schön und jung – freue dich dieser Reichtümer, mit denen dich die Natur beschenkt hat!«

Glenalvon sprach keck und anmaßend. Da mußte Mary der Worte ihrer Herrin gedenken, die ihr vorhin so lieblos erschienen waren. Und sie maß den Kriegsmann vom Scheitel bis zum Schuh mit verwunderten Augen. Sie ahnte, daß Glenalvon sich zum Herrn der Burg machen wolle. Sie erbleichte und sprach:

»Ich versteh Euch wohl nicht, Herr Marschalk? Und wenn ich Euch verstanden habe, dann frag ich Euch: Wie könnt Ihr Euch vermessen, den Schmerz einer Frau zu begreifen? Und wie könnt Ihr meine Schönheit preisen, wenn noch der Schimmer auf dem Rasen liegt, der von der Schönheit meiner Herrin redet, die über diesen Rasen ging? Wenn Ihr meine Schönheit rühmt und doch die Schönheit der Herrin kennt, so könnt Ihr nichts anderes sein als ein Schmeichler. Lebt wohl, Marschalk Glenalvon! Ich glaube, die Herrin hat nach mir gerufen!«

Mit einem strengen Blick auf Glenalvon schritt die Schottin davon.

Aber dieser vertrat ihr im Schirm der Büsche noch einmal den Weg: »Die Herrin redet nicht mit mir wie mit dem Freund und Vertrauten ihres Vaters!« sagte er.

»Wenn Ihr etwas zu sagen habt, was Eures Amtes ist, so ist hier nicht der Platz!« sagte Mary scharf.

Glenalvon furchte die Stirn: »Aber ich werde mit ihr reden, wann und wo ich das für gut finde.«

»Herr Marschalk, Ihr seid frech!« Mit diesen Worten glitt die Kammerfrau an dem Burgverweser vorüber und eilte nach dem Schlosse.

Der Marschalk ging einen weiten Weg im Schutze des Gebüsches und trat bei den Koppeln der jährigen Pferde, die an diesem Morgen zum ersten Male die Satteldecken trugen, nachdenklich aus seiner Deckung. Er gab den Knechten seine Befehle. Was er sagte, klang noch härter als sonst.

Im Turmgelaß saß die Herrin um diese Zeit im Lehnstuhl und sah durch das geöffnete Fenster in die herbstbunte Welt. Um ihren Mund flogen die Schatten ihres Herzeleides. Sie haßte den Marschalk. Aber sie konnte ihn wegen seiner männlichen Tugenden nicht zugleich verachten. Um so mehr fürchtete sie ihn.

In solchen Stunden erwachten die Gewissensqualen in Frau Harriet stärker. In dem Bewußtsein der Schuld an dem Schicksal ihres Kindes wurde sie schwach. Und nun schaute sie ihrer jungen Kammerfrau entgegen, als könne ihr von dieser Hilfe kommen.

»Ich sehe, Ihr habt geweint, Herrin. Ich glaube, Ihr müßtet daran denken, Euch zu zerstreuen.«

Frau Harriet seufzte und sagte bitter: »Ich denke, ich habe Zerstreuung genug.«

Mary sah sie eine Weile stumm an, dann sagte sie ganz langsam: »Das versteh ich wieder einmal nicht.«

»Nennst du das keine Zerstreuung, wenn ich ohn' Unterlaß darauf bedacht sein muß, mit List und Härte dieses Marschalks mich zu erwehren?«

Die Schottin lächelte: »Wenn ich Herrin auf Burg Malcolm wäre, so würd' ich diesem Mann den Weg gründlich verlegen!«

»Was würdest du tun?«

»Seines Amtes würd' ich ihn entsetzen!«

Frau Harriet zog die Achseln: »Das ist es ja eben – das darf nicht geschehen. Das wäre gegen den verbrieften Willen Lord Malcolms. Aber es kann auch nicht geschehen; denn wer vermöchte wie er in den weiten Grenzen der Lordschaft, ja nur innerhalb der Mauern dieser Burg Ordnung zu halten?«

Die Schottin sann einen Augenblick. Aus ihren klaren Augen schaute der Schalk: »Dann ist nur ein Ausweg –«

»Und welcher wäre das?«

»Ihr müßt einem ritterlichen Herrn die Hand reichen und diesem das Regiment auf Malcolm anvertrauen; so seid Ihr Eurer großen Sorge ledig. Und Herr Glenalvon mag froh sein, wenn der künftige Erbe der Lordschaft den Willen Sir William Malcolms ehrt.«

Frau Harriet lehnte das Haupt mit dem goldenen Haare gegen die hohe Lehne ihres Stuhles und schaute zur Decke empor. Dann sagte sie:

»Ich preise die Stunde, in der ich dir das große Geheimnis meines Lebens vertraute, Mary. Es wird geschehen müssen, wie du gesagt hast. Je früher, desto besser; denn ich fürchte, die List und die Zähigkeit dieses Glenalvon sind stärker als meine Kraft, ihm zu widerstehen. Aber stärker als mein Haß gegen ihn sind sie nicht.«

Mary war inzwischen mit leuchtenden Augen an das Fenster getreten. Sie sah weit hinaus in das Land.

»Worüber denkst du nach?« fragte Frau Harriet.

»Hm,« antwortete die Kammerfrau, »ich besinne mich, wen wir zum Ritter auf Burg Malcolm machen.« Die Schottin lächelte. Und ein leises Lächeln überflog auch das stille Gesicht der Burgfrau.

»Eigentlich sollt' ich dir für diese Keckheit zürnen,« sagte sie. »Aber dann wär' ich wieder ungerecht; denn es ist in Wahrheit ganz gleichgültig, wer diese Frage entscheidet – ich oder du.« Sie ward sehr ernst, und ihre Stimme zitterte: »Du weißt, mein Herz gehört jenen, die tot sind – meinem Gatten und meinem Kinde.«

Die Kammerfrau sah die Herrin nachdenklich an: »So reicht Ihr nun in tiefer Trauer einem neuen Gatten die Hand –«

Frau Harriet unterbrach sie: »Ich würde nie daran denken, wenn die Pflicht gegen das ritterliche Geschlecht der Malcolm mich nicht dazu drängte. Ich selbst wollte in Frömmigkeit und Buße und Einsamkeit mein Leben beschließen; denn du weißt, ich habe eine große Schuld. Ich tauge nicht dazu, eines Edlen fröhliches Weib zu sein. Aber – soll ich zusehen, wie der Herrensitz von Malcolm die Beute jenes listigen Marschalks wird? Denn es wird doch dahinkommen, daß seine Schlauheit Recht und Brauch überwindet – ja, daß er vielleicht einen Anschlag auf mein eigen Leben sinnt, um das Ziel seiner Wünsche zu erreichen.«

Das klang so schmerzlich, daß die Kammerfrau neben dem Stuhl ihrer Herrin niederkniete und mit den Lippen ihr Gewand berührte:

»Nicht zu einem König in Euerem Herzen werdet Ihr den neuen Gemahl setzen –«

»Oh nein,« unterbrach sie Frau Harriet, »sondern zu einem Herrn meiner Burg. Seine Kraft und Macht soll größer sein als die jenes Glenalvon. Aber mein Herz wird einsam sein wie zuvor, und es wird schweigend und reuig seine Schuld tragen. Er wird nicht erfahren, daß ich je eines anderen Gatten Weib war; er wird nicht wissen dürfen, daß ich in erbärmlicher Furcht mein hilfloses Kind geopfert habe.«

Die Augen Frau Harriets füllten sich mit Tränen.

»Oh Herrin,« sagte Mary, »die Hand, die den verwirrten Faden Eueres Lebens spinnt, die möge sorgen, daß das Ende gut sei.«

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