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Der Dorfpfarrer

Honoré de Balzac: Der Dorfpfarrer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDer Dorfpfarrer
publisherGeorg Müller, München
seriesSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20171219
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IV

Madame Graslin in Montégnac

Nach einigen Augenblicken erschienen der Flecken Montégnac und sein Hügel; man bekam die neuen Gebäude zu Gesicht, durch die untergehende Sonne vergoldet und von der aus dem Kontrast sich ergebenden Poesie dieser hübschen Natur umflossen, die dort wie eine Oase in die Wüste hingestreut war. Madame Graslins Augen füllten sich mit Tränen; der Pfarrer zeigte ihr eine breite weiße Bahn, die wie eine Schmarre in dem Berge saß.

»Das haben meine Pfarrkinder getan, um ihrer Schloßherrin ihre Dankbarkeit zu beweisen,« sagte er auf diesen Weg hindeutend. »Wir können im Wagen zum Schlosse fahren. Die Rampe ist hergestellt worden, ohne daß sie einen Sou kostet; wir werden sie in zwei Monaten bepflanzen. Hochwürden können sich denken, was für Mühen, Sorgen und Ergebenheit es gekostet hat, um eine solche Aenderung zu bewerkstelligen.«

»Das haben sie getan!« sagte der Bischof.

»Ohne etwas dafür annehmen zu wollen, Hochwürden. Selbst die Aermsten haben mit Hand angelegt, da sie wußten, daß eine Mutter zu ihnen kam.«

Am Fuße des Berges erblickten die Reisenden alle Bewohner vereinigt, die Böllerschüsse abgaben und etliche Büchsen abschossen; dann boten die beiden hübschesten, weißgekleideten Mädchen Madame Graslin Blumensträuße und Früchte an.

»So in diesem Dorfe empfangen zu werden!« rief sie, Monsieur Bonnets Hand pressend, wie wenn sie in einen Abgrund stürzen sollte.

Die Menge begleitete den Wagen bis zum Ehrengitter. Von dort aus konnte Madame Graslin ihr Schloß, dessen Massen sie bis dahin nur erblickt hatte, ganz sehen. Bei diesem Anblick wurde sie wie von Schrecken gepackt über die Pracht ihres Wohnsitzes. Steine sind selten im Lande, Granit, auf den man im Gebirge stößt, äußerst schwer zu schneiden: der von Graslin mit dem Ausbau des Schlosses betraute Architekt hatte daher den Backstein zum Hauptelement dieses weiten Baues ausersehen; was ihn um so weniger kostspielig machte, als der Wald von Montégnac sowohl die Erde als auch die für die Herstellung notwendigen Hölzermengen hatte liefern können. In gleicher Weise war auch das Gebälk und der Stein für alle Mauerarbeit aus diesem Walde hervorgegangen. Ohne solche Ersparnisse würde sich Graslin ruiniert haben. Der größere Teil der Ausgaben war für Transporte, Ausbeutungen und Gehälter draufgegangen. So war das Geld im Flecken geblieben und hatte ihn belebt. Beim ersten Anblick und aus der Ferne stellt das Schloß ein ungeheures rotes Massiv vor, das von schwarzen, durch die Fugen hervorgebrachten schmalen Linien gestreift und von grauen Umrissen umrahmt ist, denn die Fenster, Türen, Gesimse, die Ecken und die steinernen Mauerkränze jedes Stockwerks bestehen aus Granit in Diamantrustika. Der Hof, der wie der des Versailler Schlosses ein unregelmäßiges Oval bildet, ist von Backsteinmauern umgeben, die in von Granitvorsprüngen eingerahmte Felder eingeteilt sind. Am Fuße dieser Mauern stehen Gebüsche; die bemerkenswert sind durch die Wahl des Gesträuchs in den verschiedensten grünen Tönen. Zwei prachtvolle Gitter, eins dem anderen gegenüber, führen auf der einen Seite nach einer Terrasse, die den Blick auf Montégnac hat, auf der anderen nach den Nebengebäuden und einer Pächterei. Das große Ehrengitter, bei dem die eben vollendete Straße endigte, ist von zwei hübschen Pavillons im Stil des XVI. Jahrhunderts flankiert. Die Fassade nach dem Hof hin, die sich aus drei Pavillons zusammensetzt, – einer steht in der Mitte und ist von den beiden anderen durch zwei Hauptgebäude getrennt, – ist nach Sonnenaufgang gelegen. Die vollkommen gleiche Gartenfassade liegt nach Sonnenuntergang. Die Pavillons haben nur ein Fenster nach der Fassade hin und jedes Hauptgebäude besitzt ihrer drei. Der als Kampanile ausgebaute Mittelpavillon, dessen Ecken mit kleinen gewundenen Verzierungen versehen sind, machte sich durch die Eleganz einiger sparsam verteilter Skulpturen bemerkbar. Die Kunst ist ängstlich in der Provinz, und obwohl die Ornamentation nach der Meinung der Schriftsteller seit 1829 Fortschritte gemacht hat, hatten die Eigentümer damals Angst vor Ausgaben, welche der Mangel an Konkurrenz und an geschickten Arbeitern ziemlich furchtbar machten. Der Pavillon jedes der Flügel, der drei Fenster Tiefe hat, ist von sehr hohen, mit Granitbalustraden geschmückten Dächern gekrönt; und in jeder pyramidenförmigen Seite des Dachs, die scharfkantig durch eine elegante, mit Blei und einer gußeisernen Galerie umrandete Plattform abgeschnitten ist, erhebt sich ein gleichfalls in Stein ausgehauenes Fenster. Die Tür- und Fensterkonsolen jedes Stockwerks empfehlen sich übrigens durch Skulpturen, die denen der Genuesischen Häuser nachgebildet sind. Der Pavillon, dessen drei Fenster nach Süden gehen, schaut auf Montégnac, der Nordpavillon blickt nach dem Walde. Von der Gartenfassade aus schweift der Blick über den Teil Montégnacs, wo les Tascherons liegt, und über die Straße, welche nach der Bezirkshauptstadt führt. Die Hoffassade erfreut sich des Blicks, welchen die ungeheuren, von den Bergen der Corrèze auf der Montégnacer Seite eingekreisten Ebenen darbieten, die aber mit der in den flachen Horizonten sich verlierenden Linie endigen. Die Hauptgebäude haben über dem Erdgeschoß nur eine Etage, die in Dächern endigt, welche durch Mansarden im alten Stil durchbrochen werden; die beiden Pavillons an jeder Ecke aber sind zwei Stockwerk hoch. Der der Mitte ist mit einer flachen Kuppel geschmückt, ähnlich dem der sogenannten Uhrpavillons der Tuilerien oder des Louvres, und drinnen befindet sich ein einziger Raum, der ein Belvedere bildet und mit einer Uhr geschmückt ist. Aus Sparsamkeitsgründen waren alle Dächer mit Ziegeln mit Ablaufrinnen bedeckt, ein ungeheures Gewicht, welches das dem Walde entnommene Gebälk leicht trägt. Vor seinem Tode plante Graslin gerade die Straße, die man aus Dankbarkeit eben vollendet hatte; denn dies Unternehmen, welches Graslin sein Steckenpferd genannt, hatte fünfmalhunderttausend Franken unter die Leute der Gemeinde gebracht. Auch hatte Montégnac sich beträchtlich vergrößert. Hinter den Nebengebäuden, auf dem Hügelabhange, der gen Norden sanft abfällt und in der Ebene endigt, hatte Graslin die Gebäulichkeiten eines großen Pachthofs begonnen, welche die Absicht verrieten, aus den unbebauten Ländereien der Ebene Vorteile zu ziehen. Sechs in den Nebengebäuden untergebrachte Gärtnergehilfen, die einem Schloßhauptgärtner unterstellt waren, setzten in diesem Augenblicke die Anpflanzungen fort und vollendeten die von Monsieur Bonnet für durchaus nötig erachteten Arbeiten. Das Erdgeschoß des Schlosses, das ganz für den Empfang bestimmt, war prachtvoll eingerichtet worden. Der erste Stock war ziemlich kahl, da Monsieur Graslins Tod die Mobiliarsendungen unterbrochen hatte.

»Ach, Hochwürden,« sagte Madame Graslin, nachdem sie das Schloß von allen Seiten besehen hatte, »ich rechnete damit, eine Hütte zu bewohnen! Der arme Monsieur Graslin hat Narrheiten begangen . . .«

»Und Sie,« fügte der Bischof nach einer Pause hinzu, als er den Schauder sah, den sein Wort Madame Graslin verursachte, »wollen Akte der Nächstenliebe begehen?«

Sie nahm den Arm ihrer Mutter, die Francis an der Hand führte, und ging mit ihnen bis nach der langen Terrasse, an deren Fuße Kirche und Pfarrhaus liegen, und von wo aus man die Häuser des Fleckens stufenweise sieht. Der Pfarrer belegte Hochwürden Dutheil mit Beschlag, um ihm das verschiedene Aussehen der Landschaft zu zeigen. Bald aber bemerkten die beiden Priester am anderen Terrassenende Véronique und ihre Mutter, unbeweglich wie Standbilder. Die Alte hatte ihr Taschentuch in der Hand und wischte sich die Augen ab, die Tochter hatte die Hände über die Balustrade ausgestreckt und schien auf die Kirche unten hinzuweisen.

»Was haben Sie, Madame?« fragte Pfarrer Bonnet die alte Sauviat.

»Nichts,« antwortete Madame Graslin, die sich umdrehte und einige Schritte auf die beiden Priester zu machte. »Ich ahnte nicht, daß der Friedhof unter meinen Augen liegen sollte . . .«

»Sie können ihn woanders hinlegen lassen; das Gesetz ist für Sie.«

»Das Gesetz!« sagte sie, indem sie das Wort wie einen Schrei ausstieß.

Da schaute der Bischof Véronique nochmals an.

Des düsteren Blickes müde, mit dem der Priester den Fleischvorhang, der ihre Seele verdeckte, durchbohrte und dort das in einem der Friedhofsgräber da unten verborgene Geheimnis überraschte, rief sie ihm zu:

»Nun gut; ja!«

Der Bischof legte die Hand vor die Augen und blieb einige Augenblicke über nachdenklich, niedergeschlagen.

»Stützen Sie meine Tochter!« schrie die Alte, »sie erbleicht.«

»Die Luft ist kräftig, sie hat mich angegriffen,« sagte Madame Graslin und fiel den beiden Geistlichen in die Arme, die sie in eines der Schloßgemächer trugen. Als sie wieder zu Bewußtsein kam, sah sie den Bischof und den Pfarrer für sie zu Gott beten, alle beide lagen auf den Knien.

»Möge der Engel, der Sie besucht hat, Sie nie mehr verlassen!« sagte der Bischof, sie segnend, zu ihr. »Leben Sie wohl, meine Tochter.«

Diese Worte ließen Madame Graslin in Tränen ausbrechen.

»Sie ist also gerettet?« schrie die Sauviat.

»In dieser und in der anderen Welt,« sagte der Bischof, indem er sich umdrehte, bevor er das Zimmer verließ.

Das Zimmer, in welches die Sauviat ihre Tochter hatte tragen lassen, ist im ersten Stock des Seitenpavillons gelegen, dessen Fenster auf Kirche, Friedhof und den nördlichen Teil Montégnacs sehen. Madame Graslin wollte hier wohnen und richtete sich dort, so gut oder schlecht es gehen wollte, mit Aline und dem kleinen Francis ein. Natürlich blieb die Sauviat bei ihrer Tochter. Madame Graslin hatte einige Tage nötig, um sich von den heftigen Aufregungen, die sie bei ihrer Ankunft überkommen waren, zu erholen; ihre Mutter zwang sie übrigens alle Morgenstunden über das Bett zu hüten. Abends setzte Véronique sich auf die Terrassenbank, von wo aus ihre Augen über die Kirche, das Pfarrhaus und den Friedhof schweiften. Trotz des dumpfen Widerstandes, den die alte Sauviat dagegen erhob, machte Madame Graslin doch eine wahnsinnige Gewohnheit daraus, indem sie sich so auf demselben Platze niederließ und sich einer düsteren Schwermut hingab.

»Madame bringt sich um!« sagte Aline zur alten Sauviat.

Die beiden Frauen benachrichtigten den Pfarrer, der sich nicht aufdrängen wollte; er besuchte Madame Graslin, sobald man ihm eine seelische Erkrankung bei ihr mitgeteilt hatte, dann eifrig. Dieser wahrhafte Seelenhirt trug Sorge, seine Besuche zu der Stunde zu machen, wo Véronique sich mit ihrem Sohne, beide in Trauergewändern, in die Terrassenecke setzte. Der Oktobermonat begann, die Natur wurde düster und trist. Monsieur Bonnet, der seit Véroniques Ankunft in Montégnac eine große innere Wunde bei ihr bemerkt hatte, hielt es für klüger, das völlige Vertrauen dieser Frau, die sein Beichtkind werden mußte, abzuwarten. Eines Abends blickte Madame Graslin den Pfarrer mit einem Auge an, das beinahe erloschen war durch die Unentschiedenheit, die mit Todesgedanken spielende Leute zeigen. Von dem Augenblick an zögerte Monsieur Bonnet nicht länger und hielt es für seine Pflicht, die Fortschritte dieser grausamen moralischen Krankheit kennenzulernen. Anfangs gab es zwischen Véronique und dem Pfarrer einen Kampf mit leeren Worten, hinter denen sie ihre wirklichen Gedanken verbargen. Trotz der Kühle war Véronique in diesem Momente auf einer Granitbank und hielt Francis auf ihrem Schoße. Die Sauviat stand aufrecht, gegen die Backsteinbalustrade gelehnt und verbarg absichtlich den Friedhofsblick. Aline wartete, daß ihre Herrin ihr das Kind zurückgeben würde.

»Ich glaubte, Madame,« sagte der Pfarrer, der bereits zum siebenten Male kam, »daß Sie nur melancholisch wären; sehe nun aber,« sagte er ihr ins Ohr, »daß Sie verzweifelt sind. Dies Gefühl ist weder christlich noch katholisch.«

»Ach,« antwortete sie, einen durchbohrenden Blick gen Himmel werfend und ein bitteres Lächeln über ihre Lippen irren lassend, »welches Gefühl laßt die Kirche denn den Verdammten, wenn es nicht die Verzweiflung ist?«

Beim Hören solcher Worte gewahrte der heilige Mann ungeheure, verwüstete Weiten in dieser Seele.

»Ah, Sie machen aus diesem Hügel Ihre Hölle, während er der Kalvarienberg sein müßte, von dem aus Sie sich in den Himmel erheben könnten! . . .«

»Ich bin nicht mehr hoffärtig genug, um mich auf solch einen Säulenfuß zu stellen,« antwortete sie mit einem Ton, aus dem die tiefe Verachtung sprach, die sie vor sich selber hatte.

Da nahm der Priester, der Mann Gottes, in einer jener Eingebungen, die bei solch schönen, reinen Seelen so natürlich und so fruchtbar sind, das Kind in seine Arme, küßte es und sagte: »Armer Kleiner!« mit einer väterlichen Stimme und gab ihn dann selbst der Kammerfrau zurück, die ihn forttrug.

Die Sauviat sah ihre Tochter an und begriff, wie wirksam Monsieur Bonnets Wort gewesen war, denn Tränen feuchteten Véroniques so lange schon trockne Augen. Die alte Auvergnatin machte dem Priester ein Zeichen und verschwand.

»Gehen wir auf und ab,« sagte Monsieur Bonnet zu Véronique und führte sie die Terrasse entlang zum anderen Ende, von wo aus man les Tascherons sah. »Sie gehören mir, ich schulde Gott Rechenschaft für Ihre kranke Seele.«

»Lassen Sie mich von meiner Niedergeschlagenheit mich erholen,« sagte sie zu ihm.

»Ihre Niedergeschlagenheit ergibt sich aus düsteren Betrachtungen,« fuhr er lebhaft fort.

»Ja,« antwortete sie mit der Naivität des bei dem Punkte angelangten Schmerzes, wo man keine Schonung mehr kennt.

»Ich sehe, Sie sind in den Abgrund der Gleichgültigkeit gestürzt!« rief er. »Wenn es eine Stufe physischen Leidens gibt, wo die Scham stirbt, so gibt es auch eine Stufe moralischen Leidens, wo die Energie der Seele verschwindet, das weiß ich!«

Sie war erstaunt, solch feine Beobachtungen und solch zartes Mitleid bei Monsieur Bonnet zu finden, doch verlieh, wie man bereits gesehen hat, das köstliche Zartgefühl, das keine Leidenschaft bei diesem Manne beeinträchtigt hatte, ihm für die Schmerzen seiner Beichtkinder das mütterliche Gefühl der Frau. Diese mens divinior, diese apostolische Zärtlichkeit stellt den Priester über andere Männer, macht ein göttliches Wesen aus ihm. Madame Graslin war mit Monsieur Bonnet noch nicht genug zusammen gewesen, als daß sie diese, wie eine Quelle, von der Gnade, Frische und wahres Leben ausgehen, in der Seele verborgene Schönheit hätte kennenlernen können.

»Ach, mein Herr! . . .« rief sie, indem sie sich ihm durch eine Geste und durch einen Blick, wie ihn Sterbende haben, auslieferte.

»Ich verstehe Sie!« erwiderte er. »Was tun? Was soll werden?«

Schweigend schritten sie die Balustrade entlang und gingen der Ebene zu. Dieser feierliche Augenblick schien dem Bringer guter Botschaften, dem Sohne Christi, günstig.

»Denken Sie, Sie stünden vor Gott,« sagte er mit leiser Stimme und geheimnisvoll, »was würden Sie ihm sagen? . . .«

Madame Graslin blieb wie vom Blitz getroffen stehn und schauderte leicht zusammen.

»Wie Jesus Christus würde ich ihm sagen: ›Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!‹« antwortete sie einfach und mit einem Tone, der dem Pfarrer Tränen in die Augen trieb.

»O Magdalena, das Wort erwartete ich von Ihnen!« rief Monsieur Bonnet, der nicht umhin konnte, sie zu bewundern. »Sie sehen, Sie nehmen Ihre Zuflucht zu Gottes Gerechtigkeit, Sie rufen sie an! Hören Sie auf mich, Madame. Die Religion ist vorweggenommene göttliche Gerechtigkeit. Die Kirche hat sich das Urteil über alle seelischen Prozesse vorbehalten. Die menschliche Gerechtigkeit ist ein schwaches Abbild himmlischer Gerechtigkeit, ist nur ihre blasse, den Bedürfnissen der Gesellschaft angepaßte Nachahmung.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sie sind nicht Richter in Ihrer eigenen Seele; Sie hängen von Gott ab,« erklärte der Priester. »Weder besitzen Sie das Recht sich zu verurteilen noch sich freizusprechen. Gott, meine Tochter, ist ein großer Prozeßrevisor.«

»Ach!« machte sie.

»Er ›sieht‹ den Ursprung der Dinge, da wo wir nur die Dinge selber gesehen haben!«

Von diesem für sie neuen Gedanken betroffen gemacht, blieb Véronique stehen.

»Ihnen,« fuhr der mutige Priester fort, »Ihnen, die Sie eine so große Seele haben, schulde ich andere Worte wie meinen bescheidenen Pfarrkindern. Sie, deren Geist so gepflegt ist, können sich bis zum göttlichen Sinn der katholischen Religion erheben, der sich durch Bilder und Worte in den Augen der Kleinen und der Armen ausdrückt. Hören Sie mich gut an, es handelt sich hier um Sie; denn trotz der Weite des Gesichtspunkts, auf den ich mich für einen Moment stellen will, wird es sich doch wohl um Ihre Sache handeln. Das Recht ist erfunden, um die Gesellschaften zu schützen, und ist auf der Gleichheit errichtet worden. Die Gesellschaft, die nur eine Summe von Tatsachen ist, basiert auf der Ungleichheit. Es besteht also ein Mißklang zwischen Tatsache und Recht. Soll die Gesellschaft vom Recht unterdrückt oder begünstigt fortschreiten? Anders ausgedrückt: soll das Recht sich der inneren sozialen Bewegung widersetzen, um die Gesellschaft zu erhalten, oder muß es nach dieser Bewegung eingerichtet sein, um sie zu führen? Seit dem Bestehen der Gesellschaften hat kein Gesetzgeber es auf sich zu nehmen gewagt, diese Frage zu entscheiden. Alle Gesetzgeber haben sich damit begnügt, Tatsachen zu analysieren, die anzugeben, welche ihnen tadelnswert oder verbrecherisch vorgekommen sind, und Bestrafungen und Belohnungen daran zu knüpfen. Das ist das Menschengesetz: es besitzt weder Mittel, den Fehlern zuvorzukommen, noch die Mittel, die Rückkehr zu ihnen bei denen zu verhindern, die es bestraft hat. Die Philanthropie ist ein erhabener Irrtum; sie quält den Körper nutzlos, sie erzeugt den Balsam nicht, welcher die Seele heilt. Der Philanthrop fördert Pläne zutage, äußert Ideen, vertraut ihre Ausführung dem Menschen, dem Schweigen, der Arbeit, Weisungen, stummen und machtlosen Dingen an. Die Religion kennt solche Unvollkommenheiten nicht, denn sie hat das Leben über diese Welt hinaus verlängert. Indem sie uns alle als Gefallene und in einem Zustande der Erniedrigung Lebende erkennt, hat sie einen unerschöpflichen Schatz der Duldsamkeit geöffnet; alle sind wir mehr oder minder weit auf dem Wege zu unserer völligen Wiedergeburt; niemand ist unfehlbar: die Kirche rechnet mit Fehlern und selbst mit Verbrechen. Da, wo die Gesellschaft einen Verbrecher sieht, der aus ihrem Schoße ausgestoßen werden muß, sieht die Kirche eine zu rettende Seele. Und mehr noch. Von Gott, den sie erforscht und betrachtet, beeinflußt, gibt die Kirche die Ungleichheit der Kräfte zu, zieht das Mißverhältnis der Lasten in Rechnung. Wenn sie Euch ungleich an Herz, Leib, Seele, Anlage und Wert findet, macht sie Euch alle gleich durch die Reue. Da, Madame, ist Gleichheit kein eitles Wort mehr, denn wir sind und können alle gleich sein durch die Gefühle. Seit den Gestaltungen des Fetischismus wilder Völker bis zu den anmutigen Erdichtungen Griechenlands, bis zu den tiefen und erfindungsreichen Doktrinen Aegyptens und Indiens, die in heitere und furchtbare Kulte übersetzt worden sind, lebt eine Ueberzeugung im Menschen, nämlich die seines Falls und seiner Sünde, woraus überall der Gedanke der Opfer und des Loskaufs entsteht. Der Tod des Erlösers, der das Menschengeschlecht losgekauft hat, ist das Bild dessen, was wir für uns selber tun können: kaufen wir uns von unseren Irrungen los, kaufen wir uns von unseren Verbrechen los! Alles ist tilgbar; der Katholizismus beruht auf diesem Worte; von ihm gehen seine anbetungswürdigen Sakramente aus, die der Gnade zum Triumphe verhelfen und den Sünder stützen. Weinen, Madame, seufzen wie die Magdalena in der Wüste, ist nur der Anfang; handeln ist das Ende. Die Klöster weinten und handelten, beteten und zivilisierten; sie sind die aktiven Mittel unserer göttlichen Religion gewesen. Europa haben sie aufgebaut, bepflanzt und kultiviert, und dabei den Schatz unserer Kenntnisse und den der menschlichen Gerechtigkeit, der Politik und der Künste gerettet. Stets wird man in Europa den Platz ihrer strahlenden Zentren wiedererkennen. Die meisten modernen Städte sind Töchter eines Klosters. Wenn Sie glauben, daß Gott Sie zu richten hat, sagt die Kirche Ihnen durch meine Stimme, daß alles sich durch gute Werke der Reue tilgen läßt. Gottes große Hände wiegen das Böse, das getan wurde, und den Wert getaner Wohltaten zugleich. Seien Sie für sich allein das Kloster, Sie können hier die Wunder wieder beginnen. Ihre Gebete müssen Arbeiten sein. Von Ihrer Arbeit muß das Glück derer herrühren, über die Sie sich durch Ihr Vermögen, Ihren Geist, durch alles bis zu dieser natürlichen erhöhten Stellung, die ein Abbild Ihrer sozialen Lage ist, erheben.«

In diesem Augenblick machten der Priester und Madame Graslin kehrt, um auf ihren Schritten nach der Ebene hin zurückzugehen, und der Pfarrer konnte sowohl auf das Dorf unten am Hügel als auch auf das die Landschaft beherrschende Schloß hinweisen. Es war eben viereinhalb Uhr. Ein gelblicher Sonnenstrahl hüllte die Balustrade und die Gärten ein, erleuchtete das Schloß festlich und ließ die Zeichnung der vergoldeten gußeisernen Akroterien glänzen; er erhellte die lange Ebene, welche durch die Straße geteilt wurde, ein tristes graues Band, das nicht die Festons besaß, welche anderswo überall die Bäume auf beiden Seiten hineinsticken. Als Véronique und Monsieur Bonnet das Schloßmassiv hinter sich gelassen hatten, konnten sie den Hof, die Pferdeställe, die Nebengebäude und den Wald von Montégnac sehen, über den diese Helle wie eine Liebkosung hinwegglitt. Obwohl dieser letzte Glanz der untergehenden Sonne nur die Gipfel erreichte, erlaubte er doch noch von dem Hügel an, wo Montégnac liegt, bis zur ersten Zacke der Corrèzenischen Gebirgskette die Launen des köstlichen Teppichs, den ein Herbstwald darstellt, vollkommen zu sehen. Die Eichen bildeten Florentiner Bronzemassen; die Nußbäume, die Kastanien zeigten ihre grüngrauen Töne, die früh sich verfärbenden Bäume glänzten durch ihr Goldlaub, und alle diese Farben waren durch graue, unbebaute Plätze schattiert. Die Stämme der gänzlich ihres Blattwerks beraubten Bäume zeigten ihre weißlichen Säulenhallen. Diese roten, gelbroten, grauen, durch die bleichen Reflexe der Oktobersonne künstlich vertriebenen Farben standen in Einklang mit jener fruchtbaren Ebene, mit jenem unendlichen Brachfeld, das grünlich war wie ein stagnierendes Wasser. Ein Gedanke des Priesters kommentierte dies sonst stumme Schauspiel: kein Baum, kein Vogel, der Tod in der Ebene, das Schweigen im Walde; hier und da einige Rauchschwaden aus den Dorfhütten. Das Schloß schien düster wie seine Herrin. Einem merkwürdigen Gesetze zufolge ahmt alles in einem Hause dem nach, der dort herrscht, sein Geist schwebt dort in der Luft. Im Verstande überrascht durch des Pfarrers Worte und im Herzen durch die Ueberzeugung überrascht, in ihrer Liebe erreicht durch den himmlischen Klang dieser Stimme, blieb Madame Graslin plötzlich stehen. Der Pfarrer hob den Arm auf und zeigte auf den Wald hin; Véronique schaute ihn an.

»Finden Sie darin nicht eine entfernte Aehnlichkeit mit dem sozialen Leben? Jeder hat seine Bestimmung! Wieviele Ungleichheiten in dieser Baummenge! Die am höchsten ragen, entbehren der Pflanzenerde und des Wassers, sie sterben zuerst!«

»Es gibt deren, welche die Hippe der holzsammelnden Frau in der Anmut ihrer Jugend festhält!« sagte sie mit Bitterkeit.

»Verfallen Sie nicht wieder in solche Gefühle,« erwiderte der Pfarrer streng, wiewohl voller Duldsamkeit. Das Unglück dieses Waldes besteht darin, daß er nicht durchgeforstet ist; sehen Sie das Phänomen, das jene Massen dort zeigen?«

Véronique, welche für die Eigentümlichkeiten der Waldnatur wenig Unterscheidungsvermögen hatte, wandte aus Gehorsam ihren Blick nach dem Walde und heftete ihn dann sachte auf den Pfarrer.

»Bemerken Sie nicht«, sagte er, Véroniques Unwissenheit in diesem Blicke erratend, »Striche, wo Bäume jeglicher Art noch ganz grün sind?«

»Ach das ist wahr!« rief sie. »Warum?«

»Dort«, fuhr der Pfarrer fort, »befindet sich Montégnacs und Ihr Vermögen, ein ungeheures Vermögen, das ich Monsieur Graslin angezeigt hatte. Sie sehen die Rinnen dreier Täler, deren Gewässer sich in dem Bergstrom des Gabou verlieren. Dieser Wildbach trennt den Wald von Montégnac von der Gemeinde, die von dort her an die unsere stößt. Im September und Oktober noch trocken, führt er im November viel Wasser. Sein Wasser, dessen Menge, um nichts umkommen zu lassen, durch Waldarbeiten und durch Vereinigung der kleinsten Quellen noch leicht vermehrt werden könnte, dies Wasser ist zu nichts nutze; errichten Sie aber zwischen den beiden Uferhügeln des Stromes ein oder zwei Wehre, um es zurückzuhalten, um es aufzubewahren, wie es Riquet in Saint-Ferréol getan hat, wo man ungeheure Reservoire anlegte, um den Languedockanal zu speisen, dann werden Sie diese unangebaute Ebene mit dem weise in Läufe, die durch Schützen versorgt werden, verteilten Wasser, mit dem sich diese Ländereien zu nützlicher Zeit speisen werden, und dessen Ueberschuß überdies in unseren kleinen Fluß abgeleitet würde, fruchtbar machen. Alle Ihre schönen Kanäle entlang würden Sie Pappeln stehen haben und auf den denkbar besten Wiesen Vieh aufziehen. Was ist Gras? Sonne und Wasser. Es gibt reichlich genug Erde auf diesen Ebenen für die Wurzeln des wildwachsenden Grases, die Gewässer werden für Tau sorgen, der den Boden fruchtbar macht, die Pappeln werden sich davon nähren und die Nebel festhalten, deren Bestandteile von allen Pflanzen aufgesogen werden: das sind die Geheimnisse der üppigen Vegetation in den Tälern. Eines Tages werden Sie Leben, Freude und Bewegung sehen, wo Stille herrscht, und der Blick sich über die Unfruchtbarkeit betrübt. Wird das nicht ein schönes Gebet sein? Werden solche Arbeiten Ihre Muße nicht besser beschäftigen als melancholische Gedanken?«

Véronique drückte des Pfarrers Hand, sagte nur ein Wort, aber dies Wort wog schwer:

»Das wird geschehen, mein Herr.«

»Sie verstehen diese große Sache wohl,« fuhr er fort, »können sie aber nicht ausführen. Weder Sie noch ich besitzen die Kenntnisse, die für die Ausführung eines Gedankens nötig sind, der jedem Menschen kommen kann, aber ungeheure Schwierigkeiten aufwirft, denn, obwohl sie einfach und beinahe verborgen sind, verlangen diese Schwierigkeiten die exaktesten Hilfsmittel der Wissenschaft. Suchen Sie daher gleich heute die menschlichen Instrumente, die Sie in zwölf Jahren sechs- oder siebentausend Louis Rente mit den sechstausend Arpents, die Sie so fruchtbar machen werden, gewinnen lassen. Solch eine Arbeit wird Montégnac eines Tages zu einer der reichsten Gemeinden des Bezirkes machen. Der Wald bringt Ihnen noch nichts ein; früher oder später aber wird die Spekulation die prachtvollen Bäume holen, diese von der Zeit aufgehäuften Schätze, die einzigen, deren Produktion von Menschen weder beschleunigt noch ersetzt werden kann. Der Staat wird vielleicht eines Tages selber die Transportmittel schaffen für diesen Wald, dessen Bäume seiner Marine nützlich sein werden; doch er wird warten bis die verzehnfachte Bevölkerung Montégnacs seine Förderung verlangt, denn der Staat ist wie das Glück, er gibt nur den Reichen. Zu der Zeit wird dies Besitztum eines der schönsten Frankreichs, wird der Stolz Ihrer Enkelkinder sein, die das Schloß, an ihren Einkünften gemessen, vielleicht kläglich finden werden.«

»Das ist eine Zukunft für mein Leben,« sagte Véronique.

»Ein solches Werk kann sehr viele Fehler wieder wettmachen,« sagte der Pfarrer.

Als er sich verstanden sah, versuchte er einen letzten Schlag gegen die Intelligenz dieser Frau; er hatte erraten, daß bei ihr die Intelligenz zum Herzen führte; während bei den anderen Frauen das Herz im Gegenteil der Weg zur Intelligenz ist.

»Wissen Sie,« sagte er nach einer Pause zu ihr, »in welchem Irrtum Sie sich befinden?«

Sie sah ihn ängstlich an.

»Ihre Reue ist nur noch das Gefühl einer erlittenen Niederlage; was furchtbar ist, ist die Verzweiflung Satanas'; und das war vielleicht die Reue der Menschen vor Jesus Christus. Unsere Reue aber, die von uns Katholiken, ist der Schrecken einer Seele, die sich auf schlechter Bahn stößt, und die sich bei diesem Anprall an Gott wiederaufrichtet. Einem heidnischen Orestes gleichen Sie, werden Sie Sankt Paulus!«

»Ihr Wort hat mich völlig verwandelt,« rief sie. »Jetzt, o jetzt, will ich leben!«

»Der heilige Geist hat gesiegt,« sagte sich der bescheidene Priester, der freudig erregt fortging.

Der heimlichen Verzweiflung, die Madame Graslin verschlang, hatte er Nahrung hingeworfen, indem er ihrer Reue die Form einer schönen und guten Handlung gab. Schon am folgenden Morgen schrieb Véronique an Monsieur Grossetête. Einige Tage später erhielt sie aus Limoges drei Sattelpferde, die ihr von ihrem alten Freunde geschickt wurden. Auf ihre Frage hatte Monsieur Bonnet Véronique den Postmeistersohn angeboten, einen jungen Mann, der entzückt war, in Madame Graslins Dienst zu treten und fünfzig Taler zu verdienen. Dieser junge Bursche mit rundem Gesicht, schwarzen Augen und Haaren, klein, schlank und kräftig namens Maurice Champion, gefiel Véronique und wurde sofort eingestellt. Er sollte seine Herrin bei ihren Ausflügen begleiten und für die Sattelpferde Sorge tragen.

Der Hauptwächter von Montégnac war ein ehemaliger Kavallerieunteroffizier der königlichen Garde, aus Limoges gebürtig, und der Herzog von Navarreins hatte ihn auf eine seiner Besitzungen in Montégnac geschickt, um ihren Wert zu prüfen und ihm Aufschlüsse zu bringen, um zu erfahren, welchen Vorteil er daraus ziehen könnte. Jérôme Colorat sah dort nur die unfruchtbaren und unbebauten Ländereien, und auf Grund der Transportschwierigkeiten unausbeutbare Wälder, ein zerfallenes Schloß und enorme Kosten, die aufzuwenden waren, um Wohnung und Gärten wiederherzustellen. Vor allem über die mit Granitblöcken besäten Lichtungen erschrocken, die den unendlichen Wald von weitem schattierten, wurde dieser brave, aber unintelligente Diener die Ursache des Gutsverkaufs.

»Colorat,« sagte Madame Graslin zu ihrem Wächter, den sie hatte kommen lassen, »von morgen an werde ich höchstwahrscheinlich alle Morgen ausreiten. Sie dürften die verschiedenen Teile der Ländereien dieser Domäne und derer, die Monsieur Graslin hier vereinigt hat, kennen und werden sie mir zeigen; ich will alles selber besichtigen.«

Die Schloßbewohner bemerkten voller Freude den Wechsel, der sich in Véroniques Benehmen kundtat. Ohne Befehl dazu erhalten zu haben, suchte Aline von selbst ihrer Herrin altes schwarzes Reitkleid hervor und setzte es in Stand. Mit unsagbarem Vergnügen sah die Sauviat am anderen Morgen ihre Tochter zum Reiten angezogen. Von ihrem Wächter und von Champion geführt, die sich auf ihre Erinnerungen verlassend ritten – denn Pfade waren durch die unbewohnten Berge kaum gelegt – stellte Madame Graslin es sich zur Aufgabe, nur die Gipfel zu besuchen, über die sich ihre Wälder erstreckten, um ihre Abhänge kennenzulernen und sich mit den Schluchten vertraut zu machen, jenen natürlichen Wegen, welche diesen langen Kamm zerreißen. Sie wollte ihre Aufgabe abmessen, die Natur der Wasserläufe studieren und die Naturkräfte für das von dem Pfarrer angezeigte Unternehmen finden. Sie folgte Colorat, der vorausritt; Champion ritt einige Schritte hinter ihr. Solange es durch die baumbestandenen Teile ging, bald auf- bald niedersteigend in dem in französischen Gebirgen so häufigen welligen Terrain, wurde Véronique durch die Wunder des Waldes gefangen. Er bestand aus hundertjährigen Bäumen, deren erste sie in Erstaunen setzten; schließlich aber gewöhnte sie sich an sie. Da gab es natürlichen Hochwald, oder in einer Lichtung eine einzelne Fichte von erstaunlicher Höhe; endlich etwas Selteneres, einen jener Sträucher, die anderswo überall zwerghaft sind, die aber durch merkwürdige Umstände zu riesenhaften Entwicklungen gelangen und manchmal ebenso alt sind wie der Erdboden. Nicht ohne eine unaussprechliche Empfindung sah sie eine Wetterwolke über die nackten Felsen hinstreifen. Sie bemerkte die weißlichen Rinnen, welche Bäche geschmolzenen Schnees gegraben haben und die von weitem Wundmalen gleichen. Bei einem vegetationslosen Schlunde bewunderte sie an den abgeblätterten Flanken eines felsigen Hügels hundertjährige Kastanien, die ebenso geradegewachsen waren wie Alpentannen. Die Schnelligkeit ihres Ritts erlaubte ihr fast im Vogelfluge bald bewegliche Sandflächen, mit Bäumen dünn bestandene Schlammlöcher, umgestürzte Granitblöcke, hängende Felsen, dunkle Täler, große Strecken noch blühender und andere schon vertrockneter Heide wahrzunehmen. Bald waren es rauhe Einöden, wo Wacholderbüsche und Kapernsträucher wuchsen; bald kurzgrasige Wiesen, durch hundertjährigen Schlamm gedüngte fette Erdflächen; kurz, die Trostlosigkeiten, die Herrlichkeiten, die anmutigen, herzhaften Dinge, die merkwürdigen Anblicke der Gebirgsnatur im Zentrum Frankreichs.

Und durch das Sehen dieser an Formen verschiedenen, aber vom gleichen Gedanken belebten Gemälde, der tiefen Schwermut, die sich durch diese zugleich wilde und zerstörte, verlassene, unfruchtbare Natur ausdrückt, gewann diese sie und antwortete ihr auf ihre verborgenen Gefühle. Und als sie durch einen Ausschnitt die Ebenen zu ihren Füßen erblickte, als es irgendeine trockene Schlucht zu erklimmen gab, in deren Sand- und Steinmassen verkrüppelte Sträucher gewachsen waren, und dies Schauspiel von Augenblick zu Augenblick wiederkehrte, überraschte sie der Geist dieser herben Natur und gab ihr Beobachtungen ein, die neu für sie und durch die Bedeutungen dieser verschiedenen Schauspiele hervorgerufen worden waren. Nicht eine Waldlandschaft gibt's, die nicht ihre Eigenheit hat, nicht ein Dickicht, das nicht Analogien mit dem Labyrinthe menschlicher Gedanken darbietet. Welcher Mensch, dessen Geist gepflegt ist und dessen Herz Wunden davongetragen hat, kann in einem Walde lustwandeln, ohne daß der Wald zu ihm spricht? Unmerklich erhebt sich in ihm eine entweder tröstende oder schreckenbringende Stimme, die häufiger jedoch trostreich als schrecklich ist. Wenn man den Gründen der zugleich ernsten, einfachen, sanften und geheimnisvollen Empfindung, die einen dort überkommt, nachspüren möchte, würde man sie vielleicht in dem erhabenen und sinnreichen Schauspiele all dieser, ihren Schicksalen gehorchenden und unwandelbar unterworfenen Kreaturen finden. Früher oder später erfüllt das zerschmetternde Gefühl der Fortdauer der Natur euer Herz, bewegt euch tief und schließlich werdet ihr dort unruhig sein über Gott. Auch Véronique erntete in dem Schweigen dieser Gipfel, in dem Duft der Wälder, in der heiteren Luft, wie sie abends zu Monsieur Bonnet sagte, die Gewißheit göttlicher Gnade. Sie mutmaßte die Möglichkeit einer Ordnung von Tatsachen, die erhabener waren als die, um welche sich ihre Träumereien bislang gedreht hatten. Sie verspürte eine Art Glück. Soviel Frieden hatte sie seit langem nicht empfunden. Verdankte sie das Gefühl der Aehnlichkeit, die zwischen diesen Landschaften und den erschöpften und verdorrten Stellen ihrer Seele bestand? Sicherlich wurde sie mächtig dadurch bewegt; denn zu wiederholten Malen zeigten Colorat und Champion sie sich, als fänden sie sie ganz verwandelt. Véronique bemerkte an einer bestimmten Stelle in den steilen Hängen der Sturzbäche, ich weiß nicht, welche Herbheit. Sie überraschte sich bei dem Wunsche, das Wasser in diesen jähen Schluchten tosen zu hören.

– »Immer lieben!« dachte sie.

Beschämt über dies Wort, das ihr wie von einer Stimme entgegengeschleudert wurde, trieb sie ihr Pferd kühn gegen die erste Zacke der Corrèze an, auf der sie trotz ihrer beiden Führer Warnung hinaufsprengte. Allein erreichte sie den Gipfel dieser die Roche-Vive genannten Bergspitze und blieb dort einige Augenblicke über damit beschäftigt, das ganze Land zu überschauen. Nachdem sie die heimliche Stimme so vieler Schöpfungen, die zu leben begehrten, gehört hatte, empfand sie in sich selber einen Ruck, der sie bestimmte, für ihr Werk jene so sehr bewunderte Beharrlichkeit, von der sie so viele Proben abgab, zu entfalten. Sie band ihr Pferd mit dem Zügel an einen Baum, setzte sich auf einen großen Steinblock, ließ ihren Blick über diesen Raum irren, wo die Natur sich stiefmütterlich erwies, und verspürte in ihrem Herzen die mütterlichen Regungen, die sie einst, wenn sie ihren Sohn ansah, empfunden hatte. Vorbereitet wie sie war, die erhabene Anweisung hinzunehmen, welche dies Schauspiel durch fast unfreiwillige Betrachtungen gab, die ihrem schönen Ausdrucke gemäß ihr Herz gesichtet hatten, erwachte sie dort aus einer Lethargie.

»Da nun begriff ich,« sagte sie zum Pfarrer, »daß unsere Seelen ebensogut bearbeitet werden müssen wie die Erde.«

Diese weite Szene wurde durch die blasse Sonne des Novembermonats beschienen. Bereits kamen einige, von einem kalten Winde gejagte graue Wolken von Westen. Es war gegen drei Uhr. Véronique hatte vier Stunden gebraucht, um dorthin zu kommen; doch wie alle, die von einem tiefen inneren Unglück verzehrt werden, widmete sie äußeren Umständen keine Aufmerksamkeit. In diesem Moment vergrößerte sich ihr Leben wirklich durch den erhabenen Gang der Natur.

»Bleiben Sie nicht länger hier, Madame,« sagte ein Mann zu ihr, dessen Stimme sie zittern machte, »Sie würden sonst nirgendwohin zurückkehren können, denn Sie sind mehr als zwei Meilen von jedem Wohnsitze entfernt. Bei Nacht ist der Wald unwegsam. Doch diese Gefahren sind nichts im Vergleich mit der, die Ihrer hier harrt. In wenigen Augenblicken wird auf dieser Spitze eine tödliche Kälte herrschen, deren Ursache unbekannt ist, und die bereits mehrere Leute getötet hat.«

Madame Graslin bemerkte unter sich ein durch Sonnenbrand fast schwarzes Gesicht, in dem zwei Augen blitzten, welche zwei Feuerzungen glichen. Auf jeder Seite dieses Antlitzes hing ein Streifen brauner Haare und darunter flutete ein fächerförmiger Bart. Der Mann lüftete ehrerbietig einen jener großen, breitrandigen Hüte, wie sie die Bauern im Zentrum Frankreichs tragen, und zeigte eine jener kahlen, aber prächtigen Stirnen, durch die gewisse Arme sich der allgemeinen Aufmerksamkeit empfehlen. Véronique verspürte nicht den mindesten Schrecken; sie befand sich in einer jener Lagen, wo für Frauen alle kleinlichen Erwägungen, die sie furchtsam machen, aufhören.

»Wie kommen Sie hierher?« fragte sie ihn.

»Meine Wohnung ist nicht weit fort von hier,« antwortete der Unbekannte.

»Und was tun Sie in dieser Einöde?« forschte Véronique.

»Ich lebe hier.«

»Aber wie und wovon?«

»Man gibt mir einen kleinen Gehalt für die Beaufsichtigung dieses Waldteils,« sagte er, auf den Abhang der Bergspitze hinweisend, die dem entgegengesetzt war, von wo aus man die Ebenen von Montégnac überblickte. Madame Graslin sah dann einen Flintenlauf und bemerkte eine Jagdtasche. Wenn sie ängstlich gewesen wäre, hätte sie sich nun beruhigen müssen.

»Sie sind Wächter?«

»Nein, Madame, um Wächter zu sein, muß man einen Eid leisten können, und um ihn zu leisten, muß man sich aller bürgerlichen Rechte erfreuen . . .«

»Wer sind Sie denn?«

»Ich bin der Farrabesche,« sagte der Mann in tiefer Demut, die Augen auf die Erde senkend.

Madame Graslin, der dieser Name nichts sagte, sah den Mann an und erblickte auf seinem übermäßig sanften Gesichte Spuren versteckter Wildheit: die schlechtstehenden Zähne drückten dem Munde, dessen Lippen blutrot waren, einen ironischen und heimtückischen Zug auf. Die braunen und hervorspringenden Backenknochen verliehen ihm etwas irgendwie Tierisches. Der Mann hatte eine mittlere Figur, der sehr kurze, dicke Hals saß tief in den kräftigen Schultern und er besaß die großen und haarigen Hände heißblütiger Leute, die fähig sind, von diesen Vorteilen einer tierischen Natur Gebrauch zu machen. Seine letzten Worte kündigten überdies ein Geheimnis an, dem seine Haltung, seine Physiognomie und seine Person einen schrecklichen Sinn verliehen.

»Sie stehen also in meinen Diensten?« fragte Véronique mit sanfter Stimme.

»Habe ich denn die Ehre, mit Madame Graslin zu sprechen?« sagte Farrabesche.

»Ja, mein Freund!« antwortete sie.

Farrabesche verschwand mit der Schnelligkeit eines wilden Tieres, nachdem er seiner Herrin einen furchtsamen Blick zugeworfen hatte. Véronique beeilte sich, ihr Pferd zu besteigen und suchte ihre beiden Diener wieder auf, die bereits anfingen, sich ihretwegen Sorgen zu machen, denn man kannte die unerklärliche Ungesundheit der Roche-Vive. Colorat bat seine Herrin durch ein kleines Tal hinabzureiten, das in die Ebene führte.

»Es würde«, sagte er, »gefährlich sein über die Höhen zurückzukehren, wo die schon an und für sich so wenig gebahnten Wege sich kreuzen und wo man trotz der Ortskenntnis sich verirren könnte.«

Als sie in der Ebene war, verlangsamte Véronique den Gang ihres Pferdes.

»Wer ist denn der Farrabesche, den Sie angestellt haben?« fragte sie ihren Hauptwächter.

»Madame ist ihm begegnet?« rief Colorat.

»Ja, aber er ist geflüchtet.«

»Der arme Mensch! Vielleicht weiß er nicht, wie gut Madame ist.«

»Kurz, was hat er getan?«

»Aber, Madame, Farrabesche ist ein Mörder,« sagte Champion naiv.

»Ihn hat man also begnadigt?« fragte Véronique mit bewegter Stimme.

»Nein, Madame,« antwortete Colorat, »Farrabesche hat vorm Schwurgericht gestanden, ist zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, hat die Hälfte seiner Zeit abgesessen, dann ist er begnadigt worden und ist 1827 aus dem Bagno herausgekommen. Sein Leben verdankt er dem Herrn Pfarrer, der ihn bestimmt hat, sich zu stellen. Er war in contumaciam zum Tode verurteilt worden, früher oder später mußte er gefaßt werden, und seine Sache hat nicht gut gestanden. Monsieur Bonnet hat ihn ganz allein aufgesucht, auf die Gefahr hin umgebracht zu werden. Man weiß nicht, was er zu Farrabesche gesagt hat. Zwei Tage über sind sie allein geblieben, am dritten hat er ihn nach Tulle gebracht, wo der andere sich selbst gestellt hat. Monsieur Bonnet hat einen guten Advokaten aufgesucht und ihm Farrabesches Sache nahegelegt. Farrabesche ist zu zehn Jahren Ketten verurteilt worden und der Herr Pfarrer hat ihn in seinem Gefängnis besucht. Dieser Bursche, der der Schrecken des Landes war, ist sanft wie ein junges Mädchen geworden und hat sich ruhig ins Bagno abführen lassen. Bei seiner Rückkehr hat er sich unter des Herrn Pfarrers Schutz hier niedergelassen. Kein Mensch mehr nennt ihn bei seinem Namen; alle Sonn- und Feiertage kommt er zum Gottesdienst in die Messe. Wiewohl er seinen Platz zwischen uns hat, bleibt er ganz für sich an der Langmauer. Von Zeit zu Zeit geht er beichten, am heiligen Tisch aber hält er sich auch abseits.«

»Und dieser Mensch hat einen anderen Menschen getötet?«

»Einen? . . .« sagte Colorat, »er hat wohl viele umgebracht. Trotzdem ist er aber ein guter Mensch.«

»Ist das möglich?« rief Véronique, die in ihrer Betäubung den Zügel auf den Hals ihres Pferdes fallen ließ.

»Sehen Sie, Madame,« fuhr der Wächter fort, der sich nichts Besseres wünschte, als diese Geschichte zu erzählen, »im Grunde hat Farrabesche vielleicht recht gehabt. Er war der letzte der Farrabesche, einer alten Familie in der Corrèze; jawohl. Sein ältester Bruder, der Kapitän Farrabesche, ist also zehn Jahre vorher, in Italien bei Montenotte, gefallen; war mit zweiundzwanzig Jahren Kapitän. Das heißt Pech haben! War ein Mann, der Mittel besaß, zu lesen und schreiben verstand, er versprach sich, zum General ernannt zu werden. Das gab Wehklagen in der Familie, und dazu war Grund vorhanden, jawohl! Ich, der ich zu der Zeit bei dem anderen war, habe von seinem Tode reden hören! Oh, der Kapitän Farrabesche hatte einen schönen Tod, er hat die Armee und den kleinen Korporal gerettet. Ich diente bereits unter General Stringel, einem Deutschen, das heißt einem Elsässer, einem berühmten General; aber er war kurzsichtig und dieser Fehler war Ursache seines Todes, der einige Zeit nach dem des Kapitän Farrabesche eintrat. Der letzte kleine Farrabesche, unserer eben, war also sechs Jahre alt, als er von dem Tode seines großen Bruders reden hörte. Der zweite Bruder diente auch, aber als Soldat. Er fiel als Sergeant des ersten Garderegiment – ein feiner Posten – in der Schlacht bei Austerlitz, wo man, sehen Sie, Madame, so ruhig manövriert hat wie in den Tuilerien . . . Ich war auch dabei! Oh, ich hab' Glück gehabt, ich hab' alles mitgemacht, ohne eine Wunde zu erwischen. Unser Farrabesche also, obwohl er tapfer ist, setzt sich in den Kopf, nicht zum Militär zu gehen. Wahrlich, die Armee war ja auch nicht gesund für die Familie. Als der Unterpräfekt ihn 1811 verlangt hat, ist er in die Wälder geflohen; ein unsicherer Kantonist, jawohl, wie man sie damals nannte. Freiwillig oder gezwungen hat er sich dann mit einer Schar Fußbrenner zusammengetan, schließlich hat er auch gebrannt! Sie begreifen, daß niemand anders wie der Herr Pfarrer es wußte, was er mit diesen, mit Respekt zu sagen, Schweinkerlen anstellen mußte! Er hat sich oft mit den Gendarmen herumgeschlagen, und mit den Soldaten auch. Kurz, er ist bei sieben Kämpfen dabei gewesen! . . .«

»Es heißt, er hätte zwei Soldaten und drei Gendarme getötet!« sagte Champion.

»Weiß man denn die Zahl? Er hat sie nicht gesagt,« fuhr Colorat fort; »kurz, Madame, fast alle anderen sind festgenommen worden; er aber, Donnerwetter, jung und flink, kannte das Land gut und ist immer entwischt. Diese Fußbrenner hielten sich in der Umgegend von Brives und Tulle; häufig kamen sie hierher, wo Farrabesche sie ja leicht verstecken konnte. 1814 hat man sich nicht mehr mit ihm beschäftigt, die Aushebung zum Militär war abgeschafft worden, er aber war gezwungen gewesen, das Jahr 1815 in den Wäldern zu verbringen. Da er keine Mittel zum Leben besaß, hat er nochmals mit geholfen, die Post in der Schlucht da unten anzuhalten; doch schließlich hat er sich auf des Herrn Pfarrer Rat hin selber gestellt. Es ist nicht leicht gewesen, Zeugen zu finden, niemand wagte gegen ihn auszusagen. Dann haben sein Advokat und der Herr Pfarrer so viel getan, daß er mit zehn Jahren Kerker davonkam. Er hat Glück gehabt, nachdem er gebrannt hatte, denn er hat gebrannt!«

»Aber was heißt denn das: er hat gebrannt?«

»Wenn Sie's wünschen, Madame, will ich Ihnen sagen, was sie taten, so gut ich's von dem einen oder anderen weiß, denn, Sie begreifen, ich hab' nicht gebrannt! Das ist nicht schön, doch Not kennt kein Gebot. Sie – ihrer sieben oder acht – überfielen einen Pächter oder Grundbesitzer, von dem sie vermuteten, daß er viel Geld hatte. Sie zündeten dort ein Feuer an, speisten mitten in der Nacht und dann, zwischen Birne und Käse, wenn der Hausherr ihnen die verlangte Summe nicht geben wollte, banden sie seine Füße an den Kesselhaken und machten sie nicht eher wieder los, bis sie ihr Geld gekriegt hatten: so war's! Sie kamen vermummt. In der Reihe ihrer Ueberfälle hat's auch unglückliche gegeben. Donnerwetter, es gibt immer hartnäckige, geizige Leute! Ein Pächter, der Vater Cochegrue, der lieber knickerte, hat sich die Füße verbrennen lassen! Auch gut, er ist dran gestorben! Die Frau von Monsieur David, bei Brives, ist an den Folgen des Schreckens, den ihr die Leute da eingejagt haben, gestorben, nur weil sie die Füße ihres Mannes hat angebunden werden sehen. ›Gib ihnen doch, was du hast!‹ sagte sie zu ihm, als sie fortging. Er wollte nicht; sie hat ihnen das Versteck gezeigt. Fünf Jahre lang sind die Fußbrenner der Schrecken des Landes gewesen, aber können Sie's kapieren – Verzeihung Madame – daß mehr als ein Junge aus gutem Hause darunter war? Und die ließen sich nicht erwischen!«

Madame Graslin hörte zu, ohne zu antworten. Es entstand ein augenblickliches Schweigen. Der kleine Champion, der begierig war, seine Herrin zu unterhalten, wollte erzählen, was er von Farrabesche wußte.

»Man muß Madame aber auch alles sagen, wie es sich verhält. Farrabesche hat seinesgleichen nicht im Laufen und Reiten. Er tötet ein Rind mit seinem Faustschlage. Er trägt sieben Zentner, weiß Gott! Niemand schießt besser als er. Wie ich klein war, erzählte man mir Farrabesches Abenteuer. Eines Tages ist er mit drei seiner Gefährten überrascht worden: sie kämpfen miteinander, schön, zwei sind verwundet und der dritte tot, gut! Farrabesche sieht sich gepackt; bah, er springt auf das Pferd eines Gendarms, auf die Kruppe hinter den Kerl, spornt das Pferd, das sich aufbäumt, setzt es in rasenden Galopp und verschwindet, den Gendarmen mitten um den Leib festhaltend. Preßt ihn so stark, daß er ihn in einer gewissen Entfernung zu Boden werfen und allein auf dem Pferde bleiben kann, und entwischt als Herr des Pferdes! Er hat sogar die Stirn besessen, es zehn Meilen hinter Limoges zu verkaufen. Nach diesem Streiche blieb er drei Monate über versteckt und unauffindbar. Dem, der ihn ausliefern würde, hatte man hundert Louis versprochen!«

»Was die für ihn vom Präfekten von Tulle versprochenen hundert Louis anlangt,« fügte Colorat hinzu, »so ließ er sie ein andres Mal einen seiner Vettern gewinnen, den Giriex aus Vizay. Sein Vetter gab ihn an und tat so, als ob er ihn ausliefern wollte! Oh, er lieferte ihn aus! Die Gendarmen waren sehr glücklich, ihn nach Tulle zu bringen. Weit ging er aber nicht, man sah sich genötigt, ihn in das Gefängnis von Lubersac einzusperren, woraus er in der ersten Nacht entwischte, indem er ein Loch benutzte, das einer seiner Mitwisser namens Gabille gemacht hatte, ein Deserteur vom Siebzehnten, der in Tulle hingerichtet wurde, und welcher vor der Nacht, in der er sich zu retten gedachte, abtransportiert wurde. Diese Abenteuer verliehen Farrabesche einen Anstrich von Berühmtheit. Die Schar hatte ihre Helfershelfer; Sie verstehen! Uebrigens liebte man die Fußbrenner. Ach, Donnerwetter, diese Leute waren nicht wie die heutzutage, jeder dieser kecken Burschen gab sein Geld königlich aus. Stellen Sie sich vor, Madame, eines Abends ward Farrabesche von den Gendarmen verfolgt, nicht wahr? Gut, er ist ihnen diesmal dadurch entwischt, daß er vierundzwanzig Stunden über in dem Pfuhl einer Pachtung blieb, er atmete durch einen Strohhalm, den er in der Höhe des Misthaufens heraussteckte. Das war nur eine kleine Unannehmlichkeit für ihn, der die Nächte auf den höchsten Baumwipfeln verbracht hat, wo sich kaum Spatzen hielten, indem er die Soldaten beobachtete, die ihn suchend unter ihm hin und her gingen. Farrabesche ist einer der fünf oder sechs Fußbrenner gewesen, die das Gericht nicht hat fassen können; da er aber aus dem Lande stammte und nur gezwungen bei ihnen war, kurz, nur geflohen war, um dem Militärdienst zu entgehen, waren die Frauen für ihn, und das heißt viel!«

»So hat Farrabesche wohl sicherlich mehrere Männer getötet?« fragte Madame Graslin nochmals.

»Sicherlich,« antwortete Colorat, »er hat sogar, wie es heißt, den Reisenden getötet, der 1812 in der Post saß; doch der Kurier und der Postillon, die einzigen Zeugen, die ihn wiedererkennen konnten, waren tot, als er vor Gericht stand.«

»Um ihn zu bestehlen?« fragte Madame Graslin.

»Oh, sie haben alles genommen; doch die fünfundzwanzigtausend Franken, die sie gefunden haben, gehörten der Regierung.«

Madame Graslin ritt eine Meile über schweigsam dahin. Die Sonne war untergegangen, der Mond erhellte die graue Ebene, sie sah aus, als ob sie das weite Meer wäre. Es gab einen Augenblick, wo Champion und Colorat Madame Graslin betrachteten, deren tiefes Schweigen sie beunruhigte. Sichtlich betroffen waren sie, als sie auf ihren Wangen zwei glänzende Spuren sahen, die von einem Tränenüberfluß erzeugt worden waren; ihre Augen waren rot und mit Zähren gefüllt, die Tropfen auf Tropfen niederrannen.

»Oh, Madame,« sagte Colorat, »bedauern Sie ihn nicht! Der Junge hat eine gute Zeit gehabt, hat hübsche Geliebte gehabt, und jetzt, wiewohl er unter der Ueberwachung der hohen Polizei steht, wird er von des Herrn Pfarrers Schätzung und Freundschaft begünstigt; denn er hat bereut und seine Aufführung im Bagno ist eine der musterhaftesten gewesen. Jeder weiß, daß er ebenso ehrenwert ist wie einer der ehrenwertesten unter uns; nur ist er stolz und will sich nicht gern irgendeinem Beweise von Widerwillen aussetzen. Er lebt ruhig und tut in seiner Weise Gutes. Auf der anderen Seite der Roche-Vive hat er vierzehn Arpents in Baumschulen für Sie angelegt, und er pflanzt im Walde an, wenn er Stellen sieht, wo Bäume fortkommen können. Ferner putzt er die Bäume aus, sammelt das abgestorbene Holz, bindet es in Bündel und stellt es armen Leuten zur Verfügung. Jeder Arme ist sicher, immer vollkommen zerkleinertes Holz zu kriegen und erbittet es sich von ihm, anstatt es sich zu nehmen und Ihren Wäldern Schaden zuzufügen, so daß er, wenn er heute Leute brennt, ihnen Gutes zufügt. Farrabesche liebt Ihren Wald und sorgt für ihn wie wenn er sein eigen wäre!«

»Und er lebt! . . . ganz allein?« rief Madame Graslin, die sich beeilte, die beiden letzten Worte hinzuzufügen.

»Entschuldigen Sie, Madame, er sorgt für einen kleinen Jungen, der ins fünfzehnte Jahr geht,« sagte Maurice Champion.

»Meine Treu, ja!« fügte Colorat hinzu. »Denn die Curieux kriegte dies Kind ja kurze Zeit, ehe Farrabesche sich selber gestellt hat.«

»Ist es sein Kind?« fragte Madame Graslin.

»Jeder meint's.«

»Und warum hat er das Mädchen nicht geheiratet?«

»Wie denn? Man würde ihn festgenommen haben. Auch hat das arme Mädchen, die Curieux, als sie hörte, daß er verurteilt worden war, das Land verlassen.«

»War sie hübsch?«

»Oh,« sagte Maurice, »meine Mutter behauptet, daß sie sehr . . . halt . . . einem anderen Mädchen gliche, die auch das Land verlassen hat, der Denise Tascheron.«

»Und er wurde geliebt?« fragte Madame Graslin.

»Bah, weil er brannte!« antwortete Colorat; »Frauen lieben das Ungewöhnliche. Indessen hat man sich im Lande über nichts mehr gewundert als über diese Liebe! Cathérine Curieux lebte ehrbar wie eine heilige Jungfrau. Sie galt für eine Tugendperle in ihrem Dorfe, in Vizay, einem großen Flecken in der Corrèze, an der Grenze der beiden Bezirke. Ihr Vater und ihre Mutter sind dort Pächtersleute der Brézac. Die Cathérine Curieux mochte wohl ihre siebzehn Jahre alt sein, als Farrabesche verurteilt wurde. Die Farrabesche waren eine alte Familie derselben Gegend, die sich auf den Domänen von Montégnac festgesetzt hatten, sie hielten die Dorfpachtung. Vater und Mutter Farrabesche sind tot; die drei Schwestern der Curieux aber sind verheiratet, eine in Aubusson, eine in Limoges, eine in Saint-Léonard.«

»Glauben Sie, daß Farrabesche weiß, wo Cathérine ist?« sagte Madame Graslin.

»Wenn er's wüßte, würde er sein Wort brechen; oh, er würde hingehen . . . Nach seiner Ankunft hat er den kleinen Curieux durch Monsieur Bonnet vom Vater und der Mutter, die für ihn sorgten, erbitten lassen; Monsieur Bonnet hat ihn sofort erlangt.«

»Niemand weiß, was aus ihr geworden ist?«

»Bah,« sagte Colorat; »das junge Ding hielt sich für verloren; sie hatte Angst im Lande zu bleiben. Sie ist nach Paris gegangen. Und was tut sie dort? Das ist der faule Punkt. Sie dort suchen, heißt ein Marmorkügelchen in den Kieseln der Ebene da finden zu wollen!«

Colorat wies auf die Ebene von Montégnac von der Höhe der Rampe aus hin, auf welcher Madame Graslin nun ritt, sie war nur noch einige Schritte vom Schloßgitter entfernt. Die beunruhigte Sauviat, Aline und die Leute warteten dort, da sie nicht wußten, was sie von einer so langen Abwesenheit zu halten hatten.

»Nun,« sagte die Sauviat, als sie ihrer Tochter beim Absitzen vom Pferde half, »du mußt furchtbar ermüdet sein.«

»Nein, liebe Mutter,« sagte Madame Graslin mit so erregter Stimme, daß die Sauviat ihre Tochter ansah und dann merkte, daß sie viel geweint hatte. Madame Graslin ging in ihr Gemach mit Aline, die ihre Befehle für alles, was ihr inneres Leben anlangte, hatte, und schloß sich dort ein, ohne ihrer Mutter aufzumachen; denn als die Sauviat hineinkommen wollte, sagte Aline zu der alten Auvergnatin:

»Madame ist eingeschlafen.«

Am folgenden Morgen brach Véronique, nur von Maurice begleitet, zu Pferde auf. Um schnell nach der Roche-Vive zu kommen, wählte sie den Weg, welchen sie am Vorabend zurückgekommen war. Als sie durch den Grund des Schlundes hinaufritt, der die Felsspitze von dem letzten Waldhügel trennte – denn von der Ebene aus gesehen erschien die Roche-Vive isoliert – sagte Véronique zu Maurice, er sollte ihr Farrabesches Haus zeigen, auf die Pferde achten und sie erwarten; sie wolle allein gehen. Maurice geleitete sie daher nach einem Fußpfad, der den Abhang der Roche-Vive hinunterführt, der dem nach der Ebene zu gelegenen entgegengesetzt ist, und zeigte ihr das Strohdach einer beinahe zur Hälfte in dem Berge versteckten Behausung; unter ihm zogen sich Baumschulen hin. Es war nun gegen Mittag. Ein leichter Rauch, der aus dem Kamine aufstieg, kündete das Haus an, bei welchem Véronique bald anlangte; aber sie zeigte sich nicht sofort. Beim Anblick dieser bescheidenen Behausung, die inmitten eines von einer vertrockneten Dornenhecke umgebenen Gartens lag, verharrte sie einen Augenblick in Gedanken verloren, die nur ihr bekannt waren. Hinter dem Garten zogen sich einige Arpents Wiesen hin, die von einer lebenden Hecke umfriedigt waren, und hier und da breiteten sich die abgeflachten Kronen von Aepfel-, Birnen- und Pflaumenbäume aus. Oberhalb vom Hause, nach der Berghöhe hin, wo das Terrain sandig wurde, erhoben sich die gelben Wipfel eines Kastanienhains. Als sie die leichtvergitterte Türe aus fast verfaulten Planken, die als Verschluß diente, aufmachte, erblickte Madame Graslin einen Stall, einen kleinen Hinterhof und all das Malerische, die lebenden Requisiten der Behausungen des Armen, die auf dem Lande gewißlich ihre Poesien besitzen. Wer kann ohne Rührung die auf der Hecke ausgebreiteten Linnen, das an der Decke hängende Zwiebelbund, die zum Austrocknen dastehenden eisernen Fleischtöpfe, die von Geisblatt beschattete Holzbank und den Hauswurz auf dem Strohfirst sehen, der fast alle Hütten Frankreichs begleitet und ein bescheidenes, fast vegetatives Leben offenbart!

Véronique konnte unmöglich bei ihrem Wächter anlangen, ohne bemerkt zu werden, zwei schöne Jagdhunde schlugen an, sobald sich das Geräusch ihres Reitkleides in den trockenen Blättern hören ließ. Sie nahm die Schleppe des langen Gewandes unter ihren Arm und näherte sich dem Hause. Farrabesche und sein Kind, die auf einer Holzbank draußen saßen, standen auf, zogen alle beide den Hut und nahmen eine ehrerbietige Haltung an, die aber nicht den mindesten Anschein von knechtischer Gesinnung hatte.

»Ich habe gehört,« sagte Véronique, das Kind voller Aufmerksamkeit betrachtend, »daß Sie meine Interessen vertreten: ich wollte selber Ihr Haus und die Baumschulen sehen und Sie hier selbst nach zu treffenden Verbesserungen fragen.«

»Ich stehe Madame zu Befehl,« antwortete Farrabesche.

Véronique bewunderte das Kind, das ein reizendes, ein wenig sonnenverbranntes, braunes, aber sehr regelmäßiges Gesicht von vollkommenem Oval, eine klar gezeichnete Stirn, zwei orange Augen von außerordentlicher Lebhaftigkeit und schwarze, über der Stirn und längs jeder Gesichtshälfte abgeschnittene Haare hatte. Größer als es gewöhnlich ein Kind seines Alters ist, maß der Kleine fast fünf Fuß. Seine Hose bestand wie sein Hemd aus derbem ungebleichtem Leinen; seine Weste aus dickem, sehr abgenützten Tuch, hatte Hornknöpfe; er trug einen Rock aus jenem seltsamerweise Morianasammet genannten Tuch, in das sich die Savoyarden kleiden, dicke eisenbeschlagene Stiefel und keine Strümpfe. Dies Kostüm war genau das des Vaters; nur trug Farrabesche einen breiten Bauernfilzhut auf dem Kopfe und der Kleine trug eine braune Leinenkappe. Obwohl des Kindes Physiognomie geistreich und beseelt war, trug sie doch mühelos die den in der Einsamkeit lebenden Kreaturen eigentümliche Ernsthaftigkeit zur Schau; sie hatte sich mit dem Schweigen und dem Leben der Wälder in Einklang bringen müssen. Auch waren Farrabesche und sein Sohn besonders nach der physischen Seite hin entwickelt, sie besaßen die bemerkenswerten Eigenschaften der Wilden: einen durchdringenden Blick, ständige Aufmerksamkeit, eine gewisse Herrschaft über sich selbst, das sichere Ohr, eine sichtliche Beweglichkeit und eine gewandte Klugheit. Beim ersten Blick, den das Kind auf seinen Vater warf, merkte Madame Graslin eine jener grenzenlosen Zuneigungen, wo der Instinkt sich an das Denkvermögen gewöhnt hat und wo das tätigste Glück sowohl das Wollen des Instinktes als auch die Prüfung des Denkvermögens bekräftigt.

»Das ist der Junge, von dem man mir gesprochen hat?« sagte Véronique, auf das Kind hinweisend.

»Ja, Madame!«

»Sie haben also keinen Schritt getan, um seine Mutter wiederzufinden?« fragte Véronique Farrabesche, indem sie ihn durch ein Zeichen einige Schritte beiseite führte.

»Madame weiß zweifelsohne nicht, daß es mir verboten ist, mich aus der Gemeinde, in der ich mich aufhalte, zu entfernen . . .«

»Und niemals haben Sie Nachrichten erhalten?«

»Am Ende meiner Zeit«, antwortete er, »händigte mir der Kommissar eine Summe von tausend Franken aus, die sie mir in kleinen Beträgen von drei Monaten zu drei Monaten gesandt hatte und die man mir nach den Vorschriften nicht vor dem Entlassungstage geben durfte. Ich hab' gemeint, daß nur Cathérine an mich gedacht haben könnte, da es Monsieur Bonnet nicht war; nun, ich hab' die Summe auch für Benjamin aufgehoben.«

»Und Cathérines Eltern?«

»Haben nach ihrem Fortgange nicht mehr an sie gedacht. Uebrigens taten sie genug, da sie sich ja des Kleinen annahmen!«

»Gut, Farrabesche,« sagte Véronique, sich nach dem Hause zurückwendend; »ich will alles tun, um zu erfahren, ob Cathérine noch lebt, wo sie ist, was für eine Lebensweise sie führt . . .«

»Oh, wie die auch sein möge,« rief der Mann sanft, »ich will es als ein Glück erachten, sie als Frau zu haben. Ihr kommt's zu, sich schwierig zu erzeigen, und nicht mir. Unsere Heirat würde den armen Jungen, der noch nichts von seiner Lage ahnt, legitimieren.«

Der Blick, den der Vater auf den Sohn warf, erklärte das Leben dieser beiden aufgegebenen oder freiwillig abgetrennten Wesen: sie bedeuteten wie zwei Landsleute inmitten einer Wüste einander alles.

»Also lieben Sie Cathérine?« fragte Véronique.

»Ich würde sie nicht bloß in meiner Lage lieben, Madame,« antwortete er; »sie ist für mich die einzige Frau, die's auf der Welt gibt.«

Lebhaft wandte Madame Graslin sich um und ging, wie von einem Schmerz überrascht, bis nach dem Kastanienwäldchen. Der Wächter glaubte, daß irgendeine Laune über sie gekommen sei, und wagte ihr nicht zu folgen. Etwa eine Viertelstunde lang blieb Véronique dort anscheinend damit beschäftigt, die Landschaft zu betrachten. Von dort aus überschaute sie den ganzen Teil des Waldes, der jene Talseite bedeckt, wo der Sturzbach fließt; damals war er wasserlos und voller Steine und glich einem ungeheuren Graben, der zwischen die mit Montégnac zusammenhängenden beholzten Berge und eine andere Gebirgskette gedrängt ist, die parallel läuft, jäh, vegetationslos aufsteigt und kaum von einigen schlecht gewachsenen Bäume bekrönt wird. Diese andere Kette, wo einige Birken, Wacholderbüsche und Heidekraut von ziemlich trostlosem Aussehen wachsen, gehört einer benachbarten Domäne und zum Bezirk la Corrèze. Ein Vizinalweg, der den Unebenheiten des Tales folgt, dient als Grenze zwischen dem Bezirke Montégnac und den beiden anderen Ländereien. Diese ziemlich unangenehme, schlecht gelegene Rückseite trägt wie eine Einfriedigungsmauer einen schönen Waldteil, der sich auf dem anderen Abhange dieses langen Hügels hinzieht, dessen Dürre einen völligen Gegensatz zu dem bildet, auf welchem Farrabesches Haus steht. Auf einer Seite rauhe und zerklüftete Formen, auf der anderen anmutige Formen, reizvolle Krümmungen; auf der einen Seite die kalte und schweigende Unbeweglichkeit unfruchtbarer Bodenstücke, die durch horizontale Steinblöcke, nackte und kahle Felsen gehalten werden, auf der anderen Bäume von verschiedenem Grün, deren Mehrzahl in diesem Augenblick zwar der Blätter beraubt sind, deren schöne, gerade und verschieden gefärbte Stämme sich in jeder Terrainfalte erheben und deren Zweige sich dann nach des Windes Willen bewegen. Einige Bäume, die widerstandsfähiger als die anderen sind, wie Eichen, Ulmen, Rüstern, Kastanien behalten ihre gelben, bronzenen und veilchenblauen Blätter. Nach Montégnac hin, wohin das Tal sich auf übermäßige Weise verbreitert, bilden die beiden Abhänge ein ungeheures Hufeisen; und von der Stelle aus, wo Véronique an einen Baum gelehnt stand, konnte sie die wie Stufen eines Amphitheaters sich aufbauenden Täler sehen, wo die Baumwipfel einander wie Menschengestalten überragen. Diese schöne Landschaft bildete die Rückseite ihres Parks, in den sie später einbezogen wurde. Auf der Seite von Farrabesches Hütte verengerte sich das Tal mehr und mehr und lief schließlich in einen Paß von etwa hundert Fuß Breite aus.

Die Schönheit dieser Aussicht, über welche Véroniques Augen mechanisch hinirrten, brachte sie bald auf sich selbst zurück. Sie wandte sich wieder dem Hause zu, wo Vater und Sohn schweigend aufrecht standen, ohne sich die merkwürdige Geistesabwesenheit ihrer Herrin zu erklären zu suchen. Sie untersuchte das Haus, das mit mehr Sorgfalt gebaut, als die Strohbedachung es vermuten ließ, und zweifelsohne seit der Zeit verlassen worden war, als die Navarreins sich nicht mehr um diese Domäne gekümmert hatten. Je mehr Jagdbezirke, desto mehr Wächter. Obwohl das Haus seit mehr als hundert Jahren leer stand, waren die Mauern gut, doch hatten sie Efeu und Schlinggewächse von allen Seiten überwuchert. Als man Farrabesche erlaubt hatte, dort zu bleiben, hatte er das Dach mit Stroh bedecken lassen, selbst hatte er den Raum innen mit Fliesen belegt und dort den gesamten Hausrat zusammengebracht. Beim Eintreten bemerkte Véronique zwei Bauernbetten, einen schweren Nußbaumschrank, einen Backtrog fürs Brot, eine Anrichte, einen Tisch, drei Stühle, und in den Anrichtenfächern verschiedene irdene Teller, kurz, alle fürs Leben notwendigen Geräte. Ueber dem Kamine hingen zwei Flinten und zwei Jagdtaschen. Eine Menge vom Vater für das Kind verfertigter Sachen verursachten Véronique eine tiefe Rührung: ein aufgetakeltes Schiff, eine Schaluppe, ein geschnitzter Holzbecher, eine wundervoll gearbeitete Holzdose, eine Lade aus Strohmosaik, ein Kruzifix und ein Rosenkranz; alles prächtige Dinge. Der Rosenkranz bestehend aus Pflaumenkernen, die auf jeder Seite einen Kopf von wunderbarer Feinheit zeigten, da gab's einen Christus, die Apostel, die Madonna, den heiligen Johannes den Täufer, den heiligen Josef, die heilige Anna und die beiden Magdalenen.

»Das hab' ich gemacht, um den Kleinen an langen Winterabenden zu unterhalten,« sagte er, wie um sich zu entschuldigen.

Die Vorderfront des Hauses ist mit Jasmin und hochstämmigen Rosen bepflanzt, die an die Mauer gebunden sind, und die Fenster des ersten unbewohnten Stocks umblühen, wo Farrabesche seine Vorräte verschloß. Er hatte Hühner, Enten und zwei Schweine; er kaufte nur Brot, Salz, Zucker und einige Spezereien. Weder er noch sein Sohn tranken Wein.

»Alles, was man mir von Ihnen erzählt hat, und ich selber sehe,« sagte Madame Graslin schließlich zu Farrabesche, »erweckt in mir ein lebhaftes Interesse für Sie, das nicht unfruchtbar bleiben soll.«

»Daran erkenne ich Monsieur Bonnet!« rief Farrabesche in gerührtem Ton.

»Sie täuschen sich; der Herr Pfarrer hat mir noch nichts gesagt; der Zufall, oder Gott vielleicht, hat alles getan.«

»Ja, Madame, Gott! Gott allein kann Wunder für einen Unglücklichen wie mich tun!«

»Wenn Sie unglücklich gewesen sind,« sagte Madame Graslin mit zartfühlender weiblicher Aufmerksamkeit, die Farrabesche rührte, ziemlich leise, damit das Kind nichts hörte, »so machen Ihre Reue, Ihre Aufführung und des Herrn Pfarrers Schätzung Sie würdig, glücklich zu sein. Ich habe die notwendigen Befehle erteilt, um die Bauten der großen Pächterei zu vollenden, die nach Monsieur Graslins Absichten beim Schlosse aufgeführt werden sollte; Sie sollen mein Pächter werden und Gelegenheit haben, Ihre Kräfte, Ihren Fleiß zu entfalten und Ihren Sohn zu beschäftigen. Der Generalprokurator in Limoges soll wissen, wer Sie sind, und die demütigenden Bedingungen ihres Banns, der Ihr Leben beengt, werden schwinden, das versprech' ich Ihnen!«

Bei diesen Worten fiel Farrabesche wie durch die Verwirklichung einer vergebens geliebkosten Hoffnung niedergeschmettert auf seine Knie; er küßte den Saum von Madame Graslins Reitkleid und küßte ihre Füße. Als Benjamin die Tränen in, seines Vaters Augen sah, fing er zu schluchzen an, ohne zu wissen warum.

»Stehen Sie auf, Farrabesche,« sagte Madame Graslin, »Sie wissen nicht, wie selbstverständlich es ist, daß ich für Sie tue, was ich Ihnen hier verspreche . . . Nicht wahr, Sie haben jene grünen Bäume dort gepflanzt?« sagte sie, auf einige Weißtannen, die Pinien des Nordens, Fichten und Lärchen am Fuße des gegenüberliegenden trocknen und dürren Hügels zeigend.

»Ja, Madame!«

»Dort ist das Erdreich also besser?«

»Die Gewässer verwüsten jene Felsen dort immer und setzen bei uns ein bißchen lockeren Boden ab; das hab' ich ausgenutzt, denn die ganze Länge des Tales, die unterhalb des Weges liegt, gehört Ihnen. Der Weg bildet die Grenzlinie.«

»Rinnt denn viel Wasser in jenem langen Talgrunde?«

»Oh, Madame!« rief Farrabesche, »in einigen Tagen, wenn das Wetter etwa regnerisch geworden ist, werden Sie vielleicht vom Schlosse aus den Wildbach tosen hören! Doch nichts ist mit dem zu vergleichen, was zur Zeit der Schneeschmelze vor sich geht. Die Wassermengen stürzen dann durch die im Rücken von Montégnac gelegenen Waldteile, jene großen an die Bergkette grenzenden Hänge, an dem Ihre Gärten und der Park liegen, hinunter; kurz, alle Gewässer dieser Hügel fließen dorthin und bilden eine Ueberschwemmung. Zu Ihrem Glücke halten die Bäume das Erdreich fest, das Wasser gleitet über die Blätter hin, die im Herbst wie ein Wachstuchteppich sind; ohne das würde der Boden im Talgrunde höher werden, aber die Neigungsfläche ist auch recht steil, und ich weiß nicht, ob das mitgeführte Erdreich dort bleiben würde.«

»Wo gehen die Gewässer hin?« fragte Madame Graslin, aufmerksam geworden.

Farrabesche wies auf die enge Schlucht hin, die das Tal unterhalb seines Hauses zu schließen schien:

»Sie ergießen sich auf ein kreidiges Plateau, das Limousin von der Corrèze trennt und bleiben dort in grünen Pfützen mehrere Monate lang; dann verlieren sie sich aber langsam in den Erdporen. Kein Mensch wohnt in dieser ungesunden Ebene, wo auch nichts hochkommen will. Kein Tier will die Binsen und das Schilf fressen, die in diesen brackigen Gewässern wachsen. Dies wüste Land, welches vielleicht dreitausend Arpents umfaßt, dient drei Gemeinden als Gemeindeweideplatz; aber es verhält sich dort wie mit der Ebene von Montégnac, man kann nichts damit anfangen. Bei Ihnen auf Ihrem Kiesboden gibt's noch ein bißchen Sand und Erde, dort aber ist nur reiner Tuffstein.«

»Lassen Sie die Pferde holen, ich will alles selber sehen.«

Benjamin ging fort, nachdem Madame Graslin ihm die Stelle bezeichnet hatte, wo Maurice sich aufhielt.

»Sie, der Sie, wie man mir gesagt hat, die geringsten Eigenarten des Landes hier kennen,« fuhr Madame Graslin fort, »sollen mir erklären, warum die Abdachungen meines Waldes, die nach der Ebene von Montégnac hin liegen, nicht einen Wasserlauf, nicht den kleinsten Sturzbach, weder in den Regenzeiten noch zur Schneeschmelze, nach dort senden.«

»Ach, Madame!« antwortete Farrabesche, »den Grund davon hat der Herr Pfarrer, der sich so viel mit Montégnacs Gedeihen befaßt, erraten, ohne den Beweis zu haben. Seitdem Sie hier angekommen sind, hat er mich von Stelle zu Stelle den Weg der Gewässer in jeder Schlucht, in all den Tälern untersuchen lassen. Gestern kam ich. vom Fuße der Roche-Vive, wo ich die Terrainbewegungen geprüft hatte, in dem Augenblick zurück, wo ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen.

Ich hatte das Pferdegetrappel gehört und wollte wissen, wer von dort käme. Monsieur Bonnet ist nicht nur ein Heiliger, Madame, er ist auch ein Gelehrter. »Farrabesche« – hat er zu mir gesagt – ich arbeitete damals an der Straße, welche die Gemeinde nach dem Schloße hin fertigbaute, von dort aus zeigte mir der Herr Pfarrer die ganze Gebirgskette von Montégnac bis zur Roche-Vive von fast zwei Meilen Länge – »damit dieser Abhang kein Wasser in die Ebene ergießt, muß die Natur eine Art Rinne geschaffen haben, die es anderswo hinführt!« – Nun, Madame, diese Erwägung ist so einfach, daß sie dumm zu sein scheint, ein Kind könnte sie anstellen! Doch kein Mensch, seitdem Montégnac Montégnac ist, weder die Edelleute noch die Verwalter, noch die Wächter, noch die Armen, noch die reichen Leute, welche, die einen wie die anderen, die Ebene des Wassermangels wegen unbebaut sahen, haben sich gefragt, wohin sich die Wassermengen des Gabou verliefen; der Gottesmann mußte kommen . . .«

Farrabesche hatte feuchte Augen, als er dies Wort aussprach. – »Alles, was geniale Leute finden,« sagte Madame Graslin, »ist so einfach, daß jeder glaubt, er würde es gefunden haben . . . Doch,« sagte sie zu sich selber, »das Genie hat das Gute, daß es aller Welt gleicht und daß ihm niemand gleicht.«

»Sofort,« erzählte Farrabesche weiter, »begriff ich Monsieur Bonnet; er brauchte mir keine langen Reden zu halten, damit ich meinen Auftrag verstände. Madame, die Tatsache ist um so merkwürdiger, als es auf der Seite Ihrer Ebene, denn sie gehört Ihnen ganz, ziemlich tiefe Risse in den Bergen gibt, die durch Schluchten und sehr tiefe Erdrisse gegraben sind; aber, Madame, all diese Spalten, diese Täler, Schluchten, Schlünde, diese Rinnsale endlich, durch welche die Gewässer fließen, senken sich in ein kleines Tal, das einige Fuß tiefer liegt als der Boden Ihrer Ebene. Heute weiß ich den Grund dieser Naturerscheinung, und zwar ist's der: von der Roche-Vive bis Montégnac zieht sich am Fuße der Berge eine Art Bankett hin, dessen Höhe zwischen zwanzig und dreißig Fuß wechselt. Es wird an keiner Stelle unterbrochen und setzt sich aus einer Felsart zusammen, die Monsieur Bonnet Schiefer nennt. Die Erde, die viel weicher ist als Stein, hat nachgegeben, ist ausgehöhlt worden, die Gewässer haben ihren Lauf durch die Ausschnitte dann natürlich nach dem Gabou genommen. Bäume, Gestrüppe und Sträucher verbergen diese Bodenbeschaffenheit dem Auge; wenn man aber die Wasserbewegung und die Spur, die ihr Lauf hinterläßt, verfolgt, kann man sich leichtlich von der Tatsache überzeugen. Der Gabou nimmt also die Gewässer der beiden Sturzbäche auf, die von der Rückseite der Berge, an deren Höhe Ihr Park liegt, und die von den Felsen, die uns hier gegenüber sind. Nach des Herrn Pfarrers Ideen wird dieser Stand der Dinge aufhören, wenn die natürlichen Rinnen des Abhanges, der auf Ihre Ebene sieht, sich durch Erdmassen und Steine, die sie mit sich führen, verstopfen, und sie höher werden als der Grund des Gabou. Ihre Ebene wird dann, wie die Gemeindewiesen, die Sie sehen wollen, überschwemmt werden; doch dazu sind hundert Jahre nötig. Ist's übrigens zu wünschen, Madame? Wenn Ihr Boden diese Wassermenge nicht aufsöge, wie es der der Gemeindeweiden tut, würde Montégnac stehende Gewässer haben, die das Land verpesten dürften.«

»Die Plätze also, wo der Herr Pfarrer mir vor einigen Tagen Bäume zeigte, die ihr grünes Laub noch tragen, sollten demnach die natürlichen Rinnen sein, durch welche die Wassermengen in das Felsenbett des Gabou strömen?«

»Ja, Madame. Von der Roche-Vive bis Montégnac gibt's drei Bergketten, folglich drei Pässe, durch welche die von dem Schieferbankett aufgehaltenen Gewässer sich in den Gabou ergießen. Der noch grüne Waldgürtel, der am Fuße liegt, und zu Ihrer Ebene zu gehören scheint, zeigt die vom Herrn Pfarrer festgestellte Rinne an.

»Was Montégnacs Unglück bildet, wird bald sein Glück sein,« sagte Madame Graslin mit dem Tone vollster Ueberzeugung. »Und da Sie das erste Werkzeug dieses Werks gewesen sind, sollen Sie daran teilnehmen und tüchtige und ergebene Arbeiter suchen, denn Geldmangel muß man durch Ergebenheit und Arbeit ersetzen.«

Benjamin und Maurice langten im Augenblick an, wo Madame Graslin diese Phrase vollendete; sie faßte den Zügel ihres Pferdes und machte Farrabesche ein Zeichen, Maurices Tier zu besteigen.

»Führen Sie mich nach dem Punkt,« sagte sie, »wo die Wassermengen sich auf die Gemeindewiesen ergießen.«

»Es ist um so nutzbringender, daß Madame dorthin geht,« sagte Farrabesche, »als der verstorbene Monsieur Graslin auf des Herrn Pfarrers Rat hin an der Mündung dieser Schlucht Besitzer von dreihundert Arpents geworden ist, auf denen die Wassermengen Schlamm zurücklassen, wodurch in einer gewissen Ausdehnung schließlich gutes Erdreich entstanden ist. Madame wird die Rückseite der Roche-Vive sehen, auf der sich prachtvolle Wälder hinziehen, und wo Monsieur Graslin sicherlich eine Pachtung errichtet haben würde. Die geeignetste Stelle dazu dürfte dort sein, wo die Quelle endigt, die sich bei meinem Hause befindet und die man ausnützen könnte.«

Farrabesche ritt als erster, um den Weg zu zeigen, und ließ Véronique einen steilen Pfad verfolgen, der nach der Stelle führte, wo die beiden Abhänge einander nahekamen und sich dann, wie von einem Anprall zurückgeschleudert, der eine nach Osten, der andere nach Westen trennten. Dieser Hals, der von großen Steinen, zwischen denen hohe Kräuter wucherten, angefüllt war, hatte eine Breite von etwa sechzig Fuß. Die aus hartem Stein geschnittene Roche-Vive stieg wie eine Granitmauer hoch, auf der es nicht den mindesten Kiesboden gab; die Spitze dieser starren Mauer wurde von Bäumen gekrönt, deren Wurzelwerk herabhing. Föhren umfaßten den Boden mit ihren gabelförmigen Wurzeln und schienen sich dort festzuhalten wie einen Zweig umklammernde Vögel. Die gegenüberliegende, durch die Zeit ausgehöhlte Höhe hatte eine steile, sandige und gelbe Front, sie wies nicht nur tiefe Höhlungen, Vertiefungen ohne Festigkeit auf; ihr weicher und mürber Fels zeigte Ockertöne. Einige Stechblattpflanzen, am Fuße große Kletten, Binsen und Wassergewächse deuteten sowohl die Nordlage als auch die Dürftigkeit des Bodens an. Das Bett des Wildbachs bestand aus ziemlich harten, aber gelblichen Steinen. Ersichtlich waren die beiden Gebirgsketten, obwohl sie parallel liefen und wie im Augenblick der Katastrophe, die den Erdball verändert hat, gespalten erschienen, durch eine unerklärliche Laune, oder durch einen unbekannten Grund, dessen Entdeckung dem Genie zukommt, aus gänzlich verschiedenen Elementen zusammengesetzt. Der Kontrast ihrer beiden Naturen sprang besonders an dieser Stelle ins Auge. Von dort aus erblickte Véronique ein ausgedehntes trockenes Plateau, ohne jegliche Vegetation, das, was die Aufsaugung der Gewässer erklärte, kreidehaltig und von Brackwassertümpeln oder Stellen, wo der Boden abgebröckelt war, durchsetzt war. Zur Rechten sah man die Berge der Corrèze. Zur Linken verweilte der Blick auf der ungeheuren, mit den schönsten Bäumen bestandenen Prellwand der Roche-Vive, zu deren Füßen sich eine Wiesenfläche von etwa zweihundert Arpents ausbreitete, deren Vegetation gegen den häßlichen Anblick dieses öden Plateaus abstach.

»Mein Sohn und ich haben den Graben gemacht, den Sie da unten erblicken,« sagte Farrabesche, »und den Ihnen die hohen Kräuter anzeigen; er soll auf den treffen, der Ihren Wald umfaßt. Auf der Seite hier werden Ihre Domänen durch eine Einöde begrenzt, denn das erste Dorf liegt eine Meile fort von hier.« Véronique sprengte lebhaft in diese trostlose Ebene hinein und ihr Wächter folgte ihr. Sie ließ ihr Pferd über den Graben springen, ritt mit verhängten Zügeln in die finstere Landschaft, und schien ein wildes Vergnügen daran zu finden, dies unendliche Bild der Trostlosigkeit zu betrachten.

Farrabesche hatte recht. Keine Kraft, keine Macht konnte Vorteil aus diesem Boden ziehen, der unter den Tritten der Pferde widerhallte, wie wenn er hohl wäre. Obwohl diese Wirkung durch die naturgemäß durchlässigen Kreidemassen hervorgerufen wurde, so gab es doch auch Spalte, durch welche die Gewässer verschwanden und davoneilten, um zweifelsohne entfernte Quellen zu speisen.

»Gleichwohl gibt es Seelen, die so sind!« rief Véronique, indem sie ihr Pferd anhielt, nachdem sie eine Viertelstunde lang galoppiert hatte.

Nachdenksam verweilte sie inmitten dieser Wüste, wo es weder Tiere noch Insekten gab, und die von den Vögeln nicht überflogen wurde. In der Ebene von Montégnac fand man wenigstens Kiesel, Sandmassen, etwas lockeren oder lehmigen Boden, Trümmer, eine etliche Zoll tiefe Kruste, wo die Bebauung eingreifen konnte; hier aber ermüdete nur undankbarster Tuff, der noch nicht Stein und keine Erde mehr war, den Blick sehr; hier mußte man seine Augen zu der Unendlichkeit des Aethers erheben. Nachdem sie die Grenze ihrer Wälder und die von ihrem Gatten gekaufte Weidefläche betrachtet hatte, kehrte Véronique, jedoch langsam, nach dem Anfang des Gabou zurück. Dort überraschte sie Farrabesche, der eine Art Graben betrachtete, der glauben zu machen schien, daß ein Spekulant diesen trostlosen Winkel zu erforschen versucht habe, indem er sich eingebildet, daß die Natur hier Reichtümer verborgen hätte.

»Was haben Sie?« sagte Véronique zu ihm, als sie auf diesem männlichen Gesichte einen Ausdruck tiefer Traurigkeit erblickte.

»Ich verdanke diesem Graben mein Leben, Madame, oder um mit mehr Folgerichtigkeit zu reden, die Zeit in mich zu gehen und meine Fehler in den Augen der Menschen wiedergutzumachen!«

Diese Art, das Leben zu erklären, hatte die Wirkung, Madame Graslin an den Graben zu fesseln, wo sie ihr Pferd anhielt.

»Ich versteckte mich dort, Madame. Das Terrain ist so widerhallend, daß ich, das Ohr an die Erde gelegt, auf mehr als eine Meile Entfernung die Pferde der Gendarmerie oder den Schritt der Soldaten, der etwas eigentümliches ist, hören konnte. Ich rettete mich durch den Gabou an eine Stelle, wo ich ein Pferd hatte, und legte immer zwischen mich und die zu meiner Verfolgung unterwegs waren, fünf oder sechs Meilen. Cathérine brachte mir während der Nacht Essen; wenn sie mich nicht traf, fand ich immer Brot und Wein in einem mit einem Stein bedeckten Loche.«

Diese Erinnerung an ein irrendes und strafbares Leben, die Farrabesche schaden konnte, forderte bei Madame Graslin das nachsichtigste Mitleid heraus; doch entfernte sie sich schnell nach dem Gabou hin, wohin ihr der Wächter folgte. Während sie diese Oeffnung ausmaß, durch die man das auf einer Seite so lachende, auf der anderen so zerstörte Tal, und im Hintergrunde in mehr als einer Meile Entfernung die sich abstufenden Hügel der Rückseite von Montégnac sah, sagte Farrabesche:

»In einigen Tagen wird es dort gehörige Wasserfälle geben!«

»Und im nächsten Jahre, an einem ähnlichen Tage wird dort nicht ein einziger Wassertropfen mehr durchkommen. Ich bin auf der einen und der anderen Seite auf meinem Grund und Boden und werde eine Mauer bauen lassen, die stark und hoch genug ist, um die Gewässer aufzuhalten. Statt eines Tales, das nichts einbringt, werde ich einen See von zwanzig, dreißig, vierzig oder fünfzig Fuß Tiefe in einer Ausdehnung einer Meile haben, ein ungeheures Reservoir, das mir das Wasser für die Bewässerung liefern soll, durch die ich die ganze Ebene von Montégnac fruchtbar machen will!«

»Der Herr Pfarrer hatte recht, Madame, wenn er uns sagte, als wir Ihre Straße fertigstellten: ›Ihr arbeitet für Eure Mutter!‹ Möge Gott einem derartigen Unternehmen seinen Segen geben!«

»Schweigen Sie darüber, Farrabesche,« sagte Madame Graslin. »Der Gedanke stammt von Monsieur Bonnet.«

Als Véronique nach Farrabesches Hause zurückgekommen war, nahm sie Maurice von dort mit und kehrte sofort ins Schloß zurück. Als ihre Mutter und Aline Véronique erblickten, waren sie betroffen über den Wechsel ihrer Physiognomie; die Hoffnung, dem Lande Gutes zu tun, hatte ihr wieder ein glückliches Aussehen gegeben. Madame Graslin schrieb an Grossetête, er möchte Monsieur de Granville um die völlige Freiheit des armen freigelassenen Zuchthäuslers bitten, über dessen Aufführung sie Aufschlüsse gab, die ihr durch ein Zeugnis des Bürgermeisters von Montégnac und durch einen Brief Monsieur Bonnets bestätigt wurden. Sie fügte diesem Eilbriefe auch Auskünfte über Cathérine Curieux bei und bat Grossetête, den Generalprokurator für die gute Handlung, die sie in Betracht zöge, zu interessieren, und an die Polizeipräfektur in Paris zu schreiben, um das Mädchen wiederzufinden. Der Umstand allein, daß sie Gelder in das Bagno gesandt, wo Farrabesche seine Strafe abgesessen hatte, mußte hinreichende Fingerzeige geben. Véronique wünschte zu wissen, warum Cathérine es unterlassen hatte, zu ihrem Kinde und zu Farrabesche zurückzukehren. Dann teilte sie ihrem alten Freunde noch die Entdeckungen beim Wildbache des Gabou mit und drang auf die Wahl des geschickten Mannes, um den sie bereits gebeten hatte.

Der folgende Tag war ein Sonntag und der erste seit ihrer Ankunft in Montégnac, an dem Véronique sich imstande fühlte, die Messe in der Kirche anzuhören; sie kam dorthin und nahm Platz auf der Bank, die ihr in der Jungfraukapelle gehörte. Als sie sah, wie kahl die Kirche war, nahm sie sich vor, jedes Jahr eine Summe für die Bedürfnisse des Baus und die Ausschmückung der Altäre auszuwerfen. Sie hörte die sanfte, salbungsvolle, engelgleiche Stimme des Pfarrers, dessen Predigt, wiewohl sie in einfachen Worten und dem bäuerlichen Verständnisse entsprechend gehalten war, wahrhaft erhebend wirkte. Das Erhabene kommt aus dem Herzen, der Verstand findet es nicht; und die Religion ist ein unversiegbarer Born dieses Erhabenen ohne glänzende Feuer; denn der Katholizismus, der die Herzen durchdringt und ändert, ist ganz Herz. Monsieur Bonnet fand in den Episteln einen auszulegenden Text, der zeigte, daß Gott früher oder später seine Versprechungen erfülle, die Seinigen begünstige und die Guten ermutige. Er erklärte die großen Dinge, die sich für die Gemeinde aus der Anwesenheit einer mildtätigen reichen Frau ergäben, indem er auseinandersetzte, daß die Pflichten des Armen dem reichen Wohltäter gegenüber ebenso weit gehen, wie die des Reichen dem Armen gegenüber; ihre Hilfe müsse gegenseitig sein.

Farrabesche hatte mit einigen von den Leuten, die ihn jener christlichen Nächstenliebe wegen, die Monsieur Bonnet in der Gemeinde in Ausübung gebracht hatte, gern sahen, über das Wohlwollen gesprochen, dessen Gegenstand er war. Madame Graslins Benehmen ihm gegenüber bildete den Gesprächsstoff der ganzen Gemeinde, die nach ländlichem Brauche vor der Messe auf dem Kirchenplatz versammelt war. Nichts war geeigneter, Véronique die Freundschaft dieser ungewöhnlich empfänglichen Gemüter zu erwerben. So fand sie denn auch, als sie die Kirche verließ, fast die ganze Gemeinde in zwei Reihen aufgestellt. Jeder grüßte sie, als sie vorbeiging, in tiefem Schweigen ehrfurchtsvoll. Sie war über solchen Empfang gerührt, ohne den wirklichen Grund dafür zu ahnen; sie bemerkte Farrabesche als einen der letzten und sagte zu ihm:

»Sie sind ein geschickter Jäger, vergessen Sie nicht, uns Wildbret zu bringen!«

Einige Tage später lustwandelte Véronique mit dem Pfarrer in dem dem Schlosse benachbarten Teile des Waldes und wollte mit ihm in die sich abstufenden Täler hinuntergehen, die sie von Farrabesches Hause aus gesehen hatte. Sie erlangte dann die Gewißheit der Lage der oberen Zuflüsse des Gabou. Dieser Prüfung zufolge bemerkte der Pfarrer, daß die Gewässer, welche einige Teile des oberen Montégnac befruchteten, aus den Bergen der Corrèze kamen. Diese Zackenketten vereinigten sich an dieser Stelle mit dem Gebirge durch jenen trockenen Abhang, der parallel mit der Kette der Roche-Vive lief. Der Pfarrer bekundete bei der Rückkehr von dem Spaziergange eine kindliche Freude: mit der Naivität eines Dichters sah er das Blühen seines geliebten Dorfes. Ist der Dichter nicht der Mensch, der seine Hoffnungen vor der Zeit erfüllt? Monsieur Bonnet mähte schon sein Heu, als er von der Höhe der Terrasse aus auf die noch unbebaute Ebene hinwies.

Am folgenden Tage stellten sich Farrabesche und sein Sohn mit Wildbret beladen ein. Der Wächter brachte für Francis Graslin einen aus Kokosnußschale geschnitzten Becher mit, ein wahrhaftes Meisterwerk, das eine Schlacht darstellte. Madame Graslin erging sich in diesem Moment auf der Terrasse; sie stand auf der Seite, die auf les Tascherons blickte. Sie setzte sich auf eine Bank, nahm den Becher und betrachtete das Feenwerk lange. Einige Tränen kamen ihr in die Augen.

»Sie haben viel aushalten müssen,« sagte sie nach einem langen Moment des Schweigens zu Farrabesche.

»Was ist zu machen, Madame,« antwortete er, »wenn man dasitzt, ohne den Gedanken zu entfliehen, der das Leben fast aller Verurteilten erhält, fassen zu können? . . .«

»Das ist ein schreckliches Leben!« sagte sie mit beklagendem Tone, indem sie Farrabesche durch eine Geste und einen Blick zum Sprechen aufforderte.

Farrabesche hielt das konvulsivische Zittern und all die Zeichen der Erregung, die er bei Madame Graslin sah, für ein lebhaftes Interesse mitleidiger Neugier. In diesem Augenblicke zeigte sich die Sauviat in einer Allee und schien kommen zu wollen; Véronique aber zog ihr Taschentuch, machte ein abwehrendes Zeichen und sagte mit einer Lebhaftigkeit, die sie der alten Auvergnatin niemals gezeigt hatte:

»Lassen Sie mich, liebe Mutter!«

»Madame,« sagte Farrabesche, auf sein Bein zeigend, »fünf Jahre lang habe ich eine an einem großen Ring befestigte Kette getragen, die mich an einen anderen Menschen band. Während meiner Zeit bin ich gezwungen gewesen, mit drei Verurteilten zusammenzuleben. Habe auf einer hölzernen Pritsche geschlafen. Ich mußte außergewöhnlich viel arbeiten, um mir eine kleine Matraze zu verschaffen, die man »Schlangenrohr« nannte. Jeder Saal enthält achthundert Männer. Jede der dort stehenden Pritschen beherbergt vierundzwanzig Leute, die alle zwei zu zwei zusammengekettet sind. Jeden Abend und jeden Morgen zieht man die Kette eines jeglichen Paares durch eine das »Plundergarn« genannte große Kette. Dies Garn hält alle Paare an den Füßen fest und läuft an den Pritschen entlang. Nach zwei Jahren hatte ich mich noch nicht an das Geräusch dieser Eisenkette gewöhnt, die einem in jedem Augenblicke wiederholt: »Du bist im Bagno!« Wenn man einen Moment einschläft, bewegt sich irgendein bösartiger Gefährte oder schimpft und erinnert einen daran, wo man ist. Nur ums Schlafen zu lernen, hat man eine Lehrzeit durchzumachen. Kurz, ich habe Schlaf nur gekannt, wenn ich durch übermäßige Ermüdung am Ende meiner Kräfte angelangt war. Wenn ich habe schlafen können, hab' ich wenigstens die Nächte zum Vergessen gehabt. Dort will's was heißen, das Vergessen! In den kleinsten Einzelheiten muß ein Mensch, wenn er einmal dort ist, seine Bedürfnisse in der von der unbarmherzigsten Vorschrift festgesetzten Weise befriedigen lernen. Stellen Sie sich vor, Madame, welche Wirkung solch ein Leben auf einen Burschen wie mich ausüben mußte, der wie Rehe und Vögel in Wäldern gelebt hatte! Wenn ich mein Brot nicht sechs Monate über hinter den Gefängnismauern gegessen hätte, ach, da würd' ich mich trotz Monsieur Bonnets schöner Worte, der, das kann ich sagen, der Vater meiner Seele gewesen ist, beim Anblick meiner Gefährten ins Meer gestürzt haben! In der frischen, freien Luft ging's noch, aber war man einmal im Saal, sei's um zu schlafen, sei's um zu essen, – denn man ißt dort aus Kübeln, und jeder Kübel ist für drei Paare bestimmt, – dann lebte ich nicht mehr. Die wilden Gesichter und die Sprache meiner Gefährten sind mir stets zuwider gewesen. Glücklicherweise gingen wir um fünf Uhr im Sommer, um sieben Uhr zur Winterzeit trotz Wind, Kälte, Hitze und Regen an die Ermüdung, das heißt an die Arbeit. Der größte Teil dieses Lebens spielte sich im Freien ab, und die Luft kommt einem gut vor, wenn man aus einem Saal herausgeht, wo achthundert Männer sich rühren . . . Diese Luft, bedenken Sie's wohl, ist Meerluft! Man freut sich an den Brisen, man versteht sich mit der Sonne gut, man kümmert sich um die Wolken, die vorüberziehen, man hofft auf einen schönen Tag . . . Ich, ich kümmerte mich um meine Arbeit . . . .«

Farrabesche hielt inne, dicke Tränen rannen über Véroniques Wangen.

»O, Madame, ich hab' Ihnen ja nur die rosigen Seiten dieses Daseins geschildert!« rief er, Madame Graslins Gesichtsausdruck auf sich beziehend. »Die schrecklichen, von der Regierung angewandten Vorsichtsmaßregeln, die ständige, von den Stockmeistern ausgeübte Nachforschung, die abendliche und morgendliche Untersuchung der Ketten, die grobe Nahrung, die häßliche Kleidung, die einen jeden Augenblick demütigt, die Qual während des Schlafs, das schreckliche Geräusch von vierhundert Doppelketten in dem tönenden Saale, die Aussicht, füsiliert und mit Kartätschen beschossen zu werden, wenn es sechs üblen Subjekten beifällt, sich zu empören, diese furchtbaren Bedingungen, sind keine von den rosigen Seiten, die ich Ihnen erzählt habe. Ein Mensch, ein Bürger, der das Unglück hatte, dorthin zu kommen, müßte in kurzer Zeit dort sterben. Muß man nicht miteinander leben? Ist man nicht gezwungen, die Gesellschaft von fünf Männern bei den Mahlzeiten und von dreiundzwanzig während des Schlafes zu ertragen und ihre Gespräche anzuhören? Diese Gesellschaft, Madame, hat ihre heimlichen Gesetze; will man sie nicht befolgen, wird man getötet; hält man sie aber ein, wird man ein Mörder! Opfer oder Henker muß man sein! Alles in allem: auf einen Schlag sterben und man wird von diesem Leben geheilt sein. Aber sie kennen sich darin aus, einem Böses zuzufügen, und es ist unmöglich, sich gegen den Haß dieser Menschen zu behaupten: sie besitzen alle Macht über einen Verurteilten, der ihnen mißfällt, und können aus seinem Leben eine immerwährende Höllenpein machen, die schlimmer ist als der Tod. Der Mann, der bereut und sich gut aufführen will, ist ein gemeinsamer Feind, vor allem argwöhnt man, er könnte angeben. Angeberei wird auf den einfachen Verdacht hin mit dem Tode bestraft. Jeder Saal hat sein Gericht, vor dem man die gegen die Gesellschaft begangenen Verbrechen aburteilt. Den Gebräuchen nicht gehorchen, ist strafbar, und in solchem Falle ist ein Mensch für's Urteil reif: so muß jeder mit zu allen Entweichungen helfen; für jeden Verurteilten kommt mal die Stunde, wo er ausreißen kann; eine Stunde, zu der das ganze Bagno ihm helfen, ihn schützen muß. Verraten, was ein Verurteilter im Interesse seiner Entweichung versucht, ist Verbrechen. Nichts will ich Ihnen von den fürchterlichen Bagnositten erzählen; man gehört sich dort buchstäblich nicht. Um die Empörungs- und Entweichungsversuche unwirksam zu machen, koppelt die Verwaltung immer die entgegengesetzten Interessen zusammen und macht so die Kettenstrafe unerträglich. Sie tut Leute zusammen, die sich gegenseitig nicht ausstehen können oder einander mißtrauen.«

»Wie haben Sie es gehalten?« fragte Madame Graslin.

»Ach, ja,« antwortete Farrabesche, »ich hab' Glück gehabt; mich hat das Los nicht getroffen, einen Sträfling zu töten; ich habe bei keinem, wer er auch sein mochte, für den Tod gestimmt; bin nie bestraft worden, nie gegen jemanden eingenommen gewesen und habe gut mit den drei Gefährten gelebt, die man mir nach und nach gegeben hat; alle drei haben sie mich gefürchtet und geliebt. Aber ich war ja auch schon berühmt im Bagno, Madame, ehe ich hineinkam. Ein Fußbrenner! Denn ich galt ja für solch einen Schuft! . . . Ich habe brennen sehen,« fuhr Farrabesche nach einer Pause und mit leiser Stimme fort, »hab' mich aber nie zum Brennen hergeben wollen und auch nie Geld von Diebstählen genommen. Ich war ein unsicherer Kantonist, das ist alles. Ich half den Kameraden, spionierte, schlug mich, stand auf einem verlorenen Posten oder war beim Nachtrab, habe aber nie das Blut eines Menschen vergossen, es sei denn bei der Verteidigung meines Leibes! Ach, ich hab' Monsieur Bonnet und meinem Advokaten alles gesagt: auch die Richter wußten sehr gut, daß ich kein Mörder war! Aber dennoch bin ich ein großer Verbrecher: nichts von dem, was ich getan habe, ist erlaubt. Zwei meiner Kameraden hatten bereits von mir als einem Menschen gesprochen, der der schlimmsten Dinge fähig sei. Im Bagno, sehen Sie, Madame, gibt's nichts, was solch einen Ruf aufwiegt, nicht einmal das Geld. Um ruhig in dieser Republik des Unglücks zu leben, ist ein Mord ein Freibrief. Nichts hab' ich getan, um diese Meinung zu zerstören. Ich war traurig, ergeben; in meinem Gesichte konnte man sich täuschen und hat man sich getäuscht. Mein finstres Aussehen, mein Schweigen hat man als ein Zeichen von Wildheit ausgelegt. Alle Welt, Sträflinge, Beamte, die Jungen, die Alten haben mich behutsam behandelt. In meinem Saal hatte ich das erste Wort. Meinen Schlaf hat man nie gequält und nie hab' ich im Verdachte der Angeberei gestanden. Ich habe mich anständig nach ihren Regeln benommen; nie hab' ich einen Dienst verweigert, nie den geringsten Widerwillen bezeigt, kurz, ich habe drinnen mit den Wölfen geheult und draußen zu Gott gebetet. Mein letzter Gefährte ist ein zweiundzwanzigjähriger Soldat gewesen, der gestohlen hatte und seines Diebstahls wegen desertiert war; vier Jahre habe ich ihn gehabt, und wir sind Freunde gewesen. Und wo immer ich auch sein werde, seiner bin ich sicher, wenn er herauskommen wird. Dieser arme Teufel namens Guépin, war kein Verbrecher, war nur ein leichtes Tuch; seine zehn Jahre werden ihn heilen. Oh, wenn meine Kameraden entdeckt hätten, daß ich mich meiner Strafe aus Religiosität unterwarf; daß ich nach Beendigung meiner Zeit in einem Winkel leben wollte, ohne jemanden wissen zu lassen, wo ich sein würde, mit der Absicht, diese furchtbare Bande zu vergessen, und mich niemals auf einen ihrer Wege zu begeben, sie würden mich vielleicht verrückt gemacht haben!«

»Aber dann ist's ja für einen armen und zarten jungen Menschen, der durch eine Leidenschaft fortgerissen und von der Todesstrafe begnadigt . . .?«

»Oh, Madame, eine völlige Begnadigung gibt's für Mörder nicht! Man wandelt seine Strafe schließlich in zwanzig Jahre Zwangsarbeit um. Vor allem aber muß man für einen anständigen jungen Mann zittern! Man kann ihm nicht sagen, welch ein Leben seiner harrt! Hundertmal lieber sterben! Ja, auf dem Schafott sterben ist dann ein Glück!«

»Ich wagte es nicht zu denken!« sagte Madame Graslin. Véronique war weiß geworden wie die Weiße einer Kerze. Um ihr Gesicht zu verbergen, stützte sie die Stirn auf die Balustrade und verharrte so einige Momente. Farrabesche wußte nicht, ob er gehen oder bleiben sollte. Madame Graslin stand auf, sah Farrabesche mit einer fast majestätischen Miene an und sagte zu seinem lebhaften Erstaunen zu ihm:

»Danke, mein Freund!« mit einer Stimme, die sein Herz bewegte. »Wo aber haben Sie den Mut hergenommen, zu leben und zu leiden?« fragte sie ihn nach einer Pause.

»Ach, Madame, Monsieur Bonnet hatte mir einen Schatz in die Seele gelegt. Auch liebe ich ihn mehr als ich je einen Menschen auf der Erde geliebt habe.«

»Mehr als Cathérine?« fragte Madame Graslin mit einer gewissen Bitterkeit lächelnd.

»Ja! Madame, fast ebensosehr!«

»Wie ist das denn gekommen?«

»Wort und Stimme dieses Mannes, Madame, haben mich gebändigt. Er wurde von Cathérine an die Stelle gebracht, die ich Ihnen neulich auf den Gemeindewiesen gezeigt habe; und er ist allein zu mir gekommen.

Er sei, sagte er zu mir, der neue Pfarrer von Montégnac, ich sei sein Pfarrkind, er liebe mich, er halte mich nur für verirrt und noch nicht für verloren. Er wolle mich nicht verraten, aber retten; endlich hat er mir jene Dinge gesagt, die einen bis auf den Grund der Seele aufwühlen! Und jener Mann da, sehen Sie, Madame, befiehlt einem das Gute zu tun, mit der Kraft derer, die einen das Böse tun lassen. Er kündigte mir armen verliebten Mann an, daß Cathérine Mutter sei; ich wolle zwei Kreaturen der Schande und der gänzlichen Verlassenheit preisgeben! ›Gut,‹ sagte ich zu ihm, ›sie werden's wie ich haben, ich hab' keine Zukunft.‹ Er antwortete mir, daß ich zwei üble Zukünfte hatte, die in der anderen Welt und die hienieden, wenn ich dabei bestehen bliebe, mein Leben nicht zu verbessern. Hier unten würde ich auf dem Schafott sterben. Wenn man mich gefangennähme, würde meine Verteidigung vor Gericht unmöglich sein. Wenn ich im Gegenteil die Nachsicht der neuen Regierung den durch die Konskription veranlaßten Dingen gegenüber benutze, wenn ich mich selber stelle, mache er sich anheischig, mir das Leben zu retten; er würde einen guten Advokaten für mich suchen, der es dahin brächte, daß ich mit zehn Jahren Zwangsarbeit davonkäme. Dann sprach Monsieur Bonnet von dem anderen Leben zu mir. Cathérine weinte wie eine Magdalena. Ja, Madame,« sagte Farrabesche auf seine rechte Hand zeigend, »ihr Gesicht lag in dieser Hand und meine Hand war ganz feucht. Flehentlich bat sie mich zu leben! Der Herr Pfarrer versprach, mir eine gute und glückliche Existenz zu verschaffen, ebenso meinem Kinde, und zwar hier, und er wolle mich vor jeder Beschimpfung schützen. Schließlich katechisierte er mich wie einen kleinen Jungen. Nach drei nächtlichen Besuchen machte er mich geschmeidig wie einen Handschuh. Wollen Sie wissen wodurch, Madame?«

Hier blickten Farrabesche und Madame Graslin sich an, indem sie sich ihre gegenseitige Neugierde nicht klarmachten.

»Nun,« fuhr der arme befreite Sträfling fort, »als er das erstemal fortging und Cathérine mich verlassen hatte, um ihn zurückzubringen, blieb ich allein. Da fühlte ich in meiner Seele etwas wie eine Erfrischung, eine Ruhe, eine Süßigkeit, wie ich sie seit meiner Kindheit nicht verspürt. Sie glich dem Glücke, das mir die arme Cathérine gegeben hatte. Die Liebe dieses teuren Mannes, der mich suchen kam, die Sorge, welche er sich meinetwegen, um meiner Zukunft, meiner Seele willen machte, all das bewegte mich, änderte mich. Ein Licht steckte er in mir an. Solange er zu mir sprach, widerstand ich. Was wollen Sie, er war Priester, und wir Räuber haben mit denen nichts zu schaffen. Als ich aber das Geräusch seiner und Cathérines Schritte hörte, oh, da wurde ich, wie er mir zwei Tage später sagte, von der Gnade erhellt. Gott gab mir von dem Augenblicke an die Kraft, alles zu ertragen: Gefängnis, Urteil, das Anschmieden und die Abreise und das Bagnoleben. Ich baute auf sein Wort wie aufs Evangelium; meine Leiden sah ich für eine zu bezahlende Schuld an. Wenn ich allzuviel duldete, sah ich am Ende der zehn Jahre dies Haus in den Wäldern, meinen kleinen Benjamin und Cathérine. Der gute Monsieur Bonnet hat Wort gehalten. Eines aber hat mir gefehlt. Cathérine war weder vor der Bagnotür noch auf den Gemeindewiesen. Sie muß vor Kummer gestorben sein. Darum bin ich immer traurig. Dank Ihnen werd' ich jetzt nutzbringende Arbeiten zu tun haben, denen will ich mit meinem Jungen, für den ich lebe, Leib und Seele widmen.«

»Sie machen es mir verständlich, wie der Herr Pfarrer die Gemeinde hat verändern können . . .«

»Oh, ihm widersteht nichts,« sagte Farrabesche.

»Ja, ja, das weiß ich,« erwiderte Véronique kurz, indem sie Farrabesche ein Lebewohl zuwinkte.

Farrabesche zog sich zurück. Einen Teil des Tages über lustwandelte Véronique die Terrasse entlang, obwohl ein feiner Regen, der bis zum Abend anhielt, niedersprühte. Sie war düster. Wenn ihr Gesicht sich so zusammenzog, wagten weder ihre Mutter noch Aline sie zu stören. In der Dämmerung sah ihre Mutter sie nicht mit Monsieur Bonnet plaudern, der die Idee hatte, diesen furchtbaren Schwermutsanfall zu unterbrechen, indem er sie durch ihren Sohn holen ließ. Der kleine Francis faßte seine Mutter bei der Hand und sie ließ sich von ihm fortziehen. Als sie Monsieur Bonnet sah, machte sie eine überraschte Bewegung, durch die etwas Angst hindurchblickte. Der Pfarrer führte sie auf die Terrasse zurück und sagte zu ihr:

»Nun, Madame, worüber plauderten Sie mit Farrabesche?«

Um nicht zu lügen, wollte Véronique nicht antworten, sie fragte Monsieur Bonnet:

»Der Mann ist Ihr erster Sieg gewesen?«

»Ja,« antwortete er, »seine Eroberung mußte mir ganz Montégnac in die Hände bringen, und ich hab' mich nicht darin getäuscht.«

Véronique drückte Monsieur Bonnets Hand und sagte mit tränenvoller Stimme:

»Von heute ab bin ich Ihr Beichtkind, Herr Pfarrer. Morgen will ich Ihnen eine Generalbeichte ablegen.«

Letzteres Wort offenbarte bei dieser Frau eine große innere Kraftäußerung, einen furchtbaren, über sich selbst errungenen Sieg. Ohne etwas zu erwidern, führte der Pfarrer sie ins Schloß zurück und leistete ihr bis zum Augenblick des Abendessens Gesellschaft, indem er mit ihr über gewaltige Verbesserungen der Gegend von Montégnac sprach.

»Der Ackerbau ist eine Zeitfrage,« sagte er, »und das wenige, das ich davon verstehe, hat mir begreiflich gemacht, welchen Vorteil ein ausgenutzter Winter bringt. Da fangen nun die Regengüsse an, bald werden unsere Berge mit Schnee bedeckt sein; Ihre Unternehmungen werden dann unmöglich sein; also drängen Sie Monsieur Grossetête.«

Unmerklich ließ Monsieur Bonnet, der die Kosten der Unterhaltung trug und Madame Graslin sich in sie hineinzumischen nötigte, sie von den Erregungen dieses Tages fast hergestellt zurück. Nichtsdestoweniger fand die Sauviat ihre Tochter so heftig bewegt, daß sie die Nacht bei ihr zubrachte.

Am übernächsten Tage übergab ein von Monsieur Grossetête aus Limoges an Madame Graslin gesandter Expreßbote ihr folgende Briefe:

An Madame Graslin.

»Obwohl es schwierig war, mein liebes Kind, Pferde für Sie zu finden, hoffe ich, daß Sie mit den dreien, die ich Ihnen geschickt habe, zufrieden sind. Wenn Sie Arbeits- oder Zugpferde wünschen, muß man Ihnen andere verschaffen. Auf alle Fälle ist es besser, Ihre Arbeiten und Transporte von Ochsen bewerkstelligen zu lassen. Alle Länder, wo Landarbeiten mit Pferden verrichtet werden, verlieren ein Kapital, wenn das Pferd außer Dienst ist, während die Ochsen, statt einen Verlust zu bilden, den Landwirten, die sich ihrer bedienen, Nutzen bringen.

Ich billige Ihr Unternehmen in jedem Punkte, mein Kind; dabei werden Sie die verzehrende Aktivität Ihrer Seele, die sich gegen Sie wendet und sie dahinsiechen läßt, in Anwendung bringen. Was Sie mir aber außer den Pferden zu finden aufgetragen haben, jenen Mann, der fähig ist Ihnen zu helfen, und der Sie vor allem verstehen kann, der gehört zu einer jener Seltenheiten, die wir in der Provinz nicht aufziehen oder dort nicht behalten. Die Erziehung solch hohen Tieres ist eine Spekulation von allzu langer Dauer und viel zu gewagt, als daß wir uns darauf einließen. Uebrigens erschrecken uns solche Leute von überlegener Intelligenz und wir nennen sie »Originale«. Kurz, die Leute, aus denen Sie Ihren Helfer wählen wollen, gehören der wissenschaftlichen Kategorie an und sind gewöhnlich so weise und so außerordentlich, daß ich Ihnen nicht habe schreiben wollen, daß ich solch einen glücklichen Fund für fast unmöglich hielte. Sie bitten mich um einen Dichter, oder, wenn Sie wollen, um einen übergeschnappten Menschen; unsere übergeschnappten Leute aber gehen alle nach Paris. Ueber Ihren Plan habe ich mit jungen Katasterbeamten, Unternehmern von Erdarbeiten und Leitern von Kanalbauten gesprochen, und niemand hat »Vorteile« in dem gefunden, was Sie vorschlagen. Plötzlich hat mir der Zufall den Mann in die Arme geworfen, den Sie wünschen, einen jungen Mann, dem ich zu dienen geglaubt habe; denn Sie werden aus seinem Briefe ersehen, daß Wohltaten nicht auf gut Glück erwiesen werden dürfen. Was am meisten auf dieser Welt überlegt sein will, ist eine gute Handlung. Man weiß nie, ob, was uns als gut erschien, später kein Uebel ist. Wohltat erweisen, das weiß ich heute, heißt, sich ein Schicksal schaffen!«

Als Madame Graslin diese Phrase las, ließ sie die Briefe fallen und verweilte einige Augenblicke über in Nachdenken.

»Mein Gott,« sagte sie, »wann wirst du aufhören, mich mit allen Händen zu schlagen?«

Dann nahm sie die Blätter wieder und fuhr fort:

»Gérard scheint mir einen kühlen Kopf und ein heißes Herz zu besitzen, und ist ganz gewiß der Mensch, den Sie nötig haben. Paris müht sich in diesem Augenblicke mit neuen Doktrinen ab, ich würde entzückt sein, wenn dieser Junge nicht in die Schlingen geriete, welche ehrgeizige Gemüter den Instinkten der edelmütigen französischen Jugend legen. Wenn ich das ziemlich stumpfsinnig machende Provinzleben nicht ganz billige, so kann ich jenes leidenschaftliche Pariser Leben, jene Glut der Erneuerung, welche die Jugend auf neue Wege treibt, ebensowenig billigen. Sie allein kennen meine Ansichten; nach mir dreht sich die moralische Welt wie die materielle Welt um sich selbst. Mein armer Schützling fordert unmögliche Dinge. Keine Macht wird vor so gebieterischen, so heftigen und absoluten Ehrgeizregungen standhalten. Ich bin ein Freund der Alltäglichkeit, der Langsamkeit in Politicis, und liebe die sozialen Umzüge, die uns all diese großen Geister aufpacken, wenig. Ich vertraue Ihnen meine Grundsätze, die eines monarchischen und verknöcherten Greises an, weil Sie verschwiegen sind! Hier bin ich still inmitten der braven Leute, die je mehr sie sich in der Tiefe befinden, desto mehr an den Fortschritt glauben; leide aber, wenn ich die unserm teuern Lande bereits zugefügten, nicht wieder gutzumachende Fehler sehe.

Ich habe dem jungen Manne also geantwortet, daß eine seiner würdige Aufgabe seiner harre. Er wird Sie besuchen, und obwohl sein Brief, den ich dem meinigen beifüge, Ihnen erlaubt, ihn zu beurteilen, werden Sie ihn doch noch studieren, nicht wahr? Beim Sehen der Männer erraten die Frauen ja sehr viele Dinge. Uebrigens müssen Ihnen die Männer, selbst die gleichgültigsten, derer Sie sich bedienen, gefallen. Wenn er Ihnen nicht zusagt, können Sie ihn zurückweisen; wenn er Ihnen aber zusagt, liebes Kind, so heilen Sie ihn doch von seinem schlecht verhehlten Ehrgeize, lassen Sie ihn es mit dem glücklichen und geruhsamen Landleben halten, wo die Wohltätigkeit immer zu Hause ist, wo sich die guten Eigenschaften großer und starker Seelen ständig üben können, wo man tagtäglich in den Naturproduktionen Gründe zur Bewunderung, und in den Fortschritten, in den wirklichen Verbesserungen eine des Menschen würdige Beschäftigung findet. Nur zu gut weiß ich, daß große Gedanken große Handlungen erzeugen, doch da diese Arten Ideen sehr selten sind, finde ich, daß Dinge gewöhnlich mehr taugen als Ideen. Wer einen Erdwinkel fruchtbar macht, wer einen Obstbaum vervollkommnet, wer ein undankbares Terrain mit Gras überzieht, steht hoch über denen, die Formeln für die Humanität suchen. In was hat Newtons Wissen das Los der Landbewohner verändert? Oh, meine Teure, ich liebte Sie; heute, wo ich gut verstehe, was Sie versuchen wollen, bete ich Sie an. Kein Mensch in Limoges hat Sie vergessen, man bewundert Ihren großen Entschluß, Montégnac verbessern zu wollen. Wissen Sie uns ein wenig Dank, daß wir so verständig sind, zu bewundern, was schön ist, ohne zu vergessen, daß der erste Ihrer Anbeter auch Ihr erster Freund ist.

F. Grossetête.«

Gérard an Grossetête.

»Ich muß Ihnen traurige Geständnisse ablegen, mein Herr; aber Sie sind wie ein Vater zu mir gewesen, als Sie nur ein Beschützer sein konnten. Vor Ihnen allein, Ihnen, der Sie mich zu all dem gemacht haben, was ich bin, kann ich sie ablegen. Ich bin von einer grausamen Krankheit ergriffen worden, einer moralischen Krankheit übrigens, ich habe in der Seele Gefühle und im Geiste Neigungen, die mich gänzlich unbrauchbar machen für das, was der Staat oder die Gesellschaft von mir wollen. Das wird Ihnen vielleicht als ein Akt der Undankbarkeit erscheinen, während es ganz einfach ein Anklageakt ist. Als ich zwölf Jahre alt war, haben Sie, mein edelmütiger Pate, bei dem Sohne eines einfachen Arbeiters eine gewisse Befähigung für die exakten Wissenschaften und ein wildes Verlangen, vorwärts zu kommen, bemerkt; Sie haben daher meinen Aufschwung in die höheren Regionen begünstigt, als mein anfängliches Los es war, Zimmermann zu bleiben wie mein armer Vater, der nicht lange genug gelebt hat, um sich an meinem Hochkommen zu freuen. Sicherlich, mein Herr, haben Sie wohlgetan, und nicht ein Tag vergeht, an dem ich Sie nicht preise; auch bin ich es vielleicht, der unrecht hat. Doch, ob ich recht habe oder mich täusche, ich leide; und heißt es nicht, Sie sehr hoch stellen, wenn ich mich mit meinen Klagen an Sie wende? Heißt das nicht, Sie, wie Gott, als meinen höchsten Richter ansehen? Auf alle Fälle vertraue ich mich Ihrer Nachsicht an.

Zwischen meinem sechzehnten und achtzehnten Lebensjahre habe ich mich des Studiums der exakten Wissenschaften in einer Weise befleißigt, die mich, wie Sie wissen, krank machte. Meine Zukunft hing von meiner Zulassung zur polytechnischen Schule ab. In jener Zeit haben meine Arbeiten mein Gehirn auf übermäßige Weise ausgebildet: ich wäre beinahe gestorben, ich arbeitete Tag und Nacht, nahm mir mehr vor, als die Natur meiner Organe mir erlaubte. Ich wollte so befriedigende Examina ablegen, daß mein Platz in der Schule gewiß und vorgerückt genug wäre, um mir das Recht auf den Erlaß der Pension zu gewähren, deren Bezahlung ich Ihnen ersparen wollte: ich habe triumphiert! Heute bebe ich, wenn ich an die furchtbare Aushebung von Gehirnen denke, die dem Staate alljährlich aus Familienehrgeiz ausgeliefert werden, der, so grausame Studien zu einer Zeit fordernd, wo der Mannbare seine verschiedenen Wachstümer vollendet, ungeahntes Unglück hervorbringen muß, indem er beim Lampenlichte gewisse kostbare Fähigkeiten tötet, die später sich groß und kräftig entwickeln würden. Die Naturgesetze sind grausam, sie geben in nichts weder den Unternehmungen noch den Willensregungen der Gesellschaft nach. In der moralischen Ordnung wie in der natürlichen Ordnung rächt sich jeder Mißbrauch. Die von einem Baume vor der Zeit, im Treibhaus, geforderten Früchte reifen auf Kosten des Baumes selber oder der Qualität seiner Erzeugnisse. La Quintinie tötete Orangenbäume, um Ludwig XIV. täglich zu jeder Zeit einen Blütenstrauß zu geben. Die jugendlichen Gehirnen abverlangte Kraft ist ein Abzug von ihrer Zukunft. Was unserer Zeit wesentlich fehlt, ist der gesetzgeberische Geist. Wirkliche Gesetzgeber hat Europa noch nicht gehabt seit Jesus Christus, der, da er uns sein politisches Gesetzbuch nicht gegeben, sein Werk unvollständig gelassen hat. Hat es also, ehe die Spezialschulen mit ihrer Rekrutierungsweise eingeführt wurden, jene großen Denker gegeben, die in ihrem Kopfe die unzählige Menge der gesamten Beziehungen einer Institution zu den menschlichen Kräften hatten, die deren Vorteile und Nachteile erwogen, die in der Vergangenheit die Gesetze der Zukunft studierten? Hat man sich nach dem Schicksale der außerordentlichen Männer erkundigt, die durch einen verhängnisvollen Zufall die Wissenschaft vom Menschen vor ihrer Zeit wußten? Hat man ihre Seltenheit erwogen? Hat man ihr Ende untersucht? Hat man Nachforschungen über die Mittel angestellt, mit welchen sie den ständigen Gedankenzwang haben aushalten können? Wieviele sind wie Pascal, verbraucht von der Wissenschaft, vor der Zeit gestorben! Hat man das Alter erforscht, in dem die, welche lange gelebt haben, ihre Studien begonnen haben? Wußte man, weiß man im Augenblick, wo ich schreibe, die innere Verfassung der Gehirne, die den frühzeitigen Ansturm der menschlichen Kenntnisse haben aushalten können? Ahnt man, daß diese Frage vor allem von der Physiologie des Menschen abhängt? Nun, ich glaube jetzt, daß es Hauptregel ist, lange im vegetativen Zustande der Jugend zu verharren. Die Ausnahme, welche die Kraft der Organe in der Jugend zuläßt, hat in den meisten Fällen die Abkürzung des Lebens als Resultat. Also muß der geniale Mensch, der einer frühzeitigen Ausübung seiner Fähigkeiten Widerstand leistet, eine Ausnahme in der Ausnahme sein. Wenn ich in Uebereinstimmung mit den sozialen Fakten und der medizinischen Untersuchung bin, ist daher die hinsichtlich der Rekrutierung der Schulen eingehaltene Form in Frankreich eine Verstümmelung in der Art der la Quintinies, die man an den besten Geschöpfen jeder Generation vornimmt. Aber ich fahre fort und werde meine Zweifel mit jeder Art von Fakten verbinden. Auf dem Polytechnikum angekommen, arbeitete ich von neuem und mit sehr viel Eifer, um es ebenso triumphierend zu verlassen, wie ich es betreten hatte. Von meinem neunzehnten bis einundzwanzigsten Lebensjahre habe ich alle natürlichen Anlagen in mir erweitert und meinen Fähigkeiten durch ständige Uebungen geistige Nahrung gegeben. Diese beiden Jahre haben die drei ersten sehr belohnt, während denen ich mich nur vorbereitet hatte, es ordentlich zu machen. Wie stolz war ich denn auch, das Recht erworben zu haben, den der Berufe zu erwählen, der mir am meisten gefiel: Genieoffizier beim Landheer oder bei der Marine, Artillerist oder Generalstäbler, Gruben- oder Brücken- und Straßenbaumeister zu werden! Auf Ihren Rat hin wählte ich Brücken- und Straßenbau. Wieviele junge Leute aber unterliegen, wo ich triumphiert habe! Wissen Sie, daß der Staat seine wissenschaftlichen Anforderungen hinsichtlich der polytechnischen Schule von Jahr zu Jahr höher schraubt? Die Vorbereitungsarbeiten, denen ich mich gewidmet hatte, waren nichts im Vergleich zu den heißen Studien des Polytechnikums, die zum Gegenstand haben, die Gesamtheit der physikalischen, mathematischen, astronomischen und chemischen Wissenschaften mit ihren Nomenklaturen im Kopfe der neunzehn- bis einundzwanzigjährigen jungen Leute einzuprägen. Der Staat, der in Frankreich in vielen Dingen die Stelle der väterlichen Macht an sich reißen zu wollen scheint, ist mitleidlos und unväterlich; er macht seine Versuche in anima vili. Niemals hat er die furchtbare Statistik der von ihm verursachten Leiden eingefordert, seit sechsunddreißig Jahren hat er sich weder um die Zahl der ausbrechenden Gehirnentzündungen noch um die Verzweiflung gekümmert, welche unter dieser Jugend ausbricht, noch um die moralischen Zerstörungen, welche sie dezimieren. Ich zeige Ihnen diese schmerzvolle Seite der Frage an, denn sie bildet einen der vorhergehenden Faktoren des endgültigen Resultats: für manche schwache Köpfe liegt das Resultat nahe, wo es doch hinausgeschoben werden muß. Sie wissen auch, daß die Schüler, deren Auffassungskraft langsam arbeitet oder durch übermäßige Arbeit für den Augenblick versagt, anstatt zwei, drei Jahre auf dem Polytechnikum bleiben dürfen, und daß sie Gegenstand eines Verdachtes sind, der wenig günstig von ihren Fähigkeiten denkt. Kurz, es gibt Fälle, daß junge Leute, die sich später als überlegen erweisen können, die Schule verlassen, ohne Beamte geworden zu sein, weil sie bei den Endexamen die Summe des verlangten Wissens nicht gegenwärtig gehabt haben. Man nennt sie »taube Nüsse«, und Napoleon machte Unterleutnants aus ihnen! Heute bedeutet eine »taube Nuß«, in Kapital umgesetzt, einen ungeheuren Verlust für die Familien und für das Individuum eine verlorene Zeit. Aber ich habe schließlich triumphiert! Mit einundzwanzig Jahren beherrschte ich die mathematischen Fächer bis zu dem Punkte, wohin sie so viele geniale Männer geführt haben, und war ungeduldig, mich auszuzeichnen, indem ich sie fortführte. Dieser Wunsch ist so natürlich, daß fast alle Schüler, wenn sie das Polytechnikum verlassen, die Augen auf jene moralische Sonne richten, die man Ruhm nennt! Unser aller erster Gedanke ist, Newtons, Laplaces oder Vaubans zu werden. Das sind die Anstrengungen, die Frankreich von den jungen Leuten erwartet, welche diese berühmte Schule verlassen!

Sehen wir jetzt die Schicksale dieser mit soviel Sorgfalt aus der ganzen Generation ausgesuchten jungen Leute? Mit einundzwanzig Jahren träumt man das ganze Leben, man ist sich Wunder gewärtig. Ich trat in die Straßen- und Brückenbauschule ein und war Ingenieurschüler. Ich studierte die Konstruktionskunde, und mit welchem Eifer! Dessen dürften Sie sich entsinnen! Als Vierundzwanzigjähriger habe ich sie 1826 verlassen, ich war erst Ingenieuraspirant, und der Staat gab mir hundertfünfzig Franken monatlich. Der geringste Buchhalter verdient diese Summe mit achtzehn Jahren in Paris und hat dafür täglich vier Stunden seiner Zeit zu opfern. Einem unerhörten Glücke zufolge, vielleicht auf Grund der Auszeichnung, die mir meine Studien eingebracht hatten, wurde ich mit sechsundzwanzig Jahren 1828 zum gewöhnlichen Ingenieur ernannt. Man schickte mich mit einem Gehalte von zweitausendfünfhundert Franken, Sie wissen wohin, in eine Unterpräfektur. Die Geldfrage spielt keine Rolle. Gewiß, mein Los ist glänzender, als es das eines Zimmermannssohnes sein dürfte; welch ein Krämergehilfe aber, der mit sechzehn Jahren in einen Laden gesteckt wurde, befindet sich mit sechsundzwanzig Jahren nicht auf dem Wege zu einem unabhängigen Vermögen? Damals erfuhr ich, worauf diese schrecklichen Entwicklungen der Intelligenz, diese riesigen, vom Staate geforderten Anstrengungen hinausliefen! Der Staat ließ mich Straßen oder Kieshaufen auf den Wegen abschätzen und ausmessen. Ich hatte Einfassungen, einbogige Brücken zu unterhalten, zu reparieren und manchmal auch zu konstruieren, Fußsteige regulieren zu lassen, für Gräben zu sorgen und sie wohl auch offenzuhalten! Im Arbeitszimmer hatte ich Fragen über Abmessungen oder Bepflanzungen und über Holzfällen zu beantworten. Tatsächlich sind das die Haupt- und oft einzigen Beschäftigungen gewöhnlicher Ingenieure; dazu kommen von Zeit zu Zeit noch einige Nivellierungsarbeiten, die wir selber gezwungen sind zu machen, und die der geringste unserer Aufseher mit seiner praktischen Erfahrung allein stets viel besser als wir trotz unserer ganzen Weisheit erledigt. Wir sind fast vierhundert gewöhnliche Ingenieure oder Ingenieurschüler, und da es nur hundert und einige Chefingenieure gibt, so können nicht alle gewöhnlichen Ingenieure zu diesem höheren Range aufsteigen, über dem Chefingenieur gibt es übrigens keine aufsaugende Rangstufe; denn als Aufsaugungsmittel kann man die zwölf oder fünfzehn General- oder Divisionsinspektorstellen nicht rechnen, Posten, die in unserer Zeit fast ebenso zwecklos sind, wie die der Obersten bei der Artillerie, wo die Batterie die Einheit ist. Der gewöhnliche Ingenieur, ebenso der Artilleriehauptmann beherrscht die ganze Wissenschaft, über sich dürfte er nur einen Administrationschef haben, um die sechsundachtzig Staatsingenieure miteinander zu verbinden; denn ein einziger, von zwei Aspiranten unterstützter Ingenieur genügt für eine Provinz. Die Hierarchie in solchen Korps bewirkt, daß die aktiven Köpfe alten, bereits erloschenen Kapazitäten untergeordnet werden, die gewöhnlich im Glauben, das Beste zu tun, die ihnen unterstellten Kräfte vielleicht mit dem einzigen Zwecke, die eigene Existenz nicht in Frage gestellt zu sehen, beeinträchtigen oder entarten lassen; denn das scheint mir der einzige Einfluß zu sein, den der Hauptverwaltungsrat für Straßen- und Brückenbau in Frankreich ausübt. Nehmen wir nichtsdestoweniger an, daß ich zwischen dreißig und vierzig Jahren Ingenieur erster Klasse und vor dem fünfzigsten Lebensjahre Chefingenieur bin. Ach, ich sehe meine Zukunft, sie steht vor meinen Augen geschrieben. Mein Chefingenieur ist sechzig Jahre alt, wie ich ist er mit Ehren aus dieser berühmten polytechnischen Schule hervorgegangen; mit dem, was ich tue, ist er grau, ist der gewöhnlichste Mensch, den man sich denken kann, geworden, aus all der Höhe, zu der er sich erhoben hatte, ist er hinuntergestürzt; ja mehr noch, er steht nicht mehr auf dem Niveau der Wissenschaft; die Wissenschaft ist weitergegangen, er ist stehengeblieben, ja mehr noch, hat vergessen, was er wußte! Der Mann, welcher sich mit zweiundzwanzig Jahren mit allen Symptomen der Ueberlegenheit sehen ließ, besitzt heute nur noch deren Anschein. Anfangs, wo er sich hauptsächlich nur den exakten Wissenschaften und der Mathematik zugewandt, hat er alles vernachlässigt, was nicht in sein »Fach« schlug. So können Sie sich denn keinen Begriff davon machen, bis zu welchem Grade seine Nichtigkeit in den anderen Zweigen menschlicher Erkenntnisse reicht. Rechnen hat ihm Herz und Hirn ausgetrocknet. Nur Ihnen wage ich das Geheimnis seiner Nichtigkeit, die durch den Ruf der polytechnischen Schule gedeckt wird, anzuvertrauen. Diese Etikette imponiert, und im guten Glauben des Vorurteils wagt kein Mensch seine Fähigkeiten in Zweifel zu ziehen. Ihnen allein will ich sagen, daß der gänzliche Verlust seiner Talente ihn dahin gebracht hat, in einer einzigen Angelegenheit die Provinz eine Million statt zweimalhunderttausend Franken ausgeben zu lassen. Ich wollte protestieren, den Präfekten aufklären, doch ein mir befreundeter Ingenieur hat mir einen unserer Kameraden genannt, der um einer derartigen Sache willen der Sündenbock der Verwaltung geworden ist. »Würdest du sehr froh sein, falls dir, wenn du einmal Chefingenieur bist, von einem Untergebenen derartige Fehler nachgewiesen werden?« sagte er zu mir. »Dein Chefingenieur wird Divisionsinspektor werden. Sobald einer von uns einen dummen Fehler macht, entfernt ihn die Verwaltung, die nie unrecht haben darf, aus dem aktiven Dienst und ernennt ihn zum Inspektor.« So wird die dem Talente geschuldete Belohnung der Nichtigkeit zuerteilt. Ganz Frankreich hat im Herzen von Paris den Unstern gesehen, der über der ersten Hängebrücke hing, die ein Ingenieur, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften, errichten wollte. Einen traurigen Einsturz gab's, der durch Fehler bewirkt wurde, die weder der Erbauer des Briarekanals unter Heinrich IV. noch der Mönch, welcher den Pont Royal gebaut hat, machten, und die Verwaltungsbehörde tröstete diesen Ingenieur, indem sie ihn in den Generalrat berief. Sollten also die Fachschulen große Fabriken für Unfähige sein? Dieser Gegenstand erfordert lange Erwägungen. Wenn ich recht hätte, wäre eine Reform wenigstens im Beförderungsverfahren nötig, denn den Nutzen der Schulen wage ich nicht in Zweifel zu ziehen. Sehen wir denn, indem wir nur die Vergangenheit überblicken, daß es Frankreich früher je an großen, für den Staat notwendigen Talenten fehlte, die der Staat heute durch das Verfahren von Mongé für seine Zwecke zum Entfalten bringen möchte? Ist Vauban aus einer anderen Schule wie jener großen Schule hervorgegangen, die man die Berufung nennt? Wer war Riquets Lehrer? Wenn die Genies also, von der Berufung getrieben, aus dem Schoße der Gesellschaft hervorgehen, sind sie fast immer vollendet, der Mensch ist dann nicht nur Spezialist, er hat die Gabe der Universalität. Ich glaube nicht, daß ein aus dem Polytechnikum hervorgegangener Ingenieur eines jener Architekturwunder bauen könnte, die Leonardo da Vinci zu errichten verstand, der Mechaniker, Architekt, Maler, einer der Erfinder der Hydraulik und ein unermüdlicher Kanalbauer zugleich war. Seit jungen Jahren an die absolute Einfachheit der Lehrsätze gewöhnt, verlieren die aus dem Polytechnikum hervorgegangenen Leute den Sinn für das Geschmackvolle und das Ornament, eine Säule erscheint ihnen unnütz, sie kehren zu dem Punkte zurück, wo die Kunst anfängt, da sie sich dabei nur an das Nützliche halten. Das aber ist nichts im Vergleich zu der Krankheit, die mich unterhöhlt! Ich fühle in mir die schrecklichste der Verwandlungen vorsichgehen; meine Kräfte und meine Fähigkeiten, die in übermäßiger Weise angespannten, wurden schlaff. Ich lasse mich von der Prosa meines Lebens unterkriegen. Ich, der ich mich durch die Natur meiner Anstrengungen zu großen Dingen bestimmte, sehe mich den kleinsten gegenüber, muß Meter Pflastersteine auf ihre Richtigkeit hin prüfen, Wege besichtigen und Verproviantierungsetats aufstellen. Nur zwei Stunden täglich habe ich zu arbeiten. Ich sehe meine Kollegen sich verheiraten und einer dem Geist der modernen Gesellschaft widersprechenden Lage verfallen.

Besitze ich denn maßlosen Ehrgeiz? Ich möchte meinem Vaterlande nützlich sein. Das Vaterland hat äußerste Kraftanspannung von mir verlangt, hat mir erklärt, ich solle einer der Repräsentanten aller Wissenschaften werden, und ich kreuze hinten in einer Provinz die Arme! Es erlaubt mir nicht, den Ort, wo ich eingepfercht bin, zu verlassen, um meine Fähigkeiten an der Inangriffnahme nützlicher Projekte zu erproben. Eine geheime und wirkliche Ungunst ist die Belohnung, die dem von uns sicher ist, der, seinen Eingebungen nachgebend, über das hinausgeht, was sein Spezialdienst von ihm fordert. In dem Falle besteht die Gunst, deren sich ein überlegener Mensch gewärtig sein darf, in dem Vergessenwerden seines Talentes, seiner Vermessenheit und in der Vergrabung seines Planes in die Aktenmappen der Direktion. Was wird Vicats Belohnung sein, desjenigen unter uns, der den einzigen wirklichen Fortschritt in der praktischen Konstruktionswissenschaft gemacht hat. Der Generalrat für Brücken- und Straßenbau, der teilweise aus in langen und manchmal ehrenvollen Diensten verbrauchten Leuten besteht, die aber nur noch Kraft zum Verneinen besitzen, und das, was sie nicht mehr begreifen, streichen, ist der Dämpfer, dessen man sich bedient, um die Pläne kühner Geister zu vernichten. Dieser Rat scheint geschaffen worden zu sein, um die Arme dieser schönen Jugend, die nur zu arbeiten begehrt, die Frankreich dienen will, zu lähmen! Ungeheuerlichkeiten gehen in Paris vor sich: die Zukunft einer Provinz hängt von den Visa jener Anhänger des Zentralisationssystems ab, die durch Ränke, die zu erörtern ich keine Muße habe, die Ausführung der besten Pläne vereiteln; die besten sind tatsächlich die, welche der Gier der Gesellschaften oder der Spekulanten die wenigsten Möglichkeiten bieten, welche dem Mißbrauch am wenigsten ausgesetzt sind oder ihn beseitigen, und der Mißbrauch ist in Frankreich ständig stärker als die Verbesserung. Noch fünf Jahre und ich werde daher nicht mehr ich selber sein, werde meinen Ehrgeiz, mein edles Verlangen verlöschen sehen, die Fähigkeiten anzuwenden, deren Entfaltung mein Vaterland von mir verlangt hat, und die in dem dunklen Winkel, wo ich lebe, versauern werden. Auch wenn ich die besten Aussichten erwäge, scheint mir die Zukunft wenig zu bieten. Ich habe einen Urlaub benutzt, um nach Paris zu kommen, will den Beruf wechseln, die Gelegenheit suchen, meine Energie, meine Kenntnisse und meinen Fleiß anzuwenden. Ich will meine Entlassung einreichen, in Länder gehen, wo Spezialisten meines Faches fehlen und große Dinge bewerkstelligen können. Wenn nichts von alledem möglich ist, will ich mich auf eine jener neuen Doktrinen werfen, welche berufen scheinen, wichtige Veränderungen in der aktuellen sozialen Ordnung zu erzeugen, indem sie die Arbeiter besser leiten. Was sind wir, wenn nicht Arbeiter ohne Arbeit, Werkzeuge in einem Speicher? Wir sind organisiert, wie wenn es sich darum handelte, den Erdball zu bewegen, und haben nichts zu tun! Ich fühle etwas Großes in mir, das sich vermindert, das untergehen will, und sage es Ihnen mit mathematischer Sicherheit. Bevor ich meinen Stand ändere, möchte ich Ihre Meinung hören; ich sehe mich als Ihr Kind an, und würde nimmer wichtige Schritte tun, ohne sie Ihnen zu unterbreiten, denn Ihre Erfahrung gleicht Ihrer Güte. Wohl weiß ich, daß der Staat, nachdem er seine Spezialisten erhalten hat, nicht eigens für sie die Errichtung von Monumenten ersinnen kann; es gibt keine dreihundert Brücken jährlich zu bauen, er kann seine Ingenieure ebensowenig Monumente errichten lassen, wie er keinen Krieg erklärt, um große Feldherrn Schlachten gewinnen und hervortreten zu lassen. Da aber der geniale Mensch niemals verfehlt hat, sich darzubieten, wenn die Umstände ihn forderten, da, sobald es viel Gold auszugeben und große Dinge hervorzubringen galt, sich aus der Menge einer jener einzigen Menschen loslöst, und, namentlich in unserem Fache, ein Vauban genügt, beweist nichts besser die Nutzlosigkeit der Einrichtung. Wenn man endlich mit so vielen Vorbereitungen einen auserwählten Menschen angetrieben hat, wie soll man es dann nicht begreiflich finden, daß er tausenderlei Anstrengungen machen wird, ehe er sich zur Null machen läßt? Ist das eine gute Politik? Heißt das nicht glühenden Ehrgeiz entfachen? Würde man all diesen siedenden Gehirnen gesagt haben, sie müßten alles, außer ihrem Schicksal, berechnen können? Unter jenen sechshundert jungen Leuten gibt es indes Ausnahmen, starke Männer, die ihrer Entwertung widerstehen, und ich kenne solche; wenn man aber ihre Kämpfe mit Menschen und Dingen erzählen könnte, wenn sie, von nützlichen Projekten und Ideen erfüllt, die Leben und Reichtum in trägen Provinzen erzeugen müssen, dort Hindernissen begegnen, wo der Staat geglaubt hat für sie Hilfe und Schutz zu finden, würde man den mächtigen Menschen, den talentvollen Menschen, den Menschen, dessen Natur ein Wunder ist, für tausendmal unglücklicher und beklagenswerter halten als den Menschen, dessen verkümmerte Natur sich zur Verminderung ihrer Fähigkeiten herbeiläßt. Auch will ich lieber ein Handels- oder Industrieunternehmen leiten und von wenig leben, indem ich eines der zahlreichen Probleme löse, die der Industrie und der Gesellschaft abgehen, als auf dem Posten bleiben, wo ich jetzt stehe. Sie werden mir entgegnen, daß mich nichts hindere, meine intellektuellen Kräfte an meinem Aufenthaltsorte zu beschäftigen und in dem Schweigen dieses mittelmäßigen Lebens die Lösung irgendeines für die Menschheit nützlichen Problems zu suchen. Ach, mein Herr, kennen Sie nicht den Einfluß der Provinz und die erschlaffende Wirkung eines Lebens, das gerade so viel beschäftigt, daß man die Zeit mit fast wertlosen Arbeiten hinbringt, die nichtsdestoweniger nicht hinreichen, um die reichen Mittel auszunutzen, die unsere Erziehung geschaffen hat? Glauben Sie, mein lieber Beschützer, mich weder von dem Drange, Vermögen zu erwerben, noch von irgendeiner unsinnigen Ruhmsucht verzehrt. Die für dies Leben notwendige Tätigkeit läßt mich nicht wünschen, mich zu verheiraten, denn, wenn ich mein augenblickliches Los ansehe, schätze ich das Dasein nicht genug, um einem anderen Menschen dies traurige Geschenk zu machen. Obwohl ich das Geld für eines der wichtigsten Mittel ansehe, die dem sozialen Menschen zum Handeln gegeben sind, ist es schließlich doch nur ein Mittel. Ich setze also mein einziges Vergnügen in die Gewißheit, meinem Vaterlande nützlich zu sein. Meine größte Freude würde sein, in einer meinen Fähigkeiten entsprechenden Umgebung zu wirken. Wenn Sie in dem Umkreise Ihrer Gegend, Ihrer Bekannten, wenn Sie in dem Raume, wo Sie tätig sind, von einem Unternehmen reden hören, das einige von den Fähigkeiten verlangt, die Sie an mir kennen, erwarte ich innerhalb von sechs Monaten eine Antwort von Ihnen. Was ich Ihnen hier schreibe, mein Herr und Freund, denken andere auch. Ich habe viele meiner Kameraden oder ehemalige Schüler gesehen, die wie ich in der Falle eines besonderen Wissenschaftszweiges sitzen, Kartenzeichner, Kriegsschullehrer, Genieoffiziere, die sich für den Rest ihrer Tage als Hauptleute sehen und es bitter bedauern, nicht in die aktive Armee eingetreten zu sein. Kurz, zu verschiedenen Malen haben wir uns untereinander die lange Täuschung eingestanden, der wir zum Opfer gefallen sind, und die man erst erkennt, wenn es nicht mehr Zeit ist, sich ihr zu entziehen, wenn das Tier vor der Maschine steht, die es dreht, wenn der Kranke an seine Krankheit gewöhnt ist. Als ich diese traurigen Resultate genau nachprüfte, habe ich mir folgende Fragen vorgelegt, und ich teile sie Ihnen mit, Ihnen, der Sie ein geistvoller Mann und fähig sind, sie reiflich zu ergründen, indem Sie wissen, daß sie die Frucht im Feuer der Leiden geläuterter Erwägungen sind. Welches Ziel steckt sich der Staat? Will er Kapazitäten erlangen? Die angewandten Mittel widersprechen geradezu der Absicht. Sicherlich hat er die ehrenwertesten Mittelmäßigkeiten geschaffen, die eine der Ueberlegenheit feindliche Regierung sich wünschen kann. Will er erlesenen Intelligenzen eine Karriere eröffnen? Er hat ihnen die mäßigste Stellung verschafft: welcher der aus den Schulen hervorgegangenen Männer bedauert es nicht zwischen seinem fünfzigsten und sechzigsten Lebensjahre, in die Falle geraten zu sein, welche die Versprechungen des Staates verbergen. Will er geniale Männer erhalten? Welches ungeheure Talent haben die Schulen seit 1790 hervorgebracht? Würde Cachin, der geniale Mann, dem man Cherbourg verdankt, ohne Napoleon existiert haben? Der kaiserliche Despotismus hat ihn ausgezeichnet, das verfassungsmäßige Regime würde ihn erstickt haben. Gehören viele der aus Spezialschulen hervorgegangenen Männer der Akademie der Wissenschaft an? Vielleicht zwei oder drei! Der geniale Mensch wird sich immer außerhalb der Spezialschulen offenbaren. In den Wissenschaften, mit denen jene Schulen sich abgeben, gehorcht das Genie nur seinen eigenen Gesetzen, es entwickelt sich nur unter Umständen, über die der Mensch nichts vermag: weder der Staat, noch die Menschenwissenschaft, die Anthropologie kennen sie. Riquet, Perronet, Leonardo da Vinci, Cachin, Palladio, Brunelleschi, Michelangelo, Bramante, Vauban, Vicat erhielten ihr Genie aus unbeobachteten und vorbereitenden Ursachen, denen wir den Namen Zufall, das Schlagwort der Dummköpfe, geben. Nimmer fehlen solche erhabene Arbeiter ihrem Jahrhundert mit oder ohne Schule. Kriegt der Staat jetzt dank solcher Organisation Arbeiten von Allgemeinnutzen besser oder wohlfeiler gemacht? Erstens kommen die besonderen Unternehmungen sehr wohl ohne Ingenieure aus, zweitens sind die Arbeiten unserer Regierung die kostspieligsten und kosten überdies noch den ungeheuren Stab der Brücken- und Straßenbauer. Endlich werden in anderen Ländern, in Deutschland, England, Italien, wo es solche Institutionen nicht gibt, analoge Arbeiten mindestens ebensogut und weniger kostspielig als in Frankreich erstellt. Diese drei Länder machen sich durch neue und nützliche Erfindungen dieser Art bemerkbar. Es ist, wie ich weiß, Mode, wenn man von unseren Schulen spricht, zu sagen, daß Europa uns um sie beneidet; seit fünfzehn Jahren aber hat Europa, das auf uns sieht, keine ähnlichen geschaffen. Das geschickt rechnende England besitzt bessere Schulen in seiner Arbeiterbevölkerung, aus der praktische Männer hervorgehen, die im Augenblick groß werden, wenn sie sich von der Praxis zur Theorie erheben. Stephenson und Mac-Adam sind nicht aus unseren berühmten Schulen hervorgegangen. Wozu auch? Wenn junge und geschickte Ingenieure voll Feuer, voll Eifer bei Beginn ihrer Laufbahn sich auf das Problem der Straßenunterhaltung Frankreichs, dessen Straßen in kläglichem Zustande sind, die hunderte von Millionen alle Vierteljahrhunderte erfordert, geworfen haben, so mögen sie noch so viele kluge Werke und Denkschriften ausarbeiten; alles wird von der Generaldirektion verschlungen, diesem Pariser Zentrum, wo alles mündet und nichts herausfließt, wo die Alten auf die jungen Leute eifersüchtig sind, wo die hohen Stellen dazu dienen, dem alten Ingenieur, der sich geirrt hat, eine Zuflucht zu bieten. So wird es bei einem über ganz Frankreich verbreiteten Gelehrtenstande, der eines der Räderwerke der Verwaltung bildet, der das Land lenken und über die großen Fragen seines Fachs aufklären müßte, geschehen, daß wir noch über die Eisenbahnen diskutieren werden, wenn andere Länder die ihrigen fertig haben. Nun, wenn Frankreich jemals die Vortrefflichkeit der Institution von Spezialschulen hätte beweisen müssen, wäre es nicht in dieser prachtvollen Phase öffentlicher Arbeiten, die dazu bestimmt sind, das Bild der Staaten zu verändern, das menschliche Leben zu verdoppeln, indem sie die Gesetze von Raum und Zeit abändern? Belgien, die Vereinigten Staaten, Deutschland, England, die keine polytechnischen Schulen besitzen, werden bei sich schon Eisenbahnnetze haben, wenn unsere Ingenieure noch dabei sind, die unsern zu trassieren, wenn häßliche, hinter den Plänen verborgene Interessen ihre Ausführung hemmen werden. Man setzt nicht einen Stein in Frankreich auf den andern, ohne daß zehn Pariser Papierverschmierer nicht alberne und unnütze Berichte machen. So zieht, was den Staat angeht, dieser keinerlei Nutzen aus seinen Spezialschulen; und was das Individuum anlangt, so wird es mäßig bezahlt und sein Leben ist eine grausame Enttäuschung. Wahrlich, die Fähigkeiten, die der Schüler zwischen sechzehn und sechsundzwanzig Jahren entfaltet, beweisen, daß, wenn er seinem Schicksal allein überlassen worden wäre, er es größer und reicher gestaltet haben würde als das, zu welchem der Staat ihn verdammt hat. Als Kaufmann, Gelehrter und Soldat würde dieser Elitemensch in einem weiten Milieu gewirkt haben, wenn seine kostbaren Fähigkeiten und sein Eifer nicht törichterweise und vorzeitig entnervt worden wären. Wo ist also der Fortschritt? Staat und Mensch verlieren sicherlich beim augenblicklichen System. Verlangt eine halbjahrhundertalte Erfahrung keine Aenderungen in dem Inswerksetzen der Institution? Welches Priesteramt erfordert die Pflicht, in Frankreich in einer ganzen Generation die Männer auszulesen, die bestimmt sind, der gelehrte Teil der Generation zu sein? Welche Studien müßten solche Hohepriester des Schicksals nicht gemacht haben? Mathematische Kenntnisse hätten sie vielleicht nicht so nötig wie physiologische. Scheint es Ihnen nicht, daß man dazu jenes zweiten Gesichts bedürfte, das die Zauberei großer Männer ist? Die Examinatoren sind ehemalige Professoren, ehrenwerte, in Arbeit alt gewordene Männer, deren Mission sich darauf beschränkt, die besten Gedächtnisse zu suchen: sie können nur tun, was man von ihnen verlangt. Wahrlich, ihre Funktionen müßten die wichtigsten im Staate sein und verlangen außergewöhnliche Männer. Denken Sie nicht, mein Herr und Freund, daß mein Tadel einfach bei der Schule, aus der ich hervorgegangen bin, haltmacht, er trifft nicht nur die Institution an sich, sondern auch noch, und vor allem die Art und Weise, wie sie unterhalten wird. Diese Weise ist die des Wettstreites, eine moderne wesentlich schlechte Erfindung, und schlecht nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch noch überall, wo man sie anwendet, bei den Künsten, bei jeder Auswahl von Menschen, Plänen und Dingen. Wenn es ein Unglück für unsere berühmten Schulen ist, nicht mehr hervorragende Leute hervorgebracht zu haben als jede andere Vereinigung von jungen Leuten, so ist es noch schimpflicher, daß die ersten großen Preise des Instituts weder einen großen Maler, noch einen großen Musiker, noch einen großen Architekten, noch einen großen Bildhauer geliefert haben; ebenso wie die Wahl seit zwanzig Jahren nicht einen einzigen großen Staatsmann aus dem Pfuhl der Mittelmäßigkeiten zur Macht geführt hat. Meine Beobachtung zielt auf einen Irrtum, der sowohl die Erziehung als auch die Politik in Frankreich verdirbt. Dieser grausame Irrtum beruht auf folgendem Prinzip, das die Organisatoren verbannt haben:

›Nichts, weder in der Erfahrung, noch in der Natur der Dinge kann die Gewißheit geben, daß die intellektuellen Fähigkeiten des Jünglings die des erwachsenen Mannes sein werden.‹

In diesem Augenblicke habe ich mich mit mehreren ausgezeichneten Männern verbunden, die sich mit allen moralischen Krankheiten befassen, von denen Frankreich aufgezehrt wird. Wie ich haben sie erkannt, daß der höhere Unterricht Fähigkeiten erzeugt, die wieder absterben, weil sie ohne Beschäftigung und Zukunft sind; daß das durch den niederen Unterricht verbreitete Licht keinen Nutzen für den Staat bildet, weil es des Glaubens und des Gefühls ermangelt. Unser ganzes öffentliches Unterrichtssystem erfordert eine weitgehende Umarbeitung, die ein Mann leiten müßte, der mit tiefem Wissen, mächtigem Willen und mit jenem gesetzgebenden Genie begabt ist, dem man bei den Modernen vielleicht nur in Jean-Jacques Rousseaus Kopfe begegnet ist. Vielleicht müßte die Ueberfülle der Spezialisten für den für die Völker so notwendigen Elementarunterricht verwendet werden. Wir haben nicht geduldige und aufopfernde Lehrkräfte genug, um solche Massen lenken zu können. Die beklagenswerte Menge von Straftaten und Verbrechen zeigt eine soziale Wunde an, deren Ursprung in jenem, dem Volke gegebenen Halbunterricht liegt, der anstrebt, die sozialen Fesseln zu zerstören, indem er es genugsam zum Nachdenken bringt, um es von den für die Macht günstigen religiösen Glaubenslehren abfallen zu lassen, und nicht genug, daß es sich an der Theorie des Gehorsams und der Pflicht erhebe, welche der letzte Ausdruck der transzendentalen Philosophie ist. Unmöglich kann man eine ganze Nation Kant studieren lassen; auch sind Glauben und Gewohnheit mehr wert für die Völker als Studium und Urteilskraft. Wenn ich das Leben nochmals zu leben anzufangen hätte, würde ich vielleicht in ein Seminar eintreten und möchte einfacher Landpfarrer oder Gemeindeschullehrer sein. Ich bin auf meinem Wege zu weit fortgeschritten, um nur ein einfacher Elementarlehrer zu sein, und kann überdies in einem ausgedehnteren Kreise als dem einer Schule oder Pfarrei wirken. Die Saint-Simonisten, mit denen ich versucht wäre, mich zusammenzutun, wollen einen Weg einschlagen, auf dem ich ihnen nicht folgen könnte; trotz ihrer Irrtümer aber haben sie mehrere schmerzliche Punkte berührt, Früchte unserer Gesetzgebung, die man nur mit ungenügenden Palliativen heilen wird, und die nur eine große moralische und politische Krise in Frankreich aufschieben werden. Leben Sie wohl, mein lieber Herr; finden Sie hier die Versicherung meiner ehrfurchtsvollen und treuen Anhänglichkeit, die ungeachtet dieser Bemerkungen stets nur wachsen kann.

Grégoire Gérard.«

Seiner alten Bankiergewohnheit gemäß hatte Grossetête folgende Antwort auf die Rückseite desselben Briefes fixiert und das feierliche Wort: Beantwortet darüber gesetzt.

»Es würde um so viel zweckloser sein, mein lieber Gérard, mich über die in Ihrem Briefe enthaltenen Bemerkungen auszulassen, als ich durch ein Zufallsspiel – ich bediene mich dieses Ausdrucks der Dummköpfe – Ihnen einen Vorschlag zu machen habe, dessen Ergebnis darauf hinausläuft, Sie aus der Lage zu befreien, in der Sie sich so übel befinden. Madame Graslin, Besitzerin der Wälder von Montégnac und einer sehr unfruchtbaren Hochebene, die sich am Fuße der langen Hügelkette hinzieht, auf welcher ihr Wald liegt, beabsichtigt diese sehr große Besitzung nutzbar zu machen, ihre Wälder auszubeuten und ihre steinigen Flächen zu kultivieren. Um diesen Plan zur Ausführung zu bringen, bedarf sie eines Mannes Ihrer Bildung und Ihres Eifers, der Ihre uneigennützige Hingabe und Ihre praktischen Utilitätsideen besitzt. Wenig Geld ist da und viel Arbeit zu leisten! Ein ungeheures Ergebnis aus kleinen Mitteln. Ein Land, das gänzlich zu verwandeln ist! Den Ueberfluß inmitten des größten Entblößtseins hervorquellen zu lassen, nicht wahr, das wünschen Sie, der Sie ein Gedicht schaffen wollen? Dem Tone der Aufrichtigkeit nach, der in Ihrem Schreiben herrscht, zögere ich nicht, Ihnen zu sagen, kommen Sie nach Limoges. Doch, mein lieber Freund, reichen Sie Ihre Entlassung nicht ein, lassen Sie sich nur von Ihrer Körperschaft beurlauben, indem Sie Ihrer Verwaltung erklären, daß Sie außerhalb der Staatsarbeiten liegende Fragen Ihres Faches studieren wollen. So gehen Sie keines Ihrer Rechte verlustig und werden Zeit haben zu beurteilen, ob das vom Pfarrer von Montégnac geplante Unternehmen, dem Madame Graslin wohlmeinend gegenübersteht, ausführbar ist. Mündlich werde ich Ihnen die Vorteile mitteilen, die Sie finden dürften, falls diese große Wandlungen möglich sein sollten. Rechnen Sie immer auf die Freundschaft Ihres ganz ergebenen

Grossetête.«

Madame Graslin antwortete Grossetête nichts weiter als die wenigen Worte:

»Danke, lieber Freund, ich erwarte Ihren Schützling.«

Des Ingenieurs Brief zeigte sie Monsieur Bonnet, indem sie zu ihm sagte:

»Noch ein Verwundeter, der das große Hospital sucht.«

Der Pfarrer las den Brief, las ihn wieder, ging zwei- oder dreimal schweigend die Terrasse auf und ab und gab ihn dann Madame Graslin mit den Worten zurück:

»Das kommt von einer schönen Seele und von einem höheren Menschen! Er sagt, daß die vom revolutionären Geist erfundenen Schulen Unfähige züchten, ich, ich nenne sie Zuchtstätten des Unglaubens, denn, wenn Monsieur Gérard kein Atheist ist, ist er Protestant . . . «

»Wir wollen ihn fragen,« sagte sie, betroffen über solche Antwort.

Vierzehn Tage später, im Dezembermonde, kam Monsieur Grossetête trotz der Kälte nach Schloß Montégnac, um seinen Schützling dort vorzustellen, den Véronique und Monsieur Bonnet ungeduldig erwarteten.

»Man muß Sie sehr lieb haben, liebes Kind,« sagte der Greis, als er Véroniques beide Hände in seine nahm und sie mit jener Galanterie alter Herren küßte, die Frauen nie beleidigt, »ja, Sie sehr lieb haben, um Limoges zu solcher Zeit zu verlassen; aber ich wollte Ihnen selber ein Geschenk mit Monsieur Grégoire Gérard hier machen. – Er ist ein Mann nach Ihrem Herzen, Monsieur Bonnet,« fügte der alte Bankier, den Pfarrer liebenswürdig begrüßend, hinzu.

Gérards Aeußeres war wenig einnehmend. Er besaß eine mittlere Figur, von derben Formen, der Hals steckte, wie man zu sagen pflegt, zwischen den Schultern, er hatte goldgelbe Haare, rote Albinoaugen, und fast weiße Brauen und Wimpern. Obwohl seine Hautfarbe wie die der Leute dieser Art von seltener Weiße war, nahmen ihr Pockennarben und sehr sichtbare Schmarren ihren ursprünglichen Glanz; das Studium hatte zweifelsohne seine Augen verdorben; denn er trug Schonungsbrillen. Als er sich eines großen Reitermantels entledigte, machte die Kleidung, die er zeigte, sein ungünstiges Aeußeres keineswegs wett. Die Weise, wie er seine Kleider angezogen und zugeknöpft hatte, seine vernachlässigte Krawatte und sein nicht ganz tadelloses Hemd zeigten Spuren jenes Mangels an Sorge für sich selbst, den man Männern der Wissenschaften vorwirft, welche alle mehr oder minder zerstreut sind. Wie bei fast allen Denkern kündigten sein Benehmen und seine Haltung, die Entwicklung des Oberkörpers und die Magerkeit der Beine eine Art durch die Gewohnheiten des Nachdenkens erzeugte körperliche Entkräftung an. Die Macht des Herzens und des glühenden Verstandes, dessen Beweise in seinem Briefe zu lesen standen, strahlten auf seiner Stirn, die man wie aus karrarischem Marmor gemeißelt hätte nennen können. Die Natur schien sich diesen Platz aufbewahrt zu haben, um dort die augenscheinlichen Merkmale der Größe, Beständigkeit und Güte dieses Mannes aufzuprägen. Wie bei allen Männern gallischer Rasse, hatte die Nase eine plattgedrückte Form. Sein fester und gerader Mund zeigte völlige Verschwiegenheit und Sinn für Sparsamkeit an; das ganze Gesicht aber, durch das Studium ermüdet, war vorzeitig gealtert.

»Wir haben Ihnen bereits zu danken, mein Herr,« sagte Madame Graslin zu dem Ingenieur, »daß Sie so freundlich waren zu kommen, um Arbeiten in einem Lande zu leisten, das Ihnen keine anderen Annehmlichkeiten bieten wird wie die Befriedigung, zu wissen, daß man dort Gutes wirken kann.«

»Madame,« erwiderte er, »Monsieur Grossetête hat mir auf dem Wege hierher schon so viel von Ihnen erzählt, daß ich glücklich wäre, Ihnen nützlich sein zu können, und die Aussicht bei Ihnen und Monsieur Bonnet zu leben mir verlockend erscheint. Wenigstens hoffe ich, wenn man mich nicht aus dem Lande jagt, hier meine Tage zu beschließen.«

»Wir werden uns bemühen, Sie Ihre Ansicht nicht ändern zu lassen,« entgegnete Madame Graslin lächelnd.

»Hier,« sagte Grossetête zu Véronique, sie beiseite nehmend, »sind Papiere, die der Generalprokurator mir eingehändigt hat; er ist sehr erstaunt gewesen, daß Sie sich nicht an ihn selber gewendet haben. Alles, was Sie verlangten, ist schnell und voller Ergebenheit erledigt worden. Zuerst wird Ihr Schützling alle seine bürgerlichen Rechte wieder eingeräumt bekommen, dann wird Ihnen Cathérine Curieux in drei Monaten geschickt werden.«

»Wo ist sie?« fragte Véronique.

»Im Saint-Louis-Hospital,« antwortete der Greis. »Man wartet ihre Genesung ab, um sie aus Paris fortzuschicken.«

»Ach, das arme Kind ist krank!«

»Hier werden Sie alle wünschenswerten Aufschlüsse erhalten,« sagte Grossetête, Véronique das Paket überreichend.

Sie kehrte zu ihren Gästen zurück, um sie in das prachtvolle Speisezimmer des Erdgeschosses zu führen, wohin sie von Grossetête und Gérard geleitet, denen sie den Arm gab, ging. Sie überwachte selber das Mittagsmahl, ohne daran teilzunehmen. Seit ihrer Ankunft in Montégnac hatte sie es sich zum Gesetz gemacht, ihre Mahlzeiten allein einzunehmen, und Aline, die das Geheimnis dieses Vorbehalts kannte, bewahrte es heilig bis zu dem Tage, wo ihre Herrin in Todesgefahr schwebte.

Der Bürgermeister, der Friedensrichter und der Arzt von Montégnac waren natürlich eingeladen worden.

Der Arzt, ein siebenundzwanzigjähriger junger Mann namens Roubaud, wünschte lebhaft Limousins berühmte Frau kennenzulernen. Der Pfarrer war um so glücklicher, den jungen Mann im Schlosse einführen zu können, als er eine Art Geselligkeit bei Véronique einzuführen wünschte, um sie zu zerstreuen und um ihrem Geiste Nahrung zu geben. Roubaud war einer jener durchaus unterrichteten jungen Mediziner, wie sie aus der Pariser medizinischen Fakultät jetzt hervorgehen, der sicherlich auf dem großen Theater der Hauptstadt hätte glänzen können; da er aber erschreckt war über das Spiel der Ehrsüchte in Paris, und sich überdies mehr für die Wissenschaft als für Ränke, mehr für Befähigung als für Begierde begabt hielt, hatte sein sanftes Gemüt ihn auf das enge Provinztheater geführt, wo er schneller als in Paris geschätzt zu werden hoffte. In Limoges stieß Roubaud sich an den eingefleischten Gewohnheiten und der allzu großen Treue der Patienten. Er ließ sich daher von Monsieur Bonnet gewinnen, der seiner sanften und zuvorkommenden Physiognomie nach einen von denen in ihm sah, die zu ihm halten und ihm bei seinem Werke helfen mußten. Klein und blond wie er war, hatte Roubaud ein ziemlich fades Aussehen, seine grauen Augen aber verrieten die Tiefe des Physiologen und die Zähigkeit studierter Leute. Montégnac besaß nur einen alten Regimentschirurgen, der sehr viel mehr mit seinem Keller als mit seinen Patienten beschäftigt und überdies zu alt war, um den rauhen Beruf eines Landarztes fortsetzen zu können. In diesem Augenblick starb er langsam ab. Roubaud wohnte seit achtzehn Monaten in Montégnac und war dort schon sehr beliebt. Doch der junge Schüler Despleins und der Nachfolger Cabanis' glaubte nicht an den Katholizismus. In Religionsdingen verharrte er in einer tödlichen Gleichgültigkeit und wollte sie nicht aufgeben. Auch entmutigte er den Pfarrer; nicht weil er irgendwelches Unheil stiftete, er sprach ja nie über Religion; seine Beschäftigungen rechtfertigten seine ständige Abwesenheit in der Kirche, und überdies benahm er sich, da er der Proselytenmacherei unfähig war, wie sich der beste Katholik aufgeführt haben würde; hatte es sich aber versagt an ein Problem zu denken, das er als außerhalb der menschlichen Reichweite liegend ansah. Als der Pfarrer den Arzt sagen hörte, daß der Pantheismus die Religion aller großen Geister sei, hielt er ihn für einen Anhänger der Pythagoräischen Dogmen über die Seelenwanderung. Roubaud, der Madame Graslin zum ersten Male sah, überkam eine lebhafte Empfindung bei ihrem Anblick; die Wissenschaft ließ ihn in der Physiognomie, in der Haltung und in den Verwüstungen ihres Gesichtes unerhörte, sowohl physische wie moralische Leiden, einen Charakter von einer übermenschlichen Kraft und die großen Fähigkeiten entdecken, welche in den Stand setzen, die entgegengesetztesten Wechselfälle zu ertragen; alles las er darin, selbst die dunklen und absichtlich verborgenen Dinge. Auch sah er das Leiden, welches das Herz dieses schönen Geschöpfes verzehrte, denn, wie die Färbung einer Frucht den Aufenthalt eines nagenden Wurmes in ihr vermuten läßt, ebenso erlauben gewisse Farben in dem Gesichte den Aerzten einen giftigen Gedanken zu erkennen. Von Stund an nahm Roubaud so innig teil an Madame Graslin, daß er in Sorge war, sie über die einfache erlaubte Freundschaft hinaus zu lieben. Véroniques Stirn, Betragen und vor allem ihre Blicke waren von einer Beredsamkeit, welche Männer immer verstehen, und die ebenso energisch sagten, daß sie für die Liebe tot sei, wie andere Frauen durch eine gegenteilige Beredsamkeit das Gegenteil sagen; der Arzt weihte ihr sofort einen ritterlichen Dienst. Schnell wechselte er einen Blick mit dem Pfarrer. Monsieur Bonnet sagte dann zu sich selber:

»Das ist der Blitzschlag, der den armen Ungläubigen verwandeln dürfte! Madame Graslin wird beredsamer sein als ich.«

Der Bürgermeister, ein alter Landmann, der erstaunt über den Luxus dieses Speisesaals und überrascht war, mit einem der reichsten Männer der Provinz zu Mittag zu speisen, hatte seine besten Kleider angelegt; fühlte sich darin aber ein bißchen unbehaglich, wodurch sich seine moralische Verlegenheit vermehrte. Madame Graslin erschien ihm überdies in ihrem Trauergewand maßlos imposant; er blieb daher stumm. Als ehemaliger Pächter zu Saint-Léonard hatte er das einzige bewohnbare Haus des Fleckens gekauft und bestellte die dazugehörigen Ländereien selber. Obwohl er zu lesen und zu schreiben verstand, konnte er seinen Amtsgeschäften nur mit Hilfe des Friedensgerichtsboten nachkommen, der seine Arbeiten vorbereitete; auch wünschte er lebhaft die Einsetzung eines Notars, um auf diesen Ministerialbeamten die Last seiner Amtsgeschäfte abzuwälzen; doch die Armut des Montégnacer Bezirks machte ein Notariat fast zwecklos, und die Bewohner wurden durch die Notare der Bezirkshauptstadt ausgebeutet.

Der Friedensrichter, namens Clousier, war ein ehemaliger Advokat aus Limoges, wo die Prozesse ihn gemieden hatten, denn er beabsichtigte das schöne Axiom, wonach der Advokat der erste Richter des Klienten und des Prozesses ist, praktisch einzuhalten. Gegen 1809 erlangte er diese Stellung, deren magere Einkünfte ihm zu leben erlaubten. Damals war er bei der ehrenwertesten aber vollkommensten Misère angegelangt. Nach einem zweiundzwanzigjährigen Aufenthalte in dieser armen Gemeinde glich der Bauer gewordene Biedermann seinem Ueberrock nach einem Landpächter. Unter dieser fast plumpen Form verbarg Clousier einen scharfsinnigen Geist, der auf hohe politische Erwägungen eingestellt, aber einer gänzlichen Sorglosigkeit verfallen war, die er seiner vollkommenen Kenntnis der Menschen und ihrer Interessen verdankte. Solch ein Mann, der Monsieur Bonnets Scharfblick lange Zeit über täuschte, und der in einer höheren Gesellschaftsschicht eine gewisse Aehnlichkeit mit l'Hôpital gehabt haben würde, war wie alle wirklich tiefgeistigen Leute aller Ränke unfähig und lebte schließlich in dem beschaulichen Zustande alter Einsiedler. Da er sonder Zweifel reich an jeglichen Entbehrungen war, wirkte kein Ansehen auf sein Gemüt, er kannte die Gesetze und urteilte unparteiisch. Sein auf die einfache Notwendigkeit zurückgeführtes Leben war rein und regelmäßig. Die Bauern liebten Monsieur Clousier und schätzten ihn der väterlichen Uneigennützigkeit wegen, mit der er ihre Streitigkeiten schlichtete und ihnen in ihren einfachsten Angelegenheiten mit Rat beistand. Der Biedermann Clousier, wie ganz Montégnac ihn nannte, hatte seit zwei Jahren als Kanzlisten einen seiner Neffen, einen ziemlich intelligenten jungen Mann, bei sich, der später viel zum Gedeihen des Bezirkes beitrug. Des Greises Physiognomie empfahl sich durch eine hochgewölbte breite Stirn. Zwei Büschel weißer Haare standen struppig auf jeder Seite seines kahlen Schädels. Seine gesunde Gesichtsfarbe, seine beträchtliche Körperfülle machten schier glauben, daß er trotz seiner Mäßigkeit wie Troplong und Toullier wacker dem Bacchus huldige. Seine fast erloschene Stimme deutete auf asthmatische Beklemmungen hin. Vielleicht hatte ihn die trockene Luft Ober-Montégnacs dazu bestimmt, sich hier zu Lande festzusetzen. Dort wohnte er in einem kleinen Häuschen, das ein ziemlich reicher Holzschuhmacher, dem es gehörte, für ihn hergerichtet hatte. Clousier hatte Véronique bereits in der Kirche gesehen und sich ein Urteil über sie gebildet, ohne seine Gedanken jemandem mitgeteilt zu haben, nicht einmal Monsieur Bonnet, mit dem er anfing vertraut zu werden. Zum erstenmal in seinem Leben sollte der Friedensrichter sich unter Leuten befinden, die ihn zu verstehen imstande waren.

Als diese sechs Personen einmal um den reichgedeckten Tisch saßen, denn Véronique hatte ihren ganzen Hausrat aus Limoges nach Montégnac geschickt, verspürten sie eine momentane Verwirrung. Der Arzt, der Bürgermeister und der Friedensrichter kannten weder Grossetête noch Gérard. Beim ersten Gange aber brach die Gutmütigkeit des alten Bankiers unmerklich das Eis einer ersten Begegnung. Dann fesselte Madame Graslins Liebenswürdigkeit Gérard und ermutigte Monsieur Roubaud. Von ihr sich lenken lassend, begriffen all diese Seelen voller erlesener Eigenschaften ihre geistige Verwandtschaft. Jeder fühlte sich bald in einer sympathischen Umgebung. Auch wurde, als der Nachtisch auf die Tafel gestellt worden war, als die Kristallsachen und die goldgeränderten Porzellane funkelten, als ausgewählte, von Aline, von Champion und Grossetêtes Diener servierte Weine herumgingen, die Unterhaltung bald so vertraulich, daß die zufällig vereinigten vier Elitemänner sich ihre wahre Meinung über die Gebiete, über welche man zu reden, pflegt, wenn man sich in Uebereinstimmung mit den andern weiß, sagten.

»Ihre Beurlaubung fiel gerade mit der Julirevolution zusammen,« sagte Grossetête mit einer Miene, durch die er ihn um seine Meinung fragte, zu Gérard.

»Ja,« antwortete der Ingenieur. »Die drei berühmten Tage über war ich in Paris; habe alles gesehen und daraus auf die traurigsten Dinge geschlossen.«

»Und auf was?« fragte Monsieur Bonnet lebhaft.

»Patriotismus gibt's nur noch unter dreckigen Hemden,« entgegnete Gérard. »Da liegt das Verderben Frankreichs. Die Julirevolution ist die freiwillige Niederlage der durch Namen, Vermögen und Talent Hervorgehobenen. Die opferfreudigen Massen haben den Sieg über die reichen und intelligenten Klassen davongetragen, denen Aufopferung unsympathisch ist.«

»Nach dem zu urteilen, was seit einem Jahre geschieht, « fügte Monsieur Clousier, der Friedensrichter, hinzu, »ist dieser Wechsel eine Gebühr, die man für das Uebel, welches uns verschlingt, nämlich für den Individualismus, bezahlt. Heute in fünfzehn Jahren wird sich jede edelmütige Frage mit dem: ,Was geht mich das an,' dem großen Schrei des freien Willens übersetzen lassen, der von den religiösen Höhen auf die ihn Luther, Calvin, Zwingli und Knox geführt haben, bis zur Volkswirtschaft herabgestiegen ist. ,Jeder für sich', ,jeder bei sich', diese beiden schrecklichen Phrasen werden mit dem ,Was geht mich das an?' die dreieinige Weisheit des Bürgers und kleinen Grundbesitzers bilden. Dieser Egoismus ist das Resultat der Fehler unserer bürgerlichen Gesetzgebung, die ein wenig allzu überstürzt aufgestellt worden ist, und der die Julirevolution eben eine furchtbare Weihe gegeben hat.«

Der Friedensrichter fiel nach dieser Sentenz, deren Motive die Gäste beschäftigen mußten, seinem üblichen Schweigen wieder anheim. Durch dieses Wort Clousiers und durch den Blick, den Gérard und Grossetête austauschten, ermutigt, wagte Monsieur Bonnet sich weiter vor:

»Der gute König Karl X.« sagte er, »ist eben an dem am weitesten voraussehenden und heilsamsten Unternehmen, das je ein Monarch für das Glück seiner ihm anvertrauten Völker geplant hat, gescheitert und die Kirche darf stolz sein auf den Anteil, den sie an seiner Beratung genommen hat. Herz und Intelligenz aber der oberen Klassen sind schwach geworden, wie sie sie bereits in der großen Gesetzesfrage des Erstgeburtsrechts, der ewigen Zierde des einzigen kühnen Staatsmannes, den die Restauration besessen hat, des Grafen von Peyronnet, in Stich gelassen haben. Die Nation durch die Familie wieder herstellen, der Presse ihre vergiftende Tätigkeit nehmen und ihr nur das Recht nützlich zu sein lassen, die Wahlkammer ihre wirklichen Befugnisse ausüben zu lassen, der Religion ihre Macht über das Volk wiedergeben, das sind die vier Kardinalpunkte der inneren Politik des Hauses Bourbon gewesen. Nun wohl, heute in zwanzig Jahren wird ganz Frankreich die Notwendigkeit dieser großen und heilsamen Politik anerkannt haben. König Karl X. war übrigens mehr bedroht in der Lage, die er aufgeben wollte, als in der, in welcher seine väterliche Macht zugrunde gegangen ist. Die Zukunft unseres schönen Vaterlandes, wo periodisch alles in Frage gestellt werden wird, wo man unaufhörlich diskutieren wird, statt zu handeln, wo die selbstherrlich gewordene Presse das Werkzeug niedrigster Ehrgeizregungen sein wird, dürfte die Klugheit dieses Königs beweisen, der die wahren Regierungsprinzipien eben mit sich fortgenommen hat, und die Geschichte wird ihm den Mut hoch anrechnen, mit dem er seinen besten Freunden Widerstand geleistet hat, nachdem er die Wunde sondiert, deren Größe erkannt und die Notwendigkeit der heilenden Mittel gesehen hatte, die von denen, für die er sein Leben in die Schanze schlug, nicht unterstützt worden sind.«

»Nun, Herr Pfarrer, Sie schreiten freimütig und ohne die geringste Verkleidung vorwärts,« rief Gérard, »aber ich will Ihnen nicht widersprechen. In seinem russischen Feldzuge war Napoleon dem Geiste seines Jahrhunderts um vierzig Jahre voraus; er ist nicht verstanden worden. Das Rußland und England von 183o machen den Feldzug von 1812 begreiflich. Karl X. hat das nämliche Unglück erlitten: in fünfundzwanzig Jahren werden seine Verordnungen vielleicht Gesetze werden!«

– »Frankreich, ein zu redegewandtes Land, um nicht geschwätzig zu sein, ein zu eitles Land, als daß es seine wahren Talente erkennte, ist trotz des erhabenen guten Menschenverstandes seiner Sprache und seiner Massen, das letzte von allen, wo das System der beiden beratschlagenden Versammlungen könnte zugelassen werden,« fuhr der Friedensrichter fort. »Wenigstens müßten die Nachteile unseres Charakters durch die wunderbaren Beschränkungen, die Napoleons Erfahrung ihm entgegengestellt hatte, bekämpft werden. Dies System kann sich noch in einem Lande wie England behaupten, dessen Tätigkeit durch die Natur des Bodens beschränkt ist. Das auf die Uebertragung des Bodens angewandte Erstgeburtrecht aber ist immer notwendig, und wenn es unterdrückt wird, wird das Repräsentativsystem eine Narrheit. England verdankt seine Existenz dem quasi Feudalrecht, das die Ländereien und die Familienwohnung immer den Erstgeborenen zuteilt. Rußland ruht auf dem Feudalrecht der Autokratie. Auch befinden sich diese beiden Nationen heute auf einem erschreckend fortschrittlichen Wege. Oesterreich hat unsere Einfälle nur aushalten und den Krieg gegen Napoleon nur dank diesem Erstgeburtsrechte wieder beginnen können, das die Kräfte der Familie lebendig erhält und die großen, für den Staat nötigen Produktionen unterstützt. Als das Haus Bourbon sich durch die Schuld des Liberalismus an dritte Stelle in Europa herabsinken fühlte, hat es seinen Platz behaupten wollen, und das Land hat es in dem Momente gestürzt, wo es das Land rettete. Ich weiß nicht, wo hinab uns das augenblickliche System steigen läßt.«

»Gibt es Krieg, wird Frankreich ohne Pferde sein wie 1813 Napoleon, der auf Frankreichs Hilfsquellen allein angewiesen, die beiden Siege von Lützen und Bautzen nicht ausnützen konnte und bei Leipzig sich zermalmen sah!« rief Grossetête. »Wenn es Frieden bleibt, wird das Uebel sich noch verschlimmern: heute in fünfundzwanzig Jahren werden in Frankreich die Pferde- und Rinderrassen um die Hälfte vermindert sein.«

»Monsieur Grossetête hat recht,« sagte Gérard. – »So ist denn auch das Werk, das Sie hier beginnen wollen,« fuhr er, sich an Véronique wendend, fort, »ein dem Vaterlande geleisteter Dienst.«

»Ja,« sagte der Friedensrichter, »weil Madame nur einen Sohn hat. Wird der Zufall dieser Erbfolge fortbestehen? Während eines gewissen Zeitraums wird die große und prachtvolle Kultur, die Sie, wie wir hoffen, ins Leben rufen werden, da sie nur einem einzigen Besitzer gehört, fortfahren, Hornvieh und Pferde hervorzubringen. Trotz allem aber wird ein Tag kommen, wo Wälder und Wiesen entweder geteilt oder parzellenweise verkauft werden. Von Teilung zu Teilung werden die sechstausend Arpents Ihrer Ebene tausend oder zwölfhundert Besitzer haben, und von da an wird's weder Pferde noch Großvieh mehr geben.«

»Oh, in der Zeit . . .« sagte der Bürgermeister.

»Da hören Sie das von Monsieur Clousier zitierte ›Was tut mir das?‹« rief Monsieur Grossetête, »da haben wir ihn auf der Tat ertappt! – Aber, mein Herr,« fuhr der Bankier mit ernstem Tone, sich an den verdutzten Bürgermeister wendend, fort, »die Zeit ist gekommen! In einem Umkreise von sechs Meilen von Paris kann das ins Unendliche geteilte Land kaum die Milchkühe ernähren. Die Gemeinde Argenteuil zählt achtunddreißigtausendachthundertfünfundachtzig Landparzellen, von denen mehrere keine fünfzehn Centimes Einkünfte ergeben. Ich weiß nicht, wie die Ernährer ohne die kräftigen Dungmittel von Paris, welche Futtermittel von erster Güte zu erzielen gestatten, sich aus der Klemme ziehen sollten. Diese gewaltsame Nahrung und der Aufenthalt im Stalle läßt die Kühe obendrein an Entzündungskrankheiten eingehen. Man benutzt die Kühe um Paris herum, wie man dort die Pferde auf den Straßen benutzt. Produktivere Kulturen als Wiesen: Gemüsekulturen, Obstbau, Baumschulen, Weinbau werden die Wiesen vernichten. Noch einige Jahre und die Milch wird wie die frischen Seefische mit der Post nach Paris kommen. Was im Umkreis von Paris vor sich geht, findet in gleicher Weise in den Umgebungen aller großen Städte statt. Das Uebel dieser übermäßigen Landaufteilung dehnt sich über hundert Städte Frankreichs aus und wird es eines Tages gänzlich verschlingen. Nach Chaptal zählte man 1800 kaum zwei Millionen Hektare Weinberge, eine genaue Statistik wird Ihnen heute mindestens zehn anführen. Durch unser Erbschaftssystem ins Unendliche geteilt wird die Normandie die Hälfte ihrer Pferde- und Rinderproduktion verlieren, wird aber das Milchmonopol für Paris haben, denn sein Klima widersetzt sich glücklicherweise dem Weinbau. Ein seltsames Phänomen wird auch die fortschreitende Erhöhung des Fleischpreises bilden. Heute in zwanzig Jahren: 1850 wird Paris, das 1814 das Pfund Fleisch mit sieben und elf Sous bezahlte, zwanzig Sous dafür zahlen, wenn nicht ein genialer Mann dazwischentritt, der Karls X. Gedanken auszuführen versteht.«

– »Sie haben den Finger auf Frankreichs große Wunde gelegt,« sagte der Friedensrichter. »Des Leidens Ursache ruht in dem Paragraphen: ›Erbschaften‹ des Zivilgesetzbuchs, der die gleiche Teilung der Güter anordnet. Das ist der Stößer, dessen fortwährendes Spiel das Land zerbröckelt, dadurch daß er ihm die notwendige Stabilität nimmt, die Vermögen individualisiert und Frankreich, indem er zerlegt, ohne jemals wieder zusammenzusetzen, schließlich töten wird. Die französische Revolution hat ein zerstörendes Gift in Umlauf gesetzt, dem die Julitage eben eine neue Wirksamkeit mitgeteilt haben. Dieses krank machende Prinzip ist das Gelangen des Bauern zu Grundbesitz. Wenn der Paragraph: ›Erbschaften‹ das Prinzip des Uebels ist, so bildet der Bauer das Mittel dazu. Der Bauer gibt nichts von dem zurück, was er erlangt hat. Wenn dieser Vielfraß einmal ein Stück Land in sein immer offenes Maul genommen hat, teilt er es wieder, solange es drei Furchen gibt. Auch dabei bleibt er dann noch nicht stehen! Er teilt die drei Furchen der Länge nach, wie Monsieur es Ihnen eben durch das Beispiel der Gemeinde Argenteuil bewiesen hat. Der unsinnige Preis, den der Bauer für die kleinsten Parzellen fordert, macht die Wiederzusammensetzung des Besitzes unmöglich. Sind Prozeßverfahren und Recht erst durch diese Teilung aufgehoben, wird der Besitz ein Nonsens. Das bedeutet aber nichts andres, als die Macht des Fiskus und des Gesetzes über Parzellen erlöschen zu sehen, die seine weisesten Maßnahmen unmöglich machen. Man hat Grundeigentümer mit fünfzehn, fünfundzwanzig Centimes Einkommen! . . . Monsieur,« sagte Clousier auf Grossetête hinweisend, »hat uns eben von der Verminderung der Pferde- und Rindviehrassen erzählt: das gesetzliche System trägt viel dazu bei. Der grundbesitzende Bauer hat nur Kühe, aus ihnen zieht er seine Nahrung, die Kälber verkauft er, verkauft sogar die Butter; er läßt es sich nicht einfallen, Rinder, noch viel weniger Pferde aufzuziehen; da er aber nie genug Futter erntet, um eine Mißernte überstehen zu können, schickt er seine Kuh auf den Markt, wenn er sie nicht mehr ernähren kann. Wenn ein verhängnisvoller Zufall es will, daß die Heuernte zwei Jahre hintereinander versagt, werden Sie im dritten Jahre seltsame Veränderungen im Rindfleisch-, besonders aber im Kalbfleischpreise in Paris erleben.«

»Wie sollte man dann patriotische Essen veranstalten?« sagte lächelnd der Arzt.

»Oh,« rief Madame Graslin Roubaud ansehend, »die Politik kann also nirgendwo, selbst hier nicht ohne das kleine Journal auskommen!«

»Die Bourgeoisie,« fuhr Clousier fort, »spielt bei dieser furchtbaren Arbeit die Rolle der Pioniere in Amerika. Sie kauft große Ländereien, die der Bauer in keiner Weise an sich bringen kann und teilt sie sich; dann, nachdem sie sie benagt, geteilt hat, liefern sie Subhastation oder Einzelverkauf viel später dem Bauern aus. Alles läßt sich heute kurz in Zahlen zusammenfassen. Ich kenne keine, die mehr sagen, als folgende: Frankreich hat heute neunundvierzig Millionen Hektare, die man in Wirklichkeit auf vierzig reduzieren kann; denn man muß die Wege, die Straßen, die Dünen, die Kanäle und die unfruchtbaren oder aus Mangel an Kapitalien unbebauten Terrains, wie die Ebene von Montégnac, abziehen. Nun, auf vierzig Millionen Hektare für zweiunddreißig Millionen Einwohner kommen hundertfünfundzwanzig Millionen Parzellen nach dem Grundsteuerbuch. Die Bruchziffern habe ich weggelassen. So sind wir über das Agrargesetz hinaus, und sind weder am Ende des Unglücks noch des Unfriedens! Die, welche den Grund und Boden zertrümmern und die Produktion vermindern, werden Organe besitzen, um zu schreien, daß die wahre soziale Gerechtigkeit darin bestehe, jedem nur die Nutznießung seines Besitzes zu überlassen. Sie werden sagen, daß stetiger Besitz ein Diebstahl ist! Die Saint-Simonisten haben angefangen.«

»Der Justizbeamte hat gesprochen,« sagte Grossetête, »folgendes setzt der Bankier zu diesen mutigen Erwägungen hinzu. Der dem Bauern und Kleinbürger zugänglich gemachte Grundbesitz fügt Frankreich ein immenses Unrecht zu, das die Regierung nicht einmal ahnt. Man kann die Bauern abzüglich der Dürftigen auf drei Millionen Familien abschätzen. Diese Familien leben von Arbeitslohn. Arbeitslohn wird in Geld statt in Waren bezahlt . . .«

»Noch ein ungeheurer Fehler unserer Gesetze!« rief Clousier, indem er unterbrach. »Die Möglichkeit der Warenzahlung konnte 1790 angeordnet werden, heute aber ein derartiges Gesetz einbringen, hieße eine Revolution wagen.«

»So,« fuhr Grossetête fort, »zieht das Proletariat das Geld des Landes an sich. Nun hat der Bauer keine andere Leidenschaft, kein anderes Verlangen, kein anderes Wollen, kein anderes Ziel wie als Grundbesitzer zu sterben. Dies Verlangen, wie es Monsieur Clousier sehr gut festgestellt hat, ist in der Revolution geboren worden, es ist das Ergebnis des Verkaufs der Nationalgüter. Man müßte sich keinen Begriff davon machen können, was tief im Lande vor sich geht, um nicht die Tatsache zuzugeben, daß diese drei Millionen Familien jährlich fünfzig Franken vergraben und so hundertfünfzig Millionen dem Geldumlaufe entziehen. Die Volkswirtschaftslehre hat ziemlich einwandfrei nachgewiesen, daß ein Fünffrankstück, das während eines Tages in hundert Hände kommt, durchaus den Wert von fünfhundert Franken hat. Nun ist es für uns, die wir alte Beobachter ländlicher Zustände sind, sicher, daß der Bauer sein Land auswählt; er lauert, er wartet darauf und legt seine Kapitalien niemals fest. Der Ankauf durch die Bauern muß daher in Perioden von sieben Jahren berechnet werden. Die Bauern lassen also eine Summe von elfhundert Millionen sieben Jahre über untätig und ohne Bewegung; da aber das Kleinbürgertum ebensoviel eingräbt und sich hinsichtlich der Besitzungen, die der Bauer nicht schlucken kann, genau so verhält, verliert Frankreich in zweiundvierzig Jahren die Zinsen von mindestens zwei Milliarden, das heißt etwa hundert Millionen in sieben Jahren oder sechshundert Millionen in zweiundvierzig Jahren. Aber es hat nicht nur sechshundert Millionen verloren, es hat auch versäumt, für sechshundert Millionen industrielle und landwirtschaftliche Produktionen zu schaffen, die einen Verlust von zwölfhundert Millionen darstellen; denn wenn das Industrieprodukt nicht der doppelte Wert seines Selbstkostenpreises in Geld wäre, würde der Handel nicht bestehen. Das Proletariat bringt sich also selber um sechshundert Millionen an Gehältern! Diese sechshundert Millionen Barverlust, die aber für einen strengen Nationalökonomen infolge der mangelnden Zirkulationsvorteile einen Schaden von etwa zwölfhundert Millionen darstellen, erklären dem Staate, warum unser Handel, unsere Marine und unsere Landwirtschaft an den englischen gemessen so tief stehen. Trotz des Unterschiedes, der zwischen beiden Ländern herrscht, und der zu mehr als zwei Drittel zu unseren Gunsten ist, könnte England die Kavallerie zweier französischer Armeen beritten machen, und Fleisch gibt es dort für alle Welt. In diesem Lande wird aber auch, wie das Verhältnis des Grundbesitzes den unteren Klassen seinen Erwerb beinahe unmöglich macht, jedes Geldstück angelegt und rollt. So bringt uns außer der Wunde der Zerstückelung und der Verminderung der Rindvieh-, Pferde- und Schafrassen, der Erbschaftsparagraph noch sechshundert Millionen Zinsverlust durch den Sparstrumpf des Bauern und Bürgers und zwölfhundert Millionen Produktionsausfall oder drei Milliarden Nicht-Zirkulation in einem halben Jahrhundert ein!«

»Der moralische Effekt ist schlimmer als der materielle,« rief der Pfarrer. »Wir fabrizieren bettelnde Grundbesitzer im Volke, Halb-Gebildete unter den Bürgern und das: ›Jeder bei sich, jeder für sich‹, das bei den höheren Klassen im Juli dieses Jahres seine Wirkung getan hat, wird bald die Mittelklassen angesteckt haben. Ein des Gefühls entwöhntes Proletariat, das ohne einen anderen Gott als den Neid, ohne einen anderen Fanatismus als die Verzweiflung des Hungers, ohne Treue noch Glauben ist, wird vorrücken und den Fuß auf das Herz des Landes setzen. Der unter dem monarchischen Gesetze groß gewordene Fremdling wird uns im Königtum ohne König, in der Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz, im Grundbesitz ohne Grundbesitzer, mit der Wahl ohne Regierung, bei freiem Willen ohne Kraft und ohne Glück in der Gleichheit finden. Hoffen wir, daß Gott in Frankreich bald einen von der göttlichen Vorsehung gewollten Mann entstehen lassen wird, einen jener Erwählten, die den Nationen einen neuen Geist verleihen, und daß er, sei er Marius, sei er Sulla, komme er aus der Tiefe oder aus der Höhe, die Gesellschaft erneuern werde!«

»Beginnen wird man damit, ihn vor die Gerichte zu stellen,« antwortete Gérard. »Sokrates' und Jesu Christi Urteil würden 1831 an ihnen vollzogen werden wie ehedem in Jerusalem und Attika. Heute wie ehedem lassen die eifersüchtigen Mittelmäßigkeiten die Denker, die großen politischen Aerzte, die Frankreichs Wunden studiert haben und die sich dem Geiste des Jahrhunderts widersetzen, im Elend sterben. Wenn sie dem Elend widerstehen, machen wir uns über sie lustig oder behandeln sie als Träumer. In Frankreich lehnt man sich im Moralsystem der Gesellschaft gegen den großen Mann der Zukunft auf, wie man sich im politischen System der Gesellschaft gegen den Herrscher auflehnt.«

– »Ehedem sprachen die Sophisten zu einer kleinen Schar Menschen, heute erlaubt ihnen die periodische Presse eine ganze Nation zu verführen!« rief der Friedensrichter; »und die Presse, die für den gesunden Menschenverstand eintritt, findet kein Echo!«

Mit tiefer Verwunderung blickte der Bürgermeister Monsieur Clousier an. Madame Graslin war glücklich, in einem einfachen Friedensrichter einen Mann zu finden, der sich mit so ernsten Fragen beschäftigte, und sagte zu Monsieur Roubaud, ihrem Nachbar:

»Kannten Sie Monsieur Clousier?«

»Ich kenne ihn erst seit heute, Madame, Sie tun Wunder!« antwortete er ihr ins Ohr. »Doch sehen Sie nur seine Stirn, welch eine schöne Form! Gleicht sie nicht der klassischen oder traditionellen Stirn, welche die Bildhauer Lykurg und den Weisen Griechenlands verliehen haben? – Offenbar hat die Julirevolution eine antipolitische Bedeutung,« sagte, nachdem er die von Grossetête gegebenen Berechnungen begriffen hatte, dieser frühere Student, der vielleicht eine Barrikade errichtet haben würde, mit lauter Stimme.

»Eine dreifache Bedeutung,« sagte Clousier. »Sie haben das Recht und die Finanz gehört, folgendes aber muß ich für die Regierung sagen. Die königliche Macht, geschwächt durch das Dogma der nationalen Souveränität, vermöge welcher soeben die Wahl vom 9. August 1830 vor sich gegangen ist, wird dies rivalisierende Prinzip, das dem Volke das Recht zugestehen würde, sich jedesmal, wenn es den Gedanken seines Königs nicht erraten würde, eine neue Dynastie zu geben, zu bekämpfen suchen. Und wir werden innere Kämpfe haben, die gewiß noch lange Zeit die Fortschritte Frankreichs aufhalten werden.«

»Alle diese Klippen sind von England weise umschifft worden,« bemerkte Gérard; »ich war dort und bewunderte jenen Bienenschwarm, der über das Weltall fliegt und es zivilisiert. Dort ist die Diskussion eine politische Komödie, die dazu da ist, das Volk zu befriedigen und die Aktivität der Macht zu verbergen, die sich frei in ihrer hohen Sphäre bewegt; und dort ist auch die Wahl nicht wie in Frankreich in den Händen der stupiden Bourgeoisie. Bei einer Zerstückelung des Grundbesitzes würde England bereits nicht mehr existieren. Der Großgrundbesitz, die Lords, regieren dort den sozialen Mechanismus. Vor der Nase Europas bemächtigt ihre Marine sich ganzer Striche des Erdballs, um dort die Anforderungen ihres Handels zu befriedigen und die Unglücklichen und Mißvergnügten daselbst abzuladen. Anstatt den fähigen Köpfen den Krieg zu erklären, sie zu vernichten und zu verkennen, sucht die englische Aristokratie sie auf, belohnt sie und verleibt sie sich ständig ein. Bei den Engländern geschieht alles, was die Regierungsaktion, die Wahl der Männer und Dinge angeht, schnell, während man sich bei uns in allem viel Zeit läßt, und dabei sind sie langmütig und wir ungeduldig. Bei ihnen ist man in Gelddingen kühn und vielbeschäftigt, bei uns ängstlich und mißtrauisch-langsam. Was Monsieur Grossetête über die industriellen Verluste gesagt hat, die der, Bauer Frankreich verursacht, findet seinen Beweis in einem Gemälde, das ich Ihnen in zwei Worten schildern will. Durch sein ständiges Rollen hat das englische Kapital für zehn Milliarden industrielle Werte und Rente bringende Aktien geschaffen, während das französische Kapital, das an Reichtum ihm überlegen ist, nicht den zehnten Teil davon geschaffen hat.«

»Das ist um so ungewöhnlicher,« sagte Roubaud, »als sie lymphatisch und wir im allgemeinen sanguinisch oder nervös sind.«

»Das, mein Herr,« sagte Clousier, »ist eine große Frage, die untersucht werden müßte. Institutionen müßte man finden, die geeignet wären, dem Temperament eines Volkes zu steuern. Wahrlich, Cromwell war ein großer Gesetzgeber. Er allein hat das heutige England geschaffen, indem er die ›Navigationsakte‹ erfand, welche die Engländer zu Feinden aller anderen Nationen gemacht und ihnen einen trotzigen Stolz, ihren Stützpunkt, eingeimpft hat. Wenn aber Frankreich und Rußland die Rolle des Schwarzen und Mittelmeeres begriffen, würde trotz ihrer Zitadelle von Malta der mittels der neuen Entdeckungen regulierte Weg nach Asien über Aegypten oder den Euphrat, England eines Tages töten, wie ehedem die Entdeckung des Kaps der guten Hoffnung Venedig getötet hat.«

»Und nichts von Gott!« rief der Pfarrer.

»Monsieur Clousier und Monsieur Roubaud sind gleichgültig in Religionsdingen . . . Und Sie, mein Herr?« sagte er, sich an Gérard wendend.

»Protestant«, antwortete Grossetête.

»Sie hatten es erraten!« rief Véronique, den Pfarrer anblickend, während sie Clousier ihre Hand reichte, um zu sich hinaufzugehen.

Die Vorurteile, die Monsieur Gérards Aeußeres gegen ihn aufkommen ließen, hatten sich schnell zerstreut und die drei Notabeln von Montégnac beglückwünschten sich zu einer solchen Erwerbung.

»Unglücklicherweise«, sagte Monsieur Bonnet, »existiert zwischen Rußland und den katholischen Ländern, die das Mittelmeer bespült, ein Antagonismus-Grund in dem wenig bedeutenden Schisma, das die griechische von der lateinischen Religion trennt, und das ein großes Unglück für die Zukunft der Menschheit bedeutet.«

»Jeder predigt für seinen Heiligen,« sagte lächelnd Madame Graslin. »Monsieur Grossetête denkt an verlorene Millionen; Monsieur Clousier an das umgestürzte Recht; der Arzt sieht in der Gesetzgebung eine Temperamentfrage; der Herr Pfarrer erblickt in der Religion ein Hindernis für die russisch-französische Verständigung.«

»Fügen Sie hinzu, Madame,« sagte Gérard, »daß ich in dem Sparstrumpf des Kleinbürgers und Bauern die Aufschiebung des Eisenbahnbaus in Frankreich sehe . . .«

»Was wünschten Sie also?« sagte sie.

»Oh, die bewunderungswürdigen Staatsräte, die unter dem Kaiser die Gesetze erwogen, und jene ebensowohl von den fähigen Köpfen des Landes wie von den Grundbesitzern erwählte gesetzgebende Körperschaft, deren einzige Rolle darin bestand, sich schlechten Gesetzen oder Kriegen aus Laune zu widersetzen. So wie die Deputiertenkammer heute konstituiert ist, wird sie, Sie werden sehen, etwas regieren, was die gesetzliche Anarchie darstellen wird!«

»Mein Gott,« rief der Pfarrer in einer Anwandlung heiligen Patriotismus', »wie kommt es, daß solch aufgeklärte Geister wie die hier« – und er zeigte auf Clousier, Roubaud und Gérard – »das Uebel sehen, auf die Heilung hinweisen und nicht damit beginnen, es bei sich selber anzuwenden? Sie alle, die Sie die angegriffenen Klassen repräsentieren, erkennen die Notwendigkeit des passiven Gehorsams der Massen im Staate wie im Kriege bei den Soldaten an; Sie wollen die Einheit der Macht und wünschen, daß sie nie in Frage gestellt werde. Was England durch die Entwicklung des Stolzes und des menschlichen Eigennutzes, die ein Glaube sind, erlangt hat, kann man hier nur durch die dem Katholizismus schuldigen Gefühle erlangen, und Sie sind keine Katholiken! Ich, ein Priester, gebe meine Rolle auf und klügele mit den Klüglern! Wie sollen die Massen religiös und gehorsam werden, wenn sie die Irreligion und die Undiszipliniertheit über sich sehen? Die durch irgendwelchen Glauben vereinten Völker werden mit Menschen ohne Glauben stets leicht fertig werden. Das Gesetz des Allgemeininteresses, welches den Patriotismus erzeugt, wird augenblicklich durch das Gesetz des Sonderinteresses, das es autorisiert und das den Egoismus erzeugt, zerstört. Solide und dauerhaft ist nur, was natürlich ist, und das Natürliche in der Politik ist die Familie. Die Familie muß der Ausgangspunkt aller Institutionen sein. Eine universelle Wirkung beweist eine universelle Ursache; und was Sie von allen Seiten angezeigt haben, geht von dem nämlichen sozialen Prinzip aus, das kraftlos ist, weil es den freien Willen als Basis angenommen hat, und weil der freie Wille der Vater des Individualismus ist. Das Glück von der vermeintlichen Sicherheit, der Einsicht und der Fähigkeit aller abhängen lassen, ist nicht so klug, wie das Glück von der vermeintlichen Sicherheit, dem Verständnis für die Institutionen und der Fähigkeit eines einzelnen abhängen zu lassen. Leichter findet sich Weisheit bei einem Menschen als bei einer ganzen Nation. Völker haben ein Herz und keine Augen, sie fühlen und sie sehen nicht. Regierungen müssen sehen und sich nimmer durch Gefühle bestimmen lassen. Es besteht also ein offenbarer Widerspruch zwischen den ersten Regungen der Massen und der Aktion der Macht, die deren Kraft und Einheit bestimmen muß. Einem großen Fürsten begegnen, ist Zufallswirkung, um in Ihrer Sprache zu reden; sich aber auf irgendeine Versammlung, und wäre sie aus ehrenwerten Leuten zusammengesetzt, zu verlassen, ist eine Narrheit. Frankreich ist närrisch in diesem Augenblick! Ach, Sie sind ebensogut davon überzeugt wie ich! Wenn alle ehrlichen Männer wie Sie ein Beispiel für ihre Umgebung abgäben, wenn alle intelligenten Hände die Altäre der großen Republik der Seelen, der einzigen Kirche, welche die Menschheit auf ihre Bahn gebracht hat, neu errichteten, könnten wir in Frankreich die Wunder wieder erleben, die unsere Väter taten.«

»Was wollen Sie, Herr Pfarrer!« sagte Gérard, »wenn man wie im Beichtstuhl mit Ihnen sprechen muß, sehe ich den Glauben als eine Lüge an, die man sich selber vormacht, die Hoffnung als eine Lüge, die man sich über seine Zukunft vormacht, und Ihre christliche Nächstenliebe als eine Kindeslist, die sich klug verhält, um Süßigkeiten zu kriegen.«

»Und doch schläft es sich gut, mein Herr,« sagte Madame Graslin, »wenn die Hoffnung uns wiegt.«

Dies Wort ließ Roubaud, der sprechen wollte, schweigen, und er wurde durch einen Blick Grossetêtes und des Pfarrers darin bestärkt.

»Ist es unser Fehler?« fragte Glousier, »wenn Jesus Christus keine Zeit gehabt hat, eine Herrschaft nach seiner Moral zu formulieren, wie es Moses und Konfuzius, die beiden größten menschlichen Gesetzgeber, getan haben; denn die Juden und Chinesen existieren, die einen trotz ihrer Zerstreuung über die ganze Welt, und die anderen trotz ihrer Isolierung als Gesamtnation.«

»Ach, Sie machen mir viel Arbeit!« rief der Pfarrer naiv, »doch ich werde triumphieren, ich werde Sie alle bekehren! . . . Sie stehen dem Glauben ja näher als Sie meinen. Hinter der Lüge versteckt sich die Wahrheit, kommt doch einen Schritt hervor und dreht euch um!«

Auf diesen Ruf des Pfarrers wechselte die Unterhaltung. Vor seiner Abreise am anderen Morgen versprach Monsieur Grossetête Véronique, ihren Plänen Beistand zu leihen, wenn die Verwirklichung für möglich erachtet würde. Madame Graslin und Gérard begleiteten seinen Wagen zu Pferde und verließen ihn erst bei der Vereinigung der Montégnacer mit der Bordeaux-Lyonner Straße. Der Ingenieur war so ungeduldig, das Terrain kennenzulernen, und Véronique brannte so sehr darauf, es ihm zu zeigen, daß sie beide am Vorabend diese Partie zusammen geplant hatten. Nachdem sie dem guten Greise Lebewohl gesagt, sprengten sie in die weite Ebene hinein und streiften den Fuß der Gebirgskette von der Rampe an, die nach dem Schlosse führte, bis zur Spitze der Roche-Vive entlang. Der Ingenieur erkannte das Vorhandensein der von Farrabesche angezeigten fortlaufenden Bank, die etwas wie eine letzte Fundamentschicht unter den Hügeln bildete. So würde sich, wenn man die Gewässer in der Weise leitete, daß sie den unzerstörbaren Kanal, den die Natur selber gebaut hatte, nicht mehr verstopften, und wenn man ihn von den Erdschichten befreite, die ihn gefüllt hatten, die Bewässerung durch diese lange Rinne, die sich etwa zehn Fuß über der Erde hinzog, erleichtern lassen. Die erste und entscheidende Handlung war, die Wassermenge, die durch den Gabou abströmte, zu veranschlagen, und sich zu vergewissern, ob die Flanken dieses Tales sie nicht entweichen lassen würden.

Véronique gab Farrabesche, der den Ingenieur begleiten und ihm seine geringsten Beobachtungen mitteilen sollte, ein Pferd. Nach mehrtägiger Untersuchung fand Gérard den Grund der beiden Parallelketten, obwohl er von verschiedener Beschaffenheit war, solide genug, um die Gewässer zurückzuhalten. Im Januar des folgenden Jahres, der regnerisch war, rechnete er die Wassermenge aus, die durch den Gabou abströmte. Diese Wassermasse, mit der dreier Quellen, die in den Wildbach geleitet werden konnten, vereinigt, reichte zur Bewässerung eines Territoriums hin, das dreimal größer war als die Montégnacer Ebene. Die Abdämmung des Gabou, die Arbeiten und Werke, die notwendig waren, um die Gewässer durch die drei Täler in die Ebene zu leiten, sollten nicht mehr als sechzigtausend Franken kosten, denn der Ingenieur entdeckte unter den Gemeindeweiden eine kalkartige Masse, die wohlfeilen Kalk lieferte; der Wald war nahe: Steine und Hölzer kosteten nichts und erforderten keinen Transport. Indem man die Jahreszeit abwartete, während welcher der Gabou trocken sein würde – die einzige für derartige Arbeiten günstige Zeit –, konnten die nötigen Anschaffungen und Vorarbeiten in der Weise gemacht werden, daß der wichtige Bau sich schnell erhöbe. Die Vorbereitung der Ebene aber würde nach Gérard mindestens zweimalhunderttausend Franken kosten, in welche Summe weder das Einsäen noch die Anpflanzungen einbegriffen waren. Die Ebene mußte in viereckige Abteilungen, von zweihundertfünfzig Arpents jede, eingeteilt werden, wo das Terrain nicht urbar gemacht, aber von seinen größten Steinen befreit werden mußte. Erdarbeiter hatten eine große Anzahl Gräben zu graben und mit Steingrundlage zu versehen, damit sie das Wasser nicht verlorengehen und es nach Wunsch laufen oder steigen lassen könnten. Solch ein Unternehmen verlangte die tätigen und ergebenen Arme gewissenhafter Arbeiter. Der Zufall gab ein Terrain ohne Hindernisse, eine einheitliche Ebene; die Gewässer, die zehn Fuß Gefäll hatten, könnten nach Belieben verteilt werden; nichts hinderte daran, die schönsten landwirtschaftlichen Resultate zu erzielen, indem man den Augen jenen grünen Teppich, den Stolz und das Vermögen der Lombardei, darbot. Gérard ließ aus der Gegend, wo er seinen Beruf ausgeübt hatte, einen alten erfahrenen Aufseher namens Fresquin kommen.

Madame Graslin schrieb daher an Grossetête, er möchte zweimalhundertfünfzigtausend Franken für sie aufnehmen, für die sie mit ihren Staatsschuldverschreibungen haftete, welche für sechs Jahre verpfändet nach Gérards Rechnung für die Zahlung von Kapital und Zinsen hinreichten. Diese Darlehenssache wurde im Laufe des März geregelt. Die Pläne Gérards, die Fresquin, sein Aufseher, unterstützte, wurden dann ebenso wie die Nivellierungen, Sondierungen, Beobachtungen und Bauanschläge völlig zu Ende gebracht. Die in der ganzen Gegend verbreitete Neuigkeit dieses ungeheuren Unternehmens hatte die arme Bevölkerung freudig erregt.

Der unermüdliche Farrabesche, Colorat, Clousier, der Bürgermeister von Montégnac, Roubaud, alle, die sich im Lande dafür interessierten, suchten entweder für Madame Graslin Arbeiter aus, oder gaben Bedürftige an, die beschäftigt zu werden verdienten. Gérard kaufte für seine und für Monsieur Grossetêtes Rechnung tausend Arpents auf der anderen Seite der Montégnacer Straße. Fresquin, der Aufseher, nahm auch fünfhundert Arpents und ließ seine Frau und seine Kinder nach Montégnac kommen.

In den ersten Apriltagen des Jahres 1833 besichtigte Monsieur Grossetête die von Gérard gekauften Terrains; seine Reise nach Montégnac wurde in Hauptsache aber durch Cathérine Curieux' Ankunft bestimmt, welche Madame Graslin erwartete und die mit der Post aus Paris in Limoges eingetroffen war. Er fand Madame Graslin im Begriff, in die Kirche zu gehen. Monsieur Bonnet sollte eine Messe lesen, um des Himmels Segen auf die Arbeiten, die begonnen werden sollten, herabzuflehen. Alle Arbeiter, die Frauen und die Kinder wohnten ihr bei.

»Hier ist Ihr Schützling,« sagte der Greis, indem er Véronique eine etwa dreißigjährige leidende und schwache Frau vorstellte.

»Sie sind Cathérine Curieux?« fragte Madame Graslin.

»Ja, Madame.«

Véronique blickte Cathérine einen Moment an. Das Mädchen war wohlgebaut, ziemlich groß und blaß und besaß übermäßig sanfte Züge, welche die schöne graue Nuance ihrer Augen nicht Lügen strafte. Die Gesichtsform, der Schnitt der Stirn zeigten einen zugleich erhabenen und einfachen Adel, den man manchmal auf dem Lande bei sehr jungen Mädchen trifft, eine Art Jugendschmelz, den die Arbeiten auf dem Felde, ständige Haushaltssorgen, Sonnenbrand, Mangel an Pflege mit erschreckender Schnelligkeit zerstören. Ihre Haltung kündigte jene Ungezwungenheit in den Bewegungen an, die Landmädchen charakterisiert, und welche die unwillkürlich angenommenen Pariser Gewohnheiten noch anmutiger gemacht hatten. Wenn Cathérine in der Corrèze geblieben wäre, würde sie gewißlich schon runzlich und verblüht gewesen, ihre ehedem lebhaften Farben würden schon zu kräftig geworden sein, Paris aber hatte, indem sie sie blaß gemacht, ihre Schönheit bewahrt. Krankheit, Ermüdungen und Gram hatten sie mit den geheimnisvollen Gaben der Melancholie und jenes intimen Gedankens, der den armen, an ein beinahe animalisches Leben gewöhnten Landleuten abgeht, begabt. Ihre Kleidung, ganz in jenem Pariser Geschmack gehalten, den alle Frauen, selbst die weniger gefallsüchtigen, so schnell sich zu eigen machen, unterschied sie auch noch von den Bäuerinnen. In der Ungewißheit, wie sich ihr Los gestalten würde, und in ihrer Unfähigkeit, Madame Graslin zu beurteilen, zeigte sie sich ziemlich verschämt.

»Lieben Sie Farrabesche noch immer?« fragte Véronique sie, als Grossetête sie einen Augenblick alleingelassen hatte.

»Ja, Madame,« antwortete sie errötend.

»Warum sind Sie, wenn Sie ihm tausend Franken während der Zeit, die seine Strafe gewährt, geschickt haben, nicht zu ihm gekommen, als er entlassen wurde? Hatten Sie einen Widerwillen vor ihm? Sprechen Sie zu mir wie zu Ihrer Mutter. Hatten Sie Furcht, daß er gänzlich verdorben worden wäre, daß er nichts mehr von Ihnen wissen wollte?«

»Nein, Madame; aber ich konnte weder schreiben noch lesen und diente einer sehr anspruchsvollen alten Dame; die war krank geworden, man wachte bei ihr, ich mußte sie pflegen. Indem ich immer damit rechnete, daß der Augenblick von Jacques Freilassung sich näherte, konnte ich Paris erst nach dem Tode jener Dame verlassen, die mir trotz meiner Sorge für ihre Interessen und ihre Person nichts vermacht hat. Ehe ich zurückkehrte, wollte ich mich von einer Krankheit heilen, welche die Nachtwachen und der Kummer, dem ich mich überlassen, verursacht hatten. Nachdem ich meine Ersparnisse aufgezehrt, mußte ich mich entschließen, ins Saint-Louis-Hospital zu gehen, aus dem ich als geheilt entlassen bin.«

»Schön, mein Kind,« sagte Madame Graslin, bewegt von dieser so einfachen Erklärung. »Aber sagen Sie mir jetzt, warum sind Sie so jäh von Ihren Eltern fortgegangen, warum haben Sie Ihr Kind aufgegeben, warum haben Sie nichts von sich hören, nicht jemanden für Sie schreiben lassen? . . .«

Statt jeder Antwort weinte Cathérine.

»Madame,« sagte sie, durch einen Druck von Véroniques Hand beruhigt, »ich weiß nicht, ob ich unrecht habe, aber es ging über meine Kräfte, im Lande zu bleiben. An mir zweifelte ich nicht, aber an den anderen; ich hatte Furcht vor Redereien und vor Geschwätz. Solange Jacques hier Gefahr lief, war ich ihm nötig; als er aber fort war, fühlte ich mich ohne Kraft. Mädchen mit einem Kind sein und keinen Mann haben! Das übelste Geschöpf würde mehr gegolten haben als ich . . . Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich das geringste Wort gegen Benjamin oder seinen Vater hätte sagen hören. Ich würde mich selbst umgebracht haben, wäre verrückt geworden. Mein Vater oder meine Mutter konnten mir in einem Moment des Zorns einen Vorwurf machen. Ich bin zu lebhaft, um einen Zank oder eine Beleidigung ertragen zu können, ich, die ich so sanft bin! Ich bin recht bestraft worden, da ich mein Kind nicht habe sehen können, ich, die ich nicht einen Tag hingebracht habe, ohne an es zu denken! Ich wollte vergessen sein und bin's gewesen. Niemand hat an mich gedacht. Man hat mich für tot gehalten, und doch habe ich viele Male alles in Stich lassen wollen, um einen Tag hier zu verbringen und meinen Kleinen zu sehen . . .«

»Ihren Kleinen, da, Cathérine, sehen Sie ihn an!«

Cathérine erblickte Benjamin und wurde wie von einem Fieberschauer ergriffen.

»Benjamin,« sagte Madame Graslin, »komm her und umarme deine Mutter.«

»Meine Mutter?« schrie Benjamin überrascht

Er fiel Cathérine um den Hals, die ihn mit wilder Kraft an sich preßte. Doch das Kind machte sich los und rettete sich mit dem Rufe:

»Ich will ›ihn‹ holen!«

Madame Graslin sah sich genötigt, Cathérine, die schwach wurde, niederzusetzen; da erblickte sie Monsieur Bonnet und konnte nicht umhin, rot zu werden, als sie ein durchdringender Blick ihres Beichtigers traf, der in ihrem Herzen las.

»Ich hoffe, Herr Pfarrer,« sagte sie bebend zu ihm, »Sie werden Cathérines und Farrabesches Ehe sofort einsegnen. – Erkennen Sie Monsieur Bonnet nicht wieder, liebes Kind? Er wird Ihnen sagen, daß Farrabesche sich seit seiner Rückkehr als ehrenwerter Mann aufgeführt hat; vom ganzen Lande wird er geschätzt, und wenn es einen Ort auf der Welt gibt, wo Sie glücklich und geachtet leben können, so ist es Montégnac. Mit Gottes Hilfe werden Sie hier Ihr Glück machen, denn Sie sollen meine Pächter sein. Farrabesche ist wieder Bürger geworden.«

»Alles das ist wahr, mein Kind,« sagte der Pfarrer.

In diesem Moment kam Farrabesche, von seinem Sohne gezogen, herbei; er blieb in Cathérines und Madame Graslins Gegenwart bleich und wortlos. Er erriet, wie wirksam die Wohltätigkeit der einen gewesen war und alles, was die andere erlitten haben mußte, um nicht zu ihm gekommen zu sein. Véronique führte den Pfarrer fort, der sie seinerseits fortführen wollte. Sobald sie weit genug entfernt waren, um nicht verstanden zu werden, blickte Monsieur Bonnet sein Beichtkind fest an und sah es rot werden; wie schuldbewußt senkte es die Augen.

»Sie setzen das Gute herab,« sagte er streng zu ihr.

»Wie das?« fragte sie, das Haupt erhebend.

»Gutes tun«, antwortete Monsieur Bonnet, »ist eine Leidenschaft, die der Liebe ebenso überlegen ist, wie die Menschlichkeit der Kreatur überlegen ist. Nun, alles das erfüllt sich nicht mit der Gewalt allein und durch die Naivität der Tugend. Sie sinken von der ganzen Größe der Menschlichkeit auf den Kult einer einzigen Kreatur zurück! Ihre Wohltätigkeit Farrabesche und Cathérine gegenüber läßt Erinnerungen und Hintergedanken zu, die ihr in Gottes Augen das Verdienst nehmen. Reißen Sie sich selber die Ueberbleibsel des Unkrauts aus Ihrem Herzen, das der Geist des Uebels dort eingepflanzt hat. Berauben Sie Ihre Handlungen doch nicht so ihres Wertes! Werden Sie denn endlich zu jener heiligen Unwissenheit des Guten, was Sie tun, welche die höchste Gnade menschlicher Handlungen ist, gelangen?«

Madame Graslin hatte sich zur Seite gewandt, um ihre Augen abzuwischen, deren Tränen dem Pfarrer sagten, daß sein Wort irgendeine blutende Stelle des Herzens angriff, wo sein Finger in einer schlecht geschlossenen Wunde wühlte.

Farrabesche, Cathérine und Benjamin kamen, um ihrer Wohltäterin zu danken; aber sie machte ihnen ein Zeichen, sich zu entfernen und sie mit Monsieur Bonnet allein zu lassen.

»Sehen Sie, welchen Kummer ich ihnen mache!« sagte sie zu ihm, ihn auf die Betrübten hinweisend.

Und der Pfarrer mit seiner zarten Seele machte ihnen ein Zeichen zurückzukommen.

»Seid restlos glücklich,« sagte sie zu ihnen. – »Hier ist das Schriftstück, das Ihnen Ihre Bürgerrechte wiedergibt und Sie von den Förmlichkeiten befreit, die Sie demütigen,« fügte sie hinzu und reichte Farrabesche ein Papier hin, das sie in der Hand hielt.

Ehrfurchtsvoll küßte Farrabesche Véroniques Hand und blickte sie mit einem zugleich zärtlichen und unterwürfigen, ruhigen Auge, mit der Ergebenheit eines seinem Herrn treuen Hundes an, die nichts zu erschüttern vermag.

»Wenn Jacques gelitten hat, Madame,« sagte Cathérine, deren schöne Augen lächelten, »hoffe ich, ihm soviel Glück geben zu können, wie er Strafe erlitten haben mag; denn, was er auch getan hat, schlecht ist er nicht.«

Madame Graslin wendete sich ab, sie schien durch den Anblick dieser nunmehr glücklichen Familie gebrochen; und Monsieur Bonnet verließ sie, um in die Kirche zu gehen, wohin sie sich an Monsieur Grossetêtes Arme schleppte.

Nach dem Frühstück sahen sich alle die Eröffnung der Arbeiten an, wozu auch sämtliche alten Leute Montégnacs herbeikamen. Von der Rampe aus, über welche die Schloßallee hinausging, konnten Monsieur Grossetête und Monsieur Bonnet, zwischen denen Véronique war, die Anlage der vier ersten Wege sehen, die man zog, und die als Lagerstelle für die angesammelten Steine dienen sollten. Fünf Erdarbeiter warfen die guten Erdmassen auf den Rand der Felder zurück, indem sie einen Raum von achtzehn Fuß – die Breite eines jeden Weges – aushoben. Auf jeder Seite waren vier Leute damit beschäftigt, den Graben zu graben; auch sie warfen die gute Erde auf das Feld in Form von einer steilen Böschung. In dem Maße wie diese Böschung sich weiterschob, machten dort zwei Männer hinter ihnen Löcher und pflanzten Bäume hinein. Auf jedem Feldstück sammelten dreißig gesunde arme Männer, zwanzig Frauen und vierzig Mädchen oder Kinder, im ganzen neunzig Personen, die Steine auf, welche die Arbeiter längs der Böschungen in Metern vermaßen, um die von jeder Gruppe gesammelte Menge festzustellen. So marschierten alle Arbeiten zu gleicher Zeit und gingen mit auserwählten Arbeitern voller Eifer schnell vorwärts. Grossetête versprach Madame Graslin, ihr Bäume zu schicken und auch bei ihren Freunden welche für sie zu erbitten. Denn die Baumschulen des Schlosses reichten natürlich bei so vielen Anpflanzungen nicht aus.

Gegen Ende des Tages, der mit einem großen Essen im Schlosse seinen Abschluß finden sollte, bat Farrabesche Madame Graslin, ihm einen Moment Gehör zu schenken.

»Madame,« sagte er, sich mit Cathérine einstellend, »Sie besaßen die Güte, mir den Schloßpachthof zu versprechen. Wenn Sie mir eine derartige Gunst gewähren, so ist Ihre Absicht, mir eine Gelegenheit zu geben, zu Vermögen zu kommen; Cathérine hat aber über unsere Zukunft Gedanken, die ich Ihnen unterbreiten möchte. Wenn ich Vermögen erwerbe, wird es Eifersüchtige geben; ein Wort ist bald gesagt, ich kann Unannehmlichkeiten haben; die fürchte ich, und Cathérine würde außerdem immer unruhig sein; kurz, die Nähe von Leuten paßt sich nicht für uns. Ich möchte Sie also schlechtweg bitten, uns die an der Mündung des Gabou auf den Gemeindeweiden liegenden Ländereien und einen kleinen Waldteil auf der Rückseite der Roche-Vive in Pacht zu geben. Sie werden dort im Juli viele Arbeiter haben, es wird daher dann leicht sein, in einer günstigen Lage, auf einer Anhöhe, eine Pächterei zu bauen. Wir werden dort glücklich sein. Ich will Guépin kommen lassen. Mein armer entlassener Sträfling wird wie ein Pferd arbeiten. Vielleicht kann ich ihn verheiraten. Mein Junge ist kein Faulenzer, niemand wird uns zu Gesichte kriegen, wir werden den Erdenwinkel kolonisieren und ich will meinen Ehrgeiz dareinsetzen, Ihnen dort eine prächtige Pächterei zu errichten. Als Pächter für die große Farm kann ich Ihnen übrigens einen Vetter Cathérines vorschlagen, der Vermögen hat und auch befähigter als ich sein wird, ein so beträchtliches Triebwerk wie jene Pachtung in Schwung zu bringen. Wenn es Gott gefällt, daß Ihr Unternehmen erfolgreich ist, werden Sie heute in fünf Jahren zwischen fünf- und sechstausend Stück Hornvieh auf der Fläche haben, die man jetzt urbar macht, und um sich da zurecht zu finden, ist ein tüchtiger Kopf vonnöten.«

Madame Graslin gewährte Farrabesches Bitte; sie ließ dem gesunden Menschenverstande, der sie diktierte, Gerechtigkeit widerfahren.

Seit dem Beginne der Arbeiten in der Ebene hatte Madame Graslins Leben die Regelmäßigkeit des Landlebens. Morgens ging sie in die Messe, sorgte für ihren Sohn, den sie vergötterte, und besuchte ihre Arbeiter. Nach ihrem Mittagsmahle empfing sie ihre Montégnacer Freunde in ihrem kleinen, im ersten Stock des Uhrenpavillons gelegenen Salon.

Sie lehrte Roubaud, Clousier und den Pfarrer Whist, was Gérard spielen konnte. Nach der Partie, gegen neun Uhr, ging jeder nach Hause. In diesem geruhsamen Leben bildeten die Erfolge jedes Teils des großen Unternehmens die einzigen Ereignisse. Als im Julimonde der Wildbach des Gabou trocken war, richtete Monsieur Gérard sich im Wächterhause ein. Farrabesche hatte sich seine Gabou-Pächterei bereits bauen lassen. Fünfzig aus Paris verschriebene Maurer vereinigten die beiden Gebirge durch eine zwanzig Fuß dicke Mauer, die in einer Tiefe von zwölf Fuß auf einem Betonmassiv ruhte. Die etwa sechzig Fuß hohe Mauer verjüngte sich allmählich und der Kranz war nur noch zehn Fuß breit. Auf der Talseite lehnte Gérard eine an ihrer Basis zwölf Fuß starke Betonböschung daran. Auf der Gemeindeweidenseite war eine gleiche Böschung mit einer Humusschicht von einigen Fuß bedeckt und stützte dies imposante Werk, das die Gewässer nicht einzureißen vermochten. Für den Fall allzu reichlicher Regengüsse legte der Ingenieur ein Wehr in geeigneter Höhe an. Die Mauerarbeit wurde in jedem Gebirge bis an den Tuff oder den Granit hinunter geführt, damit das Wasser an den Seiten keinen Abfluß fände. Gegen Mitte August wurde die Abdämmung vollendet. Zur nämlichen Zeit stellte Gérard in den drei Haupttälern drei Kanäle her, und keines dieser Werke erreichte die Ziffer seiner Kostenanschläge. So konnte die Schloßpächterei vollendet werden. Die von Fresquin geleiteten Bewässerungsarbeiten in der Ebene hingen ab von dem von der Natur am Fuße der Gebirgskette auf der Seite der Ebene gezogenen Kanäle, von dem die Bewässerungsrinnen ausgingen. Schützen wurden in die Gräben eingebaut, die der Steinüberfluß aus Maurerwerk aufzuführen erlaubte, um den Stand der Gewässer in der Ebene in geeigneter Höhe zu halten.

Allsonntäglich nach der Messe gingen Véronique, der Ingenieur, der Pfarrer, der Arzt und der Bürgermeister durch den Park hinunter und sahen sich die Bewegung der Gewässer an. Der Winter 1833/34 war sehr regnerisch. Das Wasser der drei Quellen und das Regenwasser verwandelten das Gaboutal in drei Weiher, die vorsorglich abgestuft worden waren, um eine Reserve für die großen Trockenperioden zu schaffen. Einige kleine Hügel hatte Gérard benutzt, um Inseln daraus zu machen, die mit verschiedenen Baumarten bepflanzt wurden. Diese ungeheure Unternehmung veränderte die Landschaft vollkommen, es waren aber noch fünf oder sechs Jahre vonnöten, bis sie ihr wirkliches Gesicht erhielt.

»Ganz nackt war das Land,« sagte Farrabesche, »und Madame bekleidet es nun.«

Seit diesen großen Veränderungen hieß Véronique in der ganzen Gegend nur noch »Madame«.

Als im Juni 1834 die Regenfälle aufgehört hatten, versuchte man die Bewässerung in den angesäten Wiesenteilen, deren junges, so genährtest Grün die hervorragenden Eigenschaften der »Marciti« Italiens und der Schweizer Wiesen aufwies. Das Benetzungssystem, welches dem der lombardischen Pächtereien nachgebildet war, befeuchtete das Terrain, dessen Oberfläche eben wie ein Teppich war, gleichmäßig. Der in den Gewässern aufgelöste Salpeter der Schneemassen trug zweifelsohne viel zu der Qualität des Grases bei. Der Ingenieur hoffte in den Erzeugnissen eine Verwandtschaft mit denen der Schweiz zu finden, für welche diese Substanz bekanntlich ein unversiegbarer Quell des Reichtums bildet. Die Anpflanzungen an den Wegrändern wurden durch das Wasser, das man in den Gräben ließ, genügend befeuchtet, und machten schnelle Fortschritte.

So war denn 1838, fünf Jahre nach Beginn von Madame Graslins Unternehmen in Montégnac, die unbebaute, von zwanzig Generationen als unfruchtbar erachtete Ebene grün, ertragreich und vollkommen bepflanzt. Gérard hatte dort fünf Pachtgüter, jedes an tausend Arpents, gebaut, ohne das große Schloßunternehmen mitzuzählen. Gérards, Grossetêtes und Fresquins Pachtungen, die den Wasserüberschuß von Madame Graslins Domänen erhielten, wurden nach demselben Plane gebaut und nach den nämlichen Methoden geleitet. Als alles beendigt war, wählten die Einwohner Montégnacs auf des Bürgermeisters Vorschlag hin, der entzückt war, seine Entlassung nehmen zu können, Gérard zum Bürgermeister der Gemeinde.

1840 war der Abgang der ersten von Montégnac auf die Pariser Märkte geschickten Rinderherde Anlaß zu einem ländlichen Feste. Die Pachtungen der Ebene zogen Großvieh und Pferde auf, denn man hatte bei der Terrainsäuberung durchgehends sieben Zoll Humusboden gefunden, den das abfallende Laub, der durch das weidende Vieh sich ergebende Dung und vor allem das im Gaboubassin enthaltende Schneewasser ständig verbessern mußten.

In diesem Jahre hielt Madame Graslin es für nötig, ihrem nunmehr elf Jahre alten Sohne einen Lehrer zu geben; sie wollte sich nicht von ihm trennen und doch nichtsdestoweniger einen gebildeten Menschen aus ihm machen. Monsieur Bonnet schrieb an das Seminar. Madame Graslin ihrerseits sagte einige Worte über ihren Wunsch und ihre Verlegenheit Hochwürden Dutheil, der kürzlich zum Erzbischof ernannt worden war. Die Wahl eines Mannes, der mindestens neun Jahre im Schlosse wohnen mußte, war eine wichtige und ernste Angelegenheit. Gérard hatte sich bereits erboten, seinen Freund Francis in die Mathematik einzuführen; aber er konnte unmöglich einen Lehrer ersetzen; und solch eine Wahl zu treffen, erschreckte Madame Graslin um so mehr, als sie ihren Gesundheitszustand schwankend werden fühlte. Je mehr die Güter ihres lieben Montégnac gediehen, desto mehr verdoppelte sie die heimlichen Kasteiungen ihres Lebens. Hochwürden Dutheil, mit dem sie immer in brieflichem Verkehr stand, fand den gewünschten Mann für sie. Er sandte aus seiner Diözese einen jungen fünfundzwanzigjährigen Professor namens Ruffin, einen geistvollen Mann, der für den Einzelunterricht wie geschaffen war. Er besaß umfassende Kenntnisse, ein Gemüt von außergewöhnlicher Sensibilität, welche die Strenge nicht ausschloß, die einer, der ein Kind leiten will, nötig hat; bei ihm benachteiligte die Frömmigkeit die Wissenschaft in keiner Weise, endlich war er geduldig und von angenehmem Aeußeren.

»Ich mache Ihnen wirklich ein Geschenk, meine liebe Tochter,« schrieb der Prälat; »der junge Mann ist würdig, eine Prinzenerziehung zu leiten: auch rechne ich damit, daß Sie ihm sein Auskommen sichern werden, denn er wird ja der geistige Vater Ihres Sohnes sein.«

Monsieur Ruffin gefiel Madame Graslins treuen Freunden so gut, daß seine Ankunft in nichts die verschiedenen Intimitäten störte, die sich um diesen Abgott scharten, dessen Stunden und Augenblicke von jedem mit einer gewissen Eifersucht mit Beschlag belegt wurden.

Das Jahr 1843 sah Montégnacs Gedeihen über alle Hoffnungen hinauswachsen. Die Gaboupachtung wetteiferte mit den Pachtungen in der Ebene, und die des Schlosses gab das Beispiel für alle Verbesserungen. Die fünf anderen Pachtungen, deren fortschreitender Zins die Summe von dreißigtausend Franken für jede im zwölften Pachtjahre erreichen mußte, brachten damals im ganzen sechzigtausend Franken Einkünfte. Die Pächter, welche die Früchte ihrer und Madame Graslins Opfer zu ernten begannen, konnten nun die Wiesen der Ebene, wo Gras von erster Güte wuchs, das keine Trockenheit zu befürchten hatte, verbessern. Die Gaboupachtung bezahlte froh eine erste Pachtsumme von viertausend Franken. In diesem Jahre richtete ein Montégnacer eine Schnellpost ein, die vom Bezirkshauptort nach Limoges ging und alle Tage sowohl vom Hauptort als auch von Limoges abfuhr. Monsieur Clousiers Neffe verkaufte seine Amtsschreiberstelle und setzte die Errichtung eines Notariats zu seinen Gunsten durch. Die Verwaltung ernannte Fresquin zum Bezirkssteuereinnehmer. Der neue Notar baute sich in Ober-Montégnac ein hübsches Haus, pflanzte Maulbeerbäume auf den dazu gehörigen Ländereien an und wurde Gérards Beigeordneter. Der durch soviel Erfolg kühn gewordene Ingenieur faßte einen Plan, der dazu angetan war, Madame Graslin ein ungeheures Vermögen einzubringen, die in diesem Jahre wieder in den Besitz ihrer für die aufzunehmende Anleihe verpfändeten Renten gelangte. Er wollte den kleinen Fluß kanalisieren und die überflüssigen Gabougewässer hineinleiten. Dieser Kanal, der in die Vienne münden sollte, würde die Ausbeutung des zwanzigtausend Arpents großen ungeheuren Montégnacer Waldes erlauben, der von Colorat wundervoll unterhalten wurde und mangels Transportmöglichkeiten keinerlei Einkünfte gewährte. Jährlich konnte man, bei einem Ausbeutungsturnus von zwanzig Jahren, tausend Arpents fällen, und so kostbare Bauhölzer nach Limoges schicken.

Das war Gérards Plan, der seinerzeit wenig auf des Pfarrers Absichten hinsichtlich der Ebene gehört und sich innerlich viel mehr mit der Kanalisation des kleinen Flusses beschäftigt hatte.

 

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