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Der Dorfpfarrer

Honoré de Balzac: Der Dorfpfarrer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDer Dorfpfarrer
publisherGeorg Müller, München
seriesSzenen aus dem Landleben
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060905
modified20171219
projectidba30d22e
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I

Véronique

Im unteren Teil von Limoges, an der Ecke der Rue de la Vieille-Poste und der Rue de la Cité befand sich vor dreißig Jahren einer jener Kramladen, an denen sich seit dem Mittelalter nichts geändert zu haben scheint. Große, an tausend Stellen zerbrochene Fliesen, die in einen Boden eingelassen sind, der sich stellenweise als feucht erweist, würden jeden zu Fall gebracht haben, der die Höhlungen und Erhebungen dieses seltsamen Pflasters nicht beachtet hätte. Die staubgrauen Mauern wiesen ein seltsames Mosaik von Holz und Ziegeln, von Steinen und Eisen auf, die mit einer Festigkeit zusammengeschichtet worden waren, welche man der Zeit, vielleicht dem Zufall verdankte. Seit mehr als hundert Jahren senkte sich der aus kolossalen Balken gefügte Fußboden, ohne unter der Last der oberen Stockwerke zu brechen. Als Ständerwerk gebaut waren diese Stockwerke außen mit Schiefern bedeckt, die solcherart eingenagelt worden waren, daß sie geometrische Figuren bildeten, und bewahrten ein naives Bild bürgerlicher Bauwerke aus alter Zeit. Keines der Fenster, die mit Holz eingerahmt waren, das ehedem mit nunmehr durch Witterungseinflüsse zerstörten Skulpturen verziert war, stand heutigentags gerade: einige hingen nach vorn, andere traten zurück, wieder andere wollten aus den Fugen gehen. Alle waren mit Erdreich versehen, das, man weiß nicht wie, durch Regen in die klaffenden Spalten gebracht worden war, in welchen im Frühjahr einige zarte Blumen, kraftlose Kletterpflanzen und schlanke Kräuter wuchsen. Moos lag wie Sammet auf den Dächern und Fensterlehnen. Der Eckpfeiler, obwohl er aus Mischwerk, das heißt, aus Quadern bestand, die ein Gemenge aus Kieseln und Ziegelbrocken darstellten, erschreckte das Auge durch seine Krümmung: er schien eines Tages unter dem Gewicht des Hauses, dessen Giebel einen halben Fuß etwa aus dem Lot heraustrat, weichen zu müssen. Auch ließen die Stadtverwaltung und das Hauptwegeamt das Haus, nachdem sie es gekauft hatten, niederreißen, um die Straßenecke zu verbreitern. Dieser an der Ecke der beiden Straßen stehende Pfeiler empfahl sich den Liebhabern Limousiner Altertümer durch eine hübsche skulpierte Nische, worin man eine während der Revolution verstümmelte Jungfrau sah. Bürger mit archäologischen Prätentionen bemerkten Spuren des steinernen Randes daran, der dazu bestimmt war, die Leuchter aufzunehmen, worin die allgemeine Frömmigkeit Kerzen anzündete, wohin sie ihre Ex-voto und Blumen stellte. Im Hintergrunde des Kramladens führte eine wurmstichige Treppe in die beiden oberen Stockwerke, über denen sich ein Speicher befand. Das sich an zwei Nachbarhäuser lehnende Haus besaß keine Tiefe und erhielt sein Licht nur durch Fenster. Jedes Stockwerk enthielt nur zwei kleine Zimmer, deren jedes durch ein Fenster erhellt wurde; eines ging nach der Rue de la Cité, das andere nach der Rue de la Vieille-Poste hinaus. Besser hauste im Mittelalter ein Handwerker nicht. Augenscheinlich hatte das Haus ehemals Panzerhemdenmachern und Messerschmieden, irgendwelchen Handwerksmeistern gehört, deren Beruf das Tageslicht nicht scheute; unmöglich konnte man dort deutlich sehen, ohne daß die eisenbeschlagenen Fensterläden nach jeder Front hin aufgestoßen wurden, wo sich auf jeder Pfeilerseite wie bei vielen, an Straßenecken gelegenen Kramläden eine Tür befand. Bei jeder Türe begann nach einer schönen, im Laufe der Jahrhunderte abgenutzten Steinschwelle eine kleine Mauer in Brusthöhe, in der sich ein im Balken oben wiederholter Einschnitt befand, auf dem die Mauer jeder Fassade ruhte. Seit Menschengedenken schob man plumpe Fensterläden in diesen Einschnitt und befestigte sie mit übergroßen eisenverbolzten Bändern; dann befanden sich, nachdem beide Türen durch einen ähnlichen Mechanismus einmal geschlossen worden waren, die Kaufleute in ihren Häusern wie in einer Festung. Bei der Untersuchung des Inneren, das die Limousiner die ersten zwanzig Jahre dieses Jahrhunderts über mit altem Eisen, Kupfer, Spiralfedern, Radbändern, Glocken und allen Metallarten, welche Hausabbrüche liefern, vollgestopft sahen, bemerkten Leute, welche dies Ueberbleibsel der alten Stadt interessierte, den Platz eines Schmiederohrs, das durch einen langen Rußstreifen angezeigt wurde, eine Einzelheit, welche die Vermutungen der Archäologen über die anfängliche Bestimmung des Ladens bekräftigte. Im ersten Stock lagen ein Zimmer und eine Küche, im zweiten gab's zwei Kammern. Der Speicher diente als Lagerraum der Gegenstände, die sorgfältiger gearbeitet worden waren als die im Laden durcheinandergeworfenen.

Dies zuerst vermietete Haus wurde später von einem Manne namens Sauviat gekauft, einem Jahrmarktshändler, der von 1792 bis 1796 die Landstriche der Auvergne in einem Umkreis von fünfzig Meilen durchzog, wo er Töpfe, Schüsseln, Teller, Gläser, kurz alle für die ärmsten Haushalte notwendigen Sachen gegen altes Eisen, Kupfer, Blei, gegen alles Metall, unter welcher Form es sich verbarg, eintauschte. Der Auvergnate gab eine irdene Pfanne zu zwei Sous für ein Pfund Blei, oder für zwei Pfund Eisen, zerbrochene Spaten, zerschlagene Hacken, alte zerspaltene Fleischtöpfe her; und immer Richter in seiner eigenen Sache, wog er selber seinen Eisenkram ab. Vom dritten Jahre an verband Sauviat mit diesem Handel noch den mit Keßlerarbeit. 1793 konnte er ein auf Befehl der Nation zu verkaufendes Schloß erstehen und riß es nieder; den Gewinst, den er machte, wiederholte er zweifelsohne in mehreren Orten des Bereiches, in welchem er operierte; später brachten ihn diese Versuche auf den Gedanken, einem seiner Landsleute in Paris ein Geschäft großen Stils vorzuschlagen. So entsprang die durch ihre Verwüstungen so berüchtigte »schwarze Bande« in des alten Sauviats, des Jahrmarktshändlers, Gehirn, den ganz Limoges siebenundzwanzig Jahre über in jenem alten Kramladen inmitten seiner zerbrochenen Glocken, seiner eisernen Griffe, seiner Ketten, seiner Träger, seiner Dachrinnen aus gewundenem Blei, seines Alteisenkrams jeglicher Art gesehen hat. Man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er niemals weder die Berüchtigung noch die Ausdehnung dieser Gesellschaft kannte; er benutzte sie nur im Verhältnis zu den Kapitalien, die er dem berühmten Hause Brézac anvertraut hatte. Als er es müde war, auf die Jahrmärkte und in die Dörfer zu ziehen, ließ er sich in Limoges nieder, wo er 1797 die Tochter eines verwitweten Kesselschmieds namens Champagnac geheiratet hatte. Als der Schwiegervater starb, kaufte er das Haus, wo er seinen Alteisenhandel festlegte, nachdem er ihn noch drei Jahre über in Gesellschaft seines Weibes im Herumziehen ausgeübt hatte. Sauviat näherte sich seinem fünfzigsten Lebensjahre, als er die Tochter des alten Champagnac heiratete, die ihrerseits nicht weniger als dreißig Jahre alt war. Weder schön noch hübsch war die Champagnac in der Auvergne geboren und das Platt brachte sie einander um vieles näher; dann hatte sie jene derbe Figur, die Frauen den härtesten Arbeiten zu widerstehen erlaubt; auch begleitete sie Sauviat auf seinen Wegen. Sie trug Eisen oder Blei auf ihrem Rücken und fuhr den elenden Packwagen voll Töpfereien, mit denen ihr Ehemann einen heimlichen Wucher trieb. Braun, sonnenverbrannt, bei bester Gesundheit wie sie war, zeigte die Champagnac beim Lachen weiße, wie Mandeln lange und breite Zähne; endlich besaß sie den Oberkörper und die Hüften jener Frauen, welche die Natur dazu geschaffen hat, Mütter zu sein.

Wenn dies kräftige Mädchen sich nicht eher verheiratet hatte, mußte man ihr Zölibat Harpagons »mitgiftlos« zuschreiben, dem ihr Vater nacheiferte, ohne Molière je gelesen zu haben. Sauviat erschrak vor dem »mitgiftlos« nicht; außerdem durfte ein fünfzigjähriger Mann keine Schwierigkeiten machen, da sein Weib ihm die Kosten einer Magd ersparen sollte. Er fügte nichts zu dem Hausrat seines Zimmers hinzu, wo es von seinem Hochzeitstage an bis zu seinem Auszuge immer nur ein Himmelbett, das mit einem ausgeschlagenen Himmel und mit grünen Sergevorhängen geschmückt war, eine Truhe, eine Kommode, einen Sessel, einen Tisch und einen Spiegel gab, alles aus verschiedenen Räumlichkeiten zusammengetragen. Die Truhe enthielt in ihrer oberen Hälfte ein Zinngeschirr, dessen sämtliche Stücke untereinander verschieden waren. Nach dem Schlafzimmer kann jedweder sich die Küche vorstellen. Weder der Ehemann noch seine Frau konnten lesen, ein leichter Erziehungsfehler, der sie nicht hinderte, wunderbar zu rechnen und den blühendsten Handel zu treiben. Denn Sauviat kaufte keinen Gegenstand ohne die Gewißheit, ihn mit hundert Prozent Nutzen wieder verkaufen zu können. Um keine Bücher und keine Kasse führen zu müssen, bezahlte und verkaufte er alles gegen bar. Im übrigen hatte er ein so wunderbares Gedächtnis, daß seine Frau und er sich jedes Gegenstandes, mochte er auch fünf Jahre in seinem Laden bleiben, und bis auf den Heller auch seines Einkaufspreises zuzüglich der jährlichen Zinsen erinnerten. Außer der Zeit, wo sie sich um die Sorgen des Haushaltes kümmerte, saß die Sauviat immer auf einem schlechten Holzstuhl, an den Pfeiler ihres Kramladens gelehnt; die Vorübergehenden musternd, strickte sie, wachte über ihr altes Eisen und verkaufte, wog und lieferte es selbst ab, wenn Sauviat der Ankäufe wegen unterwegs war. Bei Tagesanbruch hörte man den Alteisenhändler seine Fensterläden öffnen, der Hund lief schnell in die Straßen, und bald erschien die Sauviat und half ihrem Manne auf die natürlichen Stützen, welche die kleinen Mauern auf der Rue de la Vieille-Poste und der Rue de la Cité bildeten, Glocken, alte Sprungfedern, Schellen, zerbrochene Gewehrläufe, den Lumpenkram ihres Handels stellen, die als Verkaufsschild dienten und dem Laden, in welchem es oft für zwanzigtausend Franken Blei, Stahl und Glocken gab, ein ziemlich klägliches Aussehen verliehen. Niemals sprachen weder der ehemalige Jahrmarktströdler noch seine Frau von ihrem Vermögen; lange Zeit über vermutete man, daß sie die Gold- und Talerstücke beschnitten. Als Champagnac starb, machten die Sauviat kein Inventar, mit Rattenklugheit durchwühlten sie alle Winkel seines Hauses, ließen es nackt wie einen Kadaver und verkauften selber die Keßlerarbeiten in ihrem Laden. Einmal jährlich, im Dezember, reiste Sauviat nach Paris und bediente sich dann der öffentlichen Post. Auch vermuteten die Aufpasser im Viertel, daß der Alteisenhändler, um seine Vermögensverhältnisse zu verbergen, sein Geld selber in Paris anlege. Später erfuhr man, daß er, der seit seiner Jugend mit einem der berühmtesten Metallhändler in Paris, Auvergnate wie er, verbunden war, seine Gelder in der Kasse des Hauses Brézac arbeiten ließ, der Hauptstütze jener berüchtigten, die »schwarze Bande« genannten Gesellschaft, die sich, wie gesagt wurde, nach Sauviats, eines der Teilhaber Rate dort bildete.

Sauviat war ein kleiner dicker Mann mit müdem Gesicht, das mit einer rechtschaffenen Miene begabt worden war, welche die Käufer verführte, und dies Aussehen diente ihm dazu, vorteilhaft einzuhandeln. Die Trockenheit seiner Versicherungen, und die vollkommene Gleichgültigkeit seines Verhaltens kamen seinen Forderungen zugute. Seine dunkle Hautfarbe ließ sich unter dem metallischen und schwarzen Staube, mit dem seine krausen Haare und sein pockennarbiges Gesicht bestreut waren, nur schwer erraten. Seine Stirne entbehrte des Adels nicht, sie glich der klassischen Stirn, die von allen Malern dem heiligen Petrus, dem rauhesten, populärsten und auch listigsten der Apostel, verliehen wird. Seine Hände waren die eines unermüdlichen Arbeiters, breit, dick, viereckig und durch alle Arten von kräftigen Rissen gefurcht. Sein Brustkorb wies eine unzerstörbare Muskulatur auf. Nie gab er seinen Jahrmarktströdleranzug auf: derbe eisenbeschlagene Schuhe, blaue Strümpfe, die von seiner Frau gestrickt worden waren und unter Ledergamaschen verborgen wurden, eine flaschengrüne Sammethose, eine karierte Weste, an welcher der Kupferschlüssel seiner silbernen Uhr an einer eisernen Kette hing, welche der Gebrauch glänzend und poliert wie Stahl gemacht hatte, einen kurzen Schoßrock aus ähnlichem Sammet wie dem der Hose; dann um den Hals eine durch das Scheuern des Bartes abgenutzte bunte Rouener Baumwollkrawatte. An Sonn- und Feiertagen trug Sauviat einen kastanienbraunen Ueberrock, der so geschont wurde, daß er ihn in zwanzig Jahren nur zweimal zu erneuern brauchte. Das Leben der Zuchthäusler kann man, mit dem der Sauviat verglichen, luxuriös nennen: nur an hohen Festtagen aßen sie Fleisch. Ehe die Sauviat das für das tägliche Leben notwendige Geld ausgab, wühlte sie in ihren beiden zwischen Rock und Unterrock versteckten Taschen herum und kriegte nur schlechte beschnittene Sechs-Livres- oder Fünfzig-Sous-Stücke heraus, die sie verzweiflungsvoll betrachtete, ehe sie eins wechselte. Die meiste Zeit über begnügten die Sauviat sich mit Heringen, roten Erbsen, Käse, harten, unter Salat gemengten Eiern und Gemüsen, die auf die am wenigsten kostspielige Art gewürzt wurden. Niemals kauften sie Vorräte außer einigen Butten Knoblauch und Zwiebeln, bei denen man nichts zu befürchten hatte und die nicht viel kosteten. Das bißchen Holz, das sie im Winter verbrauchten, kaufte die Sauviat vorüberziehenden Reisholzbindern und immer von Tag zu Tage ab. Um sieben Uhr im Winter, Sommer um neun Uhr lag die Familie im Bett, war der Laden geschlossen und von ihrem riesigen Hunde bewacht, der seinen Lebensunterhalt in den Küchen des Stadtteils suchte. Mutter Sauviat gebrauchte für keine drei Franken Kerzen im Jahr.

Das nüchterne und arbeitsame Leben dieser Leute wurde durch eine Freude, aber eine natürliche Freude belebt, für die sie ihre einzigen, bekannt gewordenen Ausgaben machten. Im Mai 1802 hatte die Sauviat eine Tochter. Sie kam ganz allein nieder und nahm fünf Tage später die Sorge für den Haushalt wieder auf sich. Sie nährte ihr Kind selber auf dem Stuhle mitten im Winde und fuhr fort, Alteisen zu verkaufen, während sie ihre Kleine stillte. Da ihre Milch nichts kostete, ließ sie ihre Tochter, die sich nicht schlecht dabei befand, zwei Jahre über trinken.

Véronique wurde das schönste Kind der Unteren Stadt; die Passanten blieben stehen, um sie anzuschauen. Damals bemerkten die Nachbarn bei dem alten Sauviat einige Spuren von Empfindsamkeit, denn man hatte ihn ihrer gänzlich bar geglaubt. Während sein Weib das Essen bereitete, hielt der Trödler die Kleine zwischen seinen Armen und wiegte sie, indem er ihr Auvergnater Refrains dabei vorsang. Die Arbeiter sahen ihn manchmal unbeweglich, die auf den Knien ihrer Mutter eingeschlafene Véronique betrachtend. Für seine Tochter dämpfte er seine rauhe Stimme, wischte er seine Hände an seiner Hose ab, ehe er sie hinnahm. Als Véronique zu laufen anfing, setzte sich der Vater in die Knie und stellte sich vier Schritte von ihr auf, indem er die Arme nach ihr ausstreckte und Mienen schnitt, welche die metallischen und tiefen Falten seines düsteren und strengen Gesichtes freudig zusammenzogen. Dieser Mensch von Blei, Eisen und Kupfer wurde wieder ein Mensch von Blut, Knochen und Fleisch. Stand er, den Rücken gegen seinen Pfeiler gestützt, unbeweglich wie ein Steinbild, ein Schrei Véroniques brachte ihn in Bewegung; er sprang durch den Alteisenkram, um sie zu finden, denn sie verbrachte ihre Kindheit damit, in den Tiefen dieses wüsten Kramladens mit den Trümmern aufgeschichteter Schlösser zu spielen, ohne sich jemals zu verletzen. Auch spielte sie auf der Straße und bei Nachbarn, ohne daß das Mutterauge sie aus dem Blicke verlor. Es ist nicht überflüssig zu sagen, daß die Sauviat sehr fromm waren. Inmitten der Revolutionswirren hielt Sauviat streng an den Sonn- und Feiertagen fest. Zweimal hatte es ihn beinahe den Hals gekostet, weil er die Messe eines nicht vereidigten Priesters angehört hatte. Kurz, er wurde ins Gefängnis geworfen, mit Recht angeklagt die Flucht eines Bischofs begünstigt zu haben, dem er das Leben rettete. Glücklicherweise konnte der Jahrmarktströdler, der sich auf Feilen und Eisengitter verstand, entfliehen, wurde aber in contumaciam zum Tode verurteilt; und da er sich, nebenbei bemerkt, niemals einstellte, um sich nach der Verurteilung wegen Nichterscheinens persönlich zu stellen, so starb er zweimal. Seine Frau teilte seine frommen Gefühle. Der Geiz dieses Haushalts wich nur der Stimme der Religion. Die alten Alteisenhändlersleute gingen pünktlich zum Abendmahl und gaben in die Kollekten. Wenn der Vikar von Saint-Étienne zu ihnen kam, um sie um Hilfe zu bitten, holten Sauviat oder seine Frau sofort, ohne Ausreden zu gebrauchen oder Gesichter zu schneiden, herbei, was ihres Dafürhaltens ihre Beisteuer zu den Almosen des Kirchensprengels ausmachte. Die verstümmelte Jungfrau ihres Pfeilers wurde ab 1799 zu Ostern immer mit Buchs geschmückt. Zur Blumenzeit sahen die Passanten sie mit Sträußen verehrt, die in Bechern aus blauem Glase frisch gehalten wurden, besonders seit Véroniques Geburt. Bei Prozessionen bespannten die Sauviat ihr Haus sorgfältig mit blumenbesteckten Tüchern, und trugen mit zum Schmucke, zur Errichtung des Ruhealtars, des Stolzes ihrer Straßenecke, bei. Véronique Sauviat wurde also christlich erzogen. Vom siebenten Lebensjahre an hatte sie eine Auvergnater graue Schwester als Lehrerin, der die Sauviat einige kleine Dienste geleistet hatte. Alle beide waren sie ziemlich gefällig, sobald es sich nur um ihre Person oder ihre Zeit handelte, und in der Weise armer Leute dienstbereit, die sich mit gewisser Herzlichkeit untereinander helfen. Die graue Schwester brachte Véronique Lesen und Schreiben bei, lehrte sie die Geschichte des Volkes Gottes, den Katechismus, das Alte und Neue Testament und ein bißchen Rechnen. Das war alles; die graue Schwester meinte, es sei genug; es war schon zu viel. Mit neun Jahren setzte Véronique das Viertel durch ihre Schönheit in Erstaunen. Jeder bewunderte ein Gesicht, das eines Tages würdig sein würde des Pinsels der Maler, die sich bemühten, ein Schönheitsideal zu finden. Sie wurde die »kleine heilige Jungfrau« genannt und versprach Wohlgestalt und wie Milch und Blut zu werden. Ihr Madonnengesicht, denn die Volksstimme hatte sie mit dem richtigen Namen benannt, würde durch einen reichen und übervollen blonden Haarwuchs vervollständigt, der die Reinheit ihrer Züge hervorhob. Wer immer die herrliche kleine Jungfrau Tizians auf seinem großen Gemälde: »die Vorstellung im Tempel« gesehen hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie Véronique in ihrer Jugend aussah: dieselbe unbefangene Treuherzigkeit, das gleiche seraphische Erstaunen in ihren Augen, die gleiche edle und einfache Haltung, dasselbe kindliche Benehmen. Mit elf Jahren hatte sie die Blattern und verdankte ihr Leben nur Schwester Marthes Sorgfalt. Die zwei Monate über, welche ihre Tochter in Gefahr schwebte, gaben die Sauviat dem ganzen Viertel das Maß ihrer Zärtlichkeit zu erkennen. Sauviat ging nicht mehr auf Auktionen, blieb die ganze Zeit über in seinem Laden, eilte zu seiner Tochter hinauf, ging von Zeit zu Zeit wieder hinunter, und wachte in Gesellschaft seines Weibes nachtnächtlich bei ihr. Sein stummer Schmerz schien zu tief, als daß jemand mit ihm zu sprechen wagte; mitleidig sahen ihn die Nachbarn an und fragten nur Schwester Marthe nach Véroniques Ergehen. Während der Tage, wo die Gefahr ihren Höhepunkt erreichte, sahen Passanten und Nachbarn zum ersten und einzigen Male in Sauviats Leben lange Zeit über Tränen aus seinen Wimpern rinnen und seine gefurchten Wangen entlangrollen; er wischte sie nicht fort, blieb einige Stunden lang wie stumpfsinnig, wagte nicht zu seiner Tochter hinaufzugehen und blickte vor sich hin, ohne zu sehen: man hätte ihn bestehlen können!

Véronique wurde gerettet, doch ihre Schönheit verdarb. Das durch einen Teint gleichmäßig gefärbte Gesicht, worin Braun und Rot sich harmonisch vertrieben, blieb von tausend Grübchen übersät, welche die Haut vergröberten, deren weißes Fleisch zu sehr gereizt worden war. Die Stirn konnte den Verwüstungen der Plage nicht entgehen, wurde braun und blieb wie gehämmert. Nichts ist unharmonischer als solche Ziegeltöne unter einer blonden Frisur, sie zerstören einen bestimmten Zusammenklang. Die tiefen und unregelmäßigen Risse im Gewebe entstellten die Reinheit des Profils, die Feinheit des Gesichtsschnittes, die der Nase, deren griechische Form kaum erkennbar blieb, und die des Kinns, das zart war wie der Rand eines weißen Porzellans. Die Krankheit verschonte nur, was sie nicht erreichen konnte, die Augen und Zähne. Véronique verlor nicht auch noch die Eleganz und Schönheit ihres Körpers, weder die Fülle seiner Linien, noch die Anmut ihrer Figur. Sie war mit fünfzehn Jahren ein schönes Geschöpf und, was die Sauviat tröstete, eine fromme und gute, viel beschäftigte, arbeitsame und häusliche Tochter. In ihrer Genesungszeit und nach ihrer ersten Kommunion gaben ihre Eltern ihr die beiden im zweiten Stock gelegenen Zimmer zum Bewohnen. So hart Sauviat gegen sich und seine Frau war, damals zeigte er einige Spuren von Wohlstand; es stieg eine vage Idee in ihm auf, seine Tochter über einen Verlust trösten zu müssen, den sie noch nicht kannte. Die Beraubung jener Schönheit, die der Stolz der beiden Leute gewesen war, machte ihnen Véronique noch teurer und kostbarer. Eines Tages schleppte Sauviat einen gebrauchten Teppich auf seinem Rücken an und nagelte ihn selber in Véroniques Zimmer fest. Bei einem Schloßverkauf hob er für sie das rote Damastbett einer großen Dame, die Vorhänge, die Sessel und Stühle aus demselben Stoffe auf. Er möblierte mit allen Sachen, deren Wert ihm immer unbekannt war, die beiden Zimmer, worin seine Tochter lebte. Er setzte Resedatöpfe auf ihr Fensterbrett, und brachte von seinen Fahrten bald Rosenstöcke, bald Nelken, alle Blumenarten mit, die ihm zweifelsohne Gärtner und Herbergsbesitzer schenkten. Wenn Véronique hätte Vergleiche anstellen, den Charakter, die Sitten und die Unwissenheit ihrer Eltern erkennen können, würde sie gewußt haben, wieviel Liebe aus diesen Kleinigkeiten sprach; aber sie liebte sie mit einem ausgezeichneten Naturell und ohne Ueberlegung. Véronique trug das feinste Linnen, das ihre Mutter bei den Händlern finden konnte. Die Sauviat überließ es dem freien Ermessen ihrer Tochter, die Stoffe für ihre Kleider zu kaufen, welche sie sich wünschte. Vater und Mutter waren glücklich über die Bescheidenheit ihrer Tochter, die keinen kostspieligen Geschmack besaß. Véronique gab sich mit einem blauseidenen Kleide für die Festtage zufrieden und trug an Werkeltagen ein derbes Merinokleid im Winter, zur Sommerzeit gestreiften feinen Kattun. Sonntags ging sie mit Vater und Mutter in den Gottesdienst, und nach der Vesper die Vienne entlang oder in die Umgebung spazieren. An gewöhnlichen Tagen blieb sie zu Hause, beschäftigte sich mit einer Stickerei, deren Erlös den Armen gehörte; so besaß sie die einfachsten, keuschesten und musterhaftesten Sitten. Manchmal machte sie Leinwand für die Hospitale. Zwischen den Arbeiten widmete sie sich der Lektüre und las keine andern Bücher wie die ihr der Vikar von Saint-Étienne gab, ein Priester, dessen Bekanntschaft mit den Sauviat Schwester Marthe vermittelt hatte.

Für Véronique waren übrigens die Gesetze der häuslichen Sparsamkeit aufgehoben. Ihre Mutter, die selig war, ihr etwas Nahrhaftes vorzusetzen, ließ sie selber eigene Küche führen. Vater und Mutter aßen stets ihre Nuß und ihr hartes Brot, ihre Heringe und ihre in Salzbutter geschmorten Erbsen, während für Véronique nichts frisch und nichts gut genug war. – »Véronique muß euch viel Geld kosten,« sagte zum alten Sauviat ein gegenüberwohnender Hutmacher, der für seinen Sohn Absichten auf Véronique hatte, da er des Alteisenhändlers Vermögen auf hunderttausend Franken schätzte.

»Ja, Nachbar, ja, Nachbar, ja!« antwortete der alte Sauviat; »sie könnte mich um zehn Taler bitten, ich würde sie ihr sofort geben. Sie hat alles, was sie will; nie aber fordert sie etwas. Sanft ist sie wie ein Lamm!« Tatsächlich kannte Véronique den Preis der Sachen nicht; niemals hatte sie etwas nötig; Goldstücke sah sie erst am Tage ihrer Heirat; eine Börse hatte sie nie bei sich, ihre Mutter kaufte und gab ihr alles nach Wunsch, so daß sie, um einem Armen ein Almosen zu geben, in ihrer Mutter Taschen faßte.

»Sie kostet euch nicht viel,« sagte dann der Hutmacher.

»Ja, das glaubt Ihr!« antwortete Sauviat, »mit vierzig Talern für sie würdet Ihr noch nicht auskommen jährlich. Und ihr Zimmer. Sie hat bei sich für mehr als hundert Taler Möbel; doch wenn man nur eine Tochter hat, läßt man sich gehen. Kurz, das wenige, das wir besitzen, wird alles ihr gehören.«

»Das wenige? Ihr dürftet reich sein, Vater Sauviat! Seit vierzig Jahren betreibt Ihr einen Handel, wobei Ihr keine Verluste habt.«

»Ach, man würde mir für zwölfhundert Franken nicht die Ohren abschneiden,« antwortete der alte Alteisenhändler. Von dem Tage an, wo Véronique die sanfte Schönheit verloren, die ihr kleines Mädchengesicht der öffentlichen Bewunderung anempfahl, verdoppelte Vater Sauviat seine Tätigkeit. Sein Handel wurde um so viel lebhafter, daß er von nun an mehrere Reisen nach Paris im Jahre unternahm. Jeder erriet, daß er, was er in seiner Sprache die Defekte seiner Tochter nannte, mit Geld aufwiegen wollte. Als Véronique fünfzehn Jahre alt war, trat ein Wechsel in den inneren Gewohnheiten des Hauses ein. Vater und Mutter gingen abends zu ihrer Tochter hinauf, die ihnen den Abend über beim Scheine einer Lampe, die man hinter eine Glaskugel voll Wasser gestellt hatte, das »Leben der Heiligen«, die »erbaulichen Briefe«, kurz alle vom Vikar geliehenen Bücher vorlas. Die alte Sauviat strickte und rechnete aus, daß sie damit den Preis des Oeles verdienen würde. Von sich aus konnten die Nachbarn die beiden alten Leute unbeweglich in ihren Sesseln wie zwei chinesische Figuren sitzen sehen, wie sie lauschten und ihre Tochter mit allen Kräften einer für alles, was nicht Handel oder Glaube war, stumpfen Intelligenz bewunderten. Zweifelsohne begegnet man auf der Welt jungen Mädchen, die ebenso rein sind, wie es Véronique war, keines aber war weder reiner noch bescheidener. Ihre Beichte mußte die Engel mit Bewunderung erfüllen und der heiligen Jungfrau Freude machen. Mit sechzehn Jahren war sie voll entwickelt und zeigte sich, wie sie werden mußte. Sie besaß eine mittlere Figur, weder ihr Vater noch ihre Mutter waren groß; ihre Formen aber empfahlen sich durch eine anmutige Biegsamkeit, durch jene so glücklichen, von Malern so eifrigst gesuchten geschwungenen Linien, welche die Natur von selber so fein zieht, und deren volle und weiche Umrisse sich den Kenneraugen offenbaren trotz der Wäsche und der dicken Kleidungsstücke, die sich stets, was man auch tut, den nackten Körper zum Muster nehmen und sich ihm anpassen. Wahrhaft, einfach und natürlich hob Véronique diese Schönheit durch Bewegungen ohne jegliche Ziererei hervor. Sie erhielt ihre volle Gültigkeit, wenn es erlaubt ist, diesen energischen Ausdruck der Juristensprache zu entlehnen. Sie hatte die fleischigen Arme der Auvergnater, die rote und rundliche Hand einer schönen Schenkenmagd, kräftige aber regelmäßige Füße, die mit ihren Formen in Einklang standen. Es zeigte sich an ihr eine entzückende und wunderbare Erscheinung, die der Liebe eine für alle Augen verborgene Frau versprach. Diese Erscheinung war vielleicht eine der Ursachen der Bewunderung, die ihr Vater und ihre Mutter ihrer Schönheit zollten, von der sie zum größten Erstaunen ihrer Nachbarn erklärten, daß sie göttlich sei. Die ersten, die diese Tatsache bemerkten, waren die Priester der Kathedrale und die Gläubigen, die an den heiligen Tisch traten. Wenn bei Véronique ein heftiges Gefühl zum Ausdruck kam, – und die religiöse Begeisterung, der sie ausgeliefert war, wenn sie sich zur Kommunion einstellte, muß man zu den lebhaften Bewegungen eines so reinen jungen Mädchens rechnen –, schien es, als ob ein inneres Licht die Blatternnarben durch seine Strahlen zunichte mache. Das reine und strahlende Antlitz ihrer Kindheit erschien in seiner anfänglichen Schönheit wieder. Obwohl leicht verschleiert durch die grobe Schicht, welche die Krankheit dort verbreitet hatte, glänzte sie, wie eine Blume geheimnisvoll unter dem Wasser des Meeres glänzt, das die Sonne durchdringt. Véronique war für einige Augenblicke verwandelt: die kleine Jungfrau erschien und verschwand wie eine himmlische Erscheinung. Der Apfel ihrer Augen, dem eine große Zusammenziehbarkeit verliehen war, schien sich dann zu entfalten und entfernte das Blau der Iris, die nur noch einen zarten Kreis bildete. So vervollständigte diese Metamorphose des Auges, welches ebenso lebhaft wie das eines Adlers geworden war, die seltsame Gesichtsveränderung. War es der Sturm gebändigter Leidenschaften, war es eine aus den Tiefen der Seele kommende Kraft, welche den Augapfel bei hellem Tage vergrößerte, wie er sich bei jedermann gewöhnlich im Dunkeln vergrößert, indem er so den Azur dieser himmlischen Augen glänzend machte? Wie dem auch sein möge, man konnte Véronique unmöglich kalt anschauen, wenn sie vom Altar wieder an ihren Platz ging, nachdem sie sich mit Gott vereinigt hatte, und sie sich der Gemeinde in ihrem früheren Glanze zeigte. Ihre Schönheit hatte dann die der schönsten Frauen verdunkelt. Welch ein Zauber für einen verliebten und eifersüchtigen Mann war dieser Schleier aus Fleisch, der die Gattin vor den Blicken aller verbergen mußte, ein Schleier, den die Hand der Liebe aufheben und über die erlaubten Wonnen zurückfallen lassen würde! Véronique besaß vollkommen bogenförmige Lippen, von denen man hätte annehmen müssen, daß sie zinnoberrot gemalt worden wären, so reichlich floß in ihnen ein reines und heißes Blut. Ihr Kinn und die untere Hälfte ihres Gesichtes waren ein bißchen fett in der Bedeutung, welche die Maler diesem Worte geben; und diese dicke Form ist nach den erbarmungslosen Gesetzen der Physiologie das Anzeichen eines fast krankhaften Ungestüms in der Leidenschaft. Ueber ihrer schöngeformten, aber fast gebieterischen Stirn trug sie ein wundervolles Diadem von reichen, üppigen und kastanienbraun gewordenen Haaren.

Von ihrem sechzehnten Lebensjahre an bis zu ihrem Hochzeitstage trug Véronique eine nachdenksame Miene voller Melancholie zur Schau. In einer so tiefen Einsamkeit mußte sie wie die Einsiedler das große Schauspiel dessen, was in ihr vorging, prüfen: den Fortschritt ihrer Gedanken, die Verschiedenheit der Bilder und den Aufschwung der durch ein reines Leben erwärmten Gefühle. Leute, welche die Nase aufhoben, wenn sie durch die rue de la Cité gingen, konnten der Sauviat Tochter an schönen Tagen nähend, strickend oder die Nadel auf ihrem Kanevas führend, mit ziemlich nachdenklicher Miene an ihrem Fenster sitzen sehen. Ihr Kopf hob sich lebhaft zwischen den Blumen ab, welche die braune und rissige Brüstung ihrer Fenster mit ihren in bleiernem Netz festgehaltenen Scheiben dichterisch ausschmückten. Manchmal kam der Reflex der roten Damastvorhänge noch zu der Wirkung dieses bereits so farbigen Kopfes hinzu; wie eine purpurrot gefärbte Blume beherrschte sie das so sorgfältig von ihr unterhaltene duftige Gewirr auf ihrem Fensterbrett. Das alte naive Haus besaß also etwas noch Naiveres: das eines Mieris, Ostade, Terborch und Gérard Dou würdige Bild eines jungen Mädchens, eingerahmt in eines jener fast zerstörten, altertümlichen und braunen Fenster, welche ihre Pinsel geliebt haben. Wenn ein Fremder, überrascht von diesem Bau, mit offenem Munde stehenblieb, um den zweiten Stock zu betrachten, dann steckte der alte Sauviat seinen Kopf dergestalt vor, daß er über die von der Ausladung vorgezeichnete Linie hinausragte, und war sicher, seine Tochter am Fenster zu finden. Sich die Hände reibend, zog der Alteisenhändler sich zurück und sagte zu seiner Frau im Auvergnater Platt:

»He, Alte, man bewundert dein Kind!«

Im Jahre 1820 geschah in dem einfachen und ereignislosen Leben, das Véronique führte, ein Zufall, der bei jeder anderen Person von keiner Wichtigkeit gewesen wäre, auf ihre Zukunft aber vielleicht einen furchtbaren Einfluß ausübte. An einem aufgehobenen Feiertage, an dem die ganze Stadt bei der Arbeit blieb, während die Sauviat ihren Laden schlossen, in die Kirche gingen und lustwandelten, kam Véronique, als sie ins Freie gehen wollte, an einer Buchhandlungsauslage vorbei, wo sie ein Exemplar von »Paul und Virginia« sah. Auf Grund der Umschlagsgravüre hin hatte sie Lust es zu kaufen; ihr Vater bezahlte hundert Sous für den verhängnisvollen Band und steckte ihn in die weite Tasche seines Ueberrocks.

»Würdest du nicht besser tun, es dem Herrn Vikar zu zeigen?« fragte sie die Mutter, für die jedes gedruckte Buch immer etwas nach Zauberei roch.

»Ich dachte dran!« erwiderte Véronique einfach.

Das Kind verbrachte die Nacht mit der Lektüre dieses Romans, eines der rührendsten Bücher der französischen Sprache. Das Gemälde dieser halb biblischen und der Anfangszeiten der Welt würdigen Liebe verheerte Véroniques Herz. Eine Hand, soll man sie eine göttliche oder eine teuflische nennen, nahm den Schleier fort, der die Natur bis dahin für sie bedeckt hatte. Die kleine in dem schönen Mädchen verborgene Jungfrau fand andren Morgens ihre Blumen schöner, als sie es am Vorabend gewesen waren; sie verstand ihre symbolische Sprache, erforschte den Azur des Himmels mit einer begeisterungsvollen Beständigkeit, und Tränen rannen dann ohne Ursache aus ihren Augen. In aller Frauen Leben gibt es einen Augenblick, wo sie ihr Schicksal begreifen, wo ihr bis dahin stummer Organismus gebieterisch spricht; nicht immer ist es ein durch einen unwillkürlichen und flüchtigen Blick erwählter Mann, der ihren sechsten schlummernden Sinn weckt, sondern häufiger vielleicht ein unvorhergesehenes Schauspiel, der Anblick einer Landschaft, eine Lektüre, das Beschauen einer religiösen Pompentfaltung, der Einklang natürlicher Düfte, ein köstlicher in seine zarten Dünste verschleierter Morgen, eine göttliche Musik mit einschmeichelnden Noten, endlich eine unerwartete Regung in der Seele oder im Körper. Bei diesem einsamen, an das schwarze Haus gebundenen jungen Mädchen, das von einfachen, fast bäuerlichen Eltern erzogen worden war, das nie ein unsauberes Wort gehört, dessen reine Intelligenz nie den geringsten schlechten Gedanken gefaßt hatte, bei Schwester Marthes und des guten Vikars von Saint-Étienne engelgleicher Schülerin geschah die Offenbarung der Liebe, die das Leben des Weibes bedeutet, durch ein sanftes Buch, durch die Hand des Genies. Für jeden anderen hätte diese Lektüre keine Gefahr bedeutet, für sie war dies Buch schlimmer als ein obszönes Buch. Der Verderb ist relativ. Es gibt jungfräuliche und erhabene Naturen, die ein einziger Gedanke verdirbt, er richtet dort um so größere Verwüstungen an, als die Notwendigkeit eines Widerstandes nicht vorgesehen ist. Am folgenden Morgen zeigte Véronique das Buch dem guten Priester, der seine Erwerbung guthieß, so kindlich, unschuldig und rein ist Paul und Virginias Ruf. Die Hitze der Tropenländer aber und die Schönheit der Landschaften, die fast knabenhafte Reinheit einer schier heiligen Liebe, hatten auf Véronique gewirkt. Durch die sanfte und edle Figur des Verfassers wurde seine Leserin zum Kultus des Ideals jener verhängnisvollen menschlichen Religion verleitet! Sie träumte einen Paul ähnlichen jungen Mann als Geliebten zu haben. Ihre Gedanken umkosten wollüstige Bilder auf einer mit Wohlgerüchen überströmten Insel. Aus Kinderei nannte sie eine unterhalb von Limoges, fast der Vorstadt Saint-Martial gegenüberliegende Insel l'Île-de-France. In ihren Gedanken hauste dort die phantastische Welt, die sich alle jungen Mädchen zurecht machen und mit ihren eigenen Vollkommenheiten bereichern. Längere Stunden blieb sie an ihrem Fenster und sah die Handwerker vorübergehen, die einzigen Männer, von denen es ihr, dem bescheidenen Stande ihrer Eltern gemäß, gestattet war, zu träumen. Zweifelsohne an den Gedanken gewöhnt, einen Mann aus dem Volke zu heiraten, fand sie in sich selber Instinkte, die jede Roheit zurückwiesen. In dieser Lage mußte es ihr Freude bereiten, einen jener Romane zurechtzumachen, welche alle jungen Mädchen für sich selber ersinnen. Mit der einer so anziehenden und jungfräulichen Einbildungskraft natürlichen Glut liebkoste sie etwa den schönen Gedanken, einen dieser Männer zu läutern, ihn zu der Höhe zu führen, in welche ihre Träume sie stellten; sie schuf vielleicht einen Paul aus irgendeinem jungen Manne, den sie mit ihrem Blicke erwählt, einzig um ihre närrischen Gedanken an ein Wesen zu heften, wie die Dünste der feuchten Atmosphäre, wenn sie der Tod überkommt, sich an einem Baumzweige am Wegrande kristallisieren. Sie mußte sich in einen tiefen Schlund stürzen, denn, wenn sie oft das Aussehen hatte, aus den Höhen herabzusteigen, indem sie über ihrer Stirn etwas wie einen lichtreichen Reflex sehen ließ, öfters noch schien sie in der Hand Blumen zu halten, die am Rande irgendwelches Wildbaches gepflückt worden waren, den sie bis zu der Tiefe eines Absturzes verfolgt hatte. An heißen Abenden bat sie ihren alten Vater um seinen Arm und versäumte keinen Spaziergang am Ufer der Vienne mehr, wo sie sich an den Schönheiten des Himmels und der Landschaft, an den wunderbaren Röten der untergehenden Sonne und den geputzten Wonnen taubenetzter Morgen begeisterte. Ihr Geist strömte seitdem einen Duft natürlicher Poesie aus. Ihre Haare, die sie flocht und kunstlos auf ihrem Kopfe aufsteckte, glättete und schlang sie in einen einfachen Knoten. Ihr Anzug wurde etwas ausgewählter. Der Weinstock, der wild wuchs und sich naturgemäß in die Arme der alten Ulme geworfen hatte, wurde umgepflanzt, beschnitten, er entfaltete sich zu einem grünen und zierlichen Spalier.

Bei der Rückkehr von einer Reise, die der alte, damals siebzigjährige Sauviat im Dezember 1822 nach Paris machte, kam der Vikar eines Abends; und nach einigen nichtssagenden Phrasen fragte er plötzlich: Denken Sie daran, Ihre Tochter zu verheiraten! Bei Ihrem Alter darf man die Erfüllung einer wichtigen Pflicht nicht hinausschieben.«

»Aber will Véronique sich denn verheiraten?« fragte der Alte höchst erstaunt.

»Wenn es Ihnen gefällt, lieber Vater,« antwortete sie, die Augen niederschlagend.

»Wir wollen sie verheiraten,« rief lächelnd die dicke Mutter Sauviat.

»Warum hast du mir das nicht vor meiner Abreise gesagt, Mutter?« erwiderte Sauviat. »Ich werd' gezwungen sein nach Paris zurückzukehren.«

Jérôme-Baptiste Sauviat hatte sich als ein Mann, in dessen Augen Vermögen alles Glück zu ersetzen schien, der in der Liebe immer nur das Bedürfnis und in der Heirat nur einen Modus gesehen hatte, seine Güter einem anderen Selbst zu übertragen, geschworen, Véronique mit einem reichen Bürger zu verheiraten. Seit langer Zeit hatte dieser Gedanke die Form eines Vorurteils in seinem Hirne angenommen. Sein Nachbar Hutmacher, der zweitausend Livres Rente besaß, hatte schon für seinen Sohn, dem er sein Geschäft abtreten wollte, um die Hand eines so berühmten Mädchens angehalten, wie es Véronique dank ihrer musterhaften Aufführung und ihrer christlichen Sitten war. Sauviat hatte bereits höflich eine Absage gegeben, ohne mit Véronique darüber zu reden. Am Morgen nach dem Tage, an welchem der Vikar, der in den Augen der Sauviatschen Familie eine wichtige Persönlichkeit war, von der Notwendigkeit, Véronique, deren Beichtvater er war, zu verheiraten, gesprochen hatte, rasierte der Alte sich, zog sich wie für einen Feiertag an, und ging aus, ohne weder Frau noch Tochter etwas davon zu sagen. Die eine wie die andere begriffen, daß der Vater auf die Suche nach einem Schwiegersohne ging. Der alte Sauviat begab sich zu Monsieur Graslin.

Monsieur Graslin, ein reicher Bankier in Limoges, war wie Sauviat ein Mann, der ohne einen Pfennig aus der Auvergne weggezogen und hingegangen war, um Laufbursche zu sein; er war bei einem Finanzmann in der Eigenschaft als Kassenbote angestellt worden und hatte, ähnlich wie viele Finanzleute, dank Sparsamkeit und auch mittels glücklicher Umstände seinen Weg gemacht. Mit fünfundzwanzig Jahren Kassierer, zehn Jahre später Mitinhaber der Firma Perret und Grossetête geworden, hatte er sich schließlich als Herr des Geschäftes gesehen, nachdem er die beiden alten Bankiers abgefunden hatte, die sich alle beide aufs Land zurückgezogen und ihn ihre Vermögen für geringe Zinsen in der Hand behalten ließen. Der damals siebenundvierzig Jahre alte Pierre Graslin wurde für den Besitzer von mindestens sechsmalhunderttausend Franken gehalten. Der Ruf von Pierre Graslins Vermögen hatte sich kürzlich im ganzen Bezirke vergrößert: jeder hatte seine Freigebigkeit laut gerühmt, die darin bestand, sich in dem neuen Viertel der place des Arbres, die dazu bestimmt war, Limoges eine angenehme Physiognomie zu geben, ein schönes Haus in der Baulinie gebaut zu haben, dessen Fassade der eines öffentlichen Gebäudes entsprach. Dies seit sechs Monaten fertige Haus zögerte Pierre Graslin einzurichten; es kam ihm so teuer zu stehen, daß er den Augenblick, wo er darin wohnen sollte, hinausschob. Seine Eigenliebe hatte ihn sich vielleicht über die weisen Gesetze, die bis dahin sein Leben gelenkt hatten, hinwegsetzen lassen. Mit dem gesunden Menschenverstande eines Kaufmannes sagte er sich, daß das Innere des Hauses mit dem Programm der Fassade in Einklang stehen müßte. Das Mobiliar, das Silberzeug und das für das Leben, das er in seinem Hotel führen würde, notwendige Zubehör, mußten seiner Schätzung nach ebensoviel kosten wie der Bau. Trotz des Stadtklatsches und der Witze der Handelswelt, trotz der mitleidigen Annahmen seines Nächsten blieb er in dem alten, feuchten und schmutzigen Erdgeschoß in der rue Montantmanigne eingepfercht, wo er sein Glück gemacht hatte. Die Oeffentlichkeit machte Glossen, Graslin aber fand die Billigung seiner beiden alten Gesellschafter, die ihn dieser wenig üblichen Festigkeit wegen lobten.

Ein Vermögen, eine Existenz wie die Graslins mußte in einer Provinzstadt zahlreiche Begehrlichkeiten herausfordern. Auch hatte man Monsieur Graslin mehr als einen Heiratsvorschlag seit zehn Jahren angetragen. Doch der Junggesellenstand behagte einem von morgens bis abends beschäftigten Manne, der vom beständigen Herumreisen müde, mit Arbeit überhäuft und in der Verfolgung seiner Geschäfte hitzig war wie ein Jäger bei der des Wildes, so sehr, daß Graslin in keine der Fallen ging, die von ehrgeizigen Müttern gelegt worden waren, welche diese glänzende Stellung für ihre Töchter begehrten. Graslin, der Sauviat der oberen Gesellschaftsschicht, gab keine vierzig Sous täglich aus, und ging gekleidet wie sein zweiter Gehilfe. Zwei Gehilfen und ein Kassenbote genügten ihm zur Erledigung seiner Geschäfte, die in Anbetracht der vielfältigen Einzelheiten unendlich groß waren. Ein Gehilfe erledigte die Korrespondenz, ein anderer saß an der Kasse. Pierre Graslin war für das übrige die Seele und der Leib. Seine aus seiner Familie erwählten Gehilfen waren sichere, kluge und wie er selber für die Arbeit geschaffene Männer. Was den Kassenboten anlangt, so führte er das Leben eines Frachtfuhrwerkspferdes. Graslin stand zu jeder Jahreszeit um fünf auf, legte sich niemals vor elf Uhr zu Bett und hatte eine Tagesaufwartung, eine alte Auvergnatin, welche die Küche besorgte. Das Tongeschirr, das gute derbe Hausmacherleinen standen in Einklang mit dem Leben in diesem Hause. Die Auvergnatin hatte den Befehl, die Summe von drei Franken für die Gesamtheit der täglichen Haushaltsausgaben niemals zu überschreiten. Der Laufbursche war zugleich Diener. Die Gehilfen machten ihre Zimmer selber sauber. Die geschwärzten Holztische, die Stühle, die ihr Stroh verloren hatten, die Fachschränke, die schlechten Bettgestelle, das ganze Mobiliar, welches in dem Kontor und den darüberliegenden drei Zimmern stand, war keine tausend Franken wert, einbegriffen eine kolossale Kasse, die ganz aus Eisen, in die Mauer eingebaut und ihm von seinen Vorbesitzern vermacht worden war, vor welcher der Laufbursche mit zwei Hunden zu seinen Füßen schlief. Graslin verkehrte nicht in der Gesellschaft, wo häufig Rede von ihm war. Zwei- oder dreimal jährlich speiste er bei dem Generaleinnehmer, mit dem seine Geschäfte ihn in beständige Beziehungen brachten. Manchmal aß er auch noch in der Präfektur; zu seinem lebhaften Bedauern war er zum Mitglied des Generalrats des Bezirks ernannt worden. »Er verlöre dort seine Zeit,« sagte er. Manchmal behielten ihn seine Kollegen, wenn er Geschäfte mit ihnen abschloß, zum Frühstück oder zum Mittagessen da. Endlich war er gezwungen, zu seinen ehemaligen Herren zu gehen, die den Winter über immer in Limoges zubrachten. Graslin hielt so wenig von gesellschaftlichen Beziehungen, daß er in fünfundzwanzig Jahren niemandem, wer es auch sein mochte, ein Glas Wasser angeboten hatte.

Wenn Graslin durch die Straße ging, zeigte ihn jeder sich mit den Worten: »Da ist Monsieur Graslin!« was soviel heißen wollte wie: »Seht, das ist ein Mann, der ohne einen Pfennig nach Limoges gekommen ist und nun ein ungeheures Vermögen erworben hat.« Der Auvergnater Bankier war ein Beispiel, das mehr als ein Vater seinem Sohne vorhielt, ein Epigramm, das mehr als eine Frau ihrem Manne ins Gesicht schleuderte. Jeder kann begreifen, welchen Gedanken zufolge dieser Mann, der die Hauptstütze der ganzen finanziellen Maschine von Limousin geworden war, veranlaßt wurde, die verschiedenen Heiratsvorschläge, die man nicht müde wurde, ihm zu machen, zurückzuweisen. Die Töchter der Herren Perret und Grossetête waren verheiratet worden, ehe Graslin in der Lage gewesen war, sie zu ehelichen; doch da jede dieser Damen jüngere Töchter hatte, ließ man Graslin in Ruhe, in der Annahme, daß der alte Perret oder der schlaue Grossetête schon im voraus Graslins Heirat mit einer seiner Enkelinnen geplant hätte. Sauviat verfolgte aufmerksamer und ernsthafter als jedermann die aufsteigende Linie seines Landsmannes. Seit seiner Niederlassung in Limoges kannte er ihn. Doch ihre beiderseitigen Positionen wechselten so sehr, wenigstens dem Anschein nach, daß ihre oberflächlich gewordene Freundschaft nur selten aufgefrischt wurde. Nichtsdestoweniger verschmähte es Graslin in seiner Eigenschaft als Landsmann niemals, mit Sauviat zu plaudern, wenn sie sich zufällig trafen. Alle beide hatten sie ihr anfängliches Duzen, aber nur im Auvergnater Platt, beibehalten. Als der Generaleinnehmer von Bourges, der jüngste der Brüder Grossetête, seine Tochter 1823 mit dem jüngsten Sohne des Grafen von Fontaine verheiratet hatte, erriet Sauviat, daß der Grossetête Graslin nicht in seine Familie aufnehmen wollte.

Nach seiner Beratung mit dem Bankier kam Vater Sauviat froh zum Mittagessen in das Zimmer seiner Tochter und sagte zu seinen beiden Frauen:

»Véronique wird Madame Graslin werden!«

»Madame Graslin!« rief Mutter Sauviat ganz verdutzt.

»Ist's möglich?« sagte Véronique, der Graslins Person unbekannt war, auf deren Einbildungskraft er aber wirkte, wie ein Rothschild auf die einer Pariser Grisette.

»Ja, es ist abgemacht,« sagte der alte Sauviat feierlich. »Graslin soll sein Haus prachtvoll möblieren; er soll für unsere Tochter den schönsten Wagen aus Paris und die schönsten Pferde Limousins haben; er soll für sie einen Landsitz zu fünfmalhunderttausend Franken kaufen und ihr sein Hotel verschreiben. Kurz, Véronique wird die Erste in Limoges, die Reichste im Bezirk und wird aus Graslin machen, was sie will!«

Ihre Erziehung, ihre religiösen Gedanken, ihre grenzenlose Liebe zu ihrem Vater und ihrer Mutter, ihre Unwissenheit hinderten Véronique, einen einzigen Einwand zu erheben; sie dachte nicht einmal daran, daß man ohne sie über sie verfügt habe. Am folgenden Morgen reiste Sauviat nach Paris und war etwa eine Woche über abwesend.

Pierre Graslin war, wie ihr euch denken könnt, kein Schwätzer, er ging schlecht und recht aufs Ziel los. Eine beschlossene Sache war eine abgemachte Sache. Im Jahre 1822 schlug wie ein Blitzstrahl eine merkwürdige Neuigkeit in Limoges ein: das Hotel Graslin wurde prunkvoll möbliert, Rollwagen, die aus Paris kamen, folgten tagtäglich aufeinander und wurden auf dem Hofe ausgepackt. Gerüchte über die Schönheit, den guten Geschmack eines modernen oder der Mode entsprechend antiken Hausrates durchliefen die Stadt. Die Firma Odiot schickte kostbares Silberzeug mit der Briefpost. Endlich kamen drei Wagen: eine Kalesche, ein Kupee und ein Kabriolett, wie Kostbarkeiten in Stroh verpackt, an.

»Monsieur Graslin verheiratet sich!«

Diese Worte wurden aus allen Mündern an einem einzigen Tage in den Salons der oberen Gesellschaft, in den Haushalten, in den Läden, in den Vorstädten und bald in ganz Limousin gesprochen. Mit wem aber verheiratet er sich? Niemand konnte Antwort geben. Es gab ein Geheimnis für Limoges.

Bei Sauviats Rückkehr fand Graslins erster nächtlicher Besuch um neuneinhalb Uhr abends statt. Véronique war vorbereitet worden und saß in ihrem blauseidenen Gewand mit einem Brusttuch bekleidet da, über das ein Leinenkragen mit breitem Saum fiel. Ihr gescheiteltes, in breiten glatten Streifen herabfallendes Haar wurde hinten am Kopf in einem griechischen Knoten zusammengehalten, das war ihre ganze Frisur. Sie nahm einen gestickten Stuhl bei ihrer Mutter ein, die im Kaminwinkel auf einem großen Sessel mit geschnitzter Rückwand saß, der mit rotem Sammet bezogen war, einem Ueberbleibsel aus einem alten Schlosse. Ein tüchtiges Feuer brannte im Herd. Auf dem Kamin, zu beiden Seiten einer antiken Uhr, deren Wert dem Sauviat sicher nicht bekannt war, beleuchteten sechs Kerzen in zwei alten Kupferarmen, die eine Ranke vorstellten, sowohl das braune Zimmer als auch Véronique in ihrem ganzen Jugendreize. Die alte Mutter hatte ihr bestes Kleid angezogen. Im Schweigen der Straße, zu dieser schweigenden Stunde, in den sanften Finsternissen der alten Treppe erschien Graslin vor der bescheidenen und naiven Véronique, die sich noch den milden Ideen hingab, welche Bernardin de Saint-Pierres Buch sie von der Liebe hatte fassen lassen. Graslin hatte einen dichten schwarzen Haarschopf wie ein Flederwisch, der sein Gesicht kräftig hervorhob, das rot, wie das eines ausgepichten Trunkenbolds, und mit beißenden Pusteln übersät war, die bluteten oder vorm Aufbrechen standen. Ohne weder Lepra noch Flechte zu sein, schienen diese Früchte eines durch ständige Arbeit, durch das Hin und Her und die wilde Leidenschaft des Handels, durch Nüchternheit, vernünftiges Leben und Nachtwachen erhitzten Blutes diesen beiden Krankheiten zu ähneln. Trotz der Ratschläge seiner Gesellschafter, seiner Gehilfen und seines Arztes hatte der Bankier sich nie zu den medizinischen Vorsichtsmaßregeln zu zwingen gewußt, welche die anfangs leichte Krankheit, die von Tag zu Tag schlimmer wurde, schließlich gelindert haben würden.

Er wollte geheilt werden, nahm einige Tage über Bäder, trank verordnete Getränke; doch durch den Gang seiner Geschäfte fortgerissen, vergaß er die Sorge für seine Person. Er gedachte seine Tätigkeit einige Tage hintanzusetzen, zu reisen, sich in Bädern zu pflegen; welcher Millionenjäger aber kann haltmachen? In diesem glühenden Gesichte funkelten zwei graue Augen, die von grünlichen, vom Apfel ausgehenden Strichen getigert und mit braunen Punkten vermischt waren. Zwei gierige Augen, zwei lebhafte Augen, die in den Grund des Herzens drangen, zwei unversöhnliche Augen voller Entschlußfähigkeit, Redlichkeit und Berechnung. Graslin hatte eine Stülpnase, einen Mund mit dicken Wulstlippen, eine rundliche Stirn, lustige Backen, plumpe Ohren mit breiten Rändern, die von der Schärfe des Blutes angefressen waren. Kurz er war der antike Satyr, ein Faun im Ueberrock, in schwarzer Atlasweste; den Hals preßte eine weiße Krawatte zusammen. Die derben und nervigen Schultern, die früher Lasten getragen hatten, waren bereits gewölbt, und unter dieser übermäßig entwickelten Büste bewegten sich dünne Beine, die mit den kurzen Schenkeln ziemlich schlecht verbunden waren. Die mageren und haarigen Hände wiesen die Hakenfinger der ans Geldzählen gewöhnten Menschen auf. Die Gesichtsfalten liefen von den Backen bis zum Munde in gleichen Furchen wie bei allen mit materiellen Interessen beschäftigten Leuten. Die Gewohnheit jäher Entschlüsse merkte man an der Weise, wie die Augenbrauen nach beiden Stirnlappen hin hochgezogen waren. Obwohl der Mund ernst und zusammengepreßt war, zeigte er eine heimliche Güte, eine ausgezeichnete Seele an, die unter der Geschäftigkeit sich verflüchtet hatte, vielleicht erstickt worden war, im Kontakt mit einer Frau aber wieder zum Vorschein kommen konnte. Bei dieser Erscheinung zog Véroniques Herz sich krampfhaft zusammen, ihr wurde schwarz vor den Augen; sie meinte geschrien zu haben, war aber stumm geblieben, mit gebanntem Blick.

»Hier ist Monsieur Graslin, Véronique!« sagte dann der alte Sauviat.

Véronique erhob sich, grüßte, sank dann auf ihren Stuhl zurück und blickte ihre Mutter an, die dem Millionär zulächelte, und die wie Sauviat so glücklich, aber auch so glücklich schien, daß die arme Tochter die Kraft fand, ihre Ueberraschung und ihren heftigen Widerwillen zu verbergen. Bei der Unterhaltung, die vor sich ging, war von Graslins Gesundheit die Rede. Der Bankier beschaute sich naiv in dem facettierten Spiegel im Ebenholzrahmen.

»Schön bin ich nicht, Mademoiselle,« sagte er.

Und er erklärte die Röte seines Gesichts mit seinem tatkräftigen Leben und erzählte, wie er den Anordnungen der Medizin nicht Folge leiste; er schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß sein Aussehen sich ändern würde, wenn eine Frau in seinem Haushalte schalte und mehr Sorge um ihn als er selbst habe.

»Heiratet man denn einen Mann seines Gesichtes wegen, Junge?« sagte der alte Alteisenhändler und versetzte seinem Landsmanne einen derben Schlag auf den Schenkel. Graslins Erklärung richtete sich an jene natürlichen Gefühle, von denen jedes Frauenherz mehr oder minder erfüllt ist. Véronique dachte, daß sie selber ein durch eine schreckliche Krankheit zerstörtes Gesicht habe, und ihre christliche Bescheidenheit ließ sie von ihrem ersten Eindrucke abkommen.

Als Graslin einen Pfeifenton auf der Straße hörte, ging er, gefolgt von dem beunruhigten Sauviat, hinunter. Alle beide kamen sofort wieder herauf. Der Laufbursche brachte einen ersten Blumenstrauß, den man erwartet hatte.

Als der Bankier diesen Haufen ausländischer Blumen zeigte, deren Düfte das Zimmer erfüllten, und die er seiner Zukünftigen reichte, empfand Véronique Gemütsbewegungen, die denen, welche ihr Graslins erster Anblick verursacht hatte, ganz entgegengesetzt waren; sie wurde wie in die ideale und phantastische Welt der tropischen Natur versenkt. Niemals hatte sie weiße Kamelien gesehen, niemals Alpenveilchen, Zitronenkraut, Azorenjasmin, Zinerarien, Bisamrosen und alle jene göttlichen Düfte gerochen, die wie ein Reizmittel der Zärtlichkeit sind und dem Herzen Hymnen der Wohlgerüche vorsingen. Graslin überließ Véronique dieser Bewegung als Beute. Seit der Rückkehr des Alteisenhändlers schlich der Bankier, wenn alles in Limoges schlief, sich die Mauern entlang bis nach Vater Sauviats Hause. Leise klopfte er an die Fensterläden, der Hund bellte nicht, der Alte kam herunter, öffnete seinem Landsmanne und Graslin verbrachte ein oder zwei Stunden in dem braunen Zimmer bei Véronique. Dort fand Graslin stets sein Auvergnater Abendessen von Mutter Sauviat aufgetragen. Niemals kam der seltsame Liebhaber, ohne Véronique einen aus den seltensten Blumen zusammengestellten Strauß zu reichen, die in Monsieur Grossetêtes Warmhaus gepflückt worden waren, der als einziger in Limoges in das Geheimnis dieser Heirat eingeweiht wurde. Der Laufbursche holte nächtlicherweile den Strauß, welchen der alte Grossetête selber zusammenstellte.

In zwei Monaten kam Graslin etwa fünfundfünfzigmal; jedesmal brachte er irgendein reiches Geschenk: Ringe, eine Uhr, eine Goldkette, ein Necessaire usw. Diese unglaublichen Verschwendungen wird ein Wort erklärlich machen. Véroniques Mitgift setzte sich aus beinahe dem ganzen Vermögen ihres Vaters zusammen und betrug siebenmalhundertfünfzigtausend Franken. Der Alte bewahrte einen Staatsschuldschein von achttausend Franken, der für sechzigtausend Livres in Assignaten von seinem Gevatter Brézac gekauft worden war, welche er ihm bei seiner Festsetzung im Gefängnis anvertraut und die ihm dieser immer aufbewahrt hatte, indem er ihn davon abbrachte, sie zu verkaufen. Diese sechzigtausend Livres in Assignaten bildeten das halbe Vermögen Sauviats im Augenblicke, wo er Gefahr lief, auf dem Schafotte umzukommen. In dieser Gelegenheit war Brézac der treue Verwahrer des Restes gewesen, der aus siebenhundert Goldlouis bestand, eine ungeheure Summe, mit welcher der Auvergnate zu operieren anfing, sobald er seine Freiheit wiedererlangt. In dreißig Jahren hatte sich jedes dieser Goldstücke in einen Tausendfrankenschein verwandelt, immerhin mit Hilfe der Rente aus dem Staatsschuldschein, der Champagnacschen Erbschaft, der aufgesammelten Geschäftseinnahmen und der gesamten Zinsen, die im Hause Brézac anwuchsen. Brézac verband eine redliche Freundschaft mit Sauviat, wie sie alle Auvergnaten untereinander halten. So sagte denn Sauviat, als er die Fassade des Hotels Graslin besichtigte, zu sich selber:

»In diesem Palast wird Véronique wohnen!«

Er wußte, daß in Limousin kein Mädchen siebenmalhundertfünfzigtausend Franken Heiratsgut besaß und zweimalhundertfünfzigtausend Franken noch in Aussicht durch Erbschaft. Sein auserwählter Schwiegersohn Graslin mußte also Véronique unfehlbar heiraten.

Véronique bekam allabendlich einen Strauß, der am folgenden Tage ihren kleinen Salon schmückte und den sie vor den Nachbarn verbarg. Sie bewunderte die kostbaren Geschmeide, jene Perlen, jene Diamanten, jene Armbänder, jene Rubine, die allen Evatöchtern gefallen; so geschmückt fand sie sich weniger häßlich. Sie sah ihre Mutter glücklich über diese Heirat, und hatte keinen Vergleich. Ueberdies kannte sie die Pflichten, den Hauptpunkt der Ehe nicht; kurz, sie hörte die feierliche Stimme des Vikars von Saint-Étienne, der ihr Graslin als Ehrenmann rühmte, mit dem sie ein ehrenwertes Leben führen würde. Véronique willigte also ein, Monsieur Graslins Aufmerksamkeiten anzunehmen. Wenn sich in einem so zurückgezogenen und einsamen Leben, wie es Véronique führte, nur eine einzige Person sehen läßt, die alle Tage kommt, kann ihr diese Person nicht gleichgültig sein: entweder sie wird gehaßt, und die durch näheres Kennenlernen des Charakters gerechtfertigte Abneigung macht sie unerträglich, oder die Gewohnheit sie zu sehen, stumpft sozusagen die Augen den körperlichen Fehlern gegenüber ab. Der Geist sucht Ersatz. Die Physiognomie beschäftigt die Neugier, überdies beleben die Züge sich, einige flüchtige Schönheiten kommen zum Vorschein. Dann entdeckt man schließlich den unter der Form verborgenen Inhalt. Kurz, wenn die anfänglichen Eindrücke einmal überwunden sind, nimmt die Anhänglichkeit um so mehr zu, als die Seele hartnäckig darauf besteht, wie auf ihre eigene Schöpfung. Man liebt. Da liegt der Grund zu den Leidenschaften, die schöne Personen zu anscheinend häßlichen Wesen packen. Die durch die Zuneigung vergessene Form sieht man bei einem Geschöpf, dessen Seele dann das einzig Geschätzte ist, nicht mehr. Ueberdies nimmt die bei einer Frau so notwendige Schönheit bei dem Manne einen so merkwürdigen Charakter an, daß es vielleicht ebenso viele Meinungsverschiedenheiten zwischen den Frauen über die Männerschönheit gibt, wie zwischen Männern über die Schönheit der Frauen.

Nach tausend Erwägungen, nach vielen Kämpfen mit sich selbst, ließ Véronique denn das Aufgebot veröffentlichen. In ganz Limoges sprach man nun von nichts anderem mehr wie von diesem unglaublichen Ereignisse. Niemand kannte sein Geheimnis: die ungeheure Mitgift. Wenn diese Mitgift bekannt gewesen wäre, würde Véronique sich einen Gatten haben aussuchen können; doch vielleicht hätte sie sich dann selber getäuscht! Graslin hielt man für maßlos verliebt. Es kamen Tapezierer aus Paris, die das schöne Haus einrichteten. Man redete in Limoges nur von des Bankiers Verschwendung: man bezifferte den Wert der Kronleuchter, sprach von den Vergoldungen im Salon, den Formen der Stutzuhren; man beschrieb die Blumentischchen, die bequemen Lehnstühle, die Luxusgegenstände, die Neuheiten. Im Garten des Hotels Graslin gab es über einem Eiskeller ein wunderbares Vogelhaus, und jeder war überrascht, darin seltene Vögel zu sehen, Papageien, chinesische Fasanen, unbekannte Enten; denn man sah sie sich an.

Monsieur und Madame Grossetête, alte, in Limoges angesehene Leute, machten in Graslins Begleitung mehrere Besuche bei den Sauviat. Madame Grossetête, eine respektable Frau, beglückwünschte Véronique zu ihrer glücklichen Heirat. So wurde die Kirche, die Familie, die Welt, alles bis auf die geringsten Dinge mitschuldig an dieser Heirat.

Im Monat April wurden die offiziellen Einladungen bei allen Bekannten Graslins abgegeben. An einem schönen Tage hielten um elf Uhr vor dem bescheidenen Laden des Alteisenhändlers zur größten Aufregung des Viertels eine Kalesche und ein Kupee, vor die englisch aufgeschirrte, ausgewählte limousiner Pferde vom alten Grossetête gespannt waren, und brachten die ehemaligen Herren des Bräutigams und seine beiden Gehilfen.

Die Straße war voller Leute, die herbeigelaufen waren, um Sauviats Tochter zu sehen, welcher der geschickteste Friseur von Limoges den Brautkranz auf ihre schönen Haare gesetzt und einen Schleier aus den kostbarsten englischen Spitzen übergebreitet hatte. Véronique war einfach in weißen Mousselin gekleidet. Eine ziemlich imposante Gesellschaft der vornehmsten Damen der Stadt erwartete das Brautpaar in der Kathedrale, wo der Bischof, welcher der Sauviat Frömmigkeit kannte, Véronique zu trauen geruhte. Allgemein wurde die Braut häßlich gefunden. Sie trat in ihr Hotel ein und ging dort von Ueberraschung zu Ueberraschung. Ein Prunkdiner sollte dem Balle vorhergehen, zu dem Graslin fast ganz Limoges eingeladen hatte. Das für den Bischof, den Präfekten, den Gerichtspräsidenten, den Oberstaatsanwalt, den Bürgermeister, den General, Graslins ehemalige Chefs und ihre Frauen veranstaltete Diner wurde ein Triumph für die Jungvermählte, die gleich allen einfachen und natürlichen Personen unerwartete Anmut entfaltete. Keines der Jungverheirateten konnte tanzen, Véronique fuhr daher fort, die Honneurs bei sich zu machen und erwarb sich die Schätzung, die Gewogenheit der Mehrzahl der Personen, mit denen sie Bekanntschaft machte, indem sie bei Grossetête, der eine gute Freundschaft zu ihr faßte, Erkundigungen über jeden einzog. Sie beging daher keinen Fehler. An diesem Abend verrieten die beiden alten Bankiers die Höhe des für Limousin unermeßlichen Vermögens, das der alte Sauviat seiner Tochter mitgab. Es wurde in der ganzen Stadt erzählt, daß Madame Graslin häßlich, aber wohlgebaut sei.

Um neun Uhr war der Alteisenhändler nach Hause zum Schlafen gegangen und ließ seine Frau beim Nachtlager der Neuvermählten präsidieren!

Der alte Sauviat gab sein Geschäft auf und verkaufte dann sein Haus an die Stadt. Am linken Ufer der Vienne kaufte er ein Landhaus, das zwischen Limoges und dem Gluzeau, zehn Minuten von der Vorstadt Saint-Martial entfernt lag, wo er in Ruhe sein Leben mit seiner Frau beschließen wollte. Die beiden alten Leute hatten ein Zimmer im Hotel Graslin und aßen zwei- oder dreimal wöchentlich bei ihrer Tochter zu Mittag, welche ihr Haus oft als Ziel ihrer Promenade nahm. Untätigkeit würde den alten Alteisenhändler unfehlbar getötet haben. Glücklicherweise fand Graslin Mittel, seinen Schwiegervater zu beschäftigen. 1823 sah der Bankier sich genötigt, auf seine Rechnung eine Porzellanmanufaktur zu übernehmen, deren Besitzern er große Summen vorgeschossen hatte und die sie ihm nur dadurch zurückzahlen konnten, daß sie ihm ihre Unternehmen verkauften. Durch seine Verbindungen und indem er Kapitalien hineinsteckte, machte Graslin die Fabrik zu einer der ersten in Limoges; drei Jahre später verkaufte er sie dann wieder mit großem Nutzen. Die Beaufsichtigung dieses großen Unternehmens, das zufällig in der Vorstadt Saint-Martial lag, übertrug er also seinem Schwiegervater, der trotz seiner zweiundsiebzig Jahre viel zum Gedeihen dieses Geschäftes beitrug und sich dabei verjüngte. Graslin konnte dann seine Stadtgeschäfte betreiben und brauchte sich nicht um eine Manufaktur kümmern, die ihn ohne die leidenschaftliche Unternehmungslust des alten Sauviat vielleicht gezwungen haben würde, einen seiner Gehilfen als Teilhaber zu nehmen und einen Teil des Verdienstes, den er dabei fand, indem er zugleich seine engagierten Kapitalien rettete, zu verlieren. Sauviat starb im Jahre 1827 an einem Unfall. Als er das Inventar der Fabrik aufnahm, fiel er in eine Charasse, eine Art Keller mit leichtvergitterter Oeffnung, wo die Porzellane eingepackt werden, zog sich eine leichte Beinverletzung zu und pflegte sie nicht. Der Brand trat hinzu, er wollte sich das Bein durchaus nicht abnehmen lassen und starb. Die Witwe ließ die annähernd zweimalhundertfünfzigtausend Franken, die Sauviats Nachlaß bildeten, fahren, indem sie sich mit einer Rente von monatlich zweihundert Franken zufrieden gab, die ihr für ihre Bedürfnisse vollauf genügte, und die ihr ihr Schwiegersohn zu zahlen versprach. Ihr kleines Landhaus behielt sie, wo sie allein und ohne Magd lebte, ohne daß ihre Tochter sie von diesem Entschluß, bei dem sie mit der alten Leuten eigenen Hartnäckigkeit beharrte, abbringen konnte. Mutter Sauviat besuchte übrigens fast alle Tage ihre Tochter, wie auch ihre Tochter fortfuhr, als Ziel ihres Spazierganges das Landhaus zu wählen, von wo aus man sich eines reizenden Blicks auf die Vienne erfreute. Von da aus sah man jene von Véronique so heiß geliebte Insel, die ehemals ihre Île-de-France gewesen war.

Um nicht durch diese Nebenumstände die Geschichte der Graslinschen Ehe zu stören, muß man die der Sauviat zu Ende bringen, indem man diesen, für die Erklärung des verborgenen Lebens, welches Madame Graslin führte, nützlichen Ereignissen vorgreift.

Als die alte Mutter gesehen hatte, wie sehr Graslins Geiz ihrer Tochter beschwerlich werden konnte, hatte sie sich lange Zeit geweigert, auf ihren Vermögensrest zu verzichten; Véronique aber, in ihrer Unfähigkeit, einen einzigen jener Fälle vorherzusehen, wo Frauen den Genuß ihres Vermögens wünschen, bestand mit Gründen voller Edelmut darauf; sie wollte Graslin damit danken, ihr ihre Jungmädchenfreiheit wiedergegeben zu haben.

Der ungewöhnliche Glanz, der Graslins Heirat begleitete, hatte alle seine Gewohnheiten verletzt und seinem Charakter widersprochen. Der große Finanzmann hatte einen sehr engen Verstand. Véronique hatte den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen sollte, nicht beurteilen können. Bei seinen fünfundfünfzig Besuchen hatte Graslin stets nur den Kaufmann, den beharrlichen Arbeiter sehen lassen, der Unternehmen ersann, erriet, erhielt, die öffentlichen Angelegenheiten analysierte, indem er sie jedesmal mit Börsenmaßen maß. Von der Million des Schwiegervaters fasziniert, zeigte der Emporkömmling sich aus Berechnung freigebig; doch wenn er die Dinge im großen betrieb, wurde er durch den Ehefrühling und durch das, was er sein Steckenpferd nannte, fortgerissen, durch jenes noch heute Hotel Graslin heißende Haus. Nachdem er sich einmal Pferde, eine Kalesche, ein Kupee geleistet hatte, benutzte er sie natürlich auch, um seine Hochzeitsbesuche zu machen, um zu jenen Diners und Bällen zu fahren, die man Hochzeitsnachfeiern nennt, welche die Spitzen der Behörden und die reichen Häuser dem jungen Ehepaar gaben. In der Bewegung, die ihn über seine Sphäre hinwegführte, richtete Graslin einen Empfangstag ein und ließ einen Koch aus Paris kommen. Ein Jahr über machte er den Aufwand, welchen ein Mann machen mußte, der sechzehnhunderttausend Franken besaß und über drei Millionen verfügen konnte, wenn er die ihm anvertrauten Gelder mitrechnete. Damals war er die markanteste Persönlichkeit Limoges'. Während dieses Jahres steckte er noblerweise jeden Monat fünfundzwanzig Zwanzigfrankstücke in Madame Graslins Börse. Die vornehme Welt gab sich viel mit Véronique ab im Anfange ihrer Ehe; sie war ja ein unverhoffter Glücksfall für die Neugierde, der es in der Provinz fast immer an Nahrung fehlt. Véronique wurde um so viel mehr studiert, als sie in der Gesellschaft wie ein wahres Wunder erschien; sie verharrte aber in der einfachen und bescheidenen Haltung einer Person, welche die Sitten, Gebräuche und unbekannten Dinge beobachtet, indem sie sich nach ihnen zu richten wünscht. Bereits als häßlich, aber wohlgebaut ausgegeben, wurde sie dann für gut, doch dumm erklärt. Sie lernte so viele Dinge, hatte so viel zu hören und zu sehen, daß ihre Miene und ihre Gespräche diesem Urteil einen Anschein von Richtigkeit gaben. Ueberdies zeigte sie eine gewisse Erstarrung, die dem Mangel an Geist glich. Die Ehe, dieser harte Beruf, wie sie sagte, dem gegenüber die Kirche, das Gesetzbuch und ihre Mutter ihr die größte Ergebung, den vollkommensten Gehorsam anempfohlen hatten, wollte sie nicht gegen alle Menschengesetze verstoßen und nicht wieder gutzumachendes Unglück anrichten, stürzte sie in eine Betäubung, die sich manchmal fast bis zum Delirium steigerte. Indem sie, gemäß einem Ausdrucke Fontenelles, die heftigste Schwierigkeit zu sein verspürte, die ständig wuchs, war sie über sich selber erschrocken. Die Natur sträubte sich gegen die Befehle der Seele, und der Körper verkannte den Willen. Die arme in der Schlinge gefangene Kreatur weinte am Busen der großen Mutter der Armen und Niedergebeugten, sie nahm ihre Zuflucht zur Kirche, verdoppelte ihre Inbrunst, vertraute des Teufels Nachstellungen ihrem tugendhaften Beichtvater an und betete. Zu keiner Zeit ihres Lebens erfüllte sie ihre religiösen Pflichten mit mehr Begeisterung wie damals. Die Verzweiflung, ihren Gatten nicht zu lieben, stürzte sie mit Wucht zu den Füßen der Altäre, wo göttliche und trostreiche Stimmen ihr Geduld anempfahlen. Sie wurde geduldig und sanft; sie fuhr fort zu leben, indem sie die Glückseligkeiten der Mutterschaft erwartete.

»Haben Sie Madame Graslin heute morgen gesehen?« sprachen die Frauen untereinander, »die Ehe bekommt ihr nicht, sie sah grün aus.«

»Ja; doch würden Sie Ihre Tochter einem Manne wie Monsieur Graslin gegeben haben? Ein solches Monstrum heiratet man nicht ungestraft!«

Seit Graslin sich verehelicht hatte, überhäuften ihn alle Mütter, die zehn Jahre lang auf ihn Jagd gemacht hatten, mit Epigrammen. Véronique magerte ab und ward wirklich häßlich. Ihre Augen wurden matt, ihre Züge vergröberten sich, sie erschien schamhaft und bedrückt. Ihre Blicke zeigten jene, Frömmlerinnen so sehr vorgeworfene traurige Kälte. Ihr Gesicht nahm graue Töne an. Sie schleppte sich kraftlos durch das erste Ehejahr hin, das für junge Frauen gewöhnlich so herrlich ist. Auch suchte sie bald Zerstreuungen in der Lektüre und nutzte das Privilegium, alles lesen zu dürfen, aus, welches man verheirateten Frauen einräumt. Sie las Walter Scotts Romane, Lord Byrons Gedichte, Schillers und Goethes Werke, kurz, die neue und die alte Literatur. Sie lernte reiten, tanzen und zeichnen. Sie machte Aquarelle und malte in Sepia, indem sie mit Eifer alle Hilfsmittel herbeisuchte, die Frauen der Langeweile der Einsamkeit entgegenstellen. Kurz, sie gab sich jene zweite Erziehung, die die Frauen fast alle von einem Manne erhalten und die sie nur durch sich selber erhielt. Die Ueberlegenheit einer aufrichtigen, freien, wie in der Wüste auferzogenen, durch die Religion aber befestigten Natur hatte ihr etwas wie eine Art wilder Größe und Anforderungen verliehen, für welche die Provinzgesellschaft ihr keine Nahrung zu bieten vermochte.

Alle Bücher malten ihr die Liebe aus, sie machte eine Anwendung ihrer Lektüren und merkte nichts von Leidenschaft. Die Liebe blieb in ihrem Herzen im Zustande jener Keime, die auf einen Sonnenstrahl warten. Ihre tiefe Melancholie, verursacht durch beständiges Nachdenken über sich selber, führte sie auf dunklen Pfaden wieder zu den schimmernden Träumen ihrer letzten Jungmädchentage zurück. Sie mußte mehr als einmal über ihre alten romantischen Gedichte nachdenken, indem sie dann zugleich ihr Schauplatz und ihr Gegenstand wurde. Sie sah jene in Licht gebadete, blühende, duftüberströmte Insel wieder, wo alles ihre Seele liebkoste. Oft umfingen ihre trüben Augen die Salons mit einer durchdringenden Neugierde: die Männer darinnen glichen alle Graslin, sie studierte sie und schien ihre Frauen zu befragen; wenn sie aber irgendeinen ihrer intimen Schmerzen auf den Gesichtern wiederholt sah, wurde sie wieder düster und traurig und über sich selbst beunruhigt. Die Autoren, die sie morgens gelesen hatte, entsprachen ihren höchsten Gefühlen, ihr Geist gefiel ihr; und am Abend hörte sie Banalitäten, die man nicht einmal unter geistreichen Formen verbarg, dumme, leere oder von Lokalinteressen, persönlichen Interessen, die keine Wichtigkeit für sie hatten, vollgestopfte Unterhaltungen. Sie wunderte sich über die Hitze, die man bei Diskussionen an den Tag legte, wo es sich doch nicht um Gefühl handelte, das für sie des Lebens Seele war. Man sah sie oft mit gebannten, stumpfsinnigen Augen, wenn sie zweifelsohne an die Stunden ihrer unwissenden Jugend dachte, die verflossen waren in jener Kammer voller Harmonien, die nun zerstört worden waren wie sie selber. Sie fühlte einen furchtbaren Widerwillen, in den Schlund der Kleinlichkeiten zu sinken, worin sich die Frauen bewegten, mit denen zu leben sie gezwungen war. Diese auf ihrer Stirne, auf ihren Lippen geschriebene und schlecht verhehlte Verachtung deutete man als die Unverschämtheit einer Emporgekommenen. Madame Graslin bemerkte auf allen Gesichtern eine Kälte und fühlte in allen Gesprächen eine Schärfe, deren Gründe ihr unbekannt waren, denn sie hatte es noch nicht zu einer Freundin bringen können, die ihr nahe genug stand, um von ihr aufgeklärt oder beraten zu werden. Die Ungerechtigkeit, die Kleingeister empört, bringt erhabene Seelen zu sich selber zurück und teilt ihnen eine Art Demut mit: Véronique verurteilte sich, suchte ihr Unrecht. Sie wollte freundlich sein, man nannte sie falsch; sie verdoppelte die Liebenswürdigkeit, man erklärte sie für scheinheilig, und ihre Frömmigkeit kam der Verleumdung zu Hilfe. Sie stürzte sich in Unkosten, gab Diners und Bälle, sie wurde für hochmütig taxiert. Unglücklich in allen ihren Versuchen, schlecht beurteilt, zurückgestoßen durch den niedrigen und zänkischen Hochmut, der die Provinzgesellschaft auszeichnet, wo jeder immer mit Prätentionen und Besorgnissen bewaffnet ist, geriet Madame Graslin in die tiefste Einsamkeit. Voller Liebe kehrte sie in den Arm der Kirche zurück. Ihr hochstrebendes Gemüt, das von einem so schwachen Fleische umgeben war, ließ sie in den vervielfachten Geboten des Katholizismus ebenso viele längs der Abgründe des Lebens eingerammte Steine, ebenso viele von barmherzigen Händen herbeigetragene Schutzpfähle sehen, um die menschliche Schwäche während der Reise zu stützen; sie befolgte also mit größter Strenge die geringsten religiösen Uebungen. Die liberale Partei rechnete Madame Graslin nun zu der Zahl der Stadtfrommen, sie wurde in die Ultras eingereiht. Zu den verschiedensten Beschwerden, die Véronique unschuldigerweise veranlaßt hatte, fügte der Parteigeist also sein periodisches Außersichsein hinzu; da sie aber nichts bei diesem Ostrazismus verlor, gab sie die Gesellschaft auf und warf sich auf die Lektüre, die ihr unendliche Hilfsquellen bot. Sie dachte über die Bücher nach, verglich die Methoden, vermehrte auf übermäßige Weise die Tragweite ihrer Intelligenz und den Umfang ihres Unterrichts; und so öffnete sie die Pforte ihrer Seele der Wißbegierde. Während dieser Zeit der hartnäckigen Studien, wobei die Religion ihren Geist unterstützte, errang sie die Freundschaft Monsieur Grossetêtes, eines jener Greise, in denen das Provinzleben die Ueberlegenheit abgestumpft hat, die aber im Kontakt mit einer lebhaften Intelligenz einige glänzenden Eigenschaften irgendwie wiedergewinnen. Der Biedermann interessierte sich lebhaft für Véronique, die ihn für die alten Herren eigentümliche salbungsvolle und milde Herzenswärme lohnte, indem sie für ihn als ersten die Schätze ihrer Seele und die Herrlichkeiten ihres Geistes, die so heimlich gepflegt wurden und nun mit Blüten bedacht waren, entfaltete. Das Fragment eines zu jener Zeit an Monsieur Grossetête geschriebenen Briefes wird die Lage schildern, in welcher sich diese Frau befand, die eines Tages die Beweise eines so festen und edlen Charakters liefern sollte:

»Die Blumen, die Sie mir für den Ball geschickt haben, waren herrlich, haben mir aber grausame Gedanken eingeflüstert. Diese hübschen Geschöpfe, die von Ihnen gepflückt und dazu bestimmt wurden, an meinem Busen und in meinen Haaren zu vergehen, indem sie mich für ein Fest schmückten, ließen mich an die denken, die in Ihren Wäldern erblühen und vergehen, ohne gesehen zu werden, und deren Düfte von niemandem eingeatmet worden sind. Ich habe mich gefragt, weshalb ich tanze, warum ich mich schmücke, ebenso wie ich Gott frage, wozu ich auf dieser Welt bin. Wie Sie sehen, lieber Freund, ist alles eine Falle für den Unglücklichen; die heitersten Dinge bringen die Kranken auf ihr Leiden zurück; doch das größte Unrecht gewisser Leiden ist die Beharrlichkeit, die sie zu einer Idee werden läßt. Würde ein ständiger Schmerz nicht göttlicher Gedanke werden? Sie lieben die Blumen an sich, während ich sie liebe, wie ich eine schöne Musik zu hören liebe. Wie ich Ihnen also sagte, mir fehlt das Geheimnis einer Menge Dinge . . . Sie, mein alter Freund, haben eine Leidenschaft, Sie sind Gärtner. Bei Ihrer Rückkehr in die Stadt teilen Sie mir bitte Ihren Geschmack mit, sorgen Sie dafür, daß ich mit schnellem Fuße in mein Gewächshaus gehe, wie Sie in Ihres gehen, um die Entfaltung der Pflanzen zu betrachten; Sie vergehen und blühen mit ihnen, bewundern, was Sie geschaffen haben; neue, unerwartete Farben sehen Sie sich dank Ihrer Sorgfalt entfalten und unter Ihren Augen wachsen. Ich fühle eine herzzerreißende Langeweile. Mein eigenes Gewächshaus enthält nur duldende Seelen. Das Elend, das ich mich zu lindern bemühe, betrübt meine Seele; und wenn ich es zu meinem eigenen mache, wenn ich, nachdem ich eine junge Frau ohne Linnen für ihr Neugeborenes, irgendeinen Greis ohne Brot gesehen, deren Bedürfnisse befriedigt habe, genügen die Gemütsbewegungen, welche mir ihre beruhigte Herzensangst verursacht hat, meiner Seele nicht. Ach, lieber Freund, ich fühle in mir stolze und vielleicht bösartige Kräfte, die nichts zu demütigen vermag, welche die härtesten Gebote der Kirche nicht schwächen. Wenn ich meine Mutter besuche und mich allein auf dem Felde befinde, überkommt mich die Lust zu schreien, und ich schreie. Mein Körper scheint das Gefängnis zu sein, worin irgendein böser Geist ein Geschöpf, ein seufzendes, zurückhält, das auf die geheimnisvollen Worte wartet, die eine lästige Form zerbrechen müssen. Doch der Vergleich ist nicht richtig. Ist's nicht bei mir im Gegenteil der Leib, der sich langweilt, wenn ich diesen Ausdruck anwenden kann? Beschäftigt nicht die Religion meine Seele? Nähren nicht Lektüre und ihre Reichtümer unaufhörlich mein Gemüt? Darum ersehne ich ein Leiden, das den entnervenden Frieden meines Lebens brechen würde. Wenn mir nicht irgendein Gefühl, irgendeine zu kultivierende Manie zu Hilfe kommt, sink ich, das fühle ich, in einen Schlund, wo alle Ideen stumpf werden, wo der Charakter sich verkleinert, wo Spannkräfte erschlaffen, wo die guten Eigenschaften einschlummern, wo alle Kräfte der Seele sich zerstreuen, und wo ich nicht mehr das Geschöpf sein werde, welches die Natur gewollt hat, daß ich sei. Das wollen meine Schreie sagen . . . Mögen diese Schreie Sie nicht daran hindern mir Blumen zu schicken! Ihre so süße und so wohlwollende Freundschaft hat mich seit einigen Monaten mit mir selber ausgesöhnt. Ja, ich fühle mich glücklich in dem Bewußtsein, daß Sie einen Freundesblick auf meine gleichzeitig öde und blühende Seele werfen, daß Sie ein sanftes Wort finden, um die Flüchtige und halb Zerbrochne, die das feurige Traumroß bestiegen hat, bei ihrer Rückkehr zu bewillkommnen.«

Als am Ende seines dritten Ehejahres Graslin sah, daß seine Frau seine Pferde nicht mehr benutzte, und er sie vorteilhaft losschlagen konnte, verkaufte er sie; er verkaufte auch die Wagen, schickte den Kutscher fort, ließ sich seinen Koch vom Bischof wegmieten und ersetzte ihn durch eine Köchin. Er gab seiner Frau nichts mehr und sagte, daß er alle Rechnungen bezahlen würde. Er war der glücklichste Ehemann der Welt, da sein Wille auf keinen Widerstand bei der Frau stieß, die ihm eine Million an Vermögen eingebracht hatte. Madame Graslin, die ernährt und erzogen war, ohne Geld zu kennen, ohne genötigt zu sein, es wie ein notwendiges Element in das Leben eintreten zu lassen, konnte sich ihre Entsagung nicht zum Verdienste anrechnen. Graslin fand in der Sekretärecke die Summen wieder, die er seiner Frau eingehändigt hatte, abzüglich des Almosengeldes und des für die Toilette, die dank der verschwenderischen Aussteuer wenig kostspielig gewesen war. Graslin rühmte Véronique in ganz Limoges als das Muster der Frauen. Er bedauerte den Luxus seiner Einrichtung und ließ alles einpacken. Das Schlafzimmer, das Boudoir und der Ankleideraum seiner Frau wurden von diesen Schonungsmaßnahmen ausgeschlossen, die nichts schonten, denn Möbel nutzen sich ebensogut unter den Schutzhüllen ab wie ohne Schutzhüllen. Er bewohnte das Erdgeschoß seines Hauses, wo seine Büros untergebracht worden waren, nahm dort sein früheres Leben wieder auf und jagte den Geschäften mit der gleichen Betriebsamkeit nach wie in der Vergangenheit. Der Auvergnate hielt sich für einen ausgezeichneten Ehemann, weil er beim Mittagessen und Frühstück, die durch die Sorgfalt seiner Frau zubereitet wurden, zugegen war, doch seine Unpünktlichkeit war so groß, daß er es nicht dahin brachte, die Mahlzeiten zehnmal im Monat mit ihr zu beginnen; aus Zartgefühl verlangte er jedoch, daß sie ihn nicht erwarte. Nichtsdestoweniger harrte Véronique, bis Graslin gekommen war, um selber ihn zu bedienen, da sie ihrer Gattinnenpflicht wenigstens an irgendeinem sichtbaren Punkte genügen wollte. Niemals bemerkte der Bankier, dem die ehelichen Angelegenheiten ziemlich gleichgültig waren und der in seiner Frau nur siebenmalhunderttausend Franken gesehen hatte, Véroniques Abneigung. Unmerklich vernachlässigte er Madame Graslin über den Geschäften. Als er ein Bett in das an seinen Arbeitsraum stoßende Zimmer stellen wollte, beeilte sie sich ihn zu befriedigen. So befanden sich diese beiden schlecht zueinander passenden Leute drei Jahre nach ihrer Heirat wieder in ihrer anfänglichen Sphäre, einer wie der andere glücklich, in sie wieder zurückzukehren. Der achtzehnhunderttausend Franken reiche Geldmann griff mit um so mehr Wucht auf seine geizigen Gewohnheiten zurück, als er sie für Augenblicke aufgegeben hatte; seine beiden Gehilfen und sein Laufbursche wurden besser untergebracht, ein bißchen besser genährt; das war der Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Seine Frau hatte eine Köchin und eine Kammerfrau, zwei unerläßliche Dienstboten; aber außer dem absolut Notwendigen ging nichts für den Haushalt aus seiner Kasse. Glücklich über die Wendung, welche die Dinge nahmen, sah Véronique in des Bankiers Wohlfahrt den Ersatz für diese Trennung, die sie niemals verlangt haben würde: sie konnte Graslin nicht so unangenehm sein, wie Graslin auf sie abstoßend wirkte. Diese heimliche Trennung machte sie traurig und froh zugleich, sie rechnete mit der Mutterschaft, um ihrem Leben einen Inhalt zu geben, aber trotz ihrer gegenseitigen Resignation hatten die beiden Eheleute das Jahr 1828 erreicht, ohne ein Kind zu bekommen.

So befand Madame Graslin sich mitten in ihrem prachtvollen Hause und von einer ganzen Stadt beneidet in der gleichen Einsamkeit wie in ihres Vaters Spelunke, aber noch um die Hoffnung, um die kindlichen Freuden der Unwissenheit betrogen. Sie lebte dort in den Trümmern ihrer Luftschlösser, durch eine traurige Erfahrung aufgeklärt, durch ihren religiösen Glauben gestützt und mit den Armen der Stadt beschäftigt, die sie mit Wohltaten überhäufte. Sie machte Wickelzeug für die Kinder und gab Matratzen und Leinlaken für Leute her, die auf dem Stroh schliefen. Ueberall ging sie hin, gefolgt von ihrer Kammerfrau, einer jungen Auvergnatin, die ihre Mutter ihr besorgt hatte und die mit Leib und Seele an ihr hing. Aus ihr machte sie eine tugendhafte Spionin, welche die Orte entdecken mußte, wo es ein Leiden zu lindern, ein Unglück zu mildern galt. Diese wirksame Wohltätigkeit, die mit der strikten Erfüllung der religiösen Pflichten Hand in Hand ging, wurde in eine strenge Heimlichkeit eingehüllt und überdies von den Pfarrern der Stadt geleitet, mit denen sich Véronique über alle ihre guten Werke verständigte, um das unverdientem Unglück nützliche Geld nicht in die Hände des Lasters fallen zu lassen. Während dieser Zeit erwarb sie eine ebenso lebhafte, ganz so kostbare Freundschaft wie die des alten Grossetête: sie wurde das vielgeliebte geistliche Schäflein eines höheren Priesters, der seines unverstandenen Verdienstes wegen verfolgt wurde, eines der Großvikare der Diözese, namens Abbé Dutheil. Dieser Priester gehörte zu dem sehr kleinen Teil des französischen Klerus, der zu einigen Konzessionen neigt, der die Kirche mit den Volksinteressen verbinden will, um sie durch die Anwendung der wahren evangelischen Doktrinen ihren alten Einfluß auf die Massen wieder gewinnen zu lassen, die er dann wieder mit der Monarchie zusammenbringen könnte. Sei es, daß Abbé Dutheil die Unmöglichkeit, die römische Kurie und den hohen Klerus aufzuklären, eingesehen, sei es, daß er seine Meinungen denen seiner Vorgesetzten geopfert hatte, er blieb in den Grenzen der strengsten Orthodoxie, obgleich er wußte, daß die bloße Bekanntgebung seiner Prinzipien ihm den Weg zum Episkopat verrammelte. Dieser hervorragende Priester vereinigte eine große christliche Demut und einen großen Charakter in sich. Ohne Stolz und Ehrgeiz verharrte er an seinem Posten und erfüllte dort inmitten der Gefahren seine Pflichten. Die Liberalen der Stadt kannten die Motive seines Benehmens nicht, sie stützten sich auf seine Meinungen und nannten ihn einen Patrioten, ein Wort, das in der katholischen Sprache gleichbedeutend mit Revolutionär ist. Er, der von seinen Untergebenen, die sein Verdienst nicht zu verkündigen wagten, geliebt, von seinesgleichen jedoch gefürchtet wurde, war dem Bischof unbequem. Seine Tugenden und sein Wissen, um die er vielleicht beneidet wurde, verhinderten jede Verfolgung. Unmöglich war es, sich über ihn zu beschweren, obwohl er die politischen Ungeschicklichkeiten kritisierte, durch die der Thron und der Klerus sich gegenseitig bloßstellten; auf die sich daraus ergebenden Resultate machte er im voraus aufmerksam, und erfolglos wie die arme Kassandra, die in gleicher Weise vor und nach dem Sturze ihres Vaterlandes geschmäht ward. Außer bei einer Revolution mußte Abbé Dutheil verborgen wie einer jener im Fundament verborgenen Steine bleiben, auf denen alles ruht. Man sah seine Nützlichkeit ein, ließ ihn aber an seinem Platze wie die Mehrzahl der wirklich Geistvollen, deren Zur-Macht-gelangen der Mittelmäßigkeit ein Greuel ist. Wenn er, wie Abbé de Lameneis, zur Feder gegriffen hätte, würde ihn die römische Kurie zweifelsohne wie jenen zu Boden geschmettert haben. Abbé Dutheil wirkte imponierend. Sein Aeußeres kündigte eine jener tiefgründigen Seelen an, die nach außen hin immer gesammelt und ruhig sind. Seine hohe Figur, seine Magerkeit taten der Hauptwirkung seiner Linien keinen Eintrag, die an die erinnerten, welche das Genie spanischer Maler besonders gern angewandt hat, um die großen mönchischen Denker darzustellen, und an die kürzlich von Thorwaldsen für seine Apostel gefundenen. Die fast starren langen Gesichtsfalten, die in Einklang mit denen der Gewandung stehen, besitzen die Anmut, welche das Mittelalter an den an dem Portal ihrer Kirchen angebrachten mystischen Statuen hervorgehoben hat. Die Schwere seiner Gedanken, die des Wortes und Akzentes paßten bei Abbé Dutheil zueinander und schickten sich für ihn. Wenn man seine schwarzen Augen sah, welche durch Kasteiungen tief in ihren Höhlen lagen und von einem braunen Kreise umgeben waren, wenn man seine, wie ein alter Stein gelbe Stirn, seinen Kopf, seine knöchernen Hände sah, wollte niemand eine andere Stimme und andere Maximen hören, wie die aus seinem Munde kamen. Diese rein physische, im Einklange mit der moralischen stehende Größe verlieh dem Priester etwas Stolzes, Geringschätziges, das von seiner Demut und seinem Wort sofort Lügen gestraft wurde, aber nicht für ihn einnahm. In einem höheren Range hätten diese Vorzüge ihm jenen notwendigen Einfluß auf die Massen, den sie so begabte Leute über sich gewinnen lassen, eingetragen; Vorgesetzte aber verzeihen es ihren Untergebenen niemals, wenn sie die äußerliche Größe besitzen und jene von den Alten so sehr geschätzte Majestät entfalten, welche den Organen der modernen Macht so häufig abgeht.

Einer jener Sonderbarkeiten zufolge, die nur den klügsten Höflingen natürlich erscheinen, verkehrte der andere Generalvikar, der Abbé de Grancour, ein kleiner fetter Mensch mit unsauberem Teint, blauen Augen, dessen Meinungen denen des Abbé Dutheil gerade entgegengesetzt waren, ziemlich gern mit ihm, ohne dabei doch irgend etwas zu bezeugen, was ihm des Bischofs Huld, der er alles geopfert haben würde, verscherzt hätte. Abbé de Grancour glaubte an seines Amtsbruders Verdienst und erkannte auch seine Talente an; heimlich ließ er seine Lehrsätze gelten und verdammte sie vor der Oeffentlichkeit; denn er gehörte zu den Leuten, welche die Ueberlegenheit anzieht und erschreckt, die sie hassen und nichtsdestoweniger pflegen. »Mich verdammend würde er mich umarmen!« sagte Abbé Dutheil von ihm. Abbé de Grancour besaß weder Freunde noch Feinde, er mußte als Generalvikar sterben. Er erklärte sich zu Véronique hingezogen durch das Verlangen, einer so religiösen und wohltätigen Person zu raten, und der Bischof billigte das; im Grunde aber war er entzückt, einige Abende mit Abbé Dutheil zusammen verleben zu können.

Diese beiden Priester besuchten Véronique fortan ziemlich regelmäßig, um ihr eine Art Bericht über die Unglücklichen zu erstatten und um über die Mittel zu beratschlagen, wie man sie moralisch machen könnte, indem man ihnen hülfe. Doch von Jahr zu Jahr schnürte Monsieur Graslin die Riemen seiner Börse enger, als er trotz der erfinderischen Täuschungen seiner Frau hörte, daß das geforderte Geld weder für den Haushalt noch für die Toilette ausgegeben wurde. Er geriet in Zorn, als er überschlug, was die Barmherzigkeit seiner Frau seine Kasse kostete. Er wollte mit der Köchin abrechnen, mäkelte kleinlich an den Ausgaben herum und zeigte, welch ein Verwaltungsgenie er war, indem er durch die Praxis bewies, daß sein Haus mit tausend Talern glänzend geführt werden könnte. Dann einigte er sich, um für nichts weiter zu stehen, mit seiner Frau über ihre Ausgaben, bewilligte ihr hundert Franken monatlich und rühmte diese Abmachung wie eine königliche Freigebigkeit. Der sich selbst überlassene Garten seines Hauses wurde am Sonntage von dem Laufburschen, der Blumen liebte, »bestellt«. Nachdem er den Gärtner fortgeschickt hatte, verwandelte Graslin das Warenhaus in einen Speicher, worin er die bei ihm als Garantie für Leihgelder hinterlegten Waren aufhob. Die Vögel des großen, über dem Eiskeller errichteten Vogelhauses ließ er Hungers sterben, um ihre Ernährungskosten zu sparen. Endlich berief er sich auf einen Winter, wo es gar nicht fror, um den Transport des Eises nicht mehr bezahlen zu müssen. Widerspruchslos herrschte die Sparsamkeit im Hotel Graslin. Der Teint des Herrn, der sich während der drei verflossenen Jahre bei seiner Frau, die ihn die ärztlichen Vorschriften peinlich genau befolgen ließ, gebessert hatte, wurde röter, glühender, unreiner als in vergangenen Zeiten. Die Geschäfte erlangten eine so große Ausdehnung, daß dem Laufburschen wie ehedem dem Herrn Kassiererfunktionen eingeräumt wurden, und daß man einen Auvergnaten für die groben Arbeiten des Hauses Graslin suchen mußte. So konnte die so reiche Frau vier Jahre nach ihrer Heirat über keinen Pfennig verfügen. Dem Geize ihrer Eltern folgte der Geiz ihres Gatten. Madame Graslin begriff die Notwendigkeit des Geldes erst in dem Augenblicke, wo ihr Wohltätigkeitsdrang sich ohnmächtig sah.

Zu Beginn des Jahres 1828 hatte Véronique die blühende Gesundheit wieder erlangt, die das unschuldige junge Mädchen, das an seinem Fenster in dem alten Hause der rue de la Cité saß, so schön machte; doch sie hatte nun eine große literarische Bildung erlangt, sie verstand sowohl zu denken als auch zu sprechen. Ein ausgezeichnetes Urteil verlieh ihren Worten Tiefe. Vertraut mit den Kleinigkeiten der großen Welt, trug sie mit unendlicher Anmut modische Kleider. Wenn sie in diesen Zeiten zufällig wieder in einem Salon erschien, sah sie sich, nicht ohne Ueberraschung, von einer gewissen ehrfurchtsvollen Schätzung umgeben. Dies Gefühl und diese Aufnahme verdankte sie den beiden Generalvikaren und dem alten Grossetête. Unterrichtet wie sie es von einem so verborgenen und mit ständigen Wohltaten so angefülltem schönen Leben waren, hatten der Bischof und einige einflußreiche Persönlichkeiten von dieser Blume wahrer Frömmigkeit, von diesem tugendduftenden Veilchen gesprochen; und es trat dann zu Madame Graslins Gunsten und ohne ihr Wissen eine jener Reaktionen ein, die langsam vorbereitet um so mehr Dauer und Solidität besitzen. Dieser Meinungsumschwung zog den Einfluß von Véroniques Salon, der von dem Jahre an von den Spitzen der Stadt eifrig besucht wurde, nach sich, und zwar auf folgende Weise: Gegen Ende des Jahres wurde der junge Vicomte de Granville in seiner Eigenschaft als Staatsanwaltsgehilfe in das Parkett des Limoger Gerichtshofs geschickt; ihm ging der Ruf voran, den man allen Parisern in der Provinz stets im voraus beilegt. Einige Tage nach seiner Ankunft antwortete er in einer großen Präfekturgesellschaft auf eine ziemlich törichte Frage, daß Madame Graslin die liebenswürdigste, geistreichste und vornehmste Dame der Stadt wäre.

»Ist sie vielleicht auch die schönste?« fragte die Frau des Generaleinnehmers.

»Vor Ihnen wage ich das nicht zuzugeben,« erwiderte er. »Ich bin mir dann im Zweifel. Madame Graslin besitzt eine Schönheit, die Ihnen keine Eifersucht einflößen darf, sie zeigt sich nie am hellen Tage. Schön ist Madame Graslin für Leute, die sie liebt, und Sie sind für jedermann schön. Auf Madame Graslins Gesicht verbreitet die Seele, wenn sie durch eine wahre Begeisterung einmal in Bewegung gesetzt wird, einen Ausdruck, der sie selber verwandelt. Ihre Physiognomie ist wie eine im Winter traurige, im Sommer strahlende Landschaft; die große Welt aber wird sie immer im Winter sehen. Wenn sie mit ihren Freunden über irgendeinen literarischen oder philosophischen Gegenstand, über religiöse Fragen plaudert, an denen sie Anteil nimmt, beseelt sie sich und es erscheint plötzlich eine unbekannte Frau von wunderbarer Schönheit!«

Diese Erklärung, die sich auf die Wahrnehmung des Phänomens stützte, das Véronique ehedem bei ihrer Rückkehr vom heiligen Tische so schön machte, erregte lebhaftes Aufsehen in Limoges, wo der neue Staatsanwaltsgehilfe, dem, wie es hieß, der Rang eines stellvertretenden Generalprokurators versprochen worden war, für den Augenblick die erste Rolle spielte. In allen Provinzstädten wird ein einige Stufen über den anderen stehender Mann für eine mehr oder weniger lange Zeit Gegenstand einer übertriebenen Vorliebe, die dem Enthusiasmus gleicht und den Gegenstand über diesen vergänglichen Kultus täuscht. Dieser sozialen Laune verdanken wir die Genies eines Bezirks, die verkannten und in ihren falschen Ueberlegenheiten ewig gekränkten Männer. Dieser Mann, den die Frauen in Mode bringen, ist häufiger ein Fremder als ein Landesansässiger; in Hinsicht auf den Vicomte de Granville täuschte sich – ein seltener Fall – die Bewunderung nicht. Madame Graslin war die einzige, mit welcher der Pariser seine Gedanken hätte austauschen und seine vielseitige Unterhaltung führen können. Einige Monate nach seiner Ankunft schlug daher der Staatsanwaltsgehilfe, der von dem wachsenden Reiz der Unterhaltung und von Véroniques Benehmen entzückt war, dem Abbé Dutheil und einigen bemerkenswerten Leuten der Stadt vor, bei Madame Graslin Whist zu spielen. Véronique empfing dann fünfmal in der Woche, denn sie wollte sich, wie sie sagte, zwei freie Tage für ihr Haus aufheben. Als Madame Graslin die einzigen bedeutenden Männer der Stadt um sich hatte, ergriffen andere die Gelegenheit, sich ein Geistreichigkeitspatent auszustellen, indem sie dieser Gesellschaft angehörten. Véronique ließ noch die drei oder vier bemerkenswerten Militärs des Garnisons- und des Regimentsstabes zu. Die geistige Freiheit, deren sich ihre Gäste erfreuten, die absolute Verschwiegenheit, an die man ohne Abmachung und durch Anwendung der Sitten der höchsten Gesellschaft gebunden war, machten Véronique äußerst schwierig bei der Zulassung derer, die nach der Ehre ihrer Gesellschaft haschten. Die Frauen der Stadt sahen nicht ohne Eifersucht Madame Graslin von den geistreichsten, den liebenswürdigsten Männern von Limoges umgeben; doch ihre Macht war damals um so ausgedehnter je zurückhaltender sie war. Sie nahm vier oder fünf fremde, mit ihrem Ehemann aus Paris gekommene Frauen auf, die einen Ekel vor den Provinzklatschereien hatten. Wenn eine außerhalb dieser Elitewelt stehende Person einen Besuch machte, wechselte das Gespräch durch stillschweigende Uebereinkunft sofort, die Hausfreunde erzählten dann nur noch Nichtigkeiten. Das Hotel Graslin wurde also eine Oase, wo die überlegenen Geister sich für die Oede des Provinzlebens entschädigten, wo die mit der Regierung verbundenen Leute offenherzig über die Politik plaudern konnten, ohne fürchten zu müssen, daß man ihre Worte wiederholte; wo man sich in geistvoller Weise über alles lustig machte, was lächerlich war, wo jeder das Gewand seines Berufes ablegte, um sich seinem wahren Charakter zu überlassen. So wurde Madame Graslin, nachdem sie das unbekannteste Mädchen von Limoges gewesen war, nachdem man sie für eine Null, für häßlich und dumm ausgegeben hatte, zu Beginn des Jahres 1828 für die erste Person der Stadt, und die gefeiertste der Frauenwelt angesehen. Niemand besuchte sie morgens, denn jeder kannte ihre wohltätigen Gewohnheiten und die Pünktlichkeit ihrer Religionsübungen: sie hörte fast immer die erste Messe an, um das Frühstück ihres Mannes nicht hinauszuzögern, der sich an keine Regelmäßigkeit gewöhnt hatte, und den sie doch immer bedienen wollte. Mit dieser kleinen Sache hatte Graslin sich schließlich bei seiner Frau abgefunden. Nimmer unterließ Graslin es, seine Frau herauszustreichen, er fand sie vollkommen. Sie bat ihn um nichts, er konnte Taler auf Taler häufen und sich auf dem Geschäftsgebiete ausbreiten. Er hatte Beziehungen mit dem Hause Brézac angeknüpft und schiffte in aufsteigender und fortschreitender Bahn auf dem Handelsozeane; auch erhielt ihn sein überreiztes Interesse in der stillen und berauschenden Wut der auf die großen Ereignisse des grünen Teppichs der Spekulation aufmerksamen Spieler.

Während dieser glücklichen Zeit und bis zu Beginn des Jahres 1829 wurde Madame Graslin unter den Augen ihrer Freunde außergewöhnlich schön, ein Umstand, dessen Gründe nie recht erklärt wurden. Das Blau der Iris wuchs wie eine Blume und verminderte den braunen Kreis der Augäpfel, indem er in einen feuchten und schmachtenden Schimmer voller Liebe getaucht schien. Man sah ihre von Erinnerungen, von Glücksgedanken leuchtende Stirn wie einen Gipfel im Morgenrot licht werden, und ihre Linien läuterten sich an inneren Feuern. Ihr Gesicht verlor jene heißen braunen Töne, die eine beginnende Leberentzündung anzeigten, die Krankheit kräftiger Temperamente oder Menschen, deren Seele leidet, deren Neigungen sich widersprechen. Ihre Schläfen bekamen wieder eine anbetungswürdige Frische. Oft sah man endlich dann und wann das himmlische, eines Raffael würdige Gesicht, das die Krankheit mit einer Kruste überzogen hatte, wie die Zeit eine Leinwand dieses großen Meisters schmutzig macht. Ihre Hände schienen weißer zu sein, ihre Schultern bekamen eine köstliche Fülle, ihre hübschen und beseelten Bewegungen gaben ihrer biegsamen und geschmeidigen Figur ihren ganzen Wert wieder. Die Damen der Stadt klagten sie an, Monsieur de Granville zu lieben, der ihr übrigens ständig den Hof machte, und dem Véronique die Schranken eines frommen Widerstandes entgegenstellte.

Der Staatsanwaltsgehilfe bekannte öffentlich eine respektvolle Bewunderung für sie, in der sich die ständigen Besucher des Salons durchaus nicht täuschten. Die Priester und die geistreichen Leute errieten recht gut, daß diese, auf seiten des jungen Beamten verliebte Zuneigung bei Madame Graslin nicht über die erlaubten Grenzen hinausging. Einer Verteidigung müde, die sich auf die religiösesten Gefühle stützte, hatte der Vicomte de Granville mit Wissen der Intimen dieser Gesellschaft leichte Verhältnisse, die ihn jedoch an seiner ständigen Bewunderung und seinem Kultus bei der schönen Madame Graslin – denn das war 1828 ihr Beiname in Limoges – durchaus nicht hinderten. Die hellsichtigen Leute schrieben diesen Wechsel der Physiognomie, welcher Véronique noch reizender für ihre Freunde machte, den heimlichen Wonnen zu, die jede, selbst die frömmste Frau empfindet, sich den Hof gemacht zu sehen, der Befriedigung, endlich in dem Mittelpunkt zu leben, der ihrem Geiste entsprach, dem Vergnügen, ihre Gedanken auszutauschen, was die Langeweile ihres Lebens zerstreute, und dem Glücke, von liebenswürdigen unterrichteten Menschen umgeben zu sein, wahren Freunden, deren Zuneigung täglich wuchs.

Vielleicht hätte es noch tieferer, scharfsichtigerer oder mißtrauischerer Beobachter, als die Stammgäste des Graslinschen Hauses es waren, bedurft, um die wilde Größe, die Kraft des Volkes zu bemerken, die Véronique in die Tiefe ihres Herzens zurückgedrängt hatte. Wenn sie manchmal überrascht wurde, wie sie der Erstarrung einer entweder tristen oder einfach nachdenksamen Meditation preisgegeben war, so wußte jeder ihrer Freunde, daß sie in ihrem Herzen viel Elend mittrug, daß sie am Morgen zweifelsohne viele Schmerzen in sich aufgenommen hatte, daß sie in Pfuhle drang, wo einen die Laster durch ihre Naivität erschrecken. Oft tadelte sie der Staatsanwaltsgehilfe, der bald Vertreter des Generalprokurators geworden war, einer unklugen Wohltat wegen, die das Gericht in den Geheimnissen seiner zuchtpolizeilichen Vorschriften für eine Ermutigung zu keimenden Verbrechen angesehen hatte.

»Haben Sie für irgendwelche Ihrer Armen Geld nötig?« sagte dann der alte Grossetête, sie bei der Hand fassend, zu ihr, »ich will Mitwisser Ihrer Wohltaten sein!«

»Unmöglich kann man alle Welt reich machen!« antwortete sie, einen Seufzer ausstoßend.

Bei Beginn dieses Jahres geschah ein Ereignis, welches Véroniques inneres Leben gänzlich verändern und den herrlichen Ausdruck ihrer Physiognomie verwandeln sollte, um ein in Maleraugen tausendmal anziehenderes Bild daraus zu machen. Einigermaßen besorgt um seine Gesundheit wollte Graslin zur größten Verzweiflung seiner Frau nicht mehr sein Erdgeschoß bewohnen; er kehrte in das eheliche Gemach zurück, wo er sich pflegen ließ. Bald bildete Madame Graslins Zustand die große Neuigkeit für Limoges: sie war schwanger. Ihre mit Freude vermischte Traurigkeit beschäftigte ihre Freunde, die dann errieten, daß sie sich trotz ihrer Tugenden glücklicher gefühlt hätte, wenn sie von ihrem Manne getrennt gelebt haben würde. Vielleicht hatte sie auf ein besseres Los gehofft, seit dem Tage, wo der stellvertretende Generalprokurator ihr den Hof machte, nachdem er sich geweigert hatte, Limousins reichste Erbin zu heiraten. Seitdem hatten die tiefen Politiker, die zwischen zwei Whistpartien die Gefühle und die Vermögen kommandierten, geargwöhnt, daß der Beamte und die junge Frau auf des Bankiers kränklichem Zustande Hoffnungen aufbauten, die durch das Ereignis fast zerstört wurden. Die schweren Unruhen, welche diese Periode von Véroniques Leben stempelten, die Besorgnisse, die Frauen eine erste Entbindung verursacht, die, wie es heißt, Gefahren mit sich bringt, wenn sie nach der ersten Jugend vor sich geht, machten ihre Freunde aufmerksamer in ihrer Nähe, jeder von ihnen bot tausend kleine Sorgen auf, die ihr bewiesen, wie lebhaft und fest ihre Zuneigungen waren.

 

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