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Der doppelte Matthias und seine Töchter / 1

Meinrad Lienert: Der doppelte Matthias und seine Töchter / 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer doppelte Matthias und seine Töchter
authorMeinrad Lienert
firstpub1929
year1929
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDer doppelte Matthias und seine Töchter / 1
pages1-403
created20051011
sendergerd.bouillon
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Meinrad Lienert

Der doppelte Matthias und seine Töchter

Roman


1

Es war aber ein Hirte kleinen Wuchses aber aufrechten Hauptes und mit umtunlichen Augen und Armen und flott ausrückenden kurzen Beinen. So gering das Männchen auf einer Wage sein mochte, so scheinig und gewichtig kam es dennoch jedermann vor, denn der kleine Bergbauer vertat und verlegte die Arme als wäre er vom Herrgott beauftragt, am jüngsten Tage die Berge übereinanderzuwerfen und als täte er sich nun lebenslang wacker drauf einüben. Wenn er so das Land ausging, seine Hakennase hoch und die Augen angriffig drüber hinweg wie Falken und so breittuend als lasse ihm die Welt nicht Ellbogenweite genug, mußten die Leute und gar die Fremden, diesem Kleinen nur so nachschauen. Donnerwetter, mochten sie denken, was für ein Stehaufmanderl, der muß sich was einbilden. Aber auch wenn er hinterm Tisch war, mußte man verwundert auf ihn schauen; es schien dann, als sitze man einem gewaltigen Mann gegenüber. Und immer wieder rissen die Leute, die ihn nicht kannten, überrascht die Augen auf, wenn sich der Goliath hinterm Tisch hervormachte und sich nun auf einmal in ein kurzgestumpftes Männlein verwandelte. Doch wenn er so landskräftig zielsicher davonschritt, begann er rasch wieder in aller Augen zu wachsen und dann dachte jedermann: Es muß doch etwas riesenmäßiges an ihm sein.

Diesen kurzgeratenen Hirten, der auf seinem Berggut ob Erlenstalden auf der Ruchegg saß, nannte man landauf und ab den doppelten Matthias. Und er trug den Übernamen stolz und gradauf wie einen Herrschermantel mit zweifachem Hermelinbesatz, obwohl es ein Neckname sein sollte.

Nämlich, sein Pate über den Bergen, dem Glarnerland zu, ein eifriger Bibelleser, der sich in den Ruhm des tapfern Hohenpriesters und Vorläufers der Späthelden in Israel, der Makkabäer, völlig verloren und vernarrt hatte, gab dem Rucheggbüblein in der Taufe jenes hohenpriesterlichen Mannes Name Matthathias. Alttestamentliche Namen waren ja in seinem Bergland ein altgewohntes. Aber hier tat er es noch in der festen Zuversicht, es müsse aus dem unansehnlichen Alpenpflänzlein, das von einem hochstämmigen Elternpaare herkam, ein Riese aufgehen, der wie Saul, der König der Judenheit, alle andern Leute um Haupteslänge schlagen und überragen werde.

Aber als nun dieser Matthathias Stump nach Jahr und Tag zu seinem Paten über die Berge zu Besuch erschien, war der Alte völlig paff, es verschlug's ihm, denn statt einem Riesen, wie er ihn doch erwartet hatte, kam ihm ein sechzehnjähriges nichtsiges Bürschlein ins Haus. Da hatte er sich mit dem Taufnamen doch wohl gewaltig geirrt. Als er jedoch den kurzgewachsenen Matthathias sich ein paar Tage hindurch in Haus und Feld umtun sah, erholte er sich nicht nur von seinem anfänglichen Schrecken, sondern er sagte eines Abends laut zu seiner Frau: »Gott sei Dank, Alte, nun hat der Topf doch noch den richtigen Deckel bekommen. Schau nur hin, wie dieser kleine Matthathias aufzieht, wie ein achtspänniger Schneepflug und wie er alles angreift und an seinen Platz stellt. Hat nicht dieser kurzgestumpfte Feger trotz seiner großen Jugend, gestern neben dem Knecht schon eine Heubürde aufgenommen und so leicht über die lange Leiter auf die Stalldiele getragen, als wolle er uns damit davonlaufen. Und die Herdholzwellen wirft er herum, daß es einem ist, er spiele Ball mit ihnen. Ja freilich, auf den ersten Anschein ist er wohl klein, aber« . . . »Aber,« kam's hinterm Ofen hervor, wohin sich der junge Matthathias nach Betglockenläuten unvermerkt aufs Stieglein gehöckt hatte, »aber falls ich etwas nicht zu erlangen vermag, Götti, so hab ich bald den Stuhl unter mir, der mir hinauf hilft.«

Da hatte sein Pate über den Bergen eins aufgelacht und gesagt: »Matthathias, nun hab' ich um dich keinen Kummer; du wirst deinen Namen, trotz deinen kurzen Beinen, nicht zuschanden werden lassen.«

Als nun der Matthathias Stump ausreifte und in die Mannsjahre kam, zeigte es sich, daß er ein zählebiger, wehrhafter Bursche, ja, ein ganzer Mann auf kurzen Beinen geworden war, der sich vor nichts und niemand fürchtete und der immer wieder aufstand, wie ein harthölzerner König im Kegelring, so oft ihm auch das Leben ein Bein stellte und ihn zu Fall brachte.

So kam er zu guten Jahren und einem gefreuten Heimwesen. Und je älter er ward, desto aufrechter schien er sich zu tragen, also daß die Leute sagten, es sei ihnen alleweil, dieser kleine Herrgottsdonner, der doppelte Matthias, sei das wüchsigste was es geben könne. Es wolle einem vorkommen, wenn man ihn so gradauf ausrücken sehe, er wachse in einem fort und eines Tages werde doch noch ein Riese aus ihm.

Man konnte es ihm freilich schon von weitem ansehen, daß er sich keineswegs zu den Geringen zählte. Wenn er sich nicht auf seinem Heim umtat, wenn er zu Tal oder sonstwohin gehen mußte, so trug er statt des weißen Hirtenhemdes, einen grauen doppeltgestrickten Lismerkittel und darüber einen Filzhut, der das ganze Männlein überdeckte, wie ein Schutzdach, das vorn und hinten über eine Schirmhütte hereinhängt. Und wenn er so seinen Weg schritt und etwa unversehens um eine Ecke kam, sah man immer wieder, unwillkürlich, auf seinen gewaltigen Hut und ob nicht eine Fahne drüber hinwegflattere. Doch der Stump hielt seinen Kopf widerständig, ja angriffig gradaus und kümmerte sich um nichts.

Also war er ein Eigener im Land, »denn wenn dieser doppelte Matthias nicht ein Eigener wäre,« sagten die Weiber: »so hätte er doch wie andere und unsere Mannsvölker alle, einen stinkigen, ewig rauchenden Knebel im Maul hängen, aber nein, nicht einmal rauchen tut er.« Als ihm seine Frau das aber in jüngern Jahren einmal vorhielt, antwortete er ihr: »Hör' doch nicht auf die Leute, Zischge. Ja, da hätte einer zu tun, wenn er's allen recht machen wollte, denn so viel Leute, so viel Richter. Wegen was soll ich rauchen? Zum ersten bin ich kein kleines Kind mehr, daß ich einen Schnuller brauchte und zum andern aber auch kein Herdloch, das alleweil rauchen muß. Es hat mich schon gelächert als ich ledig war, wenn ich hab' sehen müssen, wie meine halbgewachsenen Talgenossen sich auf Leben und Sterben an ihren Pfeifchen festgehalten und aufgerichtet und getrachtet haben, sich dran allmählich mannhaft erscheinen zu lassen. Das brauch ich aber nicht, das gibt's bei mir nicht. Muß ich was im Maule haben, so tut's ein Grashalm oder ein Weißdornzweiglein auch. Hingegen ich kann es ohne machen und das Maul soll nicht meinen, ich frage ihm etwas danach. Manns genug auch ohne Pfeife. Und zudem, Frau, nimm das Buch nur ab der Kommode und schau nach! Schau nach in der alten schönen Bibel, die mir der Pate selig über den Bergen einst gegeben hat. Du findest das ganze alte Testament wohl voll Weihrauchfässer, aber keinen Menschen der geraucht hätte. Nicht einmal der Absolom, der Querschädel, geschweige mein Namenspatron, der Hohepriester Matthathias.«

Es wunderte die Leute auch, ja, es ärgerte sie fast, daß der kleine Stump alles was er tat so offenkundig tat und daß er in nichts hinterrücksig sein wollte und sogar keinen Gebrauch von der Maske machte, die einem doch von Generation zu Generation und alleweil vervollkommneter todsicher vererbt wird, auch wenn man sonst nichts bekommt. Sogar wenn er nach einem Schnäpslein gelüstig war, befahl er's und trank er's allüberall, zu Berg und Tal, selbst vor den Herrenleuten im Wirtshaus. So ein eigener war er, daß er alles offen tat vor Tag und Welt.

Also war der Matthathias Stump und nichts vermochte ihn zu bodigen, so kurzbeinig er auch war. Und obwohl er, bei all seiner gutgründigen Frommheit, für die Christenheit im besondern nicht zu Felde zog mit: »Gott will es« und Kreuz und Fahnen, tat er für sie doch ein Großes, denn er hatte der Welt nicht weniger als fünf gesunde Töchter von fast mannhafter Kraft und Angriffigkeit angeschafft. Also daß alle Welt immer wieder verwundert aufschaute, wenn der kleine Berghirte mit seinen großgewachsenen und wie ihr Vater festauftretenden Töchtern von der Ruchegg herab Sonntags nach Erlenstalden zur Kirche kamen.

»Hab' ich's nicht gesagt,« raunte bei einem solchen Anlasse der Rickentaler Hornputzer dem Erlenveri zu, »dieser doppelte Matthias werde noch einmal aufgehen und ausschießen? Schau seine Jungwar an! Fünffach hat der Herrgottsdonner nun ausgeschlagen und lauter stämmiges, gutgewachsenes Holz.« – »Freilich,« gab da der andere zurück, »aber wie der alte, rauhhölzig und vielästig.« – »So oder so,« meinte der Hornputzer, »schau sie an, wie sie daherkommen. Sapperlot, ist das Weibervolk!«

Kurzum, der kleine Hirte auf der Ruchegg, hatte der bergländischen Christenheit fünf Töchter gegeben und es sah grad aus, als hätte er ihr fünf neue Säulen untergezogen.

Und in Wahrheit war er ein Besonderer. Von seinem Paten selig über den Bergen, dem Glarnerland zu, hatte er eine schwere silberne Uhrkette, mit allerlei Zierart dran geerbt, aber auch noch, und das hatte ihn damals noch fast mehr gefreut, ein schweres Buch mit kupferfarbigen Vollbildern, eine Bibel, und zwar das ganze alte Testament, worin die Geschichte von Himmel und Hölle von allem Anfang an gedruckt stand und das gar noch in zwei Sprachen, von denen er freilich nur die Hochdeutsche zu lesen vermochte. Über diesem heiligen Buch nun hockte der junge Matthathias Stump gar manchen Abend, aber fast jeden Sonntag nachmittag, und der alte alsdann noch mehr. So war's gekommen, was der Pate vielleicht beabsichtigt hatte, daß der Hirte auf der Ruchegg von ihm nicht nur die silberne Uhrkette und das Alte Testament, sondern dazu auch noch, so nach und nach, die Freude an den Kindern Israels und vornehmlich aber an den Helden und Heldinnen des auserwählten Volkes Gottes geerbt hatte. So zwar, daß ihn sein eigener Taufname, der ihm doch hinterrücks manchen Spott eintrug, erst recht hochmütig machte, und daß er sich schon in der ersten Zeit seiner Liebe und Nachtbubengänge um die Fenster zeitiger Mädchen zu Berg und Tal, vornahm, wenigstens zwölf Buben in die Welt zu stellen, die dann die Namen der zwölf Söhne des Erzvaters Jakob erhalten sollten. Er kam sich dabei vor wie dieser Patriarch als er dem Joseph den bunten Rock machen ließ.

Als jedoch hinter dem Kindleinstein hervor als erstes, ein Kind weiblichen Geschlechtes kam, erschrak er keineswegs, obwohl er einen Knaben erwartet hatte, »denn,« sagte er zur Hebamme, »ist an Helden im Alten Testament kein Mangel, so fehlt's gottlob drin an kuraschiertem und anmächeligem Weibervolk auch nicht.« Also besann er sich nicht lange und ließ seiner Erstgeborenen den Namen Judith geben. »Einen Namen, der so die Kraft in sich hat,« meinte er, »gibt's im ganzen Alten Testament nicht mehr. Alleweil, wenn er mir in den Sinn kommt, steht diese Jungfrau aus der Stadt Jerusalem mit dem Säbel in der Faust vor mir: Heda, Stump, was ist's, weißt mir keinen Holofernes, da bei euch bergeshalber zu köpfen?«

So war's denn gekommen, daß die Älteste auf der Ruchegg Judith hieß. Und etwas von ihr mochte sie auch haben, vielleicht gar allerlei. Baumstark und breitschulterig ward sie wenigstens, denn sie trug Heubürden wie Lawinen unters Scheunendach. Dabei hatte sie aber ein munteres Lachen und ein gelassenes, ruhiges Tudichum. Wen sie mit ihren zwei heitern freundlichen Augen ansah, der hatte es gleich heraus, daß diese frohlaunige, aber weder zu stille noch zu laute Judith ein kluges, ja durch und durch gescheites Mädchen sei, und daß sie es also wie ihre Patronin, nicht bloß in der Faust, sondern auch im Kopf habe, wenn freilich etwas andersartig.

Und als danach wieder ein Mägdlein zur Welt gekommen war, da kratzte sich der Stump zwar ein wenig hinter den Ohren, aber nicht lang. Gleich machte er sich hinter die Bibel. Und als er das alte moderrüchige Buch aufschlug, stieß er auf den Namen Hagar. Und da es ihn immer etwas gewurmt hatte, daß der Erzvater Jakob, der doch auch seine Freudlein mit der schönen Magd gehabt haben mochte, diese Hagar, so mir nichts, dir nichts, eines verdrossenen Tages einfach wegschickte, ohne ihr auch nur auf vierzehn Tage zu kündigen, so bekam seine zweite Tochter den Namen Hagar.

Er meinte, es mit diesem Namen nicht übel getroffen zu haben, denn aus diesem Kinde heraus wuchs es drauf los, wie aus dem Knoblauch, den man ins warme Wasser stellt. Es war dem Stump, diese Hagar verwandle sich in die Jakobsleiter und gehe zuletzt bis in den Himmel hinauf. Aber die Leute gewahrten das auch und als sie nun als eine lange, schlanke Stange vor ihnen her auf dem Kirchweg ging, so nannten sie die Hagar einfach die Mager, was ihr freilich nicht gefallen wollte. Doch konnte sie's nicht ändern, denn obschon sie einen Appetit hatte, wie die Juden in der Wüste vor dem Mannaregen und also ganze Körbe voll Erdäpfel durch sich hinunterrollen ließ, wie die Glückskugeln durch Lottertürmlein, so wollte ihr das doch nicht in die Breite helfen. So groß war diese Hagar, daß die Weiber zu Erlenstalden, die noch keine hatten, nun Umhänglein an ihre Fenster machen ließen, denn, sagten sie, bisher hätten ihnen nur die Wolken und die Vögel in die Kammern gucken können, nun aber wisse man nie, ob einem nicht die Augen der Mager von der Ruchegg bis an den Ofen und noch um die Ecke herum in die Stube spähen. Nämlich, das mußte man von den Augen der Hagar sagen, daß sie außergewöhnlich gut sahen. Wie Sperber sahen sie. Es entging ihnen keine Ameise. Und wen sie ansahen, dem war's wie dem Fisch im Wasser, als hange er an der Angel und sie ziehe ihn nach über Berg und Tal. Ob diesen großen hellbraunen Augen gab es eine Unmenge binsenfarbiger, fast etwas rötlicher Haare, mit denen sie die liebe Not hatte. Es wollte ihr nie so recht gelingen, sie völlig haltbar um den Kopf herum zu bekommen, obwohl sie's mit einem dreifachen Umgang der dicken Zöpfe versuchte. Bei aller Regsamkeit war sie aber ein ruhiges Frauenzimmer, das eine Sache erst sattsam überdachte, dann aber herzhaft zugriff und mit bergbäuerlicher Zähigkeit festhielt, was sie festzuhalten sich vorgenommen hatte. »Sie ist, beim Eid, eine wie eine Krebsschere,« sagte der Kirchmattensebel. »Ich bin nur zweimal bei ihr zu Licht in der Rucheggstube gewesen, aber ich oder vielleicht mein schönes Heimwesen im Tale um die Kirche, muß ihr in die Augen gepaßt haben, denn auf einmal hat sie sich an mich herangemacht, und nur mit Ach und Krach bin ich ihr aus der Zange gekommen. Ich hätte sie zwar am End schon genommen, denn sie ist nicht unmögig und hat mehr Haar als der Absolom im gelobten Lande, aber es machte mir doch Bedenken, wenn ich die lange, glatte Föhre angeschaut habe. Es war mir allemal, ich könnte da in eine ungeschickte Lage bei ihr kommen, wie die Katze, die von den Hunden auf eine Telegraphenstange getrieben wird.«

Man konnte sich nichts Trockeneres denken als die Hagar. Sie lachte nie, doch war sie immer gleichmäßig gutlaunig, redete auch nicht ungern etwa ein Weilchen, aber es mußte ihr passen. Sie wartete immer auf eine gute Schickung. Und wenn irgendeiner aus dem großen Dorfe, von Kilchaltdorf her, sich auf die Ruchegg verirrte, so war's als käme sie aus einer großen Trockenheit, wie die Jerichorose, unversehens ins Nasse. Sie taute auf und verwandelte die Wespen ihrer Augen in eitel Schmetterlinge und ließ sie also um den überraschten Dörfler gehen, daß der eine heillose Mühe hatte, von dieser Hagar wieder los und zu Tal zu kommen. Es war eben der Traum, das Sehnen der Mager, aus der unwirtlichen Wildnis der Ruchegg weg und in den »Boden«, wie die Leute das Tal nennen, und wenn immer möglich, gar ins große Dorf zu kommen, wo's so viel zu sehen und zu hören gab. Dieses Ziel trachtete sie zu erreichen, hau's oder stech's. Und wenn sie hierfür focht, konnte sie fast hübsch werden. Es zog sie aber noch etwas anderes, besonderes ins große Dorf. Dort käme sie in die Nähe einer großen Kirche. Also, hoffte sie, auch ihrem starken Bedürfnis nach fleißigem Kirchenbesuch und gar ihrer Leidenschaft für den kirchlichen Gesang, eher genügen zu können als auf der abgelegenen Ruchegg. Von ihrem Vater hatte sie auch den Hang zu frommen Geschichten und zur Bibel geerbt und das hatte sich bei ihr zu einer Vorliebe für Heiligenlegenden weiterentwickelt.

Als dem Matthathias Stump aber ein drittes Kind geboren ward und als sich zeigte, daß es auch wieder weiblich war, lachte er auf und sagte: »Ja, Buben wären sonst für die Bauernsame schon ratsamer, aber ich nehm's wie's unser Herrgott hat und gibt. Er wird eben wissen, wie wohl ich das Weibervolk immer hab' leiden mögen und denken, er woll mich nun einmal gut damit versehen. Und zudem wird er nicht wollen, daß ich auf die alten Tage dann auch noch alleweil mit Löchern in den Strümpfen herumlaufe, denn meine Frau hat einstweilen keine Zeit, sie zu flicken. Übrigens alle guten Dinge sind drei,« sagte er. Und dasmal nahm er sich auch reichliche Zeit, das Alte Testament zu befragen, denn er wollte seinem dritten Töchterlein einen ganz auserlesenen Namen geben. Und da er immer einen tiefgehenden Respekt vor Salomon, dem vornehmsten König in Israel, gehabt hatte, der es zu einer unabsehbaren Herde Schafe und überhaupt zu einer gar großen Sache gebracht hatte und dem die allerschönsten Frauen haufenweise in seiner Burg Zion dienen mußten, so ersah er sich aus diesen Schönen die Schönste und Angenehmste in den Augen des Königs und nannte nach ihr sein drittes, schwerwiegendes Kind, mit den zwei Pausbäcklein, Sulamith. Der Pfarrer zu Erlenstalden rümpfte zwar die Nase ein wenig und sagte, es wundere ihn, was Kuckucks allerlei ihm noch in den Sinn komme, bei seinen Kindstaufen, ob ihm denn die landesüblichen Namen nicht gut genug seien, ob er durchaus immer etwas Besonderes haben müsse? Er hätte gemeint, es sei schon an seinem Namen Matthathias, den die Leute gar in einen doppelten Matthias verwandelt hätten, genug. »Ja,« hatte ihm da der Stump geantwortet, heimlich unwirsch darüber, das ihm der Herr seinen Übernamen so offen vor Augen hielt, »ja, Herr Pfarrer, jetzt will ich etwas Besonderes haben. Es ist ja nichts Unrechtes dabei, wenn ich einmal Namen aus dem Alten Testament ins Land bringe, die nicht jedermann kennt. Sie kommen alle von rechten Leuten her und gar die Sulamith ist eines Königs, und was für eines Königs, herztausiger Schatz gewesen. He, seht ihr,« setzte er lachend hinzu, »jetzt sagt Ihr nichts mehr und laßt gar noch übers ganze Gesicht aufheitern. Aber meinetwegen lacht Ihr und das ganze Land. So hat mich Gott gemacht, so bin ich, so bleib ich auch. Es ist doch kein Gebot Gottes, daß die Leute immer Marieli und Anneli, Bethli und Seppeli heißen müssen. Das sind ja gewiß rechte Namen, ja, potzdonner, da will ich nichts gesagt haben, aber ich bin nun so einer, Herr Pfarrer, daß mir auch die schönsten Blumen verleiden, wenn ich sie allsommerlich und allundein Tag ansehen muß und es sind alleweil die Gleichen. Da hol ich die Setzlinge einmal da wo das Paradies einst gestanden ist und bringe sie zur Abwechslung ins Land. Das wird etwa nicht gar so gefehlt sein, oder?«

Die kleine Sulamith ließ sich auch gar nicht übel an, also, daß der Stump mit Stolz und großen Erwartungen auf sie sah. Aber als sie heranwuchs, zeigte es sich recht bald, daß sie für eine Blume zu Saron nicht das Zeug hatte. Sie ward von einer eigentümlichen Rundlichkeit, also daß sie alle Ecken, die sonst neben den Häusern und anderm, auch die Menschen wohl sichtbar zu zeigen pflegen, innerhalb zu haben schien. Nach und nach kam sie der rohgeschnitzten Bauernmuttergottes im Heiligenstöcklein vor Stagelrain zu gleichen, und auf einmal aber, als sie volljährig und ausgewachsen war, zeigte es sich, daß sie gar massig und oben und unten gleich dick aussah. So geschah es, daß sie die Leute, denen ihr Taufname Sulamith nicht mundgerecht werden wollte, einfach Salami nannten, was ihr übrigens nicht schlecht anstand, denn sie war nicht nur gleichmäßig rund, sie war auch durch und durch gesalzen und wenn sie wollte, räßen Mundes.

Als ihr Vater den Schaden besah, ärgerte er sich zuerst gewaltig über die Unverschämtheit seiner Umwelt, die den Namen der Hochgeliebten Salomons so häßlich umformte. Wie ihm aber seine besagte Tochter immer mehr zu widersprechen wagte und als er's immer schwerer hatte, mit ihr auszukommen und gar obenauf zu schwingen, begann er auch seinerseits sich an den geschändeten Namen zu gewöhnen.

»Es ist, bei Gott wahr,« schnörzte er sie eines Tags an, als sie ihm gegenüber durchaus recht behalten wollte und das Mundwerk gehen ließ wie eine Holzfräse, »du bist doch zum richtigen Namen gekommen. Es hat so sein müssen vor dem Herrn, daß ich dich Sulamith habe taufen lassen, auf daß du dann so nach und nach draus selber deinen Übernamen zuwegkneten konntest, denn schau, Meitli, du bist meiner Zunge bitter und der dich erwischt, braucht die Suppe nicht noch besonders zu salzen.«

Gleichwohl sah das ledige Mannsvolk Erlenstaldens und der Enden, den Salami nicht ungern, denn die Jungfer hatte jene anmächelige Rundlichkeit, die eine gesunde bergländische Jugend, die's gewohnt ist, handsam und mit beiden Armen zuzugreifen, dem siebenfarbigen Regenbogen, ja sogar dem Schatten des höchsten Kirchturms, vorzieht. Aber die Nachtbuben, die ihr dann in die Stube tollten, trauten sich nicht recht an sie hin. »Es ist mir immer,« sagte hinter ihr durch der junge Gidifränzel im Duliwald, »es könnte einem mit dem Salami ergehen wie's dem Winkelried zu Sempach ergangen ist, nämlich, daß er meint, er drücke die ganze Schweiz ans Herz und daß er dann auf einmal nichts als die Arme voll bissiger Spieße hat.«

Eines Tages, es mochte im fünften oder sechsten Jahre seiner Verheiratung sein, kam dem Matthathias Stump wieder ein Mägdlein ins Haus. Und zwar kündigte sich das gleich recht ungestüm an, also daß die schwer überraschte Mutter sich seiner kaum zu erwehren vermochte. Und kaum war's glücklich in der Wiege gelandet, aus welcher der Salami eben erst recht heraus war, so hob es ein Geheul an wie ein junger Wolf und am Taufstein in der Kirche zu Erlenstalden schlug es, erbost über das kalte Wasser mit dem man's betropfte, seiner Patin beide Fäustchen ins Gesicht.

»Wohl,« meinte der Hirte auf der Ruchegg, als man's ihm meldete, »die kann recht werden. Wenn's auch wieder kein Bub ist, so kann's dasmal vielleicht ein Weib aus ihm geben, das mir einen Sohn ersetzt, und daß sie die Angriffigste wird. Sowieso, Bub oder Meitli, was von mir herkommt läßt sich nicht an der Nase zupfen. Auf irgendeine Art etwas Packsüchtiges, ein Donnerwetter soll eine jede im Leib haben und allenfalls auch spielen lassen können. Für das garantiere ich, denn man ist nicht umsonst der Matthathias Stump.«

Aber als es dann zur Namengebung kam, geriet er doch ziemlich in Verlegenheit, denn dasmal hatte er heilig und gewiß auf einen Knaben gezählt. Ja, er hatte ihm den Namen schon lange bereit; er hätte ihn Goliath Makkabäus taufen lassen. Nun lag doch wieder ein Evchen in der Wiege. So machte er sich denn eines Abends mit seinem abgegriffenen Alten Testament vor den grünen Kachelofen und begann im Buch Moses herumzusuchen. Es war ihm, dort seien Frauennamen verborgen, die ihm jedesmal, wenn er ihnen begegnete, besonders wohlgefallen hätten. Und richtig dauerte es auch gar nicht lange, so fand er die listige Frau des Patriarchen Isaaks, die Rebekka wieder, die ihm immer der Ausbund aller Weiberschläue gedünkt hatte. Es war doch ein arges Stücklein, das sie ihrem eigenen Mann spielte, als sie ihrem Liebling Jakob vom schwachsichtigen und unmerkigen Isaak den Segen der Erstgeburt erschwindelte. Und obwohl er selber gradaus war, so konnte es ihm die Hinterhältigkeit deswegen sowohl, weil auch er durch die Ränke seiner Mutter selig dazu gekommen war, daß ihm das väterliche Heimwesen blieb, und daß daher der ältere Bruder mit einem bescheidenen Auskauf in die weite Welt auswandern mußte. Also schon seiner seligen Mutter zum Gedächtnis, die ihm die Heimat bewahrt hatte, sollte das neuangekommene Kind Rebekka heißen.

So kehrte denn eine kleine Rebekka Stump vom Taufstein nach Haus zurück und als sie sich der Stump in seinem Taufräuschlein nochmals recht ansah und gar sich übers Kind neigend ihm zutrank, stießen ihm seine Fäustchen das Glas aus der Hand, so daß der Rotwein, zu aller Schrecken, übers Kindlein und Bettzeug herablief. Da lachte der Bergbauer eins heraus und sagte hochgestimmt: »So ist's recht! das wird noch eine wie vor altem. Eine, die keine Wache vor die Kammertüre braucht und wenn sie eine Königin wäre. Drei Schritte vom Leib, Herrgottsdonner abeinander! das Weltskrötlein da, das schlägt mir einfach den Wein aus den Tatzen. So wird's gut, haarus, Stump, Manns genug!«

Und wahrhaftig, die Rebekka ward groß, dielenfest und ein Mannweib vor dem Herrn und aber auch eigenwillig, querköpfig, daß es eine Art hatte. Schon auf dem Schulweg mußten ihre Weggenossen männlichen Geschlechts ihre Obmacht und Angriffigkeit erfahren, denn sie schlug ihnen Löcher in den Kopf soviel sie wollte und im Winter salzte sie einen Buben nach dem andern im Schnee ein wie martinifertige Schweine. Keiner kam außer der Schule gegen sie auf, wogegen sie dann freilich innerhalb der Schulstube so ziemlich allen nachstand und sich recht oft ins Eselbänklein höcken mußte.

»Sie hat's halt mehr in der Faust als im Kopf,« antwortete der Stump dem alten Lehrer, als der ihn über die geringe geistige Beweglichkeit seines handsamen Töchterleins aufklärte. »Immerhin, Schulmeister, ich bin's zufrieden so. Setzt sie sich nicht mit dem Kopf durch, wie ein rechtzeitiger Stier, so hilft sie sich mit der Faust zu einem gedeihlichen Ziel. Da sei nur ruhig; mir macht's ja keinen Kummer, also kann's dir auch gleich sein. Im Kopf und in der Faust wie ich und mein Namenspatron, der Hohepriester Matthathias und gar wie der Ritter Samson, der mit seinen Eselskinnbacken die Philister herdenweise gebodigt und gar das Weibsvolk am Haar nachgezogen hat, können es nicht alle Leute haben.«

Und als ihr dann die Nachtbuben, wie ihren Schwestern, zu Licht auf die Ruchegg kamen und ihr durchs Fenster und gar durch die Kammertüre wollten, verwandelte sie mit unbezwinglicher Faust auch deren dunkelste Augen über Nacht in föhnhimmelblaue und gar zerrte sie diesen und jenen Nachtbuben eigenfäustig von den Scheiterbeigen an der Hauswand herunter. Die Burschen, die sich diese nicht alltäglichen Erfahrungen mit dem Weib, im ganzen willig gefallen ließen, nahmen es aber ab und zu auch nicht so genau. So kam sie auch nicht immer ohne Beulen weg. Was sie weiter gar nicht zu stören schien. Im Gegenteil, fast nahm sie ihre Wundmale für Schönheitspflästerchen, da sie ihr Vater, Arme und Beine verwerfend, nach jedem sieghaft durchgeführten Hau mit ihren nächtlichen Verehrern, mit lauter Stimme lobte und besang wie Homer die Amazonenfürstin.

Da war's denn kein Wunder, daß das Volk ihren alttestamentlichen Namen Rebekka einfach ins Mundartliche abkürzte und eine Reb aus ihr machte. Die Rebe hat aber einen bitteren Beigeschmack, was des Stumpen landskräftige Tochter jedoch kalt ließ, »denn,« sagte sie, »Rebekka oder Reb, süß oder bitterlacht, mich soll keiner beherren.« Der Stump gar freute sich hier des verhunzten Namens und rief prallend am Wirtshaustisch ins Jungvolk: »Seht, ihr Lecker, meine Reb wird mit euch allen fertig. Die hat noch Bestand auf der Ruchegg; die gräbt man nicht so leicht aus wie etwa einen erschrockenen Dachs oder meinetwegen auch eine schlaue Füchsin. Da muß einer Knochen haben und markige Knochen und einen haushohen Mut, der meine Reb holen, aus dem Boden reißen und in sein Heim verpflanzen will. Solches Weibervolk kann eben nur auf der Ruchegg geraten, wo der doppelte Matthias zu Hause ist, als ein Zwilling in einer Person. Ja,« brüllte er unter seinem riesigen Hut hervor, als man ihn auslachte, »wenn ich auch nur einem unscheinigen Baumstumpf gleiche, so fürchte ich doch keinen von euch und hätte ich meine Meitli und gar die Reb hier, so wollten wir euch den Meister schon zeigen.«

So willkommen die Nachtbuben auf der Ruchegg bei den Stumpentöchtern waren und so willig sich diese hofen ließen, der ungebärdigen, rauflustigen Reb kam keiner nahe, obwohl es mehr als einer probierte, denn das starke, wehrhafte Mädchen konnte es ihnen gar wohl. »Ja, das ist eine!« sagte der Aumichel, der liederliche Dolmetscher zu Stagelrain. »Ich war einmal einer Kuh wegen auf der Ruchegg, aber als die Reb zu lachen angefangen hat, hab' ich mich am Tisch mit Hand und Fuß festhalten müssen, sonst hätte es mich fortgenommen wie ein Baumtrümmel im Hochwasser.«

Es war dann aber, im ziemlichen Abstand von den andern, noch ein fünftes Mädchen auf der Ruchegg geboren worden, an dem seine Mutter starb.

Obwohl das dem alten Stump bitter leid tat, so beugte es ihm den Kopf keineswegs. »Gewiß kann keiner seine Frau lieber haben als ich die meine lieb gehabt habe,« sagte er, als ihm seine helfende Schwester zuraunte, es wolle ihr scheinen, er nehme auch gar alles leicht, »aber Kathriseppe, ich bin nun einmal wie ich bin und dem Herrgott dank ich dafür, daß er mich so gemacht hat. Also wenn mir eine Bürde zu schwer werden will, werfe ich sie halt über die Schulter hinter mich und sehe mich nicht mehr nach ihr um. Was das unter Umständen schadet, etwas nicht abtun zu können, weiß man von Lots Weib her, von der dummen Truhe. So trachte ich alles zu vergessen und nehme meinen Weg weiter mit Gott. Fertig. Denn wer lang jung bleiben will, muß vergessen können. Und bleibt mir die Bürde hinterrücks an den Beinen doch hängen, so wehre ich mich gegen sie und schlage aus. Und was gilt's, ich bringe sie noch ab, denn ich bin der Matthathias Stump, ich. Im übrigen tröste Gott meine liebe Zischge selig! So groß gewachsen sie war und so klein ich bin, ist sie mir doch folgsam gewesen wie ein Schwert. Und wenn ich auch oftmals schnauzig mit ihr war und gähschüssig, so hat sie das nicht geplagt; gegenteils gefreut hat es sie, denn sie hat mir's mehr als einmal gesagt, sie habe einen Mannskerl heiraten wollen und keinen Taterich, den man wie ein nasses Hemd auswinden und an allen Ecken und Enden aufhängen könnte. Und recht bin ich mit ihr sonst gewesen, denn das hab' ich nie begreifen wollen, daß ein Mann mit seiner Frau nicht allzeit recht und gut gegen sie sein sollte, wo doch jeder rauhwollige Widder, jeder gehörnte Bock und alles was Tier heißt, zutunlich zu seinem Weiblichen ist. Kathriseppe, wir Mannsleute in unsern zwei Hosenträgern könnten da vom unvernünftigen Vieh noch vieles lernen. So geb ihr Gott die ewige Ruh, meiner lieben Zischge! Wenn ich mich auch nicht zu stark nach ihr umschauen werde, so habe ich sie ja jetzt in fünf Töchtern und in denen will ich mit ihr fortwirtschaften. Und wenn du bei mir bleibst und mir hausen willst und die Kindsköpfe da ratsamen bis sie zeitig sind, so nehme ich keine zweite mehr, so gut mir's das Weibervolk sonst kann. Eine wie die Erste, so durch und durch recht, jung und vertraulich vom ersten Tag an bis zum letzten, nimmt mich nicht mehr und für ältere Jahrgänge bin ich bloß beim Wein. So lasse ich das weiben lieber sein. Meine Töchter, wenn sie mir nur halbwegs im Blut und Tudichum gleichen, werden mir genug zu schaffen geben. Und wenn ich mich kenne, und ich kenne mich, der Donner abeinander! so würde es eine Stiefmutter bei meinem Nachwuchs herum nicht am besten bekommen. Also Schwester, tröste sie Gott, meine Zischge selig! Und nun auf zu Gott, beim Teufel ist kein Trost!«

Doch als nun seine Helferin, seine Schwester Kathriseppe, die er dem fünften Kindlein zur Taufpatin bestimmt hatte, dem Täufling ihren Namen zu geben wünschte, schnarchte er sie fast unwillig ab, indem er sagte: »Soviel ich weiß, hast du an deinem altmodischen und mehr oder weniger schönen Namen selber keine Freude und nie keine gehabt, was willst du nun wieder dein Patenkind damit vergrämen? Wie wenig weit könnt ihr Weiber doch sehen! Das sind schon die Witzigern unter euch, die durch die Nacht hindurch in den morgigen Tag hinein zu sehen vermögen. Nimm mir's aber nicht für übel, du meinst es gut.«

So stellte sich denn der kleine, helläugige Hirte vor die Wiege hin, in der sein jüngstes Kind lag und als er's so betrachtete, erschien es ihm immer mehr, im Verhältnis zu seinen andern Töchtern, die immer wie große, vollgewichtige Langbrote in der Wiege gelegen waren, ein Feinerlein, obschon es auch nicht wenig wiegen mochte. Und siehe, er hatte, als hätte er das kommen sehen, auch für diesen Fall einen guten, alttestamentlichen Namen gerüstet, und zwar einen, wie er zu seiner Schwester sagte, der durch und durch seidig, ja siebenfarbig seidig sei. Rahel müsse sie heißen. Erst habe er auch an Ruth gedacht, an jenes gutartige Frauenzimmer, das hinter dem alten Boz her die vergessenen Ähren vom Acker aufgelesen habe. Aber er sei dann rasch davon abgekommen. Denn diese Ruth, so gutfärbig und mögig sie sonst gewiß gewesen sei, habe ihm doch nicht so recht gefallen wollen. Sie sei ihm zu untertänig, zu hündisch ergeben, zu wenig aufrecht und selbstsicher gewesen. So könnte ihr Name für eine Stumpentochter niemals passen, denn wenn seine Töchter auch nur einen Funken von ihm haben, so werden sie weder zu einem Mann noch zu einem Weib jemals sagen: wo du hingehst, gehe auch ich hin. Sondern sie werden sagen: meinetwegen geh du hin wo du willst, ich kann mich noch besinnen. Vielleicht komme ich mit dir, vielleicht auch nicht. Rahel dagegen sage ihm schon eher, ja, viel besser zu, obschon es auch ein weichmundiger Name sei. Es habe ihm eben immer besonders gefallen, wenn er so im ersten Buch Moses, im neunten Kapitel, habe lesen können, wie diese schöne Hirtentochter Rahel, hablich und aufrecht, irgendwo aus einer grünen Umwelt, zu dem gottgesegneten Patriarchen Jakob, der damals freilich im besten Nachtbubenalter gestanden haben müsse, mit ihres Vaters Schafherden herabgestiegen sei und wie ihr dann dieser Jakob den Stein vom Brunnen wälzte und wie sich das kleine Mägdlein von ihm doch so züchtiglich küssen und herzen ließ. So etwas entfalle einem nie wieder, denn wenn er trachte, Sorgen und Kummer hinter sich zu bringen und unsichtbar zu machen, so halte er's mit dergleichen Freuden grad umgekehrt; die stelle er wie Wegweiser ins Gutwetterland, dutzendfach vor sich hin an allen Wegborden auf. Ihm tun sie wohl und schaden niemand. »Kurzum, Schwester,« sagte er, »so etwas vergißt ein halbwegs gesundes, geschweige ein durch und durch gesundes Mannsvolk, ewig nie. So soll denn mein fünftes und allerletztes Kind den Namen jenes schönen Hirtentöchterleins haben und ebenfalls Rahel heißen. Wenn auch der Name noch lange nicht alles bei den Weibern ausmacht, so kann er doch etwas, ja viel zu bedeuten haben, allweg soviel, ja auch noch mehr als eine Kappe. Denk' nur ans Rotkäppchen, Schwester, und ans Schneewittchen. Meinst du denn, unsereiner hätte als ein lediger Heickelnäscher nicht eher auf solche Namen gehört, als auf deine Kathriseppe? Wer da nichts merkt, muß ein geborener Gehörübel sein und ist kein Doktor, der ihm's herausschneiden kann.«

So kam also eine Rahel auf die Ruchegg ins Nebenstüblein. Ein gar bewegliches, wohlgeratenes Ding, das seiner ältlichen Base Kathriseppe viel zu tun gab und alsdann auch seinen heranwachsenden Schwestern, die sich seiner, sobald es auf den Füßen zu stehen vermochte, eifrig annahmen und es in ihrer Weise ins Landleben einführten. Ja, es gab ihnen wacker zu schaffen und während es aber die kurzgebundene raschzuschlagende Reb beizeiten völlig ablehnte und auch den scharfzüngigen Salami und die allzutrockene und bestimmte Mager nicht gern um sich hatte, lehnte es sich willig an die breitschulterige, kluge und geduldige Älteste, an die Judith an und diese betreute es mütterlich bis es sich ebenfalls zu einem angehenden Jüngferlein herausgemacht hatte.

Obschon auch das Röllchen, denn so ward die Rahel landauf und ab geheißen, eine achtbare Größe hatte, so fiel sie neben ihren Schwestern hierin doch ziemlich ab. Aber sie sah dafür auch zierlicher, weniger totschig aus, hatte die blauesten Augen und hinter diesen die flinkesten bauerschlauesten Gedanken und konnte tagaus, tagein lachen wie eine Spottdrossel. Ja, so übermütig konnte sie werden, daß sie vom neidischen Weibervolk zu Erlenstalden und der Enden auch Rolli genannt ward, was aber auch nicht einen einzigen Bergburschen davon abhielt, in ihr ein fröhlich ins Leben hinein kugelndes Röllchen zu sehen und zu schätzen. Bei aller guten, ja übermütigen Laune war diese Rahel aber von einer hinterhältigen Verschwiegenheit, wie die Tanse eines Milchfälschers auf dem Weg in die gemeinsame Sennhütte. Sie lachte oft so leise wie ein Butterstock in der Sonne und war dann noch schwieriger auszunehmen als ein Elsternnest auf einer Wettertanne ob einer Fluh.

Die andern Stumpentöchter begriffen es auch neidlos, daß die Nachtbuben des Tales dem Röllchen am meisten nachhielten.

Das also waren nun die erwachsenen fünf Töchter des kleinen, untunlichen Bergbauern Matthathias Stump auf der Ruchegg, mit denen er schlecht und recht sein hochgelegenes, weitumgehendes Heimwesen bewirtschaftete. Ja, sie ersetzten ihm mehr als einen Knecht. Die gelassene, gescheite Judith legte sich freilich, bei all ihrem breiten etwas butterflüssigen Aufbau, keineswegs, weder mit Hand noch Fuß, ins Zeug, wie die zwar nicht größere, aber stärkere Reb, die mit Mistgabel und Axt draufloswerkte wie der rauheste Holzschröter. Dafür half sie aber dem Alten im Viehhandel, beim Ankauf und vorab beim Verkauf. Sie hatte ein seltenes Verständnis für das, was ein schönes Haupt Vieh heißen durfte, für das Rassige. Sie trug nicht wenig dazu bei, daß immer mehr Prämienschildchen erster Klasse ob die Stalltüre auf die Ruchegg kamen, denn sie kannte das Vieh noch weit besser als ihr Vater.

Der Salami aber liebte die Küche. Dort herrschte sie unumschränkt, wie auch im Hühnerhof und im Schweinestall. Sie schaffte alle Nahrung auf den Tisch, in Kennel, Tröglein und Kofen. Dabei war es ihr nie langweilig, denn sie redete den ganzen Tag. Auch etwa in der Nacht überfloß ihr der Mund. Mit jedem Huhn hielt sie Zwiesprache, mit jeder Sau und jedem Ferkelchen, das sie aufzog. Jedem Geschöpf um sich wußte sie einen Namen und dabei nahm sie es nicht so genau wie ihr Vater, so daß sie der mehr als einmal anschnörzte: »Gib doch den Tieren nicht so grobe Namen! Wenn sie auch keinen Verstand und keine Seele haben, so hat sie doch unser Herrgott für uns erschaffen, daß wir mit ihnen und durch sie leben. Jedes Huhn ist ein Segen. Du brauchst sie nicht so anzufauchen, wie eine Katze, wenn sie dir etwa einmal in die Küche kommen, denn handkehrum hast du ja wieder ein Getue und ein Geschwätz mit ihnen bis sie in ihrer Dummheit doch wieder Eier legen und es dir gar noch mit einem mordsmäßigen Gackern anzeigen. Schau doch wie die Judith mit den Kühen und deren Jungwar umgeht und was sie ihnen für wohleingängige Namen weiß, die ihnen wie angemessen passen.«

Die Hagar oder die Mager aber wollte am liebsten die Stube, Stüblein und Kammern besorgen. Sie hockte und werkte den ganzen langen Tag drin und wenn sie auch das alte, wurmstichige Büffet nicht immer zu sauber hielt, noch Boden, Tisch und Diele, änderte sich das doch auf den Sonntag und alle heiligen Zeiten. Alsdann wirbelte sie einen Staub auf, als müßte sie Wolken machen. Wenn nun der Feiertag durch die kleinen, blankgeputzten Fensterscheiben in die getäfelte Stube hineinschaute, gewahrte er, daß alles sauber war wie geleckt und also konnte er seine festtägliche Sonne sich im grünen Kachelofen, ja, in deren Messingknöpfen spiegeln lassen.

Alsdann duftete die Stube von den ausgestreuten Tannreislein, die geblümten Kacheln und Teller auf dem Büfett sahen völlig vornehm aus und der messingene Plamper an der Wanduhr strahlte wie lauter Gold und sagte alleweil, hin und herschwingend: Acht die Zeit, acht die Zeit! Während die Mager aber werktags am Abend strümpfestrickend oder irgendwas ausbessernd, als erste an dem Ofen saß und zusah wie dann ihr Vater ausnahmsweise mit den andern Töchtern etwa ein Kartenspiel machte, bei dem der Alte und die Reb die Fäuste auf den Tisch schlugen, blieb sie Sonntags gern für sich. Sobald sie dann aus dem Tale vom Gottesdienst her heimkam, gegessen und saubern Tisch gemacht hatte, setzte sie sich vor den Ofen und las in des Vaters umfänglichem, verstaubtem Bibelbuch oder noch lieber in den Heiligenlegenden, die sie von ihrer Patin seinerzeit zur ersten heiligen Kommunion bekommen hatte. Die Vorliebe ihres Vaters für die biblische Geschichte dehnte sich bei ihr auf alle geistlichen Bücher und überhaupt auf alles Kirchliche aus. Grad viel schien sie sich zwar dabei nicht zu denken, da sie offene, zu zielsichere Augen auch für alles Weltliche behielt. Besonders viel Vergnügen machte ihr aber das Singen und da sie sich darin auf der Vorkirche der kleinen Erlenstalder Kirche nicht genug tun konnte, so erfüllte etwa ihre tiefgängige Stimme das ganze Ruchegghaus mit geistlichen Liedern.

Zuzeiten aber mußten eben alle fünf Töchter ins Feld und zu einer gemeinsamen Arbeit ausrücken, denn von Mistanlegen, vom Anpflanzen und Einbringen der Erdäpfel und Saubohnen, von Heuen und Öhmden gab der ewig bewegliche Matthathias Stump keinen Dispens. Wenn auf einmal seine Stimme umging: »Heda, ihr Meitli, was haben wir gestern beim Nachtessen hinter den geschwellten Erdäpfeln ausgemacht? Kommt, wir wollen also heute die Stauden am Dimmerbach ein wenig ausroden. Da braucht's alle Hände.« Da ließ denn der Salami in der Küche die Kelle, unwirsch gackernd wie eine alte, eierbare Gurre, fallen und auch die Mager stellte den Birchbesen verdrossen in einen Stuben- oder Kammerwinkel. Die Reb aber riß die Axt freudigen Angesichtes aus dem Scheitstrunk und auch die Judith trat etwa, von der getigerten Katze gefolgt, bedächtigen Schrittes aus dem Viehgaden. Und machten sich also alle diese wehrhaften Töchter zu ihrem kleinen, alternden Regenten, der sie mit der Säge im Arm erwartete.

Da kam auch die behende Rahel, das Röllchen, von irgendwoher, wenn auch selten zuerst, zum Vorschein, denn der Stump gab nicht nach mit Rufen, bis es auch seiner Jüngsten gut schien, ihn zu hören. Dann guckte sie wohl etwa, über und über lachend, aus ihrem Guckaus auf dem Haus, wo sie schlief und rief: »Ich komme gleich, Vater!« Oder aber sie schlüpfte aus irgendeinem Busch heraus und hatte den Schoß voll Blumen oder es waren auch etwa nur leere Schneckenhäuser; ja, oft waren es gar nur Tannenzapfen.

Nämlich, das Röllchen hatte es gut, durfte überall sein und nirgends. Als es erwachsen war, fand es, sozusagen, alle Plätze, die es in Feld und Haus hätte einnehmen können oder müssen, von Vater und Schwestern schon besetzt. Und so konnte es zwar vielerorts zulangen, vieles lernen und sich nützlich machen, aber etwa war es auch völlig überflüssig. So kam's, daß das fröhliche, umtunliche Mädchen so ziemlich nur tat, was ihm gefiel. Man ward es so gewohnt auf der Ruchegg und niemand stieß sich daran, um so weniger als das Röllchen eben das verwöhnte Nesthäkchen und im übrigen, galt's Ernst, guten Willens war. Auch wollte es alle bedünken, wenn es doch etwa mittun mußte oder mittun wollte, es und die Mistgabel so flink es sie handhabte, passen nicht recht zueinander, denn die eine war immer schmutzig, während das Röllchen viel auf Reinlichkeit hielt und sich so sauber herausputzte, als es auf der Bauernsame etwa geht. Aber Sonntags sah es aus wie eine Bachforelle und es schien dann grad wie die ebenfalls über und über blau zu sein, was aber alles von seinen immerlachenden, blauen Augen herkam.

Man ließ also das Röllchen Röllchen sein und ließ es herumtollen und rollen, wo es gern wollte. Es war des Bergbauern Liebling, wie es schon das verhätschelte Schoßkind der seit langem verstorbenen Kathriseppe, seiner Base, gewesen war. Und wenn der Stump einmal stieg und wild ward und das konnte bei ihm gar wohl vorkommen, denn er hatte ein hitziges Blut, so nahm der Sturm doch immer den Strich an der Jüngsten vorbei, so daß der Salami mehr als einmal herausschnörzte: »Vater, wenn Ihr so lärmen müßt, so lärmt nicht bloß alleweil uns an, der Rolli, Euer Bibäbeli, ist auch kein Engel, wenigstens derzeit noch nicht.«

Und einmal als der Bauer wieder so den wilden Mann machte und vor seinen Töchtern herumtanzte, daß die Judith laut herauslachen mußte, schnauzte ihn die Reb mit fast männlicher Stimme an: »Stump, wie tut Ihr jetzt wieder mit uns und schaut dabei am Rolli vorüber, als ob sie gar nicht auf der Welt wäre! Und sie ist's doch grad, die den entlaufenen Geißen den Gatter aufgetan hat, daß sie dem Briefboten bis auf Erlenstalden hinunter nachgewundert haben. Wenn Ihr nicht Vernunft annähmet, so laufe ich Euch davon und gehe mit den Holzschrötern zu Wald. Ich will nicht für andere herhalten und den Scheitstrunk machen, denn ich bin eine Stumpentochter.«

Diese Rede, so kurz sie war, gefiel aber dem Alten so gut, daß er kurz auflachte und alsdann vor sich hinmurmelte: »Herrgottneunundvierzig, so, so, eine Stumpentochter.« Alsdann redete er die Reb an: »Heja, bei Gott, allweg bist du das.« Weggehend machte er schmunzelnd in sich hinein: »Oha, die Reb, donnerwetternocheinmal!«

Von da an hatte die Reb, die es ihrem Vater schon lange ihres angriffigen Wesens und ihrer Harthölzigkeit wegen gut hatte vertreffen können, völlig Oberwasser. So sehr er an seiner Jüngsten auch weiterhin hing und ihr in allem wie bis an den Paß freiließ, so ward die Reb doch diejenige, auf die er am meisten hielt, denn jaha, beim Eid, sagte er sich, die kommt von mir her wie keine andere.

Obwohl das Röllchen diese Wandlung also nicht besonders zu merken bekam, so merkte sie's doch, aber sie machte sich blutwenig draus und ihr flinker Fuß und ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen ging wie sonst allüberall auf der Ruchegg um und ebenso ihre Handorgel, die sie gut zu spielen verstand.

Es war ein friedliches Leben auf diesen tannenwaldumfaßten Höhen und der altwerdende Stump thronte auf seiner Hochweid wie ein kleiner König.

Wer aber über die Ruchegg mußte, um in die andere Welt hinüberzukommen, wie der Erlenstalder Sigrist zu sagen pflegte, der sah sich überrascht in dem Heimwesen um, auf dem ein wehrhaftes Männlein mit fünf handlichen, fast lauter bäumigen Töchtern so tatkräftig und gut wirtschaftete.

Es kam freilich selten jemand auf diese abseitigen Höhen außer einem Bäckergesellen, der sommerlang mit dem Korb auf dem Rücken sich hinaufschwitzte und im Winter aber im leichten Schlitten auf einem tiefverschneiten Waldweg hinrösselte. Und dann erschien in großen Abständen einmal der Briefbote, wenn er etwas hatte, das er nicht zu Erlenstalden für die Rucheggleute abgeben konnte oder wollte. Auch etwa ein Viehhändler mit dem Dolmetscher Aumichel, ein Metzger und irgendein Holzhändler, der es auf den schlagreifen, umfänglichen Rucheggwald abgesehen haben mochte. Oder es schuhnete der Bannwart vorbei, auch dieser und jener Berghirte oder sonstige Landesgenossen. Aber fast nie sah man Fremde über die Ruchegg kommen. Kaum daß sich etwa einmal ein Hausierer zeigte, denn diese Egg war nur ein wenig begangenes Päßlein, von dem man zudem ortsunkundigerweise meinen konnte, es falle auf der andern Seite jählings ins Weltende.

Nur ab und zu sahen der Alte und die Töchter irgendeinen verdächtigen Landstreicher aus den Wäldern heraufkommen, der allen Grund haben mochte, verlorene Wege zu wandern. Aber meistens drückten sich dergleichen Kunden am Haus vorbei. Nur selten wagte es einer, um einen Schluck Milch anzuhalten, obwohl man ein Näpfchen kalte oder warme Milch niemand versagte.

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