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Der Doppelgänger und andere Erzählungen

Henri de Régnier: Der Doppelgänger und andere Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorHenri de Régnier
booktitleSchicksale formen Menschen
titleDer Doppelgänger und andere Erzählungen
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H. Berlin
yearo.J.
translatorN. Collinn
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
created20140815
modified20150623
projectiddf1cd1fa
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Der Doppelgänger

Wenn ich durchaus jede Erklärung bei der merkwürdigen Tatsache, die ich jetzt erzählen werde, vermeide und mich darauf beschränke, sie mit äußerster Genauigkeit wiederzugeben, verlange ich aber als Gegenleistung, daß man keine ungünstigen Schlüsse über meinen Geisteszustand zieht. Es ist nicht nach meinem Geschmack, in dem Rufe eines Phantasten zu stehen, und es liegt mir auch nichts daran, mit dem nachgerade unmodern gewordenen Ausdruck »Träumer« oder »Grübler« bezeichnet zu werden, den man heute durch die Benennung »nervenleidend« oder »von Halluzinationen verfolgt« ersetzt. Es wäre mir auch durchaus nicht angenehm, als Verrückter angesehen zu werden; ja, es könnte mir das außerordentlich schaden. Gerade die Arbeit, mit der ich mich beschäftige, verlangt, daß mich vernünftige Leute respektieren. Vielleicht wäre es überhaupt besser gewesen, ich hätte meine Erzählung für mich behalten.

Aber da ich sie nun einmal versprochen habe, will ich meinen Bericht beginnen. Jedoch möchte ich vorher betonen, daß ich zugebe, das Spielzeug eines merkwürdigen Zusammentreffens oder das Opfer irgendeines Spaßvogels gewesen zu sein. Man darf also über meine Leichtgläubigkeit lachen, doch nicht an meinem Verstande zweifeln.

Die Tatsachen waren folgende: Im letzten Herbst, ungefähr Mitte November, wollte ich meine Winterarbeit schreiben. Es war ein kleines geschichtliches Werk, um das mich eine Zeitschrift gebeten und für das ich mir bereits Notizen gemacht hatte. Es behandelte den Marschall von Manissart, den Rivalen der Villars und Luxemburg, den Helden der berühmten Belagerung von Dortmüde. Als ich in meinen Papieren blätterte, bemerkte ich, daß ich, um eine Einzelheit der Physiognomie festzustellen, das von Rigault gemalte Porträt des Marschalls im Versailler Museum sehen mußte. – Um diesen Besuch in der Stadt des großen Königs auszuführen, wollte ich einen günstigen Tag abwarten, um gleichzeitig eine Promenade im Park zu unternehmen, der in dieser Jahreszeit schön ist. Aber es regnete in den nächsten Tagen. Jedoch die Zeit drängte, und an einem Nachmittag, an dem das Wetter mir nicht zu schlecht erschien, machte ich mich bald nach dem Mittagbrot auf den Weg.

In Versailles angelangt, ging ich zuerst in das Schloß. In der neben der Kapelle liegenden Garderobe gab ich beim Diener meinen Regenschirm ab und stieg die kleine Treppe hinauf, die zu den großen Räumen führte. Nie betrete ich diese herrlichen Gemächer, ohne das Gefühl ihrer Größe und Pracht zu empfinden. So wanderte ich denn in dieser erhabenen Ausstellung des Ruhmes einher und gelangte bis zum Salon de la guerre, als ich mich plötzlich an den Zweck meines Besuches erinnerte. Woran dachte ich eigentlich? Das Porträt meines Manissart befand sich im Erdgeschoß in den Marschallsälen. Ich wollte meine Unachtsamkeit gutmachen, aber zweifellos war ich an jenem Tage etwas zerstreut, denn nach einem Augenblick stand ich anstatt am Ausgang der Säle in dem einstigen Schlafgemach des Königs.

Sie kennen das Zimmer mit dem prächtigen Bett, das eine vergoldete Balustrade abschließt. Auch kennen Sie am Kopfende des Bettes das merkwürdige wächserne Medaillonbildnis Benoîts von dem schon bejahrten Ludwig dem Vierzehnten. Ich trat näher heran, um das außergewöhnliche Porträt des alten Monarchen zu betrachten. In farbigem Wachs modelliert, erschien das königliche Antlitz wie lebendig unter der vollen strengen Perücke, mit seinem stolzen, greisenhaften Profil, der hochmütigen Nase und der herabhängenden Unterlippe. Das war der alte merkwürdige und herrliche König, durch sein fünfzigjähriges Herrschertum hart geworden, aber trotz des Schwindens seiner Kräfte und seines Sternes immer groß, dessen despotische Gegenwart noch jetzt den gewaltigen Palast erfüllt, den er erbaut hatte, und in dem sein ruhmreicher, schweigsamer Schatten noch umherzuwandern schien.

Lange wäre ich in die Betrachtung des faszinierenden königlichen Bildnisses versunken geblieben, wenn nicht ein Führer, der eine Touristengruppe leitete, mich in meinen Träumereien gestört hätte. Ich warf noch einen letzten Blick auf das hervorragende Meisterwerk und ging nun wirklich nach den Marschallsälen, wo mich mein wackerer Marschall von Manissart mit seinem lilienverzierten Stock erwartete. Zur Bewunderung der Nachwelt zeigte er mit heroischer Geste auf die in Flammen stehenden Wälle von Dortmüde.

Als ich mir meinen Regenschirm aus der Garderobe geholt hatte und auf der Schloßterrasse stand, zögerte ich einen Augenblick. Der Himmel war bedeckt. Schwere Wolken standen über den rötlichen Büschen im Park. Das Wasser der Fontänenbassins war so düster, daß die Bronzestatuen ringsumher sich darin nicht widerspiegelten. Die wenigen Spaziergänger gingen eilig an mir vorbei. Ich glaubte auch schon einige Regentropfen zu spüren, doch trotz der vorgerückten Stunde und des drohenden schlechten Wetters konnte ich den Plan, bis zum Trianon zu gehen, nicht aufgeben.

Ich finde den Park in Versailles wunderschön, aber ich ziehe den des Grand Trianon doch vor. Nirgends auf der Welt kann man die Melancholie des Herbstes in vornehmerer Dekoration genießen. Würde ich auch naß werden, es war mir gleichgültig; und war ich erst einmal dort, würde sich schon sicherlich eine Droschke finden, die mich nach dem Bahnhof brachte. Mein Entschluß stand jetzt fest, und ich schlug einen kräftigen Schritt ein und machte mir keine Gedanken mehr über das, was sich noch ereignen könne.

Kaum war ich durch das Portal geschritten, das zu den Trianongärten führt, als ich auch schon fühlte, daß ich meine Unklugheit nicht zu bedauern brauchte. War ich bereits häufig im Herbst mit diesen mit welken Blättern übersäten Alleen umhergewandert und um die melancholischen Bassins herumgestrichen, so hatte ich sie niemals eine solche Traurigkeit ausatmen sehen, niemals waren sie mir so tot in ihrer Einsamkeit, so seltsam verlassen erschienen, wie an diesem trüben grauen Tage. Immer hatte ich ihren Reiz mit einigen verspäteten Besuchern geteilt, die wie ich durch ihren herbstlichen Zauber angezogen waren. Aber heute störte niemand die seltsame Ruhe und die stumme Verlassenheit. Heute gehörten die Gärten mir, mir allein. Ich konnte mich allein ihrer düsteren edlen Schönheit erfreuen. Deshalb fühlte ich auch einen ganz besonderen Wunsch, sie ganz zu durcheilen und keinen Winkel unerforscht zu lassen. Es schien mir, als hätten sie mir ein Geheimnis anzuvertrauen ...

Ich setzte mich auf eine Bank, um mich einen Augenblick auszuruhen, und meine Hand glitt kosend über den von Moos überwucherten Marmor. Ich dachte über meine Eindrücke nach, als ich Schritte zu vernehmen glaubte. Ich lauschte. Ich hatte mich nicht getäuscht, die Schritte kamen näher. Ich empfand plötzlich sympathische Neugier für den unsichtbaren Spaziergänger. Jetzt bog er in eine der Alleen ein, die an dem Rondell, an dem ich saß, vorbeiführten und langsam, ohne mich zu sehen, ging er sie entlang. Soweit ich ihn aus der Entfernung beurteilen konnte, war er ein alter Mann. Mühsam, auf seinen Stock gestützt, bewegte er sich vorwärts. Ein weiter Überrock hüllte ihn ein und unter dem breitkrämpigen Filzhut hingen lange Haare herab. Er trug Kniehosen und Radfahrerstrümpfe. Zweifellos war es ein Maler, und wenn sein Aussehen auch etwas seltsam war, so lag doch Würde in seiner Haltung. Aber das Merkwürdigste war, daß ich bei seinem Erscheinen aufstehen wollte. Ja, ich hatte den Eindruck, als ob ich derjenige sei, der seinen Spaziergang störe und nicht er, der meine Träumereien unterbrochen hatte; denn als er verschwunden war, empfand ich ein so unerklärliches Unbehagen, daß ich meine Bank verließ und in einen der Laubengänge eilte, die zu dem Ausgang führten.

Übrigens hatte ich recht daran getan, mich nicht noch länger aufzuhalten. Es fing bereits an stark zu dämmern, und durch die schwarzen Wolken, die sich am Himmel auftürmten, wurde die Dunkelheit fühlbarer. Jetzt war auch kein Zweifel mehr möglich, es regnete. Es war höchste Zeit, aufzubrechen. Ob ich wohl eine Droschke finden würde? Natürlich stand kein Wagen vor Trianon, und der erst seine Regen fiel jetzt in voller Stärke auf das Pflaster des Vorhofes nieder. Es war eine wahre Sintflut, und so gut es ging, suchte ich unter meinem Regenschirm Schutz zu finden. Die Lage wurde aber mit der Zeit sehr unangenehm, und ich stieß schon Verwünschungen aus, als ich das Rollen von Rädern vernahm. Mit lauter Stimme rief mich jemand an:

»He! guter Mann! Wollen Sie nach Versailles? ... Warten Sie, ich muß erst Licht machen. Man kann die Hand nicht vor Augen sehen. So, steigen Sie ein! Gehört der Alte dort zu Ihnen?«

Ich blickte nach der Richtung, nach welcher der Kutscher mit seiner Peitsche deutete. In strömendem Regen erkannte ich meinen Spaziergänger von vorhin wieder. Er winkte mit seinem Stock und glaubte sicherlich den Wagen leer; ich aber hatte bereits auf den abgeschabten Polstern Platz genommen. Natürlich konnte ich bei einem solchen Wetter den alten Mann nicht an diesem vereinsamten Ort zurücklassen.

Bei meinem Anerbieten, mit einzusteigen, hatte er mit lebhafter Bewegung seinen Filzhut berührt. Die vom Wasser durchweichte Krempe hüllte sein Gesicht dermaßen ein, daß ich die Züge nicht erkennen konnte, um so mehr, als ich mich ganz tief in den Wagen hineingedrückt hatte, um dem alten Herrn Platz zu machen. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er meine Einladung angenommen und sich neben mich gesetzt. Wir fuhren jetzt zusammen die holprige Chaussee hinunter, während der Himmel immer weiter seine Schleusen öffnete.

Wir waren schon eine Weile gefahren, ohne daß mein Wagengenosse ein Wort gesprochen hatte. In der dunklen Droschke konnte ich seine über der Stockkrücke gekreuzten Hände sehen, aber die heruntergeschlagene Hutkrempe verbarg mir sein Gesicht. Ein oder zweimal hatte ich versucht, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, aber ohne Erfolg. Ich fand mich schließlich mit der Schweigsamkeit des Unbekannten ab. Übrigens hatte ich ihm die Gastfreundschaft in diesem Rumpelkasten nicht angeboten, um Unterhaltung zu haben, sondern um ihn vor einer tüchtigen Influenza zu bewahren. Also mochte er schweigen, wenn es ihm beliebte. Wir näherten uns auch schon unserem Ziel. Die Laternen des Boulevard de la Reine tauchten auf. Ich mußte meinen schweigsamen Gefährten fragen, wo er auszusteigen wünschte. Als ich ihm diese Frage stellte, machte er eine Bewegung, um die Hand in die Tasche zu stecken. In diesem Augenblick kamen wir vor einem hellerleuchteten Laden vorbei und scharfes Licht fiel auf das Gesicht des Unbekannten. Diese lange Nase, diese Augen unter den schweren Lidern, diese herabhängende Lippe, dieses stolze, greisenhafte Gesicht, es war dasselbe, das ich vor wenigen Stunden betrachtet hatte, das Benoît in Wachs geformt hatte und das durch irgendein Spiel des Zufalls jetzt vor mir in überraschender und unvermuteter Ähnlichkeit auftauchte. Ich stand vor einem seltsamen physischen Zusammentreffen. Die Natur hatte sich einen Scherz daraus gemocht, sich auf ironische Weise zu wiederholen und dem armen Mann neben mir die königliche Maske zu leihen, die sie schon einmal in der berühmten ruhmreichen Form für andere Bestimmungen gebildet hatte.

Ein scharfes Klopfen gegen die Wagenscheiben und plötzliches Halten der Droschke unterbrachen meine Betrachtungen. Mein merkwürdiger Gefährte hatte den Schlag geöffnet und war ausgestiegen. Er lüftete den Filzhut, und ein wenig pfeifend kamen die Worte, die er an mich richtete, aus seinem zahnlosen Mund.

»Gestatten Sie, Herr, daß ich den Preis für den Wagen mit Ihnen teile; und vielen Dank, daß Sie mich bis nach Hause gebracht haben.«

Wir befanden uns auf der Place d'Armes, er zeigte mit der einen Hand nach seiner Wohnung, der verschwommenen Form des Schlosses hinter dem hohen vergoldeten Gitter, mit der anderen winkte er dem Kutscher zu, mich nach dem Bahnhof weiterzufahren.

Als ich im Eisenbahnabteil saß, dachte ich an das Geldstück, das der Fremde mir in die Hand gedrückt hatte und das ich nicht die Zeit gehabt hatte, ihm zurückzugeben. Es trug das Bildnis des großen Königs und darunter die lateinische Inschrift: Ludovicus XIV., rex Galliae et Navarrae mit der Jahreszahl 1701.

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