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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Doppelgänger - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleDer Doppelgänger
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
printrun11. - 14. Tausend
year1923
translatorH. Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071107
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6. Kapitel

Am andern Tage, genau um acht Uhr, erwachte Herr Goljadkin auf seinem Bette. All die außerordentlichen Erlebnisse des gestrigen Tages und die ganze unglaubliche, seltsame Nacht mit ihren fast unmöglichen Abenteuern stellten sich sofort mit einem Male seiner Denkkraft und seinem Gedächtnisse dar. Eine derartige grimmige, höllische Bosheit seiner Feinde und namentlich der letzte Beweis dieser Bosheit ließen Herrn Goljadkins Herz zu Eis erstarren. Aber zugleich war dies alles so seltsam, unbegreiflich, absonderlich, es erschien so unmöglich, daß es tatsächlich schwer war, an diese ganze Sache zu glauben; Herr Goljadkin neigte sogar selbst dazu, dies alles für einen wesenlosen Fiebertraum, für eine augenblickliche Verwirrung der Einbildungskraft, für eine Verdunkelung des Verstandes zu halten; aber glücklicherweise wußte er aus eigener bitterer Erfahrung, wieweit manchmal die Bosheit einen Menschen zu bringen vermag, und wieweit manchmal die Grausamkeit eines Feindes gehen kann, der sich für eine Kränkung seiner Ehre oder seines Ehrgeizes rächen möchte. Dazu kam, daß Herrn Goljadkins wie zerschlagene Glieder, sein benommener Kopf, sein steifes Kreuz und sein bösartiger Schnupfen bestätigendes Zeugnis dafür ablegten, daß es mit der gestrigen nächtlichen Wanderung und dem, was sich bei dieser Wanderung zugetragen hatte, seine Richtigkeit habe. Und schließlich hatte Herr Goljadkin auch schon längst gewußt, daß seine Feinde etwas gegen ihn planten, und daß da noch ein anderer mit ihnen unter einer Decke steckte. Aber was, was hatten sie vor? Nach gründlicher Überlegung entschied sich Herr Goljadkin dafür, zu schweigen, sich zu fügen und vorläufig nicht dagegen zu protestieren. »Vielleicht beabsichtigen sie nur, mich zu erschrecken, und wenn sie sehen, daß ich nicht darauf reagiere, nicht protestiere, sondern mich ganz ruhig verhalte und alles ruhig ertrage, so werden sie auch aufhören, von selbst aufhören und sogar die ersten sein, die aufhören.«

Solche Gedanken gingen Herrn Goljadkin durch den Kopf, als er, sich in seinem Bette ausstreckend und die gelähmten Glieder wieder zurechtbringend, darauf wartete, daß Petruschka wie gewöhnlich ins Zimmer käme. Er wartete schon eine Viertelstunde lang; er hörte, wie der faule Petruschka hinter der Scheidewand mit dem Samowar herumhantierte, konnte sich aber nicht dazu entschließen, ihn zu rufen. Wir können noch mehr sagen: Herr Goljadkin fürchtete sich jetzt sogar ein wenig davor, seinem Petruschka Auge in Auge gegenüberzutreten. »Gott weiß,« dachte er, »Gott weiß, wie dieser Schlingel jetzt die ganze Sache ansieht. Er schweigt und schweigt, macht sich aber gewiß seine eigenen Gedanken darüber.« Endlich knarrte die Tür, und Petruschka erschien mit einem Präsentierbrett in den Händen. Herr Goljadkin schielte schüchtern nach ihm hin und wartete ungeduldig darauf, was nun kommen werde, und ob er endlich etwas über den bewußten Vorgang sagen werde. Aber Petruschka sagte nichts, sondern war im Gegenteil noch schweigsamer, mürrischer und ärgerlicher als gewöhnlich und schielte finster um sich her; überhaupt war zu merken, daß er mit irgend etwas äußerst unzufrieden war; er blickte seinen Herrn sogar nicht ein einziges Mal an (was, beiläufig gesagt, bei Herrn Goljadkin eine peinliche Empfindung hervorrief), setzte alles, was er trug, auf den Tisch, drehte sich um und ging schweigend wieder zurück hinter seine Scheidewand. »Er weiß es, er weiß es, er weiß alles, der Taugenichts!« murmelte Herr Goljadkin, während er sich anschickte, seinen Tee zu trinken. Aber unser Held richtete an seinen Diener keinerlei Fragen, obgleich Petruschka nachher noch mehrere Male zur Erledigung von allerlei Obliegenheiten ins Zimmer kam. Herr Goljadkin befand sich in sehr aufgeregter Gemütsverfassung. Er ängstigte sich auch davor, in die Kanzlei zu gehen. Er hatte ein starkes Vorgefühl, als werde ihm dort etwas Unangenehmes begegnen. »Wenn man da hinkommt,« dachte er, »kann einem leicht etwas passieren! Ist es nicht besser, noch ein Weilchen hierzubleiben und zu warten? Mögen sie sich dort ohne mich behelfen; ich will heute hierbleiben, neue Kraft sammeln, mich erholen, über diese ganze Geschichte ordentlich nachdenken und dann den richtigen Augenblick abpassen und sie alle durch mein Erscheinen überraschen.« Während Herr Goljadkin diese Überlegungen anstellte, rauchte er eine Pfeife nach der andern; die Zeit verging; es war beinah halb zehn. »Sieh mal an, es ist ja schon halb zehn,« dachte Herr Goljadkin; »nun ist es sowieso zu spät zum Hingehen. Und überdies bin ich krank; selbstverständlich bin ich krank, unbedingt krank; wer will sagen, daß ich nicht krank wäre? Was kann mir passieren? Und wenn sie auch herschicken, um es feststellen zu lassen, und wenn auch der Inspektor kommt: was kann mir denn in der Tat passieren? Ich habe ja Rückenschmerzen und Husten und Schnupfen; und schließlich darf ich bei diesem Wetter schlechterdings nicht ausgehen, unter keinen Umständen; ich könnte ernstlich krank werden und am Ende gar sterben; die Sterblichkeit ist zurzeit überhaupt eine besonders große...« Durch solche Erwägungen beruhigte Herr Goljadkin endlich sein Gewissen vollkommen und rechtfertigte sich im voraus vor sich selbst gegen den Verweis, den er von Andrei Filippowitsch wegen Nachlässigkeit im Dienste zu erwarten hatte. Überhaupt liebte in allen ähnlichen Lagen unser Held es sehr, sich durch allerlei unwiderlegliche Argumente in seinen eigenen Augen zu rechtfertigen und auf diese Art sein Gewissen zu beruhigen. Nachdem er dies also auch jetzt getan hatte, griff er von neuem nach der Pfeife, stopfte sie und fing gerade an ordentlich zu rauchen, da sprang er schnell vom Sofa auf, warf die Pfeife hin, wusch, rasierte und kämmte sich schnell, zog die Uniform und alles übrige an, ergriff einige Akten und eilte nach der Kanzlei.

Herr Goljadkin betrat sein Dienstlokal in der unruhigen Erwartung von irgend etwas sehr Üblem, in einer Erwartung, die zwar unbewußt und unklar, dabei aber doch recht unangenehm war; bescheiden setzte er sich auf seinen festen Platz neben dem Tischvorsteher Anton Antonowitsch Sjetotschkin. Ohne jemand anzusehen oder mit jemand ein paar freundliche Worte zu wechseln, vertiefte er sich in den Inhalt der vor ihm liegenden Papiere. Er hatte sich entschlossen und fest vorgenommen, allem aus dem Wege zu gehen, was ihn zu kompromittierenden Äußerungen herausfordern konnte, also unbescheidenen Fragen, Späßen und unpassenden Anspielungen auf die Ereignisse des gestrigen Abends; er hatte sich sogar vorgenommen, den Austausch der gewöhnlichen Höflichkeiten mit den Kollegen, d. h. Fragen nach dem Befinden und dergleichen, zu unterlassen. Aber es war auch klar, daß er das auf die Dauer unmöglich aushalten konnte. Die Unruhe und die Ungewißheit über ein ihm nahe bevorstehendes Ungemach quälten ihn stets mehr als das Ungemach selbst. Dies war der Grund, weswegen er trotz seines festen Vorsatzes, sich auf nichts einzulassen und allem aus dem Wege zu gehen, doch manchmal verstohlen und sachte den Kopf in die Höhe hob, heimlich zur Seite nach rechts und links blickte, die Gesichter seiner Kollegen musterte und aus ihnen zu entnehmen suchte, ob etwas Neues, Besonderes vorliege, das ihn beträfe und ihm in irgendwelcher bösen Absicht verheimlicht würde. Er nahm mit Sicherheit an, daß alles, was er gestern erlebt hatte, mit allem, was ihn jetzt umgab, in Verbindung stehe. Er begann endlich in seiner Aufregung zu wünschen, es möchte sich doch alles irgendwie entscheiden, nur recht bald; wenn es auch auf ein Unglück hinausliefe, immerhin! Wie gut verstand das Schicksal Herrn Goljadkins Wunsch: kaum war dieser in ihm rege geworden, als seine Zweifel auf einmal gelöst wurden, aber freilich auf eine sehr seltsame und unerwartete Weise.

Die Tür nach dem Nachbarzimmer knarrte auf einmal leise und bescheiden, wie wenn sie dadurch zum Ausdruck bringen wollte, daß die eintretende Person von sehr geringer Bedeutung sei, und eine Gestalt, die Herrn Goljadkin sehr bekannt vorkam, erschien schüchtern gerade vor dem Tische, an welchem unser Held Platz genommen hatte. Unser Held hob den Kopf nicht in die Höhe; nein, er sah diese Gestalt nur ganz flüchtig von unten her an; aber schon hatte er alles bis auf die kleinsten Einzelheiten erkannt und begriffen. Er erglühte vor Scham und beugte ganz in derselben Absicht seinen armen Kopf in das Aktenstück, mit welcher der von dem Jäger verfolgte Strauß seinen Kopf in den heißen Sand steckt. Der Neuangekommene verbeugte sich vor Andrei Filippowitsch, und darauf ließ sich dessen Stimme in förmlich-freundlichem Tone vernehmen, in demjenigen Tone, in dem an allen Dienststellen die Vorgesetzten zu neu eingetretenen Untergebenen reden. »Setzen Sie sich hierher,« sagte Andrei Filippowitsch und wies den Neuling nach Anton Antonowitschs Tisch hin; »hierher, Herrn Goljadkin gegenüber; mit Arbeit werden wir Sie sofort versehen.« Zum Schluß machte Andrei Filippowitsch dem Neuangekommenen eine höflich ermahnende Handbewegung und vertiefte sich dann schleunigst in den Inhalt einiger Aktenstücke, deren ein ganzer Haufe vor ihm lag.

Herr Goljadkin hob endlich doch die Augen auf, und wenn er nicht in Ohnmacht fiel, so geschah dies nur deshalb nicht, weil er alles schon vorher geahnt, alles schon von vornherein gewußt und in seinem Herzen schon erraten hatte, wer der Ankömmling war. Herrn Goljadkins erste Bewegung war, schnell um sich zu blicken, ob nicht ein Geflüster entstanden sei, ob nicht Witzeleien von der in Bureaus üblichen Art gemacht würden, ob nicht jemand vor Erstaunen das Gesicht verziehe oder gar vor Schreck unter den Tisch gefallen sei. Aber zu seiner größten Verwunderung war an niemandem etwas Derartiges zu bemerken. Das Verhalten seiner Herren Kollegen überraschte ihn. Es schien ihm ganz ohne Sinn und Verstand zu sein. Herr Goljadkin erschrak sogar über dieses auffällige Stillschweigen. Die Wirklichkeit sprach für sich selbst; die Sache war seltsam, absonderlich, ungeheuerlich. Es war aller Grund zur Aufregung vorhanden. All diese Gedanken gingen Herrn Goljadkin selbstverständlich nur ganz flüchtig durch den Kopf. Er selbst hatte die Empfindung, als ob er auf gelindem Feuer geröstet würde. Und das war sehr erklärlich. Derjenige, der Herrn Goljadkin jetzt gegenübersaß, war der, welcher Herrn Goljadkin gestern so erschreckt, geängstigt, gepeinigt hatte, mit einem Worte, es war Herr Goljadkin selbst, nicht jener Herr Goljadkin, der jetzt mit offenem Munde, die trocken gewordene Feder in der Hand, auf dem Stuhle saß, nicht jener, der als Gehilfe seines Tischvorstehers fungierte, nicht jener, der gern in der Menge untertauchte und verschwand, nicht jener endlich, dessen Gang deutlich sagte: »Tut mir nichts zuleide, dann werde ich euch auch nichts zuleide tun,« oder: »Tut mir nichts zuleide; ich tue euch ja auch nichts zuleide,« nein, dies war ein anderer Herr Goljadkin, ein ganz anderer, der aber gleichzeitig dem ersten völlig ähnlich war, von derselben Größe, von demselben Wuchse, ebenso gekleidet, mit einer ebensolchen Glatze; kurz, nichts, geradezu nichts war zur vollständigen Ähnlichkeit vergessen, so daß, wenn man sie nebeneinander gestellt hätte, niemand, entschieden niemand gewagt haben würde zu entscheiden, wer eigentlich der wirkliche Goljadkin und wer der falsche sei, wer der alte und wer der neue, wer das Original und wer die Kopie.

Unser Held befand sich, wenn dieser Vergleich möglich ist, jetzt in der Lage eines Menschen, über den sich ein Schalk lustig macht, indem er zum Spaß heimlich ein Brennglas auf ihn richtet. »Was ist das nun? Ist es ein Traum oder nicht?« dachte er; »ist es Wirklichkeit oder eine Fortsetzung des gestrigen Erlebnisses? Aber mit welchem Rechte geschieht eigentlich dies alles? Wer hat die Anstellung eines solchen Beamten gestattet? Wer hat dazu eine Berechtigung erteilt? Schlafe ich? Träume ich?« Herr Goljadkin versuchte ins klare zu kommen, indem er sich selbst kniff; er dachte sogar daran, dies mit irgendeinem andern vorzunehmen... Nein, es war kein Traum; das stand fest. Herr Goljadkin fühlte, daß der Schweiß stromweis an ihm herunterfloß, daß mit ihm etwas noch nie Dagewesenes, bisher Unerhörtes vorging, und daß dieser Vorgang, um das Unglück voll zu machen, eben wegen dieser Neuheit unschicklich war; denn Herr Goljadkin begriff und fühlte, wie nachteilig es war, bei einem Vorgange, der in dieser Weise den Spott herausforderte, das erste Beispiel zu sein. Er begann endlich sogar an seiner eigenen Existenz zu zweifeln, und obgleich er vorher auf alles vorbereitet gewesen war und selbst gewünscht hatte, daß seine Zweifel auf irgendeine Weise gelöst werden möchten, so war ihm das Eintreten dieses Ereignisses selbst schließlich doch unerwartet gekommen. Der Kummer drückte ihn nieder und quälte ihn. Zeitweilig war er der Denkkraft und des Gedächtnisses völlig beraubt. Wenn er nach einem solchen Augenblicke wieder zur Besinnung kam, so merkte er, daß er mit der Feder mechanisch und bewußtlos über das Papier fuhr. Da er sich selbst nicht traute, so begann er alles Geschriebene nachzuprüfen; aber er verstand nichts davon. Endlich stand der andere Herr Goljadkin, der bisher still und friedlich dagesessen hatte, auf und verschwand zum Zwecke irgendwelcher Besorgung hinter der Tür, die in eine andere Abteilung führte. Herr Goljadkin blickte um sich; aber es war nichts zu bemerken; alles war still; man hörte nur das Kratzen der Federn, das Geräusch der umgeschlagenen Blätter und in den von Andrei Filippowitschs Sitze weiter entfernten Winkeln leises Gespräch. Herr Goljadkin blickte Anton Antonowitsch an, und da aller Wahrscheinlichkeit nach das Gesicht unseres Helden seine jetzige Stimmung widerspiegelte und mit dem ganzen Charakter des Vorgangs harmonierte, folglich in gewisser Beziehung sehr merkwürdig war, so legte der gutmütige Anton Antonowitsch die Feder hin und erkundigte sich in besonders teilnahmsvoller Art nach Herrn Goljadkins Gesundheit.

»Gott sei Dank, Anton Antonowitsch, ich ...« erwiderte Herr Goljadkin stotternd, »ich bin ganz gesund, Anton Antonowitsch; ich kann augenblicklich nicht klagen, Anton Antonowitsch,« fügte er in unsicherem Tone hinzu, da er diesem Anton Antonowitsch, dessen Namen er so häufig angebracht hatte, noch immer nicht ganz traute.

»So so! Und ich hatte schon geglaubt, Sie wären nicht wohl. Übrigens wäre das ja auch kein Wunder, im Gegenteil! Es herrschen jetzt allerlei ansteckende Krankheiten, wissen Sie ...!«

»Ja, ich weiß, Anton Antonowitsch, daß solche Krankheiten herrschen ... Aber, Anton Antonowitsch, das ist nicht der Grund, weswegen ich ...« fuhr Herr Goljadkin, seinen Tischvorsteher unverwandt anblickend; fort. »Sehen Sie, Anton Antonowitsch, ich weiß nicht einmal, wie ich Ihnen ... d. h. ich will sagen, von welcher Seite ich diese Sache anfassen soll, Anton Antonowitsch...«

»Was meinen Sie? Ich habe Sie ... wissen Sie ... ich muß bekennen, ich verstehe Sie noch nicht recht; bitte, erklären Sie deutlicher, was Sie so in Verlegenheit setzt,« sagte Anton Antonowitsch, der selbst ein wenig verlegen wurde, da er sah, daß Herrn Goljadkin sogar Tränen in die Augen getreten waren. »Ich weiß wirklich nicht, Anton Antonowitsch ... hier ... da ist ein Beamter, Anton Antonowitsch ...«

»Na! Ich verstehe immer noch nicht.«

»Ich will sagen, Anton Antonowitsch, es ist hier ein neu eingetretener Beamter.«

»Ja freilich; ein Namensvetter von Ihnen.«

»Wie?« rief Herr Goljadkin.

»Ich sage: ein Namensvetter von Ihnen; er heißt ebenfalls Goljadkin. Ist er kein Verwandter von Ihnen?«

»Nein, Anton Antonowitsch, ich ...«

»Hm! Nun sagen Sie mal! Und ich hatte geglaubt, er wäre gewiß ein naher Verwandter von Ihnen. Wissen Sie, es ist da so eine gewisse Familienähnlichkeit.«

Herr Goljadkin war starr vor Erstaunen, und eine Weile versagte ihm die Zunge den Dienst. Wie konnte der andre eine in ihrer Art so seltene, eine so ungeheuerliche, unerhörte Sache so leichthin behandeln, eine Sache, die sogar einen ganz unbeteiligten Zuschauer befremden mußte! Wie konnte er von Familienähnlichkeit sprechen, wo ein reines Spiegelbild vorlag!

»Wissen Sie, was ich Ihnen raten möchte, Jakow Petrowitsch?« fuhr Anton Antonowitsch fort. »Sie sollten zu einem Arzte gehen und den befragen. Wissen Sie, Sie sehen ganz krank aus. Besonders Ihre Augen ... wissen Sie, Ihre Augen haben so einen besonderen Ausdruck.«

»Nicht doch, Anton Antonowitsch; ich fühle allerdings ... d. h. ich wollte noch fragen, wie es mit diesem Beamten steht.«

»Wieso?« »Das heißt, haben Sie an ihm nicht etwas Besonderes bemerkt, Anton Antonowitsch ... etwas sehr Auffälliges?«

»Inwiefern?«

»Ich meine zum Beispiel eine überraschende Ähnlichkeit mit jemand, Anton Antonowitsch, d. h. zum Beispiel mit mir. Sie sprachen soeben von einer Familienähnlichkeit, Anton Antonowitsch, und machten darüber so eine beiläufige Bemerkung ... Wissen Sie, es kommen manchmal Zwillinge vor, die sich ähnlich sehen wie ein Ei dem andern, so daß man sie gar nicht unterscheiden kann. Nun also, von solcher Ähnlichkeit rede ich.«

»Ja,« versetzte Anton Antonowitsch nach kurzem Nachdenken, und wie wenn ihm dieser Umstand jetzt zum ersten Male auffiele, »ja, allerdings! Sie haben recht, die Ähnlichkeit ist wirklich erstaunlich; und Sie urteilen ganz richtig: sie ist so groß, daß man wirklich den einen für den andern nehmen kann,« fuhr er fort, indem er die Augen immer weiter öffnete. »Und wissen Sie, Jakow Petrowitsch, es ist sogar eine wunderbare Ähnlichkeit, eine märchenhafte Ähnlichkeit, wie man zu sagen pflegt, d. h. er sieht vollständig so aus wie Sie... Haben Sie das bemerkt, Jakow Petrowitsch? Ich wollte Sie schon selbst bitten, es mir zu erklären; aber ich muß bekennen, ich habe es anfänglich nicht gebührend beachtet. Es ist ein Wunder, in der Tat ein Wunder! Sagen Sie mal, Jakow Petrowitsch, Sie sind ja wohl nicht hier geboren, wie?«

»Nein.«

»Er ist auch kein Hiesiger. Vielleicht stammt er aus demselben Orte wie Sie. Gestatten Sie die Frage: wo hat Ihre Mutter meistens gelebt?«

»Sie sagten ... Sie sagten, Anton Antonowitsch, er sei kein Hiesiger?«

»Allerdings, er ist nicht von hier. Aber wirklich, es ist ein reines Wunder,« fuhr der redselige Anton Antonowitsch fort, für den es das größte Vergnügen war, wenn er über irgendetwas plaudern konnte. »In der Tat, die Sache kann einen neugierig machen; wie oft geht man an dergleichen vorüber, streift daran an, stößt daran an und bemerkt es nicht! Beunruhigen Sie sich übrigens nicht! So etwas kommt vor! Wissen Sie, da möchte ich Ihnen erzählen: ganz dasselbe begegnete meiner Tante von mütterlicher Seite; die sah sich auch vor ihrem Tode doppelt...«

»Nein, ich ... entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, Anton Antonowitsch ... ich wollte mich erkundigen, was es mit diesem Beamten für eine Bewandtnis hat, d. h. aus welchen Gründen er hier ist.«

»Er ist an Stelle des verstorbenen Semjon Iwanowitsch hier; in dessen vakanten Platz ist er eingerückt; es war eine Vakanz entstanden, und da hat man ihn eingestellt. War doch ein prächtiger Mensch, dieser Semjon Iwanowitsch; drei Kinder hat er hinterlassen, wie man sagt, eines immer kleiner als das andere. Die Witwe hat sich Seiner Exzellenz zu Füßen geworfen. Man sagt übrigens, sie verberge Geld; sie habe welches, verberge es aber...«

»Nein, Anton Antonowitsch, ich wollte gern noch mehr über jenen eigentümlichen Fall hören.« »Was meinen Sie? Ach ja! Aber warum interessieren Sie sich so dafür? Ich sage Ihnen: beunruhigen Sie sich nicht darüber! Das geht alles vorüber. Was ist denn dabei? Sie können ja nichts dafür; das hat nun einmal unser Herrgott selbst so eingerichtet; das ist sein Wille gewesen, und darüber zu murren ist Sünde. Darin erkennt man seine Weisheit. Sie aber, Jakow Petrowitsch, sind, soviel ich davon verstehe, in keiner Weise schuld daran. Was gibt es nicht alles für Wunderdinge auf der Welt! Mutter Natur ist freigebig, und Sie werden dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden; Sie werden das nicht zu verantworten brauchen. Da fällt mir zum Beispiel ein. Sie haben ja wohl gehört, wie die.. wie nennt man sie doch?... ja, die siamesischen Zwillinge, wie die mit dem Rücken zusammengewachsen sind und so zusammen leben und essen und schlafen; es heißt, sie nehmen eine Menge Geld ein.«

»Erlauben Sie, Anton Antonowitsch...«

»Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie! Ja! Nun ja, was ist dabei? Gar nichts! Ich sage: nach meiner vollen Überzeugung haben Sie keinen Anlaß, sich zu beunruhigen. Was liegt denn vor? Er ist ein Beamter wie andere, und es scheint ja, daß er ein tüchtiger Arbeiter ist. Er sagt, er heiße Goljadkin und sei nicht von hier und sei Titularrat. Er hat persönlich mit Seiner Exzellenz gesprochen.«

»Und wie hat sich Seine Exzellenz dazu gestellt?«

»Es ist nichts Besonderes darüber zu sagen. Der Mensch hat sich, wie man sagt, hinreichend ausgewiesen und seine Gründe dargelegt. Er hat gesagt: ›So und so, Exzellenz; ich besitze kein Vermögen und möchte gern amtlich tätig sein, und es wäre mir eine besondere Ehre, wenn mir das unter Ihrer Leitung vergönnt wäre;‹ ... na, und alles, wie es sich gehört; wissen Sie, er hat sich ganz geschickt ausgedrückt. Es muß ein kluger Mensch sein. Na, selbstverständlich hat er auch eine Empfehlung mitgebracht; ohne eine solche wäre es ja nicht gegangen ...«

»Von wem war die denn? ... Das heißt, ich meine, wer hat denn eigentlich bei dieser schändlichen Sache seine Hand im Spiele gehabt?«

»Ja, man sagt, es sei eine gute Empfehlung gewesen; man sagt, Seine Exzellenz habe mit Andrei Filippowitsch zusammen gelacht.«

»Mit Andrei Filippowitsch gelacht?«

»Jawohl; er habe gelächelt und gesagt, es sei gut, und er seinerseits sei nicht abgeneigt, wenn er nur seine dienstlichen Obliegenheiten treu erfüllen wolle ...«

»Bitte, weiter! Sie beruhigen mich einigermaßen, Anton Antonowitsch; ich bitte Sie inständig: weiter!«

»Gestatten Sie, ich wundere mich wieder über Sie ... Na ja, na, die Sache ist ja ganz unwichtig; das Ereignis ist weiter nicht wunderbar; ich sage: beunruhigen Sie sich nicht; man braucht daran nichts bedenklich zu finden ...«

»Nein. Ich möchte Sie noch fragen, Anton Antonowitsch, ob Seine Exzellenz weiter nichts hinzugefügt hat ... zum Beispiel etwas, was mich betrifft.«

»Das heißt, gewiß! Ja freilich! Oder vielmehr nein, nichts, Sie können ganz beruhigt sein. Wissen Sie, das ist ja selbstverständlich, daß die Sache sehr auffallend ist, und zuerst ... ja, sehen Sie, ich zum Beispiel habe sie zuerst fast gar nicht beachtet. Ich weiß wirklich nicht, warum ich sie nicht eher beachtet hatte, als bis Sie mich darauf aufmerksam machten. Aber übrigens, Sie können ganz beruhigt sein. Seine Exzellenz hat nichts Besonderes gesagt, gar nichts gesagt,« fügte der gutmütige Anton Antonowitsch hinzu, indem er sich von seinem Stuhle erhob.

»Also, Anton Antonowitsch, ich möchte ...«

»Bitte, entschuldigen Sie mich! Ich habe schon zu viel Zeit mit diesen Kleinigkeiten verplaudert, und da ist eine wichtige, eilige Sache. Die muß ich notwendig fertigmachen.«

»Anton Antonowitsch!« rief Andrei Filippowitschs Stimme in höflichem Tone. »Seine Exzellenz wünscht Sie zu sprechen.«

»Sofort, sofort, Andrei Filippowitsch; ich komme sofort.« Anton Antonowitsch ergriff einen Pack Akten und lief zuerst zu Andrei Filippowitsch und dann in das Arbeitszimmer Seiner Exzellenz.

»Also wie liegt denn die Sache?« dachte Herr Goljadkin bei sich. »Also wie steht mein Spiel? Was macht der Himmel jetzt für ein Gesicht? ... Es steht nicht übel; die Sache hat eine sehr angenehme Wendung genommen,« sagte unser Held im stillen, indem er sich die Hände rieb und vor Freuden den Stuhl unter seinem Leibe nicht spürte. »Also ist meine Sache eine ganz gewöhnliche Sache. Also wird alles ein harmloses Ende nehmen und keine schlimmen Folgen haben. Es hat tatsächlich niemand etwas gemerkt, und meine Kollegen, diese Banditen, haben sich keine Dreistigkeiten herausgenommen; sie sitzen still da und beschäftigen sich mit ihren Akten; prächtig, prächtig! Ich habe diesen guten Menschen, unsern Anton Antonowitsch, sehr gern; ich habe ihn immer sehr gern gehabt und hochgeschätzt ... Übrigens, ja ... wenn man bedenkt ... dieser Anton Antonowitsch ... verlassen kann man sich doch nicht auf ihn: er ist doch schon ganz grau und vor Alter recht wackelig geworden. Das beste und wichtigste ist übrigens, daß Seine Exzellenz nichts gesagt hat und die Sache so hat vorübergehen lassen. Das ist gut; das freut mich! Nur, warum mischt sich Andrei Filippowitsch da mit seinem Gelächter hinein? Was kümmert ihn die Sache? Dieser alte Fuchs! Immer ist er mir im Wege; immer sucht er einem einen Strich durch die Rechnung zu machen; immer kommt er einem in die Quere und ist einem hinderlich; immer ist er einem hinderlich und kommt einem in die Quere...«

Herr Goljadkin blickte wieder rings um sich und wurde wieder von neuer Hoffnung belebt. Er fühlte aber doch, daß ihn trotzdem eine ferne Ahnung von Unheil beunruhigte. Es kam ihm sogar der Einfall, sich selbst irgendwie an die Beamten heranzumachen, das Prävenire zu spielen, also etwa beim Herausgehen nach Schluß der Bureaustunden, oder indem er unter dem Vorwande einer geschäftlichen Anfrage an sie heranträte, gesprächsweise Andeutungen in folgender Art zu machen: »So und so, meine Herren, da ist so eine auffällige Ähnlichkeit, ein seltsamer Fall, die reine Komödie,« also sich selbst über die ganze Sache lustig zu machen und auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. Aber unser Held sagte sich zum Schluß in Gedanken, in einem stillen, tiefen Pfuhl hätten die Teufel ihr Wesen. Übrigens war das bei Herrn Goljadkin nur ein vorübergehender Gedanke; er wurde noch rechtzeitig anderen Sinnes. Er sah ein, daß das so viel hieße, als die Gefahr herausfordern. »Das liegt nun einmal in deinem Charakter,« sagte er zu sich selbst und klopfte sich leicht mit der Hand gegen die Stirn; »gleich bist du wieder fröhlich und treibst Mutwillen! Du bist eine biedere Seele! Nein, jetzt ist es schon das beste zu warten, Jakow Petrowitsch; jetzt wollen wir uns gedulden und warten!« Nichtsdestoweniger war Herr Goljadkin, wie wir bereits erwähnt haben, wieder hoffnungsvoll und hatte ein Gefühl, als ob er von den Toten auferstanden wäre. »Es macht sich,« dachte er; »es ist mir, wie wenn mir eine Zentnerlast von der Brust gefallen wäre! Nein, so ein Erlebnis! ›Das Kästchen war nur einfach aufzuklappen‹.Der Schlußvers einer Krylowschen Fabel. Jemand sucht vergebens nach dem Mechanismus zum Öffnen eines Kästchens, das einen solchen gar nicht besitzt, sondern sich einfach aufklappen läßt. Anmerkung des Übersetzers. Krylow hat recht ... Krylow hat recht; dieser Krylow ist ein Fuchs, ein Schlaukopf und ein großer Fabeldichter! Aber was diesen Menschen anlangt, so mag er meinetwegen hier amtieren, und möge es ihm wohl bekommen, wenn er nur niemandem in die Quere kommt und mit niemandem Streit anfängt; mag er hier amtieren, ich habe nichts dagegen, ich bin einverstanden!«

Unterdessen verging die Zeit wie im Fluge, und ehe Herr Goljadkin sich dessen versah, schlug es vier. Die Amtsstunden waren zu Ende; Andrei Filippowitsch griff nach seinem Hute, und alle folgten wie üblich seinem Beispiele. Herr Goljadkin blieb unter dem Vorwande eines notwendigen Bedürfnisses noch eine kleine Weile zurück und ging absichtlich erst nach allen andern, als letzter, weg, als sich bereits alle nach verschiedenen Richtungen verteilt hatten. Als er auf die Straße hinaustrat, fühlte er sich wie im Paradiese, so daß bei ihm sogar der Wunsch rege wurde, einen Umweg zu machen und eine Strecke auf dem Newski-Prospekte zu gehen. »So geht es in der Welt!« sagte unser Held. »Ein unerwarteter Umschwung der ganzen Sache! Auch das Wetter hat sich aufgeklärt; Kälte und Schlittenfahrt. Und die Kälte taugt für den Russen; der Russe verträgt sich mit der Kälte prächtig. Ich liebe den Russen. Auch ein bißchen Schnee ist da, der erste Spurschnee, wie ein Jäger sagen würde; da müßte man im ersten Spurschnee auf die Hasenjagd gehen! Ei weih! Na, wenn's nicht ist, so schadet's auch nichts!«

So gab Herr Goljadkin seinem Entzücken Ausdruck; aber dabei hatte er doch immer noch ein kitzelndes Gefühl im Kopfe, das mit Kummer Ähnlichkeit hatte, und manchmal verspürte er am Herzen ein Saugen, gegen das er kein Linderungsmittel wußte. »Übrigens, wir wollen noch einen Tag warten und uns dann erst freuen. Was ist denn eigentlich los? Na, wir wollen die Sache überlegen, die Sache ansehen. Na, also laß uns einmal überlegen, mein junger Freund, laß uns einmal überlegen! Also da ist ein ebensolcher Mensch wie du, ein ganz ebensolcher. Na, was hat es damit auf sich? Wenn ein solcher Mensch da ist, brauche ich darüber zu weinen? Was geht es mich an? Ich habe damit nichts zu schaffen; ich pfeife darauf, Punktum! Er ist nun einmal da, Punktum! Mag er amtieren! Na, da wird nun gesagt, das sei ein Wunder und eine Seltsamkeit wie die siamesischen Zwillinge... Na, was sollen dabei die Siamesen? Allerdings, die sind Zwillinge; aber auch große Männer haben manchmal ihre Wunderlichkeiten gehabt. Es ist sogar aus der Geschichte bekannt, daß der berühmte Suworow wie ein Hahn krähte... Na, das tat er alles aus Politik; auch große Feldherrn ... aber was sollen hier die Feldherrn? Ich bin ein gewöhnlicher Mensch und weiter nichts und will niemanden kennen und verachte im Gefühle meiner Unschuld den Feind. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf. Mein Charakter ist rein, aufrichtig, anständig, freundlich, sanft...«

Plötzlich verstummte Herr Goljadkin, brach ab und zitterte wie ein Blatt; ja, er schloß sogar für einen Augenblick die Augen. Da er jedoch hoffte, daß der Gegenstand seiner Furcht einfach eine Augentäuschung sei, so öffnete er schließlich die Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts. Nein, es war keine Augentäuschung!... Neben ihm trippelte sein Bekannter vom Vormittag, lächelte, schaute ihm ins Gesicht und wartete, wie es schien, auf eine Gelegenheit, um ein Gespräch anzufangen. Es kam jedoch nicht dazu. Auf diese Art gingen sie beide etwa fünfzig Schritte. Herrn Goljadkins ganzes Bemühen ging dahin, sich möglichst fest in seinen Mantel einzuhüllen, sich möglichst tief in ihn zu vergraben und den Hut so weit als nur irgend möglich auf die Augen herabzuziehen. Um die Beleidigung vollständig zu machen, waren auch der Mantel und der Hut seines Freundes genau von derselben Art wie diejenigen, die Herr Goljadkin auf den Schultern und auf dem Kopfe trug.

»Mein Herr,« sagte unser Held endlich, indem er sich bemühte, fast im Flüstertone zu sprechen, und seinen Freund nicht ansah, »es scheint, daß wir verschiedene Wege haben ... Ich bin sogar überzeugt davon,« sagte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte. »Ich bin auch überzeugt, daß Sie mich vollständig verstanden haben,« fügte er zum Schluß in ziemlich strengem Tone hinzu.

»Ich möchte gern ...« erwiderte endlich Herrn Goljadkins Freund, »ich möchte gern ... ich hoffe, Sie werden mich großmütig entschuldigen ... ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden soll ... meine Umstände ... ich hoffe, Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen ... es schien mir sogar, als ob Sie heute morgen, von Mitleid bewegt, an mir Anteil nahmen. Ich meinerseits habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefühlt; ich ...« Hier wünschte Herr Goljadkin in Gedanken, sein neuer Kollege möchte in die Erde versinken.

»Wenn ich wagen könnte zu hoffen, daß Sie, Jakow Petrowitsch, mir gütiges Gehör schenken würden ...«

»Wir ... wir sind hier nicht ungestört. Wir ... wollen lieber in meine Wohnung gehen,« versetzte Herr Goljadkin. »Wir wollen jetzt auf die andre Seite des Newski hinübergehen; dort werden wir beide bequemer gehen können. Und dann wollen wir eine Seitengasse einschlagen ... das wird das beste sein.«

»Schön. Schlagen wir die Seitengasse ein, wenn es Ihnen so gefällig ist!« erwiderte Herrn Goljadkins demütiger Gefährte schüchtern, wie wenn er durch den Ton seiner Antwort zum Ausdruck bringen wollte, daß er nicht wählerisch sein dürfe und in seiner Lage bereit sei, sich auch mit einer Seitengasse zu begnügen. Was Herrn Goljadkin anlangt, so begriff er gar nicht, was mit ihm vorging. Er traute seinen eigenen Sinnen nicht. Er war von seinem Erstaunen noch nicht wieder zu sich gekommen.

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