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Johann Gottfried Kinkel: Der Domschatz - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGottfried Kinkel
titleDer Domschatz
publisherDom-Verlag
seriesRheinische Erzählungen
volumeBand 8
editorHans Kliche
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid27adac85
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Der Hauskrieg.

Eine Geschichte vom Niederrhein.

Friede ernährt, Unfriede verzehrt! Das ist ein altes, wahres Wort! aber manche Leute mögen nicht dran glauben.

Am Niederrhein liegt ein kleines Dorf, hübsch und reinlich, und wohnen wohlhäb'ge Leute darinnen, denn Äcker und Wiesen sind ergiebig und das Volk ist fleißig und ordentlich. Der reichste Bauer aber war der alte Andres, dessen Haus und Stallungen zunächst beim Strome liegen, vorn wo der Leinpfad am Dorfe vorbeizieht. Als der zu sterben kam, ging all sein Gut bloß auf zwei Söhne über: der älteste hieß Kaspar, der jüngste Sebulon.

Der Kaspar war von Jugend auf ein gesunder baumstarker Kerl gewesen, der mit fünfzehn Jahren seinen Pflug leitete und seine Sense führte wie ein Alter; und wenn er abends nach Hause kam, verstand er's gleichfalls, in Kartoffeln und Klötze einzuhauen wie der beste Meisterknecht. Der Sebulon aber hatte in seiner Jugend die englische Krankheit gehabt und Lebertran drei Jahre trinken müssen statt Bier. Auch alle andern Kinderkrankheiten machten ihm's Leben sauer. Zwar erkriegte er sich nach dem vierzehnten Jahr, aber krumme Wackelbeine behielt er, und der Barbier hat nie viel von ihm verdient, weil er keinen Bart bekam. Zum Vieh und Ackergerät hatte er kein Gemüt; am liebsten lag er hinterm Ofen, spielte mit Nachbarskindern, die viel jünger waren als er und tüftelte ihnen allerhand Spielzeug zusammen, setzte den Tierchen aus der Arche Noä abgebrochene Köpfe und Beine vom Wachs wieder an und nähte Puppenkleidchen. Der alte Andres sah, daß er im Felde nichts taugte, und gab ihn zu einem Schneider in die Lehre. Er lernte auch sein Handwerk rechtschaffen und kam noch eh' der Vater starb in gute Kundschaft herein. Nur die Mädchen wollten nichts von ihm wissen, auch die nicht, denen er ehemals Puppenhemdchen gemacht hatte; sie spotteten eher über ihn und ärgerten ihn mit dem Spitznamen Meister Scherenbein, den sie ihm wegen seiner kreuzweis gewachsenen Untertanen anhängten. Dadurch verlor er ordentlich den Mut, sich zu verlieben und hing sich desto mehr an seinen Bruder Kaspar. Der aber nahm sich schon früh, wie's gute Sitte ist auf dem Lande, eine Frau und kriegte mit der richtig alle Jahr ein Kind.

Als nun der alte Andres Todes verblichen war, da einigten sich die Brüder ganz leicht und gutwillig wegen der Erbschaft. Der Kaspar übernahm alle Ackergüter, der Sebulon das Haus mit dem großen Gemüsegarten und die Wiesen, die dabei liegen. Seinem Bruder räumte er das Erdgeschoß ein und ging dafür bei der Schwägerin in die Kost. Er selber wohnte im Oberstock; dort hatte er eine große nette Stube, deren Fenster über einen Wiesenfleck nach dem Rhein und der Hauptstraße des Dorfes gingen. Hier saß er auf seinem Tisch und nähte tapfer zu; alles was in der Nachbarschaft geschah, konnte er gut sehen, und mit jedem Schiffer, der unten am Wasser anlegte, sprach er und fragte ihn, was es Neues gäbe zu Mainz oder zu Emmerich. So führte er ein ganz vergnügtes Leben und wurde, ohne daß er's recht merkte, ein alter Junggeselle dabei.

Zwanzig volle Jahre hatten die Brüder einträchtig miteinander gewohnt. Am besten fuhren dabei die Kinder des Kaspar; die lagen dem Ohm den ganzen Tag auf der Stube, lauerten zu den großen Fenstern heraus und ließen sich von ihm zwischen Tag und Dunkel Puppen und Lappenmäuschen schneidern. Erst wenn wieder eins von ihnen in die Jahre kam, daß es in die Schule gehen mußte, wurde es gegen Ohm Sebulon unartig, weil es von den Mitschülern über ihn spotten hörte. Dann wurde jedes vor und nach rebellisch wider ihn, bis er's endlich einmal beim Flügel nahm und die Treppe hinabjagte. Dies war er schon bei allen seinen Neffen und Nichtchen gewöhnt.

Da legte auf einmal der Teufel ein Ei in die Wirtschaft. Der Kaspar hatte jetzt zwölf Kinder, klein und groß wie die Orgelpfeifen. Da er gut gewirtschaftet und das Erbgut durch Ankauf neuer Ländereien vergrößert hatte, mußte er mehr Dienstvolk halten als vorher und so wurde seiner Frau das Untergeschoß des elterlichen Hauses zu klein. Sie lag ihrem Mann in den Ohren, daß er sich ein neues Haus neben das alte bauen möchte, und das sollte von Ziegelsteinen sein und nicht von Lehmfachwerk und sollte sogar eine gemalte Stube darin sein. Der Kaspar wollte lange Zeit nicht dran, denn er meinte: für das neue Haus kann ich mir ein Dutzend Kühe einstellen und einen Morgen Land noch obenein kaufen, aber die Frau wollte ein blankes Haus und keine Kühe. Lieber Leser, wenn du Kühe haben willst und deine Frau ein neues Haus, so werden zwar die Kühe nicht gekauft, allein das neue Haus wird sicherlich gebaut.

Aber der Bauplatz? Den mußte der Bruder Sebulon ja erst hergeben. Denn ihm gehörte das Land um das ganze Stammhaus herum, und er hatte im Garten prächtiges Gemüse, in den Wiesen aber feines Obst stehen; das schickte er mit dem Marktnachen zweimal die Woche nach Rees oder Kleve hinunter und hatte manchen harten Taler daraus gelöst und als Kapitälchen ausgetan. Der Garten besonders war seine beste Freude: es tat ihm wohl, wenn er so vom Schneidertisch aufstehen und die leichte Gartenarbeit, als Säen, Pflanzen, Okulieren und Einsammeln, vornehmen konnte.

Der Kaspar hatte zwar draußen in der Flur Land die Hülle und Fülle, aber hier beim Dorfe gehörte ihm nur ein schmaler schlechter Strich, der grade zwischen dem Stammhaus und dem Leinpfad lag: den hatte sich bei der Teilung die Frau ausbedungen, um da zwischen die Bäume ihre Trockengarne anzubinden. Es war ein ungleicher schlechter Sandboden und schoß so stark gegen den Fluß ab, daß er beinahe jedes Jahr vom Wasser überschwemmt wurde.

Am allerbesten wäre nun das Haus in den Gemüsegarten Sebulons zu stehen gekommen; der lag hoch und trocken, hatte eine nette Aussicht auf den Fluß und bot festen, guten Grund für die Anlegung des Kellers. Das war auch von Anfang die Meinung der Frau gewesen, und nun rückte sie damit heraus. Ihr Mann kratzte sich hinter den Ohren, als er's hörte, und meinte: sie solle doch selber einmal mit dem Bruder Sebulon zu reden anfangen.

Das geschah beim nächsten Abendessen, als die Danksagung gesprochen und die Kinder nach Bett gejagt waren. Die Frau nahm das Ding wie etwas, das sich ja ganz von selber verstünde, meinte auch sogar, der Bruder Sebulon werde doch brüderlich handeln und ihnen den Garten hübsch wohlfeil überlassen. Sebulon erwiderte nichts, sondern stand auf, reichte dem Kaspar, wie alle Abend geschah, eine Prise aus seiner Dose, und als der nieste, sagte er: Profiziat und gute Nacht miteinander. Hierauf stieg er die Treppe hinauf in sein Quartier.

Aber schlafen konnte er in dieser Nacht nicht. In der ersten Stunde dachte er über die schönen Pfirsich- und Aprikosenspaliere nach, die er vor drei Jahren mit der allergrößten Mühe endlich in gutes Wachstum gebracht hatte, nachdem er sechsmal vergebens Schößlinge eingesetzt. In der zweiten Stunde kamen ihm die Ranunkeln in den Sinn, für die er das schönste, sonnigste Beet des Gartens bestimmt hatte; sein Ranunkelnflor war sein Stolz, keiner in der Nachbarschaft, auch kein Kunstgärtner in den nächsten Städten konnte an Zahl der Arten mit ihm wetteifern. Nach Mitternacht fielen ihm die schönen, saubern Kieswege ein, für die er selber den Grand, wohl zweihundert Schubkarren voll, mit Schweiß und Mühe vom Rheinufer heraufgefahren hatte, und das nette Rondellchen in der Mitte, mit Seemüschelchen ausgelegt, die extra von Scheveningen herbestellt waren. Als der Nachtwächter ein Uhr blies, fuhren ihm die herrlichen dicken Spargel durch die Seele, die er jährlich von dem Hauptbeet an der Hecke zu Markt schickte, um zwei Uhr die mächtigen Kappesköpfe, um drei Uhr die grünen Erbsen – und gegen Morgen sprangen und schwirrten alle diese Gedanken, die Aprikosen und die Seemuscheln, der Kappes und die Ranunkeln, die Erbsen und die Spargel durcheinander in seinem Kopfe herum. Das alles sollte nun ausgerissen, niedergehauen, geebnet werden, bloß um ein Haus dahinzusetzen, das ebensogut anderswo Platz hatte. Noch einmal auf seinen alten Tag sollte er sich einen ganz neuen Garten anlegen und dessen Früchte vielleicht nicht mehr genießen!

Am Morgen faßte er sich ein Herz, griff zu einem andern Entschluß und ging gesetzt und fröhlich zum Mittagessen hinunter. Die Frau machte ihm gleich kein so gutes Gesicht wie sonst, denn es verdroß sie, daß er nicht gestern alsbald gutwillig ja gesagt hatte. Aber sie verkniff sich, denn sie meinte, er sollte selber von dem Dinge zu reden anfangen. Das geschah nicht: sie wurde ungeduldig und fuhr am Ende derb mit der Frage heraus: »Nu, Herr Schwager, habt Ihr's diese Nacht gehörig beschlafen? Wie teuer laßt Ihr uns den Garten?«

Da sagte Sebulon: »Schickt erst die Kinder fort, dann bespricht sich's besser.«

Als die fort waren, redete er weiter: »Liebe Frau Schwägerin, den Garten kann ich nicht missen; ich profitiere so viel daraus, daß ich ihn nicht billig ablassen kann, wie sich's doch unter Brüdern schickt. Der Wiesengrund taugt nicht für Blumen und Kappes, da kann ich keinen neuen Garten machen, auch dauert's mir zu lang. Aber euch kann's eins sein, ob ihr ein paar Schritte rechts oder links bauet. Sucht euch also in der Wiese einen Platz fürs Haus und für einen stattlichen Hof obenein. Seid nicht blöde, ihr könnt frisch einen halben Morgen Land dazu nehmen. Was ich habe, kriegen ja doch eure Kinder, und mir kommt's nicht drauf an: den halben Morgen schenk' ich euch.«

Das war brüderlich gesprochen, und der Kaspar hob schon die Hand auf, um in Sebulons Hand einzuschlagen und sich fröhlichen Mutes zu bedanken. Aber die Frau war's nicht zufrieden, weil sie's nun einmal so gewollt hatte und nicht anders. »Nein,« sagte sie, »in Eure Sumpflöcher bau ich nicht; lieber bleib ich im Stammhaus sitzen.«

»Wie es Euch beliebt,« sagte Sebulon, »und wünsche allerseits wohl gespeist zu haben.« Damit ging er ganz freundlich aus der Stube und stieg in seine Werkstatt hinauf.

Nun brach der Zorn der Frau los. Wenn der Sebulon ihr grob antwortete, so konnte sie gegen ihn ihre Galle loslassen, und nach einem herzhaften Zank möchten sich beide vielleicht vereinigt haben. Nun aber mußte der Mann es ausbaden.

»Du bist mir auch der Rechte,« fuhr sie ihn an, »läßt deine Frau allein reden: der Schwager soll wohl denken, ich wäre wunder wie böse. So geht's den armen Weibern: ihr Männer laßt Gottes Wasser über Gottes Land laufen, und wenn wir hernach auf unser Eigentum und aufs Gut unserer armen Würmer denken, da müssen wir böse Zungen sein.«

»Frau,« sagte der Kaspar, »die Wiese ist eben gut zum Bauen, und wir kriegen sie geschenkt.« »Ich will aber die Wiese nicht«, schrie sie. »Lieber bau' ich auf den Fleck am Wasser, der uns gehört, daß der krumme Scheerenbein sich ärgern soll, wenn er nicht mehr auf den Rhein sehen und mit dem Schiffervolk schwätzen kann, das alte Weib der– «

»Der müßt' auch ein Narr sein, der dahin baute,« sagte der Kaspar, »da stände das Haus keine zehn Jahre wegen des Eisgangs. Jetzt muß ich ins Feld.« Damit ging auch er zur Stube hinaus.

Derweil saß der Sebulon auf seinem Schneidertisch und nähte kleine Läppchen zusammen für eine Jacke, die er seinem jüngsten Neffen, dem Hanspeter, für seinen neuen Hanswurst versprochen hatte. Der Junge war schon dreimal dagewesen; nun hatte er sie ihm auf drei Uhr zugesagt, da wollte der Hanspeter sie holen kommen.

Es schlug drei Uhr: die Jacke war fertig, aber der Hanspeter kam nicht. Meister Sebulon fing eine andere Arbeit an: er wird wohl fischen sein, meinte er. Es schlug vier Uhr: das Kind blieb aus, auch die andern kamen nicht, die sonst immer nach der Schule ihre Schnitte Brot mit Barkäs bei ihm aufaßen. Sebulon sagte für sich: sicher machen sie sich ein Kartoffelfeuer auf dem Acker, oder sollt' ihnen gar was zugestoßen sein?

Als es aber fünf schlug, hörte er das kleine Gesindel unten im Vorhause sich jagen und schreien. Er trat an die Treppe und rief hinunter: »Hanspeter, bring den Hanswurst, die Jacke ist fertig!«

»Nein, Oheim,« rief der kleine Junge herauf, »ich mag die Jacke gar nicht.«

Sebulon ging an den Schneidertisch, holte die prächtige bunte Jacke, zeigte sie den Kindern und sprach: »Wer will sie jetzt, wenn der Hanspeter sie nicht mag?« Der zweitletzte Bube, der Michel, rief: »Ich,« und hatte schon den Fuß auf die unterste Treppenstufe gesetzt; da sprang ein älteres Mädchen, die schnippische Anna, hinzu, riß den Michel heftig am Arm herunter, daß er auf die Erde fiel, und sprach: »Halt du deine Jacke, Ohm. Die Mutter hat gesagt, du wärest ein böser Ohm, der seinen Bruderskindern nichts Gutes gönnt, und da wollen wir gar nichts mehr von dir haben. Und die Mutter sagt auch, wir sollen gar nicht mehr zu dir auf die Werkstube gehen.«

»Ja,« rief einer der Buben, »ich komme auch nicht mehr zu dir, du Ohm Scherenbein. Hoho, Ohm Scherenbein.«

Und die ganze Rotte, klein und groß, der Michel mit, brüllte laut auf: »Hoho, Ohm Scherenbein, Ohm Scherenbein!«

Sebulon wurde kreideweiß vor Zorn und dachte an die Elle, um das ganze Gesindel durchzuhauen, aber er fühlte seine Beine wanken und ging langsam in die Stube zurück. Die Hanswurstjacke zerriß er in kleine Fetzen und warf sie am Fenster hinaus. Dann kletterte er auf den Schneidertisch und fing wütend an einem Wams zu nähen an. Als er fertig war, sah er, daß er den Ärmel verkehrt angesetzt hatte: er schmiß das Wams hin, fuhr in den Rock, nahm sein spanisch Röhrchen und ging hinaus – ins Wirtshaus.

Dem Kaspar, als er seine Feldarbeit fertig hatte, war's auch nicht recht heimlich zumute. Er mochte nicht nach Haus gehen und dachte: die Frau hat's eingebrockt mit dem Bruder Sebulon, mag sie's heut abend beim Essen mit ihm richtigmachen: ich geh' ins Wirtshaus.

Also weil beide diesen Abend sich nicht sehen wollten, kamen sie nun erst recht zusammen, und obenein vor andern Leuten.

Als Kaspar in die Schenke trat, saß der Sebulon in der Ecke und las im niederrheinischen Volkskalender. Er sah schlecht aus und trank wider seine Gewohnheit ein Schöppchen Ahrwein. Sonst hatten sie allezeit dasselbe getrunken und aus einer Flasche; jetzt aber fing der Kaspar, wie er seinen Bruder sah, gleich mit Rum an. Rundherum saß ein Dutzend Leute aus dem Dorf.

»Nun, Kaspar,« sagte der Schöffe, »Ihr wollt bauen, hör' ich?«

»Wißt Ihr das schon,« war die Antwort. »Ja, so Gott will im Frühjahr.«

»Und wohin?«

»Weiß noch nicht, bin mit meinem nächsten Nachbar noch nicht eins geworden.«

Sebulon sah einen Augenblick vom Volkskalender auf, die Augen der Brüder trafen sich. Kaspar fuhr fort: »Nicht alle Leut' sind gefällig.«

Sebulon legte den Kalender hin, nahm die Brille ab, sagte aber kein Wort.

»Ich meine,« sprach der Schöffe, »auf der Wiese Eures Bruders wär's am bequemsten.«

»Ja,« sagte Kaspar, »so wird's auch wohl werden.«

Jetzt fragte der Sebulon über den Tisch herüber: »Auf welcher Wiese meinst du, Kaspar?«

»Nun, wie wir's heut abgesprochen haben, auf deiner!«

»Von der Absprach weiß ich nichts,« erwiderte Sebulon. »Seit heut' abend fünf Uhr wird von meiner Wiese kein Daumenbreit verkauft noch verschenkt.«

»So,« sagte der Kaspar, »das wußt' ich nicht. Ich denk', morgen bei Tisch reden wir noch einmal darüber.«

»Ich esse nicht mehr bei deiner Frau,« antwortete Sebulon. »Ich hab' mich zum Essen hier beim Wirt verakkordiert, bis aufs Frühjahr.«

»Und im Frühjahr?«

»Dann fang' ich eine eigene Wirtschaft an und halte mir eine Köchin, ich wohne oben und die unten.«

»Unten wohnen ja wir,« sagte der Kaspar.

»Nein,« antwortete Sebulon, »unten wohnt ihr im Frühjahr nicht mehr. Ich habe eben den Schöffen gebeten, daß er Euch auf halben Mai kündigen soll.«

»Sebulon«, rief Kaspar und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Bau' ich auf deine Wiese oder nicht?«

»Nein.«

»Oder in deinen Garten?«

»Nein.«

»Und soll auch nicht im Haus meines Vaters wohnen bleiben?«

»Nein.«

»Dann bau' ich auf dem Fleck' zwischen dem Haus und dem Rhein, oder alle Teufel sollen mich zerschlagen und der Schnaps im Glas soll mir Feuer und Flamm' im Magen werden. Gute Nacht, ihr Leute!«

Damit stürzte er seinen Rum hinunter und stürmte nach Haus.

Am andern Morgen früh kam richtig der Schöffe und kündigte im Namen des Sebulon dem Kaspar und seiner Frau die Wohnung auf. Der Frau wurde es schwül, nun es Ernst geworden war, und gern hätte sie jetzt den Wiesenfleck angenommen. Sie meinte, Kaspar sollte doch einmal hinaufgehen und ein gut Wort an den Bruder wenden. Aber nun hatte Kaspar seinen Kopf darauf gesetzt und war zu stolz, den untersten Weg zu gehen. Mit seinen zwei ältesten Jungen wanderte er an den Fluß und hieb alsbald die Bäume nieder, welche daselbst standen. Sebulon steckte einmal oben aus dem Fenster den Kopf in der Nachtmütze heraus und sagte ganz ruhig: »Guten Morgen, und wünsche gute Verrichtung.«

Es war ein erbärmlicher Bauplatz. Zwischen dem Stammhaus und dem Leinpfad eingekeilt, bot er nur für eine Reihe Zimmer Platz. Desto besser, dachte Kaspar, da bau' ich drei Stöcke übereinander und nehme dem Sebulon dabei das beste Licht weg. Aber es mußte auch gegen den Fluß hin eine mächtige steinerne Brüstungsmauer aufgerichtet werden, und das war kein Spaß. Für die Stallungen blieb so wenig Raum, daß man im alten Quartier gar ein halb Dutzend Ochsen mehr stellen konnte. Aber den Stall rückte dafür der Kaspar so, daß er dem Sebulon just auch das Fenster der andern Seite verdeckte, welches auf die Straße des Dorfes hinausging. So nahm er ihm die beste Freude, welche er bei der Arbeit hatte.

Unter Fluch und Verdruß wurde das Haus noch vor dem Winter unter Dach gebracht. Die Brüder grüßten sich nicht mehr, wenn sie sich begegneten, das Dorf lachte sie aus und stocherte dadurch ihren Eigensinn auf. Wenn der Kaspar etwas Neues zu machen hatte, nahm er einen andern Schneider vom nächsten Dorfe in die Kost. Seine Kinder aber taten dem Ohm Schaden, wo sie mochten und konnten, und verschonten ihm sogar die Blumen und Früchte in seinem Garten nicht mehr.

Ein wenig besser wurde es, als im Frühjahr der Kaspar wirklich ins neue Haus einzog, aber viel besser doch nicht. Schon wenn man in der Stadt wohnt, ist's hart, einen Feind zu haben; auf dem Lande ist es noch härter. Denn in der Stadt kann man sich ausweichen, wenn man's anders will. Aber auf dem Lande trifft man sich alle Tage, im Wirtshaus, in der Gemeindeversammlung, im Handel und Wandel, zumal Nachbarn; und dann schmeckt einem nachher das Essen schlecht. Einmal hatte der Kaspar dem Wirt gesagt: Ich wohne doch schön, kann rings um mich blicken und Euch recht ins Dorf sehen; das freut auch meine Frau, sie hat doch etwas Unterhaltung. Der Wirt sagte das dem Sebulon wieder, und am folgenden Tage kamen Maurer, bauten auf drei Seiten um Kaspars Haus auf dem Grund und Boden des Bruders zwei mannshohe Mauern und versahen sie oben aufs trefflichste mit eingekitteten Glasscherben. Zwischen diese Mauern setzte Sebulon eigenhändig junge Pappeln, besah und begoß sie alle Tage und gab dem Nachtwächter ein schweres Trinkgeld dafür, daß er jede Stunde der Nacht zusehen sollte, ob Baumfrevel an ihnen geschähe. Die Kinder des Kaspar holten sich an den bösen Mauern nur zerschnittene Hände und Knie, die Pappeln aber wuchsen lustig und hatten im folgenden Frühjahre das Haus des Kaspar schon dermaßen eingesponnen, daß man um vier Uhr nachmittags Licht anstecken mußte. Da nahm es mit der schönen Aussicht für die Frau gleichfalls ein Ende. Und was noch schlimmer war, die Kinder wurden durch die Mauer von allen ihren alten Spielplätzen abgesperrt und lagen nun den ganzen Tag am Wasser; die Frau konnte sie nicht wegschlagen, und wenn gar hoch Wasser war, hatte sie den ganzen Tag Sorgen und Not. Am Ende mußte der Kaspar eine eigne Person ins Haus nehmen, bloß um auf die Kinder zu passen.

Einmal im Herbst, kurz nach der Grummetmahd saß der Sebulon bei der Arbeit. Da trat ohne anzuklopfen der älteste Sohn seines Bruders in die Stube, stellte sich vor den Schneidertisch hin und fing an: »Ohm Sebulon, der Vater läßt Euch sagen – «

»Tu' deine Kapp vom Kopf,« sagte Sebulon, »wenn du mit deines Vaters Bruder sprichst.«

»Davon hat mir mein Vater nichts befohlen,« antwortete der Bursche und ließ die Mütze sitzen. »Er läßt Euch aber sagen, daß oben, wo Eure Wiesen anfangen, die Krippen nichts mehr taugen. Der Vater meint, das ginge Euch so gut an, wie ihn, und ob Ihr helfen und Geld beisteuern wollt, daß wir einen ganz neuen Steindamm machen und Weiden darauf stecken. Dann will er auch dazutun.«

Da sprach Sebulon: »Er hat's nötiger als ich; wenn im Frühjahre hoch Wasser kommt und nicht gekrippt ist diesen Herbst, geht ihm's Haus treiben. Sag' übrigens deinem Vater: ich hätte doch mitgehalten, wenn er mir keinen Flegel, wie du bist, geschickt hätte.«

Der Bursch' machte kehrt und trollte ohne Gruß ab. Als er seinem Vater die Antwort brachte, sagte der: »Allein leg' ich's Geld nicht aus, um dem geizigen Satan seine Wiesen zu schützen. Gott sei Dank, reich bin ich, und mein Ackerfeld liegt hoch; geht mir auch das Haus flöten, ich kann's aushalten.« Also wurde gar nicht gekrippt. Der Rhein aber stieg schon diesen Herbst höher als gewöhnlich, und als er wieder gefallen war, spazierte Sebulon mit bangem Gemüt auf seine Wiesen hinaus. Richtig: da waren die letzten Reste der alten Krippe weggespült, ein großer Grasfleck abgedeckt, daß der blanke Boden da lag, und wohl anderthalb Morgen mit unfruchtbarem Grand und Sand verschüttet. Sebulon überschlug leicht, daß er, die unvermeidliche Anlage einer neuen Krippe eingerechnet, um tausend Taler ärmer war. Einen Augenblick dachte er bei sich: es wäre nun doch besser, wenn mein Bruder den halben Morgen Wiese für sein Haus hätte, und ich den ganzen, der jetzt noch dazu ruiniert ist. Aber er schlug sich den Gedanken aus dem Sinn, als er an Kaspars Haus auf dem noch nassen Leinpfad vorbeiging; denn da war alles, Klein und Groß dabei, mit Eimern das Wasser aus dem Keller zu tragen, und die Frau rang die Hände, weil ihr die frisch eingemachten Bohnen und das Sauerkraut in den Fässern verdorben waren. Dieser Anblick war dem Sebulon wie ein Schmalzpflaster auf eine spanische Fliege.

Aber bald sollte ihm gar ein Haarseil unter die Haut gelegt werden. Noch im selben Herbst hörte er in der Kirche von der Kanzel die Heirat seiner ältesten Nichte Liese mit einem jungen Bauern aus der Nachbarschaft verkündigen. Das hatten sie also richtig gemacht, ohne ihn, den nächsten Verwandten, darum zu fragen; das hatten sie von der Kanzel ablesen lassen, ehe sie ihm ein Wort darüber gönnten! Die Liese war sein Patchen, er hatte sie allezeit ganz besonders liebgehabt und seit Jahren eine schwere goldene Kette mit Henkeldukaten für sie aufgehoben, die ihm aus der Erbschaft der Mutter zugefallen war. Und nun –

Die Hochzeit kam bald; man bat ihn nicht dazu, aber weil der Herbst noch ein paar warme Tage brachte, schlug man die Tische hart neben seiner Haustür an der Straße auf. Sebulon sah von oben das lustige Leben und verschluckte seinen Verdruß; als er aber die Braut selber in dem schönen neuen Kleid erblickte, das er nicht zugeschnitten und genäht hatte und das ihr, so meinte er, recht schlecht saß, da brachen ihm zwei dicke, bittre Tränen aus den alten Augen. Er konnte es dem Jubel gegenüber nicht aushalten, der zu ihm durch die Wipfel der Pappeln heraufscholl; leise zog er sich an, steckte die ehemals für Liese bestimmte goldene Kette mit den klirrenden, flirrenden Dukaten in die Hosentasche und stieg die Treppe hinunter.

Wäre nun die böse Mauer nicht gewesen, so konnte er durch die Hintertür am Fluß her sich heimlich vorbeischleichen; jetzt mußte er vorn heraus und mitten durch die Hochzeitstische hindurch. Mit leisem Schritt und gesenktem Haupte ging er seines Weges. Die Liese sah ihn und wurde blutrot, ihre Mutter sah ihn und wurde leichenblaß; ein bösartiges Spottgelächter lief über die Gesichter der Gäste bei dieser unerhörten, so hart sich hervordrängenden Kränkung alles Familienbrauchs und aller Familienliebe. Der Kaspar sprang auf: ich glaube, er wollte seinem Bruder das Glas zubringen, und ich glaube auch, der Sebulon wäre dann geblieben, und die Hochzeitsfreude hätte den langen Schmerz ausgeheilt. Da schrien aber die kleinsten unter Kaspars Kindern dem großen Haushunde, den sie heut' in der allgemeinen Freude von der Kette losgemacht hatten, unten am Tische zu: Tiras, Tiras, da ist der Ohm Scheerenbein! Der Hund war sonst ein gutes Tier, das keinem Kinde etwas zuleide tat, aber die kleinen Bösewichter hatten ihn ein paarmal, wenn er an der Kette lag, auf den Ohm gehetzt, um diesen zu erschrecken, und so fuhr er dem jetzt wütend nach den Beinen. Sebulon, der sich auf alles gefaßt hatte, zog ihm mit dem spanischen Rohr einen kräftigen Hieb über die Zähne, und Kaspar gab ihm zu gleicher Zeit einen furchtbaren Fußtritt in die Flanke, so daß das Tier heulend unter den Tisch zurückrollte. Aber zornig sah Sebulon die Familie an und sagte: »Ich gehe ja schon, was braucht ihr denn den nächsten Verwandten eures Hauses von seiner Nichte Hochzeit mit Hunden wegzujagen?« Rascher als vorher schritt er sodann durch die Reihen und bog um die Ecke des Nachbarhauses.

Still ging er durch die Stoppelfelder und Wiesen in die nächste Stadt zum Goldschmied, ließ die Kette schätzen und steckte die Louisd'or, die er dafür bekam, gleichmütig in dieselbe Hosentasche, wo die Kette gewesen war. Dann wandte er sich auf dem Markte zum Hause des Notars, sprach mit ihm eine Stunde und bestellte ihn auf morgen früh in seine Wohnung aufs Dorf hinaus. Hierauf kehrte er heim, setzte sich im Wirtshause zu den andern Gästen und lud den Barbier und den Hufschmied, weil das die beiden ärgsten Plaudermäuler in der Gemeinde waren, ebenfalls auf morgen früh als Zeugen zu sich ein. Hierauf traktierte er sie mit dem besten Wein und spielte bis tief in die Nacht mit ihnen Sibbeschröm zum höchsten Satz. Dabei gingen ihm zwei von den Louisd'or springen, die er für die Kette gelöst hatte: das wollte er eben. Um Mitternacht, als der Hochzeitslärm vorüber war, ging er nach Haus und legte sich aufs Ohr.

Der Notarius kam, die Zeugen auch. Sebulon hatte noch eine Verwandte im Oberlande, die er nicht leiden konnte, weil sie als Mädchen sich schlecht aufgeführt hatte und dann mit aller Mühe unter die Haube gekommen war. Der und ihren Kindern vermachte er nun ganz rechtskräftig das Stammhaus und sein Land, wie auch alle seine fahrende Habe, mit der Klausel, daß der Besitz erlösche, sobald die Erben die Mauer und die Pappelallee verkommen ließen oder seinem Bruder Kaspar oder dessen Nachkommen ein Stück des Grundeigentums verkauften.

Der Notar erhielt an Gebühren gerade den Rest der Louisd'or; ein letztes Zehngroschenstück, das noch davon übrigblieb, warf Sebulon den Sonntag darauf in den Klingelbeutel. Den beiden Zeugen aber verbot er zum Überfluß noch, von der Sache zu reden. Natürlich hingen die es jetzt sogleich an die große Glocke, und abends im Wirtshaus meldeten zwanzig Zungen dem Kaspar im Vertrauen die erbauliche Geschichte.

Geld wiegt überall schwer, am allermeisten aber auf dem Lande, wo man den Mann schätzt nach dem, was er hat, und das Mädchen manchmal auch. Kaspar merkte bald, daß er jetzt nicht mehr für halb so reich galt als vorher. Man wußte recht gut, daß Sebulon aus seinem Garten, aus den schönen Wiesen und daneben mit seiner Schneiderei ungefähr ebensoviel jährlich erwarb wie Kaspar aus seinen großen Ackergütern, daß er aber, kinderlos wie er war, nicht den zehnten Teil seines Erwerbs verbrauchen konnte. Obenein besaß er das solid und gut gebaute Stammhaus, Kaspar aber den unsichern, stets feuchten Neubau am Wasser; bei zwölf Kindern mußte sein Vermögen ein starkes Exempel in der vierten Spezies hergeben, und der Quotient wurde garstig klein. Dieses Rechenexempel stellten alsbald die alten und jungen Bauern rundherum in der Nachbarschaft an. Um das schnippische Annchen, die zweite Tochter Kaspars (das war dieselbe, die damals den Michel von der Treppe des Ohms zurückriß), hatte sich schon lange Zeit ein Schulzensohn vom nächsten Hofe Mühe gegeben und bei Liesens Hochzeit die Sache bei ihr ungefähr in Richtigkeit gebracht; jetzt kam der nicht mehr, und die Anne sah lang nicht so spitzig mehr aus wie vorher. Kaspar selbst hatte Hoffnung gehabt, Schöffe zu werden, an des alten Statt. Aber als es im Gemeindehaus wirklich zur Wahl kam, meinten nunmehr alle, es schicke sich nicht, einen zum Schöffen zu nehmen, der mit jemand im Dorf unfreund sei, und so fielen die Stimmen auf einen reicheren Bauer, obwohl der statt eines ein halb Dutzend Feinde hatte. Auch im eigenen Hause bekam Kaspar, da er älter wurde, alle Tage mehr Verdruß. Die Frau warf ihm vor, sie hätte ja auf den schlechten Platz gar nicht ernstlich bauen wollen, er mit seinem Eigensinne sei an allem Übel schuld. Die Kinder, in deren Herz früh der giftige Same des Hasses gestreut war, hatten in ihren Streichen gegen den Ohm, welche die Eltern ihnen stets durchgehen ließen, Verachtung gegen das Alter gelernt und gaben diese Verachtung jetzt auch reichlich dem Vater zu schmecken. Die ältern Söhne und Töchter aber sahen ihre Eltern als die Ursache an, daß ihnen das reiche Erbe des Ohms entging, und Annchen, um welche sich jetzt kein reicher Junge mehr bewarb, gab dem Vater und der Mutter kein gutes Wort mehr zu hören. Der Fluch des Hasses lag auf allen Stirnen, und Kaspar, wenn er allein auf dem Felde hinter den Ochsen herging, dachte jetzt doch oft: wären wir drei Jahr jünger, ich wüßte wohl was ich täte. Nun's aber einmal drei Jahr gedauert hat, soll's auch so bleiben bis an meinen Tod! Und dabei schlug er mit dem Stecken so hart auf die Ochsen, daß sie aufsprangen und die Furche schief ging.

Ein harter Winter kam. Im Januar und Februar schneite es unablässig, des Nachts fror es und der Schnee blieb liegen. Bange sah man am Niederrhein dem Hochwasser entgegen. So blieb es bis tief in den März: da sprang der Nordwind nach Südwest um, und in einem Tage trat überall das schwarze Feld aus der Schneedecke hervor. Der Rhein stieg, es mußte schrecklich werden, wenn auch im Oberland das Tauwetter so plötzlich eintrat und wenn es dauerte. Wäre nur die Krippe im Herbst ordentlich gemacht worden! Aber jetzt war es zu spät, man mußte auf einen Notbehelf denken. Kaspar lernte in der Todesangst um Weib und Kind und Herd seinen harten Mut beugen. Ohne diesmal seines Bruders Hilfe zu erbitten oder abzuwarten, rammte er an der Stelle der Krippe ein Dutzend der stärksten Tannenstämme in schräger Reihe ein, um den Stoß der Flut sanft abzulenken, und verband sie mit dickem Weidenflechtwerk. So sicherte er sich die Zeit, um seine beste Habe wenigstens flüchten zu können.

Höher und höher schwoll die Flut: Weib und Kind mußte er schon im Nachen wegschaffen, das Wasser stand in seinem zweiten Geschoß. Er selbst blieb noch in dem gefährlichen Bau, wie ein Schiffskapitän, der ein Wrack nicht verlassen mag, solange es nicht untersinkt. Es gelang ihm sogar, unter dem Schutze der eingeschlagenen Tannenbäume, die vortrefflich widerhielten, ein großes starkes Scheunentor an diese seine Verschanzung heranzubugsieren und zur Verstärkung derselben vor dem Weidengeflechte zu befestigen. Dadurch bekam das Haus noch mehr Schutz. Zwar wie die Strudel heranschossen, bogen sich die Tannen und krachten, aber weil sie nachgaben, richteten sie sich auch allemal wieder auf. Wenn jetzt die Flut nicht mehr wuchs, wie sie denn wirklich stillzustehen schien, dann war das Haus gerettet.

Aber an einem Abende verdunkelte sich der Himmel. Der Wind sprang spitz nach Westen um und jagte die bäumenden Wellen gerade auf das Dorf zu. Ein Platzregen wie ein Wolkenbruch fiel nieder, die Flut wuchs in jeder Stunde zwei Fuß, und kletterte nun auch schon an Sebulons Hause empor.

Dieser legte sich in Kleidern aufs Bett in der Oberstube. Weil sein Haus sonst immer verschont blieb, war er nicht geflüchtet und hatte nicht einmal für einen Nachen gesorgt; dem Bruder aber, der auch in seiner Festung blockiert war und einen Nachen da hatte, mochte er darum jetzt kein gut Wort geben. Auch ängstigte er sich nicht sonderlich, weil er sich auf die Festigkeit des Hauses verlassen konnte. Die Lampe hatte er brennend neben sich stehen und las in der Postille.

Auf einmal aber sah er das Wasser durch den Fußboden heraufquellen wie ein klares Waldbrünnlein im Frühjahre. Seine Haare sträubten sich: siehe, da kam es auch schon lustig über die Türschwelle gerieselt. Er sprang empor und riß die Tür auf: ein voller Schwall brach ihm entgegen, und kaum war er auf den Schneidertisch geflüchtet, so stand das Wasser den Fenstern gleich. Da trat ihm der entsetzlichste Tod vor die Augen; wenn es jetzt noch stieg bis es das Fenster gefüllt hatte, so wurde er unter der Decke erdrückt oder mußte ersticken. Er lief ans Fenster, das nach dem Dorfe ging und schrie um Hilfe, aber das Rauschen der Flut und der scharfe Pfiff des Windes schnitt ihm den Ton lautlos von den Lippen weg; die Flut spielte innen und außen bis an seine Brust. Nach dieser Seite war keine Rettung, aber nach dem Flusse zu blieb eine kleine Hoffnung. Dort stand dicht vor dem Fensterladen eine der Pappeln, welche er aus Haß hingepflanzt hatte. Er watete zum Bette, schlug eine wollene Decke, die noch trocken war, eng zusammen und band sie sich an den Hals. Dann kletterte er vorsichtig in den Fensterrahmen: richtig, die Pappel stand noch und reckte seiner Hand einen starken Ast entgegen; dicht hinter ihr schien auch das Dach vom Hause seines Bruders noch aus der Flut hervor. Er sah den Kaspar mit einer Laterne aus dem obersten Stockwerk in den Nachen steigen; er schrie ihn an, aber hören war unmöglich. Kaspar zwang den Kahn mit aller Mühe auf die Tannenbäume oben bei der Krippe zu; Sebulon aber kletterte auf seiner Pappel so hoch hinauf als er starke Äste fand, setzte sich oben zurecht und erwartete, daß der Tag und die Hilfe kommen sollten. Bald überzeugte er sich, daß das Wasser eben so rasch fiel als es gewachsen war: schon wich es von dem Fenster, aus dem er sich geflüchtet hatte, und schon dachte er dorthin zurückzukehren.

Da, es war eben der Morgen am Grauen, erhob sich noch einmal mit kurzen, starken Stößen der Wind. Die Flut rauschte wilder, die Pappel schwankte stark. Eben wollte Sebulon seinen Rückzug antreten, da hörte er oben an der Krippe einen entsetzlichen Krach, das Hausdach vor ihm sank mit furchtbarem Rauschen in die Flut, und in den Strudel, der dadurch entstand, senkte sich der Pappelbaum mit hinein. Krampfhaft hielt er sich fest: der mächtige Stamm wurde von den Wellen im Kreise gedreht, unter und über gestürzt, und Sebulon mußte den Tanz mithalten; bald war er ein paar Klafter unter dem Wasserspiegel, bald drüber. Plötzlich empfand er einen Stoß, der Ast, den er hielt, schleuderte ihn von sich und warf ihn unsanft auf etwas Hartes hin. Der Verstand verging ihm, er fühlte, daß ihm das Blut aus der Nase strömte und daß er mit dem, worauf er lag, rasch stromabwärts trieb. Langsam sammelte er seine fünf Sinne; als er sein Lager befühlte und besah, war's ein großes Scheunentor, und am andern Ende desselben saß ein Mann – und der Mann war sein Bruder Kaspar.

Der Kaspar hatte am Wanken seines Hauses gemerkt, daß es drinnen nicht mehr geheuer sei. Deshalb bestieg er den Nachen, wagte aber nicht, nach dem Dorfe zu fahren, wo er in der schwarzen Nacht und bei dem wilden Wellenschlage leicht an einen Baumwipfel stoßen und umschlagen konnte, sondern arbeitete sich durch das stillere Fahrwasser zu seinem Bollwerke hin, dessen Baumstämme am Abend vorher noch prächtig gehalten hatten. Dort lag er vor Sturm und Strömung geschützt vor Anker und merkte ebenso vergnügt wie Sebulon auf das Abnehmen der Flut. Aber jene Windstöße gegen Morgen trieben ihm die Wellen gerade gegen die Schutzwand, vier Tannenstämme wichen endlich aus dem zerwühlten Boden und die andern brachen in demselben Augenblicke in Splitter. Das schwere Scheunentor stürzte dem Kaspar beinahe auf den Kopf und schlug ihm die Spitze des Nachens glatt weg. So blieb ihm nichts übrig, als von dem versinkenden Fahrzeug auf das Scheunentor selbst zu springen. Die losgeketteten Fluten heulten nun auf sein Haus zu, er sah es zusammenbrechen wie Sebulon, und Tor und Pappel schossen in denselben Strudel hinein, der sie dicht aneinanderwirbelte und den Sebulon gleichfalls auf das bessere Rettungsboot absetzte. Als Kaspar einen Menschen auf das Tor geschleudert sah, war seine erste Meinung, ihn herabzuwerfen, damit die Last nicht zu groß würde, aber sein gutes Gemüt verwarf den Gedanken. Beim schwachen Morgengrauen erkannte er den verhaßten Bruder, begnügte sich aber, soweit als möglich von ihm fortzurücken. So saßen sich denn die Brüder gegenüber, jeder auf einer Ecke des Tors, das reißend schnell mit ihnen abwärts trieb.

Als der Morgen hell anbrach, hatten sie einen trostlosen Anblick. Das Gewölk verzog sich, der Sturm hörte auf; aber unermeßlich dehnte sich die trübe Flut, Bäume, Hausgerät und Leichen von Tieren mit sich wirbelnd, vor ihrem Auge aus. Fahrzeuge wagten sich in den Strudel nicht hinein; schoß ihr Tor wohl einmal dichter an einem Ufer hin, wo Menschen sie hätten sehen können, so waren die doch zu feig oder zu sehr mit dem eigenen Unglück beschäftigt, um an die Rettung der Brüder zu denken. Jeden Augenblick drohte ihnen der Tod, wenn ihr Fahrzeug dicht an überschwemmten Baumwipfeln vorbeischoß oder mit Balken und anderm Holzwerk in der Strömung zusammenstieß. Dazu lief der Wind wieder nach Norden, und fuhr ihnen eisig durch die nassen Kleider. Sebulon nahm die Decke, die er sich an den Hals gebunden hatte, schlug sie auseinander, und als er sie noch ziemlich trocken fand, wickelte er sich hinein. Aber auch so klapperten ihm die Zähne aneinander.

Da fielen ihm denn in seiner Seelenangst allerlei gute Sprüche von der Bruderliebe und Vergebung ein, und die lagen ihm schwer auf dem Gewissen. Aber wenn er eben weich werden wollte, so dachte er recht absichtlich an die verbaute Aussicht aus seiner Oberstube, und an die Frau Schwägerin, vor allem aber an die Hochzeit der Liese, und dann wurde ihm sein Herz wieder so kalt wie seine Hände.

Dem Kaspar seinerseits war's noch banger in seinem Gewissen, und er betete leis für sich ein Vaterunser nach dem andern. Auch ihn fror jeden Augenblick ärger. Da blitzte es ihm auf einmal durch die Seele, daß er vor dem letzten Einsteigen in den Nachen eine Flasche Kornbranntwein zu sich gesteckt hatte für alle Fälle. Er griff danach – und schau', sie war ganz geblieben; er zog einen tapfern Schluck, und die Augen wurden ihm munterer.

Bei diesem Anblick klapperten dem armen Sebulon die Zähne noch ärger. Kaspar sah es, und ganz langsam, als wollt' er die Worte zählen, preßte er die Frage heraus:

»Sebulon, willst du auch einen Schluck?«

Über das Antlitz des Schneiders floß es wie glättendes Öl; die Not war zu groß, sein Herz war gebrochen. Leise zitterte ein Ja ihm zwischen den zusammengedrückten Zähnen durch.

Da kroch Kaspar vorsichtig in die Mitte der Scheunentür und Sebulon ebenso vorsichtig ihm entgegen, denn aufrecht gehen durften sie nicht, sonst wäre ihr Fahrzeug umgekippt; der eine gab die Flasche, der andere nahm sie und tat einen tiefen Zug.

Aber mit der Wärme, die jetzt in ihre Adern floß, erwachte auch wieder der Trotz. Sebulon gab die Flasche zurück, sagte: »ich danke«, und wendete dem Kaspar den Rücken, um auf seinen Platz zurückzukriechen.

Abermals schwammen sie wohl eine Stunde; die Sonne kam hell herauf, die Natur wurde ruhiger. Kaspar, von den Anstrengungen der letzten Tage und Nächte erschöpft, konnte dem Schlaf nicht widerstehen und nickte vorwärts und rückwärts.

Sebulon sah die Gefahr seines Bruders, und nun war das Sprechen an ihm. »Kaspar,« sagte er, »streck' dich und schlaf, du versäufst mir sonst; ich will wachen und dir zurufen, wenn sich eine Rettung zeigt.«

Das ließ sich der andere nicht zweimal sagen, sondern fiel vornüber auf den Bauch, legte die Arme unter den Kopf und fing an zu schnarchen. Sebulon kroch leise zu ihm, nahm die wollene Decke, die nun ganz trocken war von seinen Schultern und legte sie vorsichtig über den Bruder hin.

Noch eine Stunde verfloß: da meinte Sebulon, es gehe langsamer. Er sah sich um und hätte beinahe laut aufgeschrien vor innerem Jubel. Denn er bemerkte deutlich, daß die Hauptströmung jetzt rechts von ihnen sich hinabwälzte, während sie selber in ruhigerem Wasser auf einen schwarzen Strich zutrieben, der ein Ufer zu sein schien. Als er dies alles überschaut hatte, weckte er den Kaspar.

Dieser richtete sich auf, reckte sich und sagte: »Ja, die Gegend kenn' ich. Das Schwarze ist ein Damm, vor welchem stilles Wasser sein wird. Erreichen wir den, dann können wir auf ihm fortgehen bis aufs höher liegende Land.«

Sie tranken in der Freude noch einmal miteinander, und Kaspar gab dem Bruder die Decke wieder. Auf einmal aber rief er: »Wie kommt's denn, daß wir so schnell treiben, wenn doch ein Damm vor uns ist?«

Er erhob sich auf seine Füße und sah scharf vor sich. »Nun sind wir verloren,« sprach er leise, »der Damm hat einen Riß und wir sind gerade in der Strömung, die auf den Riß zugeht. Merkst du, wie es schnell reißt und immer schneller? Dort schäumt schon die wütende Flut: wir stoßen an und sind hin!«

Und so war es. Rascher als ein Dampfboot schoß das Tor auf die schmale Dammöffnung zu. »Noch fünf Minuten,« sagte Kaspar und kniete nieder wie ein Verdammter vor dem Henkerbeil – »noch vier – nun keine drei mehr.«

Aber Sebulon sah nicht mehr auf das Loch im Damme, sondern auf den Kaspar, und sagte laut und fest: »Bruder, sollen wir denn als Feinde vor Gottes Richterstuhl treten?«

Da brach dem Kaspar das Herz, und mit dem Ruf: »Bruder vergib mir«, sank er in Sebulons offene Arme. Der aber rief: »So wollen wir sterben!« Zum erstenmal seit vier vollen Jahren fühlte jeder sein Blut wieder warm durch die Glieder rollen, zum erstenmal wieder Tränen der Wonne aus den Augen rinnen. Dicht vor dem Tode waren sie glücklicher als je, weil jeder wieder ein liebend Herz an dem seinigen schlagen spürte.

Ein heftiges Schaukeln riß ihre Lippen auseinander. Beide sahen nach dem Damme zu und erwarteten den Tod – aber da war kein Damm mehr. Staunend blickte Kaspar rückwärts – siehe da lag der Damm schon hinter ihnen: im Augenblick ihrer Versöhnung war der Tod an ihnen vorbeigegangen und ihr Fahrzeug wie durch ein Wunder recht mitten durch die Öffnung hingeschossen, ohne rechts und links anzustoßen. Sie waren gerettet: vor ihnen lag das höhere Land, auf welches die immer mehr sich stillenden Wellen sie langsam hinspülten. Da umarmten sie sich vor Freude noch einmal und ließen sich nun nicht mehr los, bis das Tor unter ihnen sich sacht auf ein weiches Ackerland heraufschob.

Arm in Arm gingen sie ins nächste Dorf, trockneten daselbst ihre Kleider und stärkten sich mit Speis' und Trank. Gerne hätten sie die Nacht da geruht, aber sie dachten an die Angst von Kaspars Frau und Kindern. Kaspar verkaufte sein Scheunentor, Sebulon die wollene Decke, etwas Geld hatte jeder außerdem bei sich, und so machten sie sich auf die Beine. Alle Landstraßen waren überschwemmt, sie mußten Umwege über die Gebirge suchen, und aus der Strecke, die sie in acht Stunden durchfahren hatten, wurden drei Tagemärsche. Aber sie kamen ihnen nicht so lang vor als die acht Stunden; denn in diesen drei Tagen, die ihnen so recht einsam geschenkt waren, tauschten sie nun alles und jedes aus, was beide in vollen vier Jahren durchlebt hatten; die Herzen wuchsen fest wie ehemals zusammen, und sie machten Pläne, wie sie's nun daheim einrichten wollten zu gegenseitigem Glück. In der letzten Stadt vor ihrer Heimat aber gingen sie zum Notarius, und Sebulon vernichtete das dort niedergelegte Testament.

So kamen sie spät am dritten Abend im Dorf an und schritten auf ihr Erbgut zu. Das Wasser war im Ablaufen; die Pappeln mit ihrer Mauereinfassung und das neue Haus, also gerade die Zankäpfel, waren ohne alle Spur verschwunden; nur das Elternhaus stand noch fest und unerschüttert. Kaspar blieb ein wenig zurück; Sebulon aber schlich sich an die Ecke des Hauses und sah die Schwägerin mit den Kindern verzweifelnd auf der Stelle ihres früheren Übermutes sitzen, die soeben von der Flut ihr wieder eingeräumt wurde. »Betet«, sagte sie zu den Kleinen, »für den Vater, denn hier riß ihn die Flut fort; betet aber auch«, fuhr sie zu den ältesten Kindern fort, »für die Mutter, denn ich habe den Vater getötet und den armen Schwager Sebulon auch.«

»Mich nicht«, rief der Sebulon, und trat vor. Die Kinder, alles Haders vergessend, hingen sich an ihn. »Und weil Ihr, liebe Schwägerin, Reu' und Leid tragt, so schenkt Euch Gott noch mehr wieder, und weil Ihr auch an den Sebulon denkt, bringt der Euch den Mann wieder nach Haus.«

Da kam auch der Kaspar hinter der Ecke her, und die Frau schloß ihn in den einen und den Sebulon in den andern Arm. Der aber sagte: »Kinder, wir haben eine gute Lehre bekommen diese vier Jahre her, und hätte es noch einmal vier Jahre gewährt, so konnten wir den Bettelstab in die Hand nehmen. Jetzt aber zwingen wir's noch. Morgen fangen wir zusammen die neue Krippe zu machen an. Ein neues Haus braucht ihr nicht, kommt nur wieder zu mir: was mein ist, ist euer und eurer Kinder!«

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