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Der Diamant

Honoré de Balzac: Der Diamant - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleDer Diamant
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorEmmi Hirschberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080711
modified20171219
projectid61a61b23
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Auf Festen trifft man immer Damen, die, gleich Frau von Lansac, damit beschäftigt sind, wie alte Seeleute vom Ufer des Meeres aus die jungen Matrosen zu beobachten, wie sie mit den Stürmen fertig werden. In diesem Augenblick konnte Frau von Lansac, die sich für die Personen dieses Dramas zu interessieren schien, leicht den Kampf erraten, dem die Gräfin von Vaudremont zum Opfer gefallen war. Die junge Schöne mochte sich noch so anmutig fächeln, den jungen Leuten, die sie grüßten, noch so liebenswürdig zulächeln und alle Listen anwenden, deren eine Frau sich bedient, wenn sie ihre Erregung verbergen will; diese Matrone, eine der gescheitesten und boshaftesten Herzoginnen, die das 18. Jahrhundert dem 19. hinterlassen hatte, vermochte trotzdem in ihrem Herzen und in ihren Gedanken zu lesen. Die alte Dame verstand die leiseste Bewegung, die die Regungen der Seele verrät. Die kleinste Falte, die jene weiße und reine Stirn furchte, das unmerkliche Zittern der Backenknochen, das Spiel der Augenbrauen, das geringste Erzittern der brennend roten Lippen, waren für die Herzogin wie Buchstaben in einem Buche. Die einstige Kokette saß in ihrem bequemen Lehnstuhl, den ihr Kleid ganz ausfüllte, und unterhielt sich mit einem Diplomaten, der ihren vortrefflich erzählten Anekdoten gern zuhörte, während sie sich selbst in der jungen Kokette bewunderte; sie gefiel ihr, wie sie so gut ihren Schmerz und den Kummer ihres Herzens zu verbergen verstand.

Frau von Vaudremont war in der Tat ebenso unglücklich, wie sie heiter erschien: sie hatte geglaubt, in Martial einen Mann von Fähigkeiten gefunden zu haben, mit deren Hilfe sie ihr Leben durch alle Zauber der Macht verschönen würde. In diesem Augenblick erkannte sie einen Irrtum, der für ihren Ruf ebenso vernichtend war wie für ihre Eigenliebe. Bei ihr, wie bei den andern Frauen dieser Epoche, erhöhte die Plötzlichkeit der Leidenschaft ihre Intensität. Wer oft liebt und schnell, leidet nicht weniger als der, den eine einzige Leidenschaft verzehrt. Die Vorliebe der Gräfin für Martial war freilich erst von kurzer Dauer, aber jeder Chirurg weiß, daß die Amputation eines gesunden Gliedes viel schmerzhafter ist als die eines kranken. Frau von Vaudremonts Neigung für Martial hatte die besten Aussichten gehabt, während ihre vorhergehende Leidenschaft hoffnungslos gewesen war und durch Soulanges Gewissensqualen verbittert wurde. Die alte Herzogin erspähte den rechten Augenblick, um die Gräfin zu sprechen und beeilte sich, ihren Gesandten zu verabschieden; denn angesichts entzweiter Liebender verblaßt jedes andere Interesse, selbst bei einer alten Dame. Sie warf, um den Kampf herauszufordern, einen hämischen Blick auf Frau von Vaudremont, der die junge Kokette befürchten ließ, ihr Schicksal in den Händen der alten Witwe zu sehen. Frauen können einander Blicke zuwerfen wie Feuerbrände im letzten Akt eines Dramas. Man muß diese Herzogin gekannt haben, um das Entsetzen zu verstehen, das der Ausdruck ihres Gesichtes der Gräfin einflößte. Frau von Lansac war groß, ihre Züge besagten, daß sie einmal hübsch gewesen sein mußte. Sie legte so stark auf, daß ihre Runzeln kaum noch zu sehen waren; ihre Augen bekamen dadurch jedoch keinen unnatürlichen Glanz, sondern wurden nur um so matter. Sie trug viele Diamanten und zog sich geschmackvoll genug an, um nicht lächerlich zu wirken. Ihre spitze Nase verriet scharfen Witz. Ein gut gearbeitetes Gebiß erhielt dem Mund einen Zug von Ironie, der an Voltaire erinnerte. Doch milderte die ausgesuchte Höflichkeit ihres Auftretens das Boshafte ihres Charakters, und man konnte ihr keine direkte Schlechtigkeit nachsagen. Die grauen Augen der alten Dame belebten sich, ein triumphierender Blick, von einem Lächeln begleitet, das sagte: »ich hatte es dir verheißen!« durchquerte den Saal und rief das Rot der Hoffnung auf den bleichen Wangen der jungen Frau hervor, die am Fuße des Kandelabers seufzte. Diese Verbindung zwischen Frau von Lansac und der Unbekannten konnte dem geübten Auge der Gräfin von Vaudremont nicht entgehen, und sie ahnte ein Geheimnis, das sie ergründen wollte.

In diesem Augenblick wandte sich der Baron de la Roche-Hugon, nachdem er alle alten Damen gefragt hatte, ohne den Namen der blauen Unbekannten zu erfahren, in voller Verzweiflung an die Gräfin von Gondreville, von der er jedoch eine wenig befriedigende Antwort erhielt:

»Diese Dame wurde mir von der ehemaligen Herzogin von Lansac vorgestellt.«

Als der Finanzsekretär sich ganz durch Zufall dem Lehnstuhl der alten Dame zuwandte, überraschte ihn der Blick der Verständigung, den sie der blauen Dame zuwarf, und obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit der ehemaligen Herzogin stand, entschloß er sich doch, sie anzusprechen. Sie sah den Baron eifrig um ihren Stuhl herumschleichen, lachte mit hämischem Spott und betrachtete dann Frau von Vaudremont mit einem Ausdruck, der wiederum den Obristen Montcornet lachen machte.

›Wenn die alte Hexe ein freundliches Gesicht macht, wird sie mir sicherlich einen schlechten Streich spielen,‹ dachte der Baron. »Gnädige Frau,« wandte er sich an sie, »man hat mir gesagt, Sie bewachten einen kostbaren Schatz.«

»Halten Sie mich für einen Drachen?« fragte die alte Dame. »Doch von wem sprechen Sie?« fügte sie dann mit süßer Stimme hinzu, die Martial wieder Hoffnung machte.

»Von jener kleinen unbekannten Dame, die die Eifersucht all dieser Koketten dort hinten hin verbannt hat. Sie kennen sicher ihre Familie.«

»Ja,« sagte die Herzogin, »doch was wollen Sie von einer Erbin aus der Provinz, die seit kurzer Zeit verheiratet ist; ein Mädchen aus guter Familie, die man hier nicht kennt, sie geht nirgends hin.«

»Warum tanzt sie nicht? Sie ist so schön! – Wollen wir Frieden miteinander schließen? Wenn Sie die Güte haben, mich über alles zu unterrichten, was mich interessiert, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ein Gesuch um Wiedererstattung der Wälder von Navarreins beim Kaiser aufs wärmste unterstützt werden soll.«

Die jüngere Linie des Hauses Navarreins (mit dem Wappen von Lansac: Balken mit Silberecken in blauem Felde, von sechs ebenfalls silbernen Fahnenstangen eingerahmt), und die Liaison der alten Dame mit Ludwig XV. hatten ihr den Titel einer Herzogin eingebracht; und da die Navarreins noch nicht heimgekehrt waren, schlug ihr der Finanzsekretär ganz einfach eine Gemeinheit vor, als er sie mit der Rückforderung eines Besitztums köderte, das der älteren Linie gehörte.

»Mein Herr,« antwortete die alte Dame mit trügerischem Ernst, »bringen Sie mir Frau von Vaudremont. Ich verspreche Ihnen, ihr das Geheimnis zu enthüllen, das unsere Unbekannte so interessant macht. Sehen Sie nur, alle Herren auf dem Ball hier sind genau ebenso neugierig wie Sie selbst. Unwillkürlich blicken alle Augen nach dem Kandelaber, an dem sich mein Schützling ganz bescheiden hingesetzt hat; sie sammelt all die Huldigungen ein, um die man sie hat bringen wollen. Glücklich der, den sie sich zum Tänzer wählen wird!«

Hier hielt sie inne, heftete ihre Blicke auf die Gräfin von Vaudremont und gab ihr damit zu verstehen: »Wir sprechen von Ihnen!« Dann fuhr sie fort: »Ich denke mir, Sie hören den Namen der Unbekannten lieber aus dem Munde Ihrer schönen Gräfin als aus dem meinen.«

Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, daß sich Frau von Vaudremont erhob, zu ihr begab und auf dem Stuhl Platz nahm, den Martial ihr anbot. Ohne den Baron zu beachten, sagte sie lachend zu der alten Dame:

»Ich habe erraten, gnädige Frau, daß von mir die Rede war; aber ich muß meine Dummheit schon eingestehen, ich weiß nicht, ob Sie gut oder schlecht von mir sprechen.«

Mit ihrer dürren runzligen Hand drückte Frau von Lansac die hübsche Hand der jungen Frau und sagte leise in mitleidigem Ton zu ihr:

»Arme Kleine.«

Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff, daß Martial überflüssig war, und verabschiedete ihn, indem sie ihm in gebieterischem Tone sagte:

»Lassen Sie uns allein!«

Der junge Sekretär, wenig glücklich darüber, die Gräfin in dem Banne der gefährlichen Sibylle zu sehen, die sie zu sich herangezogen halte, warf ihr einen jener Blicke zu, die über ein verblendetes Herz Gewalt haben, die jedoch lächerlich wirken, sobald eine Frau den Geliebten mit kritischen Augen zu betrachten beginnt.

»Sind Sie so eingebildet, daß Sie sogar den Kaiser kopieren?« fragte Frau von Vaudremont und wandte ihren Kopf dreiviertel zur Seite, um den Finanzsekretär mit höhnischer Miene anzusehen.

Martial besaß zu viel gesellschaftliche Gewandtheit, zu viel Scharfsinn und Berechnung, als daß er sich der Gefahr ausgesetzt hätte, es mit einer Frau zu verderben, die am Hofe so gut angeschrieben war und die der Kaiser verheiraten wollte. Er rechnete zudem noch auf die Eifersucht, die er in ihr zu entfachen gedachte, als auf das beste Mittel, um die geheime Ursache ihrer Kälte zu ergründen, und entfernte sich um so lieber, als gerade in diesem Augenblick ein neuer Tanz alles wieder in Bewegung setzte. Der Baron schien den Tanzenden Platz machen zu wollen: er lehnte sich gegen eine Marmorkonsole, kreuzte die Arme über der Brust und war ganz in das Gespräch der beiden Damen vertieft. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die beide wiederholt auf die Unbekannte warfen. Während der Baron die Gräfin mit dieser neuen Schönheit verglich, die ein Geheimnis so anziehend machte, verfiel er in eine häßliche Berechnung, die bei den Günstlingen der Frauen häufig ist: er schwankte zwischen einem Vermögen, das er erraffen, und einer Laune, die er befriedigen wollte. Der Glanz der Lichter hob sein sorgenvolles und düsteres Gesicht von den weißen Moirévorhängen, die sein dunkles Haar streiften, so gut ab, daß er wie ein böser Dämon aussah.

Die rechte Schulter leicht gegen die Türfüllung zwischen Tanz- und Spielsaal gelehnt, konnte der Obrist unbemerkt unter seinem dicken Schnurrbart lachen; er genoß das Vergnügen, das Gewoge des Balles zu beobachten; er sah hundert hübsche Köpfe sich nach den Launen des Tanzes wiegen, er las auf einigen Gesichtern, wie auf denen der Gräfin und seines Freundes Martial, das Geheimnis ihrer Erregung und fragte sich, den Kopf wendend, was wohl für eine Beziehung bestehen möge zwischen dem düsteren Ausdruck des Grafen von Soulanges, der immer noch in seinem Lehnstuhl saß, und den traurigen Zügen der Unbekannten, auf deren Antlitz abwechselnd Hoffnung und Angst sichtbar wurde. Montcornet stand da wie der König des Festes; er sah in diesem lebenden Bilde ein Spiegelbild der Welt, und er lachte darüber, während er das interessierte Lächeln von hundert strahlenden und geschmückten Frauen einsammelte. Ein Obrist der kaiserlichen Garde, ein Posten, der den Grad eines Brigadegenerals in sich schloß, war sicherlich eine der besten Partien der Armee. – Es war gegen Mitternacht; Unterhaltung, Spiel, Tanz, Koketterie, Interessen, Bosheit und Intrigen, alles hatte jenen Grad von Erhitzung erreicht, der einem jungen Manne den Ausruf entlockt: »Welch ein schöner Ball!«

»Mein liebes Herz,« sagte Frau von Lansac zur Gräfin, »Sie sind in einem Alter, in dem ich viele Fehler begangen habe. Als ich Sie eben tausend Tode habe erleiden sehen, kam mir der Gedanke, Ihnen ein paar wohltuende Ratschläge zu geben. Wenn man mit zweiundzwanzig Jahren Fehler macht, bedeutet das nicht, seine Zukunft zerstören, das Kleid zerreißen, das man anziehen will? Meine Liebe, wir lernen erst sehr spät, es anzuziehen, ohne es zu zerdrücken. Wenn Sie fortfahren, sich geschickte Feinde und ungeschickte Freunde zu machen, werden Sie sehen, was für ein Leben Sie eines Tages führen müssen.«

»Ach, gnädige Frau, eine Frau hat es nicht leicht, glücklich zu sein, nicht wahr?« rief die Gräfin naiv aus.

»Mein Kind, in Ihrem Alter muß man zwischen dem Vergnügen und dem Glück wählen. Sie wollen Martial heiraten, der für einen guten Ehemann nicht dumm genug und für einen Liebhaber nicht leidenschaftlich genug ist. Er hat Schulden. Er ist imstande, Ihr Vermögen durchzubringen. Doch das wäre noch nichts, wenn er Sie wenigstens glücklich machte. Sehen Sie nicht, wie alt er aussieht? Dieser Mensch muß oft krank gewesen sein; er verbraucht seine letzten Kräfte. In drei Jahren ist er erledigt. Als Ehrgeiziger hat er angefangen, vielleicht bringt er es noch zu etwas; ich glaube es aber nicht. Was ist er denn? Ein Intrigant, der einen ausgezeichneten Geschäftssinn und die Gabe hat, angenehm zu plaudern. Aber er ist zu abenteuerlich, um wahre Verdienste zu besitzen; er wird es nicht weit bringen. Und dann, schauen Sie ihn doch an: liest man nicht auf seiner Stirn, daß er im Augenblick nicht die schöne junge Frau in Ihnen sieht, sondern die Besitzerin von zwei Millionen? Er liebt Sie nicht, meine Liebe, er berechnet Sie, als handelte es sich um ein Geschäft. Wenn Sie sich verheiraten wollen, nehmen Sie einen älteren angesehenen Mann, der sich schon auf der Mitte seines Weges befindet. Eine Witwe darf aus ihrer Heirat keine Liebesgeschichte machen. Geht eine Maus zweimal in die gleiche Falle? Jetzt muß ein neuer Ehekontrakt eine Spekulation für Sie sein; und wenn Sie sich wieder verheiraten, müssen Sie wenigstens die Aussicht haben, daß man Sie eines Tages Frau Marschall nennt. – Wollen Sie jedoch die schwere Rolle einer Koketten spielen und nicht wieder heiraten,« fuhr die ehemalige Herzogin gutmütig fort, »so verstehen Sie es, meine arme Kleine, besser als jede andere, Gewitterwolken aufzutürmen und wieder zu verteilen. Aber ich beschwöre Sie, machen Sie sich nie ein Vergnügen daraus, den ehelichen Frieden zu stören, Familien und glücklich verheiratete Frauen unglücklich zu machen. Ich habe einst auch diese gefährliche Rolle gespielt. Mein Gott, für den Triumph der Eigenliebe richtet man oft arme tugendhafte Geschöpfe zugrunde. – Denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen – und man zieht sich tödlichen Haß zu. Etwas zu spät habe ich, nach dem Ausspruch des Herzogs von Alba, erfahren, daß ein Lachs besser ist als tausend Frösche. Eine wirkliche Liebe verschafft tausendmal mehr Freuden als die flüchtigen Leidenschaften, die man entfacht. Ja, ich bin hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten. Sie sind der Grund, daß ich heute in diesem Salon erschienen bin, in dem es nach Plebs riecht. Habe ich nicht sogar Schauspieler hier gesehen? In seinem Boudoir empfing man sie wohl früher; aber im Salon, pfui! Warum sehen Sie mich so erstaunt an? – – Hören Sie,« fuhr die alte Dame fort, »wenn Sie die Männer zum besten haben wollen, betören Sie nur die Herzen derjenigen, deren Leben noch nicht fest gegründet ist, die noch keine Pflichten zu erfüllen haben; die andern verzeihen uns die Verirrungen nicht, die sie glücklich gemacht haben. Lernen Sie von diesem Grundsatz, den ich meinen alten Erfahrungen verdanke. Der arme Soulanges z. B., dem Sie den Kopf verdreht haben und den Sie seit fünfviertel Jahren, Gott weiß wie, betören! Wissen Sie auch, daß Ihre Anschläge auf sein ganzes Leben Einfluß haben? Seit zweieinhalb Jahren ist er verheiratet, wird von einem entzückenden Geschöpf vergöttert, das er liebt und das er betrügt. Sie lebt unter Tränen und in der bittersten Einsamkeit. Soulanges hat Gewissensbisse gehabt, die grausamer waren als seine Freuden süß. Und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn verraten. Kommen Sie, sehen Sie sich Ihr Werk an.« Die alte Herzogin nahm Frau von Vaudremont bei der Hand und sie standen beide auf.

»Sehen Sie,« sagte Frau von Lansac und wies mit den Augen auf die blasse, unter dem Glanz der Lichter zitternde Unbekannte, »das dort ist meine Großnichte, die Gräfin von Soulanges. Endlich hat sie meinem Drängen heute nachgegeben und hat ihr Schmerzenszimmer verlassen, wo ihr der Anblick ihres Kindes nur schwachen Trost gewährt. Sehen Sie sie? Sie finden sie gewiß entzückend! Sagen Sie selbst, wie sehr sie es gewesen sein muß, als Glück und Liebe ihren Glanz über ihr jetzt so bleiches Gesicht breiteten.«

Die Gräfin wandte schweigend den Kopf und schien in ernstes Nachdenken versunken. Die Herzogin führte sie weiter bis zum Spielsaal; und nachdem sie hineingeschaut hatte, als suche sie jemand, sagte sie mit tiefer Stimme:

»Und dort ist Soulanges.«

Die Gräfin schauerte zusammen, als sie in der dunkelsten Ecke des Saales das blasse und verzerrte Gesicht Soulanges' im Lehnstuhl erblickte. Die Kraftlosigkeit seiner Glieder und die Unbeweglichkeit seiner Stirn offenbarten seinen ganzen Schmerz. Die Spieler kamen und gingen an ihm vorüber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken als einem Toten. Das Bild der jungen Frau in Tränen und des düsteren und finsteren Gatten, die inmitten dieses Festes wie die zwei Hälften eines vom Blitze gespaltenen Baumes voneinander getrennt waren, besaß für die Gräfin vielleicht etwas Prophetisches. Sie fürchtete darin ein Bild der Vergeltung zu sehen, das die Zukunft für sie bereit hielt. Ihr Herz war noch nicht so verhärtet, daß ihm Gefühl und Nachsicht gänzlich fehlten, und sie drückte der Herzogin die Hand, indem sie mit einem Lächeln, in welchem eine gewisse kindliche Anmut lag, dankte.

»Mein liebes Kind,« flüsterte ihr die alte Dame ins Ohr, »denken Sie von nun an daran, daß wir es ebensogut verstehen, die Huldigungen der Männer zurückzuweisen wie sie anzulocken.«

– – »Sie gehört Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!«

Diese letzteren Worte wurden von Frau von Lansac dem Obrist Montcornet zugeflüstert, während sich die schöne Gräfin ganz dem Mitgefühl hingab, das ihr der Anblick Soulanges' eingeflößt hatte. Denn sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn wieder glücklich wissen zu wollen, und sie nahm sich im Innern vor, die unwiderstehliche Macht, die ihre Verführungskünste noch auf ihn ausübten, aufzubieten, um ihn seiner Frau zurückzugeben.

»Oh, wie werde ich ihm predigen!« sagte sie zu Frau von Lansac.

»Tun Sie das nicht, meine Liebe!« rief die Herzogin aus und setzte sich dabei wieder auf ihren Sessel. »Suchen Sie sich einen guten Gatten und verschließen Sie meinem Neffen Ihr Haus. Bieten Sie ihm auch nicht einmal Ihre Freundschaft an. Glauben Sie mir, mein Kind, eine Frau will nicht von einer anderen das Herz des Gatten zurückbekommen; sie ist hundertmal glücklicher, wenn sie glaubt, es selbst wiedererobert zu haben. Indem ich meine Nichte hierher führte, habe ich ihr, wie ich glaube, ein ausgezeichnetes Mittel an die Hand gegeben, die Liebe ihres Gatten wiederzugewinnen. Ich erbitte von Ihnen als Mitwirkung nur, daß Sie den General reizen.«

Und als ihr die Herzogin den Freund des Finanzsekretärs zeigte, lächelte die Gräfin. –

»Nun, gnädige Frau, wissen Sie jetzt endlich den Namen jener Unbekannten?« fragte der Baron die Gräfin etwas gereizt, als diese wieder allein war.

»Ja,« erwiderte Frau von Vaudremont und sah Martial dabei fest ins Auge.

Auf ihrem Gesicht lag ebensoviel Verschlagenheit wie Heiterkeit. Das Lächeln auf Lippen und Wangen, der feuchte Glanz ihrer Augen glichen den Irrlichtern, die den Wanderer verwirren. Martial, der sich immer noch geliebt glaubte, nahm jene kokette Haltung ein, in der ein Mann sich so gern der Geliebten gegenüber präsentiert, und sagte mit Selbstzufriedenheit:

»Und werden Sie mir nicht zürnen, wenn mir sehr viel daran liegt, diesen Namen zu wissen?«

»Und werden Sie mir nicht zürnen,« erwiderte Frau von Vaudremont, »wenn ich Ihnen denselben aus einem letzten Rest von Liebe nicht sage, und wenn ich Ihnen verbiete, dieser jungen Dame das geringste Entgegenkommen zu zeigen? Sie setzen vielleicht Ihr Leben aufs Spiel.«

»Gnädige Frau, heißt Ihre Gunst verlieren nicht mehr verlieren als das Leben?«

»Martial,« sagte die Gräfin streng, »es ist Frau von Soulanges. Ihr Gatte jagt Ihnen eine Kugel ins Gehirn, wenn Sie eines haben.«

»Oh, oh,« rief der junge Fant lachend aus, »der Obrist sollte denjenigen in Frieden lassen, der ihm Ihr Herz geraubt hat, und sich um seiner Frau willen schlagen? Was für eine Umkehrung der Grundsätze! Ich bitte Sie, erlauben Sie mir, mit der kleinen Dame zu tanzen. Auf diese Weise können Sie einen Beweis dafür bekommen, wie wenig Liebe dieses kalte Herz für Sie birgt; denn wenn es der Obrist unrecht findet, daß ich mit seiner Frau tanze, nachdem er gelitten hat, daß ich Sie – – –«

»Aber sie ist verheiratet!«

»Ein Hindernis mehr, das zu überwinden mir Vergnügen macht.«

»Aber sie liebt ihren Gatten.«

»Ein amüsanter Einwurf.«

»Ach,« sagte die Gräfin mit bitterem Lächeln, »ihr straft uns ebensosehr um unserer Fehler wie um unserer Reue willen.«

»Seien Sie mir nicht böse,« sagte Martial lebhaft, »oh, ich beschwöre Sie, verzeihen Sie mir. Sehen Sie, jetzt denke ich schon nicht mehr an Frau von Soulanges.«

»Sie verdienten wohl, daß ich Sie zu ihr hinschickte.«

»Gut, ich gehe!« sagte der Baron lachend, »und kehre verliebter in Sie als je zurück. Sie werden sehen, daß die hübscheste Frau der Welt sich nicht eines Herzens bemächtigen kann, das Ihnen gehört.«

»Das heißt so viel, als daß Sie das Pferd des Obristen gewinnen wollen.«

»Oh, der Verräter!« antwortete er lachend und drohte seinem Freund, der lächelte, mit dem Finger.

Der Obrist kam heran, der Baron überließ ihm den Platz neben der Gräfin, zu der er in herausforderndem Tone sagte:

»Und hier, gnädige Frau, ist ein Mann, der sich gebrüstet hat, an einem Abend Ihre Gunst erringen zu können!«

Er war, als er fortging, stolz darauf, daß er sowohl die Eigenliebe der Gräfin gereizt wie auch Montcornet geschadet habe. Aber trotz seiner gewöhnlichen Schlauheit hatte er die Ironie nicht gemerkt, die in Frau von Vaudremonts Worten gelegen halte, und auch nicht, daß sie seinem Freunde ebensosehr entgegenkam, wie sein Freund ihr, ohne daß sie es beide gewahr wurden. In dem Augenblick, als sich der Finanzsekretär dem Kandelaber tänzelnd näherte, unter dem die Gräfin von Soulanges blaß und furchtsam saß, nur in den Augen Leben verratend, trat ihr Gatte mit leidenschaftlich glühenden Augen in die Tür des Saales. Die alte Herzogin, die alles bemerkte, stürzte auf ihren Neffen zu, bat ihn um seinen Arm und um ihren Wagen, um nach Hause zu fahren. Sie gab vor, sich tödlich zu langweilen, und hoffte, auf diese Weise einen peinlichen Auftritt zu verhindern. Ehe sie den Saal verließ, machte sie ihrer Nichte ein besonderes Zeichen des Einverständnisses und wies auf den Kavalier, der gerade im Begriff war, sie anzusprechen. Dieses Zeichen schien zu sagen: »Da ist er, räche dich!« Frau von Vaudremont hatte den Blick zwischen Tante und Nichte aufgefangen; ein Licht ging plötzlich in ihrer Seele auf. Sie fürchtete, von dieser alten Dame, die so klug war und in Ränken so bewandert, genarrt worden zu sein.

›Diese durchtriebene Herzogin‹, sagte sie sich, ›hat sich vielleicht ein Vergnügen daraus gemacht, mir Moral zu predigen, während sie mir auf ihre Weise einen bösen Streich spielt.‹

Bei diesem Gedanken war Frau von Vaudremonts Eigenliebe vielleicht noch mehr beteiligt als ihre Neugier, das Durcheinander dieser Intrige entwirrt zu sehen. Die innere Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, ließ sie fast die Fassung verlieren. Der Obrist, der sich die Befangenheit in Reden und Benehmen der Gräfin zu seinen Gunsten auslegte, wurde nur noch eifriger und dringlicher. Die alten blasierten Diplomaten, die sich damit unterhielten, das Spiel der Physiognomien zu studieren, hatten noch nie so viele Intrigen zu beobachten und zu enträtseln gehabt. Die Leidenschaft, die diese beiden Paare erregte, vervielfältigte sich bei jedem Schritt in diesen Sälen, indem sie sich auf den verschiedenen Gesichtern in den verschiedensten Spielarten zeigte. Das Schauspiel so vieler lebhafter Leidenschaft, all diese Liebeskämpfe, soviel süße Vergeltung und grausame Gunst, all diese flammenden Blicke, all dieses brennende Leben, das um sie her flutete, ließ sie ihre eigene Unfähigkeit nur um so lebhafter empfinden.

Endlich hatte der Baron neben der Gräfin von Soulanges Platz nehmen können. Seine Augen glitten verstohlen über einen taufrischen Hals, der wie nach Wiesenblumen duftete. Er bewunderte in der Nähe die Schönheiten, die er schon von ferne angestaunt hatte. Er konnte sich an dem Anblick eines schön beschuhten Fußes freuen, konnte eine schlanke, anmutige Gestalt mit den Augen messen. In jener Zeit trugen die Frauen ihre Kleider direkt unter der Brust gegürtet, frei nach den griechischen Statuen; eine erbarmungslose Mode für Frauen, deren Wuchs nicht ganz einwandfrei war. Während Martial einen verstohlenen Blick auf diesen Busen warf, war er von der Vollkommenheit der Formen der Gräfin ganz hingerissen.

»Gnädige Frau, Sie haben heute abend nicht ein einziges Mal getanzt!« sagte er mit süßer und schmeichlerischer Stimme; »ich nehme an, daß es nicht die Schuld der Tänzer ist?«

»Ich besuche nie Gesellschaften und bin unbekannt hier,« antwortete Frau von Soulanges kühl. Sie hatte den Blick ihrer Tante, der sie aufforderte, mit dem Baron schönzutun, nicht verstanden.

Da ließ Martial den schönen Diamanten, der seine linke Hand schmückte, absichtlich spielen. Das Feuer, das von dem Stein ausging, schien ein plötzliches Licht in der Seele der jungen Gräfin zu entzünden; sie errötete und sah den Baron mit einem unergründlichen Ausdruck an.

»Tanzen Sie gern?« fragte der Provenzale und versuchte, die Unterhaltung wieder anzuknüpfen.

»O ja, sehr gern!«

Bei dieser unerwarteten Antwort trafen sich ihre Blicke. Der junge Mann, überrascht durch den energischen Ton, der eine vage Hoffnung in seinem Herzen erweckte, sah sofort fragend in die Augen der jungen Frau.

»Gnädige Frau, ist es nicht allzu kühn, wenn ich Sie bitte, beim nächsten Tanz Ihr Partner sein zu dürfen?«

Eine kindliche Verwirrung ließ die bleichen Wangen der Gräfin erröten.

»Aber ich habe schon einen andern Herrn, einen General, abgewiesen.«

»War es dieser große Kavallerie-Obrist, den Sie dort unten sehen?«

»Ja, eben derselbe.«

»Oh, das ist mein Freund, befürchten Sie nichts! Gewähren Sie mir die Gunst, auf die ich zu hoffen wage?«

»Ja, gern!«

Diese Stimme rief eine so neue und tiefe Erregung in ihm hervor, daß sein blasiertes Herz ganz erschüttert wurde. Ihn überkam eine kindliche Scheu, er verlor seine Sicherheit, sein südliches Blut erhitzte sich; er wollte sprechen, seine Worte erschienen ihm banal im Vergleich zu den feinen und geistreichen Antworten der Gräfin von Soulanges. Es war daher ein Glück für ihn, daß der Tanz begann. Als er neben seiner schönen Tänzerin stand, fühlte er sich erleichtert. Für viele Männer ist der Tanz eine Art, sich zu geben; sie glauben, wenn sie die Anmut ihres Körpers entfalten, viel stärker auf die Herzen der Frauen zu wirken, als durch ihren Geist. Der Provenzale wollte in diesem Augenblick gewiß alle seine Verführungskünste spielen lassen, nach der Anmaßung seiner Bewegungen und Gesten zu schließen. Er hatte seine Beute in die Quadrille geführt, in der die schönsten Frauen des Festes es sich in den Kopf gesetzt hatten, besser zu tanzen als alle übrigen. Als das Orchester das Vorspiel für die erste Figur anstimmte, empfand der Baron eine unbeschreibliche Befriedigung seines Ehrgeizes; denn als er die Tänzerinnen, die in diesem gefürchteten Karree standen, betrachtete, bemerkte er, daß die Toilette der Frau von Soulanges selbst diejenige der Frau von Vaudremont ausstach, die – vielleicht absichtlich – mit dem Obristen dem Baron und der blauen Dame gegenüberstand. Die Blicke aller hefteten sich einen Augenblick auf Frau von Soulanges; ein schmeichelhaftes Geflüster ließ erkennen, daß sie der Gegenstand der Unterhaltung zwischen jedem Tänzer und seiner Dame war. Die junge Frau war so vielen neidischen und bewundernden Blicken ausgesetzt, daß sie – verwirrt über einen Triumph, dem sie sich hatte entziehen wollen – bescheiden die Augen senkte, errötete und dadurch nur noch entzückender wurde. Wenn sie ihre bleichen Augenlider aufschlug, war es nur, um ihren berauschten Tänzer anzusehen, wie um ihm den Ruhm dieser Huldigungen zurückzugeben, ihm zu sagen, daß sie die seinen allen anderen vorziehe. Sie legte Unschuld in ihre Koketterie, oder vielmehr, sie schien sich der naiven Bewunderung hinzugeben, mit der die Liebe junger Herzen vertrauensvoll beginnt. Als sie tanzte, konnten die Zuschauer leicht glauben, sie entfalte ihre Reize nur für Martial; und obgleich sie zurückhaltend war und ein Neuling in den Gewohnheiten des Salons, verstand sie es doch, wie die gescheiteste Kokette, zur rechten Zeit die Augen auf ihn zu richten, um sie mit geheuchelter Bescheidenheit wieder zu senken. Als bei den neuen Touren der vom Tänzer Trenis erfundenen und nach ihm benannten Quadrille Martial einmal dem Obrist allein gegenüberstand, sagte er lächelnd zu ihm:

»Ich habe dein Pferd gewonnen.«

»Ja, aber du hast 40 000 Franken Rente verloren,« erwiderte der Obrist und zeigte auf Frau von Vaudremont.

»Ach, was macht mir das! Frau von Soulanges ist Millionen wert.«

Am Schlusse dieses Tanzes klang an allen Ohren Geflüster. Die wenigst schönen Frauen entrüsteten sich vor ihren Tänzern über das entstehende Verhältnis zwischen Martial und der Gräfin von Soulanges. Die schönsten waren über eine solche Leichtfertigkeit erstaunt. Die Männer begriffen das Glück des jungen Sekretärs, an dem sie nichts Verführerisches fanden, nicht. Einige nachsichtige Frauen meinten, man dürfe die Gräfin nicht zu übereilt beurteilen: die Jugend wäre recht unglücklich daran, wenn ein beredter Blick oder ein anmutig ausgeführter Pas schon genügen sollte, eine Frau zu kompromittieren. Nur Martial war sich der ganzen Tragweite seines Glückes bewußt. Als beim letzten Moulinet der Damen seine Finger diejenigen der Gräfin drückten, glaubte er durch das feine und parfümierte Leder der Handschuhe hindurch zu fühlen, wie die Finger der jungen Frau seinen warmen Druck erwiderten.

»Gnädige Frau«, sagte er zu ihr, als der Tanz zu Ende war, »kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurück, in der Sie bisher Ihr Gesicht und Ihre Toilette vergraben haben. Ist Bewunderung das einzige, was Ihnen die Diamanten, die Ihren so weißen Hals und Ihre so schön geschlungenen Haare schmücken, einbringen? Kommen Sie ein wenig durch die Säle, damit Sie das Fest und sich selber genießen.«

Frau von Soulanges folgte ihrem Verführer, der glaubte, daß sie ihm um so sicherer gehören würde, wenn er sie erst kompromittiert hätte. So gingen sie beide mehrmals durch die Gruppen, die die Säle des Hauses füllten. Die Gräfin von Soulanges blieb jedesmal, ehe sie in einen neuen Saal trat, ängstlich einen Augenblick stehen und ging erst dann hindurch, wenn sie mit vorgestrecktem Hals einen Blick auf alle anwesenden Herren geworfen hatte. Diese Furcht, die die Freude des kleinen Barons nur erhöhte, schien sich immer erst zu legen, wenn er seiner zitternden Gefährtin gesagt hatte: »Seien Sie unbesorgt, er ist nicht da.« So kamen sie in eine riesige Bildergalerie, die in einem Seitenflügel des Hauses lag, und wo man sich schon im voraus an den Anblick eines für 300 Personen angerichteten Büfetts laben konnte. Da das Essen beginnen sollte, zog Martial die Gräfin in ein ovales Boudoir, das nach dem Garten zu lag, und in welchem die seltensten Blumen und Gewächse eine duftende Laube unter prunkvollen blauen Vorhängen bildeten. Das Geräusch des Festes erstarb hier. – Die Gräfin zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnäckig, dem jungen Manne zu folgen. Als sie jedoch in einen Spiegel schaute und dort Zeugen erblickte, setzte sie sich ziemlich beruhigt auf eine Ottomane.

»Dieses Zimmer ist entzückend,« sagte sie und bewunderte einen hellblauen Vorhang, der mit Perlenschnüren gehalten wurde.

»Alles atmet hier Liebe und Wollust!« sagte der junge Mann tief ergriffen.

Bei dem magischen Licht, das hier herrschte, betrachtete er die Gräfin und entdeckte in ihrem sanft bewegten Gesicht einen Ausdruck von Verwirrung, Scham und Verlangen, der ihn ganz entzückte. Die junge Frau lächelte, und dieses Lächeln schien dem Kampf der Gefühle in ihrem Herzen ein Ende zu setzen. Sie ergriff auf die bezauberndste Weise die linke Hand ihres Verehrers und zog ihm den Ring vom Finger, auf den ihre Augen sich geheftet halten.

»Der schöne Diamant!« rief sie mit dem kindlichen Ausdruck eines jungen Mädchens aus, das den Reiz einer ersten Versuchung empfindet.

Martial war von der unbeabsichtigten und doch so betörenden Liebkosung der Gräfin, mit der sie ihm den Ring vom Finger zog, ganz benommen; er blickte sie mit Augen an, die ebenso funkelten, wie der Diamant.

»Tragen Sie ihn, zur Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus Liebe zu . . .«

Sie sah ihn so verzückt an, daß er den Satz nicht beendete, sondern ihr die Hand küßte.

»Sie geben ihn mir?« fragte sie und sah erstaunt aus.

»Ich würde Ihnen gern die ganze Welt zu Füßen legen.«

»Sie scherzen wirklich nicht?« fuhr sie fort mit vor allzu lebhafter Befriedigung veränderter Stimme.

»Werden Sie nur meinen Diamanten annehmen?«

»Werden Sie ihn nie von mir zurückfordern?« fragte sie.

»Niemals!«

Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial, der schon auf ein nahes Glück rechnete, machte eine Bewegung, als wollte er der Gräfin seinen Arm um die Taille legen; sie aber erhob sich plötzlich und sagte mit klarer Stimme, ohne jede Erregung:

»Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten mit um so geringerem Bedenken an, als er mir gehört.«

Der Finanzsekretär blieb sprachlos.

»Herr von Soulanges nahm ihn kürzlich von meinem Toilettentisch und sagte mir dann, er hätte ihn verloren.«

»Sie befinden sich in einem Irrtum, gnädige Frau,« sagte Martial gereizt, »ich erhielt diesen Ring von Frau von Vaudremont.«

»Ganz recht,« erwiderte sie lachend. »Mein Mann hat sich diesen Ring von mir entliehen, er hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn Ihnen geschenkt. Mein Ring hat eine Rundreise gemacht, das ist alles. Dieser Ring wird mir vielleicht alles das sagen, was ich noch nicht weiß, er wird mich das Geheimnis lehren, immer zu gefallen. Mein Herr,« fuhr sie dann fort, »hätte der Ring nicht mir gehört, ich wäre nicht so kühn gewesen, das können Sie mir glauben; denn eine junge Frau soll sich, so sagt man, bei Ihnen Gefahren aussetzen. Aber sehen Sie,« fügte sie hinzu und ließ eine Feder, die unter dem Stein verborgen war, aufspringen, »hier innen ist noch die Haarlocke von Herrn von Soulanges.«

Und damit entschlüpfte sie so schnell in die Säle, daß ein Versuch, sie einzuholen, vergeblich schien. Martial war ganz verdutzt. Seine Abenteuerlust war dahin.

Das Lachen der Frau von Soulanges hatte übrigens ein Echo in dem kleinen Gemach gefunden; der junge Fant erblickte zwischen zwei hohen Blumenkübeln den Obristen und Frau von Vaudremont, die aus vollem Herzen lachten.

»Willst du mein Pferd haben, um deiner Eroberung nachzujagen?« fragte der Obrist.

Nur der guten Miene, mit der der Baron die Neckereien der Frau von Vaudremont und des Generals Montcornet ertrug, verdankte er es, daß sie über diesen Abend Stillschweigen bewahrten, an dem ihr beiderseitiger Freund sein Schlachtroß gegen eine junge, reiche und schöne Frau eingetauscht hatte.

Während die Gräfin von Soulanges den Weg zurücklegte von der Chaussée d'Antin bis zum Faubourg Saint-Germain, wo sie wohnte, mußte ihre Seele die lebhaftesten Ängste durchmachen. Ehe sie das Hotel Gondreville verlassen hatte, war sie durch alle Säle geeilt, ohne ihre Tante oder ihren Gatten zu finden, die ohne sie fortgegangen waren. Schreckliche Ahnungen quälten ihr argloses Herz. Als Zeugin der Leiden, die ihr Mann seit dem Tage durchmachte, an dem Frau von Vaudremont ihn vor ihren Triumphwagen gespannt hatte, hoffte sie voll Vertrauen, daß eine baldige Reue ihr den Gatten zurückbringen würde. Nur mit größtem Widerwillen hatte sie in den Plan ihrer Tante, der Frau von Lansac, eingewilligt, und jetzt fürchtete sie, ein Unrecht begangen zu haben. Dieser Abend hatte ihre reine Seele tief betrübt. Von der leidenden und düsteren Miene des Grafen von Soulanges erschreckt, wurde sie es noch mehr durch die Schönheit ihrer Nebenbuhlerin; und die Verderbtheit der Welt hatte ihr das Herz zugeschnürt. Als sie über den Pont Royal fuhr, warf sie die entweihte Haarlocke, die unter dem Diamanten gelegen hatte und die ihr einst als Pfand reiner Liebe gegeben worden war, aus dem Wagen. Sie weinte, als sie an all die Leiden dachte, die sie seit so langer Zeit hatte erdulden müssen; sie zitterte bei dem Gedanken, daß jede Frau, die den ehelichen Frieden erhalten will, gezwungen ist, tief in ihrem Herzen, und ohne zu klagen, Ängste auszustehen, ebenso grausam wie die ihren.

»Ach,« sagte sie zu sich, »wie machen es nur die Frauen, die nicht lieben? Wo nehmen sie ihre Nachsicht her? Ich kann nicht glauben, daß – wie die Tante sagt – die Vernunft genügt, um sie in solcher Ergebenheit in ihr Schicksal zu unterstützen.«

Sie seufzte noch, als ihr Kammerjäger den eleganten Wagenschlag herunterließ, von dem sie in die Vorhalle ihres Hauses trat. Sie eilte die Treppe hinauf, und als sie in ihr Schlafgemach kam, zitterte sie vor Schreck, da sie ihren Gatten am Kamin sitzen sah.

»Seit wann, meine Liebe, besuchen Sie Bälle ohne mich, und ohne es mir zu sagen?« fragte er mit seltsamer Stimme. »Sie müssen wissen, daß eine Frau ohne ihren Gatten immer deplaciert ist. Sie haben sich in Ihrer dunklen Ecke überaus kompromittiert.«

»Ach, mein lieber Léon,« sagte sie mit zärtlicher Stimme, »ich konnte der Freude nicht widerstehen, dich zu sehen, ohne daß du mich sahst. Meine Tante hat mich auf diesen Ball geführt, und ich bin sehr glücklich dort gewesen.«

Dieser Ton nahm dem Gesichtsausdruck des Grafen seine gekünstelte Strenge; hatte er sich doch eben erst, während er auf die Rückkehr seiner Frau wartete, die bittersten Vorwürfe gemacht: denn sie hatte auf dem Ball sicher von seiner Untreue erfahren, die er hoffte, ihr verbergen zu können; und nun wollte er versuchen, wie es Liebende zu tun pflegen, die sich einer Schuld bewußt sind, dem nur allzuberechtigten Zorn der Gräfin dadurch zu entgehen, daß er als erster sie mit Vorwürfen überhäufte. – Schweigend betrachtete er seine Gattin, die in ihrem kostbaren Staat noch schöner erschien als sonst. Die Gräfin, glücklich ihren Gatten lächeln zu sehen und ihn zu dieser Stunde in einem Zimmer zu treffen, in das er seit einiger Zeit weniger oft gekommen war, sah ihn so zärtlich an, daß sie errötete und die Augen niederschlug. Diese Milde berauschte Soulanges um so mehr, als sie auf die Qualen folgte, die er während des Balles hatte erdulden müssen. Er ergriff die Hand seiner Frau und küßte sie voll Dankbarkeit: ist in der Liebe nicht oft Dankbarkeit?

»Hortense, was hast du da am Finger, das meinen Lippen so weh getan hat?« fragte er lachend.

»Das ist mein Diamant, den du verloren zu haben meintest und den ich wiedergefunden habe!«

Der General Montcornet heiratete übrigens Frau von Vaudremont nicht, trotz des guten Einvernehmens, in dem beide eine Zeitlang lebten; denn sie wurde eines der Opfer jener schrecklichen Feuersbrunst auf dem berühmten Ball, den die österreichische Gesandtschaft zu Ehren der Vermählung des Kaisers Napoleon mit der Tochter des Kaisers Franz II. gab.

 


 

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