Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Der Diamant

Honoré de Balzac: Der Diamant - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleDer Diamant
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorEmmi Hirschberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080711
projectid61a61b23
Schließen

Navigation:

Der Mode jener Zeit entsprechend mußte ein Mann auf einem Ball ein paar Kniehosen aus weißem Kaschmir tragen und seidene Strümpfe. Dieser hübsche Anzug ließ die vollendeten Formen Montcornets gut zur Geltung kommen. Er war damals 35 Jahre alt und zog alle Blicke durch die hohe Gestalt auf sich, wie sie ein Kürassier der kaiserlichen Garde haben mußte. Seine stattliche Erscheinung, die, trotz einer gewissen Fülle, die er vom Reiten bekommen hatte, noch recht jugendlich wirkte, wurde durch die schöne Uniform noch gehoben. Der schwarze Schnurrbart erhöhte den offenen Ausdruck seines echt militärischen Gesichts, dessen Stirn breit und offen, dessen Nase gebogen und dessen Mund üppig rot war. Montcornets Auftreten – Ausdruck einer gewissen Vornehmheit, die er seiner Gewohnheit: Befehle zu erteilen, verdankte – konnte einer Frau wohl gefallen, wenn sie nur klug genug war, keinen Sklaven aus ihrem künftigen Gatten machen zu wollen. – Der Obrist lächelte, als er den Finanzsekretär betrachtete, einen seiner besten Schulkameraden, dessen kleine schlanke Figur ihn zwang, den freundschaftlichen Blick als Antwort auf diesen Spott etwas nach unten zu richten. Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provenzale, den Napoleon protegierte und der zu irgendeinem glänzenden Gesandtschaftsposten ausersehen schien. Er hatte es dem Kaiser durch seine italienische Liebenswürdigkeit angetan, durch seine Begabung für Intrigen, durch die gesellschaftliche Beredtsamkeit und gewandtes Auftreten, das so leicht als Ersatz genommen wird für die bedeutenden Gaben eines soliden Mannes. Obgleich lebhaft und jung, besaß sein Gesicht doch jenen unbeweglichen Ausdruck, der einer der unerläßlichen Eigenschaften des Diplomaten ist und der es ihm ermöglicht, seine Erregungen zu verbergen, seine Gefühle zu verhüllen, wenn dieser Gleichmut nicht am Ende das Fehlen jeder Erregung und den Mangel jeden Gefühls bedeutet! Das Herz der Diplomaten ist ein unergründliches Rätsel, haben sich doch die drei bedeutendsten Gesandten jener Zeit sowohl durch Ausdauer im Haß als auch durch romantische Neigungen ausgezeichnet. – Martial jedoch gehörte zu der Menschenklasse, die fähig ist, mitten im leidenschaftlichsten Genuß ihre Zukunft zu berechnen; er hatte die Welt schon durchschaut und verbarg seinen Ehrgeiz unter der Selbstzufriedenheit des Glücksritters und seine Talente unter scheinbarer Mittelmäßigkeit, denn er hatte erkannt, wie schnell die Leute vorwärts kamen, die den Meister am wenigsten in den Schatten stellten.

Die beiden Freunde mußten sich trennen und schüttelten einander herzlich die Hand. Die Musik, die den Damen einen neuen Tanz ankündigte, zu dem sie sich aufstellen mußten, vertrieb die beiden Herren von dem Platze, auf dem sie mitten im Salon geplaudert hatten. Diese eilige, zwischen zwei Tänzen stattfindende Unterhaltung wurde vor dem Kamin des großen Salons im Hotel de Gondreville geführt. Die Fragen und Antworten dieses Geplauders wurden, wie es auf Bällen so üblich ist, von jedem der beiden Sprecher dem Nachbarn ins Ohr geflüstert. Doch die Armleuchter und Kerzen auf dem Kamin warfen ihr grelles Licht derart auf die beiden Freunde, daß ihre allzu hell beschienenen Gesichter trotz ihrer diplomatischen Beherrschtheit weder der klugen Gräfin noch der arglosen Unbekannten den nicht mißzuverstehenden Ausdruck ihrer Gefühle verbergen konnten. Dieses Auskundschaften der Gedanken ist für den Unbeteiligten vielleicht ein Vergnügen, das die Gesellschaft ihm bietet. Manch betrogener Dummkopf jedoch muß sich langweilen, ohne daß er wagt, es einzugestehen.

Um die volle Bedeutung dieser Unterhaltung zu begreifen, muß ein Ereignis erzählt werden, das wie mit unsichtbaren Banden die einzelnen Personen dieses kleinen Dramas, die bisher noch im Salon verstreut waren, miteinander verbinden sollte. – Ungefähr gegen 11 Uhr abends, in dem Augenblick, als sich die Tänzerinnen auf ihre Plätze begaben, sahen die Gäste des Hotel Gondreville die schönste Frau von Paris hereinkommen, die Königin der Mode, die einzige, die dieser glänzenden Versammlung noch gefehlt hatte. Sie hatte es sich von jeher zum Gesetz gemacht, immer erst in dem Augenblick zu erscheinen, wo ein Salon jene belebte Bewegtheit zeigt, bei der die Frauen nicht mehr lange die Frische ihres Gesichtes und ihrer Toiletten zu bewahren vermögen. Dieser flüchtige Augenblick ist wie der Frühling eines Balles; eine Stunde später, wenn das Vergnügen vorbei ist, wenn die Ermüdung eintritt, ist alles verwelkt. – Frau von Vaudremont beging nie den Fehler, so lange auf einem Fest zu bleiben, bis ihre Blumen welk, ihre Locken unordentlich, ihre Besätze zerknittert waren, bis ihr Gesicht ebenso übermüdet aussah wie die anderen, die, vom Schlaf fast übermannt, sich seiner nicht immer erwehren können. Sie hütete sich wohl, gleich ihren Rivalinnen, ihre verschlafene Schönheit zu zeigen, sie erhielt den Ruf ihrer Koketterie geschickt dadurch aufrecht, daß sie einen Ball ebenso leuchtend verließ, wie sie ihn betreten hatte. Die Frauen flüsterten sich mit einem Gefühl von Neid zu, daß sie so vielerlei Schmuck anlege, als sie an einem Abend Bälle besuche. Diesmal sollte Frau von Vaudremont jedoch nicht nach eigenem Belieben den Salon verlassen, den sie im Triumph betreten hatte. Einen Augenblick stand sie auf der Schwelle der Tür und warf flüchtige, aber durchdringende Blicke auf die anwesenden Frauen, deren Toiletten sie dabei prüfte, um sich zu überzeugen, daß die ihre alle anderen in den Schatten stellte. Die berühmte Kokette, die von einem der tapfersten Infanterie-Generäle der Garde, einem Günstling des Kaisers, dem Grafen von Soulanges, am Arm geführt wurde, bot sich der Bewunderung der ganzen Versammlung dar. Die vorübergehende und zufällige Verbindung dieser beiden Persönlichkeiten hatte zweifellos etwas Geheimnisvolles. Als Herr von Soulanges und Frau von Vaudremont angekündigt wurden, standen einige Damen, die bisher als Mauerblümchen auf ihren Plätzen gesessen hatten, auf, die Herren kamen aus den anstoßenden Sälen und drängten sich an die Türen des Hauptsaales. Ein Witzbold – wie sie bei einer so zahlreichen Versammlung nie zu fehlen pflegen – sagte, als er die Gräfin und ihren Kavalier hereinkommen sah: die Damen sind ebenso neugierig, einen Mann zu sehen, der seinen Leidenschaften treu bleibt, wie die Männer eine schöne, schwer zu fesselnde Frau.

Obgleich der Graf von Soulanges, ein Mann von ungefähr 32 Jahren, jenes nervöse Temperament besaß, das bei den Männern die großen Fähigkeiten hervorbringt, sprachen seine hagere Gestalt und sein blasser Teint wenig zu seinen Gunsten. Seine schwarzen Augen deuteten auf große Lebhaftigkeit, aber in Gesellschaft war er schweigsam, und nichts ließ ahnen, daß er bei den gesetzgebenden Versammlungen der Restauration als einer der geschicktesten Redner der Rechten glänzen sollte. Die Gräfin von Vaudremont, eine große, etwas üppige Frau mit blendend weißer Hautfarbe, verstand ihren Kopf gut zu tragen und besaß den großen Vorzug, durch die Anmut ihres Auftretens zu bezaubern. Sie gehörte zu jenen Geschöpfen, die alle Versprechungen, die ihre Schönheit macht, erfüllen. Dieses Paar, das für einige Augenblicke der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit wurde, ließ die Neugier sich jedoch nicht lange auf seine Kosten unterhalten. Der Obrist und die Gräfin begriffen anscheinend völlig, daß der Zufall sie in eine peinliche Lage versetzt hatte. Als Martial sie kommen sah, ging er auf die Gruppe von Herren zu, die am Kamin standen, und begann durch ihre Köpfe hindurch, die ihm als Verschanzung dienten, sie mit jener eifersüchtigen Aufmerksamkeit zu beobachten, wie sie das erste Feuer der Leidenschaft eingibt: eine geheime Stimme schien ihm zu sagen, daß der Erfolg, dessen er sich rühmte, vielleicht doch kein ganz sicherer war. Doch das Lächeln kühler Höflichkeit, mit dem die Gräfin Herrn von Soulanges dankte, und die Handbewegung, mit der sie ihn verabschiedete, während sie sich neben Frau von Gondreville setzte, lösten wieder alle Muskeln, die die Eifersucht in seinem Gesicht angespannt hatte. Dann aber erblickte er zwei Schritte von dem Diwan, auf dem Frau von Vaudremont Platz genommen hatte, Soulanges, der den Blick nicht verstanden zu haben schien, mit dem die junge Kokette ihm bedeutete, daß sie beide eine lächerliche Rolle spielten; und wieder zog der provenzalische Feuerkopf die schwarzen Augenbrauen zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, strich mit Haltung über die Locken seines braunen Haares und beobachtete, ohne die Erregung, die sein Herz schlagen machte, zu verraten, das Benehmen der Gräfin und des Herrn von Soulanges, während er sich dabei mit seinem Nachbarn unterhielt. Er drückte dem Obristen, der die alte Bekanntschaft mit ihm wieder erneuert hatte, die Hand, hörte ihm jedoch zu, ohne seine Worte zu verstehen, so sehr war er innerlich beschäftigt. Soulanges warf ruhige Blicke auf die vierfache Reihe von Damen, die den riesengroßen Salon des Senators einrahmte, bewunderte ihren Diamanten und Rubinenschmuck, ihre goldenen Gehänge und geputzten Köpfe, deren Glanz das Feuer der Kerzen, das Kristall der Leuchter und die Vergoldungen fast verblassen ließ. – Die unbekümmerte Ruhe seines Nebenbuhlers ließ den Finanzsekretär die Haltung verlieren. Nicht imstande, die geheime Ungeduld, die ihn erfüllte, zu beherrschen, ging Martial auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu begrüßen. Als Soulanges den Provenzalen erblickte, warf er ihm einen finsteren Blick zu und wandte dann ungezogen den Kopf zur Seite. Eine tiefe Stille herrschte im Saal, in dem die Neugier ihren Höhepunkt erreicht hatte. Alle diese vorgestreckten Köpfe zeigten die wunderlichsten Mienen; jeder fürchtete und erwartete einen jener Auftritte, die wohlerzogene Leute immer zu vermeiden suchen. – Auf einmal wurde das bleiche Antlitz des Grafen von Soulanges so rot wie seine roten Aufschläge, doch senkte sich sein Blick sogleich zu Boden, um die Ursache seiner Unruhe nicht erraten zu lassen. – Als er jene Unbekannte bescheiden am Fuße des Kandelabers erkannt halte, ging er mit traurigem Gesicht an dem jungen Sekretär vorbei und flüchtete sich in einen der Spielsäle. Martial und alle Anwesenden glaubten, Soulanges räume ihm offiziell das Feld, aus Furcht vor der lächerlichen Rolle, die verabschiedete Liebhaber immer spielen. Der Finanzsekretär hob stolz den Kopf und blickte auf die Unbekannte; und als er dann neben Frau von Vaudremont Platz genommen hatte, hörte er ihr so zerstreut zu, daß er die Worte, die die Kokette hinter ihrem Fächer zu ihm sprach, gar nicht verstand.

»Martial, Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie heute abend den Ring, den Sie mir entrissen haben, nicht tragen würden. Ich habe meine Gründe dafür, die ich Ihnen auseinandersetzen werde, wenn wir uns zurückziehen ... Sie werden mich zur Fürstin von Wagram begleiten.«

»Warum ließen Sie sich vom Obristen am Arm führen?« fragte der Baron.

»Ich traf ihn in der Vorhalle,« erwiderte sie; »aber verlassen Sie mich jetzt, man beobachtet uns.«

Martial trat wieder zu dem Kürassierobristen. Die kleine, blaue Dame war die gemeinsame Ursache der Unruhe, die den Kürassier, Soulanges, Martial und Frau von Vaudremont so verschieden erregte.

Als die beiden Freunde, deren Unterhaltung mit einer Herausforderung geendigt halte, sich voneinander trennten, stürzte der Finanzsekretär auf Frau von Vaudremont zu und wußte ihr einen Platz in der glänzendsten Quadrille einzuräumen. Begünstigt durch eine Art Rausch, in den der Tanz jede Frau versetzt, und bei dem die Männer in ihrer eleganten Kleidung nicht weniger anziehend wirken als die Frauen, konnte sich Martial ungehindert dem Reiz hingeben, mit dem die Unbekannte ihn zu sich hinzog. War es ihm auch gelungen, die ersten Blicke, die er auf die Unbekannte warf, den lebhaften Augen der Gräfin zu verheimlichen, so wurde er doch bald auf frischer Tat ertappt. Und wenn eine erste Zerstreutheit noch entschuldbar blieb, so war sein beharrliches Schweigen auf die verführerischste aller Fragen, die eine Frau einem Mann stellen kann: »Lieben Sie mich heute abend?« nicht zu rechtfertigen. Je verträumter er wurde, desto dringlicher und gereizter wurde die Gräfin. Während Martial tanzte, ging der Obrist von Gruppe zu Gruppe, um Auskünfte über die junge Unbekannte einzuziehen. Nachdem er die Liebenswürdigkeit aller Anwesenden erschöpft hatte, selbst die der Gleichgültigsten, wollte er sich gerade entschließen, einen Augenblick, an dem die Gräfin von Gondreville frei schien, zu benutzen, um sie selbst nach dem Namen der geheimnisvollen Dame zu fragen, als er plötzlich einen leeren Raum zwischen der zerbrochenen Säule, die den Kandelaber trug, und den daneben stehenden Sesseln bemerkte. Der Obrist benutzte den Augenblick, wo der Tanz einen großen Teil der Stühle frei ließ, die, gleich Festungslinien, von den Müttern und den älteren Damen verteidigt wurden, und unternahm es, diese mit Schals und Tüchern bedeckte Schanze zu überschreiten. Er sagte den Matronen Liebenswürdigkeiten; und von einer Dame zur andern, von einer Höflichkeit zur andern gelangte er auf den leeren Platz neben der Unbekannten. Auf die Gefahr hin, an den Greifen, und Fabeltieren des riesigen Kandelabers anzuhaken, blieb er dort unter dem Glanz und dem Wachs der Kerzen stehen, zum großen Ärger Martials.

Er war ein zu gewandter Gesellschafter, als daß er die kleine blaue Dame, die rechts von ihm saß, so unvermittelt angesprochen hätte; er wandte sich daher zunächst an eine ziemlich Häßliche zu seiner Linken und begann:

»Ein sehr schöner Ball, nicht wahr, gnädige Frau? Welch ein Luxus, welch eine Bewegung! Auf Ehre, hier gibt es nur hübsche Frauen; und wenn Sie, meine Gnädige, nicht tanzen, so hatten Sie sicher keine Lust dazu?«

Das Anknüpfen dieser abgeschmackten Unterhaltung hatte den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten zum Sprechen zu bringen, die ihm jedoch – schweigsam und innerlich beschäftigt, wie sie war – nicht die leiseste Aufmerksamkeit schenkte. Der Offizier hatte noch eine ganze Reihe von Phrasen bereit, die zum Schluß mit der Frage endigen sollten: »und Sie, gnädige Frau?«, von der er sich sehr viel versprach. Aber ein sonderbares Erstaunen ergriff ihn, als er ein paar Tränen in den Augen der Unbekannten erblickte, die ganz von Frau von Vaudremont gefangen genommen schien.

»Gnädige Frau sind gewiß verheiratet?« fragte der Obrist endlich mit unsicherer Stimme.

»Ja, mein Herr,« antwortete die Unbekannte.

»Ihr Herr Gemahl ist sicher auch zugegen?«

»Ja, mein Herr.« »Und warum bleiben Sie an diesem Platz hier, gnädige Frau? Sicherlich aus Koketterie.«

Die Bekümmerte lächelte traurig.

»Gestatten Sie mir, gnädige Frau, daß ich Sie zum nächsten Tanz auffordere; ich werde Sie dann bestimmt nicht wieder hierher zurückführen. Ich sehe neben dem Kamin noch eine leere Ottomane, kommen Sie dorthin. Wo so viele herrschen wollen und die Ausgelassenheit das Zepter führt, sehe ich nicht ein, warum Sie sich weigern sollten, die Königin des Balles zu werden, wozu Ihre Schönheit Ihnen ein Anrecht gibt.«

»Mein Herr, ich tanze nicht.«

Der kurze Ton in den Antworten dieser Frau war so hoffnungslos, daß der Obrist seinen Platz aufgeben mußte. Martial, der die letzte Frage des Obristen und den Korb, den dieser bekam, erraten hatte, lächelte und strich sich über das Kinn, wobei er den Ring, den er am Finger trug, blitzen ließ.

»Worüber lachen Sie?« fragte ihn die Gräfin von Vaudremont.

»Über den Mißerfolg des armen Obristen, er hat einen Metzgergang gemacht.«

»Ich hatte Sie gebeten, Ihren Ring abzuziehen,« unterbrach ihn die Gräfin.

»Das habe ich nicht gehört.«

»Wenn Sie heute abend auch nichts hören, Herr Baron, so scheinen Sie dafür um so mehr zu sehen,« antwortete Frau von Vaudremont etwas verletzt.

In diesem Augenblick sagte die Unbekannte zum Obristen: »Dort ist ein junger Mann, der einen sehr schönen Diamanten trägt.«

»Ja, wundervoll ist der Stein,« antwortete Montcornet. »Der junge Mann ist der Baron Martial de la Roche-Hugon, einer meiner intimsten Freunde.«

»Ich danke Ihnen, daß Sie mir seinen Namen genannt haben,« erwiderte sie; »der Herr scheint sehr liebenswürdig zu sein.«

»Das wohl, aber ein bißchen leichtsinnig.«

»Man könnte fast annehmen, daß er der Gräfin von Vaudremont sehr nahe steht,« fuhr die junge Dame fort und sah den Obristen dabei prüfend an.

»Überaus nahe.«

Der Unbekannte erbleichte.

›So scheint sie diesen Teufel von Martial zu lieben,‹ dachte der General.

»Ich glaubte Frau von Vaudremont seit langem mit dem Grafen von Soulanges liiert,« nahm die junge Frau wieder das Wort, von dem inneren Schmerz, der den Ausdruck ihres Gesichtes ganz verändert hatte, wieder etwas erholt.

»Seit acht Tagen hintergeht ihn die Gräfin,« erwiderte der Obrist. »Doch Sie müssen den armen Soulanges gesehen haben, als er hereinkam; er versucht noch immer, nicht an sein Mißgeschick zu glauben.«

»Ich habe ihn gesehen,« sagte die blaue Dame. Dann fügte sie ein: »Mein Herr, ich danke Ihnen« hinzu, das im Ton einer Verabschiedung gleichkam.

In diesem Augenblick ging der Tanz zu Ende; enttäuscht konnte sich der Obrist nur noch zurückziehen, wobei er sich jedoch wie zum Trost sagte: ›Sie ist verheiratet.‹

»Nun, mutiger Kürassier!« rief der Baron aus und zog den Obristen in eine Fensternische, um von dort die erfrischende Luft der Gärten zu genießen, »wie weit sind Sie?«

»Sie ist verheiratet, mein Lieber.«

»Was tut das?«

»Zum Teufel auch, ich habe Lebensart!« antwortete der Obrist. »Ich halte mich jetzt nur noch an die Frauen, die ich auch heiraten kann. Außerdem hat sie mir erklärt, sie tanze nicht.«

»Obrist, wetten wir Ihren Apfelschimmel gegen 100 Napoleons, daß sie heute abend noch mit mir tanzt?«

»Gut,« sagte der Obrist, und schlug in die Hand des jungen Fanten ein. »Inzwischen will ich Soulanges aufsuchen; vielleicht kennt er diese Dame, die sich für ihn zu interessieren scheint.«

»Mein Lieber, Sie haben schon verloren,« sagte Martial lachend. »Meine Augen sind den ihren begegnet, und auf diese Sprache verstehe ich mich. Sind Sie mir auch nicht böse, lieber Obrist, wenn ich mit ihr tanze, nachdem Sie einen Korb von ihr bekommen haben?«

»Nein, nein, wer zuletzt lacht, lacht am besten Übrigens, Martial, ich bin kein Spielverderber, ich mache dich nur noch darauf aufmerksam, daß sie Diamanten sehr liebt.«

Bei diesen Worten trennten sich die Freunde. Montcornet ging in den Spielsaal, wo er den Grafen von Soulanges an einem Spieltisch sitzen sah. Obgleich zwischen den beiden Militärs nur jene übliche Freundschaft bestand, wie sie gemeinsame Kriegsgefahren und Dienstpflichten mit sich bringen, war der Kürassierobrist doch schmerzlich berührt, den Artillerieobristen, den er als einen klugen Mann kannte, in ein Spiel verwickelt zu sehen, das ihn vollständig ruinieren konnte. Die Goldstücke und Banknoten, die auf dem verhängnisvollen Tuche ausgebreitet waren, bezeugten die Wut des Spieles. Ein Kreis schweigsamer Herren stand um die Spieler am Tische. Wohl ertönten ab und zu Rufe, wie sie das Spiel so mit sich bringt: Passe! Trumpf! Tausend Louis! Gehalten! Aber wenn man die fünf unbeweglichen Personen sah, schien es, als sprächen sie nur mit den Augen.

Als der Obrist, den Soulanges Blässe erschreckte, zu ihm trat, hatte der Graf gerade gewonnen. Der Marschall Graf von Isemberg und der berühmte Bankier Keller standen auf, sie hatten bedeutende Summen verloren. Soulanges wurde noch finsterer, als er die Menge Gold und Papier, ohne sie zu zählen, einsteckte; ein Zug bitterer Verachtung lag auf seinen Lippen, er schien das Glück zu verwünschen, anstatt ihm für seine Gunst zu danken.

»Kopf hoch, Soulanges, Kopf hoch!« sagte der Obrist zu ihm.

Und dann, in der Meinung, ihm einen besonderen Dienst zu erweisen, wenn er ihn vom Spiel fortzog, fügte er hinzu:

»Kommen Sie, ich kann Ihnen eine gute Nachricht bringen, aber unter einer Bedingung!«

»Und die wäre?« fragte Soulanges.

»Mir die Frage, die ich an Sie richten werde, zu beantworten.«

Der Graf von Soulanges erhob sich rasch, tat seinen Gewinn höchst sorglos in ein Taschentuch, mit dem er krampfhaft gespielt hatte und blickte so finster drein, daß keiner der Spieler es wagte zu beanstanden, daß er den Gewinn einsteckte, ohne Revanche zu geben. Die Gesichter schienen sich vielmehr zu erhellen, als dieser düstere und vergrämte Kopf sich nicht mehr in dem Lichtkreis befand, den die Spiellampe auf dem Tische beschrieb.

»Dieses verteufelte Militär versteht sich untereinander, wie Taschendiebe auf einem Jahrmarkt,« sagte leise ein Diplomat aus dem Kreise der Zuschauer und nahm den Platz des Obristen ein. Ein einziges fahles und müdes Gesicht drehte sich nach dem neuen Ankömmling um und warf ihm einen Blick zu, der aufblitzte und wieder erlosch wie das Feuer eines Diamanten.

»Wer Militär sagt, sagt nicht Zivil, Herr Minister!«

»Mein Lieber,« sagte Montcornet zu Soulanges und zog ihn in eine Ecke, »heute früh hat der Kaiser voller Lob von Ihnen gesprochen. Ihre Beförderung zum Marschall ist nicht mehr zweifelhaft.«

»Der Chef mag die Artillerie nicht.«

»Ja, aber er vergöttert den Adel, zu dem auch Sie gehören. Der Chef hat gesagt,« fuhr Montcornet fort, »daß diejenigen, die sich während des Feldzuges in Paris verheiratet haben, nicht als in Ungnade gefallen angesehen werden sollen. Nun?«

Der Graf von Soulanges schien von alledem nichts zu begreifen.

»Und nun hoffe ich auch,« schloß der Obrist, »daß Sie mir sagen werden, ob Sie eine reizende junge Frau kennen, dort am Fuße eines Kandelabers.«

Bei diesen Worten belebten sich die Augen des Grafen; mit unerhörter Heftigkeit ergriff er die Hand des Obristen.

»Mein lieber General!« sagte er zu ihm mit merklich veränderter Stimme, »wenn ein anderer als Sie diese Frage an mich gerichtet hätte, würde ich ihm mit diesem Haufen Gold den Schädel einschlagen! Bitte, lassen Sie mich allein; ich möchte mir heute abend lieber eine Kugel durch den Kopf jagen, als ... Alles, was ich sehe, ist mir verhaßt; ich will auch lieber fortgehen. Diese Freude, diese Musik, diese dummen lachenden Gesichter bringen mich um.«

»Mein armer Freund!« erwiderte Montcornet mit sanfter Stimme und schlug freundschaftlich in Soulanges Hand ein. »Sie sind aufgeregt. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß Martial kaum noch an Frau von Vaudremont denkt, daß er sich vielmehr in jene kleine Dame verliebt hat!«

»Wenn er mit ihr spricht,« rief Soulanges aus, stotternd vor Wut, »dann schlage ich ihn so platt wie seine Brieftasche, und wäre er im Schoße des Kaisers.«

Und wie ohnmächtig fiel der Graf in den Lehnstuhl, zu dem ihn der Obrist geführt hatte. Letzterer zog sich langsam zurück; er merkte, daß Soulanges von zu heftigem Zorn ergriffen war, als daß ihn ein Scherz oder die Bemühungen eines oberflächlichen Freundes hätten beruhigen können. Als Montcornet in den großen Tanzsaal kam, war Frau von Vaudremont die erste, die er erblickte, und er bemerkte auf ihrem sonst so ruhigen Gesicht Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Ein Sessel neben ihr war frei, und er setzte sich zu ihr.

»Ich wette, es quält Sie etwas!« sagte er.

»Nichts von Belang, General. Ich wäre gern von hier fortgegangen, ich habe versprochen, auf den Ball der Großherzogin von Berg zu kommen und muß vorher noch zur Fürstin von Wagram. Herr de la Roche-Hugon, der dies weiß, vertreibt sich jedoch die Zeit damit, alten Damen den Hof zu machen.«

»Das ist nicht ganz der Grund Ihrer Verstimmung, und ich wette 100 Louis, daß Sie heute abend hierbleiben werden.«

»Unverschämter!«

»So habe ich also recht gehabt?«

»Nun, woran habe ich also gedacht?« erwiderte die Gräfin und schlug dem Obristen mit dem Fächer leicht auf die Finger. »Ich könnte Sie belohnen, wenn Sie es erraten.«

»Darauf gehe ich nicht ein, ich bin zu sehr im Vorteil.«

»Eingebildeter!«

»Sie fürchten, Martial zu den Füßen von ...«

»Von wem?« fragte die Gräfin, indem sie sich überrascht stellte.

»... von jenem Kandelaber zu sehen,« erwiderte der Obrist und zeigte auf die schöne Unbekannte, wobei er die Gräfin mit quälerischer Aufmerksamkeit beobachtete.

»Sie haben es erraten,« gab die Kokette zu und verbarg ihr Gesicht hinter dem Fächer, mit dem sie zu spielen begann. »Die alte Frau von Lansac, die, wie Sie wissen, boshaft wie ein alter Affe ist,« fuhr sie nach kurzem Schweigen fort, »hat mir soeben gesagt, daß es für Herrn de la Roche-Hugon etwas gefährlich wäre, dieser Unbekannten, die heute wie ein Störenfried hier erschienen ist, den Hof zu machen. Ich sähe lieber dem Tod ins Angesicht, als in dies grausam schöne und gespensterhaft bleiche Antlitz. Frau von Lansac,« fügte sie dann mit einem Ausdruck von Verachtung hinzu, »die nur auf Bälle geht, um alles zu beobachten, während sie so tut als schliefe sie, hat mich heftig beunruhigt. Martial wird dieser Streich, den er mir spielt, teuer zu stehen kommen. Da Sie jedoch sein Freund sind, General, so veranlassen Sie ihn bitte, mir nicht so viel Kummer zu bereiten.«

»Ich sprach soeben einen Mann, der sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit jener kleinen Dame spricht. Dieser Mann hält sein Wort. Doch wie ich Martial kenne, wird ihn diese Gefahr nur noch mehr reizen. Zudem haben wir noch gewettet ...«

Hier senkte der Obrist die Stimme.

»Wirklich?« fragte die Gräfin.

»Auf mein Ehrenwort.«

»Dank, General!« sagte Frau von Vaudremont und warf ihm einen Blick voller Koketterie zu.

»Würden Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu tanzen?«

»Ja, aber erst den zweiten Tanz. Während des ersten muß ich herausbekommen, was aus dieser Intrige wird, und wer die kleine blaue Dame ist, sie sieht sehr gescheit aus.«

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >>