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Carlot Gottfried Reuling: Der Diamant - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarlot Gottfrid Reuling
booktitleNeuland
titleDer Diamant
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
projectid2c435421
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Carlot Gottfrid Reuling

Der Diamant

Hans war ein tüchtiger Arbeiter und ein hübscher Bursche. Die blonden Haare und der Bart standen gut zu den rotbraunen Backen und die blauen Augen schauten treuherzig in die Welt hinein. Die Leute sagten zwar, Hans habe den Verstand nicht gerade mit Löffeln gegessen; daran aber lag einmal wahrhaftig nicht viel und dann müssen ja die lieben Menschen ihrem Nächsten immer wenigstens etwas schlimmes nachreden. Hans hatte das Zimmergeschäft gelernt und stand schon jahrelang bei demselben Meister in Lohn; er schimpfte zwar nicht wenig auf die harte Arbeit und redete immer davon, daß es anders kommen müsse, war aber im Grund seines Herzens seelenvergnügt. Das Räsonnieren hatte er sich nur angewöhnt, weil es die andern so machten und er es für klug und nebenbei sehr gebildet hielt. Jeden Morgen war er der Erste auf dem außerhalb der Stadt gelegenen Zimmerplatz und hackte noch darauf los, wenn die übrigen Gesellen schon Feierabend gemacht hatten.

Als er eines Samstagabends wie gewöhnlich als letzter sein Handwerkszeug zusammensuchte, hörte er auf der Wiese vor dem Zimmerplatz ein lautes Gelächter, dazwischen Schimpfen und Rufen. Er machte einen langen Hals und sah über die Wiese einen mächtigen Kolkraben hüpfen; hinter ihm her keuchte ein kleiner, dürrer Mann mit einem gewaltigen Höcker, zerzausten Haaren und staubigen Kleidern. Er lockte den Raben fortwährend und dieser ließ ihn ganz nahe herankommen. Sobald aber der Kleine die braunen Spinnenfinger nach ihm ausstreckte, krächzte er höhnisch und flatterte über den Boden hin. Hoch fliegen konnte er nicht, weil ihm die stärksten Schwungfedern ausgerauft waren; trotzdem kam er viel schneller vorwärts, als der Buckelige. Ein großer Trupp Leute stand da, gaffte, und lachte jedesmal aus vollem Halse, wenn der Rabe weiter flatterte. Als jetzt der Kleine gar über einen Stein stolperte und auf die Nase fiel, wieherte der Haufen vor Vergnügen laut auf.

Dem gutmütigen Hans that der Kleine leid; er sprang dem Raben nach, holte ihn auf seinen kräftigen Beinen schnell ein und packte ihn trotz seines Krächzens und bösartigen Schnabelhackens am Kragen. Dann reichte er ihn zum nicht gelinden Ärger der Gaffer dem atemlosen Kerlchen. Der sah ihn aus seinen tückischen Schweinsaugen zuerst etwas mißtrauisch an; nachdem er aber mit Hans ein Weilchen geplaudert hatte, kicherte er in sich hinein und sing an, zutraulich zu werden. Als nun Hans seine große Rede hielt: von der harten Arbeit, dem ungerechten Ausnützen seiner Kräfte, dem miserablen Verdienst, da nickte der Buckelige sehr eifrig und erklärte, Hans habe vollkommen recht; er solle nun auch einmal anfangen, von den anderen zu zehren.

Hans sah ihn sehr verdutzt von der Seite an und meinte nach einigem Besinnen, das möchte er ja gerne, er wisse nur nicht recht, wie! Doch der Kleine erwiderte, er wolle ihm zum Dank dafür, daß er ihm seinen Raben gefangen habe, ein Mittel sagen. Er solle nur morgen in seine Wohnung kommen, da wollten sie alles nähere besprechen.

Als Hans den nächsten Tag in dem besten Anzug seinen seltsamen, neuen Freund besuchte, klopfte ihm das Herz nicht wenig, während er die Treppe hinaufstieg. Er wohnte in einem einstöckigen Häuschen einer sehr engen, dunkeln Gasse; die Zimmer sahen auch nicht besonders einladend aus; merkwürdiger Krimskrams lag auf allen Stühlen und dem Tisch und der große Rabe krächzte auf eine solch fatale Art, daß es Hans einmal über das andere Mal eiskalt den Rücken hinunterrieselte. Der Verwachsene empfing ihn sehr freundlich, holte eine große Flasche Wein herbei, schenkte seinem Gast fleißig ein und schwatzte lustig mit ihm. Hans schmeckte der Wein und als die Flasche leer geworden, war sein Mut so gewachsen, daß er den Kleinen bat, ihm nun das Mittel zu sagen, durch welches er auf die Kosten anderer bequem leben könne.

Da grinste der Buckelorum ganz abscheulich, nahm einen Hammer und schlug die Flasche entzwei. Sie war aus schwerem Glas gemacht und besonders der Boden sehr dick und schön geschliffen. Den packte der Kleine, schnitt mit einem Instrument die Kanten und Ecken ab und rieb ihn mit einem rötlichen Pulver ein. Nun glänzte er auf einmal gar prächtig und schimmerte in tausend Lichtern. Dann hielt er Hans den über faustgroßen Brocken unter die Nase und frug, was das sei. Hans glaubte, er wolle ihn zum besten haben und entgegnete etwas unwirsch, es sei ein Flaschenscherben. Darauf lachte der andere nur um so mehr und behauptete, der Scherben wäre ein kostbarer Diamant aus dem reichsten und gesegnetsten Lande der Welt und solle Hans zu einem bequemen Leben helfen.

Das ging dem guten Burschen etwas über seinen Horizont und er glotzte den funkelnden Brocken so dumm an, daß der Kleine plötzlich ernsthaft wurde. Nach einiger Mühe gelang es ihm, Hans klar zu machen, es käme besonders darauf an, seine lieben Mitmenschen zu überzeugen, der Scherben sei ein Diamant und stamme aus dem Lande, wo ein nie zu erschöpfender Überfluß an köstlich schmeckenden Nahrungsmitteln sei. Nach ihm werde Hans die Menschen bringen, sobald die rechte Zeit dazu gekommen wäre. Zum Wahrzeichen, daß er das Land ganz genau kenne, müsse er den Leuten seinen Diamanten zeigen und ihnen sagen, der Stein besitze die Wunderkraft, den Weg dorthin zu weisen. Dann würden sie ihm sicher glauben – der Augenschein überzeuge stets – und ihm für seine glänzenden Versprechungen für die Zukunft gleich jetzt Essen und Trinken in Hülle und Fülle geben. Die Hauptsache sei: daß er selbst fest glaube, einen Diamanten zu besitzen; dann werde er auch die anderen überzeugen. Dieser Glaube würde sich aber in kurzer Zeit schon geben.

Obgleich Hans nickte, kam ihm die Sache doch etwas absonderlich vor und er frug, wie er es denn anstellen solle, den Leuten weis zu machen, sein Scherben sei ein Diamant, der nach dem Wunderland führe. Da sprang der Buckelige auf, lief an ein Schränkchen und holte eine Eselszunge heraus. Nun forderte er Hans auf, seinen Mund möglichst weit aufzusperren. Hans klappte die Kinnladen wie ein Scheunenthor voneinander, der Kleine griff ihm blitzschnell in den Rachen, nahm seine Zunge heraus und setzte die Eselszunge an ihre Stelle. Dann schleppte er ein verschlossenes Gefäß herbei, nahm einen Löffel und strich Hans eine klebrige, zähe Flüssigkeit auf die neue Zunge. Sie schmeckte süß wie Honig und brachte ein fortwährendes, angenehmes Prickeln im Gaumen hervor, so daß sich Hans behaglich den Mund abwischte.

Jetzt sagte der Buckelige, sein Freund sei nun genügend ausgerüstet, das neue Leben anzufangen. Er solle nur vor die Leute treten und reden; die mit einem kostbaren, nie vergänglichen Honig bestrichene Eselszunge bürge dafür, daß die meisten Menschen von seinen Worten entzückt seien. Aber eins müsse er sich merken: wenn er selbst einmal so thöricht werde, nicht mehr an die Echtheit des Diamanten zu glauben, so dürfe er dies Geständnis doch bei Leibe nicht aussprechen. Sobald er es dennoch thue, gehe der ganze Zauber sogleich verloren.

Hans entgegnete, so dumm werde er sicher nicht sein; er bedankte sich für das Geschenk und hielt eine große Abschiedsrede, bei der man schon die Wirkung der neuen Zunge ganz beträchtlich verspürte. Der Buckelorum führte ihn deshalb in heller Freude über sein wohl gelungenes Werk die Treppe hinunter und verabschiedete sich auf Nimmerwiedersehen.

Als Hans auf der Straße stand, wickelte er zunächst seinen Diamanten bedächtig in das Taschentuch und überlegte geraume Zeit, was er jetzt anfangen müsse. Endlich kam er zu dem Entschluß, daß er vor allen Dingen in sein Stammlokal gehen und dort tüchtig essen und trinken solle; das weitere werde dann schon von selbst kommen. Er trabte also hin und nachdem er sich gehörig gestärkt hatte, fing er an, seine gewohnte Rede über die harte Arbeit zu halten. Aber er mußte heute selbst staunen, wie glatt ihm die Worte aus dem Mund kamen und was für schöne Dinge er auf einmal zu erzählen wußte. Es bildete sich ein immer dichterer Kreis um ihn; man hörte ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu und war wirklich ganz begeistert von dem, was er sagte. Als er nun gar von dem reichen Land berichtete, in das er seine lieben Brüder nächstens führen werde, leuchtete die hellste Freude aus allen Augen. Jetzt holte Hans seinen Diamanten hervor, zeigte ihn zum Beweis, daß er die reine Wahrheit verkünde und verhieß sich hoch und heilig, mit Hilfe des wunderbaren Steines sicher den Weg zu finden.

Nachdem mehrere Vertrauensmänner den Stein befühlt und unter kräftigen Flüchen für durchaus echt erklärt hatten, war jeder Zweifel gründlich beseitigt. Man wurde ganz ausgelassen vor Jubel, verehrte Hans als den künftigen Retter der Menschen und zahlte ihm so viel Bier, daß er erst gegen Morgen durchdrungen vom Gefühl seiner Bedeutung nach Haus schwankte. Jetzt glaubte er selbst felsenfest an seinen Diamanten.

Seit diesem ersten Versuch wuchs das Ansehen des guten Hans mit ganz unglaublicher Schnelligkeit. Er hatte über Nacht durch die honigbestrichene Eselszunge einen Ruf als bedeutender Redner und geistreicher Kopf bekommen und mußte beinahe täglich in großen Versammlungen über das Wunderland sprechen, wofür man ihn reichlich bezahlte. Der Erfolg blieb immer der gleiche, ja wurde sogar noch rauschender, je mehr die allgemeine Begeisterung Fortschritte machte. In einiger Zeit bildeten sich überall Genossenschaften, deren Zweck war, schon jetzt allmählich Vorkehrungen zur Wanderschaft in das schöne Land zu treffen, aus dem der Diamant stammte und wohin er einst den Weg zeigen werde.

Dem braven Hans ging es ausgezeichnet; er hatte in ein paar Jahren einen hübschen Bauch bekommen und seine schwieligen Hände waren weich geworden. Er lebte herrlich und in Freuden auf die Kosten anderer. Alle glaubten zwar nicht an die Echtheit des Diamanten und warfen Hans vor, er führe die Leute an der Nase herum und spräche ganz entsetzlich dummes Zeug. Aber das waren die Neidischen, die es immer in Hülle und Fülle giebt und ihr Geschwätz konnte den Ruhm des hochgeachteten Mannes nicht viel verkleinern.

Dies alles trug dazu bei, das Selbstbewußtsein in Hans zu einem beträchtlich hohen Grad zu steigern. Früher war er ein sehr bescheidener Mann gewesen; jetzt aber konnte er nicht mehr den leisesten Widerspruch ertragen, während er sich selbst herausnahm, jedermann zu widersprechen. Es wurde sogar eine förmliche Sucht von ihm, stets das Gegenteil von dem zu behaupten, was ein anderer sagte. Er bildete sich nämlich ein, dies, wie überhaupt Unglaube gegen alles, sei das Zeichen eines wahrhaft bedeutenden, klugen Mannes. Da er sich natürlich für den Gescheitesten auf der ganzen Welt hielt, glaubte er für seinen Teil schon lange nicht mehr an die Echtheit seines Diamanten; dafür konnte er sie nur um so besser gegen andere verteidigen. Am meisten ärgerte ihn, wenn man seine geistigen Fähigkeiten vor einem größeren Kreis in Zweifel zog. Da konnte er ganz außer sich geraten und wußte aus verletzter Eitelkeit gar nicht mehr, was er überhaupt sagte.

Einer seiner Gegner hatte diese Schwäche schon öfter benutzt und ihn mit seinen eigenen Widersprüchen in die Enge getrieben. Der war nämlich selbst ein äußerst rechthaberischer, ehrgeiziger Geselle und nur deshalb ein Feind von Hans, weil er keine honigbestrichene Eselszunge hatte, und es also nicht so weit bringen konnte wie jener.

Als Hans einmal vor einer besonders großen Versammlung über das schöne Land der Zukunft sprach und gerade seinen Diamanten zeigte, zog der boshafte Bursche gleichfalls einen hervor und rief mit lauter Stimme, er kenne jenes Land ebenso genau wie Hans, denn er sei selbst dort gewesen und habe auch einen Diamanten mitgebracht. Hans ärgerte sich mächtig über diese Frechheit und entgegnete zornig, wie er sich unterstehen dürfe, die Leute mit solchen Märchen zu foppen; er wisse ganz genau, was er eben für eine große Lüge gesagt habe. Doch der andere erwiderte, das könne jeder behaupten; man solle ihm erst einmal beweisen, daß er gelogen; er habe auch einen Diamanten zu zeigen und der sei gerade so echt und so gut wie der von Hans!

Da geriet Hans vor Wut ganz außer sich; er fuhr ihn wie ein hungriger Wolf an, hieß ihn einen ganz abscheulichen Schwindler und schrie ordentlich bebend, einen schlechteren Beweis könne er überhaupt nicht bringen; sein eigener Diamant sei auch nichts weiter, als ein ganz gewöhnlicher Flaschenscherben!

Bei diesen Worten aber gab es eine furchtbare Aufregung; man sprang von den Stühlen auf, lärmte und tobte wild durcheinander. Die einen schrieen, man solle den betrügerischen Hans durchprügeln; die anderen behaupteten, schon längst die Sache durchschaut zu haben; die dritten wollten noch immer nicht ihre schönen Hoffnungen verloren geben und gebärdeten sich am wildesten.

Hans starrte ganz fassungslos in die aufgeregte Menge; der süße, prickelnde Geschmack auf seiner Zunge, der die ganze Zeit über gedauert hatte, war plötzlich verschwunden und statt seiner fühlte er einen ganz abscheulichen, beißenden. Da fielen ihm die Worte des Buckeligen ein und ein Todesschrecken fuhr ihm durch alle Glieder, daß er sein Glück verscherzt habe. In seiner Angst wollte er reden; aber jetzt merkten alle auf einmal die Eselszunge. Es gab zuerst ein ungeheures Gelächter, dann eine neue, noch größere Erbitterung gegen den unglücklichen Hans. Wie er nun gar zur Beschwichtigung seinen vermeintlichen Diamanten in die Höhe hob, brach ein so zorniges Johlen los, daß Hans erschrocken weglaufen wollte. Aber ein riesenhafter Metzgerbursche packte ihn am Arm und drosch gewaltig auf ihn ein. Im Nu folgte man seinem Beispiel; da sich aber die Prügelnden bald gegenseitig in die Haare kamen, gelang es Hans, halbtod aus dem Saal zu entwischen. Noch an demselben Abend machte er sich eilig aus dem Land und verkroch sich in einer unbekannten, öden Gegend, wo er sich bis zum Tode über seine Dummheit ärgerte und von der schönen Vergangenheit zehrte.

Der vermeintliche Diamant wurde von den Zornigen entzwei geschlagen und die Stücke achtlos beiseite geworfen. Mehrere kluge Leute aber steckten sie eilig ein und es dauerte gar nicht lange, so tauchten wieder Männer auf und versicherten der biederen Menge, es sei doch etwas wahres an der Geschichte von dem schönen Land. Der Stein von Hans sei zwar nur zum Teil echt gewesen, sie aber besäßen gerade das richtige Stückchen aus ihm und würden deshalb ganz sicher auch den rechten Weg finden.

Und allmählich fingen die guten Leute wirklich wieder an zu glauben und neue Hoffnungen auf das schöne Land zu setzen. Es war ja ihr einziger Trost in schwerer Zeit, und um ihn zu hören, gaben sie gerne ihre paar Pfennige an seinen Verkünder.

Seitdem sind die Nachfolger des braven Hans nicht mehr all' geworden!








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