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Der deutsche Herzog

Paul Schreckenbach: Der deutsche Herzog - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleDer deutsche Herzog
publisherL. Staackmann, Leipzig
printrunEinundzwanzigstes bis fünfundzwanzigstes Tausend
year1922
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070920
projectid2d34805b
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Erstes Buch

I.

Auf einem Sturzacker nahe bei der kleinen Stadt Lützen hielt ein Reiter und blickte unverwandt hinüber nach der Richtung, wo sich, wie man ihm berichtet hatte, die Heerstraße hinzog, die nach Leipzig führte. Schwarz war sein Roß, und seine schlanke, geschmeidige Gestalt steckte vom Kopf bis zu den Knien in einem Harnisch von derselben Farbe. Alles an ihm war wohlgepanzert und verwahrt, wie es einem Krieger geziemt, der zum Kampfe auszieht. Nur das Antlitz war unverhüllt – ein feines, etwas bleiches Antlitz mit leicht gebogener Nase, dunkelblondem Schnurr- und Knebelbart und zwei so eigentümlich glänzenden, durchdringend blickenden Augen, wie sie nur selten einmal die Natur einem Menschen verleiht. Aber dem dichten, weißen Novembernebel gegenüber, der das weite Blachfeld bedeckte, waren auch diese falkenscharfen Augen machtlos, und der Reiter konnte, so sehr er sich anstrengte, auch nicht einen Stein von der Straße erspähen, die wohl nicht weiter als zweihundert Ellen vor ihm sich dehnte.

»Verwünscht!« murmelte er endlich. »Es ist wie verhext. Der Starrschedel kommt auch nicht wieder! Man hört nichts, man sieht nichts. Werde noch ein Stück vorwärts reiten!«

Der hagere Mann in halb bäuerlicher, halb geistlicher Tracht, der neben ihm stand, zuckte zusammen, »Um Gotteswillen, gnädiger Herr! Keinen Schritt mehr vorwärts! Hört Ihr die Turmuhr von Lützen? Es schlägt acht. Man sollt's nicht denken, weil es noch so dunkel ist. Aber horch! Der Schall ist deutlich. Wir sind ganz nahe an der Stadt, und die ist von oben bis unten voll von Friedländischem Volke. Brechen sie heraus, dann Gnade uns Gott! Wer weiß, ob Euch die dort heraushauen könnten!« Er wies auf einen Reitertrupp, der nur dreißig Schritte hinter den beiden hielt, aber im Nebel kaum zu erkennen war. Über das Gesicht des Kriegsmannes huschte ein Lächeln. »Nun, mich und die Meinen brächten wohl die Beine unserer Pferde rasch in Sicherheit,« erwiderte er heiter. »Aber du, Schulmeister, wärest trotz deiner langen Stelzen in einer üblen Lage.«

»Ach Herr,« versetzte der Lange ernst und bedächtig, »um mich ist mir's nicht. Ich spreche mit Jakob: Wenig und böse war die Zeit meines Lebens, und mit Salomo: Alles ist eitel. Was ich von der Welt gesehen habe« – er spuckte heftig nach der andern Seite aus – »alles Jammer und Schande und Kreuz und Elend, Herr! Jeden Tag will ich fort, wenn mich der Herr ruft, jeden Tag! Und könnte wohl der alte Schulmeister von Meuchen besser und anständiger von der Welt kommen, als wenn ihn eine Kugel träfe bei einem Kundschafterdienste, den er dem Herzog Bernhard von Weimar leistet?«

Der Reiter warf verwundert den Kopf herum. »Woher weißt du, daß ich's bin?«

»Es hat mir einer von der grünen Brigade, der bei mir lag, gestern abend alle die großen Herren gezeigt, die beim Könige waren. Ich hab' Euch nur von ferne gesehen, Herr, aber ich hab' Euch gleich wieder erkannt an Eurem schwarzen Panzer und dem roten Helmbusche.«

»Es schadet auch nichts, wenn du's weißt,« erwiderte der Herzog ruhig. »Aber sage mir, Alter, was ist das mit einem Male für ein Geruch? Das riecht wie ein Hausbrand.«

Der Schulmeister witterte und schnoberte in den Nebel hinein. »Ihr habt recht, gnädiger Herr,« sagte er, »das ist ein Brand und kein kleiner. Das mußte ja so kommen. Wo die Wallensteiner sind, die Hunde, da gibt's Mord und Brand!«

Der Herzog wollte eben den Mund zu einer Erwiderung öffnen, als unweit vor ihm mehrere Schüsse aufblitzten. Wie schwache rote Punkte zeichnete sich der Feuerstrahl aus den Musketen im Nebel ab, und der Schall klang, als wenn einer mit der flachen Hand auf hartes Leder aufschlägt. Zugleich jagten vier Rosse heran. Eines war ledig und brach zur Seite aus, auf den andern saßen schwedische Reiter.

»Retirieren, fürstliche Gnaden!« schrie der Rittmeister Starrschedel. »Da vorn steht alles voll von Musketieren, und meinen Reitknecht haben sie durch den Kopf geschossen!«

Der Herzog wandte sein Roß. »Der erste Tote an diesem Tage! Es werden ihm noch viele folgen!« murmelte er und setzte laut die Frage hinzu: »Nur Musketiere? Kein berittenes Volk?«

»Ich habe keines gesehen.«

»Dann können wir gemächlich reiten. Sie werden uns schwerlich verfolgen bei dem Nebel. Nicht schneller, als der da laufen kann! Geht Not an den Mann, so nehmen wir dich aufs Pferd, Schulmeister. Und nun, was habt Ihr erkundet, Starrschedel?«

»Fürstliche Gnaden, da vorn hinter der Straße setzen sie Batterien fest. Es mochten wohl so zehn bis zwölf schwere Kanonen sein, und links und rechts werfen die Musketiere Gräben aus zu ihrem Schutze.«

»Ah!« rief der Herzog, und ein Blitz fuhr über sein Antlitz hin. »So haben wir ihn also wirklich fest gemacht, den alten Wolf! Endlich will er sich zum Kampfe stellen.«

Der Rittmeister rapportierte weiter in seinem harten Deutsch: »Auch schien mir, als ob Lützen brenne. Zu sehen war wenig, aber man roch den Qualm, und mir war's, als hörte ich das Feuer knattern.«

In des Herzogs Antlitz erschien ein harter Zug. »Das dünkt mich glaublich.« sagte er. »Der Friedländer wird die Stadt in Brand gesteckt haben. Sie deckt ihm dann, kommt es zur Schlacht, die rechte Flanke.«

»Und was schiert den Erzschelm das Ketzernest!« knurrte der Schwede grimmig.

»Sagt lieber: Was schiert den Tschechen die deutsche Stadt! Denn Ketzer oder nicht – pah – was kümmert das den Wallenstein! Er selbst glaubt nicht einmal an Gott, geschweige an irgendeine Lehre seiner Kirche.«

»Herr Herzog von Weimar!« klang es da den Reitenden aus dem Nebel entgegen und noch einmal ein dünner, zerflatternder Schrei: »Herr Herzog von Weimar!«

»Hier!« rief der Fürst. »Wer ruft nach mir?«

Aus dem weißen Schleiergewölk tauchte eine jugendliche Gestalt zu Pferde auf. Es war der achtzehnjährige Nürnberger Patriziersohn August von Leubelfing, der dem Schwedenkönig aus seiner Vaterstadt ins Feld gefolgt war und seit etwa einem Jahre die blau und gelbe Tracht der königlichen Aufwärter trug. Der Jüngling keuchte von dem scharfen Ritte, und seine runden Wangen glänzten dunkelrot.

»Die Majestät sucht Eure fürstlichen Gnaden,« meldete er mit fliegendem Atem. »Es sind Boten ausgeschickt nach allen Seiten. Die Majestät hat eine sehr importante Zeitung erhalten, es kommt sicher zur Schlacht.«

»Gut. Wir wollen eilen,« gab der Herzog zur Antwort und spornte sein Roß, aber der Page erkühnte sich, seine Hand in die Zügel zu legen. »Fürstliche Gnaden,« bat er in flehendem Ton, »vergönnt mir eine kurze Bitte!«

»Was willst du?« fragte Bernhard verwundert. Er sah mit Befremden, daß der Junge am ganzen Leibe zitterte und daß in seinen sonst so lustigen Augen dicke Tränen standen.

»Fürstliche Gnaden, redet dem Könige zu, daß er den Panzer anlegt. Er weist ihn zurück, will nur den Elenkoller, hört auf niemandes Rat. Ach, wäre die Königin da, auf die hörte er gewiß! Vielleicht aber nimmt er auch von Euch einen Rat an. Wenn ihm ein Unglück zustieße« – – er brach ab und wischte sich mit zitternder Hand die Tränen vom Gesicht, die ihm jetzt in schweren Tropfen aus den Augen rollten, und mühsam sein Schluchzen hinabwürgend, stammelte er: »Die Majestät ist so seltsam, o so seltsam!«

Der Herzog sah ihn an und nickte. Ja, seltsam war auch ihm der König in den letzten Wochen erschienen, wunderlich verwandelt gegen früher. Seine heitere, gleichmäßige Ruhe, sein überlegener Humor schienen ihn ganz verlassen zu haben. Selbst er, sein ausgesprochener Liebling unter den deutschen Fürsten, war von ihm kurz und unfreundlich behandelt worden, als er, von seinem Siegeszuge in Süddeutschland zurückkehrend, zu Arnstadt seine Völker mit dem königlichen Heere wieder vereinigt hatte. Es war ihm fast so zumute gewesen, als neide ihm der König die frischen Lorbeeren, die er im Kampfe wider die kaiserlichen Generale gepflückt hatte. Allerdings war der Hochherzige seitdem bemüht gewesen, ihn die Kränkung vergessen zu machen, aber noch öfter hatte er bemerken müssen, daß Gustav Adolf aus geringen Anlässen die Herrschaft über sich selbst verlor, in heftigen Zorn geriet, harte Scheltworte brauchte, die er sonst nie über seine Lippen gehen ließ. Dann mit einem Male, seit seinem Einzug in Naumburg, war diese reizbare Heftigkeit von ihm gewichen und hatte einer tiefen Traurigkeit Platz gemacht. Als dort in der alten Bischofsstadt das protestantische Volk vor ihm auf den Knien lag, seine Hände, seinen Rocksaum, seine Stiefel küßte, da hatte er zu seinem Hofprediger Fabricius gesagt: »Diese Menschen ehren mich wie einen Gott. Ich fürchte, der Himmel wird ihnen bald offenbaren, daß ich ein armer, sterblicher Mensch bin.« Seitdem hatte ihn die Todesahnung nicht mehr verlassen. Fast immer ritt er ernst und in sich gekehrt dahin, und manchmal schien es, als wäre sein Geist dieser Welt schon fast entrückt. Redete er mit den Seinen, so sprach er meist über das Sterben und die gewisse Hoffnung auf ein ewiges Leben, oder über das, was geschehen sollte, wenn ihn etwa ein plötzlicher Tod ereilen würde.

Der Herzog hatte, das alles überdenkend, den Pagen neben sich vergessen und schrak nun aus seinen Gedanken auf, als der junge Mensch noch einmal mit halb erstickter Stimme bat: »Nicht wahr, gnädiger Herr, Ihr redet dem Könige gut zu?«

»Gewiß. Wo ist die Majestät?«

»Sie wollte in der Kirche zu Meuchen noch einmal das heilige Abendmahl feiern. Dazu sollten wir Euch holen.«

»Donnerwetter!« rief der Schulmeister, der mit langen Schritten die Reiter begleitete. »Wer soll da die Orgel spielen, wenn ich nicht dort bin?«

Der Herzog lachte. »Ja, sputen wir uns! Ohne den hier geht's nicht!« rief er. »Nimm ihn hinter dich aufs Pferd, Leubelfing! Dich und den Dürren trägt schon das starke Tier.«

Er trieb sein Roß zu schnellerer Gangart an, und bald war die Reiterschar an den Feldwachen und Vorposten vorbei an das schwedische Lager herangekommen. Seine Zelte und Wagenreihen umspannten im weiten, halbmondförmigen Bogen das stattliche Bauerndorf Meuchen, und auch in den Straßen und Gärten, den Häusern und Scheunen hatten die Soldaten genächtigt. Der Herzog selbst hatte hier mit dem Könige die Nacht in einer Kutsche sitzend unter freiem Himmel verbracht und war dann beim Morgengrauen, da er seinen ungeduldigen Tatendrang nicht zügeln konnte, auf Kundschaft ausgeritten. Jetzt wurden die Regimenter aus Dorf und Lager herausgeführt, um von ihren Obristen in der Schlachtordnung aufgestellt zu werden, die der König am Abend vorher entworfen hatte für den Fall, daß es zur Schlacht käme und der Friedländer nicht wieder einmal dem Treffen ausgewichen wäre. Eben zogen die livländischen Reiter an dem Herzog vorüber, die heute unter seinem Befehl kämpfen sollten. Die Krieger begrüßten ihn mit lautem Heilruf, und er dankte durch freundliches Neigen des Hauptes.

»Der Friedländer ordnet drüben seine Armada. Sie graben die Geschütze ein, warten also darauf, daß wir sie attackieren,« rief er dem vorüberreitenden Fürsten von Anhalt zu.

»Euer Liebden bestätigen, was der König seit einer Viertelstunde weiß,« erwiderte der Anhalter. »Er wartet nur darauf, daß der Nebel fällt oder steigt.« Hastig sprechend setzte er hinzu: »Jetzt ist er dort hinten in der Kirche. Er war sehr betrübt, daß Ihr so lange ausbliebt, wollte gern mit Euch zusammen kommunizieren. Seht zu, daß Ihr noch zurecht kommt. Ich muß weiter! Auf Wiedersehen, Herr Vetter von Weimar, wenn die Kartaunen krachen! – Aber halt – noch eins! Das muß ich Euch doch noch sagen!«

Er drängte sein Roß an Bernhards Seite heran und flüsterte so leise, wie es ihm mit seinem schallenden Organ möglich war: »Wißt Ihr, Liebden, daß heute noch die Königin in Weißenfels eintrifft?«

»Nein,« entgegnete der Herzog, befremdet, daß ihm der andere eine so unwichtige Neuigkeit in diesem Moment auftischte.

»Sie kommt nicht allein, auch nicht nur mit ihren Frauen und Fräuleins,« fuhr der Fürst verschmitzt lächelnd fort. »Mit ihr kommt eine – eine aus Weimar, die Ihr, wie ich meine, wohl kennt und schwerlich vergessen habt.«

Eine Blutwelle schoß dem Herzog ins Gesicht. »Gundel?« fragte er halblaut in ungläubigem Staunen.

»Kunigunde von Anhalt, mein Bäschen und Eurer Schwägerin Schwester! Ich sehe, Ihr denkt noch an sie.«

»Wie kommt sie zur Königin? Wie kommt sie nach Weißenfels?« wollte Bernhard fragen, aber der Anhalter war schon, nachdem er ihm noch kordial auf die Schulter geklopft hatte, mit einem breiten, behäbigen Lachen weitergeritten.

Ein paar Augenblicke lang war es dem Herzog, als versinke um ihn das Gewühl der reitenden Männer. Vor sich sah er ein Mädchenhaupt mit übermütig blitzenden dunkeln Augen, üppigem Goldhaar und einem feinen Munde, dessen Lippen in dem bräunlich-blassen Antlitze seltsam leuchteten, wie die rotglühende Blüte des wilden Mohns. Vier Jahre war es her, da hatten diese Lippen ihn geküßt und diese Augen um seinetwillen heiße Tränen geweint, denn zu jener Zeit war er nach den Niederlanden gegangen, um dort gegen die Feinde seines Glaubens zu kämpfen. Damals, als sie in tausend Schmerzen an seinem Halse hing, hatte er ihr feierlich gelobt: »Komme ich zurück, so wirst du mein Weib, und niemals werde ich eine andere freien!« Aber der Tag war wohl noch ferne, an dem er heimkehren durfte. Denn was frommte es, wenn er in die Heimat kam mit leeren Händen? Das kleine Land, das er mit seinen Brüdern vom frühverstorbenen Vater geerbt hatte, trug kaum die Last der Hofhaltung des Ältesten. Es war verheert und ausgesogen durch die Wallonen und Kroaten. Das arme, gepeinigte Volk konnte selber kaum leben, wie hätte es zinsen und steuern können zu einem zweiten Fürstenhofe? Nur wenn es ihm gelang, sich Land und Leute zu erkämpfen, nur dann konnte der nachgeborene Prinz die blutarme Prinzessin heimführen. Nun, der große Schwedenkönig, dem er jetzt diente, hatte ihm schon zweimal Hoffnung gemacht auf ein Fürstentum, das er ihm zu Lehn geben wollte aus der eroberten Ländermasse, so wie der Kaiser den Friedender zum Herzog von Mecklenburg gemacht hatte. Vielleicht fiel heute die Entscheidung darüber auf blutigem Felde, ob der König noch fürder die Macht haben sollte zu solchem Tun. So unbedingt sicher, wie das vor Jahresfrist geschienen, war es jetzt nicht mehr, denn es war in der letzten Zeit für die schwedischen Waffen nicht alles zum besten gegangen.

Während diese Gedanken in seinem Hirn sich kreuzten, hatte ihn sein Pferd ins Dorf getragen. Jenseits des Teiches vor der niedrigen Kirchhofsmauer sah er die Schlachtrosse der hohen Generalität stehen, auch das des Königs mit der Purpurschabracke. Da sprang er schnell aus dem Sattel, warf die Zügel dem Pagen Leubelfing hin und schritt den schmalen Pfad durch Kreuze und Grabsteine der Kirche zu.

Der kleine, dämmerige Raum, in den er eintrat, empfing sein Licht mehr von den Kerzen, die auf dem Altare flammten, als von außen durch die langen, schmalen Fenster. Droben an der Orgel saß ein Wachtmeister des blauen Regimentes, der früher in einem finnländischen Dorfe den Bakel geschwungen und als Küster gesungen hatte, und spielte, so gut er es noch vermochte. Dicht vor den niedrigen Stufen des Altars stand die markige Gestalt des Königs, hinter ihm erkannte Bernhard das große Haupt des schwedischen Grafen Nils Brahe, die biederen und ehrenfesten Gesichter der beiden deutschen Obristen von Eberstein und von Gersdorf und seitwärts von ihnen das bleiche, verwüstete Antlitz des Herzogs von Lauenburg mit den unstet flackernden Augen. Wer die andern waren, vermochte er nicht wahrzunehmen, denn bei seinem Eintreten kreischte die Tür in den rostigen Angeln, der König wandte sich um, und mit einer zugleich freundlichen und gebieterischen Gebärde winkte er ihn zu sich heran. Sofort öffnete sich für ihn eine schmale Gasse, die er eilig durchschritt, und gleich darauf kniete er neben der Majestät auf dem harten Steinboden der Kirche und empfing mit ihm das heilige Mahl.

Nachdem die Feier beendet, der letzte Ton des Chorals verklungen war, sagte der König mit lauter Stimme: »Ich bitte die Herren, hinaus auf den Kirchhof zu treten. Ich habe noch ein paar Worte mit Seiner Liebden, dem Herzog von Weimar, sekret.«

Die Versammelten gehorchten augenblicklich, einige der schwedischen Herren nicht ohne eine gewisse Verdrossenheit in den Mienen, denn sie neideten dem deutschen Herzog die große Gunst, die ihm der König zuwandte. Der rauhe Obrist Stahlhanske brummte im Hinausgehen: »Den Teufel auch! Der weimarische Milchbart ist und bleibt doch der Goldsohn des Königs! Hat die Majestät nicht – Gott straf mich! – andere Leute zur Hand?« Aber er fand bei dem neben ihm schreitenden Obristen Stenbock mit diesen Worten keine Gegenliebe, denn der erklärte kurz und bündig: »Halte dein Maul, Bruder, und verbrenne dir's nicht! Der Weimarer ist ein ganzer Kerl. Erhöht ihn der König über zwei alte Esel, wie wir beide sind, so tut er recht daran. Er hat mit seinen achtundzwanzig Jahren schon mehr geleistet als mancher mit fünfzig.« Damit schob er seinen Arm unter den des verdrießlichen Kriegsgefährten und zog ihn zur Tür hinaus.

Dem scharfen Ohre des Herzogs war das Zwiegespräch nicht entgangen, der König hingegen hatte augenscheinlich nichts davon bemerkt. Auch als das Gotteshaus längst geleert und er mit dem Herzog allein war, stand er noch in tiefen Gedanken da und sprach kein Wort, so daß es fast schien, als habe er die Gegenwart Bernhards vergessen. Mit einem Male aber fuhr er wie aus einem Traum empor und richtete den Blick seiner großen blauen Äugen voll und fest auf des Herzogs Gesicht. »Herzog Bernhard,« sagte er, »ich habe neulich in Arnstadt harte Worte zu Euch geredet, weil ich meinte. Ihr hättet eigenmächtig und wider meinen Nutzen gehandelt. Das war eine falsche Opinion, und ich sehe ein, daß Ihr in diesem Falle klüger wart als ich. Darum tat ich unrecht, als ich Euch schalt, und ich möchte Euch bitten, daß Ihr mir solches von Herzen vergebet. Denn wer kann es wissen, wie lange ich noch mit Euch auf dem Wege bin und wie bald mir der Herr unser Gott zuruft: Tue Rechnung von deinem Haushalten, denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein!«

Der Herzog stand einen Moment stumm da. Der Hochsinn des Königs, der in diesen Worten zutage trat, erschütterte ihn im Innersten. Dann aber ergriff er ungestüm mit beiden Händen des Königs Rechte, die dieser ihm entgegenstreckte, und rief: »Fahrt nicht fort, Herr! Es ziemt sich nicht, daß der Vater den Sohn bittet, ihm zu vergeben. Und wie ein Sohn zum Vater habe ich mich allezeit im Herzen zu Euch gehalten, wenngleich Ihr nur zehn Jahre älter seid als ich. Zürnt' ich Euch einmal, so tat ich's nimmer lange, das weiß Gott, und keinen Menschen weiß ich, vor dem ich solche Ehrfurcht habe wie vor Euch.«

Der König legte ihm die linke Hand auf die Schulter und blickte ihn noch gütiger an als vorher. »Ich danke Euch, Herzog Bernhard,« erwiderte er. »So wie Ihr Euch erweiset, so hab' ich Euch in meinem Sinne ästimiert. Und nun will ich Euch eine bessere Satisfaktion geben als durch bloße Worte. Die Stifter Würzburg und Bamberg sind in unserer Hand. Die geb' ich Euch zu Lehn, Euch und Euern Nachkommen, als ein Herzogtum Franken.«

Der Herzog beugte sich über des Königs Hand und küßte sie. Er war so überrascht und ergriffen, daß er zunächst keine Dankesworte fand.

»Die Voraussetzung ist freilich, daß ich am Leben bleibe,« fügte der König ernst hinzu. »Aber manchmal ist mir's, als käme bald mein Stündlein.«

»Herr!« rief Bernhard auffahrend, »das widerfahre Euch nicht! Das kann nicht im Plane Gottes liegen! Ihr führet seine Kriege!«

»Wer kennt Gottes Plan? Und welches Menschen bedarf der Allmächtige? Vor ihm sind wir alle nur Staub. Trifft mich eine Kugel, so setzt Gott einen andern an meine Stelle, der für ihn streitet, zum Exempel Euch!«

»Nein, Herr, das wolle Gott nicht! Ihr seid nicht zu ersetzen! Darum laßt Euch bitten: Schont Euch und haltet Euch ferne von der Gefahr!«

Gustav Adolf lächelte. »Ihr wißt, daß das zuweilen unmöglich ist.«

»So legt zum wenigsten einen festen Panzer an!«

»Das haben mir heute schon mehrere geraten. Aber ich kam's nicht, selbst wenn ich wollte. Die Narbe, die ich an der Schulter trage, macht mir jetzt wieder zu schaffen, und er riebe sie mir wohl wund. Nein, ich muß mich auf den Herrn allein verlassen, nicht auf irdische Waffen. Gott ist mein Harnisch, und meine Stunde ist im Himmel geschrieben, die Erde kann daran nichts ändern.«

Er hatte während seiner letzten Worte die Kirchtür geöffnet und trat nun ins Freie unter seine Offiziere. »Ihr Herren,« rief er, »kommt her und hört, was ich Euch zu sagen habe!« Und als sie nun alle im Halbkreis um ihn standen, sprach er mit helltönender Stimme: »Der Nebel fällt, und die Sonne dringt durchs Gewölk. Es wird also bald zum Schlagen kommen. Was er zu tun hat, weiß ein jeder, und jeder kennt seinen Platz. Das aber füge ich Euch noch zu wissen: Stößt mir nach Gottes Willen ein Unglück zu, so gehorcht jeder dem Herzog von Weimar! Fällt der, so kommandiert Graf Brahe. Gott nehme uns alle in seinen Schutz! Und nun, ihr Herren, auf die Rosse!«

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