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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.
Das Goldbergwerk.

Kaum graute der neue Morgen, da standen die Brüder schon wieder gerüstet zu ihren ferneren Forschungen. Das Goldfieber hatte sie derart ergriffen, daß sie nur einige Bissen kalten Fleisches genießen konnten, worauf sie die Höhle sofort verließen und sich auf den Weg nach der Schlucht machten.

Vor ihnen trabte der Hund freudig bellend einher.

Da die Beschreibung des Deroteros so lückenhaft war, mußten sie ihren Weg vom gestrigen letzten Standpunkt aus nur auf gut Glück weiter fortsetzen. Bei der eingemeißelten Hand angekommen, bogen sie daher in die angedeutete Nebenschlucht ein und beschlossen, von jetzt an jede Felsenwand und jede Stelle des Bodens, die ihr Fuß betrat, ganz genau zu untersuchen, damit ihnen nichts von Bedeutung entginge.

So entdeckten sie denn bei einer neuen Abzweigung der Schlucht eine zweite Hand, 62 die in den Felsen eingehauen war und nach der Richtung eines steilen Bergpasses deutete; der von dem bisher eingehaltenen Wege scharf gegen Westen abbog. Vom Punkte an, wo der Bergpaß begann, hatte man zum letztenmal den Anblick der zwei Missionsgebäude.

Indem sie den steilen Bergpaß hinanschritten, fanden die Brüder bald wieder ein weiteres Zeichen, daß sie sich auf dem rechten Wege befanden. Denn bei einer Wendung, die der Paß nach Süden nahm, änderte sich auf einmal die Bodenbeschaffenheit. Statt des felsigen Grundes, auf dem sie bisher gegangen und der keine Spuren hinterließ, kamen sie jetzt auf eine Stelle, wo weiche, dunkelgelb gefärbte Erde den Boden bedeckte.

Aufjubeln und wiederholt aufjauchzen hätte Fritz Winkler mögen vor Freude darüber, daß bisher die in seinem Derotero angegebenen Merkmale der Reihe nach vorhanden waren, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß die Urkunde von jetzt an durch den Faltenbruch derart zerstört war, daß ihr Inhalt zum Teil ganz unleserlich und unverständlich wurde. Er mäßigte daher sein voreiliges Entzücken und richtete sein Augenmerk namentlich darauf, ob er nicht auch fernerhin 63 das Zeichen der eingemeißelten Hand als Wegweiser auffinden würde.

Und wirklich erblickte er, als der Bergpaß jäh in eine neue Schlucht überging, an einem Felsen wiederum die Hand, die in das Innere der Schlucht deutete.

Von nun an überließen sich die Brüder lediglich der Führung der Hand, die ihnen deutlicher die Richtung bezeichnete, welche sie einzuschlagen hatten, als die Bruchstücke ihrer Urkunde.

Als sie nach mühsamer Wanderung endlich die Höhe des Gebirges wieder erreichten. befanden sie sich, weit von der Pumahöhle entfernt, in einer Art von Felsental, und dort erblickten sie zum letzten Male das Zeichen, dessen Weisung sie so lange Folge geleistet hatten. Die Hand war in einen einzeln stehenden Felsenblock eingehauen; ihr Zeigefinger deutete aber nicht mehr in die Ferne sondern war senkrecht zur Erde gerichtet. –

Jetzt konnten die zwei Cateadores ihren Jubel nicht mehr unterdrücken. Denn das Zeichen sagte ihnen deutlich. daß sie den Ort der verschütteten Mine aufgefunden hatten. Hier mußte der Eingang zu ihr sich befinden; das bewiesen auch die Massen lockeren Sandes, die um den einzeln stehenden Felsblock herum 64 aufgeschüttet waren. Denn sagte nicht auch der Derotero. »Der Eingang ist verschüttet mit Sand . . .?«

Die Brüder schrien vor Freude laut auf. Ihre Hoffnung war in Erfüllung gegangen; sie hatten eine alte Goldmine entdeckt, die noch überaus ergiebig sein mußte. Dieses bewies der Umstand, daß man sie verschüttet hatte, und die Sorgfalt, die angewandt worden war, daß der Weg zu ihr mit Hilfe der Hand von Eingeweihten wieder aufgefunden werden konnte. Auch der Derotero sprach ja von gediegenem Golde, das sie führen sollte.

Um so schnell wie möglich den Eingang zum Bergwerk freizulegen und sich vom wertvollen Inhalt desselben zu überzeugen, rissen die Brüder die mitgebrachten Werkzeuge von den Schultern, und nun begann ein emsiges Pickeln und Schaufeln gerade an der Stelle, wohin der zu Boden gekehrte Zeigefinger deutete; nichts verschlug es den Brüdern, daß sie in drückender Sonnenhitze arbeiten mußten, nichts, daß ihnen der Schweiß in Strömen über Stirn und Angesicht floß; sie fühlten auch nicht, daß ihre Glieder nach und nach vor Ermattung zitterten. Der Gedanke an das Gold, das ihre Mühen lohnen würde, ließ 65 ihnen alle Beschwerden nur geringfügig erscheinen.

Und endlich – endlich winkte ihrer aufs höchste gesteigerten Gier nach Gold auch die Befriedigung. Nach vielstündiger angestrengter Arbeit hatten sie den Eingang zu einem alten Stollen freigelegt, der zu dem vielbegehrten Bergwerk führte.

Aber als sie den Zugang betraten, überlief es sie kalt und sie meinten ersticken zu müssen. Sie taumelten zurück. Denn die Luft in dem seit so vielen Dezennien abgeschlossenen Raume war so verdorben und schlecht, daß das Atmen darin zur Unmöglichkeit wurde.

Die Brüder mußten den freigelegten Eingang daher eilends wieder verlassen, um abzuwarten, bis die Luft besser geworden wäre. Der Golddurst hatte sie aber derart ergriffen, daß sie es verschmähten zur Höhle zurückzukehren und ein Nachtessen einzunehmen. Sie wickelten sich in ihre Ponchos, streckten sich im ausgegrabenen Sande aus und schliefen darin, von der Ermüdung überwältigt, bis zum anderen Morgen. – – 66

 


 

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