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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.
Die eingemeißelte Hand.

So beschlossen denn die Brüder vorerst den zwei Pumas die Felle abzuziehen, dann ihr Fleisch zu zerwirken, es in feine Riemen zu schneiden und an der Sonne zu dörren. Genau so machen es die Indianer, wenn sie auf der Jagd erbeutetes Wild für den Winter aufbewahren wollen; das derart zubereitete Fleisch heißen sie Pemmikan.

»Franz,« sagte daher Fritz Winkler zu seinem Bruder, »geh hinab zu der Stelle, wo wir unseren Proviantkorb versteckt haben, und bring ihn herauf in die Höhle! Sie gehört jetzt unbestritten uns; wenn sie auch nach den Pumas riecht, so bietet sie uns wenigstens bei der Nacht ein Dach über dem Kopfe. Ich dagegen werde unterdessen die Pumas ausweiden, wenn ich ihnen die Felle abgezogen habe. Selbstverständlich muß ich zu diesem Zwecke zuerst die Schlucht hinabsteigen, in die der von dir getötete Löwe gestürzt ist. Bello kann mich dabei begleiten; sein Geruch wird 56 mir helfen, den Puma aufzufinden., wenn ihn etwa das Gestrüpp des Urwalds vor meinen Augen verborgen halten sollte.«

Da Franz mit diesen Anordnungen einverstanden war, so trennten sich die Brüder; Franz stieg bergabwärts, um den Proviantkorb herbeizuschaffen, während Fritz sich anschickte die Schlucht zu durchforschen, in welche der männliche Puma gestürzt war.

Den älteren Bruder hielt nichts auf, seine Aufgabe auszuführen. Er fand den Korb unversehrt in seinem Verstecke bei den Churquessträuchern, nahm ihn an sich und kletterte wieder aufwärts.

Da hörte er plötzlich einen lauten Ruf aus der Ferne an sein Ohr dringen, – es war ein jubelndes Jauchzen, ein unverkennbarer Freudenschrei, der sich einer entzückten Menschenbrust entrang und bald darauf, nur etwas leiser, im Walde widerhallte.

»Was hat mein Bruder?« sagte Franz zu sich selbst. »Denn jedenfalls kommt der Jubelschrei von ihm, – es ist ja doch außer uns zweien kein anderer Mensch im Urwald. Wenn ich den Aufgang zur Schlucht kennen würde, in der er sich gerade befinden muß, um den einen Puma auszuweiden, so würde ich nicht zögern, ihn sofort aufzusuchen. Da ich 57 aber nicht weiß. wo die Schlucht beginnt, will ich rüstig auf meinem Wege bleiben und dann von oben her zu ihm hinabsteigen.«

Die Erwartung spornte ihn an, alle Kräfte anzuwenden, um eilends die Höhe des Gebirgs wieder zu erreichen. Dies gelang ihm auch in verhältnismäßig kurzer Zeit, und als er neuerdings vor den Felsblöcken und Steingipfeln stand, verbarg er vor allem den Proviantkorb in der Pumahöhle und begann sodann, ohne auszuruhen oder vorher nur den Schweiß von der nassen Stirn zu wischen, den Abstieg in die Schlucht, in welche, wie er wußte, der von ihm erschossene Puma gekollert war. Nach wenigen Minuten hatte er seinen Bruder erreicht.

»Was ist's – was ist dir begegnet, Fritz?« fragte er sofort; »ich habe dein jubelndes Geschrei, dein Jauchzen vernommen – –«

»Hier, schau!« entgegnete der andere, ohne ihn ausreden zu lassen, und deutete auf einen Felsen, unter dem der tote Puma lag, »was siehst du da?«

Franz Winkler blickte nach der angegebenen Richtung und – fast hätte auch er einen Jubelschrei ausgestoßen. Denn in den Felsen eingehauen entdeckte er die zwar verwitterten aber noch deutlich erkennbaren 58 Umrisse einer menschlichen Hand, die mit ausgestrecktem Zeigefinger in eine Abzweigung der Schlucht hineinwies.

Auch dem älteren Bruder nahm dieser Anblick den Atem. Sofort drehte er sich um und sah durch den engen Spalt, den die schmale Schlucht vom jetzigen Standpunkt der Brüder aus bildete, die Mission von San José und links ihr zur Seite jene von Queule, die sich wie ein Gemälde, eingerahmt von Felsenblöcken, dem Beschauer darstellten.

»Hurra!« rief Franz Winkler aus, indem ein tiefer Atemzug seine Brust weitete, »jetzt haben wir endlich den richtigen Zugang zu der reichen Goldmine gefunden, von der dein Derotero Kunde gibt. Unzweifelhaft weist die eingehauene Hand auf den Weg, der zu nehmen ist; auch das Bild der Missionen, wie es sich von hier aus zeigt, stimmt mit der Beschreibung des Deroteros überein. Und das haben wir der glücklichen Jagd, beziehungsweise dem Kampf zu verdanken, den wir heute mit den zwei Pumas bestanden. Jetzt nur vorwärts! Hoffentlich finden wir bald noch andere Merkmale, die uns beweisen, daß wir den richtigen Zugang zu Gold und Glück auch wirklich entdeckt haben.«

»Ja, Bruder!« stimmte Fritz ebenso 59 freudig erregt ein, »hoffentlich befinden wir uns jetzt auf dem richtigen Wege zur Goldmine. Jetzt kann ich dir auch gestehen, daß ich heute ziemlich kleingläubig war, als du mich fragtest, ob ich fürchte, wir fänden das Bergwerk nicht. Angesichts der unzähligen Steinhaufen und Felsengipfel, die uns umgaben, wollte mir wirklich der Mut sinken. Jetzt aber glaube ich zuversichtlich, daß wir Glück haben und daß wir zum Ziele gelangen, wenn wir nur den Weisungen unseres Deroteros genau nachkommen. Wir müssen also vorerst rechts in die Nebenschlucht einbiegen, wohin der Finger der eingemeißelten Hand uns verweist.«

»Gewiß, Fritz! Doch halte ich es heute für zu spät, die Nebenschlucht zu durchforschen. Der Tag ist schon ziemlich weit vorgerückt und der Abend wird sich bald herabsenken. Ich schlage daher vor, wieder hinaufzusteigen auf die Gebirgshöhe, das Abendessen einzunehmen und uns durch einen gesunden Schlaf für die bevorstehenden neuen Mühen zu kräftigen. Morgen ist auch noch ein Tag.«

Obwohl Fritz Winkler lieber sofort die weiteren Nachforschungen begonnen hätte, mußte er seinem Bruder doch recht geben. Denn es dämmerte bereits in der Schlucht und 60 deshalb stiegen beide wieder aufwärts. In der Höhle angekommen, sättigten sie sich zuerst und streckten sich sodann zu einem unruhigen Schlafe aus. Die hochgradige Erregung, in der sie sich befanden, scheuchte den erquickenden Schlummer von ihren Augen. – – 61

 


 

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