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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.
Die zwei Cateadores.

So war es denn beschlossene Sache, daß Fritz und Franz Winkler sich miteinander auf den Weg machen sollten, um das im verschütteten Bergwerk verborgene Gold zu suchen. Sie waren dadurch Cateadores oder Goldsucher geworden im Gegensatz zu den mexikanischen und kalifornischen Gambusinos, die zwar auch das gelbe Metall aufspüren, aber nicht in alten verschütteten Bergwerken, sondern in Steingeröll und in an Flüssen gelegenen Halden, wo das Gold in Form von kleinen Klümpchen bis zu Staub abgelagert wird.

Die Ausrüstung eines Cateadors ist sehr einfach; ein ledernes Gewand mit dem wollenen Poncho bedeckt seinen Körper, ein breiter Filzhut seinen Kopf, die Füße stecken in ledernen Schuhen. Dazu trägt er auf dem Rücken eine Pickelhaue, einen Schlägel und eine Schaufel. Die Hauptsorge für ihn bildet seine Verpflegung. Da er oft wochenlang in 37 den Felsen und Schluchten des Gebirgs herumwandern muß, ist es unbedingt notwendig, daß er einen großen Vorrat von Lebensmitteln, in den Sommermonaten auch von Wasser mit sich führt. Da er aber diese Vorräte nicht mit sich herumschleppen kann, muß er sie an geeigneten Stellen, die leicht wieder aufzufinden sind, verbergen, um sie zu geeigneter Zeit wieder hervorholen zu können.

Selbstverständlich muß er, um etwa den Kampf mit wilden Tieren aufnehmen zu können, auch mit Waffen versehen sein. Die zwei Cateadores Fritz und Franz Winkler trugen deshalb je ein Jagdgewehr mit Pulver und Kugelbeutel, hatten sich auch mit neuen und zuverlässigen Lassos ausgerüstet. Der dritte Bruder, Michael, begleitete sie bis zum Anfang des Gebirges, in welchem sie ihre Nachforschungen beginnen wollten; er trug in einem großen Korb Lebensmittel, vorläufig für eine Woche, mit sich, die für die zwei Cateadores bestimmt waren.

Da das Kolonistendorf Mono schon diesseits des Crucesflusses. an dessen rechtem Ufer, liegt, hatten sie nicht nötig, ihn erst bei Chunimpa zu kreuzen; sie begannen vielmehr diesem indianischen Dorf gegenüber mit ihrem Unternehmen. Der älteste Bruder verbarg 38 den Korb mit Proviant am Eingang zu einer Bergschlucht unter einem dichten Gebüsch von Churquessträuchern; hierauf nahm er von Fritz und Franz bewegten Abschied.

»Möge der liebe Gott eure Schritte leiten und euch wieder gesund heimführen zu unserem Vater,« sagte er. »Seid überzeugt, daß meine Gebete täglich euer Wohlsein und Glück erflehen. Vielleicht seid ihr wirklich dazu ausersehen, daß ihr großen Reichtum für uns erschließt und den Wunsch, den unser Vater schon lange im stillen nährt, in das liebe Deutschland zurückkehren zu können, in Erfüllung bringt.«

»Behüte dich Gott, Bruder, und grüße den Vater noch von uns! Wir hoffen das Beste.« – –

Die zwei Cateadores blickten dem Heimkehrenden nach, so lange sie seine Gestalt unterscheiden konnten. Dann – begannen sie die Suche nach dem verschütteten Goldbergwerk.

Aber der Derotero gab nur spärlich Auskunft, von wo aus sie zu suchen anfangen sollten. »Gehe in die Schlucht, welche sich dem Missionskloster von San José gegenüber befindet,« sagte er nach einer großen Lücke, in der höchst wahrscheinlich der erste Weg 39 beschrieben war, der zum fraglichen Bergwerk führte. Es galt daher, diesen ersten Weg wieder zu entdecken.

Die Sonne stand am wolkenlosen Firmament und sandte warme Strahlen auf die Berge ringsum, die alle mit uralten Bäumen bestanden waren. Zwischen ihnen breiteten sich fächerartig engere und breitere Schluchten aus. Es blieb den Brüdern nichts übrig, als aufs Geratewohl die nächste Schlucht zu betreten und an ihren steilen Wänden emporzuklettern.

Aber nach einer Stunde mühsamen Steigens sahen sie ein, daß sie den Schweiß, der bei der Anstrengung ihren Stirnen entquoll, vergeblich vergossen hatten; denn die Schlucht war begrenzt von steilen Felsen, die zu übersteigen sich als Unmöglichkeit erwies. Sie gingen also wieder an den Eingang zurück. Dabei trösteten sie sich mit der Erwägung, daß kein Baum schon auf den ersten Anhieb falle und daß auch Rom nicht an einem Tage erbaut worden sei.

Unverdrossen machten sie sich daran, eine zweite Schlucht zu durchforschen. Aber mit dem gleichen Mißerfolg. Auch sie wurde von einer Barrikade unübersteiglicher Felsen abgeschlossen; auch sie konnte deshalb niemals 40 den Zugang zu einem mächtigen Goldbergwerk gebildet haben.

Mit einer dritten Schlucht. die sie durchsuchten, ging es ihnen geradeso. Da aber während des Herumsteigens zwischen den steilen Wänden der Tag verstrichen war und die Nacht hereinbrach, kehrten die Brüder zum Churquesgebüsche zurück, wo der Korb mit ihren Lebensmitteln versteckt war, lagerten sich dort, hielten ein einfaches Nachtmahl und streckten sich aus, um den Schlaf zu finden.

Der erste Tag der Suche war ergebnislos verlaufen.

Was sie aber in wachem Zustande nicht erreicht hatten, das gaukelte ihnen ein Traum vor. Beide Brüder erblickten die verschüttete Öffnung eines alten Bergwerks und fanden darin ungeheure Mengen gediegenen Goldes.

»Ah!« sagte Fritz, als er am Morgen erwachte und sich dehnte und streckte, »welchen Reichtum habe ich gesehen! Wie konnte ich im Golde wühlen! Wenn mir die Wirklichkeit nur den hundertsten Teil dessen, was ich geträumt habe, beschert, dann will ich schon zufrieden sein!«

»So hast auch du im Traum den Eingang zur alten Goldmine gefunden wie ich,« stimmte Franz bei. »Sollte ein solcher Traum, 41 der uns beiden wurde, nicht glückverheißend sein? Meine Zuversicht wenigstens hebt und stärkt er mächtig und er spornt mich an, unbedingt an den Angaben des Deroteros festzuhalten.«

Solch eine gestärkte Zuversicht und gehobene Stimmung hatten die Brüder aber auch nötig. Denn nachdem sie noch ein Frühstück aus dem Proviantkorbe zu sich genommen, machten sie sich mit neuem Mute daran, die richtige Schlucht aufzusuchen.

Doch als sie sich bei Einbruch der Nacht müde und wie an allen Gliedern zerschlagen zur Ruhe ausstreckten, war das Ergebnis ihrer Nachforschungen das gleiche gewesen wie am Tag vorher. Ich müßte befürchten meinen jungen Lesern langweilig zu werden, wenn ich all die erfolglosen Versuche, die von den zwei Cateadores in den folgenden Tagen unternommen wurden, der Reihe nach aufzählen und beschreiben wollte. Es genüge daher die Versicherung, daß nach Ablauf der ersten fünf Tage die Brüder nicht weiter waren als am Morgen, an dem sie ihr Leben als Cateadores begannen. Fast sämtliche Schluchten diesseits des Crucesflusses waren von ihnen aufmerksam durchforscht worden; sie hatten jedoch die Überzeugung gewonnen, daß keine 42 derselben den Zugang zu einem alten Bergwerk gebildet haben konnte.

Statt durch das negative Ergebnis ihrer bisherigen Mühen abgeschreckt zu werden, trat auch bei den Brüdern die bei allen Cateadores gewöhnliche Erscheinung auf, daß das Goldfieber nach und nach ihr ganzes Wesen beherrschte; je größere Schwierigkeiten sich bei der Entdeckung einer vermuteten Mine entgegenstellen, desto mehr wächst die Hartnäckigkeit, mit welcher sie bekämpft werden.

Obwohl ihr Proviant bereits auf die Neige ging, beschlossen die Brüder dennoch in ihren Nachforschungen fortzufahren. Am sechsten Tage begannen sie schon am frühen Morgen den Aufstieg in einer engen Schlucht. Da hörten sie plötzlich hinter sich ein keuchendes Winseln.

Fritz hielt im Steigen inne und sah sich um; auch Franz blickte den Weg zurück, den sie bereits erklommen hatten.

»Bello!« rief er auf einmal aus. »Bello, wie kommst du daher?« Und keuchend, mit heraushängender Zunge und vor Freude winselnd, näherte sich ihnen ein großer Hund, sprang an Franz empor und versuchte ihm das Gesicht zu lecken.

43 »Unser Hofhund ist's, unser Bello,« sagte der ältere Bruder. »Wahrscheinlich hat er mich vermißt, da ich ihn stets fütterte; er hat daher das Haus verlassen und unsere Spuren verfolgt, was ihm auch gelungen ist, da seit unserem Aufbruch von zu Hause kein Tropfen Regen gefallen ist. Aber Bello,« setzte er, das Tier streichelnd, hinzu, »was sollen wir mit dir anfangen, hier im Urwald? Um so mehr, da du doch auch fressen willst und mußt? Unsere Lebensmittel reichen aber kaum mehr für einige Tage.«

Als hätte der Hund die Rede verstanden und fürchtete, wieder fortgeschickt zu werden, legte er sich auf den Bauch und kroch unter leisem Winseln, gleichsam um Fürsprache bittend, auf Fritz, den jüngeren Bruder zu. Dieser legte denn auch ein Wort für ihn ein.

»Lassen wir den Hund gleichwohl bei uns,« sagte er. »Ein Hund bringt ja Glück und ist nicht wie die Katzen, deren Anwesenheit stets Unheil beschertIn Südamerika herrscht der weit verbreitete Aberglaube, daß Hunde Glück und Katzen Unglück bringen.. Was aber unsern Proviant anbelangt, so muß er, wenn er zu Ende ist, ohnehin erneuert werden. Einer von uns muß mit dem Korb nach Mono 44 zurückgehen und ihn wieder füllen lassen; bei dieser Gelegenheit kann er dann auch Bello mit nach Hause nehmen.«

So beschlossen denn die zwei Abenteurer, den Hund vorläufig zu behalten. Das Tier trabte geduldig hinter ihnen drein, als sie sich neuerdings daran machten in der Schlucht aufwärts zu steigen, um endlich etwa doch einen Überblick über die Gebirgshöhe zu gewinnen. Keinem von ihnen kam dabei in den Sinn, daß schon die nächsten Tage die Entscheidung bringen würden, – eine Entscheidung, die sie zuerst einen unermeßlichen Reichtum erblicken ließ, um ihn dann durch eine grauenvolle Katastrophe für immer ihrem Besitze zu entrücken. – – 45

 


 

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