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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.
Warum das?

Die Weigerung des Bauern Joseph Winkler wird ohne Zweifel manchem Leser sehr sonderbar vorkommen, um so mehr, als auch der Vater vor kurzem noch Feuer und Flamme war über den im Besitz seines Sohnes befindlichen, mit so viel Freude begrüßten Derotero.

Wer aber Land und Leute im Süden der Republik Chile etwas näher kennt, der wird sich nicht darüber wundern, daß Joseph Winkler seine Weigerung damit begründete, daß jene Goldmine etwa jenseits der chilenischen Grenze auf dem Gebiete der unabhängigen oder wilden Araukaner liegen könnte.

Im Süden der Republik Chile liegt nämlich ein Gebiet, das von den Kordilleren, den Provinzen Concepcion und Biobio, der Provinz Valdivia und dem Stillen Ozean begrenzt wird. Dieses gebirgige, von tiefen Urwäldern bedeckte Land eignet sich nur wenig für den 28 Ackerbau, desto mehr aber für die Viehzucht; nur die Flußtäler sind sehr fruchtbar.

Bewohnt wird dieses Gebiet von dem indianischen Volksstamm der Araukaner, der seit der Vertreibung der Spanier seine Unabhängigkeit gewahrt hat. Sie heißen deshalb auch »unabhänge« oder »wilde« Araukaner. Die Araukaner unterscheiden sich von den übrigen südamerikanischen Indianern durch größere körperliche und moralische Kraft; sie sind von hellroter Farbe, haben lange, starke und schwarze Haare, sowie einen geraden. kräftigen Wuchs. Sie ermangeln auch nicht einer gewissen Bildung, haben feste Wohnsitze, nämlich Häuser oder Hütten aus Holz, und bauen Kartoffeln, Mais, Bohnen und ähnliche Früchte, die keinen ausgiebigen Ackerbau erfordern. Sie sind ein kühnes Reitervolk, das in der Handhabung langer Lanzen, des Lasso und der Bolas ungemeine Geschicklichkeit entwickeltUnter Lasso versteht man eine lederne Fangschlinge; die Bolas sind schwere Eisenkugeln, die an langen Riemen hängen und gegen menschliche Feinde wie gegen Bestien geschleudert werden..

Dagegen sind alle Bemühungen der Missionäre, die wilden Araukaner für das Christentum zu gewinnen, fast fruchtlos 29 geblieben. Sie halten fest an ihrem altererbten Götterglauben, an den Beschwörungen ihrer Medinzinmänner und den hundertfachen Gebräuchen, die samt und sonders auf den alten peruanischen Götzendienst zurückzuführen sind. Sie glauben an ein höchstes Wesen, das sie als den Schöpfer und den Geist des Himmels bezeichnen, der auf der Spitze des Vulkans von Villarica seinen Wohnsitz habe, weshalb sie von jedem Getränke einige Tropfen in der Richtung nach dem genannten Vulkan spritzen, um dem Gotte zu opfern.

Diesen Gott heißen sie Pillan. Doch hat er verschiedene Untergötter, nämlich den des Krieges oder den Meulän und den Gott des Unglücks und alles Bösen, den Guekubu; ferner die Amei-malghen, Nymphen und Schutzgeister, und die Gen oder Schutzengel, welche das Übel, das Guekubu zugefügt, abschwächen und erträglich machen sollen.

Die Araukaner glauben auch, daß der Mensch aus zwei Materien bestehe, nämlich aus Leib und Seele, Anca und Pulli, daß letztere unsterblich sei und nach dem Tode des Leibes in einen jenseits des Meeres im fernen Westen gelegenen Ort käme, den sie Gulcheman nennen und der ihnen ewige Freuden biete.

30 Die Araukaner huldigen der Vielweiberei, und zwar nimmt sich jeder Mann so viele Frauen, als er ernähren kann; reiche Häuptlinge haben deren sieben bis zehn. Um die nötigen Frauen herbeizuschaffen, werden nicht selten bewaffnete Einfälle in chilenisches Gebiet vorgenommen, und manche spanische und deutsche Frau ist von den wilden Indianern geraubt worden und dadurch für immer ihren Angehörigen verloren gegangen.

Seit Vertreibung der Spanier aus Araukanien, also seit 1602, wird im Gebiete der wilden Araukaner jeder Versuch, die während der Kriege um die Unabhängigkeit des Landes verschütteten Goldbergwerke wieder zu öffnen, mit dem Tode bestraft. In der Erinnerung, daß sie nur des Goldes wegen früher von den Spaniern unterjocht worden waren und daß sie selbst Sklavendienste in den Goldminen hatten leisten müssen, haben die Indianer unter Androhung der Todesstrafe ein Verbot erlassen, auf ihrem Gebiete nach Gold zu schürfen, Gold zu suchen oder ein altes Bergwerk aufs neue in Betrieb zu setzen. Um für alle Zukunft die Aufmerksamkeit der Goldsucher von ihrem Lande abzulenken, haben sie sogar angeordnet, daß niemand Goldschmuck tragen darf. Auch haben bei 31 ihnen die Goldmünzen nicht den geringsten Wert.

Diese einzigartige Verachtung des gelben Metalls seitens der wilden Araukaner hielt aber manche europäische Goldsucher so wenig zurück, ihr Glück zu versuchen, wie die drohende Todesstrafe. Sie drangen in das Gebiet des unabhängigen Indianerstammes ein, da sie hofften, bei dem unzweifelhaft großen Goldreichtum des Landes schnell zu ihrem Ziele zu gelangen und – sie waren verschollen. Keine Nachricht von ihren Schicksalen und von ihrem Tode gelangte mehr an die Außenwelt.

Diese eigentümlichen Verhältnisse bildeten auch den Grund, weshalb der Bauer Joseph Winkler seinem jüngsten Sohn die Erlaubnis verweigern zu müssen glaubte, das im Derotero bezeichnete Goldbergwerk aufzusuchen, und weshalb er seine Bitte ablehnte, ihm zu jenem Zwecke einen seiner Brüder als Beihilfe mitzugeben.

»Ich will nicht die Schuld auf mich nehmen, zwei meiner eigenen Söhne des Goldes wegen in den Tod geschickt zu haben,« sagte der alte Mann.

»Aber, Vater,« widersprach da Fritz 32 Winkler, »du schickst uns dadurch doch nicht in den Tod.«

»Wenn das im Derotero beschriebene Bergwerk auf araukanischem Gebiet liegt wäret ihr verloren wie schon manche von euch, die gleichfalls hofften ihr Glück zu machen und die dem Gesetz der wilden Indianer zum Opfer gefallen sind.«

»Wenn die Mine auf dem Gebiet der Rothäute liegt,« warf Fritz wieder ein; »doch ich glaube, daß dieses nicht der Fall ist.«

»Hast du nicht selbst gesagt, daß dein Derotero so lückenhaft ist, daß er gar keine genaue Ortsbezeichnung angibt? Daß er immer versagt, wenn er eine richtige Beschreibung geben soll? Nun meldet er eine mächtige Mine von gediegenem Gold. Du weißt aber so gut wie ich selbst, daß auf unserem, auf chilenischem Boden kein Gold gefunden wurde, sondern daß alle zur Zeit betriebenen Bergwerke nur Silberminen sind. Was liegt da näher als die Annahme, daß dein Derotero auch nur der Wegweiser zu einem vor alten Zeiten verschütteten Goldbergwerk ist, das auf araukanischem Gebiet liegt? Dort aber ist die Todesstrafe gesetzt auf jeden Versuch, eine alte Goldmine zu öffnen.«

Fritz Winkler schwieg eine Weile und 33 dachte scharf über den Inhalt der Urkunde nach und über das, was sein Vater soeben ausgeführt hatte.

»Lieber Vater!« sagte er schließlich. »Du hast ganz recht, mein Derotero ist äußerst unvollständig. Gleichwohl gibt er mir einige Anhaltspunkte, die mich schließen lassen, daß das von ihm betriebene Bergwerk doch auf chilenischem Boden liegt und nicht auf jenem der wilden Indianer. So sagt er gleich im Anfang: ›Gehe von Chunimpa über den Fluß zu den Algarobobäumen . . .« Nun ist unter diesem Fluß kein anderer zu verstehen als der Cruces, der bis zum Missionskloster San José die Grenze zwischen unserer chilenischen und christlichen Provinz und zwischen dem Gebiet der wilden Araukaner bildet. Das indianische Dorf Chunimpa liegt noch jenseits der Grenze; der Ausdruck »gehe von dem genannten Dorfe über den Fluß« scheint mir also deutlich zu sagen, daß das verschüttete Goldbergwerk auf unserer Seite zu suchen ist. In dieser Meinung bestärkt mich noch der Umstand, daß der Derotero nicht nur die Mission San José sondern auch jene von Queule erwähnt, die beide in unserer Provinz Valdivia liegen. Alles in allem komme ich daher zu dem Schlusse, daß das alte Goldbergwerk 34 jedenfalls auf chilenischem Boden zu suchen ist, und ich bitte dich, lieber Vater, recht sehr, du wollest deine Weigerung zurücknehmen und mir sowie einem meiner Brüder erlauben, die verschüttete Mine aufs neue zu entdecken.«

Der alte Mann seufzte tief auf. Ersichtlich rang er schwer mit einem Entschlusse. Auf der einen Seite lockte die Aussicht, durch Auffindung eines alten Goldbergwerks mit einem Schlage unermeßliche Reichtümer zu gewinnen; auf der anderen drohte fast sicher der Tod, wenn seine Söhne indianisches Gebiet betraten und dort nach einer alten Goldmine forschten. Endlich hatte er sich gefaßt.

»Willst du mir versprechen, Fritz,« sagte er, »daß du dein Unternehmen sofort aufgibst, sobald du dich überzeugt hast, daß du dich täuschtest und daß das fragliche Goldbergwerk nicht in der Provinz Valdivia sondern im Gebiete der wilden Araukaner liegt?«

»Ja, Vater! Das verspreche ich dir mit Mund und Herz. Wenn sich herausstellen sollte, daß ich bei der Aufsuchung der bewußten Mine indianisches Gebiet betreten müßte, dann lasse ich den Derotero ein für allemal 35 sein und kehre als Mineur in das Silberbergwerk von Valdivia zurück.«

»Nun, dann habe ich auch nichts mehr dagegen, daß du den Versuch machst, das alte Goldbergwerk wieder aufzufinden. Der Bruder Franz mag dich dabei begleiten. Gott aber möge euer Unternehmen segnen, es glücken lassen und zu einem guten Ende führen.« – – 36

 


 

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