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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.
In Mono.

Das Kolonistendorf Mono, die Heimat unseres Fritz Winkler, liegt in der Luftlinie etwa sechs Stunden von der Hauptstadt Valdivia entfernt, am rechten Ufer des Crucesflusses. Es bestand zur Zeit dieser Erzählung aus etwa fünfzig Gehöften, die größtenteils von deutschen Kolonisten bewohnt und bewirtschaftet wurden; lediglich zwölf bis fünfzehn Anwesen gehörten spanischen und französischen Besitzern.

Der Bauer Joseph Winkler war vor ungefähr fünfzehn Jahren mit drei Söhnen ins Land gekommen, nachdem er seine Frau in Deutschland durch den Tod verloren, hatte von den Vorteilen, welche die chilenische Regierung damals den Einwanderern gewährte, Gebrauch gemacht und sich durch Fleiß und Arbeitsamkeit zum schuldenfreien Besitzer eines ländlichen Anwesens aufgeschwungen. Unterstützt wurde er in der Wirtschaft von 21 seinen zwei älteren Söhnen Franz, der zweiundzwanzig, und Michael, der vierundzwanzig Jahre zählte, während sein jüngster Sohn Fritz in dem Silberbergwerk, das in der Nähe von Valdivia betrieben wurde, als Mineur Verdienst gesucht und gefunden hatte.

Da Fritz Winkler unmöglich den weiten Weg nach Mono öfter als unbedingt notwendig zurücklegen konnte, war er nur an den höchsten Fest- und Feiertagen, wenn die Arbeit im Silberbergwerk ruhte, als Gast in seinem Vaterhause. Sonst lebte er in den Baracken, welche die Verwaltung den Bergleuten zur Verfügung gestellt hatte und die ihnen als Wohnung dienten, wenn die Schicht sie nicht ins Innere der Mine rief.

Es machte daher kein geringes Aufsehen, als am späten Abend des 1. Dezember 1860 Fritz Winkler plötzlich im Hause seines Vaters unangemeldet und unvermutet eintraf.

»Was ist's?« rief der Bauer Winkler seinem Jüngsten entgegen, nachdem dieser zuerst ihn und dann seine zwei Brüder in treuherziger Weise begrüßt und jedem die Hand gedrückt hatte, »hat die Verwaltung den Betrieb des Bergwerks plötzlich eingestellt oder bist du krank geworden, weil du schon heute am 1. Dezember bei uns erscheinst, 22 während wir dich erst für Weihnachten erwarteten?«

»Keines von beiden trifft zu, lieber Vater,« erwiderte Fritz Winkler. »Das Bergwerk geht großartig und ich selbst erfreue mich der besten Gesundheit. Es ist ein anderer Grund, der mich hieher nach Mono führt; ich will ihn euch sagen, sobald ich zu Abend gegessen habe. Denn vor Aufregung über das, was ich heute zum Geschenk erhalten habe, vergaß ich auf Essen und Trinken und lief nach Mono, so schnell mich meine Beine nur tragen wollten.«

Schnell standen vor dem Heimgekehrten mit Speise gefüllte Schüsseln und ein Krug voll selbstgekelterten Apfelweines auf dem Tisch. Fritz Winkler tat den Gerichten alle Ehre an und seine Angehörigen warteten, ohne ihn durch Fragen zu unterbrechen, bis er seine Mahlzeit beendigt hatte.

Dann fragte ihn sein Vater:

»Können wir jetzt erfahren, welches Geschenk du heute erhieltest, und warum du vor der Weihnachtszeit nach Hause kommst?«

»Ja, Vater! Der getaufte Indianer Juan Soto, der mit mir die Baracke teilt, die mir als Nachtquartier dient, hat mir heute das da zum Geschenk gemacht.«

23 Hiemit zog Fritz Winkler das unscheinbare schmale Päckchen aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch.

Grenzenlose Enttäuschung lag in den Mienen von Vater und Brüdern beim Anblick des schmutzigen Pergaments. Sie hatten erwartet, der Jüngste werde ihnen irgend etwas Reiches, Glänzendes, vielleicht einen Schmuck oder eine Rolle Gold oder irgend einen anderen Gegenstand von Wert zeigen, der ihn so aufgeregt habe, daß er plötzlich den Weg unter die Füße nahm und außer der Zeit spornstreichs heimrannte, – und nun hatte er nichts anderes als ein vergilbtes unansehnliches Schriftstück. Sie standen stumm und wie betäubt von peinlicher Überraschung um den Tisch herum und blickten verständnislos auf das schmale Päckchen nieder, das vor Fritz Winkler lag.

»Was soll das? Was hat das zu bedeuten?« fragte nach einer Weile fast grollend der Vater. »Es ist doch zu früh, schon Fastnachtsscherze mit uns zu treiben«

»Kein Fastnachtsscherz ist das, lieber Vater, sondern, was Ihr da sehet, ist nicht mehr und nicht weniger, als – ein Derotero.«

Als wäre plötzlich ein Blitz vor ihnen niedergefahren, so jäh änderte sich bei dem 24 Worte »Derotero« die Stimmung und der Gesichtsausdruck der um den Tisch Stehenden. Denn auch sie hatten Kenntnis von den vielen Sagen, die über solche Wegweiser zu verschütteten Bergwerken umgingen; auch sie wußten, daß die Kenntnis alter Minen von indianischen Ahnen bis auf die jetzt lebenden Rothäute sich forterben sollte, und wie alle Welt waren auch der Bauer Winkler und seine Söhne davon überzeugt, daß mit dem Besitz eines derartigen Wegweisers die Erwerbung unermeßlicher Reichtümer verbunden sein müsse.

Die Stille, die zuerst unter den Familienmitgliedern geherrscht, ging daher, kaum daß das Wort gefallen, in Lärmen und Geschrei über.

»Einen Derotero hast du?« – »Ein Derotero ist's?« – »Von einem Indianer hast du ihn bekommen?« – »Heiland der Welt! Da hängen ja Millionen und Millionen daran!« – »Laß mich ihn sehen, deinen Derotero!«

So flogen die Ausdrücke des Erstaunens und der freudigsten Zuversicht eine geraume Zeitlang hin und her, und die Hände aller streckten sich aus, das unscheinbare Pergament zu erfassen oder wenigstens zu betasten.

25 Fritz Winkler ließ den Ausbruch freudiger Überraschung, der sich zu jubelnder Hoffnung steigerte, verrauschen, ehe er wieder das Wort ergriff.

»Ja, lieber Vater, – ja, meine Brüder,« sagte er endlich, »ich habe einen Derotero, einen indianischen Derotero zum Geschenk erhalten, und ihr werdet jetzt begreifen, warum ich nicht länger warten wollte, sondern sofort nach Hause eilte, um euch mein Glück mitzuteilen. Wenn es wirklich ein Glück ist,« setzte er zweifelnd hinzu.

»Du hast Bedenken?« sagte der Vater.

»Ja; denn höret zuerst den Inhalt des Wegweisers.«

Und er las den mit gespannter Aufmerksamkeit Zuhorchenden den Wortlaut des Deroteros vor mit allen Lücken und Mängeln, die das Pergament aufwies.

»Wenn ich also auch einen echten indianischen Derotero besitze,« so schloß er seine Auseinandersetzung, »– woran ich durchaus nicht zweifeln darf, so ist er gleichwohl so lückenhaft, daß er fast gar keine Bezeichnung angibt, wo das Goldbergwerk zu finden ist. Immer wenn er eine genaue Beschreibung geben soll, ist die Stelle in diesem Dokument entweder verwischt oder sie fehlt ganz. Es ist 26 also mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden, an der Hand des Deroteros die darin beschriebene Goldmine aufzusuchen. Dessenungeachtet bin ich fest entschlossen den Versuch zu wagen, und ich bitte dich, lieber Vater, nur um die Güte, mir einen meiner Brüder als Helfer mitzugeben.« –

Große Stille herrschte unter den Familienmitgliedern. Der Rausch überschwenglicher Hoffnungen war vorüber und hatte der nüchternen Überlegung Platz gemacht. Denn so viel lag klar zutage, daß es nicht anging, nur den Derotero zur Hand zu nehmen und nach dessen Weisungen ein mächtiges Goldbergwerk zu suchen. Nein, – es war zwar unzweifelhaft vorhanden; aber es mußte geradezu aufs neue entdeckt werden.

»Wenn die Goldmine jenseits der Grenze auf dem Gebiet der unabhängigen Araukaner liegen sollte,« sagte der Vater endlich nach einer langen Pause bedächtig, »so gebe ich weder dir die Erlaubnis sie aufzusuchen noch lasse ich mich herbei zu gestatten, daß einer deiner Brüder dir dabei hilft.« – – 27

 


 

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