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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.
Der Derotero.

Juan Soto, der getaufte Indianer, war von Fritz Winkler in das Spital der Barmherzigen Brüder gebracht und darin verbunden worden. Nachdem der Chirurg seines Amtes gewaltet, winkte der Indianer den jungen Deutschen an seine Seite.

»Reiche mir mein Beinkleid her, Federigo!« sagte er dann.

Fritz Winkler willfahrte ihm.

»Du bist mir stets ein guter Kamerad gewesen, Federigo,« fuhr die Rothaut fort, »und hast dich soeben noch als solcher erwiesen, indem du mich ins Spital schafftest und nicht verließest, bis ich verbunden war. Als Lohn für deine Treue nimm dieses alte Schriftstück, das sich von meinem Urgroßvater auf mich vererbt hat.«

Mit diesen Worten nahm er aus dem Gürtel des ihm überreichten Beinkleides ein dort verborgenes schmales Päckchen und händigte es dem jungen Deutschen ein.

14 »Es soll ein Derotero sein,« setzte er hinzu; »doch hat er keinem von uns im mindesten genützt, da keiner lesen konnte. Ich schenke ihn jetzt dir, weil du stets kameradschaftlich gegen mich warst und mich auch in der jetzigen schweren Stunde nicht verlassen hast.«

Als Friedrich Winkler das schmale Päckchen in der Hand hielt und vernahm, daß es ein Derotero sei, durchzuckte es ihn wie ein elektrischer Schlag. Denn unter Derotero versteht man die Beschreibung eines Bergwerks, das zur Zeit, wo Chile noch unter der Oberhoheit der spanischen Krone stand, von den Spaniern eröffnet, dann aber, als die Eingeborenen im Jahre 1558 sich gegen die spanische Herrschaft empörten und bis 1602 unausgesetzt Krieg führten, verschüttet worden war.

Solche Deroteros wurden heimlich aufbewahrt. Es ging von ihnen die Sage, daß sie den Schlüssel bildeten zu unermeßlichen Reichtümern; und wo man auf eine alte, noch abbauwürdige Mine traf, da hieß es, sie sei nur mit Hilfe eines zufällig aufgefundenen Deroteros aufs neue entdeckt worden.

Mit zitternden Händen nahm also Fritz Winkler das unscheinbare Päckchen entgegen und machte sich, gleich nachdem er den 15 Indianer und das Spital verlassen, daran, es zu untersuchen. Zu diesem Zwecke suchte er die verkehrsarme Wiese hinter den Festungswerken von Valdivia aufs neue auf, ließ sich dort ins Gras nieder und begann das Geschenk des Indianers langsam zu entfalten.

Aber ach! Obwohl das Päckchen sich als eine auf Pergament geschriebene Urkunde erwies, war diese so alt, vergilbt und schmutzig, daß man leicht sehen konnte, daß sie schon vor Generationen abgefaßt und wenig säuberlich aufbewahrt worden war. Denn das Schriftstück befand sich in einem Zustand unglaublicher Verwahrlosung; es schien stets in den Taschen der jeweiligen Besitzer mit herumgetragen worden zu sein. Fritz Winkler konnte nur mit Mühe und Not feststellen, daß er wirklich einen Derotero zwischen seinen Fingern hielt. Und obwohl er Spanisch so gut wie Deutsch sprach und las, – er hatte dies in der Schule des Kolonistendorfes Mono gelernt, wo er beheimatet war, – war er nur imstande das folgende zu entziffern, wobei wir die unleserlich gewordenen Worte und die durch den Faltenbruch des Pergaments ausgefallenen Stellen durch Punkte bezeichnen müssen. 16

»Im Namen des dreieinigen Gottes. Amen!

Gehe von Chunimpa über den Fluß zu den Algarobobäumen . . . . gehe in die Schlucht, welche sich dem Missionskloster von San José gegenüber befindet . . . . . tritt in den Bergpaß ein, von wo aus man auch die Mission von Que . . . . . . und bist du da angekommen, wirst du nach Süden zu das Erdreich dunkelgelb gefärbt . . . und . . . in der Mitte des Abhanges finden. Folge nun dieser Schlucht bis dahin, wo sie ein Knie macht und steige dann aufwärts, bis du einen steilen Felsen erreichst, . . . . . . eine Hand, eingehauen in den Felsen. Folge der Richtung, wohin die Hand weist, . . . . . biege um dasselbe, dann findest du in einer Entfernung von etwa 225 Fuß den Eingang zur gesuchten Goldmine . . . . die Goldmine ist sehr mächtig; gediegenes Gold kommt . . . . der Eingang ist mit Sand verschüttet . . . . beginnt ein Gang von zu Tage liegendem Gold.

Im Namen Gottes. Amen!«

Beim mühsamen Entziffern dieser Zeilen war es Fritz Winkler bald heiß, bald kalt geworden. Denn eines stand fest – er hatte einen Derotero in Händen, den Wegweiser zu 17 einem vor alten Zeiten verlassenen und verschütteten Bergwerk, noch dazu eines mächtigen Bergwerks, das gediegenes Gold lieferte.

Ihn schwindelte, wenn er bedachte, welche Reichtümer er aus einer Goldmine zutage fördern konnte. Und bei solchen Gedanken fühlte er auch, wie heißer Schweiß seine Stirn netzte. Eiseskälte aber machte seine Glieder beben, wenn er überlegte, daß der geheimnisvolle Derotero so schlecht aufbewahrt worden war, daß er fast keinen einzigen Anhaltspunkt mehr ergab, von wo an und wie der Weg zu den beschriebenen Goldminen führte. Stets war die Schrift unleserlich oder durch den Faltenbruch des Pergaments ganz zerstört, wenn eine bestimmte Ortsbezeichnung folgte.

Die Algarobobäume, von denen der Derotero sprach, waren in der langen Zeit, seit er geschrieben wurde, jedenfalls schon gefällt oder von selbst gefallen, und so blieb als Ergebnis der ganzen Beschreibung nur übrig, daß das mächtige Goldbergwerk in den Schluchten zu suchen war, welche jenseits des Crucesflusses vom Dorfe Chunimpa an sich fächerartig ausbreiten und das ganze, am Stillen Ozean aufgebaute Gebirge durchziehen. Welche dieser mehr als hundert Schluchten war nun jene, 18 »die sich dem Missionskloster von San José gegenüber befindet?« Welcher Bergpaß war gemeint unter jenem, »von wo aus man auch die Mission von Queule – denn nur so konnte der im Derotero verstümmelte Name heißen – erblickt?« Die beiden bezeichneten Missionsanstalten liegen so hoch im Gebirg, daß man fast von jeder Schlucht, von jedem Bergpaß aus sie sehen kann.

Wohl über eine Stunde schon mochte Fritz Winkler über dem Derotero gegrübelt haben und bereits wollte er ihn entmutigt zerreißen und wegwerfen, da ermannte er sich schließlich noch einmal.

»Nein!« sagte er zu sich selbst; »vernichten will ich das rätselvolle Schriftstück gleichwohl nicht. Im Gegenteil, ich will meinem Vater und meinen Brüdern Kunde davon geben und mit ihnen überlegen, wie es möglich ist, das darin beschriebene Bergwerk zu entdecken. Wenigstens weiß ich so viel, daß ich den Crucesfluß kreuzen muß; denn an ihm liegt das Dorf Chunimpa. Das verschüttete Bergwerk muß also in einer der zahlreichen, von dort ihren Ausgang nehmenden Schluchten liegen. Auch die Missionen von San José und von Queule geben mir einen wenn auch nicht sehr deutlichen Fingerzeig, und ich brauche nur 19 die Schlucht aufzufinden, in der das Erdreich dunkelgelb gefärbt ist, um auf den rechten Weg zu kommen. – Nur den Mut nicht verlieren! Denn das Glück ist keinem günstig, der die Hände müßig in den Schoß legt und darauf wartet, daß ihm die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Wohlan denn! Ich wage es, die verschüttete reiche Goldmine aufzusuchen, von der der Derotero berichtet; ich will sie aufs neue entdecken. Vorerst aber heim nach Mono zu meinem Vater und zu meinen Brüdern!« – – 20

 


 

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