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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.
Der Falschspieler.

Im Jahre 1860 am 1. Dezember, also zu jener Jahreszeit, in welcher in Südamerika der Sommer beginnt und wo die fortwährenden Regengüsse aufhören, die ein Kennzeichen des südlichen Winters und Frühlings sind, hatte sich hinter den alten Festungsmauern von Valdivia auf einer vom Stadtverkehr ziemlich abgeschnittenen Wiese eine Schar von Leuten versammelt, deren Aussehen verriet, daß sie den niedrigsten Ständen der chilenischen See- und Handelsstadt angehörten.

Es waren durchweg Lastträger, Schiffer, Viehtreiber und namentlich Mineure und Bergwerksarbeiter aus den damals im vollen Betrieb stehenden Silberbergwerken von Valdivia, die den entlegenen Winkel hinter der Festung aufgesucht hatten, um dort dem leidenschaftlich geliebten Montespiel zu frönen.

Die Sonne strahlte in ihrer vollen Pracht vom azurblauen Himmel hernieder und 6 spiegelte sich im breiten Valdiviastrom, der gleich einem silbernen Bande aus dem dunklen Grün des Urwalds sich herwälzend in majestätischer Freundlichkeit vor den alten Festungswerken vorüberfloß. Unzählige Boote und Kanoes fuhren hin und her, auf denen die Bewohner der Umgegend teils ihre Landesprodukte nach Valdivia brachten, teils Waren von dort nach dem Hafen von Corral verluden. Auch Scharen von Indianern langten am Landungsplatz an, die Rindvieh und Pferde mit sich führten, um diese gegen Waren zu vertauschen, welche sie benötigten.

Der Strom bot somit ein Bild belebten Fleißes und angestrengter Arbeit. Für die Montespieler hinter den Festungsmauern aber ging dieses Bild vollständig verloren.

Ein gewerbsmäßiger Montespieler nämlich hatte, angereizt durch die Aussicht auf großen Gewinn, seinen PonchoPoncho heißt der südamerikanische Mantel; ein Stück Tuch mit einer Öffnung, durch die der Kopf gesteckt wird. auf der Erde ausgebreitet, eine Handvoll Goldstücke und silberne PesosTaler, im Werte von 4 Mark. darauf gestreut und die vorüberkommenden Bergleute eingeladen, ihr Glück zu versuchen. Da sämtliche 7 Südamerikaner leidenschaftliche Liebhaber des Montespiels sind, die Bergleute aber während eines vollen Monats keine Gelegenheit dazu fanden, – sie mußten nämlich so lange in den Bergen und den dort für sie errichteten Baracken bleiben und wurden erst jeweils am Monatsende ausbezahlt, – so hatte seine Einladung den größten Erfolg.

Schlauerweise hatte der Bankhalter seinen Mantel mit den lockenden Gold- und Silbermünzen in der Nähe jener kleinen Wirtshäuser und Herbergen nahe der Festung ausgebreitet, welche die Bergleute zu besuchen pflegten, wenn sie einmal in die Stadt kamen, und seine Rechnung täuschte ihn auch diesmal nicht. Ein Mineur nach dem anderen kauerte sich, wenn er sein Nachtquartier verließ und die verführerisch lachenden Goldstücke erblickte, nieder auf die Erde, einer nach dem andern setzte einen Peso, und wenn er verlor, stets das Doppelte, um alle Einsätze wieder zu gewinnen.

In kurzer Zeit war um den Poncho des Spielers ein ganzer Haufen von Bergleuten versammelt, zu denen sich nach und nach auch Kärrner, Lastträger, Eseltreiber und Arbeiter ähnlichen Standes gesellten. Doch schien ihnen das Glück nicht günstig zu sein, denn die 8 silbernen Pesos der Mineure und der anderen Mitspieler verschwanden schnell in den Taschen des Bankhalters und nur sehr selten gewann ein Bergmann.

Unter den Spielern befand sich auch ein indianischer Bergmann, der in Begleitung eines jungen, erst sechzehn Jahre alten deutschen Mineurs zu der Spielergesellschaft gekommen war. Der Indianer war getauft und hieß Juan Soto; der Deutsche war der Sohn eines Kolonisten aus dem Dorfe Mono, das in der Nähe von Valdivia an der Grenze der unabhängigen Araukaner-Indianer liegt. Er hieß Friedrich Winkler.

Der indianische Mineur Juan Soto hatte schnell seinen ganzen Monatslohn verloren und sah stumm dem weiteren Fortgang des Spieles zu. Kein Muskel seines roten Gesichts hatte gezuckt, als sein letzter Peso verloren war; und auch jetzt saß er scheinbar teilnahmlos auf der Erde und beobachtete nur aufmerksam die Finger des Bankhalters und dessen Manipulationen beim Austeilen der Karten.

Plötzlich ereignete sich etwas Seltsames. Eben teilte der Bankhalter wieder die Karten aus; da fuhr im gleichen Augenblick, wo er das Spiel beginnen wollte, wie ein Blitz das 9 Messer des ausgeplünderten Indianers in seine linke Hand und nagelte sie förmlich an die Erde.

»Falschspieler!« rief dabei Juan Soto, der indianische Bergmann.

Eine Sekunde lang herrschte das Schweigen der Überraschung in der Runde der am Boden Sitzenden. Dann aber sprangen die Spieler auf, und es begann ein lautes Schreien und Toben. Der Indianer allein behielt seine Fassung. Er griff nach den Karten, die der Bankhalter noch in seiner durchstochenen Hand hielt, und deckte sie auf.

»Falschspieler!« rief er dann zum zweiten Male, indem er sich gleichfalls vom Boden erhob.

Der Beweis, daß die Bergleute einem Betrüger ins Garn gegangen, lag offen zutage; die aufgedeckten Karten ließen keinen Zweifel zu. Unter lautem Schelten und Drohen verlangten diejenigen, welche verloren hatten, ihr Geld zurück und beschlagnahmten, bis dies geschehen, die auf dem Poncho des Bankhalters liegenden Goldstücke.

Was wollte der Falschspieler tun gegenüber den mit Recht aufgeregten, lärmenden und tobenden Bergleuten? Er bequemte sich, wenn auch widerwillig, dazu, seine Taschen 10 wieder zu leeren und den Berg der ergaunerten Silberpesos auszuliefern. Aber während er das Silber weggab, schwur er heimlich, den Indianer dafür büßen zu lassen, daß er seinen Betrug an den Tag gebracht, und blutige Rache an ihm zu nehmen.

Er schlang ein Tuch um seine verwundete Linke, raffte das Gold, mit dem er die Bergleute ins Netz gelockt, zusammen und den Poncho vom Boden auf und trat denn dem Indianer entgegen.

»Rotes Tier! Du Vieh – du Hund!« schrie er ihn an, »du hast meine Hand durchstochen. Gib mir Genugtuung dafür!«

»Obwohl ich nicht verpflichtet wäre, mich mit einem offenkundigen Falschspieler, also einem Dieb und Betrüger, zu schlagen, bin ich doch geneigt, mich auf Bergmannsweise gegen dich zu wehren,« antwortete der Indianer, indem er seinen Poncho wegwarf und sein großes Messer zog. »Komm also, wenn du etwas von mir willst!«

Die anderen Bergleute bildeten schnell einen Kreis um die beiden Gegner und harrten des bevorstehenden Messerkampfes.

Der Indianer sah unbewegt aus; kein Zug seines roten Gesichts hatte sich verändert, während sein Gegner vor Wut schäumte und 11 ihn durch fortwährende Beschimpfungen zu reizen suchte. Dann aber machte er jählings einen Ausfall und stieß dem indianischen Bergmann seine MacheteSpanisch: Ein langes Messer mit breiter Klinge. mit Wucht in den linken Schenkel.

Trotz der großen Wunde, die er erhalten hatte, änderte der Indianer seine Stellung nicht im geringsten, sondern schleuderte sein Messer so geschickt gegen den betrügerischen Bankhalter, daß es dessen Brust traf und sich bis ans Heft in diese einbohrte.

»Caramba!« fluchte der Verwundete, »der rote Schuft hat mich schwer verletzt!« Dann brach er zusammen. Seinen Fall begleitete das Freudengeschrei sämtlicher herumstehenden Bergleute.

Aber auch der Indianer sank jetzt zu Boden, da eine Schlagader in seinem Schenkel getroffen war und ihn deshalb der Blutverlust überwältigte. Sein Kamerad, der junge deutsche Mineur, sprang ihm bei und legte dem Verwundeten den Poncho unter den Kopf.

»Verbinde mir mein verletztes Bein, Federigo,« sagte der Indianer zu ihm, »und dann laß mich mittelst einer Caretta in irgend 12 ein Spital schaffen! Das nötige Geld dazu findest du in meinem Poncho. Trachte aber zu erfahren, in welches Spital man den Falschspieler bringt, den man soeben auf eine Caretta aufladet, und lasse du mich in ein anderes überführen. Ich will nicht im nämlichen Krankenhaus liegen, in dem mein Gegner untergebracht wird.« – – –

Kaum eine halbe Stunde später lag die Wiese hinter den Festungsmauern von Valdivia wieder so friedlich und ruhig im Sonnenschein da, als hätte sich nichts ereignet. 13

 


 

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