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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15.
Schluß.

Die Brüder konnten sich später keine Rechenschaft geben, wie sie wieder nach Mono zurückgekommen waren. Sie hatten die Hindernisse in der Schlucht gleichsam nur mechanisch überwunden und waren über geborstene Felsen und Geröll hinweggeklettert, ohne es zu wissen; in ihnen lebte einzig der Gedanke, der sie bis zum Stumpfsinn marterte, daß der erwartete Reichtum, den sie beinahe schon mit Händen greifen konnten, ihnen noch im letzten Augenblick für immer entrissen worden war.

Der Bergingenieur hatte Mono noch am Abend, bei sinkender Nacht, verlassen, da er es vorzog, in einem der nächsten Dörfer zu nächtigen, statt bei der Familie Winkler zu bleiben, deren Trauer er begriff und zu würdigen wußte. Es ist auch wirklich keine Kleinigkeit, sich zwei Millionen Pesos, die man schon erfaßt zu haben glaubt, unter den 116 Fingern entschlüpfen zu sehen. Und unwiederbringlich!

Es steckte aber ein zu guter Kern in unseren Landsleuten, als daß sie sich der an Verzweiflung grenzenden Stimmung allzu lange hingegeben hätten. Der erste, der sich faßte, war der Vater Winkler.

»Was nützt es uns, immer darüber nachzugrübeln, was wir hätten tun können, wenn das Erdbeben unsere Goldmine nicht ersäuft hätte,« sagte er zu seinen Söhnen. »Was Gott tut, das ist wohlgetan, und gelobt sei deshalb sein Wille! Können wir auch nicht miteinander zurückkehren in die liebe deutsche Heimat, so haben wir doch ein rundes Sümmchen im Hause, das wir für den einzigen Goldklumpen, den du, Fritz, aus der Mine mitbrachtest, bezahlt erhielten. Mit diesem Gelde kann ich das Gehöft vergrößern und verschiedene Ländereien dazu kaufen, auf die ich schon längst ein Auge geworfen. Laßt also das nutzlose Sinnieren sein, meine Kinder, und schaut mit neuem Vertrauen in die Welt, die für jeden von uns noch genug Freuden übrig hat.«

Da die Söhne sahen, daß sich nicht einmal ihr alter Vater vom erlebten Mißgeschick beugen ließ, faßten auch sie wieder frischen 117 Mut und verscheuchten nach und nach die traurige Stimmung, die ihnen eine Zeitlang die Zukunft nur trüb und dunkel hatte erscheinen lassen.

»Du hast recht, Vater,« sagte Fritz; »danken wir Gott, daß wir alle gesund und rüstig sind! Was hälfe uns großer Reichtum, wenn einer von uns krank wäre und ihn nicht genießen könnte? Ich an meinem Teile will schon morgen wieder nach Valdivia zurück, um als Häuer im Silberbergwerk meine Arbeit fortzusetzen. Doch halt! Mir fällt da etwas ein,« setzte er etwas zögernd hinzu.

»Und was wäre das?« fragte der Vater.

»Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich mit Franz führte, als wir beide im Sand vor dem lodernden Feuer saßen, das wir vor dem Eingang zum Stollen angezündet hatten. Damals träumten wir noch von ungemessenen Reichtümern, die uns das Bergwerk bringen sollte, und ich sagte, daß ich dem Indianer Juan Soto, dessen Derotero wir die Auffindung des Stollens verdankten, eine Summe von hunderttausend Pesos zuwenden wolle. Nun sind freilich die erträumten Reichtümer zerstoben wie der Rauch im Wind; allein ein Sümmchen von 350 Pesos ist doch geblieben, und da möchte ich dich bitten, lieber Vater, 118 einen kleinen Teil davon dem Indianer schenken zu dürfen. Ohne seinen Derotero wäre mir das Goldsuchen nicht eingefallen und wir wären auch nicht in den Besitz dieses Geldes gekommen.«

Vater Winkler war sofort einverstanden.

»Ich kann dich nur loben, Fritz,« sagte er, »daß du auf deinen indianischen Kameraden nicht vergissest. Wenn wir ihm 50 Pesos abtreten, so glaube ich, daß der arme Bergmann eine große Freude haben wird, um so mehr, da er sich dann, wenn er aus dem Spital entlassen wird, noch einige Zeit pflegen kann, ohne gleich wieder die Arbeit unter der Erde aufnehmen zu müssen. – –

* * *

Auf dem Reste des Geldes ruhte ersichtlich der Segen des Himmels.

Der Vater Winkler kaufte für 200 Pesos fruchtbare Ländereien im Tal des Crucesflusses und ergänzte mit den übrigen 100 Pesos seinen Viehstand. Nach wenigen Jahren galt er als der wohlhabendste Kolonist von ganz Mono. Und im Jahre 1868 ging auch sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung; er konnte nach Deutschland, in sein geliebtes Bayern, zurückkehren. Ein in Chile 119 eingewanderter Österreicher, ein Deutschböhme, kaufte ihm sein Anwesen in Mono mit dem vollständigen Inventar um bare 4000 Pesos ab; Joseph Winkler konnte somit, wenn auch nicht als reicher Mann, so doch mit den nötigen Mitteln heimkehren, um sich ein respektables Bauernanwesen zu verschaffen.

In Lichtenfels, wo seine Ehefrau begraben liegt, kaufte er sich an und dort lebten die »Amerikaner« als angesehene Leute. Dort erfuhr ich auch aus dem Munde Fritz Winklers neben anderen Merkwürdigkeiten aus Südamerika die Geschichte, die ich meinen jungen Lesern eben wiedererzählt habe, nämlich die Geschichte vom

Derotero des Indianers.

 


 

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