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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.
Ins Wasser gefallene Hoffnungen.

Daß Beschädigungen an seinem Hause vorgekommen seien, brauchte der Vater Winkler nicht zu befürchten. Wie alle Kolonistenwohnungen, oder noch besser gesagt, wie alle Bauten auf dem Lande, so war auch sein Haus lediglich aus Holz aufgeführt und dieses widersteht nicht nur dem fortwährenden Zittern der Erde, dem man in Südamerika keine große Bedeutung beizulegen pflegt, sondern auch den heftigen Stößen eines wirklichen Terremoto.

Unter hoffnungsfreudigem Geplauder schritten die vier Männer also ihres Weges dahin. Auch bei ihnen hatte der Eindruck des schweren Erdbebens nicht lange standgehalten; vor ihrem geistigen Auge stand ja die verheißungsvolle Zukunft, der gänzliche Umschwung aller ihrer Verhältnisse, der ihnen erlaubte, nach Deutschland zurückzukehren, wo man Erdbeben – Gott sei Dank! – fast nur dem Namen nach kennt.

108 Je weiter sie aber vorwärts kamen, desto mehr wurde ihre Aufmerksamkeit auf jene Spuren gelenkt, die das heutige Terremoto hinterlassen hatte. Schon als sie das Dorf Mono betraten, mußten sie wahrnehmen, daß der Crucesfluß über die Ufer getreten war und bis an die Häuser heranreichte. Weiterhin sahen sie die Inseln Culebra und Realejo überschwemmt. Das Dorf Corcovado stand ganz im Wasser; von dortigen Kolonisten hörten sie, daß das Erdbeben in den Bergen, die sich längs des Crucesflusses bis zur Mission San José hinziehen, auf eine schauerliche Weise gewütet habe, – das Krachen der berstenden Felsen sei ohrenbetäubend gewesen. Auf dem ferneren Wege bis Mono erschien ihnen auf einmal die ganze Gegend wie fremd. Das Gebirg zu ihrer Linken war niedriger, als sie es zu sehen gewohnt waren, und in den letzten Strahlen der Abendsonne zeigten sich darin verschüttete Schluchten und Wege.

Eine bange Ahnung mochte durch die Seele Franz Winklers ziehen.

»Ich weiß nicht, wie mir's beim Anblick dieser gänzlich veränderten Berge plötzlich um das Herz wird,« sagte er leise zu seinem Bruder Fritz. »Wenn die Berge in der Nähe von 109 Mono auch so aussehen wie diese da, dann fürchte ich fast, wir werden unseren Stollen nicht mehr auffinden können.« Und er seufzte auf aus bedrängter Brust.

»Ah bah!« gab Fritz ebenso leise zurück. »Bilde dir nichts ein! Selbst wenn die eine oder andere Schlucht unwegsam geworden ist, kommen wir doch jedenfalls auf die Hochebene. Dort aber traue ich mir zu, den Stollen jederzeit wieder aufzufinden, wenn es sein muß, sogar bei finsterer Nacht. Ich habe mir seine Lage genau gemerkt.«

In der Tat war ihm aber nicht so zuversichtlich zumute. Er wollte nur durch seine Rede das eigene, im Sinken begriffene Vertrauen stärken. –

Die Nacht verfloß den Winklerschen beinahe schlaflos; wenn sich auch der Schlummer auf des einen oder anderen Auge senkte, so wurde er nach kurzem durch wirre Träume wieder aufgeschreckt. Als sie am Morgen ihre Lagerstätten verließen, lag es über ihnen wie eine Art Bann; sie konnten sich die Befangenheit nicht erklären, die sie alle beherrschte.

Gegen Mittag kam ein Reiter auf ihr Gehöft. Er stellte sich als den vereidigten Bergingenieur vor, den der Bankier in Valdivia zu ihnen gesandt hatte, um das 110 Goldbergwerk abzuschätzen. Mit seinem Eintreffen wich der Mißmut, der sie bisher umfangen gehalten hatte; Bilder eines reichen, sorglosen Lebens traten wieder vor ihre Seele, die Hoffnung der Heimkehr nach dem fernen Deutschland lockte aufs neue und verscheuchte alle unklaren Vorstellungen und die schlimme Ahnung, die sich ihrer bemächtigt hatte.

Fritz und Franz machten sich auf den Weg, den Ingenieur zu dem bekannten Stollen zu führen; sie hatten sich diesmal mit Kerzen versehen, um ihn zu beleuchten. Auch Bello, der Hund, lief wieder mit ihnen den Bergen entgegen.

Als sie so am rechten Ufer des Crucesflusses hinmarschierten, konnten sie bemerken, daß die gestrige Überschwemmung vorüber war und daß der Fluß sich wieder in sein früheres Bett zurückgezogen hatte. Dagegen zeigte sich im Urwald, der die Flanken des Gebirgs bekleidete, eine ungeheuere Verwüstung. Mächtige Bäume waren geknickt oder mit den Wurzeln aus der Erde gerissen, Lasten von herabgestürzten Felstrümmern lagen über ihnen; die Schluchten, welche den Eingang zum Gebirge bildeten, waren mit Steinblöcken und Geröll angefüllt; alle Bergpäße 111 waren mit Sand und geborstenen Felsen verschüttet und unwegsam geworden.

Die Brüder Winkler durften froh sein, daß der Hund bei ihnen war; sie hätten sonst den nächsten Aufgang zur Hochebene, der zu ihrem Stollen führte, inmitten der allgemeinen Verwüstung kaum wieder erkannt. So aber gingen sie ruhig hinter Bello drein, der, gleich als wüßte er, was die Brüder vorhatten, sich selbst zu ihrem Wegweiser bestellt hatte.

Doch war es ein mühsames Steigen und Klettern über die großen Haufen von Sand und Geröll, die in der Schlucht aufgetürmt lagen. Große Felsblöcke erschwerten das Vorrücken; sie mußten überwältigt werden, um auf der anderen Seite der Schuttmassen wieder auf den ursprünglichen Boden der Schlucht zu gelangen. Und je weiter sie in dieselbe eindrangen, desto schwieriger wurde jeder Schritt. Denn nach und nach versperrte der Schutt den ganzen Weg.

Der Bergingenieur trocknete sich den Schweiß von der heißen Stirn.

»Müssen wir noch lange steigen in diesem Chaos von Geröll und geborstenen Felsen?« fragte er.

»Die Hälfte des Weges haben wir bereits 112 hinter uns,« antwortete Fritz Winkler. »Hier links neben uns sehen Sie schon eine in die Wand der Schlucht eingehauene Hand, die nach rechts deutet. Hätte das gestrige Erdbeben nicht so arg auch in diesem Gebirge gehaust, so könnten wir die Hochebene von da an in weniger als einer halben Stunde erreichen.«

»Nun, dann vorwärts in Gottes Namen!« erwiderte der Ingenieur. Und wieder begann das ermüdende Klettern, bis nach geraumer Zeit die Ausmündung der Schlucht erreicht war.

– Doch was war das? Wo befand sich die Hochebene mit ihren unzähligen Felsen und kleinen Gipfeln? Täuschte ein Spuk die Augen der Brüder? Waren sie die Opfer eines höllischen Blendwerks? – – –

Sie erblickten in der Ferne den Turm und die Missionsgebäude von San José, auch die Mission von Queule leuchtete links davon herüber. Alles genau wie früher. Nur die Hochebene war verschwunden und statt ihrer erblickten die entsetzten Augen der Brüder ein tiefes, schmutziges Wasser – einen See, der die Hochebene mitsamt ihren zahllosen Felsblöcken und Schuttgipfeln, damit aber zugleich 113 die Goldmine und alle Hoffnungen der Familie Winkler verschlungen hatte. – –

Das Erdbeben hatte seine ungeheure Gewalt gerade in diesem Teile des Gebirgs auf schauerliche Weise geoffenbart, indem es eine große Fläche der Hochebene in die Tiefe riß und sie mit unterirdischem Gewässer überflutete. Franz hatte sich nicht getäuscht, als er vor zwei Tagen, während sie von Erdstößen im Stollen überrascht wurden, das Aufklatschen von Felsstücken in tiefem Wasser vernahm. Tatsächlich war durch jene Vorboten der großen Katastrophe das Innere der Erde schon aufgerissen worden und das Klatschen der in das unterirdische Gewässer abbröckelnden Steinmassen war an sein Ohr gedrungen.

Wer wollte es den Brüdern verargen, daß sie in stummer Verzweiflung lange an dem Orte der Verwüstung standen und starren Auges die trübe Flut betrachteten, die ihre glänzenden Hoffnungen eingesargt hatte?

»Alles verloren!« sagte endlich Fritz Winkler, und dem Ton seiner Stimme konnte man es anmerken, daß ihm das Weinen nahe lag. »Herr Ingenieur, in dem See, der sich plötzlich gebildet hat, liegt das von mir entdeckte Goldbergwerk.«

114 »Ich bedauere,« antwortete der Angeredete; »da können Sie mit Fug und Recht sagen, es seien Ihnen zwei Millionen Pesos – soviel haben Sie ja, wie der Bankier mir mitteilte, für die Mine als Kaufpreis verlangt, – ins Wasser gefallen.« – – 115

 


 

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