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Der Derotero des Indianers

Josef Baierlein: Der Derotero des Indianers - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Derotero des Indianers
authorJosef Baierlein
yearca. 1920
firstpub1915
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Derotero des Indianers
pages119
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.
Im Bergwerk.

Die Mittagszeit war bereits verstrichen, als Franz bei seinem Bruder vor dem Stollen wieder eintraf.

»Nun, bringst du Proviant und Wasser?« rief ihm Fritz schon von weitem entgegen.

»Alles, was wir brauchen,« antwortete der andere, »und überdies die Herzen und Lungen von zehn Kondors.«

»Von Kondors? Wie kamst du zu ihnen?«

Und Franz ließ sich neben seinem Bruder in den Sand nieder und erzählte sein Abenteuer mit den Vögeln. Dabei sättigten sich beide an den Überresten des von zu Hause mitgenommenen Eßvorrats und brieten an den Flammen des vor dem Stollen brennenden Feuers die Stücke von Pumafleisch und die Herzen der Kondors. Der Hunger würzte die Speisen und der Durst ließ den Brüdern das Quellwasser besser erscheinen als Apfelwein.

Nach dem Mahle plauderten sie miteinander und ergingen sich bis zum Abend in 75 hoffnungsfreudigen Gesprächen über die Erträgnisse des entdeckten Bergwerks.

»Wenn nur die Hälfte von dem zutrifft, was der Derotero behauptet,« sagte Fritz Winkler, »dann liefert die Mine jährlich eine Ausbeute von zwei Millionen Pesos, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Bankiers in Valdivia uns sofort das Doppelte dieser Summe bieten werden, wenn wir ihnen das Bergwerk abtreten. Wir müssen also, sobald wir uns von seiner Ertragsfähigkeit überzeugt haben, uns sofort zum »Intendenten der Provinz« begeben und unter Vorlage einer Erzstufe ihn bitten, daß er uns die Konzession zum Betrieb der Mine erteilt. Dann sind wir Eigentümer des Bergwerks, können es entweder selber ausbeuten oder verkaufen, und ich wette, daß wir den heimlichen Wunsch unseres Vaters, als gemachter Mann nach Deutschland zurückkehren zu können, in kürzester Zeit glänzend in Erfüllung bringen werden.«

»Dabei wollen wir aber auch des Indianers nicht vergessen, der dir seinen Derotero schenkte. Ohne diese Urkunde würdest du noch immer als Häuer im Silberbergwerk der Stadt Valdivia arbeiten, und es wäre dir gar kein Gedanke gekommen, in dieser Gegend nach einer verschütteten Goldmine zu suchen.«

76 »Ganz recht hast du, Bruder Franz!« entgegnete der andere, »und ich würde mich schämen, wenn ich nicht selbst schon daran gedacht hätte, welchen Dank ich dem armen Soto schulde. So sollst du denn wissen, daß ich bereits, ehe du seiner erwähntest, entschlossen war, ihm von unserem Reichtum hunderttausend Pesos abzutreten.«

Es zeugt sicher von dem guten Herzen unserer zwei Landsleute, daß sie in ihren Glücksträumen auch des verwundeten Indianers gedachten, dessen Derotero die Suche nach dem Goldbergwerk verursachte. Es beweist aber auch, wie überschwenglich ihre Erwartungen waren, daß sie an Soto gleich viermalhunderttausend Mark nach deutschem Gelde verschenken wollten.

Nachdem die Brüder noch am Abend das Feuer am Stolleneingang nachgeschürt hatten, daß es die ganze Nacht brannte, legten auch sie sich wieder im Sand zur Ruhe. Kaum aber rötete die über die Spitzen der Kordilleren emporsteigende Sonne das Firmament, da erhoben sie sich auch schon, um den Versuch, im Stollen vorzudringen, zu wiederholen. Und wirklich gelang er! Die Flammen hatten die Schwaden von Stickluft, die sich seit so langer 77 Zeit angesammelt, in Bewegung gesetzt und zum Entweichen gezwungen.

Fritz zündete einen der noch herumliegenden dürren Äste an und dann schritten die Brüder langsam in den abwärts führenden Gang hinein.

Schon hier konnte das geübte Bergmannsauge des jüngeren Bruders im Gestein glitzernde Adern und größere Punkte erkennen, die aus reinem Gold bestanden. Wenn der Stollen auch nicht mächtiger wurde, so zeigte er doch schon bei seinem Beginn so reiches Erz. daß das Blut Fritz Winklers in freudigste Wallung geriet. Bei jedem Schritt aber, den die Brüder vorwärts gingen, und je tiefer der Stollen ins Innere der Erde eindrang, desto größer erwiesen sich die eingesprengten Goldkörner und desto deutlicher ließen sich die Adern erkennen, die sich als gediegenes Gold durch den Felsen hinzogen.

Ja, hier lagen unermeßliche Reichtümer im Schoße der Erde; das war zweifellos. So weit der Schein der Fackel reichte, funkelte und glitzerte es von den Wänden des Stollens herab in sinnbetörender Weise. Fritz Winkler, bisher ein verhältnismäßig armer Bergmann, war, sobald er die neuentdeckte Mine beim Intendenten angemeldet hatte und damit in 78 deren Besitz getreten war, der Eigentümer von vielen Millionen Pesos geworden; er konnte den Wunsch seines Vaters erfüllen, er konnte ein Leben der Lust und der Freude beginnen, wie es die in Chile zu Millionen gekommenen Leute zu führen pflegen.

Hellauf jubelte und jauchzte er! War doch seine heiße Hoffnung in Erfüllung gegangen, lag doch Gold – gediegenes Gold in Fülle in den Adern dieses Bergwerks, das sehr bald das seine werden sollte! Und noch einmal erleichterte er seine Brust durch einen Jubelschrei, durch ein schallendes Jauchzen –

– Da, was war das plötzlich? – Konnte das der Widerhall der vor Entzücken ausgestoßenen Rufe sein? – –

Denn jählings erdröhnte das Innere der Erde auf eine Schrecken und Grausen erregende Weise. Und ehe Fritz Winkler zum Bewußtsein dessen kam, was sich so schnell aufeinander ereignete, erfolgte ein kurzer Stoß von unten nach oben, der ihn zu Boden warf, so daß ihm die Fackel aus der Hand fiel und verlöschte.

Ein Erdbeben!

Und die Brüder befanden sich allein im Innern der Erde, in einem Stollen, den sie zum ersten Male begingen und der – wie 79 Fritz Winkler schon bei den ersten Schritten darin festgestellt hatte – mit einer Neigung nach abwärts angelegt war. Wenn etwa ein zweiter Stoß ihn im Finstern an die Felsenwände des Stollens schleuderte, ihn verletzte, daß er das Bewußtsein verlor – –

Fast nur mechanisch suchten seine Hände nach der entfallenen Fackel – – vergeblich – – dagegen erfaßte er den Arm seines durch den Erdstoß gleichfalls zu Boden geworfenen Bruders.

»Franz!« schrie er diesen an, denn das Getöse des Erdbebens ließ kein leises Sprechen zu, »Franz, hat dir der Fall wehe getan? Mir ist, Gott sei Dank! – nichts Schlimmes zugestoßen. Nur die Fackel ist wir aus den Händen gefallen und erloschen.«

»Mich hat ein scharfer Splitter des Felsens gestreift, als ich niederfiel, so daß mir das Blut aus der Stirn sickert,« gab der andere ebenfalls schreiend zur Antwort. »Doch such nur die Fackel; denn es ist gräßlich, in diesem Tosen sich im Finstern zu befinden.«

Wiederum erdröhnte die Erde und es trat nun eine schwingende, schaukelnde Bewegung ein, die die Brüder wohl eine Minute lang wie in einer Wiege hin und her warf. Nach und nach wurden aber die Schwankungen 80 immer schwächer und hörten endlich ganz auf, so daß Fritz Winkler sich der Hoffnung hingab, daß das Erdbeben vorüber sei.

Er hatte sich jedoch bitter getäuscht. Denn eben wollte er sich aufrichten, um aufs neue nach der Fackel zu suchen, als ein derart starker horizontaler Stoß erfolgte, daß er wiederum zu Boden geschleudert wurde und sich fest an ein hervorragendes Felsenstück anklammern mußte, um auf dem abschüssigen Stollen nicht ins Gleiten zu kommen.

Gleichzeitig erschallte aus den Tiefen der Erde ein so furchtbares donnerähnliches Getöse, ein solches Krachen, Geprassel und Dröhnen, als ob sie berste, – als wenn Felsen gespalten und in einen ungeheueren Abgrund gestürzt würden, wo sie aufklatschend in tiefes Wasser fielen.

Fritz war fast betäubt von dem Getöse, das ihn rings umgab, und empfahl mit einem Stoßgebet Gott seine Seele, als nach einer neuen heftigen Erschütterung von der oberen Decke des Stollens sich große Brocken loslösten und auf den Boden herabstürzten. Wenn er oder sein Bruder von einem dieser Trümmer getroffen wurde, dann war er verloren!

Wie aber, wenn der enge Gang hinter ihnen von den herabgefallenen Felsenstücken 81 versperrt und unpassierbar geworden war? Und die Brüder hatten kein Werkzeug bei sich, um einen Weg durch das herabgestürzte Gestein zu bahnen; ihre Pickeln und Schaufeln hatten sie im Sande vor dem Eingang zum Stollen liegen gelassen.

»O, wenn ich doch die entfallene Fackel wiederfände!« seufzte Fritz Winkler aus tiefster Herzensnot auf. »Nur Licht – um Gottes willen nur Licht, um in diesem Graus nicht im Finstern ausharren zu müssen!«

Wiederum tappte er, während eine Pause im Getöse des Erdbebens eingetreten war, auf – da – der heiligsten Jungfrau sei Dank! fühlte er sie plötzlich zwischen seinen Fingern.

Fest umklammerte er das wiedergefundene Stück Holz, um es nicht zum zweitenmal zu verlieren, und wartete dann mit klopfenden Pulsen das Ende des Erdbebens ab. Der Zorn der unterirdischen Gewalten schien sich auch erschöpft zu haben; denn das donnerähnliche Gepolter und das Zittern der Erde hörte endlich auf. Nur aus weiter, weiter Ferne vernahm man noch von Zeit zu Zeit ein aufklatschendes Geräusch, als ob abbröckelndes Gestein in tiefes Wasser stürzte. –

Noch einige Minuten wartete Fritz 82 Winkler, ob das grausige Getöse sich nicht wiederhole. Da aber alles ruhig blieb, erhob er sich vom Boden, nahm sein Feuerzeug aus der Tasche und zündete die Fackel wieder an. Dann wandte er sich seinem Bruder zu, der mit blutender Stirn neben ihm lag, richtete ihn auf und suchte, indem er ihn den Stollen zurückführte, mühsam einen Weg durch die vom Erdbeben losgelösten und abgestürzten Felsentrümmer.

»Halt!« sagte er plötzlich, indem er sich niederbeugte und einen gegen drei Fäuste großen, glitzernden Klumpen aus dem herabgefallenen Gestein aufhob, »hier habe ich ja gleich die Erzstufe, die ich brauche, um mein Gesuch beim Intendenten der Provinz vorschriftsmäßig zu belegen.«

Und er verwahrte das Erz vorsichtig in der Tasche seines Lederanzugs.

Bald darauf betraten die Brüder wieder das Freie. Tief aufatmete Fritz Winkler, als er das Licht der Sonne wieder begrüßte, und ein inniges Dankgebet sandte er zu Gott empor, der sie aus unterirdischem Grausen errettet und gleichsam zu einem neuen Leben geführt hatte. – – 83

 


 

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