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Pierre Corneille: Der Cid - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
authorPierre Corneille
yearca. 1890
translatorMalwine Gräfin Maltzan
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDer Cid
pages59
created20120217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

Don Arias. Der Graf.

Der Graf. Gesteh' ich's Euch, als ich ihn so beleidigt,
War ich erhitzt, war allzurasch mein Arm,
Doch ist's geschehn, der Schlag nicht gut zu machen.

Don Arias. Beug' Euer stolzer Muth sich dem Verlangen
Des Königs; er nimmt großen Antheil, und
Er wird Euch seinen Zorn empfinden lassen.
Auch habt Ihr keine gültige Vertheid'gung;
Der Rang des schwer Gekränkten, wie die Größe
Der Kränkung, fordern größre Unterwerfung
Wie sonst gebräuchliche Genugthuung.

Der Graf. Der König nehm', beliebt es ihm, mein Leben.

Don Arias. Ihr seid zu ungestüm nach dem Vergehn. 16
Der König liebt Euch noch; besänftigt ihn.
Er sagt: »Ich will es.« Wärt ihr ungehorsam?

Der Graf. Um Achtung mir und Ehre zu bewahren,
Ist Ungehorsam kein so groß Verbrechen;
Und wär's auch groß, sind meine Dienste doch
Hinreichend, um es gänzlich zu verwischen.

Don Arias. Was man auch Wichtiges und Großes leiste,
Dem Unterthan schuldet sein König Nichts,
Ihr seid zu eitel Graf, und solltet wissen,
Nur seine Pflicht thut, wer dem König dient.
Solch allzugroß Vertraun bringt Euch Verderben!

Der Graf. Das glaub' ich Euch nicht ehr, bis ich's erfahren.

Don Arias. Doch sollt' Euch die Gewalt des Königs schrecken.

Der Graf. Ein einz'ger Tag stürzt keinen Mann wie mich.
Bewehr' sich seine Hoheit mich zu strafen,
Wenn ich muß fallen, fällt der ganze Staat.

Don Arias. So wenig fürchtet Ihr die Macht des Herrschers –

Der Graf. Des Scepters, das ihm ohne mich entsänke.
Er schätzt mich viel zu hoch. Mein sinkend Haupt
Wird seine Krone mit sich niederreißen.

Don Arias. Laßt die Vernunft Euch zur Besinnung bringen!
Nehmt guten Rath.

Der Graf.                       Der Rath ist angenommen.

Don Arias. Was aber sag' ich? Muß ich doch berichten –

Der Graf. Daß ich in meine Schmach nicht will'gen kann.

Don Arias. Doch wollen Kön'ge unumschränkt gebieten.

Der Graf. Nichts mehr davon. Geworfen ist das Loos.

Don Arias. Lebt wohl, da Ueberredung hier nichts fruchtet.
Doch schaut, trotz Lorbeerschutz, den Wetterstrahl!

Der Graf. Ich harr' sein ohne Furcht.

Don Arias.                                           Nicht ohne Folgen. (Ab.)

Der Graf. Auf diese Art befriedigt man Don Diego!
Wer nicht den Tod scheut, fürchtet keine Drohung.
Mein Muth trotzt selbst dem höchsten Ungemach.
Man kann mich, unbeglückt zu leben, zwingen,
Doch nicht, ein ehrlos Dasein zu ertragen! 17

 

Zweiter Auftritt.

Der Graf. Don Rodrigo.

Don Rodrigo. Zwei Worte, Graf!

Der Graf.                                       Sprich!

Don Rodrigo.                                             Mach' mich frei von Zweifeln!
Kennst du Don Diego?

Der Graf.                               Ja.

Don Rodrigo.                             Nur leise! Weißt du,
Daß dieser Greis die Tugend selbst, ein Vorbild
Des Muth's, der Ehre seiner Zeit war? Weißt du's?

Der Graf. Vielleicht.

Don Rodrigo.             Weißt du, daß meiner Augen Glut
Aus seinem Blut stammt? Weißt du's?

Der Graf.                                                       Kümmert's mich?

Don Rodrigo. Vier Schritt von hier will ich's dich wissen lassen.

Der Graf. Du junger Prahler!

Don Rodrigo.                         O erhitz' dich nicht!
Jung bin ich freilich, doch bei großen Seelen
Harrt Tapferkeit nicht auf der Jahre Zahl.

Der Graf. Mit mir dich messen! Wer macht dich so eitel?
Dich, den man niemals Waffen führen sah?

Don Rodrigo. Nicht zwei Mal macht sich Meinesgleichen kenntlich;
Als Probestück dient gleich ein Meisterstreich.

Der Graf. Weißt du wol wer ich bin?

Don Rodrigo.                                       Ja. Jeder Andre
Würd' schon beim Klange deines Namens beben.
Tausend und aber tausend Lorbeern, die
Dein Haupt bedecken, künden mein Verderben;
Tollkühn greif' den ich an, der steter Sieger.
Doch wird mein Muth mir große Kraft verleihn.
Dem, der den Vater rächt, ist Nichts unmöglich.
Besiegt ist nie dein Arm – nicht unbesiegbar.

Der Graf. Den großen Muth, den deine Reden künden,
Verrieth dein Auge täglich meinem Blick,
Und da Castilien's Stolz in dir ich ahnte,
Bestimmte meine Tochter ich dir gern. 18
Es freut mich, da ich deine Liebe kenne,
Daß ihre Glut der Pflicht muß weichen, daß
Sie deinen hohen Heldenmuth nicht schwächte;
Daß deine Tugend meiner Achtung werth,
Und einen ächten Ritter nur zum Eidam
Mir wünschend, ich mich in der Wahl nicht trog.
Doch spricht für dich mein Mitleid; ich bewundre
Hoch deinen Muth, bedaure deine Jugend.
Versuch' nicht dies unsel'ge Probestück;
Erlaß mir einen Kampf, der allzuungleich.
Brächt' solcher Sieg mir doch zu wenig Ehre.
Ruhmlos ist ein gefahrloser Triumph,
Leicht überwunden wird man stets dich glauben,
Und deinen Tod nur hätt' ich zu bereun.

Don Rodrigo. Entwürd'gend Mitleid folgt nach deiner Kühnheit!
Wer meine Ehre nahm, sorgt um mein Leben!

Der Graf. Zieh dich zurück!

Don Rodrigo.                         Komm! Ohne weitre Reden!

Der Graf. So lebenssatt?

Don Rodrigo.                   Hast du zu sterben Furcht?

Der Graf. Komm! Du hast Recht. Entartet ist ein Sohn,
Der seines Vaters Ehre überlebt!

 

Dritter Auftritt.

Die Infantin. Chimene. Leonore.

Die Infantin. Laß deinen Schmerz sich sänftigen, Chimene,
Und zeig' dich standhaft bei dem Unglücksschlage!
Nach diesem kurzen Sturm kehrt' Ruh' dir wieder;
Nur leicht Gewölk verhüllt dein Glück, und Nichts
Hast du verloren – siehst es nur verzögert.

Chimene. Mein schmerzdurchtobtes Herz wagt Nichts zu hoffen.
Ein Sturm, der plötzlich in der Windesstille
Losbricht, verkündet, daß ein Schiffbruch droht,
Ich zweifle nicht – im Hafen geh' ich unter.
Ich liebte, war geliebt, im Einverständniß
Die Väter, und ich gab davon Euch Nachricht,
Im Schreckensaugenblick, der ihren Streit 19
Erzeugt, und dessen Euch ertheilte Kunde
Sofort all' meine Hoffnungen zerstört.

Fluchwürd'ger Ehrgeiz, hassenswerther Wahnsinn,
Dess' Tyrannei die Edelsten beherrscht!
Du, strenge Ehre, meinem Glück so tödtlich,
Was kostest du mir Seufzer wol und Thränen!

Die Infantin. Du hast von ihrem Streite nichts zu fürchten,
Plötzlich entflammt, erlischt er plötzlich auch;
Zu großes Aufsehn macht er, muß sich schlichten,
Da ja der König sie versöhnen will.
Auch wird mein Mitgefühl, nur deinen Kummer
Zu stillen, selbst Unmögliches versuchen.

Chimene. Vermittlung fruchtet nichts in diesem Fall;
Beschimpfte Ehre ist nicht herzustellen;
Gewalt, wie Klugheit wirken hier umsonst;
Heilt man das Uebel, ist es nur zum Schein;
Der Haß, den innerlich die Herzen wahren,
Wird im Verborgnen glüh'nder nur genährt.

Die Infantin. Eint Don Rodrigo und Chimene erst
Ein heilig Band, stirbt wol der Haß der Väter,
Und man sieht Eurer Liebe Macht die Zwietracht
Bald durch ein schönes Eheglück ersticken.

Chimene. Das wünsch' ich, aber hoff' es kaum. Don Diego
Ist allzustolz und – meinen Vater kenn' ich!
Die lang' verhaltnen Thränen fühl' ich fließen –
Vergangnes quält und Künft'ges ängstigt mich.

Die Infantin. Was ängstigt dich? Die Ohnmacht eines Greises?

Chimene. Rodrigo hat viel Muth.

Die Infantin.                                   Er ist zu jung.

Chimene. Der Tapfre ist es schon beim ersten Streiche.

Die Infantin. Doch darfst du nicht zu sehr ihn fürchten, denn
Er liebt dich viel zu heiß, um dich zu kränken,
Und sprichst du nur zwei Worte, stirbt sein Zorn.

Chimene. Doch welche Qual, wenn er mir nicht gehorchte!
Und was würd' man, gehorcht er, von ihm sagen?
Darf solchen Schimpf wol Seinesgleichen dulden? 20
Folgt oder widersteht er seiner Glut –
Beschämt nur oder traurig kann ich über
Seinen Gehorsam – seine Weig'rung sein.

Die Infantin. Hochsinnig ist Chimene; selbst betheiligt
Duldet sie niedrige Gedanken nicht.
Doch, wenn ich bis zum Tage der Verständ'gung,
Deinen Geliebten als Gefang'nen wahrte,
Um seines Muthes Wirkung zu verhindern,
Füllte Besorgniß nicht dein liebend Herz?

Chimene. Ach, das beängstigt mich nicht mehr, Prinzessin!

 

Vierter Auftritt.

Die Infantin. Chimene. Leonore. Ein Edelknabe.

Die Infantin. Sucht Don Rodrigo auf und führt ihn her.

Der Edelknabe. Er und der Graf von Gormas

Chimene. Gott! Ich zittre!

Die Infantin. Sprecht!

Der Edelknabe. Sie verließen dieses Schloß zusammen.

Chimene. Allein?

Der Edelknabe. Allein, und leise streitend, schien es.

Chimene. Sie kämpfen sicher schon! Genug der Worte!
Verzeiht, Prinzessin, meine große Hast!

 

Fünfter Auftritt.

Die Infantin. Leonore.

Die Infantin. Ach, welche Seelenangst! Beweinen muß ich
Ihr Unglück ihr Geliebter ist mir theuer!
Hin ist die Ruh', die Liebe neu entflammt,
Das, was Rodrigo von Chimene scheidet,
Erweckt mir Hoffnung und zugleich auch Gram,
Und diese Trennung, die ich tief beklage,
Beut meinem Herzen doch geheime Lust!

Leonore. Erliegt die hohe Tugend Eurer Seele
So schnell der Glut, die Euch so tief erniedrigt?

Die Infantin. Erniedrigend nicht nenne sie, da jetzt
Siegreich und herrlich sie mich ganz beherrscht!
Gönn' Achtung ihr, da sie mir, ach! so theuer!
Kämpft gegen sie die Tugend auch doch hoff' ich, 21
Und mein für eitle Hoffnung offnes Herz
Fliegt dem zu, den Chimene ja verloren!

Leonore. So schwand denn Euer ehrenvoller Muth,
Und Nichts vermag die Stimme der Vernunft?

Die Infantin. Ach, wie geringe Wirkung übt Vernunft,
Wenn solch ein süßes Gift das Herz durchdrungen;
Und, da der Kranke seine Krankheit liebt,
Gibt er nur ungern zu, daß man ihn heile!

Leonore. Die Hoffnung lockt Euch; süß ist Euch dies Leiden.
Allein, unwürdig Eurer ist Rodrigo.

Die Infantin. Zu gut nur weiß ich das; doch, wankt die Tugend,
Hör', wie die Liebe einem Herzen schmeichelt,
Das sie beherrscht: kehrt aus dem Kampf Rodrigo
Als Sieger, schlug sein Muth den großen Krieger,
Darf ich mich freun kann ohne Scheu ihn lieben!
Was glückt ihm nicht, besiegt er diesen Grafen!
Ich wag' zu hoffen, daß ihm seine Thaten
Einst Königreiche unterwerfen; ja,
Schon zeigt mir diese Liebeshoffnung deutlich
Ihn auf dem Thron Granadas, wie ihm zitternd
Die unterjochten Mauren huldigen,
Und Arragonien seinen neuen Sieger
Empfängt; wie Portugal sich beugt sein Ruhm
Durch That und Sieg sich ausdehnt über Meere,
Und Afrikanerblut die Lorbeern tränkt.
Kurz, was von großen Helden man verkündet,
Erwart' nach diesem Sieg ich von Rodrigo,
Und werde stolz auf seine Liebe sein!

Leonore. Doch seht, wohin sein Arm es bringt, Prinzessin,
In Folge eines Kampfes, der noch fraglich.

Die Infantin. Rodrigo ist beleidigt durch den Grafen,
Zusammen gingen sie bedarf es mehr?

Leonore. Nun, schlagen sie sich denn, da Ihr's begehrt,
Doch geht so weit wie Ihr, wol auch Rodrigo?

Die Infantin. Was willst du? Thöricht bin ich, träume wachend!
Du siehst, welch Leid mir diese Liebe bringt. 22
Komm in mein Zimmer, meinen Gram zu lindern,
Und laß in meiner Angst mich nicht allein.

 

Sechster Auftritt.

Don Ferdinand. Don Arias. Don Sancho. Don Alonso.

Don Ferdinand. So eitel und so unklug ist der Graf,
Zu glauben, daß verzeihlich sein Verbrechen!

Don Arias. Ich sprach in Eurem Namen lang zu ihm,
That was ich konnte, Sire, jedoch vergebens.

Don Ferdinand. Himmel! So wenig Ehrfurcht und Bemühn
Mir zu gefallen, zeigt ein Unterthan!
Er kränkt Don Diego, schätzt gering den König,
Gibt mir an meinem eig'nen Hof Gesetze!
Wie tapfrer Krieger und wie großer Feldherr
Er sei ich werde solchen Hochmuth beugen!
Wär' er der Muth, der Gott der Schlachten selbst.
Sehn soll er, was es heißt nicht zu gehorchen.
Was dies Erfrechen auch verdient, ich wollte
Ihn sonder große Strenge erst behandeln,
Doch da er es mißbraucht, versichert seiner
Gleich heute Euch ob er sich sträubt, ob nicht.

 

Siebenter Auftritt.

Don Ferdinand. Don Sancho. Don Arias.

Don Sancho. Vielleicht ist er in Kurzem wen'ger störrisch;
Man holte ihn, vom Streite noch erhitzt.
Sire, in erster Wallung Glut ergibt sich
Ein tapfres Herz nur schwer. Daß er im Unrecht,
Sieht er wol selbst; doch solche stolze Seele
Gesteht so leicht nicht ihren Fehler ein.

Don Ferdinand. Schweigt, und vernehmt, Don Sancho, daß man strafbar
Sich macht, indem man ihn vertheid'gen will.

Don Sancho. Gehorsam schweig' ich; doch zwei Worte, Sire,
Zu Gunsten ihm, erlaubt!

Don Ferdinand. Was könnt Ihr sagen?

Don Sancho. Daß solch ein Herz, gewöhnt an große Thaten.
Zur Unterwürfigkeit sich nicht erniedrigt; 23
Und nicht begreift, wie man sich ohne Schmach
Verständ'gen kann dies Wort nur widerstand
Dem Grafen er fand solche Pflicht zu hart,
Und würd' Euch, hätt' er wen'ger Muth, gehorchen.
Befehlt ihm, daß sein Arm, erstarkt in Schlachten,
Gut mache mit den Waffen diesen Schimpf.
Er wird nicht zögern, und es komm' wer will,
Hier steht, bis er es wissen wird, sein Bürge!

Don Ferdinand. Ihr trotzt der Ehrfurcht, doch schenk' Euren Jahren
Ich Nachsicht, und verzeih' der Jugendhitze.
Ein König, welcher weise Zwecke hegt,
Ist sparsamer mit Unterthanenblut.
Ich wache für die meinen, schon' sie, wie
Das Haupt sorgt für die Glieder, die ihm dienstbar,
Drum gilt als Recht nicht mir, was Euch so scheint.
Ihr sprecht als Krieger, doch ich muß als König
Verfahren; was man sage, was er glaube,
Der Graf gehorch' mir, opfre seinen Ruhm.
Denn mich auch trifft der Schimpf, der den entehrte,
Den zum Erzieher meines Sohns ich machte.
Angreifen meine Wahl, heißt an mir freveln,
Und an dem Königthume sich vergehn.
Nichts mehr davon. Zehn Schiffe unsrer Feinde
Sah man die Flaggen aufziehn, und sie wagen
Sich gegen die Mündung des Flusses vor.

Don Arias. Ihr zwangt die Mauren, kennen Euch zu lernen.
So oft besiegt, fehlt ihnen wol der Muth,
An solchen Sieger nochmals sich zu wagen.

Don Ferdinand. Nie werden neidlos sie in Andalusien
Mein Scepter herrschen sehn, ihnen zum Trotz,
Und eifersücht'gen Blicks dies schöne Land,
Das sie zu lang besessen, stets betrachten.
Drum richtet' seit zehn Jahren in Sevilla
Castiliens Thron ich auf, um ihnen nah,
Gleich zu zerstören, was sie unternehmen.

Don Arias. Auf Kosten ihrer Köpfe lernten sie, 24
Wie Eure Nähe Eure Siege sichert.
Zu fürchten habt Ihr nichts.

Don Ferdinand. Noch zu versäumen.
Zu groß Vertraun zieht die Gefahr herbei!
Derselbe Feind, den man gedemüthigt,
Kann, nimmt er seine Zeit wahr, schädlich werden.
Doch wär' es Unrecht, in den Herzen Furcht
Durch unsichre Gerüchte zu erwecken;
Solch falscher Lärm erschreckt bei nah'nder Nacht
Die Stadt zu sehr. Verdoppeln laßt die Wachen
Im Hafen, auf den Mauern diesen Abend;
Das ist genügend.

 

Achter Auftritt.

Don Ferdinand. Don Sancho. Don Arias. Don Alonso.

Don Alonso. Sire, der Graf ist todt.
Durch seinen Sohn rächte den Schimpf Don Diego.

Don Ferdinand. Seit ich den Schimpf erfuhr, ahnt' ich die Rache,
Und strebte gleich dem Unglück vorzubeugen.

Don Alonso. Zu Euren Füßen bringt ihr Leid Chimene;
Weinend naht sie, Gerechtigkeit zu fordern.

Don Ferdinand. Wie tief ihr Gram auch meine Seele rührt,
Mir scheint, der Graf habe für seinen Frevel
Die so gerechte Züchtigung verdient.
Doch, wenn gerecht die Strafe auch, ich kann
Solch einen Feldherrn ungern nur verlieren.
Nachdem so lang' er meinem Staat gedient,
Für mich wol tausend Mal sein Blut vergossen,
Bleibt sein Verlust, wie mich sein Stolz berührt,
Ein harter Schlag. und mich betrübt sein Tod.

 

Neunter Auftritt.

Don Ferdinand. Don Diego. Chimene. Don Sancho.

Chimene. Sire! Gerechtigkeit!

Don Diego. Hört uns, o Sire!

Chimene. Seht mich im Staube!

Don Diego. Eure Knie umfaß ich! 25

Chimene. Ich fleh' um Recht!

Don Diego. Vernehmt, was mich vertheidigt!

Chimene. Straft eines kühnen Jünglings Uebermuth!
Er warf die Stütze Eures Thrones nieder,
Erschlug den Vater mir!

Don Diego. Er rächt' den seinen!

Chimene. Recht fordert Unterthanenblut vom König!

Don Diego. Gerechte Rache heischet keine Strafe.

Don Ferdinand. Steht Beide auf, und sprecht mit Ruhe. Theilen
Seht Eure tiefe Trauer mich, Chimene.
Mein Herz auch ist von gleichem Schmerz erfüllt.
Sprecht Ihr nachher; stört ihre Klagen nicht!

Chimene. Mein Vater, Herr, ist todt. Ich sah sein Blut
Sprudelnd aus seiner edlen Seite fließen;
Dies Blut, das Eure Mauern oft beschützt,
Dies Blut, das so viel Schlachten Euch gewonnen,
Dies Blut, das, hingeströmt, von Zorn noch rauchte,
Verspritzt sich seh'nd für Andre, statt für Euch,
Das selbst der Krieg nicht wagte zu vergießen,
Tränkt' durch Rodrigo Eures Hofes Boden;
Als Probestück raubt' sein unwürd'ger Frevel
Solch' feste Stütze Eurem Staate, nahm
Die Zuversicht so Euren besten Kriegern,
Und richtete des Feindes Hoffnung auf!
Ich flog zum Kampfplatz kraftlos bleich ich fand
Ihn leblos! O verzeiht dem Schmerze, Sire,
Mir fehlen für den traurigen Bericht
Die Worte mehr wol sagen Seufzer, Thränen!

Don Ferdinand. Muth, meine Tochter; wiss', daß jetzt dein König
Statt seiner dir als Vater dienen will.

Chimene. Dem Jammer folgt zu große Ehre, Sire
Ich fand ihn leblos, sagt' ich, seine Seite
Durchstochen, und, mich mächt'ger noch zu rühren,
Schrieb mir sein Blut im Staub vor meine Pflicht.
Laut sprach zu mir sein Muth in solchem Zustand
Durch seine Wunde rief zur Rache, lieh',
Der Könige Gerechtestem durch meinen 26
Betrübten Mund verständlich hier zu werden,
Sich meine Stimme! Sire, duldet nicht,
Daß wo Ihr herrscht, man solche Frechheit wage
Daß so die Tapfersten tollkühnen Streichen
Straflos sei'n ausgesetzt; verweg'ne Jugend
Besiege ihren Ruhm, in ihrem Blut
Sich bade und ihr Angedenken schmähe!
Ein Held, wie der, den man Euch nahm, erstickt,
Wenn nicht gerächt, für Euch den Diensteseifer,
Kurz, Rache will ich für des Vater's Tod,
Mehr Euretwegen, als für mich zur Lind'rung.
In ihm verlort Ihr Großes durch den Tod;
Rächt ihn durch eines Andern, Blut durch Blut!
Opfert für mich nicht doch für Eure Krone,
Für Eure Macht, für Euch und für das Wohl
Des Staates, sag' ich, opfert Alle, Sire,
Die solche Frevelthat mit Stolz erfüllt!

Don Ferdinand. Vertheidigt Euch, Don Diego!

Don Diego. Zu beneiden
Ist, wer das Leben mit der Kraft verliert,
Denn welch unselig Loos schafft tapfern Männern
An ihrer Laufbahn Schluß ein hohes Alter!
Ich, dessen langes Wirken voller Ruhm,
Ich, dem einst Sieg auf allen Schritten folgte,
Ich seh' mich heut, weil ich zu lang gelebt,
Beschimpft und überwunden! Was kein Kampf
Kein Sturm, kein Hinterhalt jemals vermochte,
Was Arragonien nicht, noch Granada,
Noch Eure Feinde oder meine Neider
Vermocht, erzielt an Eurem Hof der Graf,
Fast Euch vor Augen, nur aus Eifersucht
Ob Eurer Wahl, stolz auf den Vortheil, welchen
Ihm meines Alters Ohnmacht gönnte. Sire,
So stiegen dies im Helm gebleichte Haar,
Dies Blut, so oft in Eurem Dienst vergossen,
Der Arm, des Feindesheeres Schrecken einst,
Beschimpft ins Grab, lebt' mir kein Sohn, mein würdig,
Und würdig seines Landes, seines Königs.
Er lieh mir seine Hand, erstach den Grafen, 27
Stellt meine Ehre her, wusch ab die Schmach.
Wenn Muth, und Zorn zu zeigen, einen Schlag
Zu rächen, strafenswerth, so treffe mich
Der Wetterstrahl; man zücht'ge, weil der Arm
Gefehlt, das Haupt dafür. Ob es Verbrechen,
Ob nicht, weshalb wir streiten, ich, mein König,
Ich bin das Haupt er ist der Arm nur. Klagt,
Daß er den Vater ihr erschlug, Chimene
Er hätt' es nie gethan, wenn ich's gekonnt!
Nehmt drum dies Haupt, das bald ein Raub der Jahre,
Und wahrt den Arm Euch, der zum Dienst noch nützt;
Ja, stellt Chimene durch mein Blut zufrieden:
Ich widerstrebe nicht, duld' gern die Strafe,
Und, fern zu murren, ob zu strengem Spruch.
Sterb' klaglos ich, weil unentehrt ich sterbe.

Don Ferdinand. Sehr wichtig ist die Sache, und verdient,
Daß man im großen Rath sie wol erwäge.
Don Sancho, führt Chimene jetzt nach Hause!
Don Diego dien' mein Hof, so wie sein Wort
Als Haft. Man ruf den Sohn! Recht soll Euch werden!

Chimene. Gerecht ist's, König, daß ein Mörder stirbt!

Don Ferdinand. Besänft'ge deinen Schmerz, sei ruhig, Tochter.

Chimene. Mir Ruh' gebieten, heißt mein Unglück mehren!

 

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