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Pierre Corneille: Der Cid - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
authorPierre Corneille
yearca. 1890
translatorMalwine Gräfin Maltzan
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleDer Cid
pages59
created20120217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Chimene. Elvira.

Chimene. War dein Bericht wahrheitsgetreu, Elvira?
Verschweigst du Nichts mir, was mein Vater sprach?

Elvira. Ich bin noch ganz entzückt davon; er achtet
Rodrigo ebenso wie Ihr ihn liebt,
Und wird Euch, les' ich recht in seiner Seele,
Befehlen, daß Ihr dessen Flamme theilt.

Chimene. Sag' mir, ich bitte dich, zum zweiten Male,
Weshalb du meinst er bill'ge meine Wahl;
Künd' mir auf's neue was ich hoffen darf,
Nicht oft genug hört man so süße Worte;
Zu oft verheißen kannst du unsrer Liebe
Die süße Freiheit nicht an's Licht zu treten.
Was sagt er zur geheim bei dir versuchten
Bewerbung Don Rodrigo's und Don Sancho's?
Verrieth'st du nicht, daß ich, ungleich gesinnt
Den beiden Freiern, mich dem Einen neige?

Elvira. Nein, Euer Herz sei, sagt' ich ihm, so ruhig,
Daß Keiner hoffen, noch verzweifeln dürfe,
Daß, sie zu streng nicht, noch zu mild betrachtend,
Ihr bei des Gatten Wahl nur dem Befehl
Des Vaters harrt. Er war entzückt von dieser
Ehrfurcht und that mir's kund durch Wort und Miene.
Hört denn, da ich's Euch wiederholen soll,
Was er in Eil' von Euch und ihnen sagte:
»Sie hat ganz recht, denn ihrer werth sind Beide;
Beide, von edelm, tapferm, treuem Blut,
Sind jung, doch spricht aus ihren Augen deutlich
Der tapfern Ahnen glänzendes Verdienst, 6
Besonders Don Rodrigo's Antlitz zeigt
Durch jeden Zug das Abbild eines Helden,
Und einem Haus entsproß er, reich an Kriegern,
Daß gleichsam unter Lorbeern sie geboren;
Galt seines Vaters Tapferkeit, ohn' Gleichen
Zur Zeit da er bei Kraft, doch fast als Wunder,
Und jetzt noch künden, was er einstmals war,
Die Furchen seiner Stirn, die Thaten gruben.
Vom Sohn hoff' ich was ich vom Vater sah,
Kurz, mir gefällt es, liebt ihn meine Tochter.«
Darauf ging er zum Rath, die Stunde drängte,
Und schnitt die Rede, kaum begonnen, ab;
Doch schien es mir nach diesen wen'gen Worten,
Daß zwischen Euern Freiern er nicht schwankt.
Einen Erzieher muß für seinen Sohn
Der König wählen; ihn trifft wol die Ehre,
Und zweifelhaft kaum ist die Wahl; auch duldet
Nicht Mitbewerbung seine Tapferkeit.
Wie seine Thaten ohne Gleichen, findet
Sein Hoffen auch wol keinen Nebenbuhler;
Und da nun Don Rodrigo seinen Vater
Bestimmt, beim Heimweg aus dem Rath dem Euren
Die Sache vorzuschlagen, urtheilt, ob
Die Zeit er nützte, und Ihr hoffen dürfet.

Chimene. Und dennoch ist's, als weig're meine Seele
Der Freude sich, und sei dadurch bedrückt.
Des Schicksals Antlitz ändert sich oft plötzlich:
In großem Glück befürcht' ich großes Leid.

Elvira. Ihr werdet sehn, daß diese Furcht Euch täuschte.

Chimene. Laß uns, wie dem auch sei, des Ausgangs harren.

 

Zweiter Auftritt.

Die Infantin. Leonore. Ein Edelknabe.

Die Infantin. Geht zu Chimene, ihr zu sagen, daß
Sich ihr Besuch etwas zu lang verzögert,
Und meine Freundschaft ihrer Trägheit grollt. 7

 

Dritter Auftritt.

Die Infantin. Leonore.

Leonore. Derselbe Wunsch drängt täglich Euch, Prinzessin,
Und täglich, sprecht Ihr sie, hör' ich Euch fragen,
Wie es mit ihrer Liebe sich verhält.

Die Infantin. Nicht ohne Ursach. Zwang ich sie doch fast,
Ihr Herz dem Pfeil, der es verletzt, zu bieten.
Sie liebt Rodrigo – ich führt' ihn ihr zu,
Und ich auch brach Rodrigo's stolze Kälte.
Da ich das Liebesband also geknüpft,
Seh' ich das Liebesleid auch gern geendet.

Leonore. Doch trotz des günstigen Erfolg's, Prinzessin,
Zeigt Ihr die tiefste Traurigkeit. Erweckt
Die Liebe, welche dieses Paar beseligt,
Solch bittern Kummer Eurem großen Herzen?
Und macht der große Antheil, den Ihr nehmt,
Euch elend, da sie glücklich sind? Doch gehe
Ich wol zu weit und werde unbescheiden.

Die Infantin. Verheimlicht drückt verdoppelt mich mein Gram.
Vernimm, vernimm denn endlich, wie ich kämpfte:
Schilt meine Schwachheit, lobe meine Tugend!
Der Liebe Tyrannei verschont kein Herz:
Den Ritter, dessen Liebe ich verschenkte –
Lieb' ich.

Leonore.         Ihr liebt ihn!

Die Infantin.                         Fühle, wie mein Herz
Bei seines Siegers Namen klopft, und bebend
Ihn anerkennt!

Leonore.                 Verzeiht, Prinzessin, wenn
Ich sonder Schonung diese Liebe tadle.
Wie! Diesen Ritter zum Geliebten wählen!
So weit vergißt sich eine große Fürstin!
Was würd' Castilien, was der König sagen?
Bedenkt Ihr auch wol, wessen Kind Ihr seid?

Die Infantin. Ja, ich bedenk' es, und würd' ehr mein Blut
Vergießen, als verläugnen meinen Rang.
Wol könnt' ich dir entgegnen, schönen Seelen 8
Weckt nur Verdienst mit Recht der Liebe Glut;
Und suchte mein Gefühl Entschuld'gung, dienten
Tausend bewährte Beispiele dazu:
Doch folg' ich solchen nicht, gilt es die Ehre.
Wie stark die Liebe – stärker ist mein Muth.
Lehrt edler Stolz mir doch, der Königstochter
Ist Jeder unwerth, der kein Herrscher ist.
Als ich mein Herz zu schwach fand zur Vertheid'gung,
Verschenkt ich selbst, was ich nicht wagt' zu nehmen,
Und knüpfte, statt an mich, ihn an Chimene:
Zu dämpfen meine Glut, schürt' ich die ihre.
Drum staune nicht, daß mein gequältes Herz
Voll Ungeduld ihrer Vermählung harret;
Du siehst ja, meine Ruh' hängt davon ab.
Lebt von der Hoffnung Liebe, stirbt mit ihr sie,
Ein Feuer, das, fehlt Nahrung ihm, erlischt.
Und – ob auch hart mein Loos – gehört Rodrigo
Chimenen erst auf ewig als Gemahl,
Ist todt die Hoffnung und mein Herz genesen.
Doch leid' ich namenlose Qual, denn ach!
Bis er vermählt, ist mir Rodrigo theuer:
Ich streb' ihn zu verlieren und verliere
Ihn ungern – das ist mein geheimer Gram.
Verzweifelnd seh' ich, daß mich diese Liebe
Nach dem zu seufzen zwingt, was ich verschmähe!
Getheilt ist meine Seele in zwei Hälften –
Wie stolz mein Muth – doch glüht mein Herz. Ich fürchte
Und wünsche den für mich unsel'gen Bund –
Ich hoff' darauf – doch mit getheilter Freude,
Und weil mir Lieb' und Ehre theuer, muß
Ich sterben – ob er sich vollzieh' – ob nicht!

Leonore. Darauf, Prinzessin, hab' ich nichts zu sagen,
Als, ich beseufze mit Euch Euer Leid,
Erst tadelte, doch jetzt beklag' ich Euch.
Allein, da in so schmerzlich süßem Wehe
Die Tugend seinen Reiz und seine Macht
Bekämpft, dem Sturme wie dem Zauber trotzet,
Gibt sie Euch endlich wol die Ruh' zurück.
Vertraut ihr und der Zeit, hofft auf den Himmel, 9
Der zu gerecht ist, als daß er die Tugend
So herbe Martern lange dulden läßt.

Die Infantin. Mein liebstes Hoffen ist, Nichts mehr zu hoffen.

 

Vierter Auftritt.

Die Infantin. Leonore. Ein Edelknabe.

Der Edelknabe. Chimene ist, wie Ihr befahlt, erschienen.

Die Infantin (zu Leonore).
Geht, in der Galerie sie zu begrüßen.

Leonore. Und Ihr wollt hier in Träumerei verharren?

Die Infantin. Nein, nein, ich will mich mühn, trotz meines Kummers,
Ein wenig meine Miene zu erheitern;
Dann folg' ich Euch.

 

Fünfter Auftritt.

Die Infantin.                     O Himmel! Du, von dem
Ich Heilung hoffe, setze meinen Qualen
Ein Ziel! Wahr' meine Ruh', wahr' meine Ehre!
In Andrer Glück erblüh' fortan mein Glück.
Gleich wichtig für uns Drei ist die Vermählung;
Laß sie beschleun'gen – oder mach mich stärker!
Dies Paar vereinen durch der Ehe Band,
Heißt mich erlösen, meine Marter enden.
Doch säum' ich allzulang' wol; fort, Chimene
Zu sprechen und die Pein dadurch zu lindern!

 

Sechster Auftritt.

Der Graf. Don Diego.

Der Graf. Genug, Ihr siegtet, und des Königs Gunst
Erhebt zum Rang Euch, welcher mir gebührte,
Zum Hofmeister des Prinzen von Castilien.

Don Diego. Die meinem Haus erwies'ne Ehre zeigt
Der Welt, daß er gerecht ist und verkündet
Wie frühre Dienste er zu lohnen weiß.

Der Graf. Wie groß die Könige auch sind, sie können
So gut wie wir und alle Andren irren;
Denn diese Wahl beweist dem Hofe, daß 10
Sie gegenwärt'ge Dienste schlecht bezahlen.

Don Diego. Nichts mehr von einer Wahl, die Euch verdrießt,
Ob sie durch Gunst bestimmt, ob durch Verdienste,
Man schuldet doch der höchsten Macht die Achtung
Nicht zu bekritteln, was ein König will.
Fügt zu der Ehre, die er mir erzeigt,
Noch eine andre: eint mein Haus dem Euren
Durch heil'ges Band! Rodrigo liebt Chimene;
Sie, dess' so werth, ist seiner Wünsche Ziel.
Drum willigt ein, Herr Graf, nehmt ihn zum Eidam!

Der Graf. Gebührt der höchste Anspruch doch Rodrigo,
Und Eurer neuen Würde Glanz muß ja
Sein Herz von anderm Stolze schwellen machen.
Uebt Euer Amt, Herr, unterweist den Prinzen;
Zeigt ihm, wie man Provinzen muß beherrschen;
Wie man die Völker ringsum zittern macht;
Den Guten Liebe, Furcht den Bösen wecket.
Dazu fügt eines Feldherrn Tugenden:
Lehrt ihm, wie man Beschwerden trägt, im Handwerk
Der Waffen unerreichbar wird; wie man
Zu Pferde aushält Tag und Nacht; gerüstet
Kann schlafen, wie man Festungen erstürmt,
Und in der Schlacht sich selbst den Sieg verdanket.
Bekehrt durch Euer Beispiel ihn, und trachtet
Zu thun vor seinen Augen was Ihr lehrt.

Don Diego. Durch Beispiel, trotz dem Neid, sich zu belehren,
Les' den Bericht er meines Lebens; sehe
Aus langer Schild'rung schöner Handlungen,
Wie man die Völker unterwirft, ein Heer
Befehligt, Festungen angreift, und sich
Durch Heldenthaten seinen Ruhm begründet.

Der Graf. Weit größer ist lebend'gen Beispiels Macht.
Ein Fürst lernt schlecht aus Büchern seine Pflichten;
Und was denn that der Jahre hohe Zahl,
Dem nicht Eins meiner Tagewerke gleichkommt?
Wart Ihr einst tapfer, so bin ich es heut,
Und dieser Arm ist jetzt des Reiches Stütze.
Granada bebt, wie Arragonien, blitzet 11
Dies Schwert; Castilien dient als Wall mein Name;
Bald – ohne mich – gehorchtet Fremden Ihr,
Und sähet Eure Feinde hier als Herrscher!
Täglich, ja augenblicklich wächst mein Ruhm,
Lorbeer auf Lorbeern, Sieg auf Siege häufend.
Der Prinz würd', mir zur Seite, seinen Muth,
Von mir beschützt, erproben in der Schlacht;
Mich siegen sehend, würd' er siegen lernen.
Und seinem hohen Sinn flugs zu entsprechen,
Seh' er –

Don Diego.     Ich weiß, Ihr dient dem König trefflich;
Ihr kämpftet und befahlt ja unter mir,
Und nun das Alter Eis in meine Adern
Geflößt, ersetzt mich Eure Tapferkeit.
Kurz, überflüss'ge Worte zu ersparen,
Ihr seid heut, was ich ehmals war; allein
Ihr seht, in diesem Falle weiß ein König
Wol Unterschied zu machen zwischen uns.

Der Graf. Was ich verdiente, truget Ihr davon.

Don Diego. Der, den man vorzog, mußt es mehr verdienen.

Der Graf. Der Fähigste ist auch der Würdigste.

Don Diego. Dann ist Zurückweisung kein gutes Zeichen.

Der Graf. Ihr habt als alter Hofmann drum geworben.

Don Diego. Fürsprecher war nur meiner Thaten Glanz.

Der Graf. Sagt, daß der König Euer Alter ehrte!

Don Diego. Als Maßstab nahm dabei den Muth der König.

Der Graf. Deshalb ziemt diese Ehre meinem Arm.

Don Diego. Wem sie versagt ward, hat sie nicht verdient.

Der Graf. Wie? Nicht verdient? Ich?

Don Diego.                                           Ihr.

Der Graf.                                                     Hab' deine Kühnheit
Denn ihren Lohn, du unverschämter Greis.

                    (Er gibt ihm einen Backenstreich.)

Don Diego (zum Schwert greifend).
Vollende! Tödte mich nach diesem Schimpfe,
Dem ersten, ob den muß mein Stamm erröthen!

Der Graf. Was denkst du, schwacher Alter, zu beginnen? 12

Don Diego. Gott! Alle Kraft verläßt mich in der Noth?

Der Graf. Dein Schwert ist mein! Doch macht es dich nur eitel,
Trüg' meine Hand solch schmachvoll Siegeszeichen.
Leb wohl! Laß die Geschichte deines Lebens,
Dem Neid zum Trotz, den Prinzen lesen, sich
Zu unterrichten! Nicht geringe Zier
Verleiht ihr wol der frechen Rede Zücht'gung!

 

Siebenter Auftritt.

Don Diego. O Wuth! Verzweiflung! O du feindlich Alter!
Lebt' ich so lange nur, beschimpft zu sein?
Und bleichten Schlachtenmühn mein Haar nur, daß ich
An Einem Tag' seh' so viel Lorbeern welken?
Mein Arm, den Spanien voll Bewund'rung ehrt,
Mein Arm, der dieses Reich so oft gerettet,
So oft befestigt seines Königs Thron,
Verrieth mich, that Nichts für mich selbst! o grausam
Ist die Erinnerung an meinen Ruhm!
So vieler Jahre Werk an Einem Tage
Zerstört! Du für mein Glück unsel'ger Rang,
Abgrund, der meiner Ehre Glanz verschlungen,
Soll ich den Grafen dein sich freuen sehn?
Ohn' Rache sterben oder schmachvoll leben?
Sei denn Erzieher meines Prinzen, Graf!
Solch hohe Würde ziemt nicht dem Entehrten;
Dein Neid wußt' ihrer unwerth mich zu machen,
Des Königs Wahl zum Trotz, durch diesen Schimpf,
Und, meiner Heldenthaten glorreich Werkzeug,
Nutzlose Zier des eiserstarrten Körpers,
Stahl, einst so furchtbar, der in dieser Schmach
Mir nur als Schmuck, nicht zur Vertheid'gung diente,
Fort vom Elendesten der Sterblichen!
In bess're Hand geh' über mich zu rächen!

 

Achter Auftritt.

Don Diego. Don Rodrigo.

Diego. Rodrigo! Hast du Muth?

Don Rodrigo.                               Ein Andrer wie
Mein Vater, säh' gleich Proben! 13

Diego.                                                   Schöne Wallung!
Süß meinem Schmerz ist diese Heftigkeit.
Solch edler Zorn läßt mich mein Blut erkennen;
In dieser Glut lebt meine Jugend auf.
Mein Sohn! Mein Blut! Auf! Tilge meine Schande!
Auf! Räche mich!

Don Rodrigo.              Wofür?

Diego.                                        Für einen Schimpf,
Der tödtlich ist für unser Beider Ehre,
Für einen Backenstreich! Er mußte sterben,
Der Freche! Doch das Alter trog mein Wollen,
Und diesen Stahl, für den mein Arm zu schwach,
Geb' deinem ich, zu rächen und zu strafen.
Erprob' an einem Stolzen deinen Muth;
Mit Blut allein wäscht solchen Schimpf man ab.
Stirb oder tödte! Ohne Schmeichelei,
Ich geb' dir einen fürchterlichen Gegner.
Ich sah ihn, blutbedeckt, im Schlachtgewühl
Sich einen Wall von tausend Todten bilden.

Don Rodrigo. Sein Name! Zeitverlust sind leere Worte!

Don Diego. Noch mehr: es ist der tapferste der Krieger
Nicht nur, der Feldherrn größter nicht allein;
Es ist –

Don Rodrigo. Vollendet! Wer?

Don Diego.                                 Chimenens Vater.

Don Rodrigo. Er –

Don Diego.               Schweig! Ich kenne deine Liebe. Doch,
Unwerth des Lichts ist, wer entehrt kann leben.
Je theurer der Beleid'ger, um so schwerer
Ist die Beleidigung. Du kennst den Schimpf,
Dein ist die Rache. Nichts mehr sag' ich. Räch' mich!
Räch' dich! Zeig', würd'ger Sohn, dich eines Vaters,
Wie ich es bin! Gebeugt vom Unglück geh' ich,
Es zu beweinen. Fort! Eil' uns zu rächen!

 

Neunter Auftritt.

Don Rodrigo. Ich steh' erstarrt, ins tiefste Herz
Von unverhofftem bittern Weh betroffen,
Elender Rächer so gerechter Sache, 14
So ungerechter Härte Gegenstand;
Und es erliegt die schmerzensmatte Seele
Dem tödtlich schweren Schlage.
So nah war ich mein Glück gekrönt zu sehn!
O Gott, welch herbes Leiden!
Schimpflich gekränkt mein Vater – und es ist
Dein Vater, der ihn so gekränkt, Chimene!

In meinem Innern – welcher Kampf!
Die Liebe wird zum Gegner meiner Ehre,
Den Vater muß ich rächen, die Geliebte
Verlieren! Er schürt meinen Muth, und sie
Hält meinen Arm. Verrath an meiner Liebe
Oder ein ehrlos Leben
Bleibt mir zur Wahl – und beides trag ich nicht!

O Gott, welch herbes Leiden!
Soll ungestraft den Schimpf ich lassen? Soll
Ich deinen Vater strafen, o Chimene?
Pflicht, hart und edel, holder Zwang!
O Vater! O Geliebte! Ehre! Liebe!
Todt alle Freuden – oder hin die Ehre –
Elend macht diesjenes unwerth des Lichts!
Grausame, theure Hoffnung meiner Seele
Voll Muth, doch auch entflammt von Liebe,
Du meines höchsten Glückes würd'ger Feind,
Stahl, Ursach meiner Leiden,
Gab, daß die Ehr' ich räche, man dich mir?
Oder daß mir durch dich geraubt Chimene?

Ehr ziemt es in den Tod zu gehn.
Ich schuld' es der Geliebten, wie dem Vater.
Ihr Haß, ihr Zorn trifft mich, wenn ich mich räche –
Verachten muß sie mich, räch' ich mich nicht!
Eins macht mich treulos meiner liebsten Hoffnung,
Ihrer unwerth das Andre!
Mein Leiden wächst, da ich es heilen will;
Alles vermehrt die Qualen!
Auf meine Seele! Da ich sterben muß,
Sterb so ich, daß du nicht gekränkt, Chimene!

Sterben, bevor ich mich gerächt!
Solch Ende, tödtlich meiner Ehre, suchen? 15
Dulden, daß Spanien mein Gedächtniß schmähe,
Weil meines Hauses Ruhm ich schlecht gewahrt?
Für eine Liebe, welche meine Seele
Doch als verloren muß betrachten!
Hinweg Gedanke, der mich schmeichelnd lockt,
Doch meinen Gram nur nährt!
Auf! Auf mein Arm! Rett' mindestens die Ehre,
Da ich dich doch verlieren muß, Chimene!

Ja, meine Seele war verirrt:
Dem Vater schuld' ich mehr wie der Geliebten,
Und, ob im Kampfe, ob aus Gram ich sterbe,
Rein wie ich es empfing fließ hin mein Blut!
Schon schelt' ich mich, daß ich zu träg gewesen.

Zur Rache! Auf! Zur Rache!
Und, tief beschämt, daß ich also geschwankt,
Mach' es mir keine Sorge,
Daß, da mein Vater heut so schwer gekränkt,
Der ihn gekränkt dein Vater ist, Chimene!

 

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