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Der Cicerone

Jacob Burckhardt: Der Cicerone - Kapitel 61
Quellenangabe
typetravelguide
booktitleDer Cicerone
authorJacob Burckhardt
year1986
publisherAlfred Kröner Verlag
addressStuttgart
isbn3-520-13404-7
titleDer Cicerone
pagesI-XIV
created20040114
sendergerd.bouillon
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Von der augenschädlichen Prüfung der italienischen Glasgemälde möchte ich am liebsten ganz abraten, damit die Sehkraft für die Fresken ungeschwächt bleibe. Weil aber eine ganz ansehnliche Menge bedeutender Werke dieser Art vorhanden ist, so darf ich sie nicht völlig übergehen. Besondere Studien möge man hier nicht erwarten.

Die Glasmalerei mag in Italien während des ganzen spätern Mittelalters hier und da geübt worden sein, allein im großen ist sie doch erst mit dem gotischen Baustil vom Norden her eingedrungen. Ich entsinne mich keines Glasgemäldes von romanischem Stil. Noch ganz spät sind es transalpinische oder doch im Norden gebildete Künstler, welche mehrere der bedeutendsten Werke ausführen.

Wie vieles von den Glasgemälden des Domes von Mailand noch der Erbauungszeit angehört, weiß ich nicht anzugeben; die der großen Chorfenster sind modern; die der Südseite, welche noch bei den Ereignissen von 1848 Schaden litten, werden einer Restauration unterliegen müssen. – Für das große Chorfenster in S. Domenico zu Perugia (1411) wird ein gewisser Fra Bartolommeo namhaft gemacht; eine Reihe Geschichten und vier Reihen Heilige, von ziemlich allgemeinem Stil. Von einem in Lübeck erzogenen Toskaner, dem Francesco di Livi aus Gambassi (bei Volterra) rührt ein großer Teil der Glasmalereien im Dom von Florenz her (seit 1436) ; die meisten aber werden dem berühmten Erzgießer Lorenzo Ghiberti zugeschrieben, so namentlich die der drei vordern Rundfenster. Weder die einen noch die andern machen irgendeinen bedeutenden, zwingenden Eindruck. Viel eigentümlicher ist die Kreuzabnahme im vordern Rundfenster von S. Croce, angeblich ebenfalls von Ghiberti.

Ein höheres Interesse gewinnen die Glasgemälde erst von der Zeit an, da der große italienische Realismus des 15. Jahrhunderts auch sie durchdringt; fortan unterscheiden sie sich von den gleichzeitigen nordischen nicht nur durch den Stil der Zeichnung und Auffassung, sondern auch indem sie freier den dekorativen Zwecken dienen und zugleich viel mehr eigentliche Gemälde von abgeschlossener Bedeutung sein wollen als im Norden.

Aus deutschem und italienischem Realismus mischte sich der Stil des seligen Prediger-Laienbruders Jacob von Ulm (1407–1491), welcher in S. Petronio zu Bologna das prächtige Fenster der vierten Kapelle rechts verfertigte (und vielleicht auch dasjenige der vierten Kapelle links unter seiner Leitung entstehen sah). Von den übrigen Fenstern dieser Kirche ist dasjenige der siebenten Kapelle links (Cap. Bacciocchi) vorzüglich schön nach dem energischen Entwurf des Lorenzo Costa gearbeitet; von ähnlichem Stil das der fünften Kapelle links. Für dasjenige der neunten Kapelle rechts nimmt man einen Entwurf Michelangelos an; die Motive der einzelnen Heiligen erinnern aber ganz direkt an Bandinellis Relieffiguren der Florentiner Chorschranken (S. 643, c) ; die Ausführung sehr reichfarbig für diese späte Zeit. – Von Costa rührt in Bologna wohl ohne Zweifel auch das Rundfenster von S. Giovanni in monte her. (Johannes auf Pathmos; die Nebenfenster geringer.) – In S. Giovanni e Paolo zu Venedig gilt das große Fenster des rechten Querschiffes als Komposition des Bartol. Vivarini, ich weiß nicht mit welcher Sicherheit. (Die Inschrift ist modern; die obere Figurenreihe eher von Vivarinis Stil als die untere.)

In Florenz ist das große Chorfenster von S. Maria novella, von Alessandro Fiorentino (etwa Sandro Botticelli?), aus dem Jahr 1491, nur von mittlerem Werte; dagegen kann das Glasgemälde der nächst anstoßenden Kapelle Strozzi das beste von Florenz heißen; es scheint mitsamt den Fresken von Filippino Lippi komponiert. – Einige gute kleinere Arbeiten auch in S. Spirito, in der Cap. de' Pazzi bei S. Croce, in S. Francesco al monte, in S. Lorenzo usw., von einem kenntlichen gemeinsamen Typus, welcher die Komposition eines Florentiners und die Ausführung eines Nordländers zu verraten scheint.

Lucca besitzt in den herrlichen Chorfenstern des Domes vielleicht das Beste dieser ganzen Richtung; sie erinnern am meisten an die Fenster der Kapelle Strozzi. Auch die übrigen Glasgemälde dieses Domes sind von den bessern. – In S. Paolino einiges Gute in der Art der oben (Seite 810: f, g) genannten, etwa um das Jahr 1530. – Im Baptisterium bei S. Giovanni das Rundfenster mit der Gestalt des Täufers, erst vom Jahre 1572.

In Arezzo sind die schönen Glasgemälde der Annunziata noch aus dem 15. Jahrhundert; im Dom aber begegnet man dem namhaftesten Glasmaler der raffaelischen Zeit, Wilhelm von Marseille. Es ist derselbe, welcher zu Rom die beiden Seitenfenster des Chores von S. M. del popolo mit Geschichten Christi und der Maria schmückte, – damals, unter Julius II., wahrscheinlich nach Kompositionen eines tüchtigen umbrischen Meisters. Später, im Dom von Arezzo mag er andern Vorlagen oder seiner eigenen Erfindung gefolgt sein; genug, sein Stil ist hier im ganzen derselbe, welcher die damals in Italien arbeitenden Niederländer charakterisiert. Die Grenzen der Gattung, welche sich möglichst einer architektonischen Ruhe zu befleißigen hat – nicht nur um nicht mit dem Stabwerk gotischer Fenster zu kollidieren, sondern um nicht zu ihrer ungeheuren Farbengewalt noch andre verwirrende Eindrücke zu häufen – diese Grenzen sind hier, wie so oft in der Glasmalerei des 16. Jahrhunderts völlig verkannt; es sind Gemälde auf Glas übertragenIm mittlern Fenster der Fassade der Anima zu Rom soll noch eine Madonna von Wilhelm vorhanden sein. .

Im Dom von Siena ist das Glasgemälde des großen vordern Rundfensters – ein Abendmahl – von Pastorino Miccheli 1549 nach einer etwas manierierten und wiederum für diese Gattung wenig passenden Komposition des Perin del Vaga ausgeführt.

Im Grunde paßte die ganze Gattung von jeher sehr wenig zu dem überwiegenden Interesse, welches in Italien der kirchlichen Fresko- und Tafelmalerei zugewandt war; sie hat auch in der Regel den Charakter einer Luxuszutat. – In den oben (S. 273) erwähnten Fenstern, die dem Giovanni da Udine zugeschrieben werden, handelt es sich endlich nur um Arabesken, welche den dekorativen Eindruck eines Raumes zu vervollständigen bestimmt sind.

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